Christina Gerlach-Schweitzer

Die zwei Raben

Auch diese Nacht hatte es wieder fest gefroren. In klirrender Kälte  saßen zwei Raben auf einem kahlen Ast. Beide waren sehr hungrig. “Ach, “klagte der eine, „ ich verhungere gerade. Hätte ich nur eine einzige, winzige Fliege zu essen, das würde mir jetzt das Leben retten. Ohne eine Fliege im Magen  bin ich morgen tot. „Aber du hast doch eine Fliege bei Dir, antwortete sein Kollege.“

 „Wenn ich die mir Dir teile“, antwortete sein Kollege“, dann sind wir beide nach einer solchen Miniportion hungriger als vorher. Nein, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt meine Fliege zu fressen. Entweder wir sterben jetzt und hier beide, oder keiner von uns.“ „Wahrscheinlich hat der Kerl die Fliege längst gefressen“, dachte sich der zweite Rabe und er hackte wütend nach dem älteren Kollegen. Der stürzte vom Baum herunter und brach sich das Genick. Der Verursacher bereute sein Tun von ganzem Herzen und er weinte dicke Tränen, die als Eiskristalle auf das Gefieder des verstorbenen Kumpels tropften. Ärgerlich kletterte  eine dicke Fliege aus dem kalt gewordenen Gefieder. Sie reckte die steif gewordenen Beinchen fröstelnd und unentschlossen in die Winterkälte.

Der hungrige Totenwächter wollte sie gerade verschlucken, doch er hielt inne. „Beide oder keiner“, hatte sein toter Freund gesagt und es war dessen Fliege. Er kann dieses Insekt nicht fressen, selbst, wenn es auch seinen Tod bedeuten würde, dachte sich der Rabe. Niedergeschlagen setzte er sich zu seinem Kumpel. Bald würde er erfroren sein. Als er jedoch ein zu schlafen drohte, da kroch die dicke Fliege  in sein Gefieder und sie kribbelte und  sie krabbelte ihn überall und er schüttelte sich, und er lachte und krächzte, denn er war sehr kitzelig. Das ging die ganze Nacht so, bis  zum Morgen. Am Vormittag begann es zu tauen. Fliegen umkreisten die Raben und der Überlebende konnte fressen, so viele wie er wollte, bis er wieder bei Kräften war. Die dicke Fliege  aber hat der Rabe nie wieder gesehen.

 

 

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