Hans K. Reiter

Muttertag - Bericht einer Frau

06:50 – unsanft reißt mich Alfons‘ Wecker aus dem Schlaf. Bleib liegen und schlaf weiter, sagt er. Muttertag, du weißt, ich mach‘ heut alles. Rumms, die Tür, wie üblich, einfach ins Schloss gezogen, obwohl ich ihm schon hunderttausendmal gesagt hab‘, er soll die Klinke in die Hand nehmen, während des Schließvorganges sanft nach unten drücken und ebenso sanft wieder nach oben freigeben, wenn die Tür, in diesem Fall geräuschlos, zu ist. Kein Mensch kann bei diesem Lärm liegen bleiben und ruhig weiterschlafen.

Also liege ich jetzt hellwach im Bett, verfluche meinen Alten, der es wieder einmal geschafft hat, mir schon den Start in den Tag madig zu machen. Überhaupt, was heißt denn hier Muttertag? Unsere Kinder, längst aus dem Haus, irgendwo in der Welt unterwegs oder auch zuhause, wir wissen es nicht so genau, haben selber Familie und zumindest in einem Fall existiert zum Sohn auch eine Frau mit Kindern, der es heute wahrscheinlich ähnlich wie mir ergeht. Wessen Mutter bin ich eigentlich? Alfons‘? Man könnte es glauben, denn, wie schon gesagt, die eigenen Abkömmlinge sind weit und breit nicht sichtbar.

07:45 – Frühstück, plärrt Alfons durchs Haus. Ich, die noch liegenbleiben und weiterschlafen sollte, spurte ins Bad, denn, was Alfons gar nicht mag, ist, seinen unmißverständlichen Anweisungen an diesem Tag, der ja eigentlich mein Tag ist, nicht unverzüglich Folge zu leisten.

08:05 – ich haste zum Frühstückstisch, gehetzt von der Vision eines sauer dreinblickenden Alfons, weil es doch noch zwanzig Minuten bis zu meinem Erscheinen gedauert hat. Setz dich schon mal, sagt er mit einem hinterhältigen Grinsen. Hast noch einmal eingepennt?, fragt er, obwohl er mir nach dem Gerassel seines Weckers doch ausdrücklich sagte, ich solle noch liegenbleiben. Genüßlich stochert er noch in einer Pfanne herum, um schließlich das, was er Rührei nennt, durch kratzen und schaben daraus zu entfernen. Im Hotel sehen die immer anders aus, denke ich, und blicke auf den zu lange gebratenen, trockenen Haufen brauner Eierreste.

08:20 – endlich steht alles auf dem Tisch. Wie auf der Baustelle, fährt es mir durch den Kopf, sage aber nichts und quäle mir stattdessen ein mir bestmögliches freundliches Lächeln ab, weil er sich doch so nett um mich bemüht.

09:20 – Alfons sagt: Bleib sitzen, ich mach das schon, und meint damit, dass er abräumen wolle, Spülmaschine einräumen, und so weiter. Das geht recht flott, muss ich zugeben.

09:25 – Komm, mach dich fertig! Abfahrt nicht später als zehn. Ich wollte noch fragen, wohin es denn ginge, ließ es aber bleiben, weil Alfons schon aus der Küche war und ich eh wußte, dass wir, wie beinahe jedes Jahr, nach Garmisch fahren würden. Nach Garmisch! An einem Tag wie diesem nach Garmisch! Tausende, was sage ich, abertausende werden sich nach Garmisch auf den Weg machen. Grauenhafter Verkehr mit noch grauenhafteren Staus. Und später wieder zurück. Muttertag! Die Kinder fahren ihre Mütter, Schwiegermütter nebst zugehöriger Väter und Schwiegerväter oder, wenn die Kinder noch nicht selber fahren, weil zu klein, deren Eltern und so weiter, hinaus aufs Land. Es gibt nichts Schöneres, als ein Ausflug an einem solchen Tag. Überfüllte Wirtshäuser, Landgasthöfe und Restaurants ebenso wie die Parkplätze, übel gelauntes Personal, quengelnde Kinder, schreiende Väter und milde lächelnde Frauen.

