Harald Haider

BLUTRACHE-11.Teil

Zurück in Vorchdorf, 10:59

 

Sofort, als ich meine Wohnung betrat, hatte ich das Gefühl nicht alleine in den vier Wänden zu sein. Doch ich wies es auf meinen momentanen Stresszustand zurück und begab mich noch einmal ins Badezimmer. Ich benötigte dringend noch einmal eine heiße Dusche, ständig fröstelte es mich und meine Nase meldete sich im Minutentakt mit nervigem Niesen. Eine Erkältung fehlte mir gerade noch. Grübelnd, was am Abend auf mich zukommen würde, streifte ich meine Kleidung beiläufig ab und wandte mich der Duschkabine zu, als ich ein unverkennbares Knacksen vernahm. Dabei konnte es sich nur um die defekte Diele im Wohnzimmer handeln. Jemand war in der Wohnung! Was sollte ich jetzt tun? Auf Zehenspitzen schlich ich mich zur Badezimmertür, öffnete diese im Zeitlupentempo so leise es nur ging, und betrat den Gang. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Raum, aus dem ich das Geräusch vernommen hatte. Plötzlich hörte ich die Wohnungstür zufallen. Ich beschleunigte meinen Gang und war wenige Sekunden später bereits an der Türe. Nur mit meiner Unterhose bekleidet riss ich sie auf und starrte ins Treppenhaus hinaus. Sogleich schlug die schwere Haustür unten ins Schloss. Wer auch immer in meiner Wohnung gewesen war, er war weg. Eros. Er war hier gewesen, hatte mein Eigentum betreten. Hatte ich ihn mit meiner Rückkehr überrascht? Wie war er überhaupt hier rein gekommen? Soweit ich wusste, hatte ich beim Rausgehen hinter Sarah zugesperrt. Ich fühlte mich sofort noch verletzlicher als zuvor. Jeder Mensch verspürt die Sicherheit und Geborgenheit, die er in seinem Eigenheim, auch wenn es nur eine kleine Bruchbude war, widerfährt. Man hat das Gefühl, dass an diesem Ort nie etwas Schlimmes passieren würde, es der sicherste Fleck auf der Welt wäre. Wenn dann dieses Refugium angegriffen oder verletzt wird, fühlt mich sich nicht mehr geborgen, sondern hilflos ohne Schneckenhaus, welches einen vor Angriffen schützt. So ging es mir, wie ich im Gang zwischen Wohnzimmer und Küche stand und nicht wahrhaben wollte, dass dieser Unbekannte auch nicht vor meiner Wohnung Halt gemacht hatte. Ich musste sogar davon ausgehen, dass es nicht sein erster Besuch gewesen war. Aber was hatte er nur gewollt? Ich nahm alle Räume sorgfältig unter die Lupe, doch ich konnte nichts entdecken, was irgendwie durchwühlt war oder an einem anderen Platz stand. Komisch. Ein erneutes Niesen ließ mich an mein eigentliches Unterfangen erinnern und so begab ich mich, nachdem ich die Wohnungstür doppelt von innen verschlossen hatte, wieder zurück ins Badezimmer. Eine Minute später lief das heiße Wasser meinen Körper herab und die Kabine füllte sich mehr und mehr mit Dampf. Er war wirklich hier gewesen. Eros. Was willst du bloß von mir?

 

Parkplatz gegenüber der BP-Tankstelle in Sattledt, 19:40

 

noch 19 Stunden und 50 Minuten

 

