Christina Gerlach-Schweitzer

Die wilde Wölfin ( Auch eine Tiergeschichte)

Die Wölfe hatten gefressen und geschlafen und fühlten sich nach langer Zeit endlich einmal wieder stark.
"Zahm", erklärte die Wolfsmutter ihrem Kind, "wird ein Wolf, wenn er zu faul oder zu kraftlos geworden ist, um sich gegen jemanden auf zu lehnen, der sich selbst zu seinem Herrn ernennt. Akzeptiert ein ehemals freier Wolf einen selbsternannten Führer, dann ist aus ihm ein zahmer Hund geworden. So ein Wolf wird sich vom neuen Herren an die Kette legen lassen. Zuerst wird er sich wehren, dann wird er die Bestrafung durch seinen Herren fürchten und später wird er alles akzeptieren, was sein Herr von ihm verlangt, weil er vergessen hat sich zu wehren. Ganz zum Schluss wird er sich einreden, dass er alle Befehle seines Herren freiwillig ausführen würde, aus Liebe zu ihm. Eines Tages wird er dann behaupten, dass er eigentlich nie zum Wolf berufen war, sondern stets zum Hund.
Wenn der Hund bei dieser Rechtfertigung einem Wolf gegenüberstände, dann würde er außerdem noch hinzu fügen, dass er eigentlich niemandem außer seinem Herren Rechenschaft schuldig sei und ob das hier ein Verhör wäre. Schließlich sei das sein eigenes Leben, mit dem er machen könne, was er wolle und er liebe es nun mal als Hund seinem Herren zu dienen. Vielleicht", so erzählte die Wölfin ihrem Welpen noch, "würde der gezähmte Wolf sogar noch hinzu fügen, dass er überhaupt froh sei, dem kargen, ewig hungrigen Wolfsleben entronnen zu sein und  als Hund nun sein geregeltes Auskommen zu haben. Ärger und Arbeit gäbe es eigentlich immer nur dann, wenn die wilden Wölfe in die Schafherden der Bauern einfielen. Der Hund würde bestimmt auch noch erzählen, dass mit dem wachsenden Vertrauen des Herren in seinen Hund der Tag näher rücke, dass ihn der Herr von der Kette nähme. Nach einiger Zeit würde er zum Lieblingshund aufrücken und dann bekäme er regelmäßig die leckersten Fleischbrocken aus der Hand des Herren und er allein dürfe dann die frisch gefangenen Wölfe zur Arbeit abrichten und sie im Dienst für den Herren unterrichten". „Dann“, würde der Hund sagen, „gehorchen die Wölfe mir. Nach solch einer Erklärung würde der Hund den Wolf, dem er alles erklärt hatte, drohend anknurren. Aber seine Eisenkette würde über den kalten Betonboden klirren, auf dem zu schlafen er noch  Jahre gezwungen sein würde".

„Aber wenn er doch vielleicht wirklich glücklich dabei ist,“ jiepte der kleine Welpe,“ hat er dann nicht das Recht zu zu sprechen?“„Natürlich“, sagte die Mutter, „aber dann machen sich diese ehemaligen Wölfe dran und vermehren und vermehren sich aus Langeweile und wegen des Überflusses solange, bis sie aussehen, wie diese krummbeinigen langsamen Dackel über die sich ihre Herren lustig machen. Diese Kinder haben keine Vorstellung mehr davon, wo sie herkommen. Versprich du mir, dass du ein Wolf bleibst. Es ist besser hungrig zu sein, als in Ketten zu liegen und nicht mehr zu wissen, dass man einmal ein Wolf gewesen war.“

 

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