Hartmut Wagner

Noch einmal auf den Poppo hauen

Der Besuch war fällig. Magda hatte im Februar 2012, vor 6 Monaten, ihren
96. Geburtstag gefeiert, in bester Form, soweit das in diesem Alter noch
möglich ist, eine schöne Feier, Kaffee, Kuchen, Lieder und Ansprachen.

Leise rieselte draußen der Schnee und Magda freute sich auf ihren
hundertsten Jubeltag. Die vier Jährchen bis dahin würde sie schon auch noch
überstehen. Das war sicher. Fit wie sie war, aber klar doch!

lm Mai schlug das Schicksal zu. Die Greisin stolperte unglücklich über eine
Treppenstufe in ihrem gepflegten Steingarten. Sie schlug mit dem Kopf auf
einen gewaltigen Sandsteinfindling. Der Zusammenprall mit der bizarren
Naturskulptur verursachte eine Gehirnerschütterung. Magda musste zur
Beobachtung ins Schwerter Marienkrankenhaus, alles nicht weiter schlimm.

Als ihr Sohn Heiner, 72 jährig, Rentner und unverheiratet, nachmittags
während der Skatrunde im Landgasthof Hiddemann vom Unfall seiner Mutter
erfuhr, verließ er unverzüglich das Restaurant. Er suchte das Einfamilienhaus
auf, in dem er zusammen mit seiner Mutter lebte. Es liegt am Südrand
Ergstes zwischen Schwerte und Letmathe neben der B 236 und nah beim
Ergster Gefängnis. Zur Zeit steht es leer.

Der Sohn fühlte sich unwohl und war wegen seiner Mutter sehr besorgt.
Plötzlich packte ihn der heftige Schmerz einer Herzattacke. Heiner starb.
Magda zog nach der Genesung ins Altenheim. lhre jüngere Tochter konnte
sie nicht bei sich aufnehmen. Die Ältere war bereits verstorben. Und ohne
den Sohn allein zu Hause zu wohnen, das ging über ihre Kräfte.

Ödipus Lustig erfuhr erst im Juli, wie es um eine der einst besten
Freundinnen seiner Mutter stand, die bereits 1986 verstorben war.
Beide Frauen, so genannte "Kriegerwitwen", kannten sich lange Jahre
hindurch, feierten gemeinsam Geburtstage und Karnevalssitzungen,
verreisten zusammen nach Borkum und Norderney, halfen bei den
regelmäßigen Weihnachtsfeiern der Arbeitenıvohlfahrt und den Maifeiern der
SPD in der Turnhalle der Ergster Grundschule, fuhren zu gemeinsamen
Kuren nach Bad Pyrmont oder Bad Oeynhausen und zogen im Sommer
frühmorgens ihre behäbigen Schwimmrunden durch die Fluten des Ergster
Elsebades.

Lustigs Mutter groß, kräftig, vital und extrovertiert, Magda
damenhaft, schlank, zäh, lebendig, etwas zurückhaltend, bei näherer
Bekanntschaft jedoch durchaus aufgeschlossen, beide humoıvoll und mit der
Fähigkeit begabt, über sich selbst zu lachen, verstanden sich ausgezeichnet
und lebten Ödipus beste menschliche Werte vor: Freundschaft,
Anhänglichkeit, Verträglichkeit und Treue.

Er mochte Magda sehr und immer, wenn er sie in der Wohnung seiner Mutter
beim Kaffeetrinken, Rommé- oder Bridgespiel mit anderen Freundinnen oder
in Magdas Wohnung traf, um dort seinen AWO-Beitrag vorbei zu bringen,
unterhielt er sich gern mit ihr über dies und das, Gott und die Welt. Beide
nahmen sich auch gegenseitig gern auf den Arm, mit dem, jenem oder einem
anderen Scherz.

Auch Heiner und Lustig sahen sich des Öfteren. Der Sohn kassierte nämlich
die Beiträge für die AWO und übte daneben noch einige andere Ehrenämter
aus, die kein Geld, aber viel Arbeit und eben noch mehr Ehre einbringen.
Deswegen kam er überall in Ergste herum, und galt als gute Seele der
unterschiedlichsten Vereine. Traf er Ödipus nicht in seiner Wohnung an, bat
er ihn telefonisch, den Beitrag bei Loni abzuliefern. War Lustig zuhause, lud
der ihn zu einer Tasse Kaffee oder einem anderen Getränk mit
Studentenfutter, Schokolade oder sonstigen Leckerbissen ein.

