Engelbert Blabsreiter

Der Hut

John hatte einen langen Tag in seinem Taxi hinter sich und eigentlich war er schon auf dem Weg nach Hause. Aber die Zentrale wies ihm noch einmal eine neue Adresse zu, um einen Passagier aufzunehmen. Die Fahrt lag fast auf seinem Heimweg, so bestätigte er sie über sein Funkgerät und machte sich auf den Weg, zu der genannten Adresse.

Ein alter gebrechlich wirkender Mann auf einen Gehstock gestützt und mit einem Panama-Hut auf dem Kopf, wartete bereits vor dem Haus. John öffnete ihm die Türe um ihm das Einsteigen zu erleichtern und verstaute den kleinen Koffer, den er bei sich trug im Kofferraum. Auf die Frage nach dem Zielort antwortete der alte Mann mit schwacher und heiserer Stimme „in die Franklin Klinik bitte“. Ihm war anzusehen, dass es ihm nicht gut ging und so wollte ihn John während der Fahrt auch nicht mit einem Gespräch belasten.

An der Klinik angekommen, bezahlte ihn der alte Mann und gab ihm ein großzügiges Trinkgeld. John öffnete ihm wieder die Türe, überreichte den Koffer und verabschiedete sich freundlich. So endete Johns Arbeitstag, wie so viele andere, in den letzten 30 Jahren die er bereits als Taxifahrer arbeitete.

Das Geld, das John mit dem Taxifahren verdiente, reichte nur mit Mühe für seinen Lebensunterhalt. So war es in den letzten Jahren nie möglich einen längeren Urlaub oder irgendeinen Luxus zu finanzieren. Oft träumte er davon, endlich einmal eine weite Reise zu machen. Nach Hawaii oder irgendwo in der Karibik an einem schneeweißen Sandstrand am Meer spazieren zu gehen und ins kühlende Nass einzutauchen.

Als er am nächsten Tag wieder in sein Taxi stieg und einen weiteren Passagier fuhr, machte ihn dieser auf einen Hut aufmerksam, der noch auf der Rücksitzbank lag. Sofort erinnerte er sich an den kranken alten Mann, den er am Vortag in die Klinik gefahren hatte. Er würde sicher im Lauf des Tages an der Klinik wieder vorbei fahren und dann könnte er dem alten Mann den Hut vorbei bringen dachte er.

Schon nach kurzer Zeit ergab sich diese Gelegenheit und John schilderte der Dame am Empfang im Krankenhaus die Situation. Er bat sie, ihm die Zimmernummer des alten Mannes zu nennen. Nach einem Blick in ihren Monitor erwiderte die Dame etwas kleinlaut „wissen sie….eigentlich darf ich ihnen das gar nicht sagen, aber der Herr den sie suchen, ist heute früh plötzlich und unerwartet verstorben“. „Er hat keine Angehörigen oder Verwandte benannt bei der Einlieferung. Wissen sie jemanden der sich um ihn gekümmert hat, oder mit ihm verwandt ist?“ „Äh…. nein… ich kenne den Mann nicht erwiderte John“.

Er war wie vor den Kopf gestoßen und verließ das Krankenhaus wortlos. Dabei hatte er gar nicht bemerkt, dass er den Panama-Hut noch in der Hand hielt. Ja… und was sollte er mit dem Hut jetzt machen?

Wie immer um die Mittagszeit, parkte John dann sein Taxi vor dem Bahnhof, um dort auf den nächsten Passagier zu warten. Er legte seine Lehne zurück und ruhte sich während der Wartezeit aus.

Da ihm die Sonne direkt in sein Gesicht schien, nahm er den herrenlosen Panama-Hut und legte ihn als Sonnenschutz auf sein Gesicht.

Wenige Minuten nachdem er den Hut auf sein Gesicht gelegt und die Augen geschlossen hatte, träumte er einen wundervollen Traum. Er schnorchelte mit Taucherbrille in kristallklaren und warmen Wasser inmitten eines Fischschwarms und die Sonnenstrahlen wärmten dabei seinen Rücken. Phantastische Farben umgaben ihn, die Körper der Fische reflektierten blitzend die Sonnenstrahlen und glitzerten in wunderbarer Farbenpracht. Filigrane Korallen, elegant bewegte Wasserpflanzen, schneeweißer Sand, das türkis erscheinende Meerwasser wogte in leichtem Wellengang und massierte ihn sanft. Plötzlich beendete ein mechanisches Knacken seinen Traum. Ein Passagier hatte die Beifahrertüre geöffnet und mit einem lauten „Lincoln Road Nr. 7“ das Fahrziel genannt. John entschuldigte sich wegen seiner Unaufmerksamkeit, warf den Panama-Hut auf den Rücksitz und fuhr sogleich zum genannten Ziel. Vorbei an stinkenden Mopeds, hupenden und vom stockenden Verkehr genervten anderen Autofahrern durch die Betonwüste, der ihm seit vielen Jahren bekannten Innenstadt. An einem Zebrastreifen musste er stehen bleiben. Er sah dabei den gestressten Menschen zu, die hektisch mit vollen Einkaufstüten über die Straße eilten. Wehmütig erinnerte er sich an seinen schönen Traum. An die Ruhe und Geborgenheit im warmen Wasser und in der traumhaft schönen Umgebung.

