Diethelm Reiner Kaminski

Muttertag

Normalerweise sprang Janine morgens quietschvergnügt und munter aus den Federn und sprühte nur so vor Tatendrang und Lebenslust, aber heute machte sie ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.

„Was ist, Janine?“, fragte ihr Vater besorgt. „Schreibt ihr morgen schon wieder einen Test, für den du nicht gelernt hast? Oder hast du vielleicht Zahnschmerzen?“

„Ich habe mir so viel Mühe gegeben und ein Bild für Mami gemalt. Mit uns allen drauf. Mami in der Mitte in ihrem schönsten Kleid und du und ich daneben. Nur Mami in bunt, damit jeder gleich sieht, dass sie die Schönste ist. Heute ist doch Muttertag. Und Mami kann das Bild gar nicht sehen und weiß nicht, dass ich sie lieb habe und ein Bild für sie gemalt habe.“

Janines Vater war sichtlich bewegt und suchte nach passenden Worten, um seine Tochter zu trösten.

„Glaub mir, ich bin genauso traurig wie du, aber du weißt doch, deine Mutter hat sich, seit sie uns Hals über Kopf verlassen hat, nicht mehr gemeldet. Wir haben weder eine Telefonnummer noch eine Adresse. Sonst hättest du sie wenigstens anrufen oder ihr dein Bild schicken können. Aber ich mache dir einen Vorschlag. Wenn wir heute Nachmittag unsere Sonntagstorte anschneiden, decken wir den Tisch wie früher für drei – mit Mamis Lieblingsblumen und blauen Servietten.“

„Und mit Kerzen in silbernen Kerzenständern. Und Sekt muss es auch geben.“

„Meinetwegen, aber für dich Apfelschorle. Und dann denken wir ganz intensiv an deine Mami, und dann ist es, als wäre sie noch bei uns.“

*

Nachmittags schellte es an der Wohnungstür. Janine, die schon seit Stunden unruhig durch die Zimmer gelaufen war und immer wieder den festlich gedeckten Tisch überprüft, auch schon drei stattliche Stücke Erdbeertorte auf drei Teller verteilt hatte, sprang so hastig vom Stuhl auf, dass er umzukippen drohte. Vielleicht hatte ihre Mami ja ihren sehnlichsten Wunsch erraten und war zurückgekehrt, in jeder Hand einen Koffer mit Geschenken als Entschädigung für all die traurigen Tage, die sie ihrer Tochter und ihrem Mann beschert hatte.

Man sah Janine die bittere Enttäuschung an. Vor der Tür stand Susanne, eine Mitarbeiterin ihres Vaters, und strahlte sie an: „Grüß dich, meine Kleine, dein Vater wartet bestimmt schon. Ich habe mich leider ein wenig verspätet. Er hat mich zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Lässt du mich jetzt rein? Ich habe einen riesigen Kaffeedurst.“ Sie drängte Janine beiseite, hängte ihren Mantel an die Garderobe und stürmte, ohne sich weiter um Janine zu kümmern, ins Wohnzimmer.

Sie schien sich bestens in der Wohnung auszukennen.

Janine trottete wütend hinter ihr her.

„Was für ein liebevoll gedeckter Tisch. Solche Umstände. Alles für mich? Das wäre doch nicht nötig gewesen. Und so eine leckere Erdbeertorte. Ich habe aber auch einen Bärenhunger, bin heute noch gar nicht dazu gekommen, was zu essen.“

Janines Vater umarmte seine Mitarbeiterin und gab ihr ein Küsschen auf beide Wangen, verfolgt von Janines misstrauischen Blicken.

Als sie am Tisch saßen, entging es Janine nicht, dass ihr Vater Susannes Hand hielt und sie immer wieder von der Seite anschaute, als könne er nicht genug von der eingebildeten Zicke kriegen.

„Zeig Susanne doch mal das schöne Bild, das du für deine Mami zum Muttertag gemalt hast“, versuchte Janines Vater die peinliche Stille zu durchbrechen.

„Das geht nicht“, antwortete Janine.

„Und warum nicht. Das Bild ist doch fertig, hast du vorhin gesagt."

„Weil ich es zerrissen habe. Darum.“ Sie sprang auf und lief schluchzend aus dem Zimmer.

„Was ist denn mit der jungen Dame?“, fragte Susanne. „Sie hat ja nicht mal die Erdbeertorte angerührt. Mag sie keine?“

10 - 05 - 2017

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