Diethelm Reiner Kaminski

Jahreszeitenwechsel

„Wenn es einen Frühling gibt, warum gibt es dann nicht auch einen Spätling?“, fragte Janine.

„Du meinst den Herbst? Da hast du gar nicht so unrecht. Bei unseren Jahreszeiten herrscht sprachlich ein ziemliches Durcheinander, da kann man aber nichts dran ändern, die heißen nun mal so“, antwortete Janines Vater.

„Kann man wohl. Wir könnten doch zum Herbst ‚Spätling“ sagen. Mir gefällt das Wort viel besser als ‚Herbst“. Bei ‚Herbst‘ muss ich immer an Erbsen denken. Und ich mag doch keine Erbsen.“

„Da bleiben aber noch der Winter und der Sommer. Denen müssten wir dann auch neue Namen verpassen“, wandte Janines Vater ein.

„O ja, das wäre toll. Wir können doch den Winter ‚Schneeling“ nennen.“

„Aber Schnee gibt es doch kaum noch. Dann passt der Name auch nicht.“

„Aber Frost gibt es.“

„Nun gut, dann taufen wir den Winter eben ‚Frostling‘. Das passt auf jeden Fall. Und was ist mit dem Sommer?“

„‘Heißling‘?“, schlug Janine vor.

„Ich weiß nicht so recht. Manchmal ist der Sommer bei uns alles andere als heiß.“

„Dann eben ‚Wärmling‘. Auf jeden Fall ist der Sommer wärmer als der Spätling und der Frostling. Fein, dann hätten wir also, wenn du einverstanden bist, zukünftig die folgenden vier Jahreszeiten: Frühling, Wärmling, Spätling und Frostling.“

Als Janine ein paar Tage danach aus der Schule heimkam, sah man es ihr schon an der Nasenspitze an, dass sie schlechte Laune hatte.

„Ist was?“, fragte ihr Vater. „Du siehst nicht gerade vergnügt aus.“

„Frau Schönhals war heute so gemein zu mir. Richtig hinterhältig.“

„Und warum? Was ist vorgefallen?“

„Wir sollten die vier Jahreszeiten nennen. Und ich habe mich gemeldet und bin auch drangekommen.“

„Na und? Du kanntest die Jahreszeiten schon mit fünf.“

„Ich habe aber nicht die alten, sondern unsere neuen Jahreszeiten aufgezählt.“

Janines Vater, der die Umbenennungen längst vergessen hatte, fragte erstaunt: „Neue Jahreszeiten?“

„Ja, Wärmling, Spätling und Frostling. Und da hat mich die ganze Klasse ausgelacht, und Frau Schönhals hat gefragt, ob ich mir einen dummen Scherz mit ihr erlauben wollte.“

„Altmodische Tante. Sie hätte dich doch wenigstens dafür loben können, dass dir so tolle Wörter eingefallen sind, unter denen sich jeder gleich was vorstellen kann.“

„Und jetzt muss ich zur Strafe die Jahreszeiten 25 Mal aufschreiben.“

„Die alten oder die neuen?“

„Das hat sie nicht gesagt. Und welche soll ich jetzt?“

„Die neuen natürlich.“

„Und wenn Frau Schönhals wieder schimpft?“

„Dann sagst du, du hast dich so an die neuen gewöhnt, dass du die alten schon vergessen hast.“

„Nun, war Frau Schönhals wieder sauer auf dich?“, fragte Janines Vater am nächsten Tag.

„Richtig sauer nicht. Sie hat nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: ‚Ich hab noch einmal darüber nachgedacht. Vielleicht gehöre ich ja zu den Spätlingen und du bist deiner Zeit weit voraus.‘“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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