Hartmut Wagner

Schwublewskas Tanz oder eine leitende Regierungsschuldirektor

 

Bevor ich mit dem wesentlichen Inhalt der Geschichte beginne, möchte ich

ein wenig über mich berichten, denn ohne mich wäre sie gar nicht erzählt

worden. Mein erster Name lautet Ödipus, mein zweiter Lustig. Die beiden

Namen findet jeder zum Totlachen komisch, nur ich selbst nicht. Ich zähle

dreiundfünfzig Jahre, und lehre als Studienrat an meiner Schule, der

kaufmännischen Salman-Rushdie-Berufsschule in Bomund, die Fächer

Mathematik und Sport.

 

Übrigens befinde ich mich in einem Alter, in dem mir das Lachen angesichts

der Absurdität des Lebens, die mir ständig deutlicher bewusst wird, allgemein

schwerer fällt, ja beinahe zu vergehen droht. Welche Eigenschaft außer

Galgenhumor könnte beispielsweise irgendjemanden dazu veranlassen, über

den Tod zu lachen, der uns alle mit hundertprozentiger Sicherheit

irgendwann auslöschen wird? Welchen Grund zum Lachen bieten die

zahlreichen Abschiede, aus denen das Leben besteht, das Wissen um die

eigene Zerbrechlichkeit und Begrenztheit, das Niemehr und Niemals, die

unendliche Masse nur halb oder gar nicht begriffener Dinge und

Sachverhalte?

 

Mit dreiundfünfzig Jahren weiß ich, dass Depressionen und Frustrationen der

existentiellen Situation des Menschen und der Brutalität der Natur weit eher

entsprechen als Gelächter und Heiterkeitsausbrüche.

Meine berufliche Karriere kann weit vor den selbst gesetzten Zielen,

Kultusminister, Professor oder wenigstens Schuldirektor, als beendet

betrachtet werden. Die einst aufregende Liebesbeziehung zu meiner

langjährigen Lebensgefährtin nahm die Form einer zählebigen Gewohnheit

an. Finanziell geht es mir zwar nicht schlecht, denn mein Gehalt gestattet mir

kleinbürgerliches Wohlbehagen an der untersten Grenze, gelegentlich sogar

weite Reisen, aber Einfamilienhaus, Opel-Kombi und das ganze bisherige

Lebenswerk dünsten mehr und mehr den Geruch der Popligkeit aus.

Vielleicht nehme nur ich selbst ihn wahr, weil ich mir in meiner Jugend alles

Mögliche gewünscht habe, bloß kein Einfamilienhaus und erst recht keinen Opel-Kadett.

 

Auch politische Blütenträume reiften allerhöchstens ansatzweise. Als

Hauptergebnis langjähriger politischer Tätigkeit in Studentenparlamenten, in

der SPD und der Lehrergewerkschaft, bei den Grünen, in der

Friedensinitiative und bei amnesty international ist die Errichtung des

Jugendzentrums meiner Heimatgemeinde Hofen anzusehen, dem wegen der

ökonomischen und sozialen Demontagepolitik der Bonner Kohl-Asozialisten

die Schließung droht. Doch, was hilft das Jammern? Andrerseits widerstrebt

es mir, eine Situation schönzufärben, die dem orientierungslosen Umherirren

in einer Sackgasse ähnelt.

 

Alles in allem könnte ich zufrieden sein, wenn ich bescheidene

Anforderungen an das Leben stellte. Zu meinen Hauptcharakterzügen

allerdings zählt Bescheidenheit keineswegs. Ich halte sie, denn: "Nur die

Lumpe sind bescheiden", durchaus nicht für eine Tugend, und deswegen

muss ich mir leider jeden Tag aufs Neue betrübt eingestehen: "Dein

Erwachsenenleben entspricht mitnichten den Träumen deiner Jugendl"

Dass ich immer noch Studienrat und nicht längst Oberrat oder gar Direktor

bin, verdanke ich Frau Schwublewska, der leitenden

Regierungsschuldirektorin ( LRSDin ), im Kollegium nur als "Sülzsprechska"

bekannt, die von der Schlauberger Schulaufsicht dazu ausersehen wurde, die

Beförderungen an meiner Schule vorzunehmen oder zu unterlassen. Bei mir

hat die Dame bisher unterlassen.

 

Direktorin Schwublewska ist lang und dürr. Jemand, der mit ihr befreundet ist,

würde sie als durchschnittlich intelligent bezeichnen. Besonders die letzte

Eigenschaft qualifiziert sie hervorragend für ihre Arbeit. Die Schulbürokratin

bewegt sich mit der Grazie einer ausgeleierten Gliederpuppe und zieht

gelegentlich, während sie ihn gleichzeitig großzügig aufklappt, die spitzen

Winkel ihres breiten, schmallippigen Mundes empor, der auf diese Art

verkündet: "lch lache jetzt", und zusätzlich offenbart, , welch trübgelben

Zahnschmelz dann und wann die eine oder andere regierungsdirektörichte

Mundhöhle beinhaltet. Die Pferdezähne meiner Vorgesetzten hausen in

einem Gesicht, das die Kauwerkzeuge vollauf verdient. Seine Zitronenfarbe

harmoniert perfekt mit einer überdurchschnittlichen Länge, die mindestens

drei Hälften der Distanz zwischen Ohrspitzen und Nüstern eines normalen

Pferdekopfes entspricht.

 

Direktorin Schwublewska trägt mit Vorliebe bläulich karierte Faltenröcke, auf

denen stets an auffälligen Stellen riesige goldene Sicherheitsnadeln

modische Schwerpukte setzen. Schwarze Halbschuhe mit flachen Absätzen

und durchsichtige Seidenstrümpfe ohne Farbe, die den Blick auf wadenlose,

reich behaaarte Beine gestatten, ergänzen meist vorteilhaft das

Bekleidungsensemble unterhalb der Gürtellinie. Das oberhalb dieser Grenze

entspricht in seiner ästhetischen Qualität gewöhnlich dem bereits Beschriebe-

nen, weswegen ich auf eine weitergehende Schilderung verzichte.

 

Auf ihren Spiznamen "Sülzsprechska" habe ich die fleischgewordene

Rahmenrichtlinie getauft, weil sie mit Vorliebe die Wörter: "lieber Herr

Kollege", "gemeinsame Verantwortung und Aufgabe", "vertrauensvolle

Zusammenarbeit", "einziges pädagogisches Ziel", "verstärkte

Anstrengungen", "erzieherischer lnnovationsschub", "freiwilliger inner- und

außerschulischer Einsatz", "handlungsorientiertes Mit- und Aneinanderlernen"

und dergleichen mehr Gutes und Schönes, aber leider nicht Wahres im

Munde führt, ohne zu erröten oder zu stottern.

