Peter Vyskovsky

Zwischenstopp Wien-Gersthof

 

 

Wir halten im Bahnhof Wien-Gersthof und verlassen den roten S45- Zug, der Wiens Westeinfahrt Hütteldorf halbkreisartig mit dem an der Donau gelegenen Nordosten der Stadt verbindet. Es ist die einzige Schnellbahnstation, über welche der kleine Bezirk Währing verfügt und ob es hier jemals eine U-Bahn Station geben wird, ist noch nicht beschlossen.

 

Gersthof ist nicht der größte, aber auch nicht der kleinste Teil des 18. Wiener Gemeindebezirks, der rund 50.000 Einwohner  zählt und  somit nicht gerade üppig zur Bevölkerung der 1,8 Millionenstadt beiträgt. Weinhaus ist kleiner, Pötzleinsdorf und Währing, als Namensgeber des Bezirks, deutlich größer. Früher gehörten noch der Weinort Neustift und die Wienerwaldgemeinde Salmannsdorf dazu, die aber vor rund 100 Jahren an den wohlhabenden  19.Bezirk abgetreten wurden.

 

Der Name Gersthof geht auf den Gutsherren Hans Gerstler zurück, der hier im 18.Jahrhundert ein großes Grundstückareal besaß. Zu dieser Zeit waren die Vororte noch selbständig und Teile vom Bundesland Niederösterreich. Sie wurden erst  1892 als neue  Bezirke in „Groß Wien“ eingemeindet. Die Initiative dazu  kam juristisch aus Währing und der entscheidende Impuls war eine Rede von Kaiser Franz Josef I., die er 1888 anlässlich der Eröffnung des Türkenschanzparks hielt.

 

Dieser Park erinnert an die Zweite Wiener Türkenbelagerung, als die Angreifer hier eine Befestigung gegen das kaiserliche Entsatzheer unter Karl von Lothringen errichteten und Gersthof völlig verwüsteten. Dass die Belagerung letztlich 1683 erfolgreich abgewendet werden konnte, ist geschichtlich allgemein bekannt.  Das weitläufige Areal mit wertvollen Baumbeständen, Aussichtswarte, Wasserfall, mannigfaltigem Federvieh, glitzernden Teichen,  gemütlichen Restaurants und heute zahlreichen Fitness- LäuferInnen   wurde gleichzeitig mit der Universitäts-Sternwarte und der Hochschule für Bodenkultur in der Gründerzeit vor 1900 geschaffen und gilt als einer der schönsten und abwechslungsreichsten Parks Wien. Die ehrwürdige Hochschule liegt schon in Wien-Döbling,  hat durch den Biologieboom einen enormen Aufschwung erlebt und zählt heute zu den Vorzeige-Universitäten der  österreichischen Hauptstadt.

 

 

Von der Sternwarte zu Sozialbau-Erkern

 

Ein weiterer Bauboom betraf rund um 1930 den sozialen Wohnbau, dem man aus der Zwischenkriegszeit rund 65.000 moderne Wohneinheiten mit Wasser, WC und Bad zu verdanken hat. Meist wurden größere Wohnblocks errichtet, mit grünem Innenhof, Spielplatz und anderen Gemeinschaftseinrichtungen, wie an der Kreuzung Hockegasse / Gersthofer Strasse in Sichtweite des Türkenschanzparks. . Markant am Rudolf Sigmund-Hof und seinen 274 Wohnungen  ist die Überbauung der Hockegasse, um mehr Platz zu gewinnen. Diese burgähnliche Architektur  findet man bei fast allen Wiener Gemeindebauten, welche in gewissem Sinne auch die „Festung der kleinen Leute“ darstellen sollten. Weitere knapper dimensionierte  Projekte wurden unweit entfernt in der Hockegasse und Schöffelgasse realisiert. Das bekannteste Beispiel dieser Architektur ist wohl der Heiligenstädter Hof in Döbling.

