Karl-Heinz Fricke

In einer Bergwerksstadt nahe der Hudson Bai



                                            
                                              Ins nördliche Manitobaland
                                              in das ich einst mich selbst verbannt.
                                              Wo Elch und Bär zu Hause sind
                                              und wo man reiche Erze find.
                                              Das Nordlicht schwebt grünviolett 
                                              und wo die Sonn' geht früh zu Bett.
                                              Wo dünn und hart der Stamm vom Baum
                                              und  Wölfe stehn am Waldessaum.
                                              Im Juni schmilzt der letzte Schnee
                                              und auch das Eis auf Fluss und See.
                                              Wer arbeitslos, der zieht nach dort
                                              fürs täglich Brot am kalten Ort.


Es war sehr kalt in Winnipeg, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba, als wir dort als Neueinwanderer am 12. Dezember 1956 eintrafen. Ohne die Bürgschaft vom Bruder meiner Frauwäre es damals nicht möglich gewesen und es wurde uns erklärt, dass wir keinerlei Ansprüche an den Staat zu stellen berechtigt wären. Es war mir jedoch freigestellt einen Job zu finden. Ich begab mich auf das Arbeitsamt, und ich muss hier einflechten, dass die Deutschen so kurz nach dem Kriege in Kanada  nicht sehr freundlich angesehen wurden. Mein Schwager dolmetschte und es wurde ihm erklärt, dass man zur Zeit nicht einmal genug Arbeitsplätze für Kanadier habe.In Hinsicht auf die überaus kalten Winter in der Prairieprovinz wurden viele Arbeiten eingestellt und die Beschäftigten bezogen bis zur Wiedereinstellung Stempelgeld. Das dauerte manchmal bis zum April und im Oktober begann man wieder abzulegen. Zur Zeit unserer Ankunft gab es in Winnipeg zudem einige Streiks, die die Situation noch verschärften. Bis zum April waren wir deshalb voll auf den
Schwager angewiesen, der einen festen Job in einer Bäckerei hatte. Ich fand dann durch die Unterstützung eines netten Kanadiers einen festen Job in einer Speditionsfirma.  Englisch hatte ich fleißig gebüffelt und es genügte für meinen neuen Job. Der karge Verdienst ermöglichte es jedoch, uns selbst zu verpflegen. Für andere Anschaffungen konnten wir auch etwas zur Seite legen. Meine Frau ging hausputzen bei reichen Familien für fünf Dollar pro Tag. Wir waren nach einem Jahr in der Lage eine Wohnung zu mieten und langsam ging es aufwärts. Nach mehreren Versprechungen meinen Lohn zu erhöhen, die allerdings nicht eingehalten wurden, verließ ich schließlich die Firma und wurde von einer anderen einige Tage später eingestellt. Allerdings wurde ich dort Ende November im Jahre l961 vorläufig entlassen und man eröffnete mir, dass es wahrscheinlich bis zum März dauern würde, dass man mich wieder einstellen könne. Ich suchte ohne Erfolg fieberhaft nach anderen Beschäftigungen  bis zum Ende des Dezembers. In der Zeitung erschien ein Stellenangebot, dem ich nachging und eingestellt wurde. Diese Stellung verschlug mich in den hohen Norden der Provinz, in der es eine seit wenigen Jahre eine brandneue Stadt gab, die Thompson heißt.  Man hatte dort massive Nickelvorkommen entdeckt und die International Nickel Company hatte damit begonnen, diese reichen  Erze abzubauen. Auf dem Werksgelände befand sich außerdem eine Refinery mit Aufbereitung und eine Hütte neben anderen wichtigen Werksgebäuden. Mein neuer Job hatte allerdings nichts mit der Ausbeutung der Erze zu tun, obwohl ich als ehemaliger erfahrener Bergmann auf der Stelle eingestellt worden wäre. Ich war Angestellter einer Winnipeger Firma, die einen Kontrakt mit der Bergwerksgesellschaft hatte. Mein Job bestand darin, mit Kollegen für Ruhe und Ordnung im Barackenlager zu sorgen, in dem 2500 Arbeiter beherbergt und beköstigt wurden. Wir waren zur Zeit 14 Mann und arbeiteten in zwei Schichten von je 12 Stunden. Während  fünf Mann den Tagesdienst versahen, waren die restlichen neun im Nachtdienst. Besonders abends und in den Nächten wurden stündlige Runden durch das Lager gemacht. Auf Einzelheiten möchte ich nicht eingehen und nur andeuten, dass es dabei nicht immer friedlich zuging. Die Nationalitäten waren ein großes Gemisch von Europäern und Kanadiern, wobei die Letzteren nicht die Besten des Landes waren und nirgendswo Fuß fassen konnten. Die Europäer waren fleißig und schickten das meiste ihrer Verdienste nach Europa zu ihren Familien, die später nachkommen sollten. Auch meine Frau und unsere beiden Kinder kamen im Mai des Jahres nach Thompson, wo ich glücklicherweise
eine Wohnung bekommen hatte.

