Caitleen Bree

Der edle Garten

"Was wächst denn da?", fragte die edle Rose entsetzt und rümpfte die Nase.
"Wo?", fragte die farbenprächtige Tulpe neugierig.
"Da! Da vorne! Wir sehen´s! Das ist ja ekelig! Wildwuchs in unserem Garten!", schnatterten die Duftveilchen aufgeregt.
"Der Mensch wird´s schon richten und den Fremdling bald beseitigen", beruhigte die Dahlie die anderen Gartenbewohner.
"Na hoffentlich", zeterte die Rose. "Bei meiner edlen Herkunft ist es mir unmöglich weiterhin so gut zu gedeihen, wenn so was Wildes da neben mir wohnt!"
"Bestimmt, bestimmt! Der Mensch wird´s richten!", kicherten die Margeriten.

Doch zum Entsetzen aller Gartenbewohner richtete es der Mensch nicht. Im Gegenteil! Er wässerte dieses grüne Etwas sogar noch. Und es wuchs und wuchs. Nach ein paar Wochen überragte dieser Fremdling alle Blumen und sogar den Menschen.
"Das darf ja wohl nicht wahr sein", echauffierte sich die Rose. "Das Ding bekommt sogar Nachkommen." Völlig außer sich deutete sie auf die kleinen Ableger, die sich am riesigen Hauptstamm der Blume bildeten.
"Und das in unserem edlen Garten", stimmte das Veilchen gleich mit ein. "Hoffentlich verderben sie mir nicht das Aroma meines herrlichen Duftes."
"Meine Farbenpracht sieht man kaum noch, weil das Ding so groß ist", knurrte die Tulpe erbost.
Ein lautes und aufgeregtes Geplapper brach aus. Jeder schimpfte auf diese fremde Blume, die schon ganz traurig ihren großen Kopf hängen ließ.

Plötzlich wühlte sich etwas durch die Erde und Herr Maulwurf schaute erbost aus seiner Haustür.
"Na toll", zischten die Grashalme. "Jetzt müssen wir wieder zusehen, wie wir das Loch geflickt bekommen."
Herr Maulwurf rückte seine riesige Hornbrille zurecht und schaute blinzelnd in die Runde.
"Was ist das eigentlich für ein Gemecker hier oben?", rief er zornig. "Eure Wurzeln klappern im Erdreich, dass man kaum ein Auge zumachen kann!"
"Sieh nur, was man uns zumutet", sagte die hochmütige Rose zu dem Maulwurf und jede Blume schilderte ihm nun, wie schlecht es denn nun allen ging, seit dieses fremde, wilde Ding zwischen ihnen hauste.

Der Maulwurf lauschte und schüttelte dann mit seinem Kopf.
"Ihr solltet euch alle schämen! Jawohl, das solltet ihr!"
Die Blumen starrten ihn entgeistert an.
"So scheinheilig ... ihr müsstet euch mal hören. Das ist ja widerlich! Jeder hier in diesem Garten hat das Recht auf einen Platz. Und jeder von euch erfüllt einen ganz bestimmten Zweck.
Du, edle Rose, erfreust das Auge der Menschen. Und du, Veilchen, schenkst ihm einen wohlriechenden Duft. Ihr Tulpen macht den Garten herrlich bunt. Und du, liebe Dahlie, lockst mit deinen großen, schönen Blüten die Bienen an, die so wichtig für euch sind."
"Und was hat das riesige Ding für einen Zweck?", murmelte die Rose trotzig.
"Das kann ich dir sagen. Schau sie doch mal genau an. Sieht ihre Blüte nicht wie die Sonne aus? Sie strahlt und ihr kerniges Gesicht liefert den Vögeln Nahrung, die für euch hier immer so schön singen."
"Tatsächlich?"
"Oh..."
"So haben wir das noch nie gesehen...."
"Tja, wenn das so ist..."
Der Maulwurf schaute sich wieder um und sah in die beschämten Blütengesichter der Gartenbewohner.
Die Rose wandte sich an die Sonnenblume und hüstelte verlegen.
"Ich möchte mich im Namen aller hier entschuldigen. Wir waren furchtbar egoistisch und arrogant. Es tut uns leid und natürlich bist du herzlich willkommen. Wahrscheinlich war ich nur neidisch und hatte Angst, dass man dich schöner finden würde."
Die Sonnenblume erhob ihren Kopf und ein Strahlen ging durch den Garten.
"Ich finde dein Rot wunderschön, liebe Rose und hätte auch gerne so samtige Blätter. Jeder von euch ist was besonderes und ich freu mich sehr, dass ihr mich aufgenommen habt. Es ist nicht leicht, wenn man irgendwo wurzeln muss, worauf man selbst keinen Einfluss hat. Ich danke euch!"

"Hm", murmelte die Dahlie nachdenklich. "Wisst ihr, was mich wundert? Warum der Mensch fremdwurzelnde Pflanzen so sehr liebt und sie hegt und pflegt und das bei seiner eigenen Rasse nicht schafft."
"Da hast du Recht. Für die Zukunft sollte er wirklich in unsere Fußstapfen treten", lachte die Tulpe und alle Blumen fielen in ihr Gelächter ein. Und es schien als tanzten sie gemeinsam mit der Sonnenblume in der warmen Sommerbrise.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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