Das „Gersthofer Platzl“  umschließt die von Wiens Jugendstil-Architekten Otto Wagner 1895 entworfene Bahnstation und ist auch schon der belebteste Platz des Bezirksteils. Er hat dies nicht nur der Verkehrslage an der Verbindungsstraße zwischen dem Westen und Norden Wiens zu verdanken, sondern auch dem nach wie vor gut funktionierenden Markt mit Bäckern, Fleischereien, Blumen- und Gemüseläden. Die Fleischerei-Marke Trünkel ist für ihre Sacher-Würstel bekannt und exportiert diese sogar, der „Bauer“ ist ein begehrter Lieferant  der Gastronomie und verwöhnt seine privaten KundInnen  mit Pasteten und  feinem Wildpret vom Reh bis zum Wildschwein.

 

 

Das Platzl, ein Capuccino und die fürstliche Esterhazy Schnitte

 

In Wien bringt man ja die Erfindung des Kaffeetrinkens mit den Türken in Verbindung. Ein sprachgewandter Herr Georg Franz Kolschitzky, militärisch in Diensten des Polenkönigs Johann III, Sobieski stehend, hatte laut Legende nach Belagerungsende einen Sack Kaffee gefunden, experimentierte mit dem Inhalt herum und eröffnete alsbald das erste Wiener Kaffeehaus. Das befand sich aber in der Innenstadt und hatte schon wieder einmal nichts mit dem kleinen, unscheinbaren  Gersthof zu tun.

 

Immerhin genießen die Gersthofer heute  am „Platzl“  den Besuch in ihrer „Aida“, einer Kette von Cafe-Konditoreien, die auch international expandiert, dem Vernehmen nach sogar bis Ägypten und in die Emirate. Pink und kuchenbraun sind die Firmenfarben und die zum Kaffee präsentierten Desserts – vom Punschwürfel und Faschingskrapfen (im Norden sagt man Berliner dazu)  über die Esterhazyschnitte bis zur Sachertorte – machen Lust auf häufiges Wiederkommen. Und nicht nur die GersthoferInnen kaufen ihr Gemüse gerne beim Türken am Markt  - man wird doch nach so vielen Jahren nicht  nachtragend sein ...

 

Der zweite „wichtige“  Platz in Gersthof ist der Bischof Faber Platz, Standort der  Pfarrkirche, ein freistehender neugotischer Sichtziegelbau, der 1891 eingeweiht wurde. Zeichnungen mit Architekt Richard Jordans Entwürfen zu diesem Sakralbau wurden übrigens von der Stadt Wien  im Jahr 1900 auf der Pariser Weltausstellung präsentiert  Der Platz verfügt über architektonisch interessante Gründerzeithäuser und beherbergt auch eine Volksschule samt Spielplatz. Dort  findet man eine Informationstafel zu den aktuellen Fußballspielen des Gersthofer SV. Er wurde 1912 gegründet, hat mit Grünweiß die gleichen Farben wie der weit bekanntere SC Rapid,  trägt seine Spiele auf dem Post-Platz in Hernals aus und ist ein Verein der Wiener Stadtliga.

 

 

Hobbymekka Gersthof

 

Die „Heinl Berta“, ein Kindertraum von einem Papierwarengeschäft der 1950er Jahre, wo man sein Taschengeld gezielt nicht nur für Schulsachen, sondern auch für Spiele, Basteleien und Süßigkeiten anlegen konnte, gibt es längst nicht mehr. Dafür aber einen flotten Friseur und eine beliebte, oft prämierte Sportsbar namens Bastille, die alle wichtigen Fußballspiele auf einer großen Bildwand zeigt  und Steaks zum Bier besonders saftig grillt. Eine sehr geschätzte  Buchbinderei hat sich kürzlich zum romantischen Second Hand-Shop gewandelt.