Das Lager war zu der Zeit eine Notwendigkeit, denn in der Stadt lebten hauptsächlich nur die Beamten und verschiedene Angestellte des Bergwerks.  Wegen der kärglichen Löhne und Gehälter waren im Lager  Unterkunft und Beköstigung  frei. Das galt auch für unsere Einheit.  Rings um Lager und Werksgelände war noch urwüchsige Wildnis. Ein Dutzend Bären und viele Raben wurden zu ständigen Besuchern, die sich in einer Waldlichtung über die vielen täglichen Essensreste stürzten. In der wenigen Freizeit hatte man Gelegenheit an mehrere Seen zu fahren, um in den Sommermonaten zu baden und zu angeln. Die unberührten Seen waren sehr fischreich. Hechte wurden meistens wegen der vielen Gräten wieder frei gelassen. Gefragt waren die gut schmeckenden Zander.  Sehr bald war ich im Besitz eines Motorbootes, um in dem großen See mit vielen Inseln herum zu fahren und an Wochenenden lagerten wir auf einer Insel mit einem sandigen
Strand. So schön die kurze warme Sommerzeit war, so grausam waren die Herbst- und Wintermonate. Anfang
September gab es oft schon den ersten Schnee und am Ende des Monats war es auch schon mit dem
Indianersommer vorbei obwohl immer mehr Indianer aus ihren Reservaten die Stadt aufsuchten und das staatliche Getränkegeschäft ansteuerten,um ihre staatlichen Gelder wieder dort hinzubringen,woher sie gekommen waren. Ich hatte früher alle Bände von Karl May gelesen und mir die Indianer als edle Menschen vorgestellt. Der weiße Mann hat den Indianern nicht nur Land und Lebensweise genommen, sondern auch ihren Stolz und hat sie alkoholsüchtig und zu verlumpten Bettlern gemacht. Dieses trifft jedoch nicht auf alle zu, die heute als ‘Mitglieder der ersten Nation’ bezeichnet werden müssen. Zu der Zeit meiner Ankunft in Kanada war es den Indianern nicht erlaubt in eine Bar oder in einen Bierparlor zu gehen. In Winnipeg besuchten sie die  kostenlosen Suppenküchen und wie schon erwähnt, verbrauchten sie ihre Gelder für Alkohol, und wenn diese aufgebraucht waren, bettelten sie die Passanten an. In den Reservaten errichtete die Provinzregierung wetterfeste Häuser für sie. Nach einer Weile waren diese nur noch armselige Hütten. Zerbrochene Fenster, verheizte hölzerne Fussböden und verschmierte Wände fanden die Beauftragten immer wieder vor. Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen waren keine Seltenheit, während die Erwachsenen alkoholabhängig  umher torkelten. Die Regierung machte alle Anstrengungen, besonders die Jugendlichen zu schulen um ihnen einen Weg in das kanadische Leben zu bahnen. Einiger Erfolg war zu verzeichnen, diese jungen Menschen zu integrieren. An den älteren Jahrgängen waren derartige Versuche fruchtlos. Viele neue Generationen sind notwendig,die Indianer in das kanadische Völkergemisch einzugliedern.

