Hans Fritz

Von Raum und Zeit - Geraffte Unendlichkeiten

 

Beliebte Science-Fiction-Serien, die in «unendlichen Weiten» spielen, setzen sich nonchalant über Raum und Zeit hinweg. Lichtjahre schrumpfen auf ein paar Tage zusammen. Allzu irdisch anmutende Abenteuer samt handfesten Auseinandersetzungen und paraphilosophischer Schwadronade werden ins All projiziert.

Eine in den Medien poesielos sachlich praktizierte Bodenständigkeit in Sachen Raumfahrt folgt realisierbarer Technik mit all ihren Tücken. Allein die vielleicht bald mögliche Reise zum Mars entbehrt insofern nicht einer Problematik, als die Astronauten mehrere Monate unterwegs wären.

Die Entfernung der Planeten unseres Sonnensystems vom Zentralgestirn und untereinander sowie die Grössen der Himmelskörper werden im massstabgetreuen Modell auf Planetenwegen dargestellt. Von der Sonne zum Merkur sind es ein paar Meter, zur Erde immerhin 150 Meter. Der als äusserster Planet angenommene Neptun wäre nach viereinhalb Kilometer Wegstrecke erreicht.

So viel in aller Kürze zum Raum. Nun zum Faktor Zeit. Für viele, die stets behaupten nie Zeit zu haben, mag das belanglos sein. Aber schliesslich darf sich auch der zeitmässig Besitzlose mit Reichtum umgeben, und sei es mit Uhren als Prestigeobjekt. Wohl denen, die Zeit und Uhren haben!

 

*Faktor Zeit*

Wie gehen wir mit einer grossen Zeitspanne um? Enorme Zeiträume liegen jenseits unseres Vorstellungsvermögens.

Die ersten Kapitel der Genesis, mit deren Weltentstehungslehren die Bibel beginnt, enthalten zwei Schöpfungsberichte. In der so genannten Jawistischen Darstellung wird zunächst der Mensch erschaffen und im Garten Eden platziert. Die Priesterschrift hingegen setzt ein Urchaos voraus, woraus sich Licht und Finsternis, Erde und Meer absondern, Gestirne und Pflanzen, dann Wassertiere und Vögel, schliesslich Landtiere entstehen. Als Krönung dieser Schöpfung tritt der Mensch auf den Plan, mit dem Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, zu hüten und zu bebauen. Dabei wurde die Erde in sechs symbolischen Tagen erschaffen. Eine Beschreibung, die durchaus im Rahmen menschlicher Vorstellungskraft liegt. Insofern eine einleuchtende Erklärung auf der Basis eines mangels technisch gestützter wissenschaftlicher Methodik zwangsläufig noch dürftigen Wissens.

Auf 6 Tage harter Arbeit folgt ein siebter Tag als Ruhetag (vgl. 2.Mose 34.21; Lutherbibel 1912). Damit wäre unsere Siebentagewoche komplett.

Wenn ein biblischer Tag im reellen Evolutionsgeschehen einem Zeitraum von einigen hundert Millionen Jahren entspricht, so ist das für den Versuch einer wissenschaftlichen Interpretation des Gesamtablaufs der Schöpfung durchaus relevant. Im kosmischen Geschehen ist ein Erdentag so gut wie nichts. Psalm 90.4 bzw. die «Lutherbibel 1912» sagen: «Denn tausend Jahre sind vor dir [Gott] wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.»

Nach einer bis ins Spätmittelalter vertretenen Auffassung betrug das Alter der Erde und damit der Verlauf der Weltgeschichte, basierend auf Bibeltexten, 6000 Jahre. Damals ein nur schwer vorstellbarer, langer Zeitraum.

