Christiane Mielck-Retzdorff

Talent und Leidenschaft

 

Fortsetzung von „Die weiße Wand“

 

Andreas hatte keine Erinnerung mehr daran, wie der Mann in seinem Traum aussah. Daraus schloss er, dass es sich um einen Durchschnittsmenschen handelte. Also sollte auch der Protagonist in seinem Roman die Merkmale eines ganz normalen Bürgers zeigen. Er nannte ihn Jonas Schmidt. Dieser war 44 Jahre alt, blond mit langsam ergrauenden Schläfen, 1,80 m groß und trotz eines kleinen Bäuchleins schlank. Als leitender Angestellter auf der mittleren Ebene eines Lebensmittelkonzerns verdiente er gut, war verheiratet und hatte zwei Töchter im Teenageralter. Die Frau arbeitete halbtags in einer Zahnarztpraxis. Die Familie wohnte in einem Randgebiet der Großstadt in einem Reihenhaus und verbrachte den Urlaub in ihrem Wohnwagen an der Ostsee.

Grinsend freute sich Andreas, dass er soeben einen vollkommen unauffälligen Mann geschaffen hatte. Nun machte er sich daran, dessen Vorliebe für Schusswaffen zu erklären. Jonas Schmidt war in einer dörflichen Gemeinschaft aufgewachsen und schon früh Mitglied des Schützenvereins geworden, dem sein Vater vorstand. Später erweiterte er seine Schießkünste als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr. Dort lernte er auch den Umgang mit großkalibrigen Waffen.

Später machte er das Schießen zu seinem Hobby, das er ungezwungen in einem Schützenverein pflegte, ohne sich jedoch an Wettbewerben zu beteiligen. Vor den Vereinskameraden hielt er sein Talent geheim und schoss absichtlich öfter daneben. In dieser Gesellschaft war es ganz normal, einen Waffenschein zu erwerben. Als Jonas Schmidt anstrebte, einen Jagdschein zu machen, stellte er allerdings bald fest, dass es ihm nicht behagte, auf Tiere zu schießen. Es störte ihn zwar nicht, dass er dafür ausgelacht wurde, doch er brach das Vorhaben ab.

Bald reichte ihm das Training im Verein, das meistens mit einem anschließenden Saufgelage verbunden war, nicht mehr. Er wollte seine Präzision im Schießen ungesehen vervollkommnen. Also log er seiner Familie vor, dass er seiner Fitness zur Liebe joggen wollte. Im nahen Wald vergrub er einige Waffen, die er ganz legal erworben hatte und nutzte die unbeobachtete Zeit für seine Übungen. Damit der Lärm niemanden misstrauisch machte, besorgte er sich Schalldämpfer.

Andreas war zufrieden mit dieser Erklärung für die Entwicklung seines Hauptdarstellers. Dieser schoss zwar nur auf Baumstämme und umherfliegende Blätter, doch wurde er dabei langsam von einem Gefühl der Macht über Leben und Tod ereilt. Jeder Schuss, der sein Ziel genau dort traf, wo er es beabsichtig hatte, verschaffte der Romanfigur orgastische Befriedigung.

Natürlich hätte Jonas Schmidt sein Talent in Wettbewerben vorstellen können und wäre sogar sicher gewesen, jeden Konkurrenten zu besiegen, aber er hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Viel mehr reizte ihn, sein sorgfältig geschultes Talent als Geheimnis zu wahren. Niemand sollte wissen, zu welchen Taten er in der Lage war. So hütete er ein Geheimnis, das sein Machtgefühl nährte.

Mal wieder allein im Wald erspähte er plötzlich einen einsamen Mountainbike Fahrer, der in ziemlich hohem Tempo den Sandweg entlang düste. Dieser Mann bot ein willkommenes Ziel für eine anspruchsvolle Schießübung. Blieb er auf der Strecke, würde er bald an Jonas Schmidt vorbeikommen. Dieser schaute zu den Baumwipfeln, wo sich etliche morsche Äste noch tapfer anklammerten. Er hatte gelernt, dass Holz ein ziemlich widerborstiger Gegner beim Schießen war. Entweder die Kugel blieb einfach stecken oder das Holz zerbarst, wobei es die Kugel unkalkulierbar ablenkte.