 

Ein auffälliger Sprachtick verleitet die Gesandte der Schlauberger Behörde für

die Produktion bürokratischer Korinthen und pädagogischer Erdnüsse dazu,

jeden kurzen oder langen Satz mit dem Zeitwort "einverstanden" zu beenden,

dessen lntonation ihm ein unsichtbares Fragezeichen anfügt.

Trotz ihrer "Einverstanden"-Macke und ihres verschwiemelten "Wir-sitzen-

alle-in-einem-Boot"-Redestils hält die Veıteilerin pädagogischer Planstellen

das eigene Bürokratengestammel für vorbildliche Redekunst und leitet im

Rahmen der regierungspräsidialen Lehrerfortbildung ein mehrtägiges

Seminar über: "Die Eleganz der wörtlichen Rede als unverzichtbare Prämisse

der effizienten Vermittlung erzieherischer Lehr- und Lerninhalte".

 

Mir wurden anlässlich einer Bewerbung um das Amt eines Oberstudienrates

vor vier Jahren seitens Dame Schwublewska reichlich kollegialer Beistand

und vorgesetzte Belehrung, jedoch keine Beförderung zuteil. lch hatte für den

Besuch der Dezernentin eine Sportstunde mit dem Titel: "Ein Sommertag,

Tanz und Musik als Ausdruck poetischer Gefühle" in einer Mittelstufe der

Tierarzthelferinnen ausgewählt.

 

Das Thema der Lehrprobe war gründlich bearbeitet und ihre Durchführung

gewissenhaft geplant worden. Nichts konnte schief gehen. Ich glaubte so fest

an die Qualität meiner Arbeit wie Goethe an den Erkenntniswert seiner

Farbenlehre. Eine perfekte Tanzshow würde der klapprigen Bürokratin keine

andere Wahl lassen, als mich mit der Höchstnote Eins auszuzeichnen.

 

Seit einem Vierteljahr hatte ich auf Wunsch der Schülerinnen zur Sportstunde

regelmäßig eine Stereoanlage in die Turnhalle geschleppt, um nach

passenden Klängen unterschiedliche Tänze einzuüben, vom Walzer über den

Volkstanz bis hin zum kubanischen Chachacha. Einige meiner

konventionelleren Sportkollegen fragten mich daraufhin, ob ich unser

Lehrinstitut in eine Tanzschule umwandeln wolle und ernannten mich zum

Tanzlehrer ehrenhalber. Der Kollegenspott traf mich kaum, denn schließlich

findet Unterricht wegen der Schüler statt und sollte nicht als Gelegenheit

missbraucht werden, immer wieder den Muff aus tausend Jahren

umzurühren.

 

Da meine Vorführung morgens um acht Uhr beginnen sollte, betrat ich kurz

vorher in meinem blausten Trainingsanzug zusammen mit dem Chef die

Turnhalle. Als wir ankamen, stand die schlanke Schlauberger

Beförderungsbremse schon im Kreise meiner kichernden Schülerinnen und

verzog ihre Miene zu einer Grimasse, die nur ein gutwilliger und obendrein

halbblinder Beobachter als Lächeln bezeichnet hätte. Nach der gegenseitigen

Pflichtbegrüßung ertönte der Schulgong, und der Unterricht fing an.

 

Ich erläuterte den Schülerinnen die Unterrichtsziele: "Versuchen Sie heute bitte

einmal, einen Sommertag tänzerisch darzustellen. Als Hilfsmittel habe ich

lhnen unsere bewährte Stereoanlage, fünfzig CDs mit unterschiedlichen

Musikstücken und diese bunten Tanzkostüme mitgebracht." lch zeigte auf

einen Stapel farbenfroher Gewänder, die meine Lebensgefährtin mittels

enormen Arbeitseinsatzes und viel modischer Kreativität zur Beschleunigung

meiner schulischen Karriere liebevoll und selbstlos angefertigt hatte.

Danach wies ich auf die methodischen Möglichkeiten der Einzel-, Partner-,

Gruppen und Plenumsarbeit hin, verzichtete aber darauf, irgendein

organisatorisches Vorgehen für verbindlich zu erklären.

 

Schon bald hatten die Schülerinnen die hübschen Tanzkleidchen

übergestreift und vier Gruppen gebildet, die ich nacheinander aufsuchte, um

sie fachlich zu beraten, was aber nicht nötig war, wie sich schnell

herausstellte. Die Mädchen dachten bereits kreativ nach und beabsichtigten,

einen See, Blumen, Bäume und einen Fluss tänzerisch abzubilden.

Geeignete Musik sollte die unterschiedlichen Vorführungen untermalen. Nach

den Gruppendarbietungen würde ein choreographischer Höhepunkt alle

Akteurinnen in einem großen Kreis vereinen, der bewegten Darstellung einer

bunten Sommerwiese, die der Wind zärtlich streichelt und der helle Glanz der

Sonne mit Lichtkaskaden überflutet.

 

Die Blumendarsteller wählten als Musik: "Weißt du, wo die Blumen sind?", die

Baumgruppe entschied sich für: "Am Brunnen vor dem Tore!" und die See-

und Flussnixen suchten "Don't cry for me Argentina!" bzw. Carl Maria von

Webers: "Aufforderung zum Tanz" aus. Den Zusammenschluss aller

Schülerinnen zur Sommerwiese sollte der amerikanische Song "Summertime"

begleiten.

 

Das erste Musikstück erklang und in der nüchternen Turnhalle, die

gewöhnlich streng nach abgestandenem Achselschweiß und vergammeltem

Fußkäse muffelt, strömten plötzlich Hitze, Heu, Blumen und blaue Ferne den

vertrauten, zauberhaften Duft der Sommerferien aus. Am Ende meiner

Unterrichtsstunde strahlte die Mittagssonne auf ein mit Blüten übersätes Meer

feingliedriger Grashalme, dessen sanfte Wogen sich gelassen hoben und

senkten, während sie ein warmer Lufthauch spielerisch kräuselte.