Aber dafür war jetzt keine Zeit. Der nächste Auftrag wurde ihm zugestellt und kurz darauf, ging es wie gewohnt von einer Adresse zur nächsten.

Für die Mittagspause suchte sich John ein ruhigeres Örtchen und klappte die Rücklehne seines Sitzes nach hinten um ein bisschen vor sich hin zu dösen. Der Panama-Hut hatte ihm ja schon einmal Schatten gespendet, deshalb nahm er ihn wieder mit in sein Fahrzeug und bedeckte damit sein Gesicht.

Kaum war der Hut auf seinem Gesicht, träumte er, wie er auf einen hohen Berg stieg. Der Himmel über ihm war fast kitschig dunkelblau und eisiger Wind blies ihm ins Gesicht. Er war nur noch wenige Meter vor dem Gipfelkreuz und setzte Schritt für Schritt seine Füße in den unberührten Schnee. Unter ihm lagen die Wolken wie weiße Wattebauschen aneinandergedrängt und verbargen Täler und niedrigere Bergspitzen. Weiter entfernt löste sich die Wolkendecke, langsam wie ein weißes Tischtuch am Horizont auf. Beim Blick zurück, konnte er noch Reste seiner einsamen Spur durch das unendlich scheinende Schneemeer erkennen. Am Gipfelkreuz angekommen, begrüßte er dann, mit der flachen Hand den Holzkorpus des Kreuzes und machte sich daran, einen Eintrag in das Gipfelbuch zu verfassen. Ein herrliches Glücksgefühl durchströmte seinen Körper als er am Ziel angekommen war und auf diese wundervolle Welt über und unter sich blickte. Die Sonne verzauberte die Schneekristalle in glitzernde Diamanten und…..

Ein mechanisches Knacken riss John wiederum aus seinem schönen Traum. „Potomac Street 17 bitte“ lautete die gewünschte Adresse, die ihm die ältere Dame, welche gerade auf dem Rücksitz Platz genommen hatte nannte. John war so abrupt aus seinem Traum gerissen worden, dass er erst ein paar Sekunden benötigte um sich wieder zu fassen. Dann legte er seinen Hut auf die Seite und stammelte verlegen etwas wie eine Entschuldigung nach hinten. Er bemerkte nicht, dass es zu regnen begonnen hatte und die Dame sich deshalb, in das in der Nähe stehende Taxi geflüchtet hatte.

Es regnete heftig und der Scheibenwischer raste hektisch über die Windschutzscheibe. Graue Wolken hingen tief über der Stadt und die Leute rannten eilig von einer Straßenseite zur anderen um dem Regen zu entgehen. Ein grausamer Kontrast zu den Eindrücken die er vor wenigen Minuten in seinem Traum sammeln durfte. Das wohlbekannte Brummen seines Dieselmotors und das mechanische Ticken des Blinkers ließen ihn wieder vollständig in der Realität ankommen.

Irgendwie war John über diese wunderschönen Träume verwundert und er fühlte, dass der Panama-Hut den der alte Mann in seinem Taxi liegen ließ, etwas damit zu tun hatte.

Am Ende seines Arbeitstages nahm er den Hut mit in seine Wohnung und begutachtete ihn dort genauer. Er war federleicht und sehr elegant. Aus hochwertigem Toquilla-Stroh gewebt und in Ecuador von Hand gefertigt. Als er das Hutband zurechtschob, bemerkte er einen kleinen Zettel darunter, auf dem ein sehr klein geschriebener Text zu lesen war. John konnte den Text ohne Hilfsmittel nicht lesen, deshalb holte er sich eine Lupe zur Hilfe.

El mundo sea relegato al portador de este sombrero en un sueno“ stand auf dem kleinen Papierstück, mit winzigen Buchstaben geschrieben.

John´s Nachbarin Maria, war Spanierin und übersetzte ihm freundlicherweise den Text. „Dem Träger dieses Hutes, sei im Traum die Welt geschenkt“ „Ich wusste gar nicht, dass du einen Panama-Hut hast, meinte Maria und schenkte ihm ihr vermutlich breitestes Grinsen“.