Der Nachmittag war endlos lang gewesen. Nachdem ich mir eine kleine Stärkung bei der ortsansässigen McDonald’s-Filiale geholt hatte, verbrachte ich den Großteil der Stunden vor meinem Computer. Seit Eros vermeintlichem Versuch in meiner Wohnung hatte ich in mir das dringende Verlangen, die Zeit, in der ich nichts außer Warten konnte, sinnvoll zu nützen und im Hintergrund des Geschehens zu versuchen Recherchen anzustellen. Zuallererst hatte ich im Internet nach weiteren Berichten über Julias Verschwinden gesucht und war auf mehrere Artikel von diversen lokalen Tageszeitungen gestoßen. Mehr Informationen als im gestrigen Zeitungsbericht war ihnen leider nicht zu entnehmen. Meine nächste Suche galt nachzuforschen, was es mit dem Namen ‚Eros‘ auf sich hatte. Ich war zu dem Entschluss gekommen, dass das höchstwahrscheinlich nicht der richtige Name des Unbekannten war. Dafür musste eine bewusste Bedeutung über diesem Wort liegen. Schon die erste Webseite Wikipedia, welche das Suchergebnis für mich parat hielt, gab eventuell brauchbare Hinweise preis. Demnach war Eros in der griechischen Mythologie der Gott der Liebe, quasi das Gegenstück zu Amor in der römischen. Auch in der Philosophie fand ich den Namen. Er bezeichnet eine bestimmte Vorstellung der menschlichen Liebe. Der Begriff wurde vom antiken griechischen Philosophen Platon geprägt, der sich in seinen Werken mit den verschiedenen Ideen der Liebe, des Begehrens und der Erkenntnis befasste. Der Eros ist für ihn der Helfer zur Erkenntnis, der Weg selbst zum Entdecken des Schönen. Der verliebte Mensch ist, weil sein Geist freier ist, empfänglicher für diese Erfahrungen, darum kann Eros gerade ihm leicht die Augen öffnen. Ab da wurde diese Erklärung des Namens für mich zu kompliziert und ich suchte weiter. Das nächste Ergebnis fand ich ziemlich interessant. Demnach war der Eros oder Lebenstrieb in der Psychoanalyse Sigmund Freuds neben dem Todestrieb einer der Primärtriebe, welche das Verhalten des Menschen bestimmen. Die psychische Energie des Eros wird als Libido bezeichnet, der Begierde nach Liebe. Eine übermäßig gesteigerte Libido kann zu Krankheitsbildern wie Manie oder Sexsucht führen, während Libidomangel tiefe Depression verursachen kann. Im Großen und Ganzen steht der Lebenstrieb für die Selbsterhaltung, für das Überleben und die Fortpflanzung. Der Erosbegriff schließt alles mit ein, was mit Lustgewinn jeglicher Art zu tun hat. Dabei handelt es sich wirklich um alltägliche Dinge, wie körperlichen Kontakt, Essen, Bewegung oder Freude. Der Mensch muss immer aufpassen, stets den Pfad des Lebenstriebes zu folgen und nicht dem Thanatos, dem Todestrieb zu verfallen, der die Vernichtung des Lebendigen vordergründlich als Ansatz hat. Nachdem ich alle gesammelten Fakten über den Namen Eros in meinem Kopf nochmal Revue passieren lassen konnte, kam ich zu folgender Erkenntnis, nämlich, dass ich jemanden als Gegner hatte, der mich das alles machen ließ aus einem Grund, aus Liebe. Er vertrat diese besser gesagt und sah sich selbst als so ein Helfer, wie ein Platon bezeichnet hatte, der die Menschen auf den richtigen Weg führen möchte. Es konnte natürlich sein, dass der Name keine nähere Geschichte zu erzählen hatte, wahllos oder aus Sympathie dafür gewählt wurde. Ich war unter Umständen durch meine Internetrecherche nicht viel schlauer geworden. Eine Zeile aus Julias Brief streifte meine Gedanken. Bitte lass‘ mich nicht wieder in Stich wie damals, als ich dich gebraucht hätte. Irgendetwas musste ich getan haben, wobei ich die Liebe verraten und in den Schmutz gezogen hatte. Ging es dabei wirklich um Julia, oder aber doch um…, nein, mit diesem Gedanken wollte ich einfach nicht spielen. Andrea hatte damit nichts zu tun, genauso wenig wie Elena. Diese beiden waren damals einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, beziehungsweise im falschen Wagen gewesen, das war alles. Das Unglück war ja keine Absicht gewesen, ich hatte dafür genug gebüßt. Aber ich konnte leider nicht sicher sein, dass eine unachtsame Sekunde meinerseits nicht nur Schuld an zwei Menschenleben, sondern auch an einer Entführung war. Oh mein Gott, lass das alles gut aus gehen. Auch noch eine halbe Stunde später, als ich im kleinen Kellerraum hinter einem der Eisenregale das Holzkästchen samt Inhalt sicher vor Sarah, Eros und allen anderen verwahrte, spukte diese dunkle Schatten noch über mir und ließ die Welt um mich herum grau und kalt erscheinen, obwohl wieder angenehmer Sonnenschein die Räume mit Wärme flutete.

