Marcus Olivier

MIETENDRIN - Geschichten aus der Gartenstadt

MIETENDRIN

Kapitel 1 (Einführung):

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben…

Seit fast zwei Jahren wohnen meine Frau und ich in einer gar nicht mehr so kleinen Kleinstadt, im Speckgürtel von Berlin.
Der Bezirk Spandau geht direkt über in die Gartenstadt Falkenwalde an der Havel.
Wären keine Ortsschilder aufgestellt, würde ein Fremder den Übergang nach Brandenburg vermutlich überhaupt nicht bemerken.

In der Kindheit sind meine Eltern immer bis an die Spandauer Stadtgrenze geradelt, an der Mauer entlang. Ich wusste nicht, was sich außer Todesstreifen und Wachtürmen dahinter verbirgt – und heute lebe dort ich in einer grünen Ein- und Mehrfamilienhausstraße mit meiner Frau und Flocke, unserer Mischlingshündin.

Wir haben eine sonnige, sehr ruhige Wohnung unter dem Dach eines Hauses aus den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts bezogen, mit rotbraunen Klinkersteinen und einem großzügigen Garten, den sich unsere Nachbarin, Frau Nele Schulz, mit uns als Mieter teilt.

Das ist ein für uns wirklich tolles Arrangement: Die Nutzung des Gartens gehört für uns ebenso zum Mietobjekt wie die Garage, die sich auf dem hinteren Grundstücksteil befindet, und die wir nun für Gartenutensilien und eine komplette Kochausrüstung nutzen.
Der Garten wird von einem Landschaftsbauunternehmen gepflegt, so haben wir wirklich Zeit für die genussvollen Dinge des Gartens in der Freizeit, ohne uns um Rasen Mähen, Unkrautrupfen oder Laub fegen kümmern zu müssen.
Damit ist die Sommerzeit für uns im Garten die schönste Jahreszeit, der wir als Urberliner etwa gefühlte acht Monate entgegenfiebern.
Und endlich ist es dann soweit: Die Erholung im (fast) eigenen Grün kann beginnen: Endloses Schaukeln in der Hängematte, Grillpartys und Hörspielabende unter dem Sternenhimmel.

Könnte man denken.
Haben wir uns so gedacht.

Denn da ist ja auch noch Manfred Liebelt, ein natives Urgestein, Frührentner, etwa Mitte Fünfzig.
Sicherlich kennt er auch schicke Radtouren bis an die Grenze. Nur von der anderen Seite, ohne zu wissen, was so in Spandau los war, damals vor der Wende.
   

Manfred Liebelt ist unser Nachbar zur linken Seite. Oder zur Rechten. Das ist eine Frage des Standpunktes…
Er lebt mit seiner Lebensabschnittsgefährtin Jule, die zurzeit gerade am gleichen Karriereendziel wie ihr Manfred es bereits erreicht hat, arbeitet.

Die beiden sind meistens ganz prima und das Leben in dieser Nachbarschaft ist herrlich.
So empfanden wir zunächst – und das Lustige ist, dass die beiden irgendwie auch wirklich nette Zeitgenossen sind. Mit Ausnahme der immer wiederkehrenden Anwandlungen, die mich zu diesen vorliegenden Kolumnen bewogen haben.

Als bekennender Nicht-Gartenfachmann waren und sind mir die Grünbehandlungslektionen meines autodidaktischen Nachbarn stets willkommen und bieten ein lehrreiches, abwechslungsreiches Pläuschchen.
Was gibt es Schöneres, als am Ende eines stressigen und ärgernisreichen Tagewerks nach einer ausreichenden Hängematten – Erholungsphase von etwa 2,5 Minuten von einem wohlgemeinten
„Na, mit dem Wein wirste so aber nicht lange Freude haben!“ geweckt zu werden?

