Sven Eisenberger

Leben und Sterben im Kinderparadies

Welch ein Glück für mich und meine Mitmenschen, dass ich über keinerlei Beziehungen zum illegalen Waffenhandel verfüge! Ich lebe in einem dieser urbanen In-Viertel, in denen Kleinkinder inzwischen zahlreicher sind als Hunde, und das will hier schon etwas bedeuten. Schwer zu sagen, was heftiger aufs Gemüt schlägt: Die Ästhetik gewechselter Plastikwindeln oder die umwelt-politisch korrekter Hundekotbeutel, welche unterschiedlos mit ostentativem Besitzerstolz umhergetragen werden. Kinderwagen-Paraden blockieren jeden verfügbaren Bürgersteig. Wer unbeirrt seines geraden Wegs geht, wird entweder von um den dümmsten Wortbeitrag wetteiferenden Mütter-Geschwadern überrollt oder im glimpflichsten Fall politisch korrekt angepöbelt. Lärmende Berufsväter mit vogelartig tönender Stimme, welche offenkundig eine panische Angst verrät, vielleicht nicht gehört werden zu können – nicht selten missionarisch getriebene Lehrer –, werfen ihrer Brut leicht verdauliche Wissensbrocken in die proklamiert wissenshungrigen Schnäbel, ohne auch nur im Entferntesten den naheliegenden Gedanken fassen zu wollen, dass ihr Fütterreflex den natürlichen Welterkundungstrieb ihrer Zöglinge hemmen könnte. Vielleicht ist das medial verbreitete Schreckensbild von den pädagogisch vernachlässigten Kindern in den sogenannten “bildungsfernen Haushalten” doch erheblich zu relativieren!

Die letzten Meter zum alteingesessenen Bioladen geraten zur Tortur, obwohl mir klar sein musste, dass sich die urbane Gentry hier konzentrieren würde, rettet man durch den “grünen Warenkorb” doch die familiäre Gesundheit und gleichzeitig auch noch die Welt. Einige stützen durch kleinere Ordnungsvergehen zudem aktiv den kommunalen Haushalt, wenn sie ihren Fünfsitzer-Diesel ganz bewusst im Halteverbot abstellen. Man gönnt sich ja sonst auch alles! Selbst dem spirituell hartgesottenen und als Teilzeit-Zyniker durchaus sympathischen Bioladen-Besitzer ist das Leiden am real existierenden Pseudo-Vegetarismus inzwischen anzumerken, da er permanent zur Selbstzensur gezwungen ist, wenn er das ironielegasthenische Mantra des “Wie meinst´en das?´” oder “Wie soll ich das meinem Kind erklären?” vermeiden möchte.
Die Kunden von morgen sind im Alter von zehn Jahren bereits so furchtbar “aufgeklärt”, dass man sich nichts seliger wünscht, als selbst wieder so ein richtiges “Rotzblag” sein zu dürfen, wie es einem in den frühen 70ern zu sein noch hier und da erlaubt war. Alles scheint nur noch mit und im Gleichstrom zu laufen – Wechselstrom kann ja bekanntermaßen lebensgefährlich sein! Bedauerlicher Weise sind die hiesigen Kinderlosen nicht besser, obwohl sie es sein könnten. Man langweilt sich in der lokalen Edelgastronomie und pseudo-mediterranen Weinlokalen, ohne zu bemerken, dass man sich langweilt, weil man sich selbst und Anderen schon längst so unendlich langweilig geworden ist. Gerne propagiert man eine “Kultur des Hinschauens” beim Verzehr eines überteuerten Vino Rosso, solange man nicht wirklich hinschauen muss. Wird den “Phäaken des Westens” einmal das seltene Schauspiel geboten, dass drei Ordnungshüter einen stark alkoholisierten oder “völlig zugedröhnten” Obdachlosen vom wohlbehüteten Siegfriedplatz entfernen, und das mit unverhältnismäßigem Einsatz von körperlicher Gewalt, wendet man sich peinlich berührt ab – und holt die Kinder vom Spielplatz. Das reißt keinen mehr vom Meditationskissen und nächstes Jahr werden sie vermutlich sogar applaudieren!
Man gibt sich nur zu gerne “bunt und weltoffen” und schimpft auf AfDler, aber sobald einem das Subproletariat in den Vorgarten kotzt, kommt ganz schnell die hässliche Visage des Wutbürgers zum Vorschein, nein zum Einsatz. Im Zweifelsfall kann man den Kindern, sofern zum Lebensinventar zählend,
bei dieser Gelegenheit ja eine Lehrstunde in bürgerlicher Zivilcourage vorführen. “So wird das gemacht!” Und zum wahren Kinderhelden wird Papi dann vollends auf der obligatorischen Demo gegen Neonazis, die anscheinend alle Jahre wieder eigens aus fernen ländlichen Dunkelregionen importiert werden müssen, da sie ansonsten im Stadtbild fehlen. Stelle irgendwo einen als solchen erkennbaren Jungfaschisten hin, und du hast binnen kurzem Anmeldungen für drei Gegendemos mit 5000 Teilnehmern vorliegen. Nichts als billige Staatsbürger-Folklore. Wenn es hingegen um Themen wie Abschiebehaft oder faire Löhne für gleiche Arbeit geht - wie sollte man das auch den Sprösslingen erklären? - steht man da verloren mit gerade einmal 50 Leuten. So viel Ignoranz kann man sich leisten - man gönnt sich ja sonst auch alles!

Nein, wahrscheinlich sehe ich das alles völlig falsch: Hier wird echte Toleranz gelebt, hier kann sich der Hartz-IVler noch mit dem Universitätsprofessor über Kunst unterhalten, ohne dass Klassenunterschiede eine Rolle spielen. Man kennt sich vielleicht sogar von früher, und die Lebenswege sind eben divergent. Die “lieben Kleinen” sollen frühzeitig akzeptieren lernen, dass es eben unterschiedliche Lebensentwürfe gibt. Letztlich scheint doch die Sonne für alle! Das Leben kann für alle schön sein, ob Ravioli oder Ruccola – ok, auf Lachsschnitten! Hier geht keiner verloren, Kinder am allerwenigsten, denn auf den frühpensionierten Blockwart im Erdgeschoss und den inter-familiären “neigbourhood watch” ist Verlass. “Das mit Ecki ist bedauerlich, aber der war ja auch irgendwie selbst schuld!” Das medikamentenabhängige, kettenrauchende Computer-Genie, das einst die heranwachsenden Handylinge aus der Nachbarschaft mit den Worten “Ich bin die Firewall für miese kleine Viren wie euch!” aufgeschreckt hatte und seiner Meinung auch ansonsten gerne cholerischen Freilauf ließ, war erst nach zwei Wochen in seiner Wohnung entdeckt worden. Als besondere Note für die Trauerfeier hätte ich mir einen kakophonen Kinderchor gewünscht, aber die Beerdigung im Kleinstkreis fünf besinnlich angetrunkener Abschiedsgäste war eigentlich auch ganz schön.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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