Es herrschte kaum Wind, was für den Plan vorteilhaft war. Der Radfahrer näherte sich geschützt von einem Helm und mit zwei Stöpsel in den Ohren, aus denen vermutlich Musik erklang. So entschied sich der Schütze auf einen Schalldämpfer zu verzichten. Außerdem liebte er die akustische Untermalung seiner Übungen, was ihm oft versagt blieb.

Jonas Schmidt legte sein Gewehr an, nahm sein Ziel ins Visier und schoss. Ein morscher Ast fiel vom Baum direkt auf den Fahrradfahrer. Dieser stürzte, verletzte sich aber nicht. Schimpfend stand er auf, richtete sein Mountainbike auf, überprüfte kurz dessen Funktionsfähigkeit und fuhr weiter.

Der Schütze war hoch zufrieden. Mit nur einem Schuss hatte er den Ast genau in dem Augenblick vom Baum gesprengt, als er sicher sein konnte, dass er auf den Radfahrer fallen würde. So hatte er Zielgenauigkeit mit Witterungsbedingungen und zeitlichem Ablauf genau kalkuliert. Ein Meisterstück.

Die Romanfigur sammelte etliche Überstunden an, in dem er länger als seine Kollegen im Büro saß. Doch kaum wähnte er sich unbeobachtet in den Räumen der Firma, beschäftigte er sich nicht mit seiner Arbeit sondern erweiterte im Internet sein Wissen über die Anatomie des Menschen, den Einfluss des Wetters auf die Flugbahn einer Kugel und andere physikalische Regeln. Die Überstunden gab ihm außerdem die Möglichkeit, des Öfteren schon am frühen Nachmittag sein Büro zu verlassen.

Schon länger hatte Jonas Schmidt vor, auf ein bewegliches Objekt zu schießen. Dafür legte er sich in einer stillgelegten Kieskuhle neben dem Wald auf die Lauer, in der, obwohl verboten, Motorradfahrer gern ihre Geländemaschinen testeten. Meistens trafen sie sich dort in kleinen Gruppen, doch an diesem Tag hatte er Glück. Nur ein einsamer Fahrer pflügte durch den Sand oder raste die Hänge hinunter. Diesen beobachtete er, erkannte an der Flugbahn des aufgewirbelten Sandes Richtung und Heftigkeit des Windes. Dann suchte er sich einen geeigneten Platz, stürzte sein Gewehr auf einem Stein ab und nahm das Ziel ins Visier. Gerade als der Motorradfahrer eine steile Sandpiste abwärts fuhr, traf der dessen Vorderreifen. Das Fahrzeug überschlug sich und der Fahrer flog seitlich in den Sand.

Zufrieden mit dem Ergebnis trat der Schütze den Heimweg an. Ob der junge Mann sich verletzt hatte, kümmerte ihn nicht. Ihm ging es einzig und allein um seinen Sport und darum, seine Fähigkeiten vor sich selbst zu beweisen. Jedes Erfolgserlebnis erregte ihn, was seiner Frau stets eine leidenschaftliche Nacht bescherte. Doch dabei interessierte ihn die lustvoll Stöhnende unter ihm nicht. Ihn befriedigte nur die Erinnerung an seinen perfekten Schuss.

Andreas schriebe die ganze Nacht durch. Je mehr er sich mit seiner erfundenen Person auseinandersetzte, desto mehr faszinierte diese ihn. Jonas Schmidt lebte unauffällig wie Hunderte anderer Bürger, doch pflegte er ein Hobby, das irgendwann Opfer fordern würde. Mit dieser Vorahnung wollte er die Spannung bei seinen Lesern bewahren.

