Karl-Heinz Fricke

Die Geschichte Goslarer Steiger

Steiger sind Bergbeamte. Nachdem sie auf einer Bergakademie studiert  und auch praktisch gearbeitet haben, müssen sie danach sehen,  eine Anstellung in einem Bergwerk zu bekommen. Genau wie in anderen Berufen, bekommen diejenigen mit den besten Kenntnissen  den Vorzug. Der Steiger ist ein Manager  von einem Teil des Bergwerks. Er wird als Reviersteiger bezeichnet.Nach mehreren Jahren kann er befördert werden und Obersteiger, Fahrsteiger oder gar Grubenbetriebsführer werden. Ältere verdiente Bergleute können als Hilfssteiger oder auch Aufseher, ohne Schulung, bis zu ihrer Pensionierung eingesetzt werden. Im Rammelsberg hatte ich Gelegenheit unter verschiedenen Steigern zu arbeiten. Die Rammelsberger Steiger unterschieden sich untereinander sehr. Sie hatten genau so ihre Macken wie andere Leute auch. Manche waren gute Kumpel und andere dagegen waren hochnäsig und arrogant und immer darauf bedacht, das Gedinge, den Akkordverdienst, zu kürzen, um sich einen guten Namen bei der Verwaltung zu machen. Es war nicht so,  dass   es  durch Fleiss und Können erlaubt war so viel Geld wie man wollte zu verdienen. Dafür gab es eine ungeschriebene Verdienstgrenze und wer die überschritt, dem wurde das Gedinge gekürzt. Der Fleiß wurde so bestraft. Es war eine alte Überlieferung in der Grube, damit kein Bergmann zu reich wurde. Beim Erzabbau wurde man z.B. nach der Tonnenzahl bezahlt und nach der Zahl der Türstöcke, der Holzbauten für die Sicherheit. Die Bergleute rechneten es sich täglich aus, die Verdienstgrenze nicht zu überschreiten. Um nicht zu hoch zu kommen, machten sie  während der Schicht mehrere Ruhepausen. In der Aus-und Vorrichtung in der Schächte geteuft und Stollen vorgetrieben wurden, da wurde die Bezahlung nach aufgefahrenen Metern berechnet. Der Verbrauch des Sprengstoffes wurde in unfairer Weise vom Verdienst abgezogen und deshalb war es unmöglich dabei gut zu verdienen. Wir waren immer in Eile und hatten keine Zeit für Verschnaufspausen. Aber nun zurück zu den Steigern. Einen Obersteiger hatte ich bereits in meiner Bunkergeschichte beschrieben. Mein Reviersteiger war er guter Kerl. Er half mir sehr, als ich neunzehnjährig in der Grube anfing und allein auf einer Sohle arbeitete. Er war es auch, der mich mehrere Jahre später in den Grubenrettungsdienst aufnahm. Willi Selle, ein weiterer Steiger, war ein schlacksiger Geselle, mit dem wir Übertage zu tun hatten, denn der Erzabbau wurde vor der neuen Währung für mehrere Monate eingestellt. Das Erz in zwei großen Lagern wurde immer weniger und man wollte es nicht vor der Währung verkaufen. Es war drei Monate nach meiner Einstellung, als eine Anzahl Kumpel  aus der Grube herausgenommen wurden. Entlassen wurde niemand und es wurden Arbeiten gefunden, um uns zu beschäftigen. Zuerst wurde ein naher Teich entwässert und wir wurden eingesetzt den Teich, dessen Wasser wichtig für das Werk war, zu entschlammen. Das dauerte etwa vier Wochen. Dann wurden wir zur Okerschen Hütte abgeordnet um dort zu arbeiten.
Gebraucht wurden wir eigentlich nicht und der Hüttenmeister wusste anfangs nicht wie uns einzusetzen. Er gab uns einen Zeitrakkord Sinter zu laden und wenn wir täglich 30 Loren gefüllt hatten, dann konnten wir nach Hause gehen. Ich hatte Glück zu dieser kleinen Gruppe, die direkt der Hütte unterstellt war, zu gehören. Nach zwei oder drei Arbeitsstunden war für uns der Arbeitstag vorbei und wir machten uns auf den Heimweg. Das passte  Steiger Selle nicht, der die große Gruppe für andere Arbeiten beschäftigte, die ihre 8 Stunden Schicht machen mussten. Der Hüttenmeister wies alle Ansinnen Selles ab uns auszutauschen. Nachdem wir mit dem Sinteraufladen fertig waren, mussten wir in einer nahen Sandgrube ober Erde abtragen und in den harten freigelegten Sand Löcher bohren und sprengen. Ein Fuhrmann mit Pferd und Wagen erschien dann mehrere Male am Tage. Nachdem wir den Wagen zu viert mit Sand beladen hatten, setzten wir uns in eine geräumige  in den Sand eingebaute Höhle.  Der Sandfuhrmann hatte uns für eine Flasche Schnaps eine Blechtonne und Koks mitgebracht und weil es nass und kühl im Oktober war, hatten wir in der Höhle, in der man nur gebückt stehen konnte, eine wohlige Wärme.  Überraschend  erschien dort Steiger Selle, als wir gerade in der Höhle ruhten. Ironisch meinte er, wir hätten einen gute Zeit. Er war allerdings nicht scheu als Schnorrer bekannt,  vor der Tonne stehend, um  Tabak für seine Pfeife zu betteln. Plötzlich fiel er wie tot um, glücklicherweise nicht gegen die Tonne. Nach einer Weile wachte er auf und rieb sich die Augen. Wir sassen immer hinter der Tonne im Sand und wir wussten zuerst nicht was passiert war. Dann wurde uns klar, dass die Gase vom Koksfeuer unter der niedrigen  Sanddecke der Höhle den Steiger überkommen hatten. Als der Wagen kam und wir ihn vollgeschaufelt hatten, setzte sich Selle neben den Kutscher und wir sahen ihn in der Sandgrube nicht wieder.Sehr bald danach ging es wieder im Bergwerk mit unseren gewohnten Arbeiten weiter. Soviel vom Steiger Selle, der auch Pippi genannt wurde. Noch einen alten Steiger möchte ich erwähnen, der zu meiner Rammelsbergszeit seinem Ruhestand zuging.

