Diethelm Reiner Kaminski

Flamingos

‚Ingo Flamm – Tierhandlung‘ prangte in übertrieben großer pinkfarbener Leuchtschrift über dem kleinen Laden. Links davon – sozusagen als Lockvogel in derselben grellen Farbe – ein Flamingo, auf einem Bein stehend, das zweite über das andere gekreuzt. Das Gleiche wiederholte sich auf Ingo Flamms Visitenkarten und Handzetteln, die er großzügig unters Volks streute, um sein gerade eröffnetes Geschäft bekannt zu machen.

Das aber lief trotzdem nur zögernd an, denn Ingo Flamm konnte kaum mit den Dumpingpreisen für Tierfutter und Haustierbedarf der Supermärkte mithalten. Seine Kundschaft bestand im Wesentlichen aus Kindern, die Trockenfutter für ihre Hamster und Kaninchen und Katzenstreu für ihre Stubentiger kauften.

Die Kinder hatten schnell herausgefunden, dass Ingo ein Kinderfreund und für Späße immer zu haben war.

„Na, was habt ihr heute wieder für ausgefallene Wünsche?“, fragte Ingo.

„Zwei Flamingos“, sagte Karsten.

„Mit Halsband“, sagte Wanda, „große Vögel müssen an der Leine geführt werden.“

„Das tut mir aber leid“, sagte Ingo, „die letzten Flamingos habe ich gerade verkauft, aber wie wär´s mit Pinguinen? Die habe ich heute im Sonderangebot. Ich mache euch einen guten Preis. Wartet, ich hol sie grad mal aus der Kühlkammer.“

Ingo verschwand in einen Nebenraum und kam nach einer Minute zurück. Er machte eine untröstliche Miene und sagte: „Wie verhext heute. Die muss meine Aushilfe ebenfalls schon verkauft haben. Aber ich kriege bald Kronenkraniche rein. Die sind noch schöner. Lasst eure Telefonnummer hier, dann rufe ich euch an.“

„Und Flamingos? Wann kriegen Sie wieder Flamingos?“

„Das kann ich euch nicht versprechen. Flamingos sind sehr begehrt zurzeit. Pink ist die Modefarbe. Aber ich notiere mir eure Vorbestellung. Wie viele, sagtet ihr?“ Und nach einer kurzen Pause, in der er die Bestellung zum Schein in eine große schwarzeKladde eintrug: „Habt ihr sonst noch einen Wunsch?“

„Eine kleine Packung Trockenfutter für unsere Kaninchen“, sagte Wanda.

„Nehmt doch eine große“, schlug Ingo vor, „die ist günstiger.“

„Wir haben aber nur Geld für eine kleine.“

Der wahre Grund war jedoch, dass sie bald wiederkommen wollten, um nachzufragen, ob die Flamingos schon eingetroffen waren, und um sich mit dem netten Ladenbesitzer zu unterhalten.

Eine Woche später standen sie wieder im Laden.

„Haben Sie neue Flamingos gekriegt?“, fragte Karsten.

„Leider nur einen. Möchtet ihr ihn sehen?“

Ingo öffnete die Tür zum Nebenraum und rief: „Kommst du bitte mal? Unsere Stammkunden möchten dich kennenlernen.“

Wanda und Karsten schauten sich verwundert an. Bestimmt würde Herr Flamm gleich sagen: „Tut mir leid, aber der Flamingo ist leider schon verkauft“, aber da trat in den Ladenraum eine hochgewachsene junge Frau – von Kopf bis Fuß in Pink gekleidet: das freche Käppi, das Halstuch, der Pulli, der Rock, die Strümpfe, die Turnschuhe – alles in Pink.

„Was ist, Herr Flamm?“, fragte sie, lehnte sich lässig an die Türfassung und hielt ihr rechtes Bein im rechten Winkel über das linke.

„Unsere Stammkunden würden gerne einen Flamingo kaufen“, sagte Ingo Flamm. „Wie teuer sind die noch mal?“

„Zu spät“, nahm Christina, Herrn Flamms Auszubildende, dessen Scherz auf. „Ich bin schon vorbestellt. Nach Ladenschluss werde ich abgeholt.“

„So ein Pech aber auch“, sagte Herr Flamm zerknirscht. „Und ich dachte schon, heute würde es endlich klappen. Aber wir wär´s mit einem Schwarzstorch aus Ägypten? Da erwarte ich morgen eine neue Lieferung. Große oder kleine Packung Trockenfutter für eure Nager?“

„Eine kleine“, sagte Wanda.

„Wir kommen ja bald wieder, um unsere Schwarzstörche abzuholen“, sagte Karsten.

„Und bitte mit weißen Lederhalsbändern“, ergänzte Wanda.

13.10.2010

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