Nach einem unruhigen Schlaf ereilte ihn die Erkenntnis, dass er sich zu wenig mit Waffen und dem Schießen auskannte, um sich glaubhaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aber um Fachwissen zu erlangen, brauchte er Zeit. Folglich musste er zuerst seinen Verlag davon überzeugen, dass sein neuer Roman danach verlangte. Bisher hatte er erst zwei Kapitel fertiggestellt, die sich mit dem Alltagsleben und der Vergangenheit von Jonas Schmidt beschäftigten. Diese würden kaum ausreichen, um von dem Verlag eine Fristverlängerung zu bekommen. Also setzte Andreas sich daran, seine Vorstellungen von der Handlung zusammenzufassen. Dabei war es wichtig, möglichst hinterhältige, mörderische Taten einzuflechten, weil nur diese ein breites Interesse der Leserschaft garantierten. Wie dieser Jonas Schmidt aber am Ende ins Netz der Ermittler gelangte, ließ er offen.

Gleich am nächsten Tag präsentierte Andreas dem Lektor seine Idee und legte auch die beiden ersten Kapitel vor. Gespannt versuchte er aus der Mimik des Lesenden zu erkennen, wie dessen Einschätzung ausfiel. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaute der Lektor Andreas an und nickte.

„Das könnte ein Erfolgsroman werden.“

Andreas war erleichtert und froh. Für den sehr kritischen Lektor war dieser Satz bereits ein hohes Lob. Also scheute der Autor sich nicht, von den notwendigen Recherchen zu sprechen. Auch dies fand Zustimmung. So ermuntert, fragte Andreas nach einem weiteren Vorschuss, damit er sich ungestört informieren konnte. Und er würde natürlich mehr Zeit für die Fertigstellung dieses Romans brauchen. Zu seinem großen Erstaunen antwortete der Mann kurz und bündig:

„Ich denke, beides geht klar.“

Damit war das Gespräch beendet.

Da sich Andreas kein Auto leisten konnte, musste er den Bus nehmen, um in eine Gegend zu gelangen, die er kannte, weil er dort einst zur Einweihung des Reihenhauses seines Jugendfreundes eingeladen war. Diese biedere Vorstandsiedlung eignete sich hervorragend, um sie zur Heimat seines Protagonisten zu machen.

Dort grenzten wohlgepflegte Vorgärten aneinander, blitzten geputzte Fenster in der Sonne, parkten die Mittelklassewagen der Hausfrauen, mit denen die Kinder zu ihren verschiedenen Freizeitaktivitäten chauffiert wurden. Die friedliche Stille wurde nur von dem Gezwitscher der Vögel und gelegentlichem Kinderlachen unterbrochen. Dann sah Andreas eine Frau vor einem Haus parken und zwei hübsche Mädchen dem Auto entsteigen. So hatte er sich die Familie von Jonas Schmidt vorgestellt. Die Mutter war schlank, gut gekleidet, trug ihre halblangen Haare offen und vermittelte den Eindruck einer rundum zufriedenen Frau. Die beiden Teenager versprühten gute Laune, plapperten munter und entnahmen dem Kofferraum etliche Einkaufstüten. Eine Nachbarin winkte vom Gartenzaun herüber.

Andreas Ziel am nächsten Tag war ein Waffengeschäft. Dort schaute er sich um, bis der einzige Verkäufer ihn ansprach. Ohne Scheu erzählte er dem Mann, dass er keine Ahnung von Waffen hatte, aber Grundkenntnisse für seinen Roman brauchte. Sofort fühlte sich der Angestellte in seinem Element und gab bereitwillig Auskunft. Da niemand sonst den Laden betrat, wurde Andreas sogar Kaffee serviert. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut und so bekam der Autor kostenlos einen ausgedehnten Vortrag, bei dem auch Fragen willig beantwortet wurden.