Bei Ansprachen solcher Art überlege ich gewöhnlich zunächst, ob ich mich schlafend stellen sollte, damit das sich nun heraufziehende Unheil in Form einer Lebensverbesserungsbelehrung recht schnell verzieht. Aber keine Chance bei Manfred! Voller Freude, den tristen Wochentag im eigenen menschenleeren Garten verbracht zu haben und nun wieder in den Genuss menschlicher Gesellschaft zu kommen, stellt Manni sich am Zaun auf und gluckst herüber:
„Na denn man schön Feierabend, Herr Nachbar!“
Würde ich je die Absicht hegen, in engere freundschaftliche Kontakte mit meinem Wohnumfeld zu treten, wäre es mir nicht möglich beim Nachbarn am Zaun mit leeren Händen zu erscheinen und dort zu campieren. Wenigsten zwei Bierflaschen am Zaun betrachte ich als obligatorisch, sozusagen als Friedenspfeife des 21. Jahrhunderts.

Nicht so Manfred: Aus Gesundheitsgründen dem Alkohol nach eigenen Aussagen beinahe gänzlich abgewandt, widmet sich Meister Liebelt dem ökologisch wertvollen Aufbau seiner Grünanlagen.


Inzwischen gibt es so viel zu erzählen, dass ich beschlossen habe es aufzuschreiben. Das glaubt einem ja sonst sowieso kein Schwein.
Und nach der Lebensweisheit „Wenn Dir das Leben Zitronen gibt, dann frage nach Tequila“, mache ich jetzt also Serienhelden aus unseren Nachbarn und einigen anderen Zeitgenossen.

Manfred Liebelt hat von mir inzwischen längst sein Pseudonym weg.
Für andere mag er immer Manfred Liebelt sein – für mich ist er Osama Bin Garten.
Damit man besser verstehen kann, was die besondere Würze unserer Wohnsituation ausmacht, muss man zunächst nachvollziehen können, wie die historisch gewachsene Situation ist:

Während der Jahre des sozialistischen, wunderbar objektiven und stets gerechten DDR – Verwaltungsapparates waren Nele Schulz und ihr inzwischen verstorbener Mann sozusagen die
Eigentümer dieses Hauses – denn die Urbesitzer waren enteignete Kapitalisten, die ihrem imperialistischen Weltaufbau irgendwo im Westen frönten.

Dann kam die Wende – und die Rückübertragung. Und damit die unangenehme Situation für Familie Schulz, nicht mehr das Verfügungsrecht für das Haus und Grundstück zu besitzen.
Irgendwie konnte man sich gütlich einigen, die Westler waren entweder an ihrem Kapitalismus zugrunde gegangen oder haben gelernt, sich an sozialistischen Werten eine Scheibe abzuschneiden.
Jedenfalls wurde Familie Schulz nunmehr Mieter der ersten Etage; im Erdgeschoss befindet sich heute die Anwaltskanzlei der neuen Besitzer. Der Dach-stuhl wurde zur Wohnung umgebaut, die schließlich meine Frau – damals noch als Single – bezog.

Nele Schulz und Manfred Liebelt sind alte Freunde. Ganz alte Freunde – Kampfgenossen würde ich an dieser Stelle nie schreiben, was auch sicher gänzlich unpassend wäre.

Unsere Vermieter, inzwischen also ehemalige Westdeutsche, die unser Haus lediglich als Zweck- und Kapitalobjekt – womöglich noch unter dem Aspekt der Wertsteigerungsoption – betrachten, sind
in den Augen von Frau Schulz das personifizierte Böse, mit dem sie sich nun als hilflose, verwitwete, arme Frau gefälligst abzufinden hat.

Und dann sind da zu allem Elend auch noch wir in der Dachgeschosswohnung über ihr; Abkömmlinge aus dem Westen; gemein, habgierig und verschlagen:
Bewies nicht schon die Entscheidung meiner klügsten Ehefrau von allen, sich mit mir zu verehelichen, dass nicht Liebe, sondern schlicht Weltbeherrschungsabsichten die wahren Hintergründe ihrer Handlung waren?

Nicht von irgendwoher daher die anfangs freundlich - hilfsbereiten Gespräche, die uns darauf hinwiesen, dass die Wohnung doch nun für uns viel zu klein sei und man uns gern behilflich wäre beim Sichten und Realisieren eines neuen Wohnumfeldes.

Wir blieben.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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