Maike Opaska

Harmonie

Und was bedeutet Harmonie? Eine zarte, zierliche Frau mit verweinten Augen nach vielen schlaflosen Nächten gibt es eines Tages auf, die Welt, ihre kleine miss-fällige Welt ändern zu wollen. Sie geht in den Garten, blickt hierhin und dorthin, prüft Zweige und Blüten und schneidet schließlich weiße Lilien und Büschel lanzenförmiger Blätter. Sie trägt alles ins Haus, legt es auf den Tisch, bleibt lange davor stehen während sich ihr Gesicht entspannt und ihre Hände ganz ruhig geworden sind. Der Raum ist still, nur das Ticken der Uhr ist zu hören und dann, nach langer Zeit beginnt sie aus dem Bündel von Weiß und Grün auszuwählen. Sie nimmt drei Lilien, eine lässt sie lange, die zweite halblang, die dritte schneidet sie etwas kürzer. Dann legt sie um jeden Blumenstiel Blätter, je vier, die längeren nach außen, die kürzeren nach innen und stellt das Gebinde in eine Steinvase. Die hohe Lilie nach rechts geneigt, die mittelhohe nach links und die kurze wieder nach rechts. Als die Frau ihre kleine Tochter bemerkte, die ganz still in einer Ecke saß und sie beobachtete, sagte sie.“ Der hohe Blütenstiel bedeutet – der hohe Himmel, der mittlere, - der Mensch, - und der kürzere bedeutet die Erde. Und diese drei, mein Kind, müssen immer in Harmonie sein.“ „Und was bedeutet Harmonie?“ fragte das Mädchen. „Harmonie bedeutet, in Übereinstimmung mit seinen eigenen inneren Quellen sein“ „Innere Quellen? Was ist das?“ „Das was du tief in dir spürst, wenn du ganz ruhig wirst“- • Das Mädchen dachte nach, verstand aber nicht sorecht und die Frau trat ein wenig zurück, betrachtet noch einmal das Arrangement in der Steinvase mit einem prüfenden Blick, nimmt alles wieder auseinander und beginnt von vorne. Zweimal, dreimal, ihr Gesicht wir immer entspannter, ihre Hände ganz ruhig und endlich war das Gebinde so, wie sie es haben wollte, so wie es sein sollte. Ein Vollkommenes, das dem Menschen gelingt, wenn er sich selbst in seinem Kummer oder Schmerz übersteigt. Als das Mädchen größer geworden war dachte es, dass das Handeln ihrer Mutter Resignation war, dass sie sich mit ihrem Tun einen schützenden Vorhang webte zwischen ihrem verletzten Herzen und der feindseligen Welt. Eine Flucht ins Nichts-Als-Schönes, zurück in die Nichtverantwortlichkeit, in ein Aus-dem-Spiel sein. Später, viel später, als das kleine Mädchen von damals erwachsen geworden war und die Mutter sterbenskrank, erinnerte sie sich daran wie sie die Mutter heimlich beobachtete. Und jetzt sah sie, wie sehnsuchtsvoll Mutter auch jetzt von der Terrasse auf den Garten blickte. So setzte sie ihre blass und schwach gewordene Mutter in den Rollstuhl und fuhr mit ihr hinaus in den Garten. Sie pflückten nun weißen Rittersporn und viele große herzförmige Blätter. Sie legten alles auf den Gartentisch und banden nun gemeinsam einen schönen Strauß nach dem Gesetz der Harmonie. „Und was bedeutet Harmonie?“ fragte das Mädchen von damals. Jetzt weiß sie, daß diese scheue stille Frau, die Mutter immer war, sie lehrte, zu erkennen, daß es dem Menschen möglich ist, aus der Unordnung privaten Leides den großen Schritt zu wagen ins Dunkel, hoffend und glaubend, dass doch alles Verlorene sich wieder findet, alles Abgerissene sich neu knüpft, alles Verwaschene sich klärt und das ewig Ganze sich ahnen lässt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.04.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

Und deshalb schrieb ich diesen Gedichtband.

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