Erna Maria Viehhauser

Nicht mehr allein

Teresa blickte verschlafen auf ihr Handy, was schon so spät?
Eigentlich war es ja ganz egal wann sie aufstand, es wartete
niemand auf sie. Ihre Kinder waren erwachsen und lebten
ihr eigenes Leben. Der Vater dieser Kinder hatte sich nach
30 Ehejahren verabschiedet, er wollte fortan sein Leben
genießen, was immer das hieß. Die meisten Freunde hatten
sich auch verkrümelt, da eine alleinstehende Frau nirgends
wirklich dazugehört. Ein paar sind geblieben, allerdings nur
Jammersusen und Betschwestern, also beschloss Teresa dass
sie lieber Abstand halten wollte, da ihr dieser Umgang denn
doch zu anstrengend war, auch hatte sie das Gefühl in deren
Gesellschaft immer tiefer in die Depression zu verfallen.
Dabei nahm sie schon einige Zeit die vom Hausarzt verordneten
Stimmungsaufheller, ohne die könnte sie gar nicht mehr
arbeiten. Am schlimmsten waren die Wochenenden.
Und nun ist wieder so ein Samstag, an dem es nichts zu tun gibt als
die Wohnung putzen, einkaufen und danach Radio hören oder in den
Fernseher starren. Mühsam schleppt sie sich in die Küche um erstmal
einen Kaffee aufzusetzen. Beim schrillen Ton der Türklingel zuckt
sie zusammen, wer kann das sein? Durch den Spion erblickt sie eine
Arbeitskollegin, die zwar ganz nett ist, mit der sie jedoch keinen
näheren Kontakt pflegte, wie eigentlich mit niemandem. Teresa
öffnet die Tür und die Kollegin tritt unaufgefordert mit einem
fröhlichen Lachen an ihr vorbei in die Wohnung. "Mhm, da komme ich
ja gerade richtig zum Kaffee" meint sie, dabei geflissentlich die
Unordnung in der Wohnung und den verschlissenen Pijama von Teresa,
sowie deren struppelige Frisur übersehend. Sie reißt die Vorhänge
auf, öffnet die Balkontür und sagt "komm wir trinken den Kaffe auf dem
Balkon, es ist so wunderbares Wetter. Danach machst du dich schick,
wir gehen in die Stadt, da ist heute mächtig viel los". Schon steht der Kaffe
auf dem Balkontischchen, Teresa wird genötigt sich zu setzen und
gemütlich eine Zigarette zu rauchen. Mann, ist das peinlich, nicht einmal
den Namen der Kollegin weiß ich, denkt sie, wie fragt man danach ohne das es
unhöflich ist? Außerdem will ich meine Ruhe haben, was macht die hier?
Staubsaugergeräusche lassen Teresa aufspringen und nach drinnen stürmen
"was machen sie.......was machst du da?" Mit einem Lächeln schaut sie auf:
"Du weisst meinen Namen nicht hab ich recht? Ich bin Lisa und helfe dir ein
bisschen, du gehst inzwischen ins Bad und machst dich schön, in einer halben
Stunde ziehen wir los".
Lisa hilft auch beim Aussuchen des Outfits und fönt der halbherzig
protestierenden Teresa die Haare, diese erkennt sich im Spiegel fast
nicht mehr, so verändert sieht sie aus. Mit dem Bus fahren sie in die
Stadt, wobei den größten Teil der Unterhaltung Lisa bestreitet, Teresa verhält
sich sehr einsilbig, sie ist solche Gespräche nicht mehr gewohnt. Unter dem
Schatten spendenden Sonnenschirm haben die beiden ein genütliches
Plätzchen im angesagtesten Strassencafe gefunden, Teresa nippt an dem ihr
verordneten Eiscaffe. Da erklingt aus dem Lautsprecher ein alter Schlager und
sie singt ohne es zu bemerken mit. Lisa schaut ganz erstaunt, da bricht alles aus
ihr heraus, sie erzählt von ihrer Scheidung, wie allein sie seither ist, dass sie ohne
ihre tägliche Flasche Wein nicht schlafen kann, am Morgen ohne Tabletten nicht
arbeitsfähig ist, und dieser Schlager sie an ein schöneres Leben erinnert. Tränen
rinnen über ihre Wangen, schluchzend gesteht Teresa: "In einem halben Jahr muss
ich in Pension gehen, was soll ich denn dann tun? Ich kann mich doch nicht meinen
Kindern aufdrängen. Eigentlich habe ich von einem Leben in der Pension mit meinem
Mann geträumt! Jetzt bin ich allein! Tut mir leid dass ich dich damit belästige, das
wollte ich nicht. Warum bist du eigentlich heute zu mir gekommen?"
Lisa legt ihre Hände auf Teresas, nach einem mitfühlenden Blick in ihr
tränennasses Gesicht antwortet sie: "Seit Monaten beobachten wir in der Firma
dass du dich immer mehr zurückziehst, wir haben dich alle gern und machen uns
große Sorgen. Also habe ich beschlossen, dich ganz einfach zu überrumpeln und
aus deiner Höhle zu holen. Mach dir bitte keine Vorwürfe, ich bin froh dass du mir
alles erzählt hast, es wird auch bei mir bleiben. Ab sofort wirst du nicht mehr
allein sein, wir laden dich zum Bergsteigen, zum Segeln, zum Kartenspielen, ins
Theater, zu Konzerten, rein zu allem Möglichen ein mitzukommen, du kannst
selbst entscheiden woran du Lust hast. Es spielt überhaupt keine Rolle ob du in
Pension bist, das sind alles nette Leute in allen Altersgruppen, und alle verstehen sich
blendend. So begann Teresa Schritt für Schritt wieder zu leben und auch
viel Spass am Leben zu haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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