Aber dieses Wissen wollte ihm nicht reichen. Er musste selbst ein Gefühl für das Schießen bekommen. Noch am gleichen Tag besuchte Andreas einen Schützenverein. Dieser hatte zwar Aufnahmestopp, weil durch die von den Medien forcierte Angst der Bürger zu immer mehr Anträgen auf Mitgliedschaft geführt hatte, doch der Vorsitzende des Vereins, den er zufällig im Clubhaus antraf, hatte die beiden Kriminalromane von Andreas gelesen und meinte, für ihn eine Ausnahme machen zu können. Immerhin ging es um die Unterstützung eines Literaten.

Schon am nächsten Tag durfte Andreas unter den Augen des Vorsitzenden seine ersten Schießversuche unternehmen. Dabei war er selbst überrascht, welch ein Talent er für diesen Sport zeigte. Außerdem machte es ihm Spaß, die Zielscheibe konzentriert anzuvisieren und möglichst mittig zu treffen. Die Anerkennung des Vorsitzenden steigerte seine Euphorie.

Wieder in seiner kleinen Wohnung machte ihm erst die anschleichende Dunkelheit bewusst, wie lange er in dem Schützenverein geübt hatte. Plötzlich verstand er den, von ihm erfundenen Jonas Schmidt. Beim Schießen ging es um eine ruhige Hand, Körperspannung, ein waches Auge und Genauigkeit. Wenn das alles zur Routine geworden war, musste an der Perfektion gearbeitet werden.

Beinahe täglich zog es Andreas nun in den Verein. Seine Schreibfaulheit entschuldigte er vor sich selbst mit der Notwendigkeit der Recherche. Doch die Anrufe seines Lektoren zwangen ihn wieder an sein Laptop. Mit jeder Zeile fühlte er sich seinem Protagonisten näher. Die in ihm erwachende Liebe zum Schießsport schuf eine tiefe Verbindung zu Jonas Schmidt. Er genoss es, diesen in seiner Phantasie immer waghalsigere Ziele ins Visier zu nehmen, bis in dem Roman der erste Mensch sein Leben lassen musste.

Andreas hatte als Opfer einen gutaussehenden Frauenhelden ausgewählt, dessen Hobby es war, Herzen zu brechen. Um so einen Typen war es nicht schade. Natürlich suchte die Polizei in dessen Umfeld nach dem Täter. Solche Schönlinge hatten oft Feinde. Und Jonas Schmidt führte während der erfolglosen Ermittlungen weiter sein Leben als gewissenhafter Angestellter und treusorgender Familienvater.

Es fiel Andreas nicht schwer, seine Geschichte weiter zu spinnen. Dabei ließ er mit Freude die Ermittler im Dunkeln tappen. Unvermittelt fiel ihm ein Satz aus seinem Traum ein: „Sie werden mich nicht kriegen.“ Nun musste er zugeben, dass auch er nicht wollte, dass die Polizei Jonas Schmidt kriegte. Aber so durfte kein Kriminalroman enden. Die Leser erwarteten, dass die Gerechtigkeit siegte. Doch was war eigentlich gut oder böse in dieser verwirrenden Welt voller Gewalt und Attentate? Andreas wurde plötzlich bewusst, dass er den Roman nicht vollenden konnte.

Schon am nächsten Tag suchte er seinen Lektor auf. Vielleicht trieb ihn die Hoffnung, dieser würde ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück bringen, denn der Autor war seiner Phantasiegestalt schon so nahe gekommen, dass er ihn als seinen Freund empfand. Der Lektor reagierte auf die Offenbarung wie immer sachlich, ohne Emotionen, gab aber zu bedenken, dass Andreas dem Verlag verpflichtet war und schon eine stattliche Summe als Vorschuss bekommen hatte. Den letzten Aspekt hatte der Autor vergessen und er beunruhigte ihn. Er war nicht in der Lage, das Geld zurückzuzahlten. Mit den Worten „Ich melde mich bei Ihnen.“ verabschiedete ihn der Lektor.

Am nächsten Morgen wurde Andreas telefonisch aufgefordert, sich umgehend bei der Leitung des Verlages einzufinden. Das klang nach Ärger. Mit einem unguten Gefühl betrat der Autor das Büro, wo der Verleger mit dem Lektor auf ihn wartete.