Zur Unterhaltung gab es in jedem Bezirksteil ein Filmtheater. Das Gersthofer Kino in der Nähe des erwähnten Sigmund-Hofs hatte 240 Plätze, ein Podium für den seinerzeit üblichen Klavierspieler und existierte bis 1970. Im langgestreckten Saal erlebten unsere Senioren viele Klassiker, in besonderer Erinnerung bleibt aber der „1.April 2000“ , eine Polit-Satire aus 1952, mit vielen bekannten Wiener Schauspielern, in welchem Österreich von der UNO zunächst besetzt, nach überzeugender Entkräftung der Vorwürfe aber begnadigt wird. Ob der Film dazu beigetragen hat, dass Wien UNO-Stadt wurde, ist nicht belegt. Eine Bank übernahm den Saal, restaurierte liebevoll die Fassade und verabschiedete sich dem Online-Trend entsprechend 2015 wieder von diesem Standort

 

Geblieben ist ein „Kaffeehaus-Eck“, wo die Autos von der Gersthofer Straße Richtung Türkenschanzpark kurven – mit einem mediterranen Café Restaurant  Spumante, der Lounge Gersthof als quirliger italienischer Abendtreff und der ehrwürdigen  Wiener Jugendstil-Konditorei Lintner, mit ihrem markanten Firmenschriftzug, zum Teil originalem Mobilar und typischen Desserts aus der Jahrhundertwende, wie man sie sonst nur beim Demel in der Innenstadt genießen kann.

 

Ein großes Sägewerk-Areal der Firma Wanecek mit Eingang in der Wallrißgasse vermittelte nach dem Krieg ein wenig industrielles Flair. Für die damalige Jugend interessant war jedoch das große, eigentlich stets versperrte Holztor in der Messerschmidtgasse. Ein ideales Fußballtor mit fast Originalmaßen in einer Sackgasse, gewöhnlich ohne parkende Autos, die damals ja noch recht rar waren. Heute freuen sich die Wohnungsbesitzer, dass die seinerzeit vom Holzverarbeiter  zerstückelte Messerschmidtgasse nie mehr zusammengeführt und für den Autoverkehr freigegeben wurde.

 

Während man also Erzeugerfirmen in Gersthof fast vergeblich sucht, meinen Handel und Dienstleister hier ideale Zielpersonen für Freizeitbetätigungen gefunden zu haben. Mehrere Fitnessstudios, Saunaclubs, Bastelstuben, Ballettstudios, Hundesalons, Fotoshops und die esoterische Lila Couch hoffen,  neben einem der ältesten Wiener Turnvereine, entlang der Gersthofer- und Herbeck-Straße auf Stammkunden.

 

 

Hofkriegsrat Lidl und 22 Gersthofer Häuser

 

Im Hause Gersthofer Straße 129 wurde 1670 Matthäus Lidl von Schwanau geboren. Dieser schlug unter Prinz Eugen mehrere Schlachten, wurde zum Hofkriegsrat ernannt und kehrte im Alter wieder in sein Geburtshaus zurück. Er ließ neben diesem Haus eine Kapelle erbauen, die ihm auch als Grabstätte diente. Der Bau war 1737 vollendet und wurde 1784 zur ersten Pfarrkirche von Gersthof erhoben, also zur Vorläuferin jener vom Bischof Faber Platz. . Zu dieser Zeit zählte Gersthof 22 Häuser. Die Dokumentation des Währinger Bezirksmuseums berichtet,  dass dieses ehrenwerte Gotteshaus „so klein war, dass der Pfarrer Gefahr lief, von einer Kutsche überfahren zu werden, während er am Altar die Messe las“.

 

 

 

Dieses Architektur-Kleinod heißt heute Johann Nepomuk Kapelle und Messen werden hier sonntags immer noch gelesen. Es liegt im früheren Zentrum an der Gersthofer Straße, die den Bezirksteil gewissermaßen umrundete.  Wiens bekannte Monarchin Maria Theresia soll einst hier ein Jagdschloss besessen haben. Das Gebäude in der Gersthofer Straße 143 wurde von einer Sparkasse stilgerecht renoviert. Auch der Schönbrunner Graben – weit entfernt vom kaiserlichen Schloss am Fuße des Schafbergs gelegen -  erinnert an sie und wurde oft von ihren Jagdgesellschaften (aus Schönbrunn)  für das Waidwerk genutzt.

 

Heute bestimmen der „Wurzelsepp“, eine urige Drogerie, eine Filiale der Bäckerdynastie Linsbichler (7 Kinder, 9 Filialen) sowie einige größere Läden das Geschehen. Nördlich der Straße geht es steil hinauf Richtung Neustift. Viele Weinreben sind hier in den letzten Jahrzehnten Wohnbauten gewichen. Das vor vier Jahren gegründete Restaurant „Piroschka“ brachte eine ungarische Note von Speis und Trank nach Gersthof, wird jedoch von der Familie Becsi geführt, was auf ungarisch irgendwie nach Wien klingt ....