Dieser Steiger hieß Oskar Vasel, ein wunderbarer Mensch, der immer ein gutes Wort für uns schwerarbeitenden Bergleute hatte und auch  mit guten Ratschlägen nicht geizte. Im Rammelsberg gab es nicht nur die beiden riesengroßen Erzlager in Schiefer eingebettet, sondern auch das lehmfarbige Ocker, ein wichtiger Bestandteil für Farben. Wie diese schwabbelige, puddingähnliche Masse wie ein kleiner Teich in eine der Schründe des Rammelsbergs gelangt ist weiß ich nicht. Es war jedoch ein wertvolles Nebenprodukt, das an die Farbenindustrie verkauft wurde. Für uns Bergleute war es eine sehr heiße Angelegenheit, denn in dieser Felsenhöhle herrschte eine Temperatur von mehr als 40 Grad Celsius. In jeder Woche wurden jeweils zwei Kumpel für diese Arbeit eingeteilt und auch ich schwitzte dort  beim vollschaufeln der Loren, während der Kollege sich auf der Bank ausruhte und Wasser trank, das von einem Berglehrling mehrere Male per Schicht gebracht  und das schnell wieder in Schweiß  umgewandelt wurde.. Gegen Ende der Schicht waren wir todmüde und entschlossen, dass es für den Tag genug war. So traf uns Steiger Vasel an. Sofort sprang ich auf, um noch eine Lore vollzuschaufeln. Er setzte sich neben meinen schlafenden Kumpel und zog seine Taschenuhr  aus der Westentasche. Diese in seiner Hand haltend schlief auch er ein. Zuvor hatte er seinen ledernen Helm neben sich auf die Bank gelegt. Da unser Verdienst für diese Arbeit davon abhing, wie viele Loren wir per Schicht gefüllt hatten, mussten wir mit Kreide unsere Nummer an die Wand der Lore schreiben. Mein Kollege wachte auf und sah den fest schlafenden Steiger. Er nahm dessen Helm und schrieb mit Kreide “Ruhe sanft” darauf. Als er erwachte, war ich mit dem Füllen der Lore fertig und es wurde Zeit zum Schacht für die Ausfahrt zu gehen. Leise schlichen wir uns davon, ohne den schlafenden Steiger zu wecken. Während wir mit den anderen Kumpels der Sohle auf den Förderkorb warteten, kam Vasel auch am Schacht an. Natürlich hatte mein Kollege den anderen erzählt was er gemacht  hatte und alle Augen waren auf den Helm des Steigers fixiert. Der hat sich gewundert, warum alle so fröhlich waren. Das wiederholte sich noch einmal, als er  über Tage die Kaue, den großen Umkleideraum mit Duschen, betrat. Viele Jahre später auf Heimatbesuch in Goslar besuchte ich  den Goslarer Friedhof, wo unter anderen auch Heinz Guderian und Walter Darre beigesetzt sind, das Grab des Steigers Oskar Vasel. Eingemeißelt in seinen Grabstein standen auch die Worte “Ruhe sanft”.

Karl-Heinz Fricke  3.5.2017

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