 

Die anschließende Besprechung mit Frau Schwublewska und dem Chef

zeigte, wie unterschiedlich verschiedene Menschen Gleiches erleben. Gemäß

dem Ritual derartiger lntimsitzungen erteilte man mir zuerst das Wort zur

Selbstkritik, auf die ich jedoch fast vollständig verzichtete. Stattdessen lobte

ich mich selbst ein bisschen, nach der prächtigen Stunde allerdings völlig zu

Recht, so meinte ich. Als eine Art Lobkritik flocht ich meine Ansicht über die

winzige Panne. zum Schluss des Unterrichts ein, während der kurze Zeit die

Musik ausgefallen war und die Schülerinnen geistesgegenwärtig die

unterbrochene Melodie durch eigenen Gesang ersetzt hatten.

 

Ich betonte: "Die selbständige, spontane Aktion der Tänzerinnen nach dem kleinen

Missgeschick bewies, wie gründlich sie meine Erziehungsziele bereits

verinnerlicht haben, vor allem das emanzipative der Mündigkeit, die das

Verhalten der Auszubildenden in diesem Fall ganz besonders deutlich

dokumentierte. lm übrigen ist meiner Ansicht nach der Zweck der Stunde voll

erreicht worden. lch glaube, auch Sie, Frau Schwublewska, hätten einen

Sommertag nicht besser in Tanzschritte umsetzen können."

 

Meine Schlauberger Traumfrau runzelte die Stirn zu einem lebendigen

Miniwaschbrett und griff mit der Rechten in das perfekt ondulierte, spärliche

Kopfhaar, bevor sie eine Reihe kritischer Worte fallen ließ: "Ach, lieber Herr

Kollege Lustig, - Einverstanden? - ich muss schon sagen, ich erlebe hier

wieder einmal das, was mir bei meinen Besuchen fast ständig widerfährt,

einen, das gebe ich gerne zu, redlich bemühten, engagierten Lehrer, -

Einverstanden? - der denkt, ein hoher Arbeitseinsatz führt automatisch zu

optimalen pädagogischen Ergebnissen, aber leider darüber gänzlich vergisst,

die eigene Leistung mit der unabdingbaren Objektivität zu beurteilen!"

Der Chef blickte aufmerksam auf die drei Picassodrucke an der Wand und

schwieg angestrengt. Auch im weiteren Verlauf der schwierigen Unterredung

blieb er stumm wie ein Silberfisch im Abfalleimer.

 

Da der Schulleiter zur Verabschiedung verdienter Kollegen in den Ruhestand, anlässlich

Weihnachts-, Oster- oder Geburtstagsfeiern, Tagen der offenen Tür und

anderen wichtigen Gelegenheiten durchaus, wenn schon nicht druckreif,

humorvoll, ironisch oder gar brillant, so doch halbwegs flüssig zu reden

vermochte, mussten gewichtige Gründe ihn bewogen haben, den Mund zu

halten. lch nehme an, er äußerte sich nicht, weil er dachte, er säße zwischen

Baum und Borke, Oben und Unten, Vorgesetzter und Untergebenem, Krupp

und Krause, Schwublewska und mir.

 

Durch sein bloßes, wortloses Dasitzen verbreitete der Herr der beruflichen

Lehranstalt auf unbegreifliche Art und Weise, denn er trug frisch gebügelte

lange Beinkleider, den glanzlosen sozialdemokratischen Schlottercharme

seiner fein gerippten Unterhosen mit Doppeleingriff, deren ästhetische

Ausstrahlung vollendet mit den bürokratischen Reizen meiner Gegnerin

harmonierte.

 

Wer unter den Lesern vermutet, die Informationen über die

Feinripptextilien habe die gehässige Phantasie eines ewigen Verlierers

ausgebrütet, täuscht sich erstens und berücksichtigt zweitens nicht den

Tatbestand der Existenz unserer Lehrersportgruppe für Faustball. Sie

bestand aus vor und nachgesetzten Mitgliedern des Kollegiums und bot vor

und nach der Beschäftigung mit Faust und Ball anlässlich des Umkleidens die

Gelegenheit, kollegiale Blicke auf das modische bzw. zeitlose, wollene,

baumwollene oder synthetische Darunter und die darin steckenden

Lehrkörper der Mitspieler zu werfen.

 

Die pädagogische Alleskönnerin aus der sauerländischen Gebirgsmetropole

fuhr fort: "Selbstverständlich wissen Sie, Herr Lustig, ein vorwärts gewandter,

dem Neuen aufgeschlossener Schulmann, was handlungsorientierter

Unterricht bedeutet. - Einverstanden? - Das zumindest, und diese Aussage

dürfen Sie als das Lob einer Fachfrau betrachten, merkte man Ihrer Stunde

an. Aber, daraus hauptsächlich besteht der Schwerpunkt meiner Kritik,

warum schießen Sie denn so meilenweit über das Ziel hinaus? Sicherlich

sollen die Schülerinnen weitgehend selbständige Entscheidungen treffen und

eigenverantwortlich handeln wie am Arbeitsplatz, das heißt allerdings nicht,

sie gänzlich allein lassen, ohne Hilfestellung, ohne erkennbaren

Stundenaufbau. - Einverstanden? - Nein, nein, verehrter Herr Kollege Lustig,

Handlungsorientierung bedeutet keineswegs schrankenloses

Gewährenlassen, sondern weitgehende Selbständigkeit, die durch geeignete

didaktische lmpulse an der richtigen Stelle zu unterstützen ist. -

Einverstanden? - Es tut mir wirklich leid, dies ohne jede falsche

Rücksichtnahme offen aussprechen zu müssen, aber Sie haben das

erzieherische Konzept der Handlungsorientierung vollkommen

missverstanden.

 

Und dann noch etwas zum lnhalt lhrer Stunde! - Einverstanden? - Glauben

Sie denn wirklich, werter Kollege, den Arbeitgebern Ihrer Schülerinnen,

Tierärzten und -ärztinnen, läge auch nur das Geringste an der allseitigen

Bildung ihrer Lehrlinge oder gar an poetischen Tänzen in irgendeiner mehr

oder weniger lieblichen Sommerbrise? Machen wir uns doch nichts vor und

stellen uns tapfer den harten Tatsachen der ungemütlichen Realität! Unsere

Schülerinnen sind für ihre Chefs in erster Linie Produktionsfaktoren. -

Einverstanden? - Ja selbstverständlich, Sie ziehen zu Recht die Augenbrauen

hoch, aber, aber, aber, so ist es nun einmal. Und statt die blaue Blume der

Romantik pflücken zu wollen, sollten Sie, ein gestandener Lehrer, endlich die

Zwänge des Faktischen nicht länger leugnen, auch im wohlverstandenen

Interesse lhrer Schülerinnen nicht. - Einverstanden? - Denn, Herr Lustig,

lhnen dürfte doch wohl genauso wie mir und allen anderen Kolleginnen und

Kollegen überaus klar sein, ein ganzes Schuljahr zierlicher Tanzschritte im

Sportunterricht, da erhebt sogar der kulturbeflissenste Tierarzt lauthals

Protestgeschrei.