 

Wie lange würde ich das noch schaffen? Sarah war eine kluge Frau, meine Lügen würden bald nicht mehr glaubwürdig sein. Ich konnte nur hoffen, dass sie meine Eltern nicht anrief, wo ich laut meiner Auskunft war. Mein Vater brauchte wieder mal meine Hilfe bei seinem Computer, da er zwar handwerklich sehr geschickt war, aber bei Verwendung von technischen Geräten gewisse Defizite zeigte. Da ich ihm öfters mal ein, zwei Stunden unter die Arme gegriffen hatte, hoffte ich, dass Sarah meine Ausrede akzeptierte. Sie war zwar erneut etwas enttäuscht, weil ich sie den dritten Abend in Folge alleine ließ und am Tag darauf schon wieder Ausgang zur Fußballspielübertragung auf dem Programm stand, aber ich hatte es trotzdem geschafft sie mit ein paar Zärtlichkeiten und lieben Worten halbwegs gut zu stimmen. Hoffentlich war es bald vorbei mit dieser Lügnerei. Ungeduldig trommelte ich mit meinen Fingern auf das Lenkrad und musterte die Tankstelle auf der anderen Seite der Straße. Welche Aufgabe musste ich als nächstes erfüllen? Mit Schaudern dachte ich an den vergangenen Abend zurück und an die Tiefe des Wassers, welches mich kaum aus seinen Klauen frei gelassen hatte. So viel Wasser. Ich machte das nur wegen Julia und weil ich einfach wollte, dass dieser Albtraum ein ziemliches rasches Ende bereit hielt. Dort werden Sie eine weitere Lektion in Sachen Angstbewältigung erleben. Die Worte aus dem Brief hatten sich seit dem erstmaligen Lesen in meinen Kopf festgebrannt. Angstbewältigung. Ich konnte nur warten und hoffen, dass dieses ungemütliche Wort übertrieben war, doch ich zweifelte an diesem Hoffnungsschimmer. Eros wusste scheinbar, wo er mich packen musste. Er kannte meine Schwächen, wusste, was mir wirklich weh tat. Mit diesem ziemlich beunruhigenden Gefühl ließ ich das Gebäude mit dem grün-gelben Logo keine Sekunde aus den Augen. Ein Handy meldete sich mit starkem Vibrieren in meiner Jackentasche. Es war jedoch nicht das Gerät, welches ich von Eros erhalten hatte, sondern mein Smartphone. „Tom ruft an“, stand auf dem Display geschrieben. Nicht jetzt! Ok, ich hatte noch zehn Minuten Zeit. Seufzend drückte ich auf „Annehmen“ und begrüßte so unbefangen es nur möglich war meinen besten Freund.

 

„Hallo, Chris, wie geht’s? Hattet ihr ein schönes Wochenende?“ Tom sprühte an diesem Abend förmlich mit Energie. Ich dagegen fühlte mich ziemlich unbehaglich so knapp vor meiner nächsten Aufgabe mit meinem besten Freund ein lockeres Gespräch abzuhalten. Wenn er nur wüsste, in welcher Sache ich gerade ganz tief drin steckte. Erfährt ihr bester Freund etwas davon, wird er sterben. Ich musste auch ihm gegenüber voller Normalität vorgaukeln. „Ja, war prima. Sarah und ich waren am Laudachsee und am Sonntag haben wir Gerhard und seine Freundin besucht, war sehr gemütlich. Und was gibt’s bei dir?“ Tom antwortete nicht sofort. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Ich hatte doch versucht ganz locker die Worte auszusprechen. Ahnte er trotzdem, dass bei mir etwas nicht stimmte? Dann ertönte aber die bekannt markante Stimme aus dem Handy. „Kann mich auch nicht beklagen. Du hattest heute wieder viel Stress, oder? Hätte dir nämlich eine Mail geschrieben. Eine kleine Erinnerung wegen morgen Abend, damit du es ja nicht vergisst. Bist du schon bereit für unsere Schlachtgesänge?“ Welche Schlacht? Ein paar Augenblicke stand ich komplett auf der Leitung, dann schoss es mir erleuchtend in den Kopf. Das Fußballspiel! Die österreichische Nationalmannschaft hatte ein schweres Auswärtsspiel in der EM-Qualifikation vor sich. In Istanbul trafen sie auf die Elf der Türkei. Für beide Teams ging es dabei um richtig viel, jeder Punkt war wichtig, wenn man ein Wörtchen um den Aufstieg in die Endrunde mitreden wollte. Am Sportplatz Vorchdorf wurde extra für dieses Spiel eine Videoleinwand aufgestellt, auf der die Fans die Partie miterleben konnten. Tom hat mich sofort fix für diesen Abend eingeteilt, was auch nicht verwunderlich war, gab es doch kaum einen größeren Patrioten wie ihn. „Hallo? Chris? Jemand zu Hause?“ „Jaja, sicher doch, hol mich um sieben ab, wie ausgemacht. Wird sicher ein gutes Spiel werden.“ Dann kam die Frage, vor der ich so Bammel hatte. „Alles ok mit dir? Du hörst dich etwas durch den Wind an. Hast du dich leicht wieder mit dem, wie heißt er noch mal schnell, ärgern müssen?“ Ich schloss meine Augen, atmete ruhig durch und versuchte das Gespräch zu einem schnellen Ende zu bringen, ohne meinen besten Freund noch mehr zu irritieren. „Den Nowak, meinst du. Ja, der ist ständig am jammern. Heute war einfach nicht mein Tag. Werde mich ziemlich früh ins Bett legen. Der Schlaf wird mir gut tun. Morgen Abend bin ich dann wieder der Alte!“ Ich wusste, dass es nicht so sein würde, aber das konnte ich Tom ja schlecht sagen. „Dann hau dich gleich aufs Ohr und lass‘ dir in der Arbeit nicht so viel gefallen. Das habe ich dir schon so oft gesagt. Also dann, bis morgen. Freu mich schon.“ Ich erwiderte die Verabschiedung und steckte das Handy wieder zurück in die Jackentasche. Doch bevor ich meinen Blick zurück auf die Tankstelle werfen konnte, schreckte ich augenblicklich zusammen. Ein Handy läutete. Das Nokia mit dem nervigen Klingelton. Eros ruft an.