Dann betratschten die zwei ungefähr eine Stunde lang gemütlich und lang
und breit die neusten Dorfereignisse. Sie redeten darüber, wer gerade
gestorben war, wer oder wen seine Frau geschlagen hatte und wem sie
davon gerannt war, warum der Handballverein HVE schon wieder nicht in die
Bezirksliga aufsteigen würde oder weswegen der Fußballverein SGE wie
immer auch in dieser Saison im farblosen Mittelfeld der Kreisliga B West
herum dümpelte. Manchmal wandten sich die beiden Freunde auch der
Politik zu und stellten fest: "Ach, der Schröder und die SPD, die lernen es nie
und der Müntefering, dieser alte Apparatschik, erst recht nicht."

Die abfällig Enıvähnten, immerhin Ex-Bundeskanzler und Vorsitzender der
SPD, wollten eben einfach nicht kapieren, was Heiner und Ödipus schon
längst wussten, dass neben der großen konservativen schwarz-roten
Einbahnstraßenkoalition eine rot-rot~grüne Mehrheit bestand, die
verheißungsvolle Zukunftsperspektiven und die Möglichkeit bot, die schlaue
Machtmutti der Nation Angela Merkel und ihre devote Männerriege ein für alle
Male auszubooten.

Schließlich ging dann der Kassierer und machte sich auf den Weg zum
nächsten AWO-Mitglied. Ödipus begleitete seinen Gast zur Tür und
verabschiedete ihn bis zum nächsten Mal. Heiner besaß nie ein Auto und
erledigte alle seine Gänge zu Fuß. Auch Magda bewegte sich bis ins höchste
Alter stets raschen Schrittes von ihrem etwas abgelegenen Haus ins Ergster
Dorfzentrum oder umgekehrt, was alle Ergster, die sie kannten, und das
waren viele, sehr bewunderten, und zwar zu Recht.

Nun also hatten Ödipus und seine Schwester Roxane beschlossen, Magda in
ihrem katholischen Altenheim an der Letmather Kilianskirche zu besuchen,
um, ja, ganz einfach, bevor es zu spät dazu war. Sie legten die acht
Kilometer dorthin in Lustigs großem blauen Kombi Volfordat zurück, der noch
nicht ganz so alt war wie die Freundin der Mutter. Vorher kauften sie im
Supermarkt Pennlidaldi ein Kilo roter, kernloser Weintrauben und eine
edelbittere Tafel Schokolade mit ganzen Nüssen, um Magda eine kleine
Freude zu bereiten.

Das Altenheim lag in einer gepflegten, hübschen
Gartenanlage, in der viele leere Bänke standen, und bestand aus einem
ansehnlichen Gebäude mit vielen freundlichen Fenstern und Balkonen.
Roxane und Lustig gingen durch die Eingangshalle, fragten nach Magda und
eine sehr nette Altenpflegerin mit polnischem Akzent deutete auf die Galerie
im ersten Stock und einen Gang, der anscheinend zu Magdas Zimmer führte:
"Müssen Sie gehen dorthin. Aber Zimmernummer weiß nicht genau. Fragen
Sie am besten oben noch einmaI!"

Dort kamen die Geschwister an einem Tisch vorbei, auf dem verschiedene
Deckchen mit Namen lagen: Helene Müller, Selma Birkhohl und Magda
Tache. Aha, hier war also der Ort, an dem die Gesuchte ihre Mahlzeiten
einnahm.

Ödipus fragte eine ältere Dame, die auf einem Stuhl in der Nähe saß:  "Schönen guten Tag!
Entschuldigen Sie bitte! Können Sie uns sagen, in
welchem Zimmer Magda Tache wohnt?" Obwohl die Greisin unmittelbar
neben dem Tischset hockte, das den Namen Magdas trug, blickte sie Lustig
samt Schwester verständnislos an, schüttelte den Kopf und meinte
teilnahmslos: "Nein, diese Frau kenne ich nicht."
Roxane antwortete: "Vielen
Dank!", und zu Ödipus gewandt bemerkte sie: "Lass uns am besten den
Gang hinunter gehen! Vielleicht sind da Schilder an den Türen!"
Am Ende des Ganges sahen beide links ein weißes Namensschild: "Magda
Tache". Sie klopften an die Tür und die Freundin ihrer Mutter bat sie herein.

