Sven Eisenberger

Wenn das alle machen würden...

Sprach eine: “Du bist nicht zum zweiten Treffen unseres Arbeitskreises erschienen, oder habe ich dich übersehen?” Antwortete einer: “Mich zu übersehen, fällt den meisten Menschen nicht ganz leicht, also gehe mal davon aus, dass ich tatsächlich nicht anwesend war! Nach dem ersten Treffen war für mich bereits klar, dass ich mir ein zweites oder drittes schenken kann, denn worauf das dürftige Ergebnis des ebenso zeitraubenden wie leicht durchschaubaren Verfahrens hinauslaufen würde, konnte dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen.”
Empörte sich anschließend selbige: “Na sag´ mal, wenn das alle machen würden, dann würden wir hier kein Stück vorankommen.”
Erklärte sich selbiger: “Wenn das alle machen würden…, würdest du mich jetzt wohl kaum ansprechen, oder präziser: Du würdest mich dann in gleicher Weise ansprechen, weil ich dann ganz sicher erschienen wäre, also nicht das gemacht hätte, was alle anderen (nicht) getan hätten. Apropos Sinnhaftigkeit: Gefällt dir eigentlich das Wort Doppelhaushälfte?”
Erwiderte eine resigniert: “Hä? Bist Du noch bei Trost?”

Hier besteht offenbar ein Grundkonflikt, den schon Kant, der dieser konditionalen Eröffnung wohl Pate gestanden hat, in all seiner imperativen Absolutheit nicht lösen konnte: Ich wage es nicht nur, zu denken, sondern auch meinem Denken gemäß zu handeln. Das ist die Maxime, die ich gern zum allgemeinen Gesetz erhoben wissen möchte, mithin hoffend, dass eben dieses alle machen werden. Sobald ich das tue, werde ich jedoch genau dafür angemacht, gleichwohl hoffend, dass ein Jeder seinem Denken gemäß das Richtige tut.
Ist es etwa vernünftig, etwas nicht oder gegen seine Überzeugung zu tun, nur damit am Ende alle es nicht tun? Ich werde den Verdacht nicht los, dass der kategorische Imperativ nur etwas für Schafe oder allgemein Herdentiere und Schwarmwesen ist. Wenn ich mich dafür entscheide, dass alle ihren individuellen Kopf gebrauchen sollen und ich womöglich mit nur wenigen das gelobte Land des Konsensus erreiche, gefährde ich dann die Gemeinschaft oder gar den Weltfrieden?
Leider wird der popularisierte Kant ausschließlich im Sinne einer kruden Verhaltensvorschrift benutzt, um den Adressaten auf sein vermeintliches Fehlverhalten hinzuweisen. Mit gleicher Berechtigung kann man ihn aber auch positiv wenden, mit zielutopischem Gehalt und als Appell der Leidenschaft verstanden: Wenn alle sich zu denken getrauten und ihr Handeln denkend legitimieren könnten, dann müssten wir vielleicht nicht solche Angst davor haben, anders zu sein und möglicherweise, weil dissidierend, allein dazustehen.
Was oftmals den Anschein einer elitären Attitüde, eines selbstautorisierten Privilegs hat, ist doch tatsächlich nichts weniger als die folgerichtige Umsetzung der ebenfalls Kantischen Aufklärungsmaxime, dass ich es wage, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen und eben nicht eines fremden, dessen Postulat ich blind folge. Ich kann nur dann Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehmen, wenn ich eben nicht dem Handlungsvorbild anderer nacheifere. “Wenn das alle machen würden...” ist aller Alltagserfahrung nach die Losung all jener, die Nonkonformismus nicht dulden, dafür aber Denkverbote installieren wollen. Volkspädagogen aller Couleur oder besser intellektueller Blässe erheben mahnend ihre käsigen Zeigefinger, wohl unwissend, dass der halbe Kant eben nur der halbe Kant ist, was nicht weiter störend wirkt, solange es nur ihren anti-intellektuellen Interessen dient. Die absurde Semantik der “Doppelhaushälfte” hat zweifelsfrei längst das Denken in deutschen Landen ergriffen und zur Erstarrung verurteilt.

“Wenn alle so etwas schrieben...”, hätte ich es mir sicher noch einmal überlegt, doch vielleicht könnten wir uns endlich von dieser geistigen Doppelverglasung befreien und uns das Licht der Aufklärung schließlich doch mal wieder freikörperlich (und -geistig) auf den Pelz scheinen lassen
.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Sven Eisenberger).
Der Beitrag wurde von Sven Eisenberger auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

wechselhaft heiter bis wolkig von Horst Rehmann



"wechselhaft heiter bis wolkig“ spricht Gemüter an, die durch Humor
des Lebens die leichtere Seite betrachten lässt. Über 190 unterschied-
liche Geschichten, Gedichte und Weisheiten mit gekonnter Poesie im
Wortschatz durchzogen, bringen auch Ihre Gehirnzellen zum nachden-
ken und setzen einen humorvollen Impuls. Humorvoll, nachdenklich,
poetisch, heiter – ein echter Rehmann eben, unverkennbar und einzig-
artig, wie der Mensch selbst. Ein wahrer Künstler im Wort, der dem
Individuum an sich viel zu geben hat. Er schenkt Ihnen Gute Laune,
die sich so ganz nebenbei ergibt, indem Sie die Zeilen lesen, während
Sie gerade noch über die Poente grübeln. Tun Sie sich etwas buchstäb-
lich Gutes und vergessen Sie nicht, dass man sich niemals traurig
fühlen kann, wenn heitere Worte Ihre Gedanken anregen…

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Skurriles" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Sven Eisenberger

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Querelles von Sven Eisenberger (Mensch kontra Mensch)
Bayr. Konjunktiv & Grammatik von Paul Rudolf Uhl (Skurriles)
Alles über Schlemils oder Männer, Männer, Männer von Martina Wiemers (Liebesgeschichten)