Marcus Olivier

MIETENDRIN - Geschichten aus der Gartenstadt Kapitel 4

Kapitel 4
 

Größte Wut dank Nesselsud

Nachdem die umsichtigste Ehefrau von allen und ich inzwischen die Gewohnheit entwickelt haben, unser Gartenteil vor allem dann zu nutzen, wenn die Luft buchstäblich rein war, haben wir eines Abends also unser Grün umgehend bezogen nachdem wir feststellten dass Manfred Liebelts alter Astra die Straße verließ. Ein ungestörter Abend, mitten in der Woche im Hochsommer.

Das Leben kann so schön sein!

Ein paar routinierte Handgriffe, fertig gedeckt ist der Tisch: Ein kühler Prosecco, dazu ein leichtes Carpaccio mit einem frisch erstandenen Olivenciabatta… Ah!
Und das alles ohne neidvollen Blick von links, der die neugierige Frage stellt, welche fremdartigen Gaumenfreuden da die Tafel schmücken; keine fliegenden Flexfunken, die uns Gras und Füße versengen – einfach mal ausspannen und einen netten Abend genießen.

Kaum habe ich den ersten Bissen im Mund, bemerke ich den strafend-skeptischen Blick der feinfühligsten Ehefrau von allen.

„Hast Du nicht gesagt, Du hättest heute noch nichts weiter gegessen?“
„Aber ja, mein Täubchen. Warum fragst Du mich das?“
„Weil ich mir nicht erklären kann, welche nicht mehr ganz frische Kohlspeise solche üblen Blähungen bei dir verursachen können!“
„Aber ich habe doch wirklich…“
Jetzt konnte auch ich den soeben beschriebenen Lufthauch aufnehmen und legte die Gabel nieder. Suchend schaute ich mich um nach Flocke, unserem Hund, damit ich eine entsprechend scharfe Zurechtweisung an den Gas erzeugenden Vierbeiner richten konnte. Flocke war außer Sichtweite, vermutlich in ihrer Gartenhütte.

Sollte etwa das teure Filet fürs Carpaccio nicht mehr… Nasentest: Nein. Nicht Schuldig, Euer Ehren.
Na wenn schon. Irgendwo in der Straße scheint ein ewig Gestriger noch immer nicht an die Vorzüge der Kanalisation zu glauben und ließ offensichtlich gerade seine Sickergrube leeren.
Ich teilte meine wissenschaftliche Erkenntnis meiner Lebenspartnerin, der tiefsinnigsten von allen, mit.

Hast Du mal auf die Uhr gesehen?“, war ihre prompte Entgegnung, „Welche Grubenentleerung kommt denn um Neunzehn Uhr Zwanzig?“

Eins zu Null. Die Wahrscheinlichkeit war gering.

Noch immer ein Geruch, der selbst einem hartgesottenen Kriminalisten die Lebensfarbe aus dem Tatortgesicht treiben würde. Inzwischen fing Flocke in der Hundehütte an zu jaulen.
„Zum Henker! Was in aller Welt stinkt hier so?“
„Pssst!“ Die vorsichtigste Frau von allen warnte mich mit verschwörerischem Gesichtsausdruck.
„Sag, mal, vor drei Minuten ist doch Nele Schulz bei sich da vorn rumgegeistert!“
Ich zuckte fragend die Achseln.
„Ja und? Meinst Du, die hat Durchfall und traut der Spülung in ihrem Klo nicht über den Weg?“

Die erfahrenste Ehefrau von allen zog die Augenbrauen hoch.
„Wer weiß. Aber ich sage mal, dass es erst angefangen hat zu stinken, als die Schulz hier aufgetaucht ist.“

Das Zwei zu Null bahnte sich mit Riesenschritten an.
„Aber die stinkt doch nie im Leben! Nicht so lange sie noch so lebendig ist!“, gab ich zu bedenken.

„Ich sitze ja mit meinem Rücken zu ihr,“ flüstert mein Schatz, der größte, der je gelebt hat. „Was macht sie denn?“

Sie läuft mit einer Gießkanne über Ihren Rasen“, antwortete ich und hielt mir dabei die Nase zu. Wenn dieser olfaktorische Angriff noch länger andauerte, würde sich schon bald ein farbvoller Mageninhalt mit süßlich – fauligem Geruch auf unserem Grün dazu gesellen.

Wir beschlossen, die Mahlzeit zu verschieben. Flocke zog sich tiefer in ihre Hütte zurück und verkroch sich unter dem darin befindlichen Schafsfell.

Zum Glück trug ich grüne bis beige Kleidung, die mir ein unentdecktes Taktieren im heimischen Pflanzbereich gestatten würde.

Vorsichtig kroch ich an die vor sich hin summende Nachbarin, die mit einem krächzenden Singsang ihre Gießkanne über einige Pflanzen ausgoss.

Der Geruch wurde stärker, keine Frage.
Ich würgte und mir wurde schwindelig. Während die nahende Ohnmacht mir die notwendigen Überlebenssinne betäubte, nahm ich mir vor, beim Online Armeeversandhandel gleich nachher noch eine Gasmaske zu bestellen.
Unbemerkt robbte ich mich voran und vernahm einen kalten, unangenehm aromatisierten Strahl kühler Flüssigkeit auf meinem Schädel.

