Christina Gerlach-Schweitzer

Schöner starker Gepard

Ein Gepard  hielt eine Maus in seiner Pranke und betrachtete sie sinnend. „Jede Maus hat es besser als ich“, sprach er betrübt zu ihr. „Du musst  nie etwas beweisen, niemand erwartet etwas von dir. Wenn du möchtest, kannst  du den ganzen Tag vor dich hinträumen. Du darfst dir jederzeit  vorstellen, dass du superschnell wärst, superstark, supermächtig, unbesiegbar. Ja, du darfst sogar zugeben, wenn du Angst hat. Niemand wird mit dir schimpfen, weil du ja bloß eine  von vielen unbedeutenden Mäusen bist, von denen man nichts erwartet, als dass sie irgendwann gefressen werden“, redete er ärgerlich auf sie ein.

“ Ich aber bin ein Gepard. Ich muss immer beweisen, wie schnell ich bin, wie stark, wie überlegen. Ich darf niemals Angst zeigen. Ich darf nur sehen, was auch wirklich da ist.  Niemand erlaubt mir zu träumen oder mir Dinge vorzustellen, die nicht so sind, wie sie sind. „Träumen ist nutzlos,“ sagen sie immer zu mir,“ Geparden müssen der Realität ins Auge sehen.  Alles andere ist brotlose Kunst“.  Vielleicht haben sie Recht. Ich glaube fast,  dass ich gar nicht träumen kann. Hättest du kleine Maus übrigens nicht vor dich hingeträumt, hätte ich dich möglicherweise gar nicht gefangen“. Der Gepard war zufrieden darüber, dass er sich, jetzt endlich, mit seinen Reden davon überzeugt hatte, dass man gar nicht träumen solle. Er  öffnete sein Maul um das kleine Grätenfrühstückchen ein zu nehmen.“ Da schrie die zu Tode geängstigte Maus, mit den schwarzen, glänzenden  Augen:“  Hör mal, Gepard, „Wenn du willst, zeige ich dir, wie träumen geht und wir träumen  einfach  ein bisschen zusammen.“

Der Gepard hielt inne. „OK“, sagte er,“ ich will das mit dem Träumen wenigstens ein einziges Mal  versuchen.
Aber, obwohl er sich Mühe gab, fiel ihm  überhaupt nichts ein, was er für sich erträumen könnte.

 “Oh“, erklärte ihm die Maus, „ich finde, wir könnten zum Beispiel davon träumen, dass ich ein wunderschöner Igel  wäre mit ganz herrlichen, glänzenden, roten Stacheln. Versuche mal ganz fest, dir das vor zu stellen.“ Der Gepard  schloss die Augen ein bisschen und versuchte angestrengt  herbei zu träumen, dass  sich die Maus in seiner Pranke  in einen großen Igel verwandelte, mit roten und bunten, aber auch  spitzen Stacheln.

Sie  sprang ihm von der Hand und  schritt  ruhigen, aber behänden Fußes, so wie es Igel tun, quer durch die Savanne und verschwand in einer großen, dunklen Höhle. Der Gepard sah ihr nach und freute sich. Es ist besser als ich dachte, wenn man träumen kann “, murmelte er vor sich hin,      „ und Leben retten kann das Träumen auch.“

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