12:30 – Die Suppe dampft schon auf dem Tisch. Pünktlich um 10:00 Uhr waren wir losgefahren, dann der unvermeidliche Stau ab Eschenlohe und schließlich Garmisch. Wunderschöner Sonnentag, hunderte suchen einen Parkplatz, Gehupe, Geschimpfe, aber irgendwie gelingt es Alfons schließlich gerade noch, einem anderen einen Platz vor der Nase weg zu schnappen. Der brüllt, und da fallen trotz Eheweib und Kinder im Auto, durchaus einige sehr unflätige Worte, aber Alfons bleibt cool und sagt nur: Leck mi doch… Als der andere Anstalten macht, sein Auto daraufhin zu verlassen, weiß Gott, was mit Alfons geschehen wäre, hupen ihn die dahinter stehenden Fahrer nieder und er muß sein Vorhaben notgedrungen aufgeben und weiterfahren, nicht aber, ohne vorher dem Alfons wenigstens noch den Mittelfinger seiner rechten Pranke zu zeigen. Wir laufen dann noch eine gute viertel Stunde, drängen uns in den Gasthof, schieben uns durch die hin und her laufenden, nach Platz suchenden Gäste und erreichen schließlich UNSEREN, von Alfons in weiser Voraussicht rechtzeitig reservierten Tisch. Ich sollte dazu erwähnen, gerade noch, bevor sich, trotz des Reservierungsschildes mit unserem Namen darauf, ein schmalbrüstiger Anzug nebst Gefolge, bestehend aus zwei Kindern, Frau, Oma und Opa niederlassen wollten. Daraus wurde nichts, dafür hat der Alfons zunächst relativ leise, dann unmissverständlich lauter werdend, gesorgt. Ich meine, mich zu erinnern, es seien Worte gefallen wie Arschloch und Deftigeres. Der Schmalbrüstige tat mir leid, aber an einem solchen Tag, da heißt es Zähne zusammenbeißen und durch.

13:45 – Alfons trinkt schon seinen zweiten Espresso. Das Essen war gar nicht mal so schlecht gewesen. Bayerisch deftig eben. Ich überlege, ob wir das ganze nicht auch in München für viel weniger Aufwand hätten bekommen können, gleich um die Ecke, wo wir wohnen, gibt es nämlich einen Italiener und etwas weiter einen Gasthof ähnlich dem hier in Garmisch. Jetzt zieht sich die Zeit, denn bis zum Kaffee mit Kuchen wird es noch etwas dauern. Aber, wie Alfons meint, wäre es der reine Wahnsinn, das Gasthaus etwa jetzt zu verlassen, um anderenorts den Kaffee einzunehmen. Hier haben wir einen Platz, und wir würden einen solchen um diese Zeit nirgendwo anders bekommen können. Ein schneller Blick aus dem Fenster bestätigt Alfons Vermutung: Dutzende drängen sich vorbei, manche einen gierigen, nach freien Stühlen heischenden Blick durch die Scheiben ins Innere der Gaststube werfend.

15:00 – wenn wir es jetzt packen, sagt der Alfons und wischt sich einen Kuchenkrümel vom Mundwinkel, dann sind wir so um fünfe daheim. Nachher, so meinte er, würde es um ein mehrfaches länger dauern, weil dann ja alle diese Gestörten, so sagte er, auch nach Hause wollten. Ich stimme zu, denn heute ist ja mein Tag, wie der Alfons immer wieder betont, und da könne ich bestimmen und sagen, was ich wolle und gerne hätte.

Gerade als wir das Gasthaus verlassen, sehe ich schräg gegenüber einen Wagen parken, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Vielleicht drei Meter später gebe ich dem Alfons einen Rempler, dass es ihn dreht und er beinahe mangels Gleichgewicht gestürzt wäre. Bevor er mich anraunzt – ich kenne Alfons – sage ich, er solle die Klappe halten und schauen, dass wir schnell um die Ecke kommen. Verdutz folgt er meiner Anweisung, die von der Stimmlage her auch als Befehl hätte durchgehen können. Ich bin auch verdutzt, weil er verdutzt ist. Das war die Pranke, sage ich zu ihm und sehe sofort, dass er wieder einmal nichts kapiert. Der von vorhin, dem du den Parkplatz weggenommen hast! Auweh!, war alles, was er dazu sagt, und plötzlich hat auch er’s eilig.

Wir sind dann unterwegs zurück aus Garmisch. Nicht so allein, wie der Alfons gemeint hat. Ja spinn i, fahren die jetzt alle?, war sein Kommentar zum unvermeidlichen Stau schon Kilometer vor der Autobahn. War doch ein schöner Tag, sagt der Alfons, wieder mal in den Bergen, in Garmisch – ist schon idyllisch da, was meinst? Und ich beeile mich, ein Ja zu hauchen, denn es war ja alles nur für mich, was der Anton da auf die Beine gestellt hatte.

Mein Handy: Der Sohn mit Frau und Kinder ruft aus, ich hab’s nicht verstanden, von woher, fragt, ob wir einen schönen Tag gehabt hätten und meint, sie, also er, seine Frau und die Kinder, würden den ganzen Rummel nicht mehr mitmachen und jetzt immer entweder zuhause bleiben oder irgendwo einen Kurzurlaub machen. Da fällt es mir wieder ein, sie waren im Österreichischen, in Voralberg. Du glaubst es nicht, sagte er, die spinnen hier genauso wie bei uns. Leut‘ gibts da, da fragst dich, ob die Begleitung tatsächlich die Mutter des Mannes an ihrer Seite ist, von wegen Muttertag, oder die eigene Frau oder die Tochter. Obwohl, mit der Tochter gehst ja nicht Muttertag feiern, nicht wahr? Wird’s halt vielleicht d’Freundin gewesen sein. Verstehst?, hängt er noch an.

Ich verstehe, wollte ich noch sagen, hab es aber dann doch gelassen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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