 

 

 

Der Schafberg und der polnische Fürst

 

Vom „Platzl“ ausgehend war Gersthof verkehrstechnisch gut erschlossen. Mit der Linie 9 gelangt man ohne Umsteigen zum Westbahnhof, mit dem Bus 10A durch das Währinger Cottage zum schon erwähnten Heiligenstädter Hof oder in Südrichtung direkt nach Schönbrunn.. Die Tram-Linie 41 fährt von der Innenstadt (Schottentor/ Universität) über das „Platzl“ und die genannte Gersthofer Straße nach Pötzleinsdorf, worüber wir bei einer anderen Gelegenheit erzählen werden. Die Linie 40 hiess früher E2, weil sie über die „Zweierlinie“ parallel zur Ringstraße fuhr und zwar konkret bis zum Praterstern. Heute startet sie wie viele Straßenbahnen bei der Universität,  kommt über die Währinger Straße bis zum „Platzl“,  um von dort  auf den Abhang des  Schafbergs zu klettern und ihr Ziel, die Kreuzung Herbeckstraße/Scheibenbergstraße zu erreichen. 

 

Der Schafberg ? Nein, das ist nicht der berühmtere Namensvetter im wanderbaren Salzkammergut, mit den vielen Gipfeln und Seen rundum, im Winter Traum vieler Schifahrer. Unser Schafberg hat  keine Zahnradbahn, ist bloß 300 m hoch und aufgeteilt zwischen dem 18. und 17.Bezrik. Man erkennt, wir stoßen mal  wieder an die Grenzen des „kleinen“ Gersthofs. Die Bezirks-Trennlinie bildet die vom Bus 42A befahrene Czartoryskistraße, die ihren Namen von einem polnischen Fürstengeschlecht ableitet, das natürlich wie fast alle adeligen Familien seinerzeit  über ein repräsentatives Palais beim Kaiser in Wien verfügte.

 

Der 1774 geborene Fürst Konstantin Adam Czartoryski war ein großer Freund der Künste und machte laut Bezirksmuseum sein „Schlössel“ an der Grenze von Gersthof/ Weinhaus zu einem von der Aristokratie gern besuchten „Tempel der Musen“. Hector Berlioz und Franz Liszt gastierten hier und im Schlosstheater wurden Werke französischer und deutscher Klassiker  aufgeführt. Die kostbaren Schätze der Gemäldegalerie überstellte die Familie  um 1900 nach Galizien, wo sie später dem Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen. Der Wiener Besitz verfiel mangels Interesses der Familie, wurde 1918 von der Stadtverwaltung übernommen und 1959 in eine der damals modernsten Schulen für körperbehinderte Kinder umgebaut.

 

Die edlen  Weingärten am Südhang des Schafbergs sind im Besitz des berühmten Salzburger Stifts St. Peter. Der dazugehörige Buschenschank des Dornbacher Pfarrers lockt stets viele Weinverkoster an. Der Rest des Südhanges ist mit Villen verbaut, während der Nordhang fast gänzlich mit Mischwald bedeckt ist.

 

 

Wienerwald, Badefreuden und der Herbeck

 

Eine Querverbindung  vom 18. in Richtung 17.Bezirk bildet die Schöffelgasse, genannt nach dem Journalisten, Politiker, Heimat- und Naturschützer Josef Schöffel , Bürgermeister von Mödling, Abgeordneter im Reichsrat. Bekannt wurde er als „Retter des Wienerwaldes“, als er 1872, in Konfrontation mit dem  Wiener Bauboom der Gründerjahre, durch eine journalistische Initiative verhinderte, dass ein Viertel der Waldfläche des Wienerwalds an einen Holzhändler zur Schlägerung verkauft wurde. Was der Wienerwald heute für die umweltbewussten Hauptstädter bedeutet, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

 

