Diethelm Reiner Kaminski

Von Biestern und Hexen

Zwischen Janine und ihrem Vater entbrannte allabendlich ein Streit um das Fernsehprogramm. Zwar lautete die Abmachung: Spätestens um neun ist Bettzeit, aber wenn ihr Vater guter Laune war, wurde er großzügig und weitete die Sperrstunde auch schon mal um eine Stunde aus. Wie alle Kinder versuchte Janine mit Ausdauer und Hartnäckigkeit aus der Ausnahme eine Regel zu machen. Bisher ohne Erfolg. Da hätte ihr Vater häufiger gute Laune haben müssen.

„Heute Abend gibt´s Das Biest Evi, eröffnete Janine ihren Überredungsversuch. „Soll sehr gut sein. Wollen wir uns den gemeinsam angucken?“

„Klingt nicht gerade nach Kinderfilm“, ging Janines Vater augenblicklich in die Abwehr.

„Meine Freundin Elli sagt, das Buch zu dem Film lesen wir später in der Schule, und da ist es nützlich, wenn man den Inhalt schon aus dem Film kennt.“

„Flunkere nicht. Solch ein Blödsinn wird wohl kaum in der Schule gelesen. Wenn das wirklich ein so bedeutender Film wäre, würde ich ihn kennen.“

„Guck doch in der Programmzeitschrift nach. Da steht auch: nach dem berühmten Roman von … den Namen hab ich vergessen.“

„Vertane Zeit und Müh“, wollte Janines Vater die Diskussion beenden. „Heute wird nicht Fernsehen geguckt. Ich habe noch zu tun, und dir kann es auch nicht schaden, wenn du mal rechtzeitig ins Bett kommst.“

Aber da hielt Janine ihm die aufgeschlagene Zeitschrift schon unter die Nase. Widerstrebend vertiefte sich ihr Vater in die Seite: „Du konntest auch schon besser lesen. Effi Briest heißt dein Biest. Ja, das stimmt, dieser Roman wird auch heute noch in der Schule gelesen.“

„Siehst du“, jubelte Janine.

„Aber erst in der Oberstufe. Bis dahin wird er noch zehnmal im Fernsehen gegeben. Jetzt bist du noch viel zu jung für den Film. Hier steht´s doch: FSK 12.“

„Was ist das – Efeska?“

„Das ist die freiwillige Filmselbstkontrolle, eine Kommission, die empfiehlt, ab wie viel Jahren Kinder und Jugendliche einen Film sehen sollten. Und Effi Briest ist erst ab 12. Bist du schon zwölf? Da musst du wohl noch ein paar Jährchen warten.“

„Und du machst da auch mit?“

„Nein, da mache ich nicht mit, aber als verantwortungsbewusster Vater nehme ich diese Empfehlungen ernst.“

„Aber die Leute in dieser Kontrolle wissen doch gar nicht, ob ich den Film geguckt habe.“

„Die FSK nicht, aber ich. Schluss jetzt, der Film wird nicht geguckt. Du darfst noch bis neun lesen, und dann wird das Licht ausgemacht.“

*

Ein paar Tage später sagte Janine zu ihrem Vater: „Du hast Recht gehabt. Der Film, den ich neulich unbedingt gucken wollte, ist nichts für mich.“

„Welchen Film meinst du?“

„Den wir später in der Schule lesen müssen.“

„Du meinst Effi Briest? Und woher weißt du das? Du hast den Film doch gar nicht gesehen.“

„Hab ich doch. Bei Elli. Sie hat ihn aufgenommen. Aber wir haben nur zwanzig Minuten geguckt. Der war so was von langweilig. Nicht mal in Farbe. Und ein Biest ist diese Evi auch nicht. So altmodisch angezogen. Und wie die Menschen sprechen. Ganz unnatürlich.“

Das war Wasser auf die Mühle von Janines Vater. „Hab ich dir doch gleich gesagt, aber mir willst du ja nie glauben. Auf die FSK ist Verlass.“

„Und warum schreiben sie dann zu dem Film: ab 12 und nicht ab 40? Aber heute Abend kommt ein toller Film: Die Hexen von … – den Namen der Stadt habe ich vergessen. Wollen wir uns den zusammen ansehen?“

„Das möchtest du wohl, du kleines Biest, eine Hexe genügt mir. Da hole ich mir doch nicht noch weitere ins Haus.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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