 

„Herr Mraz, sind Sie bereit für die nächste Aufgabe in Sachen Angstbewältigung? Keine zwanzig Stunden trennen die Schlampe mehr von ihrem Tod. Wenn Sie weiter das tun, was ich Ihnen sage, existiert die Möglichkeit, dass Sie sie finden. Ob rechtzeitig, sei dahin gestellt. Aber nun zum Wesentlichen. Wissen Sie, was so besonders an dieser Tankstelle ist?“ Die Roboterstimme klang mit jedem Telefonat noch bedrohlicher. „Nein, sagen Sie es mir“, antwortete ich Eros zaghaft. „Alleine letztes Jahr ist sie vier Mal überfallen worden. Seitdem hat sich sehr viel geändert. Unter anderem gibt es einen neuen Tankstellenbetreiber. Der versteht keinen Spaß, wenn es um seine Einnahmen geht. Ich möchte, dass Sie gleich nach unserem Gespräch in ihren Kofferraum blicken. Die darin liegenden Utensilien werden sie benötigen. Dann werden Sie ohne zu zögern den Verkaufsraum aufsuchen und zur Kassentresen gehen. Fordern Sie die Tageslosung. Dann verlassen Sie mit dem Geld das Gebäude und flüchten zu Fuß. Ich werde Ihnen noch mitteilen, wo Sie es hinbringen sollen. Kommen Sie ohne Beute zurück, gibt es keinen Tipp mehr und das Schicksal ihrer Ex-Freundin ist endgültig besiegelt. Werden Sie vom Betreiber dieser Tankstelle überwältigt, geschieht selbiges. Erwischt Sie die Polizei, wünsche ich Ihnen schon mal einen guten Anwalt. Sie haben fünfzehn Minuten Zeit für diese Aufgabe, das dürfte mehr als genug sein. Dann werde ich mich melden, wenn ich merke, dass sie erfolgreich gewesen sind. Machen Sie es gut, Herr Mraz.“ Das Gespräch war zu Ende, genauso wie ich. War der Sprung von der Brücke schon eine große Überwindung gewesen, ragte nun eine Hürde vor mir auf, die schier unmöglich zu erklimmen war. Ich würde nicht gegen das Gesetz verstoßen, soweit durfte ich nicht gehen. Das konnte Eros nicht ernst meinen. Nein, ich konnte keine Tankstelle überfallen. Fast, als hätte mich mein Erpresser gehört, meldete sich das Handy mit einem Piepen. Eine MMS wartete wieder darauf von mir angesehen zu werden. Ich sah in Gedanken bereits wieder Julia vor mir, festgeschnallt wie auf dem ersten Bild, doch was ich auf dem Display sah, ließ mein Herz schneller schlagen. Hastig lenkte ich meinen Wagen in eine nahegelegene Seitenstraße. Keine zwei Minuten später stand ich vor meinem offenen Kofferraum und betrachtete den Inhalt. Kopfschütteln konnte ich immer noch nicht glauben, was da von mir verlangt wurde. Weitere drei Minuten stand ich aufgeregt wie noch nie zuvor in meinem Leben am Eingang zum Verkaufsraum der Tankstelle. Ich hatte noch zehn Minuten Zeit und schreckliche Angst. Nicht nur um mich, vor allem um die Person auf dem Bild, welches Eros mir geschickt hatte. Darauf war eine Frau zu sehen, mit einem breiten Grinsen und komplett ahnungslos, dass das Böse seit fast zwei Tagen Einhalt in unser Leben hielt. Meine Sarah. Darunter waren nur fünf Worte gestanden. Sie könnte die Nächste sein. Nein, sicher nicht! Ich setzte die Maske auf, welche im Kofferraum gelegen hatte und betrat das Geschäft, mit wirren Gedanken und dieser Angst, dieser tiefgehenden Angst.

