Caitleen Bree

Seelenwanderung

»Hallo Omi!«
Leise betrete ich den Raum. Die einzige Antwort, die ich bekomme, ist das Piepsen der Herzfrequenz. Wie immer in den letzten Tagen. Ich setze mich an das Bett meiner Oma und greife nach ihrer Hand. Es ist schwer, die ganzen Geräte, Kabel und Schläuche zu übersehen.

Wie jedes Mal, wenn ich sie besuche, habe ich erst mal einen Kloß im Hals, doch dann beginne ich zu erzählen. Ich erzähle ihr vom Tag und was derzeit in ihrem geliebten Garten alles wächst und gedeiht. Ob sie mich versteht? Die Ärzte wissen es nicht genau, sagte man mir. Bisher konnten die Komapatienten nach dem Aufwachen nichts darüber berichten. Doch ich glaube daran, dass das Unterbewusstsein etwas wahrnimmt. Wie in einem Traum vielleicht, an den man sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnert. Und so erzähle ich weiter. Tatsächlich erhöht sich manchmal die Herzfrequenz. Ob sie vielleicht gerade innerlich lacht? Das wäre schön, denn meine Oma lacht so gern.

Normalerweise ist ihr Haar hier immer mit einem Netz geschützt. Heute nicht. Mit meiner Hand streiche ich durch ihr schneeweißes Haar, welches einen wunderschönen natürlichen Schimmer hat. Andere ältere Frauen lassen sich extra silbern tönen. Meine Oma braucht das nicht. Früher war ihr Haar rabenschwarz, bis es sich in ein strahlendes Weiß wandelte. Nur ihre Augenbrauen nicht. Behutsam fahre ich mit einem Finger über die kleinen schwarzen Härchen.

»Weißt du eigentlich, dass ich dich dafür beneide?«, frage ich sie lächelnd. »Bei mir habe ich doch tatsächlich schon ein graues Härchen in meinen Brauen gefunden! Warum bleiben meine nicht so dunkel wie deine? Reicht doch schon, wenn man ewig Haare färben muss, oder? Vielleicht habe ich später aber mal dein schönes Weiß. Schließlich scheine ich deine dunklen Haare geerbt zu haben.«

Ob ich tatsächlich einmal ihr Weiß haben werde, wird sie wohl nicht mehr erfahren. Meine Oma ist 88 Jahre alt. Der Gedanke, welche Dinge sie alle nicht mehr erleben wird, stimmt mich traurig. Als sie noch bei Bewusstsein war, fragte sie jeden Tag nach ihrer Urenkelin. Meine kleine Tochter. Was wohl aus ihr mal wird, fragte sie sich so oft. Sicher wird sie mal eine hübsche junge Dame, meinte sie. Unwahrscheinlich, dass sie es je erfährt.

Schnell wische ich mir eine Träne fort. Ich möchte nicht, dass meine Oma meine Traurigkeit spürt.
»Bis morgen dann, Omi.« Sanft küsse ich sie auf die Stirn und verlasse die Intensivstation.

Ich schlage den Weg zu ihrer Wohnung ein. Dort angekommen gehe ich in den Garten. Mein Blick fällt auf die extremen Wucherungen des Unkrauts. Das zu beseitigen wird eine hervorragende Ablenkung sein, denke ich und mache mich an die Arbeit. Ganz vertieft rupfe ich das Unkraut aus und befreie das Beet von alten klebrigen Blättern.

Plötzlich bemerke ich einen Zuschauer. Ein kleines Rotkehlchen sitzt auf dem Zaun und scheint mich zu beobachten. Ganz still hockt es dort. Nicht so wie die flatterhaften Meisen und Spatzen, die hier auch regelmäßig vorbei fliegen.
»Na du«, begrüße ich das Vögelchen. Ich lache leise, als es den Kopf schief legt, als ob es mir tatsächlich zuhören würde. Eine Weile beobachte ich das kleine Wesen. Meine Oma hatte mir mal von einem Rotkehlchen erzählt, das immer auf dem Zaun sitzt, wenn sie im Garten ist.
»Manchmal glaube ich, dass das dein Opa ist, der mich da beobachtet. Aber so was gibt es ja nicht«, sagte sie mir mal lachend.
»Warum nicht?«, erwiderte ich damals. »Die Vorstellung ist doch sehr schön.«
Im Wohnzimmer höre ich mein Handy klingeln. Ich gehe hinein und schaue aufs Display.
»Ja, Mama?« Ich höre meine Mutter weinen. Ich erstarre, denn ich ahne, was passiert ist.
»Die Klinik rief gerade an«, sagt meine Mutter mit erstickter Stimme. »Oma ist endgültig eingeschlafen.«

Nachdem ich wieder aufgelegt habe, gehe ich wie betäubt zur Kommode, wo meine Oma Familienbilder aufgestellt hat. Ich greife nach einem wunderschönen Bilderrahmen in antikem Silber und setze mich damit in den Garten. Es zeigt ein Foto von meiner Oma und mir, als ich noch ein kleines Kind war.
Ich lasse meinen Tränen freien Lauf und freue mich, dass sie friedlich eingeschlafen ist. Ich glaube fest daran, dass der Übergang für sie wunderschön war. Mein Opa war einige Jahre, bevor er verstorben war, schon einmal am Rande des Todes gewesen. Es war so leicht, erzählte er später. Sein Leben sei in Bildern an ihm vorbeigezogen. Seine Kindheit, die seiner Kinder und seine Lieblingsorte, wie die kleine Bucht am Mittelmeer, wo er so gerne in Urlaub fuhr. Eine Blumenwiese habe er gesehen, aufsteigende Luftballons und ein wunderschön helles Licht. Doch er hatte all seine Kraft zusammengenommen und war noch einmal umgekehrt. Ich empfand diese Worte von ihm immer als sehr tröstlich und hoffe, dass auch meine Oma diese Erfahrung hatte. Wie mag der Übergang in die andere Welt wohl sein? Empfindet man Angst? Oder einen ganz besonderen Frieden in sich? Erleichterung? Denkt man an die, die man zurücklassen muss?

Mein Blick fällt auf den Zaun, wo immer noch das kleine Vögelchen sitzt. Plötzlich flattert ein zweites Rotkehlchen herbei und setzt sich ebenfalls auf den Zaun. Sie berühren sich kurz mit ihren Schnäbeln und schauen dann mit schief gelegten Köpfchen zu mir herüber.

Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.

»Hallo Omi«, sage ich leise.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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