Ausflugsziel der Wiener auf deren Schafberg ist heute nicht mehr das einst hoch bewertete Gasthaus „Zur Himmelmutter“ mit einer Speisekarte von der Schöberl- oder Leberknödelsuppe über den würzigen Schweinsbraten, das feurige Paprika-Gulyas oder ein klassisches Schnitzel bis zu himmlischen Mehlspeisen. Anziehungspunkt für Alt und Jung  ist das Schafbergbad mit himmlischer Aussicht über Wien und besonders die Große Rutsche. Die Einrichtung wurde etwa in den 70er Jahren von der Stadt übernommen, zuvor war es ein verträumtes Privatbad mit urigem Gastbetrieb und Föhrenbäumen, die ihre Nadeln bei Bedarf direkt ins Becken abwarfen. Gerne durfte man dem behäbigen Bademeister bei deren täglichem Herausfischen behilflich sein.  Für die Schulkinder der Umgebung war das Gelände, mit seinem für damalige Verhältnisse beachtlichen  Sportangebot,  jedenfalls der perfekte Sommernachmittags-Traum.

 

An der Endstation der „zahnlosen“  Strassenbahnline 40, die sich allerdings vor allem bei nassem Herbstwetter schon etwas mühen muss, um dort hinauf zu gelangen, lagen bis vor kurzem adressengerecht die  Herbeckstuben. . Hier fanden stets verschiedene Familienfeste, der Leichenschmaus für vormittags am nahen Friedhof Beerdigte, Vereinsfunktionen, Seniorenfeiern uvm. statt.  Heute ist es nicht mehr der wienweit bekannte Ausflugsgasthof, sondern einfach ein gern besuchtes Restaurant für Berufstätige, junge Familien  und Senioren aus der nahen Umgebung  und heißt knapp  Herbeck.  Wer war dieser Herr Beck ?  Johann Ritter von Herbeck  war im dritten Viertel des 19.Jahrhunderts eine zentrale Persönlichkeit des Wiener Musiklebens und fünf Jahre lang Direktor der Hofoper. Das war eine relativ lange Amtszeit, denn in Wien gilt dieser Job als Schleudersitz. Selbst Herbert von Karajan hielt es nur 8 Jahre in dieser Stellung aus und wollte sich danach den Kampf mit der Wiener Administration nicht mehr antun.

 

Einer der wenigen Wiener Geigebauer residiert musikgerecht in der Herbeckstraße. Ebenso hat Gersthof auch einen Burgtheaterdirektor  zu bieten  Die Thimiggasse, die parallel zur Czartoryski- und Herbeckstraße  vom Platzl Richtung Schafberg verläuft, erinnert an die Schauspieler-Dynastie gleichen Namens, vor allem an Hugo Thimig.

 

Er war Schauspieler, Burgtheater-Direktor und später im Ensemble seines Schwiegersohnes Max Reinhardt an der Josefstadt tätig. Aber auch an seine Geschwister Helene und Hermann Thimig. Diese Familie hatte am Höhepunkt ihres Wirkens etwa den gleichen Stellenwert wie heute die Hörbigers. Attila Hörbiger und Paula Wessely sah man oft in der Privaten Volksschule des LaSalle-Ordens in der Scheidlstraße, wo sie ihren heute erwachsenen und auf der Bühne etablierten Enkelkindern gerne beim Theaterspielen zusahen.

 

 

Wo Salieri erneut auf Amadeus trifft

 

Geläufiger als Herbecks Name ist uns heute der Venezianer Antonio Salieri, der  in Gersthof bloß eine recht kurze Gasse bekommen hat. Der vielseitige Komponist und Musikpädagoge ist als vermeintlicher Rivale von Mozart vor allem in die Filmgeschichte eingegangen und war Gründungsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde Wiens, heute als Veranstalter der Neujahrskonzerte weltweit bekannt. Und der ehrwürdige Kapellmeister  trifft hier auch wieder auf Amadeus. Konkret eine vor 5 Jahren  gegründete International School for Music and the Arts, einer von zwei europäischen Stützpunkten der globalen Nobel-Schulstiftung aus Singapur. Neben intensivem Musikunterricht  in der Stadt Schuberts, Brahms’, Mozarts und Beethovens und regelmäßigen Konzertreisen inner- und außerhalb Europas wird  hier für die SchülerInnen aus mehr als 40 Ländern  auch ein Abschluss zum Internationalem Baccalaureat mit Sprach-, Kommunikations- und Management- Schwerpunkten angeboten.

