Diethelm Reiner Kaminski

Die ersten Menschen

„Du bist ja so nachdenklich, Janine? Hast du Probleme?“

„Probleme nicht. Ich habe nur gedacht, wie super es wäre, wenn wir die ersten Menschen wären.“

„Du kommst ja vielleicht auf Einfälle. Wer hat dir denn den Floh ins Ohr gesetzt?“, staunte Janines Vater.

„In Reli hat uns gestern Herr Brachstätter die Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden erzählt. Die fand ich toll. Wie im Zoo. Nur ohne Mauern und Käfige. Und immer schönes Wetter. Alle Tiere so friedlich. Selbst Löwen und Tiger konnte man streicheln. Blumen und Palmen. Die Bäume voller Früchte. Man brauchte nur die Hand auszustrecken, wenn man Hunger hatte. Keine Schule, keine unfreundlichen Nachbarn, keine Autos“, geriet Janine ins Schwärmen.

„Und du möchtest, dass wir diese Adam und Eva wären?“

„Möchte ich.“

„Dann hättest du aber keinen Vater und keine Mutter. Und auch keine Geschwister.“

„Mutter und Geschwister habe ich ja jetzt auch nicht, aber ich hätte einen Mann, nämlich dich.“

„Und einen riesigen Streichelzoo“, stichelte Janines Vater. „Und was wäre mit den Schlangen und den Spinnen, vor denen du solche Angst hast? Im Paradies gibt es nicht nur Tiere mit schönem Fell.“

„Dafür hätte ich ja dich. Die müsstest du verjagen oder töten.“

„Höre ich richtig? Töten oder verjagen? Ich denke, wir sind im Paradies, wo alle Geschöpfe friedlich zusammenleben?“

„Aber nicht mit Spinnen und Schlangen, und auch nicht mit Ohrenkneifern und Blattläusen. Die gehören nicht in den Garten Eden“, beharrte Janine. „Die müssen raus. Sonst möchte ich da nicht wohnen.“

„Gewalt anzuwenden, ist streng verboten im Paradies, und freiwillig hauen die garantiert nicht ab, weil es da doch so schön warm und friedlich ist. Wo sollten sie auch hin? Hast du überhaupt mal darüber nachgedacht, wovon sich die vielen Tiere ernähren sollen? Von Gras und Obst? Nur die wenigsten sind Vegetarier. Die Starken würden die Schwachen fressen. Vielleicht sogar uns. Deswegen sind ja Adam und Eva auch aus dem Garten Eden weggelaufen. Wenn alles so herrlich und friedlich gewesen wäre, wie der Herr Brachstätter euch das erzählt, wären sie bestimmt gerne geblieben“, versuchte Janines Vater seine Tochter zu überzeugen.

„Danke, Papi“, unterbrach Janine seinen Redefluss. „Das reicht. Wir sollen uns Fragen für die nächste Stunde überlegen, die Herr Brachstätter dann beantworten will. Ich wusste doch gleich, dass an der Geschichte was faul ist. Und ob ich dich heiraten möchte, muss ich mir auch noch überlegen.“

Die Küchenfenster waren wegen des warmen Juniwetters geöffnet. Vom Hof her hörte man den Hausmeister wütend rufen: „In diesem Haus wohnen aber auch die letzten Menschen. Schon wieder haben sie die Mülltüten neben die Tonne gestellt. Faule Bande. Die werde ich zur Rede stellen.“

Janine grinste ihren Vater an: „Gab es im Paradies eigentlich schon Müll?“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, aber auf jeden Fall noch keinen kleinkarierten Hausmeister, der jeden Tag den Müll kontrolliert.“

11.05.2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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