„Ich hörte, Sie wollen die Zusammenarbeit mit unserem Verlag aufkündigen.“, begann der Chef.

„Das stimmt nicht.“, verteidigte sich Andreas. „Ich möchte nur diesen Kriminalroman nicht zu Ende schreiben. Das Thema eines Täters ohne Motiv erscheint mir zu absurd.“

„Diese Einschätzung müssen Sie schon uns überlassen. Ich vermute, Sie haben den größten Teil unseres Vorschusses bereits ausgegeben. Sind Sie in der Lage, diesen zurückzuzahlen?“

Andreas sah betreten zu Boden.

„Das dachte ich mir. Also mache ich Ihnen folgenden Vorschlag. Sie übertragen dem Verlag sämtliche Rechte an ihren bisher verfassten Texten und der Grundidee. Wir werden einen anderen Autor mit der Vollendung des Werks beauftragen. Als Gegenleistung verzichten wir auf die Rückerstattung des Vorschusses. Unser Rechtsanwalt hat bereits einen entsprechenden Vertrag vorbereitet. Sind Sie einverstanden?“

Nach der Unterschrift verließ Andreas erleichtert das Gebäude und machte sich gleich auf den Weg in den Schützenverein. Da er mit dem zweiten Vorschuss sorgsam umgegangen war, lag noch Geld auf seinem Konto und er konnte sich in Ruhe nach einer Arbeit umsehen. Doch der Schießsport beschäftigte ihn mehr und mehr. Der Verein war hervorragend mit Übungsräumen und Waffen, die Andreas nutzen durfte, ausgestattet, weil auch die Polizei dort trainierte. Mit Tagesfreizeit konnte er das alles ungehindert nutzen. Dabei wuchsen seine Fertigkeiten, was ihm Anerkennung bei den anderen Mitgliedern einbrachte. Er fühlte sich ausgesprochen wohl in dieser Gesellschaft.

Eines Abends traf er in einer Kneipe einen, ihm aus dem Verlag bekannten Mann. Dieser bat den Neuankömmling sogleich an seinen Tisch und prahlte damit, einen neuen Kriminalroman zu schreiben, der sicher ein großer Erfolg werden würde. Andreas war der Kollege schon immer unsympathisch gewesen. Das mochte auch daran liegen, dass dieser in seinen Texten unvorstellbare Grausamkeiten so detailliert schilderte, dass der Leser regelrecht Angst bekam. In der Vorstellung von Andreas war nur ein Sadist in der Lage, sich solche Handlungen auszudenken.

Bei dem Gespräch der beiden stellte sich bald heraus, dass dieser Autor die Romanidee, die der Verlag gekauft hatte, vollenden sollte. Dadurch wurde aus dem Perfektionsschützen Jonas Schmidt ein skrupelloser Killer, der sogar Freude daran hatte, seine Opfer leiden zu sehen. Dieser Gedanke machte Andreas wütend, doch er hatte den Einfluss auf das Geschehen in dem Buch ja freiwillig aufgegeben. Eilig beendet er das zufällige Treffen.

Eines Nachmittags marschierten uniformierte Polizisten in das Vereinshaus, als Andreas gerade seine Zielsicherheit auf große Entfernungen übte. Plötzlich stand eine junge Frau neben ihm und beobachtete sichtlich beeindruckt seine Erfolge. Nach ihrem eigenen Training suchte sie den Kontakt zu dem hervorragenden Schützen. Zuerst tauschten beide etwas Fachwissen aus, doch dann sprachen sie über ihr Privatleben.

Lydia war bereits Kommissarin in der Mordkommission. Schon ihr Vater war bei der Polizei gewesen, musste aber aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig den Dienst quittieren. Nur arbeitete er als Berater einer Sicherheitsfirma. Das Schießen hatten sie schon früh von ihrem Onkel gelernt, dessen Hobby dieses war, auch wenn er beruflich keine Verwendung dafür hatte.