Im Frühling des Jahres l964 übernahm die Stahlwerker Gewerkschaft die Vertretung der Arbeiter,die bis dahin einen Stundenlohn von $1.50 erhalten hatten. Die Company hatte zu der Zeit große Nickelvorräte gelagert und lehnte alle Forderungen der Gewerkschaft ab. Dieses führte zu einem Streik, der nach  viermonatlicher Dauer große Veränderungen mit sich brachte.. Das Lager wurde geschlossen und abgerissen. Für alle  Arbeitgeber gab es in der Stadt keine Wohnmöglichkeiten. Nur bewährte Bergleute und Handwerker mit Familien konnten in der Stadt untergebracht werden. Schon während und vor dem Streik hatte man in Voraussicht große Wohnblocks errichtet. Für die anderen  Arbeiter, die nicht untergebracht werden konnten, wurden Sonderzüge eingesetzt, die sie nach Süden beförderten. Auch für unsere Einheit fing ein neues Kapital an. Das Lager existierte nicht mehr und unsere wegen des Streiks auf 35 Mann erhöhte Einheit wurde auf ein Minimum reduziert. Ich war in der Zwischenzeit befördert worden, und wir verbliebenen 12 Mann kontrollierten neben anderen Arbeiten an den Werkstoren die Ein-und Ausgänge der Arbeiter am Zugang zum Werk. Im Laufe der nächsten Jahre wurden mehrere Gruben erschlossen und neue wichtige Werksgebäude in Angriff genommen. Unsere Einheit wuchs auf 42 Mann an. Für die Projekte im Werk wurde eine Baufirma  mit vielen verschiedenen Handwerkern und Arbeitern  engagiert. Dieses erforderte neue Unterbringungsmöglichkeiten für etwa 200 Personen. Diesesmal wurde in der Stadt, ausserhalb des Werkes, ein Trailer Park  mit fahrbaren Metallgebäuden errichtet, die jeweils 40 Leute unterbringen konnten. Da zugleich mehrere Bergleute eingestellt werden mussten, wurden noch mehr solcher Trailer dazugestellt. Ich war inzwischen zum Leiter unserer Einheit befördert worden und wegen meiner Erfahrungen im alten Lager wünschte das Werk, dass ich meinen Dienst im neuen Lager machte, während ein anderer nach den übrigen Plätzen zu sehen hatte.

Meine Frau bekam eine Anstellung im Verwaltungsgebäude des Werkes in der Einkaufsabteilung. Als wir aber nach  fast 17 Jahren und  dem 50. Lebensjahr zustrebten, entschlossen wir uns dem harschen Klima des Nordens zu entfliehen. Die Stadt war inzwischen auf 25000 Einwohner angewachsen und  als die Erzvorräte immer mehr zu Neige gingen und die Nickelproduktion des Werkes sehr eingeschränkt worden war, sank die Einwohnerzahl Thompsons in kurzer Zeit erst auf 15000 und dann auf 12000 Einwohner zurück. Die International Nickel Company verkaufte schließlich ihr Werk an eine argentinische Gesellschaft. Meinen Erkundigungen zufolge haben sich hauptsächlich Indianer in den sehr verbilligten Wohnungen nieder gelassen und die Gefahr besteht, dass Thompson zu einer Geisterstadt wird. Für andere Industrien ist die Gegend aus klimatischen Gründen nicht geeignet, zumal die Beförderung lebenswichtiger Güter sehr teuer ist und schon immer war. Vielleicht waren es verlorene Jahre für uns  einen Teil unserer besten Jahre dort zu verbringen. Die Kompanie in Winnipeg, bei der ich zuletzt gearbeitet hatte, forderte mich noch zwei Jahre danach auf doch nach Winnipeg  zurückzukommen und versprach, dass ich nie wieder in den kalten Monaten abgelegt würde. Noch heute denke ich darüber nach, ob es gut gewesen wäre es zu tun.    
Karl-Heinz Fricke  28.4.2017

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