Harald Haider

BLUTRACHE-12.Teil

TAG 3

JULIA

 

16

 

Mittwoch, der 30. März 2011

 

Im Schlafzimmer, 01:34

 

noch 14 Stunden und 56 Minuten

 

Das viele Wasser. Das Blut. Die entsetzten Gesichter. Überall Wasser. „Nein!“ Schweißgebadet schrie ich meine Todesangst durch den Raum und fuhr mit meinem Oberkörper in die Höhe. Sarah zuckte augenblicklich vor Schreck neben mir zusammen. „Was ist denn, Schatz?“ flüsterte sie halb verschlafen. Einige Sekunden lang wusste ich gar nicht, wo ich war. Erst dann nahm ich meine Umgebung wahr, realisierte, dass ich im Kampf ums Ertrinken war, sondern sicher in meinem Bett saß. „Äh…nichts, Liebling…nur ein Albtraum“, beruhigte ich meine Verlobte und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange. „Schlaf weiter. Ich liebe dich.“ Dann ließ ich den Kopf zurück in mein Kissen gleiten. Alles war wieder da, die schrecklichen Erinnerungen, die Schatten der Vergangenheit hatten mich eingeholt. Mein Erlebnis auf und unter der Traunbrücke hatte alles wieder aus meinem Unterbewusstsein hervorgerufen, was ich eigentlich für immer verdrängen wollte. Aufgewühlt lag ich in meinem Bett und es bestand kein Zweifel daran, dass ich nicht mehr viel Schlaf in dieser Nacht finden würde. Die Angst vor weiteren Erinnerungsfetzen war zu groß. So beobachtete ich Sarah, welche sofort wieder eingeschlafen war, und beneidete sie. Wenn sie wüsste, was ich die letzten zwei Tage alles mitgemacht hatte. Einerseits war ich aber froh, dass ich so ahnungslos und zufrieden schlafen konnte. Wie sehr ich sie liebte. Als mir dieser Unbekannte das Bild von ihr aufs Handy gesendet hatte, war mir ein Stich durchs Herz gefahren. Da war mir klar gewesen, dass ich diese Tankstelle überfallen würde. Mit jeder Stunde, welche nach meiner Heimkunft vergangen war, hatte ich mich mehr und mehr beruhigt. Es schien, als ob die Polizei mich nicht mit der Straftat in Verbindung bringen konnte. Die verräterischen Spuren waren alle in dem Müllcontainer und das Geld in einer Seitenstraße. Niemand würde beweisen können, dass ich der Maskierte gewesen war. Es blieb nur zu hoffen, dass sich das große Risiko, dem ich mich dabei ausgesetzt hatte, bezahlt machte. Julia, wo warst du bloß? Sobald dieser Irre mir den Tipp mitgeteilt hatte, würde ich sofort wieder nach ihr suchen. Auch wenn die Zeit mittlerweile knapp wurde, versuchte ich optimistisch und kämpferisch zu bleiben. Dieser Albtraum würde bald vorbei sein und dann konnten Sarah und ich wieder unsere gemeinsame Zeit genießen. Mit diesem Wunschdenken begab ich mich in Schlafposition und schloss meine Augenlider. Unsere Hochzeit würde für alles entschädigen, was mir Eros an Nerven gekostet hatte. Nur hoffte ich, heute nicht zu spät zu kommen.

 

 

Firma „Der Büroexperte“, Wels, 08:27

 

Noch 7 Stunden und 3 Minuten

 