Die beiden fanden Gefallen aneinander und verabredeten sich gleich zum gemeinsamen Abendessen. Nur als Andreas Lydias Nachnamen Schmidt erfuhr, stutzte er kurz. Was dies eine Warnung? Doch dann machte er sich bewusst, wie weit verbreitet der Name Schmidt und deswegen wohl kaum gefährlich war. Er musste den Protagonisten seines Romanentwurfs endlich aus seinem Kopf bekommen.

Schnell bemerkten beide, dass sie sich nicht nur prächtig verstanden, sondern dass sie sich auch ineinander verliebt hatten. Zwar störte es Lydia nicht, dass Andreas keine Arbeit hatte, doch in ihm wuchs der Anspruch, endlich eine dauerhafte Beziehung zu pflegen, zu der beide ihren Teil beitrugen. Also suchte er sich einen Job als Paketbote bei einem größeren Unternehmen, gab seine Wohnung auf und zog mit Lydia zusammen.

Eines Abends erzählte seine Lebensgefährtin, dass ihr Kommissariat gerade ein Tötungsdelikt beschäftigte, bei dem ein Mann durch das offene Fenster seines Autos erschossen worden war. Da es sich um einen unauffälligen Bürger handelte, dem keine Verbindungen zu kriminelle Kreise nachgewiesen werden konnten, tappte die Polizei erstmal im Dunkeln. Doch dann wurde ermittelt, dass der homosexuelle Mann Kontakte zur Sado-Maso-Szene pflegte. Ursächlich für den Mord war vermutlich eine gescheiterte Beziehung.

Andreas behagte es nicht, dass sich seine wundervolle Freundin mit einem solchen Milieu auseinandersetzen musste. Fürsorglich nahm er sie in den Arm. Als er jedoch am nächsten Tag von dem Fall in der Zeitung las, erschrak er. Der Tote war der Autor, der den Roman vollenden sollte. Vor Andreas geistigem Auge erschien der grinsende Jonas Schmidt. Niemand durfte ihn als perversen Mörder darstellen.

In der Firma, für die er die Pakete auslieferte, wurde bald erkannt, dass Andreas über ein sehr gutes Gespür für effektive Logistik verfügte. Er bekam eine Festanstellung und plante fortan von seinem Schreibtisch aus die Routen für die Paketzusteller. Der Verdienst war anständig.

Sein Leben lief in geordneten Bahnen. Andreas und Lydia heirateten und bekamen schnell ein Zwillingspärchen, zwei Mädchen. Damit sollte die Familienplanung abgeschlossen sein, denn die Mutter wollte so bald wie möglich in ihrem Beruf zurückkehren. Allerdings verlangte sie die Versetzung in den Innendienst des Einbruchsdezernats. Die finanzielle Situation ließ es sogar zu, dass ein schmuckes Reihenhaus in einem Randgebiet der Großstadt gekauft wurde.

Das Schießen blieb Andreas Hobby, zu dem seine Frau ihn aber nicht mehr begleitete. Jedes Mal, wenn er sein Ziel präzise traf, erfüllte ihn ein Glücksgefühl. Er stellte sich gern immer neuen Herausforderungen, was den Schwierigkeitsgrad anging. Bald stellte er fest, dass die Möglichkeiten zur Verfeinerung seiner Schießkunst die Angebote im Schützenverein sprengten.

Er versuchte sich an Internetspielen, in denen auf bewegliche Ziele, meistens realitätsnah dargestellte Menschen, geschossen wurde, doch das befriedigte ihn nicht. Mit einer Waffe in der Hand etwas anzuvisieren und präzise zu treffen, entwickelte sich bei Andreas zur Sucht, die er aber vor seinen Mitmenschen sorgfältig geheim hielt.

