Diethelm Reiner Kaminski

Die Maibaum-Affäre

„Hat Mami, ich meine, als du sie kennengelernt hast und ich noch nicht auf der Welt war, auch einmal einen Maibaum von dir gekriegt?“, fragte Janine.

Janines Vater antwortete nicht, aber Janine wollte es jetzt genau wissen: „Hat sie oder hat sie nicht?“

„Eigentlich nicht.“

„Was soll das heißen eigentlich nicht? Also nicht? Und warum nicht? Habt ihr euren Freundinnen damals noch keine Maibäume geschenkt?“

„Doch, aber Mami mochte keine Maibäume.“

„Das verstehe ich nicht. Alle Mädchen freuen sich, wenn sie einen Maibaum geschenkt bekommen.“

„Aber Mami nicht. Ihr taten die jungen Bäume leid, die zum 1. Mai in Massen gefällt wurden, nur damit sie ein paar Tage an den Hauswänden stehen und dann vertrocknen. Sie sagte immer: Deine Liebe kannst du mir auch anders zeigen.“

„Und wie hast du sie ihr gezeigt?“, war Janines Neugier geweckt.

„Ich habe sie ins Kino eingeladen.“

„Wie romantisch. Da hat sich sie sich bestimmt gefreut. Und in was für einen Film seid ihr gegangen?“

„Das weiß ich doch heute nicht mehr. Aber damals waren die italienischen Wildwestfilme besonders beliebt. z. B. ‚Spiel mir das Lied vom Tode‘.

„Und solche Filme hat Mami gerne geguckt?“

„Ihr war das egal. Sie ist sowieso in jedem Film eingeschlafen. Ich musste sie immer wecken, wenn der Film zuende war. Und anschließend habe ich sie zum Essen eingeladen.“

„In ein romantisches Restaurant mit Kerzenlicht und leiser Musik?"

„Nun, das eher nicht. Weißt du, romantische Restaurants mit Kerzenlicht waren auch damals schon sehr teuer, da sind wir eher in einen zünftigen Imbiss gegangen und haben uns Currywurst und Bier schmecken lassen.“

„Und das hat Mami gefallen?“

„Sie hat sich jedenfalls nie beklagt.“

„Ist sie deswegen von dir weg?“

„Weswegen?“

„Weil sie immer Westernfilme gucken und Currywurst essen musste? Und Bier trinken.“

„Quatsch, manchmal hat sie auch ein halbes Brathähnchen und eine Apfelschorle bestellt oder Wiener Schnitzel mit Pommes und gemischtem Salat.“

„Bei Kerzenlicht?“

Janines Vater blieb die Antwort schuldig. Er fühlte sich zusehends unwohler in Janines Kreuzverhör.

„Dann ist sie doch weggegangen, weil sie nie einen Maibaum bekommen hat.“

„Hat sie doch.“

„Von dir?“

„Von mir nicht, weil sie ja nie einen haben wollte. Von anderen Freunden. Wir waren doch noch gar nicht verheiratet. Einmal hat sie sogar drei auf einmal bekommen.“

„Da hat sich Mami bestimmt riesig gefreut.“

„Eher nicht.“

„Und warum nicht?“

„Weil ich sauer war.“

„Weil du ihr keinen Maibaum geschenkt hast.“

„Weil ich eifersüchtig war. Und weil ich nicht wusste, wen sie mehr lieb hatte, mich oder einen von den anderen.“

„Ich hätte den Mann mit dem schönsten und größten Maibaum am liebsten gehabt.“

„Mami hat zum Glück nicht auf solche lächerlichen Äußerlichkeiten geachtet.“

„Wollten die anderen Freunde Mami denn nicht heiraten?“

„Ich denke schon, aber Mami wollte sich nicht so früh binden, sie wollte erst ihr Studium abschließen.“

„Und als sie fertig war?“

„Da waren die Freunde alle schon verheiratet.“

„Und da hatte sie nur noch dich?“

„Mag schon sein. So genau weiß ich das aber nicht mehr.“

„Und Maibäume hat sie dann auch keine mehr gekriegt?“

„Wie oft soll ich das noch sagen: Sie mochte keine Maibäume. Und aus dem Alter, wo man solchen Blödsinn mitmacht, war sie dann ja auch schon raus. Aber was ist denn, Janine? Du guckst plötzlich so traurig. Was hast du denn nur?“

„Ich bin traurig, weil ich nicht glaube, dass Mami noch mal zu uns zurückkommt.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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