Heinz-Walter Hoetter

Der junge Rechtsanwalt und das Telefon

Ein junger, frisch zugelassener Rechtsanwalt hat gerade seine neue Kanzlei in einem vornehmen Viertel der Stadt eröffnet. Was ihm jetzt noch fehlt, das ist die gutbetuchte, ratsuchende Klientel.

 

So sitzt er nun schon seit geraumer Zeit an seinem blankpolierten Schreibtisch, kritzelt ein Strichmännchen nach dem anderen aufs Papier, schaut gelangweilt durch das große Fenster hinaus auf den wohlhabenden Stadtteil, aber es tut sich einfach nichts.

 

Hat er sich wohlmöglich bei der Wahl des Standortes für seine Rechtsanwaltskanzlei schlichtweg vertan?

 

Nun, nach Tagen des zermürbenden Wartens erspäht der junge Advokat plötzlich einen gut gekleideten Mann, der auf sein Büro zugeht. Kurz darauf wird tatsächlich die Türklingel betätigt.

 

Eilig steht er auf, begrüsst den Mann an der Tür freundlich, lässt ihn rein und weist ihm vorerst im gegenüberliegenden Warteraum einen Platz zu. Dabei lässt er die gläserne Schiebetür absichtlich weit offen. Dann geht er schnell wieder in sein Büro zurück, nimmt den Hörer seines schnurlosen Telefons in die Hand und tut so, als würde er mit einem seiner Mandanten sprechen.

 

"Bitte entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber jetzt bin ich wieder für Sie da. - Wie bitte? Ja natürlich! Den Fall haben wir praktisch schon gewonnen. Machen Sie sich jetzt also keine Sorgen mehr. Ich bekomme heute noch einen entsprechenden Anruf von meiner Vertretung in Frankfurt, die mir mitteilen wird, wie hoch die ausgehandelte Abfindung sein wird, die wir für Sie erstritten haben. Das Ergebnis wird Sie voll und ganz zufrieden stellen. Sie sehen also, dass ihre Angelegenheit bei uns von Anfang an in besten Händen lag. Meine Kollegen und ich haben übrigens in der Vergangenheit ähnlich gelagerte Fälle immer gewonnen. Mit Stolz verweisen wir überdies gerne auf unsere Erfolge hin. So, wenn es Ihnen recht ist, dann können Sie in den nächsten Tagen außerdem in mein Büro kommen, dann sprechen wir alles weitere noch einmal in aller Ruhe durch. Es geht Ihnen sicherlich auch darum, auf welches Ihrer Konten wir den immerhin ansehnlichen Geldbetrag transferieren sollen. Ich freue mich schon jetzt auf ihren Besuch. Wegen des Termins rufe ich sie später noch mal an. Ist das Ok für Sie? Schön, dann bis bald und auf Wiederhören!"

 

Der junge Anwalt legt mit einem gespielt erfolgreichen Lächeln im Gesicht den Hörer auf, geht in den Warteraum, wendet sich dem neuen Besucher zu und fragt ihn höflich:

 

„Bitte haben Sie ein Nachsehen mit mir, aber ich musste gerade ein wichtiges Gespräch mit einem meiner Mandanten führen. Ich habe ihm die gute Nachricht übermittelt, dass wir den Prozess für ihn gewonnen haben. - Nun, was kann ich für Sie tun?"

 

„Nichts weiter", antwortet der Mann mit ruhiger Stimme und grinst dabei ein wenig. „Ich komme vom Fernmeldeamt und soll ihr Telefon überprüfen. Mein Kollege hat mir erst heute mitgeteilt, dass es offenbar noch nicht angeschlossen worden ist. Haben Sie denn nichts davon bemerkt?"

 

(c)Heiwahoe

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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