Die einst von ihm erfundene Figur Jonas Schmidt trat immer wieder in seine Gedanken. So durchforstete er in ruhigen Augenblicken im Büro das Internet nach Ereignissen, bei denen eine Schusswaffe im Spiel gewesen sein konnte. Damit meinte er nicht, Auseinandersetzungen unter Kriminellen oder die üblichen Morde aus Habgier, Eifersucht, sondern außergewöhnliche Umstände, bei denen der Einsatz einer Waffe möglich wäre und es keine Verdächtigen gab. Diese Voraussetzungen erfüllten nicht viele Nachrichten im Internet. So überkam Andreas stets diebische Freude, wenn er so eine unerklärliche Tat entdeckte.

Zum Beispiel wurde auf einer Wiese in Brandenburg ein Wettbewerb durchgeführt, bei dem die Führer von Drohnen einen Hindernis Parcours zu bewältigen hatten. Als das erste dieser Fluggeräte abstürzte, glaubte man noch an einen technischen Defekt. Doch als die dritte Drohne auf dem Boden zerbrach, wurden die Leute misstrauisch. Zwar stellte sich später heraus, dass die Ursache sorgfältig platzierte Schüsse gewesen waren, doch wer warum die Fluggeräte attackiert hatte, blieb rätselhaft.

Später las er von einem Mann, der bei einer Achterbahnfahrt am Kopf tödlich von einer Kugel getroffen worden war. Was für ein faszinierender Gedanke für Andreas, dass jemand so treffsicher ein, sich rasant bewegendes Ziel aus großer Entfernung erreichte. Bezeichnend war auch, dass die anderen Insassen des Wagens den Tod des Mannes erst bemerkten, als sie wieder am Boden angehalten hatten. Offensichtlich war der Schuss so genau platziert worden, dass ein blitzschneller Tod eintrat. Das Opfer war ein unbescholtener Bürger, der weder Feinde, noch viel Geld oder Scheidungspläne hatte. Die Polizei konnte nicht mal ermitteln, von wo der Schuss gekommen war.

An einem anderen Ort war ein Gleitschirmflieger gegen eine Felswand geprallt, weil das Lenkungsseil gerissen war. Erst umfangreiche Untersuchungen ergaben später, dass dieses durch einen Schuss durchtrennt wurde. Auch wer diesen Mann auf den Gewissen hatte, konnte nicht ermittelt werden.

Außer Andreas kam niemand auf den Gedanken der Möglichkeit des Zusammenhangs dieser Taten. Der Schütze hatte offensichtlich keine Scheu mehr, Menschen zu töten. Dem früheren Autor erschien es, als sei seine erfundene Person Jonas Schmidt lebendig geworden. Diesem ging es nicht darum, Menschen einen Schaden zuzufügen oder sie ins Jenseits zu befördern, sondern nur um das Schießen an sich, die Kunst genauer Berechnungen, körperlicher Disziplin, die für eine ruhige Hand von Nöten war, die vollständige Verbindung mit der Waffe und die konzentrierte Fixierung des Ziels. Andreas begriff, welche Anstrengungen mit so einer Tat verbunden waren und welche Genugtuung der Erfolg brachte. Es war eine sportliche Höchstleistung ohne das Verlangen nach Anerkennung durch Leute, die von all diesem nichts verstanden.

Offensichtlich leiteten den Schützen keine politischen Überzeugungen, keine moralischen Grundwerte, keine niederen Beweggründe. Andreas leugnete vor sich selbst nicht, dass er diesen bewunderte. Auch er träumte davon, seine Schießkünste dort auszuprobieren, wo sich wirkliche Herausforderungen boten, doch er musste sich eingestehen, dass er zu feige war, das Risiko einer Entdeckung einzugehen.

Da er mit seiner Familie das gewöhnliche Leben anständiger Bürger führte und dieses durch seine bizarren Träume nicht auf Spiel setzen wollte, ging er nur noch selten in den Schützenverein. Seine Waffen schloss er sorgfältig, nach den gesetzlichen Vorgaben im Keller ein. Nur seine Forschungen im Internet nach dem geheimnisvollen Schützen stellte er nicht ein, musste aber feststellen, dass dieser kaum noch aktiv wurde.