 

Verwechseln Sie doch bitte nicht individuelle Sturheit mit pädagogischer

Redlichkeit und erzieherische Flexibilität mit geschickt kaschiertem

Opportunismus. - Einverstanden? - Geben Sie dem Kaiser, was des Kaisers

ist und dem Tierarzt, was er für wichtig hält!“

 

Weil das bulimiese Knochenensemble fest entschlossen schien, mich unter

gar keinen Umständen zu befördern, wollte ich ihm wenigstens während der

Besprechung wegen seiner ungerechten, voruıteilsbeladenen Kritik einige

schmerzhafte Nadelstiche verpassen, die Qualität meiner Probestunde

widerspruchsfrei darlegen und mein Unterrichtskonzept zäh verteidigen.

 

Frau Schwublewska sollte anlässlich der Lehrprobendiskussion eine höchst

anstrengende, äußerst unangenehme Kampfsitzung von mindestens fünf

Stunden Dauer erleben, ein argumentatives Gemetzel, das ihr bis zum

Lebensende im Gedächtnis haften bliebe. Auf Kaffee und Kuchen, der vom

Kandidaten selbst gekocht bzw. gebacken worden war, würde sie verzichten

müssen und ebenfalls auf das zugehörige obligatorische Plauderstündchen,

das den Durchschnittsprüfling dazu veranlasst, seine normale Unterwürfigkeit

im Umgang mit übergeordnetem Mittelmaß mindestens um das Dreifache zu

übertreffen. Dem überdurchschnittlichen Kandidaten bietet der Kaffeklatsch

die Möglichkeit, den in vielen Dienstjahren verinnerlichten Radfahrercharakter

noch durch den rasanten Aufstieg zum Rennradfahrer zu überholen. Der hebt

selbst die Tätigkeit als Kassenprüfer des Ausschusses zur Kontrolle der

Schulfinanzen noch geschickt hervor und räumt so mit beiden Ellenbogen

rücksichtslos die schmale Sprintspur zur heiß ersehnten Beförderungsstelle

frei.

 

Ich schilderte also wort- und gestenreich, wie unglaublich aufmerksam, aktiv

und begeistert die Schülerinnen am Unterricht teilgenommen hatten. "Aber

mein lieber Kollege Lustig, diese Klasse besteht aus lebhaften, extrovertierten

jungen Mädchen, die trotz der fehlerhaften Stundenkonzeption einen

beachtlichen Lernerfolg ermöglichten, der mit Sicherheit noch weit größer

ausgefallen wäre, hätten Sie das Instrumentarium der handlungsorientierten

Unterrichtsmethode optimal gehandhabt. - Einverstanden? - Die Klasse hat

nicht wegen, sondern trotz der mangelhaften Unterrichtsplanung und -

durchführung Erhebliches geboten. Nehmen Sie, lieber Herr Kollege Lustig,

mir diese aufrichtigen Worte von Mitarbeiterin zu Mitarbeiter bitte nicht übel,

doch falls die Besprechung für Sie und Ihren Unterricht irgendeinen Nutzen

haben soll, dann bin ich hier und jetzt einfach dazu verpflichtet, Klartext zu

reden. - Einverstanden? - Und glauben Sie mir eins, ich würde Sie, und

gerade Sie, weil ich Sie bereits so lange kenne und lhre Qualitäten schätze,

lieber loben als kritisieren."

 

lch allerdings, ein jeglicher Obrigkeit qeqenüber chronisch misstrauischer,

querulatorischer, verstockter und insgesamt völlig unbelehrbarer

Untergebener, glaubte ihr keineswegs, sondern teilte der von Schlauberg

gesandten pädagogischen Missionarin stattdessen mit, ihre Argumente

bezüglich meiner Lehrprobe, die bezüglich Qualität und Ausmaß der

Schüleraktivitäten nahezu perfekt verlaufen sei, schienen mir insgesamt

überwiegend Vorurteile zu enthalten und stünden meiner Ansicht nach in

krassem Widerspruch zu dem reichlich geölten Wortsalat über Kollegialität

und Zusammenarbeit, der sonst beinahe ständig Schlauberger

Vorgesetztenmünder fülle.

 

Schwublewska blickte mich zwei Sekunden an, wie eine strenge Hasenmutter

den widerborstigen Jungrammler, der den leckeren Grünkohl nicht essen will,

den sie unter Lebensgefahr nur für ihn aus dem Garten des Försters

beschafft hat und setzte dann die Stundenkritik fort, ohne meine Einwände in

irgendeiner Form zu beachten:

 

"Ach ja, werter Herr Kollege Lustig, in.der Gliederung ihres Unterrichtsentwurfes fehlt übrigens auf der dritten Seite ein Punkt, und im Entwurf selbst - Einverstanden? - verwenden Sie auf Seite zehn ein Wort, 'Sommerling', das es nicht gibt. Jedenfalls steht es nicht im Duden. Alles Kleinigkeiten, gewiss, gewiss, doch wir dürfen uns nicht den

geringsten Ausrutscher leisten, wollen wir unseren Schülern als glaubwürdige

und respektierte Vorbilder entgegentreten. Und gerade im Kleinen sollten wir

Größe beweisen."

 

Die väterliche Pädagogenmutter aus dem feuchtkalten südwestfälischen

Mittelgebirge hüstelte frostig, bevor sie weitersprach: "Und jetzt noch eine

Frage zu dem Blumentanz, Herr Lustig, hätte das Gebotene, ich will es sachlich formulieren, - Einverstanden? - nicht viel angenehmer auf den

Betrachter gewirkt, wäre es etwas weniger schwül-erotisch dargestellt

worden, nicht so ekelhaft bauchtanzmäßig und ohne diesen grässlichen

Bardamensex?"

