Irene Beddies

Wie der Neid in unsere Gegend kam




Wie der Neid in unsere Gegend kam

Vor undenklichen Zeiten saß nahe bei unserem heutigen Wohnort die Hexe Esmeralda auf einem Baumstamm. Es war später Winter, und sie fror in ihrem Mantel entsetzlich. Deshalb hatte sie ihr Zauberbuch auf den Knien aufgeschlagen und versuchte mit den in Fäustlingen steckenden Händen  die Seiten umzublättern. Sie wollte einen Zauberspruch gegen das Frieren finden.

Wie sie nun so saß und mit den Zähnen klapperte, kam eine ältere Bauersfrau des Weges. Sie hatte ein großes wollenes Tuch um die Schultern geschlagen. Esmeralda ließ die Frau, ohne ihren Gruß zu erwidern, vorbeigehen. Dabei betrachtete sie das aus grober Wolle gestrickte Tuch neugierig.

Nach einer Weile, als sie den Spruch gegen das Frieren noch immer nicht gefunden hatte, kam in ihr der Wusch hoch, auch so ein warmes Tuch besitzen zu wollen. Es schien ihr, dass es wärmer war als ihr Mantel. Wie aber sollte sie an dieses Tuch herankommen? Der Bäuerin nachzulaufen und es ihr wegnehmen, dazu war es zu spät. In Esmeraldas  Zauberbuch aber war kein Spruch, der ihr ein solches Tuch herzaubern konnte.
O, wie ärgerte Esmeralda sich!

Fortan wünschte sie sich nichts sehnlicher als einen so warmen Schutz gegen die Schneekälte. Sie dachte über viele Möglichkeiten nach, an den Schal heran zu kommen. Tag und Nacht überlegte sie, aber ihr fiel keine List ein, wusste sie ja nicht einmal, wohin die Bauersfrau gegangen war.
Als sie zufällig einen Mann im Wald traf, hielt Esmeralda ihn auf und befahl ihm, ihr ein ähnliches Wolltuch zu besorgen, sonst würde sie sein Vieh verhexen.  Der Mann erschrak und versprach ihr, ein Tuch herbeizuschaffen.

Als sie nach drei Tagen das Tuch in der Hand hielt, war die Hexe außer sich vor Glück.

Nachdem  sie das Tuch umgelegt und unter ihm ein Freudentänzchen aufgeführt hatte, schwitzte sie sehr. Was war das nun wieder! Die Bauersfrau hatte doch nicht geschwitzt!
Dass der späte Wintereinbruch nun dem Maisonnenschein gewichen war, hatte sie nicht in ihre Überlegungen einbezogen. Sie schwitzte weiter unter ihrem dicken Wolltuch.

Da kam ein Mädchen in den Wald, um Maiglöckchen für die Verlobung ihrer Schwester zu pflücken. Es trällerte ein Lied. Esmeralda besah sich neugierig das Mädchen, das da so fröhlich und ohne offenbar unter Hitze zu leiden die Blumen pflückte. Es hatte eine weiße Bluse an und einen Rock aus grobem Leinen, die Füße steckten ohne Strümpfe in Holzpantinen.

Esmeralda wurde es vor Wut noch wärmer unter ihrem dicken Tuch. Der Schweiß rann ihr in Bächen von der Stirn.
So leichte Kleidung musste sie unbedingt haben! Aber auch dafür fand sie keinen Zauberspruch in ihrem Buch.

So schnell wie das Mädchen konnte sie nicht mehr laufen, um es einzuholen und die Kleider zu fordern. Auf ihrem Hexenbesen, den sie dieses Mal mitgenommen hatte, machte sie sich flugs auf den Weg der Verfolgung. In ihrem Ärger gab sie ihm zu viel Schwung, so dass sie das Mädchen überholte.
Nach dem Umkehren, war das Mädchen verschwunden. Es war wohl in den Stall am Wegesrand gegangen.

Voller Neid ließ sich Esmeralda vor dem Stall nieder. Sie brütete einen Racheplan aus. Dabei blätterte sie im dicken Zauberbuch unter dem Kapitel “Rache“.
Dort fand sie einen Spruch, der allen Menschen bis in alle Ewigkeit das antun sollte, was sie gerade empfand.

Und siehe, so kam der Neid in unsere Gegend.

 

 

© I. Beddies


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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