Diethelm Reiner Kaminski

König der Regenwürmer

„Zu Anfang aller Zeiten lebte der König der Tiere, der Löwe, nicht wie heute in der Wüste, sondern im Urwald. Dort lebte er wie im Paradies. Schatten, Verstecke, Fleisch, soviel er wollte, da brauchte er nicht lange zu suchen, nur seinen Rachen aufzusperren. Aber das hat er sich selber verdorben.“

 

Großvater erzählte den gespannt lauschenden Enkeln Ole und Irmi die abendliche Gutenachtgeschichte. Von Löwen und anderem Großwild waren sie mit ihren vier und fünf Jahren besonders fasziniert.

 

„Erzähl, Opa, schlaf nicht wieder ein. Wie geht die Geschichte weiter? Warum durfte er nicht im Dschungel bleiben?“

 

„Weil er sich dummerweise mit einem Regenwurm angelegt hat.“

 

„Mit einem Regenwurm?“, fragte Ole ungläubig.

 

„Jawohl, mit einem Regenwurm“, sagte Großvater, der sich jetzt schnell eine glaubwürdige Fortsetzung der Geschichte einfallen lassen musste.

„Nicht mit einem beliebigen Regenwurm, sondern mit dem König der Regenwürmer. Auch Regenwürmer haben nämlich einen König. Aber das konnte der Löwenkönig natürlich nicht wissen. Und geändert hätte das auch nichts. Denn ein König kann keinen anderen König neben sich dulden.“

 

„Und woran erkennt man den König der Regenwürmer?“, fragte Irmi.

 

„Äußerlich gar nicht, außer dass er vielleicht besonders dick ist, weil ihn seine Untertanen so gut füttern. Erkennen kann man ihn eigentlich nur an seiner besonders vornehmen Sprache. Er drückt sich sehr gebildet aus, mit Fremdwörtern und so. Das war auch der Grund, warum ihn der König der Tiere, der Löwe, nicht gleich verstanden hat.“

 

„Und was hat er gesagt?“, wollte Ole wissen.

 

„Zunächst sagte er nur höflich auf Lateinisch zum König der Löwen: „Quo vadis, domine?“, was so viel heißt wie: „Wohin gehst du, Herr?“, aber der muss das irgendwie falsch ins Ohr gekriegt und gedacht haben, der Regenwurm wolle ihn beschimpfen. Und da brüllte er, dass der Urwald erzitterte und die Affen auf die Bäume sprangen: „Du schleimiges Etwas entweihst meinen heiligen Boden. Ich trete dich zu Brei.“

 

„Und was machte der Regenwurm?“

„Der konnte darüber nur lachen“, denn kaum hatte der König der Tiere, der Löwe, seine gewaltige Pranke erhoben, war der König der Regenwürmer schon unter der Erde verschwunden.

 

„Ich habe auch meinen Stolz“, sagte sich der Regenwurmkönig. „Ich lasse mir von niemandem drohen, auch nicht vom König der Tiere, dem Löwen. Dem werden wir mal zeigen, was eine Harke ist!“

 

„Gibt es im Urwald Harken?“, unterbrach Irmi ihren Opa, der sich so richtig in Fahrt geredet hatte.

 

„Natürlich nicht, niemand weiß, was der Regenwurmkönig genau gesagt hat, ich meine das mit der Harke ja nur sinngemäß. Er wollte dem Löwen halt zeigen, dass er sich nichts von ihm gefallen ließ“, versuchte Großvater sich rauszureden.

 

„Und wie hat der Regenwurmkönig den Löwen aus dem Urwald vertrieben?“, konnte Ole nicht abwarten.

 

„Nicht er, sie.“

 

„Sie?“ platzten die Kinder vor Neugier.

 

„Noch in selbiger Stunde alarmierte der Regenwurmkönig seine Untertanen, alle Regenwürmer des Urwalds, immerhin fünfhunderttausend auf einen Quadratkilometer, und die Maden, Spinnen, Käfer und andere Kleinstlebewesen schlossen sich auch gleich an, und alle waren sauer, weil der König der Tiere, der Löwe, den Regenwurmkönig beleidigt und bedroht hatte.“

 

„Bin ich auch ein Kleinstlebewesen?“, wollte Irmi nun wissen.

 

„Das könnte man so sagen“, entgegnete Großvater, „und ein besonders wissbegieriges dazu.“ Dann fuhr er fort mit der Erzählung:

 

„Für solche eingebildeten Pinsel ist kein Platz in unserem schönen Urwald“, rief der Regenwurmkönig. Der muss verschwinden. Sofort.“

Und sie stimmten ein Höllenkonzert von wüsten Beschimpfungen an, dass dem Löwen die Ohren dröhnten.

 

„Was haben sie gerufen?“ wollten die Kinder wissen, aber Großvater ließ sich nicht erweichen. „Ganz schlimme Wörter, nichts für Kinder unter sechs Jahren. Der Löwe lief, was er laufen konnte, um dem Höllenlärm zu entkommen, aber da konnte er lange laufen.“

 

„Wie lange, Opa?“, insistierte Irmi.

„Ich will nicht lügen, aber drei bis vier Monate bestimmt. Bis er endlich in ein Gebiet kam, in dem es keine Regenwürmer gibt. Und da war es auf einmal so still, dass der König der Tiere, der Löwe, nach langer Zeit endlich wieder richtig schlafen konnte.“

 

„Und warum gibt es dort keine Regenwürmer?“, fragte Ole.

 

„Weil es zu trocken ist, und Regenwürmer brauchen nun einmal Feuchtigkeit. Der Löwe war in einer großen Wüste angekommen. Und dort lebt er noch heute. Kein Schatten, wenige Verstecke, sengende Sonne und Fleisch ist dort auch viel schwerer zu kriegen, so dass selbst der Löwe, der König der Tiere, oft hungrig schlafen gehen muss.“

 

„Wie wir“, sagte Irmi, aber diese Bemerkung kam gar nicht gut an bei Großvater.

 

„Ihr habt euch schon die Zähne geputzt. Ihr habt doch erst vor einer halben Stunde Abendbrot gegessen. Jetzt gibt es nichts mehr zu futtern. Auch keine Schokolade. Jetzt wird geschlafen. Gute Nacht und träumt was Schönes.“

 

„Von Regenwürmern?“, murmelten Irmi und Ole, aber da waren sie fast schon eingeschlafen.

18 - 07 - 2008

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