 

Das Institut nutzt derzeit zwei Pavillons des sogenannten Semmelweis-Areals und ist im Begriffe, sich weiter auszudehnen. Vom „Gersthofer Schloss“, das hier im 18.Jahrhundert als Nachfolgebau des erwähnten Gerstlerhofs errichtet wurde, gibt es keine Spur mehr und auch das „Zentralkinderheim“ hat an Bedeutung verloren. Seit fast 100 Jahren ist in dem parkähnlichen Areal  jedoch Wiens bekannteste Gebärklinik untergebracht. Der ungarische Professor Ignaz Semmelweis wurde als  Arzt und Geburtshelfer bekannt, der richtungsweisende Erkenntnisse zur Vermeidung des Kindbettfiebers lieferte. Bis 2000 befand sich am Standort auch das Charlotte Bühler Kinderheim,  benannt nach der im selben Fach tätigen Gattin des Psychologen Karl Bühler.

 

Wer in der mit rosa blühenden Kastanienbäumen geschmückten Allee wohnt, die parallel zur Herbeckstraße zum Schafberg emporsteigt und mit Bastiengasse Postadresse der Amadeus School ist, muss damit rechnen, häufig falsch beschriftete Kuverts zu erhalten. „Das muss doch Bastian heißen“,  ist der vorherrschende Gesamteindruck deutschsprachiger Briefschreiber. Doch Karl Bastien stammt aus einer französischen Architektenfamilie und war mit seiner Amtszeit  von 1860 bis 1888 der bekannteste und am längsten dienende Bürgermeister der Gemeinde.

 

Früher floss nahe der Bastiengasse  der Dürrwaring-Bach vom Schafberg Richtung Innenstadt. Wie der Name andeutet, kein besonders eindrucksvolles  Gewässer, aber offenbar mitbeteiligt an der Namensgebung des Bezirks Währing. Er ist heute eingehaust und  nur an einigen Stellen sichtbar, etwa am obersten Ende der Bastiengasse und im Semmelweis-Areal.

 

Die historisch-sezessionistische   Dürwaring-Brücke stammt aus 1910, überspannt die Scheibenbergstraße und verhilft so der Bastiengasse zu einer Fortsetzung vom Semmelweis-Areal bis hinauf zu den Schafberger Schrebergärten. Der eindrucksvolle Ausblick von der Bücke nach Norden reicht zum Kahlenberg und Leopoldsberg, nach Süden nur bis zu den Villen und Hügeln des  Nachbarbezirks Hernals. Imposant sind vor allem die großen Betonkugeln als Verzierungen des Brückengeländers aus dem gleichen Material, die allen Bemühungen von Kindern, sie wegzurollen oder hinunter zu stoßen, seit Jahrzehnten stets standgehalten haben. Die abwechslungsreiche Bastiengasse mit gediegenem Villenbestand ist auch als Kulisse für Filmserien in Wien sehr gefragt.

 

 

Frische Kuhmilch vom Stall

 

Mehrere weitere Gersthofer Familiennamen sind erwähnenswert. Der Name Scheidl gehört zu einer alteingesessen  Fuhrwerkerfamilie, die auch ein historisches Haus in der Herbeckstraße besaß, heute Hauptquartier des Johanniter-Rettungsdienstes. Auch mehrere Speditionen waren in Gersthof angesiedelt.  Ein Vertreter der Scheidl-Dynastie war einflussreiches  Redaktionsmitglied in einer der wichtigsten Wiener Zeitungen.

 

Dem Bezirksrat Leopold Rosenmayr ist ein kleiner Park vor dem Gersthofer Friedhof gewidmet. Ein sogenannter „Beserlpark“, wie die Wiener sagen, weil ein kleiner Besen genügt, ihn vollständig zu säubern, Der Milchbauer und Milchmeier hatte seine Kühe in der Schalkgasse 4 stehen.  1945/46, als keine Milchlieferungen vom Land nach Wien erfolgten, wurde er zum Retter vieler Kleinkinder, denn er ließ nur ihnen die Milch seiner Kühe zukommen. Das Futter für die Kühe mähte er selbst mit der Sense auf dem Schafberg, im  Pötzleinsdorfer Park und den Hausgärten der Umgebung.