Herr Nachbar! Huch! Noch so spät unterwegs? Und das in meinem Gebüsch? Kann ich Ihnen helfen?“

Verdammt! Nele Schulz hatte mich entdeckt und entleerte mit Unschuldsmiene den restlichen Inhalt ihrer Gießkanne auf meinen im Unterholz geduckten Schädel.

Guten Abend, Frau Schulz!“ Ich tat einfach so, als hätte ich sie zuvor gar nicht bemerkt.
„Ich suche die Kontaktlinsen, wissen Sie?“
„Ach? Siiie haben Kontaktlinsen? Ich habe Sie immer nur mit Brille gesehen!“

Der Gestank kam aus der Gießkanne. Also jetzt viel mehr von meinem Haupte.
Ich würde eine Kopftransplantation in Erwägung ziehen müssen.

„Nein, ich nicht, aber meine Frau.“
„Ach ja, ich weiß, na dann viel Glück! Aber passen Sie auf, dass Sie nicht meine Jungpflanzen beschädigen, jaaa?“
„Jaaaa, neee, nein. Kriegen die von Ihnen eine Sonderbehandlung? Es riecht so… aromatisch!“
„Aaaaach, das haben sie schon bemerkt?“ Die alte Nebelkrähe brachte Tonhöhen zustande, die Gläser noch in zweihundert Metern Entfernung zum Bersten bringen mussten.
Nachricht am mein Gedächtnis: Morgen unbedingt Nachrichten hören.
„Das ist ein altes Hausrezept: Brennnesselsud!“
„Nein,“ röchelte ich aus einem vernebelten und nur noch instinktiv arbeitenden Unterbewusstsein,
„das ist sicher kein Blut…“
„NES-SEL-SUD!“ jetzt war die Tonlage wieder ins ganz normale, schulzmäßige Hexenniveau gerutscht.
„Ich gieße alle zwei Tage Wasser auf gerupfte Brennnesseln. Dann wartet man ein paar Tage und das gezogene Wasser wird dann zu einem wertvollen Sud, der wie Dünger auf die Pflanzen wirkt und Schädlinge vertreibt.“

Das war es also! Jetzt, wo ich die teuflische Rezeptur kannte, nahm ich das Aroma von verfaulten Brennnesseln eindeutig war. Die olfaktorische Konsistenz würde ich als eine Mischung zwischen Durchfall, Erbrochenem und Tee beschreiben. Tee war eigentlich zu nett, aber das kam mir nun mal als erstes in den Sinn.

Aha.“ Ich überlegte mir eine diplomatisch – ehrliche Antwort: „Aha. Jaaa.“
Na, ist schon gut. Sie dürfen gerne auch was davon für Ihre Pflanzen nehmen! Ich habe als Rentnerin ja Zeit, um immer mal einen neuen Sud aufzugießen!“
Jaaaa. Danke, Ach! Da ist ja die Kontaktlinse!“

Ich gab vor mich zu freuen und hob einen Mistkäfer auf, den ich triumphierend in die Höhe streckte.
„Der kleine Schlingel!“
Ich konnte der morbiden Versuchung nicht widerstehen, am Mistkäfer zu riechen.

Verglichen mit Nele Schulz‘ Höllenbräu hatte der kleine Kerl ein Bad mit Eau de Cologne hinter sich.
„Aber ist ganz schön geruchsintensiv, oder?“

Ach was, nach ein paar Jahren merkt man das gar nicht mehr. Und die Pflanzen danken es einem doch reichlich.
Kann es denn etwas Schöneres geben, als eine gedeihende Wiese zum Erholen?“

Nele Schulz verdrehte ihre Augen, aber nicht ganz so weit, wie die Meinigen noch von einigen Sekunden ihre Umlaufbahn umrundet hatten.

„Na dann, schönen Abend noch Frau Schulz.“
Ich erhob mich und kam schließlich zum Stehen. Vorsichtig peilte ich meinen Rückweg an. Die unauffälligste Ehefrau von allen saß am Tisch und tat so als hätte sie vom ganzen Intermezzo überhaupt nichts mitbekommen.

Obwohl die heraufziehende Nacht sich fast völlig windstill ankündigte, war nach nur zwei Stunden der Geruch der Brennnesselspezialbehandlung kaum mehr wahrnehmbar.
Wir verbrachten einen besinnlichen, aber nunmehr appetitlosen Abend in unseren Gartensesseln und beobachteten verzückte Fliegen, die auf einem köstlich angerichteten Carpaccioteller ihre Eier ins Fleisch legten.

Als der Motorenklang eines 2002er Astramodells mit kaputtem Auspuff in der Straße röhrte und schließlich unmittelbar vor unserem Grundstück Halt machte, standen wir auf und beschlossen nach oben zu gehen.
Flocke bekamen wir nach nur vierzig Minuten aus der Hundehütte – mit viel Gebettel und bestem, unversehrten Rinderfilet.

Inzwischen folgt sie uns sogar wieder freiwillig in den Garten.
Und irgendwie müssen wir immer grinsen, wenn sie Frau Schulz anknurrt – auch wenn wir sie danach scheinheilig ausschimpfen.

Schade, dass sie die alte Sudhexe noch nicht gebissen hat.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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