Marcus Olivier

MIETENDRIN - Geschichten aus der Gartenstadt Kapitel 2

Kapitel 2:

Schüsse in der Gartenstadt

Das Haus das Manfred Liebelt und seine Jule bewohnen ist zwar gut und gern zwanzig Jahre jünger als unseres – doch der Zahn der Zeit (vor allem der sozialistischen Mangelzeit) hat ganz offensichtlich daran genagt.
Wenn Kostenbewußtsein sich vermischt mit einem Fehlen von Interesse für ästhetischen Geschmack, kann dieser Zahn sich beinahe ungebremst am Objekt seiner Wahl entfalten.
Zwar ist erkennbar, dass der Putz der nachbarlichen Behausung einst von gelber Farbe war und die Dachziegel rot sind, doch beides verlangt laut schreiend nach Reparatur und Auffrischung.

Meister Liebelt ist schwerhörig. Nun gut: Meiner Auffassung nach sollte jeder mit seinem Eigentum machen dürfen, wozu er Lust hat. Und wenn es eben durch Lücken im Dachziegelwerk durchregnet und es niemanden im Hause stört: Na schön!
Es bedarf keiner fachmännischen Ausbildung um zu erkennen, dass Manfred als Ossi die echten Qualitäten der DDR – Bewohner von der Pike an gelernt hat: 

Mit wenig Mitteln oder Nicht – Originalteilen (weil damals ja nirgends zu kaufen und chronisch knapp) etwas zu reparieren oder zu schmücken. Tatsächlich beneide ich unsere Mitbürger aus dem Osten für die Kreativität und praktische Veranlagung die vielen von uns aus dem Westen fehlt, weil wir schlicht nur in den Baumarkt gefahren sind, um zu kaufen, was wir meinen besitzen zu müssen.
Schade ist nur, dass diese Veranlagung um jeden Preis gehegt und gepflegt wird; nichts wird je entsorgt, „man könnte das ja nochmal brauchen“, und so sieht es im Garten (und noch viel mehr im Schuppen) von Sammler Liebelt aus wie in Willi Schwabes Rumpelkammer:

Einweckgläser an der Hauswand aufgereiht, stets bereit um Marmelade in schlechten Zeiten zu Horten, zwei bis drei Tische (keiner von denen einsatzfähig), zwei Fahrräder, die zusammen genommen ein intaktes Halbes ergeben würden und zusammengelegte Staketen, die zum Bau eines Kavallerieforts genügen dürften.

 

Ich bin gerade sehr froh, daran zu denken, dass Manfred Liebelt eine Gasheizungsanlage im Haus hat. Nicht auszudenken, er würde noch eine Ofenheizung sein Eigen nennen:
Wie würde wohl das Grundstück aussehen, wenn brennbare Materialien jeglicher Art dort gelagert werden müssten, um als Brennstoff zu dienen? Und welche interessanten Farbvarianten würde der Schornstein dann wohl mit dem daraus entstehenden Rauch in die Umwelt ausblasen?

Wie also bereits dargelegt, Manni Liebelts Haus scheint noch bis auf diesen Tag als zuverlässige Unterkunft zu dienen, mit allen seinen Features und Eigenarten.

Im Sommer liegen wir oben in unserer Wohnung direkt am weit geöffneten Fenster. Die frische Luft der Gartenstadt und dazu noch die lang anhaltende Ruhe, selbst in Wochentagen, garantieren einen erholsamen und tiefen Schlaf.
Bis es von unten anfängt ganz dramatisch in Salven von ca. 3 Sekunden zu rattern.

Eine Razzia, hier in unserer Straße?
Wo bleiben die Warnungen der Einsatzkräfte, die flüchtenden Menschen oder Schmerzrufe der Getroffenen?
Da schon wieder, die nächste MG – Salve!
Eindeutig Kalaschnikoff, denke ich und versuche vorsichtig über die Bettkannte aus dem Fenster zu sehen.
Seltsamerweise kommen die Schüsse aus Richtung des Hauses von Liebelt, und noch seltsamer: Die Schüsse werden nicht erwidert.
Worauf zum Henker schießt Manfred morgens um halb fünf? Einbrecher in seinem Garten!

Leg Dich wieder hin!“ raunzt neben mir die geduldigste Ehefrau von allen. „Der Liebelt zieht seine Jalousien hoch.“

Ha, wieder: RATTT RATTT RATTT TATTTT.