Er bedankte sich für die Übersetzung und eilte mit dem Zettel in seine Wohnung zurück. Dort legte er sich unverzüglich auf seine Couch und bedeckte sein Gesicht mit dem Panama-Hut. Wenige Minuten später träumte er einen seltsamen Traum. Zuerst roch es etwas streng, dann fühlte er wie er auf einem Kamel saß und durch den heißen Wüstensand geschaukelt wurde. Das Tier wogte ihn in behäbiger Ruhe, aber gleichmäßigen Schrittes langsam vorwärts. Es war sehr trocken und die heiße Luft umströmte ihn wie aus einem Heißluftgebläse. Nachdem sich das Kamel plötzlich auf die Knie nieder ließ und John beinahe vornüber vom Kamel gepurzelt wäre, stand er nun am Fuß einer mächtigen Pyramide. Allein schon die Größe dieses Bauwerks ließ ihn erstaunen. Wie konnte so etwas von Menschen errichtet werden, dachte er. Erst jetzt realisierte John, dass er vor der Cheops-Pyramide stand. Er wusste, dass es verboten war auf die Pyramide zu klettern, aber da er niemanden sah, erstieg er sogleich das imposante Bauwerk. Die Sonne brannte ihm gnadenlos ins Genick und der weiße Stein reflektierte die Sonnenstrahlen auch in sein Gesicht. Als er schweißgebadet die Spitze erklommen hatte und ihm der Blick auf die umgebenden Bauwerke den Atem raubte….

„John…. John….“ Lautes Klopfen an die Wohnungstüre unterbrach Johns Traum. Maria stand vor der Türe und hatte die Lupe in der Hand. „Hallo John“, meinte sie, als er etwas desorientiert die Türe öffnete. „Du hast deine Lupe bei mir liegen lassen….“

Ahhh… Danke Maria, hab ich ganz vergessen stammelte er. Vielen Dank.

Den Panama-Hut hatte er noch in der Hand und jetzt wurde ihm klar, dass er seine wunderschönen Träume dem Hut zu verdanken hatte. Sobald er den Hut auf sein Gesicht legte, drang er in eine phantastische Traumwelt ein und konnte beliebige Orte in der Welt entdecken.

Wie hieß es doch auf dem Zettel unter dem Hutband? „Dem Träger dieses Hutes, sei im Traum die Welt geschenkt“

John und der Hut waren nun ein unzertrennliches Paar geworden. Immer wenn John eine Pause machte, oder nach der Arbeit irgendwo in der Welt Urlaub machen wollte, legte er sich den Hut aufs Gesicht und tauchte in die phantastische Schönheit unseres Planeten ein. So vergingen Jahre um Jahre voller phantastischer Erlebnisse, die er in seinen Träumen erfahren durfte. Unzählige und wundervolle Reiseziele konnte er so erleben. Das Tadj Machal in Indien, die Christusstatue in Rio de Janeiro, die Pyramiden von Palenque in Mexiko. Er konnte über die Golden Gate Bridge in San Francisco gehen, gemeinsam mit Schildkröten auf den Malediven tauchen, die Great Ocean Road in Australien entlangfahren, bei Sonnenuntergang den Eyers Rock bewundern, bei Sonnenaufgang am Rand des Grand Canyons stehen und …. und ….Die Reiseziele gingen ihm nie aus und es hätte noch viele Jahre so weitergehen können, aber… auch Johns Tage waren gezählt.

Er behütete seinen Hut bis zum Schluss wie einen Schatz und bewahrte sein Geheimnis, auch bis zu dem Tag, als er wegen einer schweren Erkrankung ins Krankenhaus musste. Der Taxifahrer der ihn ins Krankenhaus fuhr, war ein junger Mann, der ihn sehr freundlich behandelte. Er verstaute seinen Koffer im Kofferraum und fragte ihn nach dem Zielort. „In die Franklin Klinik bitte“ antwortete John darauf hin. Dann nahm er seinen Hut ab, um ihn auf der Rücksitzbank abzulegen. Er wusste, dass er sich jetzt von seinem geliebten Panama-Hut trennen musste und…..er ließ es geschehen. An der Klinik angegkommen, bezahlte er den Taxifahrer und gab ihm ein hohes Trinkgeld.

Als am nächsten Morgen der junge Taxifahrer den vergessenen Panama-Hut seinem Besitzer zurückgeben wollte, war dies nicht mehr möglich, da John noch in der Nacht gestorben war. Tief betroffen verließ der junge Mann mit gesenktem Kopf das Krankenhaus. Den Panama-Hut trug er in der Hand. Ja… und was sollte er mit dem Hut jetzt machen?

©2017 Engelbert Blabsreiter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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