Versuchen wir die Zeit nicht als physikalische Grösse, sondern als Empfindung zu erleben. Dauert etwas nach unserem Ermessen zu lang, empfinden wir das als eine gefühlte Ewigkeit. Denken wir doch nur an das Wartezimmer beim Arzt, die Warteschleife beim Telefonat mit einer Behörde, das Warten auf einen positiven Bescheid über was auch immer. Wie lange müssen Geschädigte einer Katastrophe auf eine Entschädigung warten! Im Wartesaal des Zeitgeschehens warten wir auf bessere Zeiten.

Vieles vergeht viel zu schnell, z.B. erlebnisreiche Urlaubstage. Der Fluch der Flucht köstlichen Augenblicks. Ästhetik des Augenblicks. Abebben eines freudebefrachteten Glücksmoments, wie nach einem Lottogewinn. Wie heisst es in Tausend und eine Nacht: «Nichts währt so kurz wie die Glückseligkeit». Schillers Verse «O, dass sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe» wird gerne als Hochzeitsspruch zitiert.

Bei vielen Gelegenheiten möchten wir die Zeit, die scheinbar viel zu schnell vergeht, strecken, einen Termin möglichst weit hinausschieben. Beispiele wären ein bevorstehender chirurgischer Eingriff, eine Prüfung, ein lästiger Prozess vor Gericht, eine Zwangsräumung der Wohnung oder des Arbeitsplatzes.

Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit abzulaufen, erlebnisarm, monoton, oft in schwer zu ertragender Einsamkeit. Im Bewusstsein der Endlichkeit des Daseins gilt es die noch verbleibende Zeit sinnvoll auszufüllen. Es sei an Horaz´ berühmtes carpe diem erinnert sowie an Walter Jens´ beherzigenswerte Worte: «Zum Leben gehört das Gefühl der Endlichkeit. Erst die Begrenztheit gibt einem den Impuls, den Tag zu nutzen.»

«Hinauf – hinauf – die Erde flieht / Kurz ist der Schmerz, doch ewig ist die Freude» lässt Schiller Johanna von Orleans ausrufen, als sie todgeweiht niedersinkt. Das ist die Vorstellung einer zeitlosen Vergöttlichung in einer Apotheose. Göttliche Ewigkeit ist zeitlos, der Begriff einer begrenzten, endlichen Zeit wäre widersinnig.

 

*Zugabe*

Kurz vor Weihnachten erscheinen die Dinos

Während der ersten 1,5 Mrd. Jahre der Erdgeschichte existierte auf unserem Heimatplaneten offenbar keine organische Substanz, die als ein lebendes System bezeichnet werden könnte. Allmählich entstanden morphologisch noch primitive Formen, die aber bereits so komplex anmutende physiologische Prozesse, wie die Photosynthese, eingeführt hatten.

Vor 500 Mio Jahren erschienen die ersten Wirbeltiere, vor 250 Mio Jahren die ersten Dinosaurier.

Zum besseren Verständnis kann die geochronologische Darstellung der Evolution in der Form einer Spirale, eines Messstabs, eines Kalenders, oder des beliebten Kreisdiagramms geschehen. Am Metermass würden die Saurier bei 95 cm, im Kalender um den Tag 347, d.h. kurz vor Weihnachten auftreten. Der Mensch tritt an Silvester kurz vor Mitternacht auf den Plan. Im Kreisdiagramm muss er sich mit einem extrem schmalen, kaum erkennbaren Sektor begnügen.

Das Zeitalter der vom Menschen geprägten Zeit wird häufig als Anthropozän bezeichnet, gipfelnd im Römischen Weltreich und seinen Nachfolgeregimen, über Dschingis Khan bis hin zu ErdoKhan. Der Mensch waltet als beherrschender Faktor, alles entweder neu- oder umgestaltend, mit dem biblischen Auftrag zu hüten und zu verbauen (Korrektur: bebauen). Indem der Mensch die Natur verunstaltet, ja zerstört, könnte er das kürzeste aller Erdzeitalter, das Apokalyptozän, einläuten. Die Zeichen mehren sich.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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