Irene Beddies

Muss ich jetzt sterben?

Muss ich jetzt sterben?

 

Das scharfe Messer, das Greta immer zum Brotschneiden benutzte, lag auf dem Arbeitsbrett. Daneben lag die Tüte mit den Brötchen. Es duftete lecker nach den frischen Morgenköstlichkeiten.

Greta war in den Keller gegangen, um ein neues Glas Himbeermarmelade zu holen. Berta konnte
kaum mehr das Frühstück mit Mama, das jeden Morgen ein Ritual war, bevor sie in den Kindergarten ging, erwarten. Wo blieb Mama so lange? Ein Glas Marmelade zu holen, konnte doch keine Ewigkeit dauern. Oben an der Kellertreppe rief sie deshalb: „Mama, wo bleibst du?“ „Ich komme gleich, mir ist hier etwas heruntergefallen. Ich muss erst die Scherben aufsammeln. Stell doch schon mal Butter und den runden Käse auf den Tisch, dann geht es schneller mit dem Frühstück.“ „Ist gut, mach ich.“

Berta holte die Sachen aus dem Kühlschrank, legte auch noch das Päckchen Schinken dazu.
Als Greta nicht gleich erschien, kam Berta eine großartige Idee: Sie könnte schon mal die Brötchen aufschneiden.

Das große Messer anzufassen, hatte ihr Mama schon hunderte Male verboten. Berta beguckte es ehrfürchtig und ließ es liegen. Aber in der Schublade gab es kleine Messer, die Mama zum Kartoffelschälen und Äpfel-Zerteilen brauchte. Das musste doch auch gehen. Die waren sicher nicht so gefährlich. Außerdem hatte sie damit schon öfter Gurkenscheiben abschneiden dürfen.
Berta nahm ein Brötchen in die Hand und stieß seitlich das Küchenmesser hinein. Dann versuchte sie, das Gebäck weiter aufzuschlitzen. Das ging eigentlich ganz leicht. Nur an der letzten Ecke gab es einen Widerstand. Energisch zog sie das Messer mit einem Ruck weiter. Das Brötchen war zerteilt, Mama würde sich freuen.

Da bemerkte Berta plötzlich einen Schmerz am Daumen. Als sie nachguckte, was das wohl war, rann ihr das Blut schon weit über die Hand. O Schreck!
Bevor sie weinen konnte, wurde es Berta erst grau, dann schwarz vor Augen.

Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie auf dem Sofa im Wohnzimmer. Um ihre Hand war ein Küchenhandtuch gewickelt, das große Blutflecken aufwies. Mama telefonierte aufgeregt.
Als sie aufgelegt hatte, sah sie sehr besorgt aus. „Kind, Kind, was hast du dir dabei gedacht?“
„Ich wollte dir helfen. Ich weiß nicht, wie Blut an meine Hand gekommen ist.“
„Du hast dich sehr tief geschnitten. Wir müssen in die Notaufnahme im Krankenhaus. Da werden sie den Schnitt sicher nähen.“
„Ins Krankenhaus? Nähen? Sag, Mama, ist es schlimm?“ „Es sieht gar nicht gut aus, ich hoffe, du hast dir keine Sehne durchgeschnitten.“

Da klingelte es schon an der Tür. Greta hastete um zu öffnen. 

„Muss ich jetzt sterben?“ Diese Frage hörte Greta nicht mehr. Ein Sanitäter nahm Berta auf den Arm und trug sie zum Rettungswagen. „Das kriegen wir schon wieder hin. An einem Schnitt in den Daumen ist noch niemand gestorben“, tröstete er und lächelte dem Kind ermunternd zu.

 

© I. Beddies


.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Irene Beddies).
Der Beitrag wurde von Irene Beddies auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Irene Beddies:

cover

In Krollebolles Reich: Märchen von Irene Beddies



Irene Beddies hat in diesem Band ihre Märchen für Jugendliche und Erwachsene zusammengestellt.
Vom Drachen Alka lesen wir, von Feen, Prinzen und Prinzessinnen, von kleinen Wesen, aber auch von Dummlingen und ganz gewöhnlichen Menschen, denen ein wunderlicher Umstand zustößt.
In fernen Ländern begegnen dem Leser Paschas und Maharadschas. Ein Rabe wird sogar zum Rockstar.
Auch der Weihnachtsmann darf in dieser Gesellschaft nicht fehlen.

Mit einer Portion Ironie, aber auch mit Mitgefühl für die Unglücklichen, Verzauberten wird erzählt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Leben mit Kindern" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Irene Beddies

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Schutzengel von Irene Beddies (Weihnachten)
Jonas von Margit Farwig (Leben mit Kindern)
Wohin die Liebe fällt von Margit Farwig (Tiergeschichten)