Diethelm Reiner Kaminski

Verstöße

„Kinderarbeit ist doch verboten, oder?“, fragte Ole.

„Schon lange. Vor 150 Jahren hatten Kinder es oft verdammt schwer. Sie mussten 14 Stunden und mehr in Fabriken oder Bergwerken arbeiten. Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Die heutigen Kinder haben es viel viel besser.“

„Wir haben es gar nicht besser“, sagte Ole.

„So?“, staunte Großvater. „Da bin ich aber gespannt.“

„Wir müssen nämlich immer abwaschen und abtrocknen“, sagte Irmi.

„Und unser Kinderzimmer aufräumen, auch wenn wir gar keine Lust haben oder gerade spielen wollen“, sagte Ole.

„Und wir sollen Mami heute beim Einwecken helfen: Bohnen schnippeln und Johannisbeeren abstrippen“, sagte Irmi.

„Aber Kinder, das ist doch keine Arbeit, das ist das reinste Vergnügen. Ihr wohnt doch schließlich hier, und essen wollt ihr bestimmt auch“, versuchte Großvater die Argumente Oles und Irmis zu entkräften.

„Aber nicht freiwillig“, sagte Ole.

„Wir sind hier geboren, aber uns hat niemand gefragt“, sagte Irmi.

„Das wird ja immer schlimmer, dann seid ihr ja sogar Zwangsarbeiter. Zwangsarbeit ist streng verboten. Noch viel strenger als Kinderarbeit. Dagegen müssen wir etwas unternehmen. Ganz schnell. Am besten sofort. Solche Verstöße gegen die menschlichen Grundrechte kann ich als euer Großvater nicht dulden“, wetterte Großvater los.

Ole und Irmi strahlten, weil sie einen Verbündeten gefunden hatte, der ihre Klagen verstand und Abhilfe schaffen wollte.

„Und was sollen wir machen?“, fragte Irmi.

„Ihr müsst dieses Arbeitshaus, diese Sklavenanstalt sofort verlassen“, sagte Großvater.

„Und wohin sollen wir gehen?“, fragte Ole.

„Das ist im Augenblick nicht so wichtig“, sagte Großvater, „Hauptsache weg. Alles andere wird sich finden.“

„Was wird sich finden?“, fragte Irmi.

„Z.B. etwas Essbares in den Papierkörben, ein angebissenes Brötchen oder eine vergammelte Tomate, und eine freie Bank im Park, auf der ihr schlafen könnt“, sagte Großvater.

„Und Mami und Papi?“, fragten Ole und Irmi.

„Was ist mit denen? Vor denen wolltet ihr doch eben nichts mehr wissen, weil sie Kinderarbeit zulassen und euch zur Arbeit zwingen, statt euch spielen zu lassen. Die könnt ihr vergessen. Ihr braucht sie nicht mehr, wenn ihr bald für euch selber sorgt“, sagte Großvater.

„Vielleicht ist Abwaschen und Einwecken doch keine Kinderarbeit“, fiel Irmi plötzlich ein.

„Sondern?“, fragte Großvater.

„Familienarbeit. Weil Mami und Papi nämlich auch helfen beim Abwaschen und Einwecken“, sagte Irmi.

„Auch beim Aufräumen des Kinderzimmers?“, hakte Großvater nach.

„Nein, das hat Mami alleine aufgeräumt, weil wir zu spät vom Spielen kamen“, bekannte Ole.

„Wisst ihr, was Zwangsarbeit ist?“, beendete Großvater die Kinderrechtediskussion. „Echte harte Zwangsarbeit? Euch Rasselbande abends ins Bett zu kriegen. Ihr zwingt mich regelrecht, das Licht auszumachen, obwohl ich lieber euer Zimmer aufräumen möchte. Gute Nacht.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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