Wolfgang Küssner

Rüsselsheimer Wein - Teil 1

Wenige Kilometer flußabwärts von Frankfurt, also von Frankfurt am Main, erreicht der Reisende die Stadt Rüsselsheim, seit gut einem Jahr lautet die offizielle Bezeichnung nun Rüsselsheim am Main. Die Stadtväter haben sich da sicherlich etwas bei gedacht. Es muß aber nicht unbedingt der Wasserweg sein, auch auf der Landstraße oder der Autobahn würde man Rüsselsheim, sorry, natürlich mit dem Zusatz: am Main, erreichen.

Nähert sich ein Reisender bei kräftigen oestlichen Winden der Stadt Frankfurt – Sie wissen schon: am Main - aus der Luft, so würde er beim Landeanflug wenige Augenblicke vor dem ersten Bodenkontakt, dem Aufsetzen und - bei guter Sicht vorausgesetzt - riesige Fabrikhallen entdecken koennen. Das ist die besagte neue Stadt am Main – eine Autostadt. Eine Marke mit vier Buchstaben läßt hier Fahrzeuge produzieren, drei andere – außereuropäische - Firmen haben hier ihre Vertriebszentralen aufgeschlagen.

Die Stadt der Automobile hat gut 63.000 Einwohner und liegt fast auf dem 50. Breitengrad und – um es genau zu sagen - 88 Meter über Normalhoehenull (NHN). Für den Weinanbau eigentlich nicht mehr sonderlich geeignet. Der optimale Rebenwuchs erfolgt in den gemäßigten Klimazonen und somit liegen die besten Gebiete rund um den 45. Breitengrad noerdlicher Breite. So zumindest die Meinung der Puristen. Etwas tolerantere Zeitgenossen vertreten die Position, Weinanbau sei nur zwischen dem 30. und dem 50. Breitengrad moeglich. Das wäre für Rüsselsheim grenzwertig.

Wo diese den Weinanbau einschränkenden Positionen ihre Ursache, ihre Begründung her haben, ist nicht eindeutig. Ist es so etwas wie Terrain-Sicherung der „Alten Welt“; ist es gar ein Abqualifizieren der Weine der sogenannten „Neuen Welt“? Längst kitzeln edle Tropfen aus Neuseeland oder Chile, aus Uruguay oder Tansania, Australien, Tasmanien oder Argentinien, aus Kenia, Südafrika, Tansania, Vietnam, Myanmar etc. unsere Gaumen. Auf Bali – acht Breitengrade unter dem Äquator - wird Wein angebaut. Und - Thailand nicht zu vergessen, doch dazu später mehr.

In Rüsselsheim am Main gibt es einen Weinberg, zugegeben, mit einer Fläche von 800 qm an der Frankfurter Straße gelegen, eher ein kleines, recht überschaubares Areal; nicht gerade die Welt. Es wird ein Riesling angebaut, der aber wohl eher eine touristische Funktion hat, unter Denkmalspflege einzuordnen ist, denn - an einem Tag im März des Jahres 1435 (so die Stadtwerbung) wurde weltweit erstmals urkundlich in Rüsselsheim – damals noch ohne Main - ein Riesling erwähnt. Damit es nicht falsch verstanden wird: Also der Fluß war schon da, nur noch nicht der Stadtname mit dem Zusatz. Ob seinerzeit die Qualität von Welt war, ob die heute gekelterten Tropfen es sind, muß an dieser Stelle leider unbeantwortet bleiben. Die Recherche brachte diesbezüglich keine Resultate.

Da Wein momentan viele Gaumen erfreut, wird er – wie schon kurz erwähnt - auch in Regionen außerhalb des 45. Breitengrades angebaut. Hamburg, auf dem 53. Breitengrad liegend, hat z. B. einen 500 qm großen Weinberg, auf dem 75 Rebstoecke der Rotweinsorte Regent gedeihen. Nun, für das Tor zur Welt ist es nicht gerade weltbewegend. Doch wenn alles gut geht, läßt sich der Wein in 50 Flaschen a 0,375 l mit dem Etikett „Hamburg Stintfang Cuvée“ versehen, abfüllen. Sollte der Leser jetzt an eine Kostprobe denken, die Flaschen sind leider nicht im Handel erhältlich. Da müßte er sich schon auf eine spezielle Gästeliste des Hamburger Bürgermeisters setzen lassen, oder die Nähe zu einem der Senatoren, so nennen sich hier die Minister, suchen. Ob sich der Aufwand lohnt? Auch hier muß der Autor passen.

Etwas weiter noerdlich, auf der dänischen Insel Bornholm – das wäre jetzt schon der 55. Breitengrad – wird Weinanbau betrieben, gleiches gilt für das schwedische Gotland. Die Insel liegt auf dem 57. Breitengrad. Und wenn man Wikipedia vertrauen darf, so wird in sämtlichen Staaten der USA Wein angebaut. Hallo? Zu diesen Staaten gehoert doch auch Alaska – oder? Richtig. Im Süden Alaskas – das ist dann bereits der 61. Breitengrad – soll es funktionieren. Ob es sich dabei eventuell um Eiswein handelt, hat Wikipedia nicht erwähnt. Andererseits koennte der Klimawandel es sein, der die Rebstoecke in Alaska Trauben tragen läßt.

Zurück zur Stadt Rüsselheim am Main. Der Name ist ein wenig irreführend. Der Rüssel wurde hier nicht erfunden und die Stadt ist auch nicht – wie man vielleicht rückschließen koennte - Heimat der Rüsseltiere. Außerdem hieß die Stadt um 765 nach Christus Rucilensheim, später Ruolzesheim, dann um 1336 herum Rubelnsheim, 300 Jahre darauf von Ruselsheim abgeloest und langsam in Rüsselsheim – und Sie wissen schon - am Main übergegangen. Zu dieser Zeit liefen die Tiere mit dem Rüssel längst durch die Welt. Die Mammuts waren seit tausenden von Jahren bereits ausgestorben. Doch diese Rüsseltiere – auch als Elefanten bekannt – leben z.B. knapp 10.000 km vom Main entfernt in Naturreservaten in Thailand. Und in dieser Heimat der Rüsseltiere – es wurde bereits angedeutet - wird ebenfalls Wein angebaut. Deutlich mehr als in Rüsselsheim, ob nun mit oder ohne oder im Main.

Lassen wir die 800 qm an der Frankfurter Strasse hinter uns. Heben wir mit dem Flugzeug ab Richtung Osten. Gut zehn Flugstunden von der Mainmetropole entfernt und gute 200 Kilometer südlich der thailändischen Hauptstadt Bangkok liegt auf dem 12. Breitengrad der international beliebte Badeort Hua Hin. Ein paar Kilometer westlich der Stadt befinden sich die Hua Hin Hills. Eine sattgrüne, hügelige Weinlandschaft, wie wir sie aus anderen Weinanbaugebieten kennen. Die Bergkuppen im Hintergrund dieser Ruhe ausstrahlenden Landschaft gehoeren schon zu Myanmar. Hier, in den Hua Hin Hills, kommen Wein und Rüssel zusammen. Doch das ist eine andere Geschichte, die aber im zweiten Teil erzählt werden soll.

 

August 2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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