Annika Seibert

Eine kurze Ewigkeit

Eine kurze Ewigkeit verging, als wir uns das letzte Mal sahen, zumindest für mich.

Es war der Geburtstag meines Vaters, als du zu mir kamst. Davor gab es eine kleine Auseinandersetzung zwischen uns, Belangloses eigentlich, nicht der Rede wert.

Es herrschte ein wenig Unwohlsein zwischen uns, unausgesprochen Worte, die an uns nagten, aber keiner lies es sich anmerken.

Als wir alleine waren, nahm es den Lauf, den es immer nahm. Es war schön, es war bereits vertraut und alles andere als langweilig.

Du hast mir tief in die Augen gesehen, ich hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, ich müsste dir sagen, wie sehr ich mich in dich verliebt habe, aber ich blieb still.

Ich hatte ein wahnsinniges Verlangen danach, dir zu sagen wie es in mir aussah, trotzdem blieb ich still.

Du bliebst still, obwohl deine Augen etwas anderes sagten, du hättest reden können, aber du bist still geblieben.

Hätte ich geahnt, das dieser Abend, diese Nacht, die letzte sei, hätte ich sie viel mehr genossen, dich intensiver gespürt und mehr geküsst, am liebsten gar nicht geschlafen um keine Sekunde ohne dich zu verbringen, ich hätte dir beim Schlafen zugesehen und mir gewünscht du würdest nie fort gehen.

Vor allem aber wäre ich nicht still geblieben, ich hätte es einfach getan, ohne Angst vor deiner Reaktion, ohne Angst vor Ablehnung, obwohl das, dass letzte gewesen wäre, an das ich in dem Moment gedacht hätte.

Es gab natürlich einen Kuss zum Abschied, eher ein paar kurze, kleine, nichts besonderes, normal eben, es war eingespielt.

Du gingst, ohne dich umzudrehen, als hättest du gewusst, das du mich nicht mehr wieder sehen willst, als würdest du nicht zurück blicken wollen, nur aus Angst, du könntest dich anders entscheiden.

Du gingst in dem Glauben, das sei nun das Ende aller Zeit, die wir erlebt haben, als würdest du es nicht bereuen und als würdest du es nie vermissen.

Ohne zu wissen, das ich dich nicht mehr sehen werden, ohne zu wissen, ich würde dich nie wieder in den Arm nehmen können.

Ohne zu wissen, das es für dich bereits vorbei war und du gingst und hast mich im Glauben gelassen, es wäre alles wie immer.

Ohne einen einzigen Gedanken daran, das es vielleicht gerade der letzte Kuss war , den du mir gabst.

Ich sah noch zu, wie du weg fuhrst, dann legte ich mich wieder in mein Bett und schlief seelenruhig und in Gedanken bei dir ein.

Es vergingen ein, zwei Tage, als du es mir dann schriebst, mir den Boden unter den Füßen weggerissen und mich in tiefe Traurigkeit versetzt hast.

Es schien alles so perfekt zu sein, alles zu passen, bis der Zeitpunkt kam, der all das in den Schatten stellte.

Du bist noch nicht bereit für etwas Ernstes, du kannst momentan keine Beziehung führen, du hast mir unmissverständlich klar gemacht, das du mich nicht willst, mir mit sanften Worten durch die Blumen verraten, dass ich nur der Fick für Zwischendurch war, nur der Zeitvertreib, wenn dir langweilig war, die Ablenkung, wenn es dir schlecht ging.

Damals habe ich es nicht verstanden, ich wollte es aber verstehen und zermürbte meine Gedanken damit, es endlich zu begreifen. Doch es gab nichts zu begreifen, denn es ist was es ist, und es bedarf keiner Erklärung, wenn man einen Menschen nicht liebt.

Als ich dann endlich mein Schwert, Mein Schild und meine Rüstung ablag, in der Hoffnung, du würdest mich nicht verletzen, schlug das Schicksal zu. Unverhofft, ehrlich und direkt mitten in mein frisch geheiltes Herz.