 

In der Nähe des Parks liegt in der Herbeckstraße das  sogenannte 100er-Haus. Bekanntheit hat es vor allem kurz nach dem Kriegsende erreicht und wurde  damals stets angestrebt von allen Hausfrauen, weil es als einziges Gebäude in der Umgebung einen direkten Brunnen besaß. Eine verlässliche lokale  Lösung für die allgemeine Wasserversorgung, wenn es mal im öffentlichen Netz einen Ausfall gab.

 

Großflächiger ging Molkereibesitzer  Anton Partik 1913 sein Unternehmen an. Er betrieb im Westen Wiens rund 50 Filialen und ausgeliefert wurde die Milch mit speziellen Pferdefuhrwerken, die stark an die Münchener Brauerei-Logistik im vorigen Jahrhundert erinnerten. Das frühmorgendliche Geklapper der Hufe war für alle Bewohner der Herbeckstraße der effizienteste Wecker, den man sich vorstellen konnte.

 

Das Hauptgebäude der „Alpenmilchzentrale“ befand sich knapp unterhalb der Herbeckstraße 100. Das Partik- Milchgeschäft im gleichen Block Ecke Erndtgasse wurde bis in die 80er Jahre mit ernster Miene von Herrn Bald als „männliche Milchfrau“ betrieben. Dann kamen drei Versuche, den Standort als Pizzalokal zu etablieren. Der erste scheiterte, weil das Personal verkleidete Kroaten und keine Italiener waren. Der zweite Besitzer fokussierte zu stark auf Fisch, der dritte professionell gestaltete Anlauf entwickelte sich allerdings zum Volltreffer.

 

Das Monte Rosa wird von einer Familie aus Sardinien betrieben und es ist fast zu schade,  dort bloß Pizza oder Pasta zu bestellen. Wolfsbarsch und Goldbrasse  sind im Ofen delikat  zubereitet, die sardischen Spezialitäten nicht zu verachten und von den Schweinsmedaillons in Gorgonzolasauce und der Piccata Milanese schwärmt man nicht nur in Währing. Gerne darf man hier mit den Besitzern auch authentisch sein Italienisch aufpolieren.

 

Mehrere ausländische Stützpunkte sind im Bezirk ansässig. Die stattliche ehemalige Partik-Villa in der Naaffgasse ist heute Sitz der Ukrainischen Botschaft. Und dann gibt es da einen wichtigen  Zugang aus Italien, denn gegenüber der einstigen Molkerei hat sich die bekannte Kaffeerösterei Francesco Illy aus Triest  mit einem Vertriebs- und Schulungszentrum niedergelassen.  Die Familie ist auch Gründerin der Università del caffè.  Moderne, bestens geschulte Baristas kommen somit  (auch) aus Gersthof, um die Kaffeekultur auf der ganzen Welt zu pflegen und weiter zu entwickeln.  

 

Wir sind wieder bei der Endstelle der Linie 40 in der Herbeckstraße gelandet und haben nun die Wahl, mit dieser Straßenbahn zu unserem Ausgangspunkt am S-Bahnhof Gersthof  zurückzukehren oder den Zwischenstopp auszudehnen, über den erwähnten Schönbrunner Graben zum Gipfel des Schafbergs und weiter durch den Wienerwald zu wandern. Um die richtige Entscheidung zu treffen, sollten wir allerdings bei der  Illy-Akademie oder beim Herbeck oder beim Bäcker Mayer (alle knapp 50 m von einander entfernt)  vielleicht zunächst  mal Kaffee trinken  - einen Türkischen, eine Wiener Melange oder einen rassigen Espresso. Einverstanden ?

 

 

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Der Autor wurde in der beschriebenen Klinik geboren und lebt seit Jahrzehnten in einem Haus in der Straße genannt nach dem berühmtesten Bürgermeister von Gersthof.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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