Wolfgang Küssner

Treibende Träume

Fratzen. Überall Fratzen. Kiechernde, rülpsende Fratzen. Ein wenig Tier, ein wenig Mensch. Mutationen. Sie wirken bedrohlich. Es ist Nacht. Stockfinstere Nacht. Kein Licht weit und breit. Aber Fratzen, leuchtende Fratzen. Sein Weg geht durch die tiefdunkle Stadt. Die Häuser winklig, schräg, schief gebaut. Nackend läuft er durch diese Szenerie. Fühlt sich bedroht, hilflos, ausgeliefert. Er sieht nur Fratzen, überall Fratzen. In den finsteren Gassen hoert er die Rülpser, vernimmt er das Kiechern dieser Gestalten. Sie verfolgen ihn. Was wollen sie? Er geht schneller. Hoert das makabre „Hi, Hi, Hi“, das widerliche Rülpsen, dreht sich um, die Fratzen verschwinden in kleinen Hausspalten, hinter einem Erker, in einem Spalt. Er geht schneller und schneller und kann sich doch nicht von diesen Verfolgern befreien. Die Bedrohung wird groeßer. Was wollen diese Figuren, diese Mutanten von ihm? Er beginnt zu laufen, hofft, endlich diesen Fratzen entkommen zu koennen. Doch immer wieder hoert er im Rücken das Kiechern, das Rülpsen. Er beginnt zu rennen und die Fratzen rennen hinter ihm her. Eine Mauer versperrt ihm den Weg. Er vernimmt das bedrohliche, das sich permanent nähernde Kichern der Fratzen. Flucht. Wohin? Über die Mauer. Er springt. Es wird still und es wird noch schwärzer als zuvor. Der Sturz in die Tiefe nimmt kein Ende. Er fällt und fällt und fällt. Und - erwacht. Schweißgebadet. Wer, was hatte ihn da in diesem Traum getrieben?

Das Wasser im Hotelpool ist angenehm temperiert. Er schwimmt und schwimmt und merkt das langsame Schwinden seiner Kräfte. Er moechte das Wasser verlassen, doch wo ist der Beckenrand, wo der Ausstieg? Die Nacht ist tiefschwarz. In welche Richtung er auch schwimmt, der Pool scheint gigantisch, grenzenlos. Wind rauht die Oberfläche auf, kleine Wellen schlagen ihm ins Gesicht. Er muß mehrfach Wasser schlucken. Da! Am rechten Bein! Etwas hat ihn berührt. Was war das? Er ist doch allein im Pool. Jetzt erneut ein Kontakt. Fisch, Schlange, Hand, Tentakel? Die Berührungen werden mehr; Schulter, Arm, Kopf, das linke Bein – doch er kann nichts sehen. Er wird kurz unter Wasser gedrückt, muß einiges von dem Nass schlucken. Kommt wieder an die Oberfläche, kann schwimmen, doch wird unruhiger, hektischer. Wieder wird er gepackt und unter Wasser gezogen. Erneut füllen sich Mund und Rachen, muß er widerwillig trinken. Sein Bauch ist voll, doch wo ist der Beckenrand? Sein Bauch wird gleich platzen. Abermals wird er unter die Oberfläche gezerrt, muß er Wasser schlucken. Er moechte schreien, laut schreien, doch die Stimme versagt. Er reißt noch einmal den Mund auf, versucht laut um Hilfe zu rufen. Doch er bleibt wortlos, stumm und – erwacht. Das Hemd klebt auf der nackten Haut. Er hat das Gefühl, dringend Wasser lassen zu müssen.

Vielschichtige, verworrene, bedrohliche Träume der Nacht treiben uns durch den Schlaf, lassen uns schweben, fallen, stürzen, lassen uns am Ende schweißnass erwachen. Da sind Tagträume doch deutlich angenehmer. Sollte man meinen. Wünsche, Ideen, Phantasien geistern durch unsere Hirne, mal realistisch, mal eher utopisch, mal schnell und leicht umsetzbar, mal aufwendig und kostspielig. Schon ist jener Punkt erreicht, wo auch Tagträume zu treibenden Träumen werden. Anders als bei den Nachtträumen koennen die Dimensionen erschreckend, die Bedrohungen ganz real sein.