 

Es ist nun schon eine halbe Ewigkeit vergangen, als ich dich das letzte Mal sah und es vergehen Tage, da verschwende ich keinen einzigen Gedanken an dich, weil ich mir permanent versuche einzureden, das du es nicht wert bist, das ich daran zerbreche. Ich rede mir ein, es sei alles in Ordnung, es würde nicht mehr weh tun, doch das tut es noch.

Es gibt aber auch Tage wie dieser, an denen ich ununterbrochen an dich denken muss und versuche meine Gedanken zu sammeln. Ich schlafe zu viel, nur um im Traum noch bei dir zu sein, ich bringe Gedanken zu Papier, um meine Gefühle zu ordnen, wenigstens ein bisschen.

An solchen Tagen, wünschte ich, du wärst noch hier und ich müsste diese Zeilen über dich gar nicht erst schreiben.

Ich denke über vieles nach, was wir erlebten, was für ein Gefühl du mir gabst, das ich es vermisse und immer noch hoffe, du würdest dich melden, weil ich dir fehle.

Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, doch ist es genau jene Hoffnung, die uns Menschen dazu verleitet an etwas festzuhalten, das gar nicht mehr da ist oder nie da war. Wir halten an Träumen und Vorstellungen fest, die vielleicht nie existiert haben, nur weil wir uns einbilden, es gäbe einen Gott, der es irgendwann gut mit uns meint. Aber wer glaubt schon an Gott?

An solchen Tagen, bin ich erleichtert, wenn er zu Ende ist, wenn ich endlich einschlafe und nicht mehr an dich denken muss.

Es fühlte sich so gut an, neu verliebt zu sein, es tat so gut, wie du mich behandelt hast, wie du mich lieb gehalten und gewonnen hast. Deine Art war so interessant und inspirierend, gerade weil sie so gegensätzlich wie meine war. Ich bewunderte dich und dein Ruhe, deine Disziplin und deinen Stolz. Du hast es an mir gemocht, das ich nicht alles so ernst sah und mit Freude durchs Leben tanzte. Wir beide hätten von unseren unterschiedlichen Arten profitieren können, hätten daraus lernen und daran wachsen können.

Als du dich dann dagegen entschieden hast, wurde mir schmerzhaft bewusst, dass es nur in meiner Vorstellung perfekt war und ich keine einzige Minute an die Hintergründe dachte, keine Sekunde damit verbracht habe, zu glauben, es würde nicht funktionieren.

Ich habe nichts getan, um dich davon zu überzeugen, bei mir zu bleiben. Ich wollte nicht den selben Fehler noch einmal machen, ließ es sein und lebte einfach mein Leben weiter, immer noch mit dem Gedanken bei dir, nur das du jetzt fort bist, deine Gedanken nicht bei mir sind und alles ein bitteres Ende fand, zumindest für mich.

Ich wechselte die Bettseite, nur damit ich mir nicht beim Einschlafen einbilde, du könntest jetzt neben mir liegen, ich höre absichtlich diese Musik nicht mehr, um mich nicht mehr daran zu erinnern, das Bild unserer ersten Begegnung habe ich abgehangen, doch die Bilder auf meinem Handy und die in meinem Kopf zu löschen, das schaffe ich nicht.

Oftmals schaue ich in den Himmel hinauf, frage mich wo du bist und an was du gerade denkst. Ich sehe die Wolken, wie sie vorbei ziehen, die wunderschöne grüne Landschaft, die langsam anfängt zu blühen, ich höre die Vögel die zurück kehren und spüre die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut.

Es ist jetzt eine Ewigkeit her, als wir uns das letzte Mal sahen.

Ich erinnere mich oft an diesen Tag, denn es hätte nicht der letzte sein sollen. Es gab kein „Ich sehe dich nie mehr wieder“ - Kuss, keine lieben Abschiedsworte, kein Zurückblicken und kein Wiedersehen, nur leises Hoffen und Warten, du würdest zurück kommen.

Aber das bist du nicht und nun sitze ich hier, schreibe diese Zeilen, in der Hoffnung du würdest sie lesen und verstehen warum ich so reagierte, warum ich so dachte und warum ich immer noch hoffe, du würdest dich melden.

Eine Ewigkeit ist es her, ewig ist unendlich, doch unendlich ist es nie gewesen.



Würde mich sehr über Rückmeldungen freuen

Liebe Grüße
Annika

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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