 

"Aber Frau Schwublewska, 'ekelhaft' und 'Bardamensex', diese Worte im

Zusammenhang mit meinem Blumentanz bezeichnen Sie als 'sachlich'? Und

außerdem, im Sommergarten duften nicht nur Stiefmütterchen und Malven

harmlos und bieder vor sich hin, da verströmen auch Rosen, Fleisch

fressende Pflanzen und tropische Schlinggewächse schwere, geheimnisvoll-

gefährliche Gerüche. Dunkle Süße und lichterfüllte Leichtigkeit, dieser

reizvolle sommerliche Kontrast, tanzte ständig mit im Blumenreigen. Dionysos

verschmolz zur Einheit mit Apoll. Das An-Sich-Sein der Melodie wuchs heran

zum Anders-Sein des Tanzes und beide fanden zusammen im An-Und-Für-

Sich-Sein des bewegten Bildes der Musik. Lassen Sie doch bitte dem

Sommer seine Schwüle, seine Trägheit, seinen Schweiß und seine Hitze,

seinen Sex, und waschen Sie nicht weiß, mit welchen Waschmitteln auch

immer, was dunkelrot und glitschig glüht."

 

"Mein Herr, sehr finster finde ich Ihrer Rede Sinn, und ich begreife nicht so

ganz, was Sie mir sagen wollen. Doch nehme ich an, Sie missverstehen mich

ganz einfach und vollkommen. - Einverstanden? - Mir liegt gar nichts an

irgendeiner überzogenen Radikalkritik. Ich will nichts weiter als Ihnen helfen.

Merken Sie das gar nicht? Ihnen vorführen, wie lhr Tanz durch mehr helle,

heitere, schwerelose Frische gewonnen, geglänzt, gefunkelt hätte. Schauen

Sie doch bitte einmal hin! lst das denn wirklich so schwer?"

 

Und das Unvorstellbare geschieht. "Sülzsprechska" entfaltet umständlich ihre

staksigen Beine, erhebt sich, deponiert ihre Büchermappe auf dem

Chefschreibtisch, marschiert in die Mitte des Direktoriats und beginnt, sich im

Kreise zu drehen wie ein rachitischer Derwisch, der zwei bis drei Liter Raki

zuviel getrunken hat und einen Brummkreisel nachahmen will.

"Sehen Sie, sehen Sie, werter Herr Kollege! Schwere- und mühelos, graziös und elegant, traumhaft und leicht wie eine Feder gleite ich dahin, dahin.

Sehen Sie, sehen Sie, Herr Kollege! ~ Einverstanden? - Das ist ein Tanz der

Blumen!"

 

Doch dann die absolute Katastrophe! Die langen Füße der Oberbeamtin

kollidieren miteinander. Sie stürzt. Wohin? ln meine Arme! "Ächz!" Ein spitzer,

fremder Ellenbogen schlitzt mir fast die Bauchdecke auf. Welch anmutige

Tanzeinlage und was für eine Schlusspirouette!

Das gefallene Mädchen rang zwar kurz nach Atem, aber dennoch nahm es

blitzartig wieder die eckige Gestalt der leitenden Regierungsschuldirektorin

an, die kaum beeindruckt ihre Litanei unerbetener Ratschläge weiter

herunterleierte.

 

"lch hoffe sehr, Herr Lustig, meine Kurzvorführung hat Ihnen zumindest ein

klein wenig jenes balletteske, tänzerische Schweben verdeutlicht, das ich bei

der Darbietung lhrer Schülerinnen so schmerzlich vermisst habe. -

Einverstanden? - "

 

Mir, einem Menschen, dem selten Worte fehlen, verschlug es die Sprache.

Mir wurde komisch, ich weiß nicht wie, ja ja, so richtig "balletesk".

 

Nachdem ich ungefähr zehn Minuten später meine Sprachfähigkeit zurück gewonnen

hatte, setzte ich mit unverminderter Härte das Wortgefecht mit der lieblichen

Ballettratte fort, doch ganz und gar vergeblich. Wie vorauszusehen war,

gewann den Kampf zwischen Unterstudienrat und Leitender

Regierungsschuldirektorin die Titelstärkere.

 

Zigfach und immer wieder bewies ich logisch die Unhaltbarkeit ihrer

Argumente, doch sie hielt daran fest, stur, starr und unerschütterlich: "Nein,

nein, ich möchte Sie, Herr Lustig, wirklich gern befördern, nichts lieber, ganz

bestimmt. - Einverstanden? - Doch was nicht geht, das geht nun einmal nicht.

Ihre Lehrprobe entsprach weder im Entwurf noch in der Durchführung den

Anforderungen, denen ein Oberrat genügen muss. Beim besten Willen

meinerseits kann ich Ihre Leistung allerhöchstens mit befriedigend benoten,

und damit bleiben Sie vorerst Studienrat, Herr Lustig. - Einverstanden? - Und

das, nicht wahr, da sind wir uns wohl einig, ist schon viel mehr als gar nichts.

Es tut mir aber dennoch leid, besonders wegen lhnen."

 

Ach, wie mich diese Worte trösteten. Ich hätte die Sprecherin fast umarmt,

allein ich wollte ihr nicht zu nahe treten. Trotzdem raffte ich mich zu einer

Schlussattacke auf und versuchte, Frau Schwublewska auf menschlicher,

emotionaler Ebene zu überlisten. Ich wies die Verwaltungsdame auf die

bereits ziemlich hohe Zahl meiner Lebensjahre hin, um mittels einer Art

Altersbonus bzw. -freibetrag möglicherweise doch noch befördert zu werden.

Hätte ich mir vorher allerdings überlegt, wie selten eine gefühlvolle Seele in

einem Aktendeckel auf zwei Beinen Wohnung nimmt, wäre ich nicht so

enttäuscht über die Auskunft meiner Dienstvorgesetzten gewesen.

 

"Aber Herr Lustig", sie blickte mich empört an, und dabei hatte ich weder mit

der Linken noch mit der Rechten eines ihrer spitzen Knie berührt, "das

können Sie doch wohl nicht allen Ernstes verlangen! - Einverstanden? - Ich

soll Sie wegen Ihres Alters befördern. Oh nein, nein! Dreimal nein! Bei

Beförderungen zählt nur eins, die Leistung! Erstens, zweitens und drittens!

Wenn sie nicht stimmt, hilft gar nichts. Leistung, Leistung und sonst nichts! -

Einverstanden? - Und außerdem, Sie werden, ich beziehe mich auf Ihre

Unterlagen, bald vierundfünfzig. Dann versuchen Sie es noch einmal. Es gibt

kein schöneres Geburtstagsgeschenk als eine Beförderung. - Einverstanden?