Da gab es vor vielen Jahren Affen, die vom aufrechten Gang träumten. Nach hunderten von Trainings-Jahren war es ihnen dann endlich gelungen. Heute geben die Nachfolger Milliarden und Abermilliarden an Dollars, Euros oder was auch immer aus, um mit transportabler Internettechnik vor dem Koerper tragend die Rückentwicklung anzutreten. Der Traum war eigentlich Fortschritt. Ihre Träume von neuester Technik lassen sie Tage vor dem Store auf den Verkaufsstart warten. In punkto neuester Smartphones müssen sie die ersten sein, die den Rückschritt vorantreiben.

Der Mensch träumte einst davon, wie ein Vogel fliegen zu koennen, die Welt von oben zu sehen, zu schweben. Erste Experimente mit selbstgebauten Fluggeräten schlugen fehl, doch dann war es soweit. Der Mensch konnte abheben, fliegen, Grenzen, Meere überwinden. Kaum war er dazu in der Lage, entwickelte er Bomber, die ihre toedliche Fracht schneller in die Einsatzgebiete bringen konnten; entwickelte er Fluggeräte, die nicht mehr für Menschen, sondern gegen sie gerichtet waren. Diese Drohnen koennen ihre Waffen nun ferngesteuert auf die Opfer abschießen. Auch dahin koennen Träume treiben. Und wenn Internethändler demnächst mit Drohnen die Zustellung von Paketen durchführen, koennte der Luftraum in Ballungsregionen verdammt knapp und vom Surren der Minirotoren verschmutzt werden. Der Traum von einem Anti-Drohnen-Spray wird in den Koepfen kreisen, zur Realisierung treiben.

Menschen sehnen sich nach dem, was sie nicht haben. Es muß sich dabei nicht unbedingt um das Haus, das Auto des Nachbarn handeln. Wir kennen Tannen und Tulpen und sehnen uns nach Palmen und Orchideen. Wir haben Schnee und Kälte und suchen Sonne und Wärme. Wir sind hellhäutig und geben vieles für ein wenig Bräune aus. Dieser Reigen ließe sich lange fortführen. In Thailand zum Beispiel ist es in vielen Punkten umgekehrt: Man moechte gern einmal Schnee berühren, Tannen und Tulpen sehen. Wer es sich erlauben kann, hat gegen die Wärme eine kühlende Klimaanlage und schützt die Haut vor Bräunung. Nicht nur das, es wird sehr viel Geld investiert, ausgegeben, um mit entsprechenden Cremes die Haut aufzuhellen. Die Flächen zur Präsentation sogenannter Whitening Cremes sind in den vielen Supermärkten um ein vielfaches groesser, als jene Flächen für Sonnenschutzmittel. Schoenheits-OPs korrigieren Mandelaugen und Stupsnäschen. Aussehen wie ein Westler. Treibende Träume Richtung Portemonnaie.

Hätten Adam und Eva seinerzeit etwas überlegter gehandelt, sich nicht von der Schlage verführen lassen und sich damit einen Verweis aus dem Paradies eingehandelt, wäre vielen Millionen Menschen die Suche nach diesem Paradies erspart geblieben und die Tourismusbranche hätte eine ganz andere Entwicklung genommen. Wenn es sie denn überhaupt gäbe. Das Verhalten von Adam und Eva läßt sich nicht revidieren; Neckermann und TUI, Thomas Cook und all die anderen Reiseveranstalter werden es ihnen – hoffentlich - täglich danken. Die Urlaubsmaschinerie mit ihren ausgetüftelten Offerten versucht unseren Tagtraum vom Garten Eden zu befriedigen. Und bei der Realisierung dieser Träume sollen Menschen schon in den Ruin getrieben worden sein. Da sag einer, Tag-Träume seien weniger bedrohlich, als jene Bilder, die uns nachts klitschnass aus dem Schlaf treiben.

August 2016

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