 

 

 

14

 

Im Kellerraum, zur selben Zeit

 

Julia schwitzte, obwohl sie schrecklich fror. Ihr Körper glühte förmlich. Immer schwerer wurde ihr Atem, hastig versuchte die junge Frau Sauerstoff abzubekommen. Das Geräusch, welches dieses Unterfangen verursachte, konnte man beinahe schon mit Röcheln vergleichen. Scharfer Uringeruch hing im Raum. Julia hatte es nicht einmal registriert, als das Nachthemd feucht geworden ist und die Blase zu brennen begonnen hat. Zu sehr schmerzten ihre restlichen Gliedmaßen, als dass sie sich auf diese Körperstellen konzentrieren können hätte. Mich findet hier niemand. Ich muss hier krepieren. Das kann es doch nicht gewesen sein. Ich werde sterben. Sterben an diesem verfluchten Ort. Die Hoffnung, dass ihr Ex-Freund sie noch lebend finden würde, hatte sie fast aufgegeben. Wenn es nach ihrem Entführer ging, würde sie ohnehin bald ihren letzten Atemzug hinter sich haben. Sie wollte nicht sterben. Nicht so. Ihr Körper rumorte, alles tat weh, so verdammt weh. Wenn sie doch wenigstens aufstehen könnte. Mit jedem Versuch sich ein kleines bisschen zu bewegen, schnitten sich die Ledergurte weiter in Julias Haut ein. Ihre Kehle war komplett ausgetrocknet und flehte um Wasser, ihr Bauch meldete sich vor Hunger zu Wort. Am schlimmsten hatte es ihren Rücken erwischt, auf dem Julia bereits einige wunde Stellen auf Grund des langen Liegens spüren konnte. Die brannten wie Feuer und benebelten ihre Sinne. Ich werde hier noch verrückt. Warum kommt keiner? Ich habe doch nichts getan. Immer wieder driftete die junge Frau in ihre Traumwelten ab, an denen alles gut war. Leider rissen sie die Schmerzen und die Kälte ständig zurück an diesen kahlen erdrückenden Ort. Julia zweifelte, dass sie je noch einmal leibhaftig die Wärme der Sonne auf ihrer Haut genießen würde. Mittlerweile schrie sie kaum mehr deswegen. Die Schmerzen waren dafür viel zu stark.

 

 

 

15

 

Im Verkaufsraum der BP-Tankstelle, 20:08

 