Es stimmt: Über einem der drei Fenster der Vorderseite in der Parterre geht die Jalousie hoch und das Fenster wird geöffnet. Ich gehe in Deckung, nur vorsichtshalber, falls Liebelt doch die Kalaschnikoff im Anschlag hat. „Das sind keine Jalousien“, jammere ich „Das ist ein Mordskrach!“ Warum habe ich das bisher nicht gemerkt?

Schon klar: Wenn ich morgens aus dem Haus zur Arbeit fahre, sind die Dinger normalerweise noch unten.

Heute aber, inmitten einer brütend heißen Sommerwoche, haben Manfred und Jule offensichtlich beschlossen zeitig die Fenster zu öffnen, um kühle Nachtluft nach innen zu lassen.
„Ist ja prima,“ finde ich noch, „wenn der zu Silvester einfach nur die Jalousien hoch und runter zieht, kann er gewaltig Geld für Knallzeug sparen. Damit ist er in der Straße der Lauteste.“

Wir haben noch zwei Stündchen, also gönne ich uns allen die gute Luft des Sommermorgens und schlafe wieder ein. Gefühlte zehn Minuten.

RAAAAAATTT TAAAATTTT TAAA TAAA TATTTT.

 Was denn nu???“ Ich fahre hoch aus einem Traum, in dem ich von schießwütigen Schergen einer kommunistischen fremden Macht um das Wohnhaus gejagt werde.

„Jetzt macht er die Dinger wieder runter, weil es sonst zu heiß wird“ meint meine Frau, die erfahrenste von allen.

So, Sechs Uhr zweiunddreißig. Abends nicht einschlafen können vor Hitze, unruhiger, verschwitzter Schlaf mit der in der Kindheit angezüchteten Panik, dass die Russen kommen.
Und das Aufwachen in der Gewissheit, dass es auch nicht schlimmer hätte kommen können, wenn es tatsächlich passiert wäre.

Immerhin war das noch zu ertragen, schließlich hätte ich an diesem Wochentag ohnehin früh Aufstehen und zur Arbeit gemusst. Schade nur, dass das an sich viel zu selten freundliche Sommerwetter auch bis übers Wochenende so hielt – und damit auch die nächtlichen akustisch anmutenden Schießübungen um diese Zeit stattfanden.
Manfred hatte jedenfalls ununterbrochen gute Laune. Während ich mit einem auf dem Flohmarkt erstandenen Stahlhelm auf unserem Gartenteil paradierte um ihm anzuzeigen, dass ich ob seiner Unberechenbarkeit mit allem rechnete, pfiff er fröhlich vor sich hin, als er zwischen Schuppen und Wohnhaus hin- und her wieselte.

Morrrgen! Tolles Sommerwetter, was?“
„Hmmm, ja. Ganz nett, so an sich!“
„Herrlich! Endlich mal wieder Sonne! Na, bei uns ist ja schön kühl im Haus. Und bei Euch unterm Dach? Heizt sich ganz schon auf, was?“
„Ach na jaa…“
„Das Geheimnis ist, dass man zeitig genug alle Fenster verrammelt, finde ich. Und gute Jalousien!
Darauf habe ich immer Wert gelegt. Na, Ihr habt ja keine… Wär das nicht mal was für Euch?“
Ach nein, “ winke ich ab und überlege, ob ich mir zum Stahlhelm nicht auch das andere Armeezubehör samt Waffen zulege, „ist ja nur eine Mietwohnung. Da investiere ich lieber nicht zu viel.“
Ja, ja, verstehe. Aber ich investiere auch nicht viel. Obwohl Eigentum, nicht wahr? Jule meint ja immer, so einem cleveren Typen ist sie noch nie begegnet. Aber im Ernst, die Jalousien halten ewig, wenn man sie pflegt. Kannste Dir vorstellen, dass die von Neunzehnhundertneunundsechzig sind?“
Nein!“ staune ich mit offenem Mund. „Dafür klappern sie ja so gut wie gar nicht!“
Das möchte ich meinen – und da gibt es auch ein Geheimnis für: Maschinenöl vom VEB Landmaschinenbau Rathenow, meinem alten Arbeitgeber. Da habe ich noch kurz vor der Schließung einen Zehnliterkanister mitgenommen. Wenn Du mal was ölen musst?“
Danke“, lehne ich ab und grüße militärisch zackig.
Wir holen uns jedes Jahr einen Olivenöl Vorrat aus Italien!“
Manfred dreht abwinkend ab. „Na ja, jeder nach seiner Facon, nicht? Aber ich finde unser Öl viel milder und bekömmlicher.“


Ich nehme den Stahlhelm wieder ab und baue ihm um. Zum Vogelbad.
Sollten doch wenigstens die Viecher einen Swimmingpool bekommen.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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