- Sie liegt durchaus im Bereich des Möglichen, falls Sie bei Ihrer nächsten

Lehrprobe all das berücksichtigen, was ich heute kritisch angemerkt habe.

Und wenn Sie mich fragen, - Einverstanden? - den Prozess des Alterns

bestimmen keineswegs allein körperlich-seelische Vorgänge. Oft wird er

lediglich zu einem Problem durch die falsche geistige Einstellung. Ich fühle

mich jung, deswegen bin ich's auch. Man sieht's mir an. - Einverstanden? -

 

Stellen Sie sich vor, als ich heute morgen in Ihre Klasse kam, haben mich

Ihre Schülerinnen ganz ernsthaft gefragt: 'Sind Sie die neue Referendarin?'

Als ich dann erzählte, - Einverstanden? - ich sei die leitende Regierungsschuldirektorin, die Ihren Unterricht, Kollege Lustig, bewerten müsse, haben sie verständnislos

gekichert. Die Kluft zwischen meiner jugendlichen Erscheinung und meinem

Amt kam Ihnen komisch vor."

 

Ob dieser letzten Worte Frau Schwublewskas verschlug es mir zum zweiten

Mal an diesem Tag die Sprache. "Einverstanden?"

 

ln der nächsten Stunde nach dem Besuch der Direktorin, wollten einige

meiner Tierarzthelferinnen wissen: "Na, hat die seltsame alte Schachtel Sie

nun befördert oder nicht?' "

 

Epilog

Nachdem ich die Geschichte ohne den Epilog voll Stolz und Freude über

meine schriftstellerische Leistung einigen Verwandten, Freunden und

Kollegen vorgelesen bzw. zum Selbstlesen ausgehändigt hatte, überzeugt,

ihnen die Premiere eines Meisterwerkes geboten zu haben, enttäuschten

mich einige meiner Zuhörer und Leser mit harscher Kritik, auf die ich, um

Missverständnisse auszuräumen, mit wenigen Schlussbemerkungen eingehen

will.

 

Oh Schreck, eine erklärte Erzählung?! Klar, eben ein Lehrerwerk! Zunächst

gebe ich einige grundsätzliche Hinweise: „lch, Ödipus Lustig, fühle mich als

Verfasser und Pädagoge selbstverständlich moralischen, ethischen und

humanistischen Grundsätzen verpflichtet und schreibe zwar in erster Linie,

weil es mir Spaß macht, aber nicht nur.

Ich träume nebenbei auch den naivsten aller Schriftsteller- und Pädagogen-,

vielleicht sogar Menschenträume, davon, durch meine Arbeit und mein Leben die

Summe an Liebe in der Welt zu vergrößern und damit die

Lebensbedingungen auf ihr zu verbessern. Liebe ohne Taten ist

gleichzusetzen mit sentimentalen, egoistischen Gefühlen. Und ist ein Leben

ohne Liebe etwas anderes als ein Alptraum?

 

Mit meinen Werken, ich formuliere so unbescheiden, wie ich bin, möchte ich

höchsten erzählerischen Ansprüchen genügen. Das heißt, was ich schreibe,

soll als sprachästhetisch wertvolles Produkt, erstens unterhalten, zweitens

belehren, drittens die Gefühle und Einstellungen der Leser zum Guten und

Besseren verändern, viertens sie zu liebevollem Handeln veranlassen,

fünftens die Lebensbedingungen und das Leben auf der Welt verbessern und

sechstens die ganze Natur, das Universum vollständig vom Kopf auf

die Füße stellen und aus einer trostlosen, finsteren Welt des Fressens und

Gefressenwerdens eine liebevolle, helle des Liebens und Geliebtwerdens

machen, eine, in welcher Tod und Leiden keinen Platz mehr besitzen.

Wie lautet also die Diagnose!?“ "Ödipus Lustig ist vollkommen

übergeschnappt und dem Größenwahn verfallen. Er hält sich für Gott."

 

Jetzt, im Anschluss an die allgemeine Darstellung der Beweggründe für

mein schriftstellerisches Schaffen, wende ich mich der Kritik an der

Geschichte über "Schwublewska" zu.“

Mir wurde vorgeworfen: "Du hast dich als arme Seele geoutet, als einen

frustrierten, gescheiterten, zu kurz gekommenen Neidhammel, der sein

Misslingen hasserfüllt nicht eigenem Fehlverhalten zuschreibt, sondern

Erfolgreicheren anlastet, die ihn beruflich zuerst überholt und später

meilenweit abgehängt haben."

Wenn ich eine arme Seele bin, warum soll ich mich nicht als eine outen? Nur

deswegen nicht, weil man in unserer Gesellschaft die armen Seelen, die sie

selbst aufgrund ihrer Brutalität und Ungerechtigkeit hervorbringt, nicht leiden

kann? Warum darf ich nicht polemisch meinen Frust über ein System äußern,

in dem es Erfolgreichere und Zukurzgekommene gibt?

Eine Gesellschaft kann erst dann als vollständig human bezeichnet werden,

wenn es in ihr weder einen einzigen Erfolgreicheren noch einen einzigen

Zukurzgekommenen gibt. Der Erfolgreichere, wieso ist er denn erfolgreicher,

und der Zukurzgekommene, weshalb kommt er denn zu kurz?

Tja, spinn ruhig weiter, Ödipus! Immer schön Lustig bleiben!“

 

Man teilte mir mit: "Du bist innerlich vollkommen verhärtet, verkrustet und

verbittert. Dein freundliches, aufgeschlossenes, höfliches, lustiges,

humorvolles und gut aufgelegtes Alltagsgesicht hast du als Maske über dein

missgünstiges, übellauniges und misanthropisches Wesen gestreift."

Na immerhin, meine Kritiker bescheinigen mir ein angenehmes

Alltagsverhalten. Andrerseits mag ich alles Mögliche sein, aber niemals

verhärtet und verkrustet. Ich betrachte mich als sensibel und aufgeschlossen.

Vielleicht täuscht mich mein Selbstbewusstsein, aber trotzdem bitte ich,

einmal darüber nachzudenken, welcher verhärtete bzw. verkrustete Mensch

freiwillig seine Härte bzw. seine Kruste zum Gegenstand einer schriftlichen

Darstellung pädagogischer Alltagsbrutalität erhebt?

