Inge Hoppe-Grabinger

Der Sohn



Vor einigen Jahren fuhr ich  zwei  oder drei mal in der Woche Vormittags zu einer Vorlesung
in der Freien Universität Berlin.  Eines Tages  sah ich ihn  in der U-Bahn sitzen.
Er  hätte mein Sohn sein können.
Sah er nicht seinem Vater  unglaublich ähnlich?   Die gleiche Statur, die blonden,
schon schütter werdenden Haare,  die gleichen Augen, die gleiche Nase, der gleiche Mund,
insgesamt weicher, musikalischer, ja, er hätte doch mein Sohn sein können?
Den ich nicht haben durfte?  Den ich abtreiben musste?  Zu einer Zeit, als es noch
undenkbar war, Kind und Studium  unter einen Hut zu bringen? 
Zu einer Zeit, in der mir der unwillige Kindesvater brieflich bescheinigte, es sei ein
Verbrechen, eine Abtreibung zu begehen?  Und damit hatte sich für ihn das Thema erledigt ...
Ich erinnere mich an eine dunkle Szene, wo mir etwas aus dem Leib glitt, und womit  der
Hass begann.

Ich sah ihn, den Sohn,  mehrfach,  immer auf dem Weg zur Freien Universität. Einmal stand er
in der übervollen U-Bahn direkt neben mir, ich konnte ihn fast atmen,  ich spürte sein Wesen,
zu gern  hätte ich  ihm den Nacken gestreichelt,  und zu gern hätte ich ihn gefragt, ob sein
Vater   H.H.   sei.  Diese Versuchung war  groß, beinahe  übermächtig. Fest nahm ich mir vor,  ihn beim
nächsten Mal danach zu fragen. Es gab kein nächstes Mal. Ich sah ihn nie wieder. 


 

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