Der 60. Geburtstag von Lydias Vater wurde groß in einem Gasthaus gefeiert. Nach dem Abendessen sollten gemütliches Beisammensein und Tanz folgen. Nachdem Andreas mit seiner Frau etliche Gäste begrüßt hatte, bemerkte er plötzlich einen ihm unbekannten Mann. Das war ungewöhnlich, weil er meinte, auf verschiedenen Feiern schon alle Verwandte, Freunde und Bekannte seiner Schwiegereltern kennengelernt zu haben. Also fragte er Lydia nach dem Fremden.

„Ach, das ist Onkel Bumbum, der Bruder meines Vaters.“

Zwar hatte Andreas schon von diesem Mann gehört, doch ihn bisher nie getroffen. Überhaupt wurde selten über ihn gesprochen. Eigentlich wusste er nur, dass seine Frau einst das Schießen von dem Onkel gelernt hatte, er verheiratet war und zwei Töchter hatte, die mittlerweile im Ausland lebten.

„Wieso war denn der Bruder deines Vaters nie bei irgendwelchen Feiern anwesend? Nicht mal zu unserer Hochzeit war er eingeladen.“

„Doch, aber ich glaube, damals war er aus beruflichen Gründen verhindert und seine Familie ging nie ohne ihr Oberhaupt irgendwo hin. Sie lebten nach sehr strengen Regeln. Deswegen haben meine Cousinen wohl auch im Ausland studiert und sind gleich dort geblieben. Die eine lebt in Australien, die andere in Chile. Weiter weg geht es wohl kaum.“

„Das ist doch günstig. Wir könnten sie mal besuchen und diese fremden Länder kennenlernen.“, schlug Andreas vor.

„Ich denke, sie wollen mit unserer Familie nichts mehr zu tun haben. Ab und zu schrieb ich ihnen eine E-Mail bekam aber nie eine Antwort.“

Aus dem Augenwinkel beobachtete Andreas Onkel Bumbum. Er war keine bemerkenswerte Erscheinung, strahlte aber eine unerklärliche Dominanz aus.

„Mein Vater hat den Kontakt zu seinem Bruder weitgehend eingestellt.“, fuhr Lydia fort. „Sie haben sich noch nie gut verstanden. Onkel Bumbum war von klein an sehr ordnungsliebend. Wenn nicht alles ganz genau und gerade positioniert war, wurde er ungehalten. So ein Gast ist echt lästig. Doch ich glaube, meine Mutter wollte, dass er zu der Geburtstagsfeier kommt, weil er ja zur Familie gehört.“

Dann wurde Lydia von ihrer Mutter gerufen und um Hilfe gebeten. Andreas stand nun allein etwas abseits und spürte Aufregung in sich emporkriechen, als Onkel Bumbum auf ihn zukam.

„Hallo.“, begrüßte dieser. „Du musst Andreas sein. Mich kennen alle als Onkel Bumbum.“

Die Männer gaben sich die Hand.

„Ich hörte, Du bist ein sehr talentierter Schütze.“

Andreas schaute irritiert.

„Das weiß ich, weil ich noch Kontakt zu dem Vorsitzenden des Schützenvereins habe, in dem Du lange Mitglied warst.“

Er nickte.

„Ja, die Schießkunst faszinierte mich schon früh. Doch Du scheinst diesen Sport aufgegeben zu haben.“

„Das stimmt. Mein Beruf lässt mir nicht mehr genug Zeit.“

„Das ist aber schade.“, bemerkte Onkel Bumbum mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Wir sollten Talent und Leidenschaft nie verleugnen.“

Andreas fühlte in gleichem Maße Unbehagen wie magische Erregung. Etwas sagte ihm, dass dieses Treffen sein Leben verändern würde. Angst und Mut kämpften in ihm. Es war der Blick seines Gegenübers der Andreas davon überzeugte, dass etwas Unausweichliches von ihm Besitz ergriff. Seine Furcht verschwand und ein Lächeln glitt über sein Gesicht.

„Und bitte nenn mich nicht Onkel Bumbum. Spreche mich einfach mit meinem Vornamen an. Ich heiße Jonas.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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