 

lch, Ödipus Lustig, verfolge mit meiner Geschichte nicht zuletzt die Absicht,

offen zu legen, was aus den Menschen wird, mit ihnen geschieht, die in

einem vollkommen undemokratischen, unzulänglichen und ja,

unmenschlichen Verwaltungsverfahren zu Tätern bzw. Opfern werden. Die

beförderten, scheinbaren Nutznießer des Systems erwähne ich nur am

Rande. Die Analyse ihrer Seelen- und Körperzustände würde womöglich zu

traurigen Resultaten führen.

 

Autoritäre Unterdrücker, verbitterte Neidhammel, sadistische Schülerquäler,

eine ganze Kollektion evolutionärer pädagogischer Fehlfarben auf dem Konto

unseres bewährten Beförderungssystems? Womöglich gar die mangelnde

Reformierbarkeit all unserer Bildungseinrichtungen?

 

Ach Ödipus, es gibt ja bald Ferien!

 

Der Maskenvorwurf trifft mich besonders. Kann sein, da ist was dran oder

auch nicht, eher nicht. Denn welcher Maskierte lüftet ohne Not seine Maske?

Gewiss, ich öffne nicht jedem Menschen nach fünf Minuten die Pforten

meiner Seele.

Und gar nichts Wesentliches fällt mir ein, wenn ich auf

Kommando meine Gefühlslage offenbaren soll, dieses komplizierte

Durcheinander aus Hoffnungen, Befürchtungen, Ängsten, Zuneigungen,

Abneigungen, schnell wechselnden Befindlichkeiten, das ich meistens selber

nicht begreife und noch weniger anderen erklären kann, zumal es, kaum

verbalisiert, seinen Charakter manchmal bereits ein wenig oder sogar

grundlegend verändert hat.

 

Kenne und schätze ich jemand allerdings etwas länger, dann erschließe ich

mich Stück für Stück, zwar langsam doch beständig, und manchmal, bei

geeigneten äußeren und inneren Bedingungen, zum Beispiel in den Ferien an

irgendeinem sonnigen Sandstrand irgendeiner felsigen griechischen Insel, bin

ich sogar in der Lage, irgendeinem wildfremden, aber sympathischen

Menschen meine ganze Lebensgeschichte, sogar die peinlichsten Abschnitte,

ziemlich locker zu erzählen.

 

Und übrigens, meine Vitalität, meine in der Regel gute Laune, mein

Urvertrauen in das Leben und meine Mitmenschen sind keinesfalls gespielt.

Ich liebe das Leben und die meisten Menschen und hasse keinen einzigen.

Unter bestimmten Voraussetzungen, Gesundheit, Frieden und ausreichend

Geld, möchte ich ewig leben. lch halte die Menschen eher für gut als für

schlecht.

 

Warum? Weil ich das Glück hatte, als kleiner Junge von Frauen aufgezogen

zu werden, die mir mit Liebe und Wohlwollen begegneten. Und erst die

Frauen, die wenigen, viel zu wenigen, mit denen ich geschlafen habe und die

anderen, die vielen, die mir auch gefielen und mit denen ich nicht geschlafen

habe!

Ach, Ödipus, wo sind sie nur?

 

Sie sind jedenfalls der Grund dafür, dass ich süße, glatte Haut, vergängliches,

warmes Fleisch über alles liebe, mehr als ewige Tugend, ewige Moral und

ewige Ewigkeit. Doch gerade, weil mich beinahe unablässig vergängliches

Leben bezaubert, bemühe ich mich fast ständig um sein Wohlergehen und

schaffe so Ewiges. Hmmm, ja klar, sonnenklar!

Aber trotz aller guten Laune, der warmen Sonne auf Lesbos und dem

Palmengeraschel am kubanischen Strand, manchmal regnet es, und ein Kind, ein junger oder alter Mensch weint vor Hunger oder Verlassenheit.

.Und manchmal höre ich das Weinen, und fühle ich den Regen, auch wenn

am kubanischen Strand bei mir eine Jemandin liegt, neben der ich bis an mein

Lebensende liegen bleiben möchte. Und ich muss und werde wieder

aufstehen.

 

lch, Ödipus Lustig, fasse kurz zusammen. Ich liebe das Leben sehr, übersehe

aber dennoch keineswegs seine Hinterhöfe, Gefängnisse, Folter- und

Todeszellen. lch bin ein optimistischer, warmherziger Skeptiker, der die

Gerechtigkeit liebt. Meine nächsten und zahlreiche weitere Mitmenschen

haben mir ein ausgeglichenes Gemüt und Urvertrauen geschenkt, eine

hilfreiche Gabe angesichts des Lebens am Rande des Abgrunds aus Tod,

Krankheit, Vergänglichkeit, Armut, Schmerzen, Hunger und Hass, die kaum

etwas mit Maskerade, aber viel mit unverdientem Glück zu tun hat.

Dank der guten Gabe Ausgeglichenheit freut es mich meistens, wenn

anderen etwas gelingt, und bekümmert es mich meistens, wenn ich sehe, wie

andere scheitern, meistens.

 

Aber selbst meine seelische Ausgeglichenheit schützt mich nicht vollkommen

vor Anwandlungen pessimistischer Nachdenklichkeit. Ich strahle zwar

überwiegend heiter, aber dennoch kränkelt mich gelegentlich des Gedankens

Blässe an.

Ich besitze eben ein Gesicht das Mozarts Musik ähnelt. Wer will, darf jetzt

lachen. Scheinbar tanzen die Töne wie mein Blick und mein Lächeln fröhlich

und leicht, lustig und spielerisch umeinander. ln Wirklichkeit schweben und

wirbeln alle in einem heiteren Totentanz über dem Abgrund. Ach, wenn

Ödipus, der mit dem musikalischen Gesicht, Mathematik unterrichtet, dann wird selbst eine quadratische Gleichung zur Symphonie!

 

Weitere kritische Stimmen bezichtigten mich des grenzenlosen Hasses, der in

der Darstellung der hässlichen Fassade und der altmodischen Kleidung

Schwublewskas zum Ausdruck käme. Ja, Hass kommt zum Ausdruck, unbändiger Hass auf die Ungerechtigkeit eines Bildungs- und Beförderungssystems, dessen

autoritäre, inkompetente Funktionäre Untertanen statt mündiger Mitmenschen

produzieren.