Gerhards Blick musterte mich unentwegt. Es fiel mir schwer mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Nach meinem kurzfristigen Urlaubstag war vieles auf meinem Schreibtisch geblieben, was ich an diesem Tag unbedingt abarbeiten musste. Doch ich wartete jeden Augenblick damit, dass das schwarze Nokia-Handy zum Leben erwachte und Eros mir einen weiteren Hinweis gab. Eigentlich war alles, was ich von ihm bislang erhalten hatte, nutzlos. Klar, wenn ich das Kästchen nicht aus der Traun gefischt hätte, wäre ich nie nach Klam gefahren und dann wäre es auch nicht zu meinem unfassbaren Tankstellenüberfall gekommen. Ich zweifelte etwas daran, dass ich mit seiner nächsten Kontaktaufnahme etwas anfangen würde, aber die Hoffnung starb zuletzt. Während ich den kleinen Aktenberg neben mir Stück für Stück kleiner machte, ließ mich mein Kollege kaum aus den Augen. Das schlechte Gewissen nagte an mir, es herrschte eine ganz eigenartige Atmosphäre im Bürozimmer. Mein Gegenüber wusste, dass etwas nicht mit mir in Ordnung war und es war nur eine Frage der Zeit, bis er erneut Fragen stellen würde. Seit meiner Ankunft hatten wir nur einen knappen Morgengruß ausgetauscht, in den vier Wänden konnte man nur Tastaturklopfen und den Radio, welcher auf der Fensterbank stand, hören. Eine knisternde Stimmung umgab uns und ich hoffte stark, dass ich bald alles aufklären konnte. Das war ich Gerhard schuldig. In diesem Augenblick begannen die Kurznachrichten aus dem kleinen Gerät neben uns. Die rauchige Stimme der Radiosprecherin ließ mich bis ins Mark erstarren. „Gestern Abend kam es bei der BP-Tankstelle bei der Autobahnauffahrt Sattledt zu einem mysteriösen Überfall. Bereits zum fünften Mal in den vergangenen zwei Jahr wurde sie Ziel von Kriminellen. Gegen 20 Uhr betrat ein Mann mit weißer Maske und schwarzem Kapuzensweater den Verkaufsbereich und bedrohte den Betreiber der Tankstelle mit einem Messer. Nachdem er ihm die Tageslosung ausgehändigt hatte, flüchtete der Täter durch den Hinterausgang und verletzte dabei einen Kunden. Im Rahmen der sofortigen Fahndung wurde eine Streife der Polizeiinspektion von einer Zeugin darauf aufmerksam gemacht, dass der Flüchtige durch ihren Garten entkommen war. Nach Kontrolle der Siedlungen konnten die Beamten in einer Nebenstraße die gesamte Beute sicherstellen. Weshalb der Täter so gehandelt hat, können sie nur mit Panik erklären. Die weitere Absuche der unmittelbaren Umgebung ergab bislang leider keine weiteren Ergebnisse. Die Polizei erhofft sich wertvolle Hinweise von den Anrainern, welche dem Täter begegnet sind und in den nächsten Stunden befragt werden. Der Täter ist 25 bis 35 Jahre alt, ungefähr 1,80 bis 1,85m groß und hat eine sportliche Statur. Aufgrund seines Dialekts kommt er vermutlich aus der Gegend. Für nützliche Hinweise wenden Sie sich an Ihre nächste Polizeidienststelle.“

Ich konnte den Angstschweiß auf meinem Nacken spüren. Obwohl ich mir relativ sicher war, dass mir niemand die Tat beweisen konnte, steckte mir volles Schuldbewusstsein in den Knochen. Ich hatte schließlich dieses Verbrechen begangen, war von Eros dazu gebracht worden. Während ich in Gedanken meine Flucht nochmal Revue passieren ließ, meldete sich mein Kollege zu Wort. „Chris, was ist nur los mit dir? Du siehst aus, als ob du einen Geist gesehen hättest. Ich weiß, mich geht es nichts an, aber ich merke doch, dass etwas nicht mit dir stimmt. Du bist ja komplett durch den Wind.“ Wie ein Kind, welches von seiner Mutter beim Klauen der Kekse aus der Dose auf frischer Tat ertappt wurde, sah ich Gerhard an. Was sollte ich ihm sagen? Bevor ich mir die nächste Ausrede zusammenbasteln konnte, fuhr er bereits fort. „Chris, du brauchst es mir nicht zu sagen. Ich mache mir halt Sorgen wegen deinem Verhalten. Am Montag haust du von einer Sekunde auf die andere ab, gestern nimmst du dir kurzfristig frei und jetzt sitzt du da wie ein Häufchen Elend. Ich hoffe es hat nichts mit Sarah zu tun. Wäre sehr hart so kurz vor eurer Hochzeit. Wie auch immer, schau, dass du wieder der Alte wirst. Am Wochenende warst du noch so voller Lebensfreude und jetzt…sieh‘ dich doch an.“ Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen, wie sehr man mir meine Unsicherheit und Beklommenheit ansah. Ich musste besser aufpassen, bevor auch meine Verlobte Verdacht schöpfte. Mit einem knappen „Schau wieder ein wenig mehr auf dich!“ beendete Gerhard seine Ansprache und widmete sich wieder seiner Computertastatur. Ich saß da wie ein begossener Pudel, starrte ins Leere und wusste nicht, was ich erwidern sollte, aber ich hatte das Gefühl, dass mein Kollege auch keine Antwort oder Rechtfertigung erwartete. So sagte ich einfach gar nichts und ging auch wieder meiner Arbeit nach. Im Radio lief groteskerweise der Hit aus den Achtzigern „Don’t worry, be happy“. Liebend gern, dachte ich mir, liebend gern, doch leider war da jemand etwas anderer Meinung.

