Christina Gerlach-Schweitzer

Der Krebs und das Meer

 

Der eigentlich immer unzufriedene Krebs kroch vom Land her, dem rauschenden Meer entgegen. Er wollte, wie immer, die heiße Tageszeit in der Nähe des kühlenden Wassers verbringen. Schon hatte er die ersten kleinen Wasserlachen erreicht, als ihm ein riesiges Stück Treibholz den Weg versperrte. Er schaute hinauf und er ärgerte sich, dass es ihm sooo unendlich hoch erschien, seine Spitze so unerreichbar für ihn. Es verbitterte ihn wieder einmal, dass er nur ein Krebs war, ein blödsinniger kleiner Taschenkrebs, der jetzt einen großen Umweg machen musste um an einem Stück Treibholz vorbei zu kommen. Einen Schritt vor und einen zur Seite, einen Schritt vor und einen zur Seite.
Plötzlich hörte er einen Vogel singen und zwitschern. Ganz oben auf diesem Holz hatte er sich nieder gelassen. Andächtig hörte der Krebs den fremden Klängen zu. Solche Klänge hatte er noch niemals aus dieser Nähe gehört. Er begann sich erst weniger unzufrieden zu fühlen, dann fröhlich, dann glücklich und dann sogar so glücklich, wie noch nie in seinem Leben.
Er verrenkte sich schier den Kopf, um den Sänger zu beobachten. Der Krebs begann zu glauben, dass man immer so singen könne, wenn man fähig war irgendwo ganz hoch oben zu sitzen.
Als der Vogel weg geflogen und der Gesang plötzlich verstummt war, bemühte sich der Krebs an die Stelle zu klettern, wo der Vogel gesessen hatte. Alles wollte er dafür geben, einmal so zu singen, wie dieser Vogel, so frei zu sein, wie dieser Vogel, vielleicht sogar so zu fliegen wie ein Vogel. Wenn er hoch oben auf dem Holz sitzen würde, dann wäre er für andere Krebse das, was der Vogel jetzt für ihn war: etwas Zauberhaftes, etwas Geliebtes, etwas Vollkommenes.

Stunde um Stunde mühte sich nun der kleine Krebs um hoch auf das Treibholz zu gelangen. Er kletterte, klammerte, rutschte, fiel und hangelte sich an dem glitschigen Holz empor. Es war so unendlich mühselig. Irgendwann als er keine Kraft mehr hatte und schrecklich müde war, ausgedörrt und enttäuscht, dass er sein Ziel nicht erreicht hatte, gab er auf . Er hatte keinen anderen Wunsch mehr, als zum Meer zu krabbeln und sich unter einem dunklen, kühlen Stein im feuchten Sand zu verkriechen.
Doch das Meer, sein Freund, hatte sich weit von ihm zurückgezogen, während er damit beschäftigt gewesen war, ein Vogel zu sein und eine Welt zu erobern, die keine Welt für Krebse war. Irgendwie hatte er sein Meer  verraten. Alles um den kleinen Krebs herum war jetzt sandig, trocken und heiß. Es schauderte ihn, so sehr erschrak er sich. Alles war einsam geworden, leer, Sinn- und Ziel-los. Er war der verlorenste Krebs auf der Welt. Er war kein Singvogel geworden, aber er war jetzt auch kein richtiger Krebs mehr, denn der hätte sich rechtzeitig eingegraben. Vertrocknen würde er und sterben. Bitterlich begann er zu weinen und dicke Tränen rannen über sein Gesicht.

Er bemerkte gar nicht, dass sie ihn eine Weile feucht hielten und während er so weinte, kam das Meer langsam, ganz langsam wieder näher und begann ihn mit seinen nassen Armen zu liebkosen. Als der Krebs das bemerkte, freute er sich, wie er sich noch nie im Leben gefreut hatte. Er war gerettet! Das Meer rettete ihn. Er und das Meer waren wieder Freunde! Das Meer holte sich seinen Krebs zurück und fern vom Ufer her hörte er einen Vogel singen.

Nie wieder wollte er ein Vogel sein! Er war ein Krebs und das Meer liebte ihn als das, was er war, einer der nicht klettern, nicht fliegen und nicht singen konnte, es liebte ihn als Krebs. Fröhlich sprang er in eine Welle und ließ sich treiben. Das Meer hob ihn auf ein Treibholz, das zu schwimmen begonnen hatte und der kleine Krebs jubelte so sehr, dass es sich anhörte, als würde ein Vogel singen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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