Außer mir war niemand im Laden, soweit ich das auf den ersten Blick erkennen konnte. Wenigstens etwas. Der Gang zum Tresen war schier endlos lang, ich bannte mir dabei den Weg zwischen den Regalen, gefüllt mit Getränken, kleinen Snacks und diversen Magazinen, und versuchte den Besitzer der Tankstelle zu lokalisieren. Beim Kühlregal vernahm ich leise Geräusche. Jemand räumte dort Milchpackungen ein. Ich lugte vorsichtig um die Ecke und sah einen Mann ungefähr Mitte Vierzig in der Hocke mit einem leichten Bierbauch und ungepflegtem Haar. Ohne mich wahrzunehmen, stellte er mit mechanischen Bewegungen der Routine die Behälter sorgfältig hinter- und nebeneinander. Er fing an eine nicht definierbare Melodie zu pfeifen, war komplett vertieft in seine Arbeit. Diesen Überraschungsmoment musste ich nutzen. Ich nahm einen tiefen Atemstoß und stürzte auf den ahnungslosen Mann zu. „Hände hoch! Das ist ein Überfall!“ schrie ich durch die hässliche weiße Maske hindurch. Wild fuchtelte ich mit dem Jagdmesser umher, welches ich ebenfalls in meinem Kofferraum gefunden hatte. Der ungepflegte Tankstellenbesitzer fuhr herum und sah mich entgeistert an. Die Milchpackung, die er gerade in seiner Hand gehalten hatte, glitt aus seinen Fingern und landete mit einem dumpfen Knall auf den Fliesenboden, der sich darauf mit weißer Flüssigkeit säumte. „Was wollen Sie?“ fauchte mich der Mann an, nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte. „Ihr Geld. Das ganze Geld. Gehen Sie zur Kasse!“ Ich deutete mit höchster Aufregung auf den Tresen links von uns. Der Mann sah mich mit stechenden braunen Augen an, eine Mischung aus Verwirrung und Wut spiegelte sich darin. Schließlich erhob er sich langsam aus seiner Hocke. Er war um einen halben Kopf größer als ich und wirkte so starr vor mir stehend beinahe angsteinflößend. „Wird’s bald!“ wurde ich nun schroffer. Mir lief die Zeit davon. Wie lange hatte ich noch? Sieben Minuten? Fünf? Waren es bereits noch weniger? „Jaja“, murmelte der Mann und begab sich mit vorsichtigen Schritten hinter den Tresen. „Die Tageslosung! Alles in diesen Beutel!“ Ich zog einen braunen Jutesack aus der Seitentasche des schwarzen Kapuzensweaters, der ebenfalls seinen Platz in meinem Wagen gefunden hatte und der mit der Maske als Verkleidung dienen sollte. Hastig nahm ihn der Ladenbesitzer an sich und öffnete mit einem kleinen Schlüssel manuell die Kassenlade. Soweit ich sehen konnte, leuchten die Geldscheine in allen Farben aus ihren Behältern hervor. „Schneller!“ schrie ich ihn an.“Dann die Münzen!“ Ich versuchte meine Umgebung im Auge zu behalten. Eine Kundschaft oder gar die Polizei würden mir jetzt fehlen. Der Mann leerte die Kasse komplett in den Sack hinein. „Jetzt binden Sie ihn oben fest zu!“ gab ich ihm den nächsten Befehl. Kurz darauf schob mir der Mann den Beutel über den Tresen. „Fertig?“ schnauzte er mich an und seine Augen brannten nun vor Wut. Ich musste ruhig bleiben. Aufgewühlt verstaute ich den Sack wieder in der Seitentasche meiner Kleidung. Er war schwerer als erwartet. „Legen Sie sich auf den Boden! Schnell!“ Wieder drehte ich mit dem scharfen Messer in der Luft diverse Pirouetten. Der Ladenbesitzer ging vorsichtig in die Hocke, verschwand hinter dem Tresen. Da hörte ich die automatische Eingangstür. Ich fuhr herum und sah einem jungen Kerl Anfang Zwanzig fassungslos ins Gesicht. Der erstarrte mitten in seiner Vorwärtsbewegung. Endlose Sekunden vergingen, in denen wir uns nicht aus den Augen ließen. Dann bemerkte ich, wie der Junge für einen kleinen Moment über meine Schulter lugte. Ohne die geringste Bewegung stand er nicht einmal zwei Meter vor mir mitten am Gang. Und wieder ein kurzer Blick an mir vorbei. Bevor ich mich umdrehen konnte, hörte ich, wie ein Gewehr entriegelt wurde. „Jetzt geht’s dir an den Kragen, du Bastard!