 

lch hasse Regierungsschuldirektoren als Verhinderer gerechter Beförde-

rungsmethoden und Exekutoren eines Verwaltungsverfahrens, das politische

über fachliche Erwägungen stellt, offiziell dem Leistungsgedanken und

inoffiziell allem Möglichen verpflichtet ist, nicht irgendeinen Regierungs-

schuldirektor. Regierungsschuldirektor, bürokratisch, krumm und schief,

welch eine lächerliche Bezeichnung!

 

Ja, ich hasse jeden beamteten Schulfunktionär, der in seiner Funktion den

pädagogischen und damit den menschlichen Fortschritt insgesamt aufhält,

und ich hasse jedes Gesellschaftssystem, in dem es Unter- und

Übergeordnete gibt, Zukurzgekommene und Erfolgreichere. Und, ich bin

widerspenstig und bleibe es.

 

Fände ich einst Frau Schwublewska sinnlos betrunken irgendwo in einem

Schlauberger Straßengraben, selbstverständlich würde ich sofort den

Krankenwagen alarmieren. Gäbe es nach dem Tode eine himmlische

Auferstehung, und hätte ich die Macht, die Plätze im Paradies zu verteilen,

ich würde Direktorin Schwublewska niemals ausschließen, ihr allerdings einen

Platz zuweisen, der möglichst weit von meinem entfernt wäre.

Und, mein lieber Ö.L., bei aller Liebe eines großen Herzens und aller

Hassverachtung einer humanen Seele, in Urlaub führest du niemals mit Frau

Schwublewska, selbst wenn sie dir kostenlos "all inclusive" anböte.

 

Und nun zum Kritikpunkt hässliches Aussehen: Leider, und das ist einer

meiner schwächeren Charakterzüge, bin ich ein Augenmensch. Aber

immerhin, ich weiß um meine Schwäche, aber auch, dass Schönheit eine

sehr verderbliche Ware ist, ein schönes Äußeres und schicke Kleider

mitnichten den Beweis für eine schöne Seele liefern, sie aber auch nicht

ausschließen.

 

Vom Guten, Wahren, Schönen, nach denen ich mit aller Kraft strebe, besitzt

das Schöne ethisch den geringsten Wert, sicherlich. Ich liebe es jedoch

trotzdem, und ein Leben ohne natürliche oder künstliche Schönheit halte ich

für äußerst arm.

 

Indem ich also Schwubleska einen der Werte vorenthalte, der mir bei all

seiner ethischen Bedenklichkeit sehr viel bedeutet, zeige ich die elende

Erbärmlichkeit dieser Funktionärin, bestreite dagegen nicht ihre menschlichen

Einzigartigkeit, die ich genauso hoch einschätze wie meine eigene. Und die

schätze ich nicht gerade gering. Du bist was Besonderes, Ödipus. Und ob!

 

Nun der allgemeine Schluss der Schlussbemerkungen:

Ich habe an Vorgesetzten Kritik geübt und sie als hässliche Vögel geschildert.

Meist allerdings kritisieren Übergebene und vor allem Pädagogen ganz

besonders gern ihre Untergebenen, z. B. die Schüler, Holzköpfe, Dämlacke,

Rindviecher allesamt.

 

Vorgesetzten dagegen, vor allem jenen, die Planstellen vergeben, begegnen

Lehrer in der Regel mit wohlwollender Demut und sehr, sehr nachsichtiger

Kritik. lch jedoch meine, produktiver Hass schadet Vorgesetzten ganz und gar

nicht. Ginge es nach mir, würde ich sie vollständig liquidieren, als

Vorgesetzte, denn ich bin sicher, rechnete man ihnen alle Magengeschwüre,

Herzinfarkte, Migräneattacken und sonstigen Krankheiten zu, die sie

verursachen, der volkswirtschaftliche Vorgesetztenschaden beliefe sich auf

viele Milliarden Euro.

 

Während einer Übergangsphase zu einem vollkommen

demokratischen Staat, erscheinen zeitlich begrenzte Vorgesetztenämter noch

denkbar. In einer demokratischen Schule und einer demokratischen

Gesellschaft aber haben Vorgesetzte endgültig ausgedient.

 

Übrigens bin ich, Ödipus Lustig, keineswegs ein wilder Anarchist, sondern nur

eine Kunstfigur, ein erdachter Lehrer. Und die Regierungsdirektorin

Schwublewska gibt es in Wirklichkeit nicht.

 

Mein Hauptproblem als Ich-Erzähler besteht darin, dass meine Leser mich,

einen aus tausend Lehrertypen pointiert zusammengesetzten Pädagogen,

enttarnen wollen und sich einbilden: "Aha, Ödipus Lustig, das ist sicher dieser

versoffene Berufsschullehrer Egon Müller aus der Baurat-Engels-Straße."

Ist er aber nicht, und wenn er ihm noch so ähnlich sieht.

 

Und Frau Schwublewska entspricht mitnichten der etwas pingelig-drögen

leitenden Regierungsschuldirektorin Dr. Kratowska aus der Bochumer

Linienstraße, und wäre sie ihr so ähnlich wie eine Zwillingsschwester.

 

Jetzt, lieber Ödipus, fasse dich endlich kurz! Jaja, ach, diese Gelegenheit ist

längst vorbei. Doch trotzdem, der Schluss, unwiderruflich: Die Geschichte

über Schwublewska und mich stammt aus meinem Kopf, keineswegs aus

dem eines ewig Frustrierten.

 

Ja, ich gebe zu, ich gehöre zu den Erniedrigten

und Beleidigten, aber ich kämpfe gegen Erniedrigungen und Beleidigungen.

Nicht zuletzt aus Kampfgeist und Widerspenstigkeit habe ich die Geschichte

geschrieben. Ein Frustrierter beweint sein trauriges Schicksal im stillen

Kämmerlein. lch jedoch suche die Öffentlichkeit. Und, wem die Geschichte zu

lang ist, ein weiterer Vorwurf, der begnüge sich mit meinen kurzen

Schlussbemerkungen.

Wem Schwublewska zu hässlich geschildert wurde, der überlese ihre

Beschreibung und bewerte ihre Argumente.

 

lch, Ödipus Lustig, verabschiede mich nun zu einem verdienten

Mittagsschläfchen. Und suchen Sie mich bitte nicht! Sie werden mich nicht

finden. Tauschen Sie nämlich das "u" in meinem Namen gegen ein "i", wird

aus Lustig, ja klar!

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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