Magda sah sehr, sehr alt aus und ihre frühere Lebendigkeit war ihr abhanden
gekommen. ln dem großen, hellen, bequem möblierten Zimmer wirkte sie
verloren. Es war zum geräumigen Balkon hin geöffnet, auf dem Blumen aller
Farben ihren Sommerduft verströmten. Keine Frage, diese Altenwohnung
erfüllte alle Ansprüche und Magda zeigte sie den Besuchern mit einem
gewissen Stolz, aber eher unachtsam.

Sie lud die Gäste zum Mittagessen ein. Und bald standen die mit ihr wieder
an dem Esstisch. Sie suchte noch schnell die Toilette auf. Roxane nahm am
Tisch Platz, während Ödipus mit Händen und Armen auf dem Geländer der
Galerie lehnte und neugierig hinunter blickte.

ln der Eingangshalle hatte sich eine Gruppe aus zwanzig Rollstuhlfahrerinnen
und Rollstuhlfahrern um eine höchst ansehnliche jugendliche
Krankengymnastin versammelt. Unter 18 Frauen erblickte Lustig zwei Opas.
Die Kursleiterin warf den Teilnehmerinnen und Teilnehmern äußerst elegant
einen roten Gummiball zu, den sie mehr oder weniger geschickt zurück
transportierten. Aber von der Kunst oder Nichtkunst der Zurückwerferin oder
des Zurückwerfers abgesehen, war die junge Frau in der Mitte immer des
Lobes voll:

"Ach Frau Hanstele, wenn ich das so gut könnte wie Sie!" "Frau
Birgel, dass Sie so kräftig werfen! Wer hätte das gedacht?" "Na,
Donnerwetter, Herr Menschel! Passen Sie mal auf, nächste Woche ruft der
Trainer der Nationalmannschaft bei Ihnen anl"
Die Gelobten blieben schweigsam, zeigten aber gelegentlich ein verstohlenes
Lächeln oder setzten ab und zu eine ziemlich zufriedene Miene auf. Ödipus
dachte: "Ja, dies Altenheim macht wirklich einen guten Eindruck! Die Leute
geben sich hier richtig Mühe. Aber trotzdem! Am liebsten würde ich nach
Hause rennen!"

Dann unterbrach Herr Menschel die Lobeshymnen und den Ballreigen. Er
nahm einen Spazierstock, der quer über den Armlehnen seines Rollstuhls
gelegen hatte, in seine rechte Hand und fuchtelte damit wacklig in der Luft
herum. Dann räusperte er sich und setzte zum Reden an. Zur Schönheit in
der Mitte sprach er: "Frau Kohlmann, darf ich Sie bitte etwas fragen?" "Nur
zu, nur zu, Herr Menschel! Tun Sie sich keinen Zwang an!" Erneut zittriges,
aber dennoch entschiedenes Stockgewackel! "Frau Kohlmann, Frau
Kohlmann, ich möchte, ähh, ich wollte, ach was! Quatsch! Frau Kohlmann, darf ich
Ihnen ein Mal auf den Poppo hauen, nur ein einziges Mal?"

Nun, Frau Kohlmann, blieb obzwar sichtlich überrascht, durchaus gelassen:
"Herr Menschel, Herr Menschel! Nein, dürfen Sie nicht, nein! Das ist
schließlich meiner!" Ödipus auf der Galerie hätte bei der Frage fast los
gelacht. Seine ganze Sympathie gehörte Herrn Menschel. Aber die Antwort,
die Antwort! "Ja klar, Herr Menschel, ja klar, von mir aus sogar zehn Mal,
aber bitte nicht so feste!" So hätte Lustig geantwortet.

Zwei Monate nach dem Besuch übrigens starb Magda. Über irgendwelche
Krankheiten gab es keine Notiz im Totenschein. Offensichtlich war sie
organisch ganz gesund gewesen.





 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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