Karl-Heinz Fricke

Bunkersprengung nach dem Kriege


Auf dem Werkshof des Erzbergwerks Rammelsberg stand wie ein Kriegsdenkmal ein Einmannbunker aus Beton. Diese Bunker, in Form einer Litfasssäule, war umgeben von der etwa 30 Meter hohen Aufbereitung mit unzähligen kleinen Fenstern und dem nahen Verwaltungsgebäude.Es war an einem Sonnabend. In der Grube arbeiteten wir an dem Tage nur bis zum Mittag. Der Reviersteiger fragte mich, ob ich am Nachmittag eine ‘kleine Arbeit’ verrichten könnte, die darin bestände, den Bunker zu sprengen. Schon lange war er der Werksleitung ein Dorn im Auge. Die Fronten in Ost und West schienen geklärt und es gab kaum einen Grund dieses Hindernis für eventuelle spätere  Konflikte zu erhalten. Als junger Ehemann und trotz schwerer Arbeit immer schwach bei Kasse nach der Währungsreform, bedeutete das einen Extraverdienst und ich sagte zu. An jenem Nachmittag lag der Werkshof in völliger Stille und auch die Beamten und Angestellten  hatten ihre Büros für das Wochenende bis auf einen Obersteiger verlassen. Dieser sollte sicher machen, dass die Sprengung richtig ausgeführt würde. Allerdings wurden mir keine Vorschriften gemacht, wie ich die Arbeit auszuführen hätte. Da ich mich bis dahin in der Grube an verschiedenen Projekten bewährt hatte, hatte mein Steiger volles Vertrauen in meine Kenntnisse.Während mein Helfer das Gezähe für das Bohren der Löcher herbeischaffte, untersuchte ich die Struktur des Bunkers. Die Betonwände hatten eine Stärke von 15 cm. Ich entschied einen Kranz von 8 cm tiefen Löchern nahe des Bunkerbodens zu bohren und jedes Loch mit einer viertel Donaritpatrone zu besetzen. Meiner Meinung nach sollte es genügen den Bunker nur zusammenfallen zu lassen. Die größeren Betonbrocken würden leicht mit einem Vorderlader zu entfernen sein. Nachdem etwa 10 Löcher gebohrt waren, begann ich mit dem Besetzen. Die bereitgelegten elektrischen Zünder hatten alle die gleiche Nummer. Das meint, die Sprengung sollte gleichzeitig erfolgen. Dann sah ich den Obersteiger gewichtigen Schrittes nahen. Mit gerunzelter Stirn beobachtete er mein Tun für einige Augenblicke und begann dann seine Meinung dazu zu geben. Er belehrte mich, dass Mauerwerk und Beton anders zu sprengen seien als festes Gestein. Wichtigtuend bemerkte er, dass ich das als junger Hauer nicht wissen könne. Das hatte ich jedoch in den Prüfungen gelernt bevor ich Schießhauer wurde und man mir die Arbeit mit Sprengstoffen anvertraut hatte. Nächstens befahl er mir noch einen zweiten Kranz um den Mittelumfang des Bunkers zu bohren und jedes Loch mit einer ganzen Donaritpatrone zu besetzen. Er teilte indes meine Meinung, dass die Sprengung in eins geschehen müsse. Ich glaubte nicht recht zu hören und gab zu bedenken, dass die Wände und Fenster der nahen Büroräume sowie die Fenster und Fassaden der Aufbereitung beträchtlichen Schaden nehmen könnten. Im Beisein meines Helfers erklärte ich, dass er die volle Verantwortung für die Sprengung übernehmen müsse. Er sagte nur: “Gewiss doch”. Gewichtig stolzierte er wieder davon. Wir schauten uns nur an und schüttelten den Kopf. Nach etwa 30 Metern blieb er plötzlich stehen, drehte sich um und kam zurück. Er musste wohl Bedenken bekommen haben. Nun erklärte er, um einen Splitterflug zu verhindern, solle der Bunker mit runden Pfählen umgeben und mit Stahlkabeln befestigt werden. Er schien sich doch nicht so sicher zu sein. Wir taten wie uns geheißen, schlossen dann die Zünder an das Hauptkabel an und gingen zurück hinter eine Ecke. Nachdem ich dreimal “Es brennt” gerufen hatte, drehte ich die Kurbel an der Zündmaschine. Die Stille des Nachmittags wurde durch eine heftige Detonation für Sekunden unterbrochen. Neugierig um die Ecke schauend stellten wir fest, dass vom Bunker nichts mehr zu sehen war. Beim Näherkommen bot sich ein Bild, das an den Krieg erinnerte. Die mehr als vierzig Pfähle lagen verstreut und zersplittert auf dem Werkshof umher. Einer davon hatte ein Bürofenster durchschlagen und lehnte an einem Schreibtisch. Viele Fenster der Aufbereitung an der anderen Seite hatten Druck und Splitterflug nicht standhalten können. Größere Betonstücke lagen nicht herum. Es war ein Bild der Zerstörung. Unser sachkundiger Obersteiger, den wir wegen seines Aussehens ‘Schweinekopf’ nannten, brachte immerhin den Mut auf an den ‘Tatort’ zurückzukehren. Er sagte nur drei Worte: “Oh mein Gott “. Ich wusste gar nicht, dass er so religiös war. Stillschweigend ging er davon. Das Geschehen ging mit Schadenfreude durch das Bergwerk. Die Kumpel uzten mich, ob ich den dritten Weltkrieg auszulösen im Sinn hatte.

Karl-Heinz Fricke  1. Mai 2017

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