“ tobte der Ladenbesitzer. Hinter dem Tresen musste er die Waffe versteckt gehabt haben. Oh mein Gott! Ich musste hier weg! Grob stieß ich den jungen Mann zu Boden und lief Richtung Ausgang. Dabei vernahm ich schnelle Schritte hinter mir sowie tobendes Keuchen. Die Tür war direkt vor mir. Ich wagte einen schnellen Blick über meine Schulter und stieß dabei hart gegen die Glasscheibe. Was war jetzt los? Ein weiterer Versuch schlug fehl. Die Tür war verriegelt worden. Am Tresen musste es dafür einen Schalter geben. Ich kam hier nicht mehr raus. Der Ladenbesitzer mit seinem Gewehr hatte mich fast eingeholt. Was nun? Mein Blick streifte einen DVD-Aufsteller, von dem die Jungs von „Hangover“ und der nervende gelbe Schwammkopf Spongebob strahlten. Mit meiner freien Hand umfasste ich ihn und schleuderte ihn mit voller Kraft meinem Angreifer entgegen. Die DVD-Verpackungen flogen in Dutzenden allen Richtungen entgegen und zerschellten weder an den Regalen oder am harten Boden. Der Mann hatte mit meinem Angriff nicht gerechnet und verlor das Gleichgewicht, als der Aufsteller seinen Oberschenkel frontal traf. Er fiel der Länge nach samt seinem Gewehr hin. Das war meine Chance! Ich rannte durch den Seitengang und näherte mich einer Hintertür, die ich entdeckt hatte. Vor Wut und Schmerz aufjaulend ließ der Besitzer der Tankstelle wissen, dass er nicht gerade begeistert von meiner Aktion war. Er schmetterte den Aufsteller gegen ein Regal und war mir sofort wieder auf den Fersen. Ohne mich umzusehen kam ich bei der Tür an und stellte erfreut fest, dass sie nicht verschlossen war. In diesem Moment stürzte sich jemand auf mich. Es war jedoch nicht der Mann mit der Waffe, sondern der schmächtige Junge mit dem aknenarbigen Gesicht, dessen Mut zum Leben erweckt war. Er versuchte seine langen ungepflegten Fingernägel in meine Haut zu stoßen. Überrascht drehte und wandte ich mich umher, um ihn loszuwerden. Mein Ellbogen rammte gegen seine Rippen, sogleich löste sich die Umklammerung und ich stürzte nach draußen. Schnell schloss ich die Tür hinter mir und sprintete die Seitenstraße entlang. Die Hintertür schlug mit lautem Knall auf und ich hörte den Ladenbesitzer fluchen. „Du entkommst mir nicht!“ Schockiert registrierte ich, wie eine Kugel eine Mülltonne neben mir ohne Mühe durchbohrte. Oh mein Gott, der schießt wirklich, schoss es mir in Panik durch den Kopf. Fassungslos starrte ich auf das dunkle Loch im Blech. Hinter mir kreischte der rabiate Mann mit dem Gewehr auf. „Jetzt habe ich dich! Die nächste Kugel trifft sein Ziel!“ Sofort setzte ich meine Flucht wieder fort und lief weiter die Straße entlang. Mit einer wendigen Bewegung verschwand ich hinter einer Mauer und lief die nächste unbefahrene Straße weiter. Das Keuchen des dicken Mannes war deutlich zu spüren. Er war dicht hinter mir. Mit einem gewagten Sprung über einem Holzzaun landete ich in einem fremden Garten und überquerte die Grünanlage mit schnellen Schritten. Eine ältere Frau beobachte von ihrem Fenster aus schockiert mein Eindringen auf ihr Grundstück. Dann kam ein Handy zum Vorschein. Die rief jetzt sicher sofort die Polizei! Wenige Sekunden später war ich im nächsten Garten verschwunden. Wie lange hatte ich eigentlich noch Zeit? War der schräge Vogel von der Tankstelle noch hinter mir? Jedenfalls hörte ich keine Geräusche hinter mir, die auf einen Verfolger schließen ließen. Ich passierte weitere Grundstücke und Siedlungsstraßen. Glücklicherweise mieden die Menschen, die ich sah, jegliche Heldentaten und verkrochen sich in ihren vier Wänden. Weiterhin war kein wütender Tankstellenbesitzer zu sehen. Schließlich passierte ich einige Müllcontainer. Mit misstrauischem Blick sah ich mich um und entledigte mich dann der Maske und dem Kapuzensweater. Nachdem ich sorgsam am Griff des Messers meine Fingerabdrücke weggewischt hatte, packte ich es in eine leere Verpackung, die ich in den Behältern fand. Ich presste die Sachen ganz tief in die Müllberge hinein. Danach fühlte ich mich augenblicklich wohler. Neben dem Container fand ich einen leeren zusammengeknüllten Plastiksack eines Supermarktes. Ich nahm diesen und stopfte den Beutel mit dem Geld hinein. Ich versuchte so unauffällig es ging zu meinem Wagen zurückzukehren. Das war jedoch ein schwieriges Unterfangen, weil geistig in meinem Kopf die Sekunden erbarmungslos dem Ende entgegenliefen. Ich hoffte, dass ich es nicht vermasselt hatte. Kurz musste ich mich orientieren, wo ich gerade stand. Schließlich konnte ich ungefähr davon ausgehen, wie ich zurück zu meinem Wagen kam. Mit zügigen Schritten näherte ich mich der Seitenstraße, wo ich es abgestellt hatte. Ich sah bereits die Motorhaube meines Skodas vor mir, als plötzlich das Handy in meiner Hosentasche läutete. Eros. Ich griff hastig nach dem Gerät. „Wo sind Sie, Herr Mraz?“ meldete sich die Computerstimme. Bevor mein Erpresser noch etwas dazusagen konnte, fiel ich ihm ins Wort und stammelte total außer Puste ins Mikrofon: „Ich habe das Geld!“