 

17

 

An einem unbekannten Ort, ungefähr zwei Stunden später

 

Eros

 

Dutzende von alten handgeschriebenen Seiten lagen ausgebreitet vor der Maskengestalt auf einem morschen Holztisch. Der Raum, in dem sich außer Julias Entführer niemand befand, war kahl und nur notdürftig eingerichtet. Die zwei Fenster, die eigentlich Tageslicht spenden sollten, waren mit Holzbrettern zugenagelt worden. Nur dünne Sonnenstrahlen bannten sich den Weg durch die schmalen Ritzen. Eros saß auf einem Kiefernstuhl, der ebenfalls schon bessere Zeiten erlebt hatte. Über den Schreibtisch gebückt, sortierte er die einzelnen Seiten mit seinen in schwarze Lederhandschuhe gekleideten Händen und war tief in traurigen und kalten Gedanken versunken. Es war bald soweit für seinen nächsten Schritt. So lange hatte Eros auf diese Möglichkeit zur Vergeltung gewartet. Beiläufig nahm er ein Stück Papier vom Tisch und überflog die geschriebenen Zeilen darauf. Dieser Christopher würde büßen, für seine Fehler, für seinen Egoismus, für seine Verbrechen. Ja, das waren sie, rückgratlose Verbrechen, die man einfach nicht rechtfertigen konnte. Durch die Löcher der weißen Maske glühten wütende Augen. Diese sprachen Bände, darin spiegelten sich Rachegelüste, Schmerz und Tatendrang wieder. Eros würde diese Angelegenheit beenden, wenn er am Ziel war, er erreicht hatte, was er wollte. Die vollkommene Vernichtung von Christopher Mraz, dem Mann, der das Leben einer jungen Frau zerstört hatte. Einer Frau, die der Maskengestalt sehr wichtig gewesen ist. Nach einem flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr legte Eros den Zettel wieder auf den Tisch, kramte sein Handy hervor und wählte die ihm bekannte Nummer. Der nächste Spielzug konnte beginnen.

 

 

18

 

 

Im Büro von Christopher Mraz, 10:30

 

noch 5 Stunden

 

So sehr ich mich bemühte einen kühlen Kopf zu behalten und meine Arbeit so gewissenhaft und konzentriert wie sonst zu erledigen, wurde dies zu einem sehr schwierigen Unterfangen. Normalerweise war ich ein sehr flinker und genauer Schreiber an der Tastatur, aber an diesem fortschrittlichen Vormittag konnte ich mich nicht nur einmal auf frischer Tat ertappen, dass ich überdurchschnittlich viele Tippfehler produzierte. Jeder zweite Blick fiel auf die Uhr auf dem Monitor des Computers, auf dem ich einige Fenster geöffnet hatte und zwischen Programmierprogramm und Warenwirtschaftssystem abwechselnd meine Arbeiten zu erledigen versuchte. Mein Kollege Gerhard versuchte seine besorgten Augenpaare zu unauffällig wie so nur ging zu meiner Schreibtischhälfte zu fokussieren. Was dachte er über mich? Auf jeden Fall würde er nicht auf die verrückte Situation kommen, in der ich gerade steckte. Wann ruft er bloß an? Nur noch fünf Stunden…die Zeit lief mir immer mehr davon und ich konnte nichts tun, außer dumm dazusitzen und zu warten. Warten, das war nie meine Stärke gewesen und diese Ungeduld war beinahe unerträglich. Es ging hier um ein Menschenleben, verdammt! Gerade als dieser Gedanke voll Wut und Angst durch meinen Kopf schoss, vernahm ich ein Vibrieren. Ich steckte das Handy vorsichtig in meine Hosentasche und verließ mit einem „Ich muss mal kurz aufs Klo!“ das Bürozimmer. Gerhard blickte nicht einmal von seinem Monitor auf und werkte einfach weiter. Eilig lief ich den Gang mit seinen sterilen weißen Wänden hinunter, stieß die Tür der Herrentoilette auf und verriegelte eine Kabine hinter mir, nachdem ich mich vergewissert hatte, alleine zu sein. Ich hoffte, dass der Erpresser noch am Apparat war, ansonsten würde ich keine Möglichkeit haben Julia zu helfen. Das Handy vibrierte noch immer, aber sicher nicht mehr lange. Hastig drückte ich auf „Annehmen“ und horchte, was mir Eros zu sagen hatte.