 

Nachdem ich den Jutesack mit dem Geld wie befohlen an Ort und Stelle deponiert hatte, machte ich mich auf den Weg zurück nach Hause. Wahrscheinlich würde der Unbekannte die Beute niemals abholen. Das machte die Aktion noch sinnloser, als sie ohnehin bereits gewesen war. Das kurze Gespräch mit ihm hatte auch nichts Neues an Erkenntnissen ergeben. Eros ließ mich weiter zappeln. „Morgen werden Sie wieder ihren Arbeitsplatz besuchen und dort ihre Sachen verrichten, bis Sie von mir hören werden. Sie bekommen einen letzten Hinweis auf den Aufenthaltsort ihrer Ex-Freundin. Vergessen Sie nicht, um 15:30 läuft die Zeit ab. Das Schicksal der Schlampe liegt in Ihren Händen, Herr Mraz. Bis morgen.“ Dann war das Gespräch wieder vorbei gewesen sein. Ja, Eros ließ mich an der kurzen Leine, gab kaum brauchbare Informationen preis, die mich Julia wirklich näher brachten. Ich konnte nur hoffen, dass ich den letzten Tipp nicht zu spät bekam. Es schien so, als ob dieser Irre gar nicht wollte, dass ich sie rechtzeitig fand. Ich wusste auch gar nicht, wo ich nach ihr suchen sollte, so konnte ich einfach nur warten. Es war abzuwarten, wie viele Stunden mir Eros ließ, dem Hinweis nachzugehen. Ich bog in meinem Wagen sitzend auf die Hauptstraße ein, fuhr aber nicht den Weg zurück Richtung Tankstelle und Autobahnauffahrt, sondern suchte stattdessen die Route durch den Ort und fuhr einen großen Umweg, bis ich über diverse Landstraßen wieder nach Vorchdorf gelangte. Dabei fuhren zwei Polizeiwägen rasant mit Blaulicht und Sirene an mir vorbei, was Gänsehaut und Unbehagen in mir auslöste. Langsam wurde mir bewusst, was ich getan hatte. Ich war nun schon kriminell geworden, hatte mit einem Messer Menschen bedroht. Wie weit war ich in dieses Schlamassel hineingeraten? Mir graute davor, was geschah, wenn ich nicht bis 15:30 Julias Versteck finden würde. Ein Überfall war schon schlimm genug, aber den Tod eines unschuldigen Menschen konnte ich nicht verantworten. Wenn ich sie nur anders suchen könnte. Es gab unendlich verschiedene Möglichkeiten, wo sie sein konnte. Das war wahrhaftig eine Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Das Realisieren meiner unbegreiflichen Tat und der nicht gerade rosigen Aussicht auf den nächsten Tag sorgte dafür, dass meine Hände zu zittern begannen und ich kurz an der Straße anhalten musste, um mich wieder zu beruhigen. Ich hatte eine Tankstelle überfallen! Es hätte so scheiße ausgehen können. Wenn dieser Besitzer mich mit der Knarre getroffen hätte…der Gedanke daran machte mich ganz irr. Es war das erste Mal gewesen, dass jemand auf mich geschossen hatte und ich hoffte, dass es auch zugleich das einzige Erlebnis dieser Art für mich sein würde. Gottseidank war ich ihm entkommen. Ich würde so etwas Schwachsinniges nie mehr machen, sicher nicht. Es war erschreckend, wie leicht Eros mit mir spielen konnte. Ich kam mir vor wie eine Marionette in den Händen eines Puppenspielers, so wurde ich zu all den irrwitzigen Aufgaben dirigiert. Das einzig Erleichternde war, dass morgen ein Ende sein würde. Sobald ich wusste, wer hinter dem Namen Eros steckte, würde ich die Polizei alarmieren. Es stand einfach die Sicherheit von allen Menschen auf dem Spiel, die mir wichtig waren. Außerdem wäre die Gefahr zu groß, dass sich die Wege von Eros und mir noch einmal kreuzen würden. Während ich wieder über den Sinn von Julias Entführung nachgrübelte, setzte ich mit meinem Wagen zur Weiterfahrt an. Ich wurde einfach nicht schlau aus dem Ganzen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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