 

„Lassen Sie mich nie wieder so lange warten, Herr Mraz. Ein Besetztzeichen mehr und der letzte Tipp wäre Vergangenheit gewesen. Hören Sie mir genau zu. In ungefähr fünf Stunden endet die Spielzeit dieser vergnüglichen Lektion. Diese Julia hat Ihnen damals rein gar nichts bedeutet, oder? Diese Turtelei beim Konzert, die Endlosschmusereien in den diversen Diskotheken, das war doch alles nur Show, nicht wahr? Als die Schlampe Ihnen dann zu langweilig geworden war, wurde Sie einfach weggeworfen, stimmt’s? Sie sind ein erbärmliches Individuum, Herr Mraz. Ich hoffe, Sie haben wenigstens ein gutes Gedächtnis. Suchen Sie den Ort auf, den Sie damit verbinden. Die Stelle, an dem Sie dieser Dame wissen ließen, dass es besser sei einen Schlussstrich zu ziehen. Wie können sie so kalt sein? Ist es Ihnen komplett egal, anderen Kummer zu bereiten? Sie spielen mit den Gefühlen anderer ohne sich auch nur ansatzweise Gedanken zu machen, wie viel Schmerz das verursachen kann. Ich möchte, dass Sie lernen, dass Sie begreifen. Und noch eines, Herr Mraz: Fangen Sie schon mal an zu beten.“ Dann war die Verbindung verstummt, keine Computerstimme mehr zu hören. Ich saß baff auf der Brille der Toilette und starrte auf das Display des Handys. Was hatte ich bloß getan?

 

 

19

 

 

Zur selben Zeit, im kalten Keller

 

Als Julia Christopher vor sieben Jahren kennen gelernt hatte, wusste sie zunächst nicht, was sie von ihm halten sollte. Es gab romantischere Orte als den, an dem sie sich das erste Mal über den Weg gelaufen waren. In der Diskothek war es schwül, laut und voller stark betrunkener Menschen, die auf das Wochenende anstießen und mit dem einen und anderen Cocktail die Alltagssorgen für ein paar Stunden vergessen wollten. Auch Julia war stets froh gewesen, nach einer arbeitsreichen Woche wieder richtig abtanzen zu können und das Leben einfach zu genießen. Schon als die zwei Typen sich der Bar näherten, auf der sie komplett hemmungslos zu den rhythmischen Takten von „Calabria“ ihren Körper bewegte, konnte sie ihren Blick von ihnen nicht mehr lassen. Irgendetwas faszinierte sie an diesem dunkelhaarigen Kerl mit dem strahlenden Lächeln wie aus einer Zahnpasta-Werbung. Die pure Lebenslust war zu spüren und damit traf er mitten in Julias Herz. Nachdem sie noch zwei weitere Songs lasziv herumgetanzt hatte und damit nur zu gerne die Blicke vieler Männer auf sich warf, näherte sie sich dem Mann, der sie an jenem Abend am meisten interessierte. Christopher stellte sich sehr charmant vor und die junge Dame war vom ersten Augenblick an ziemlich erregt. Nur der Kerl neben ihm störte sie etwas. Tom war der beste Freund Christophers und er starrte sie so intensiv mit seinen tiefen Augen an, dass es die schwarzhaarige Schönheit regelrecht am Rücken fröstelte. Nein, er war ihr nie ganz koscher gewesen. Es schien, als ob auch er ein reges Interesse an Julia gehegt hätte und ihrerseits bestand da keine Gegenseitigkeit. Zum Glück verließ dieser Tom bald die zwei und sie blieben nicht mehr lange in der lauten „Magic Night“. Keine Stunde später lagen beide bereits in Julias Bett und ließen ihrer Lust freien Lauf. Danach lagen sie Arm in Arm bis zum Morgengrauen zusammen und redeten über Gott und die Welt. Christopher und Julia hatten sofort einen guten Draht und schwebten total auf derselben Wellenlänge. Endlich hatte sie jemanden gefunden, der genauso ein Lebemensch war wie sie, der seine Träume nicht nur träumen, sondern vielmehr erleben mag. Die folgenden Wochen waren sehr lustig und erfrischend gewesen, wenn es wirklich Seelenverwandte geben sollte, dann hatte Julia ihren gefunden. Doch trotz dieser wunderbaren Vorstellung bedrückte sie etwas sehr. Die junge Frau war nicht bereit für eine feste Bindung, es machte ihr richtig Angst, nicht mehr frei wie ein Vogel sein zu können. Sie wusste zwar, dass Christopher ein feiner Mensch war und sie spürte auch seine entfachte Liebe zu ihr. So sehr sie auch wollte, sie konnte diese einfach nicht erwidern, nicht, weil sie anders empfand, sondern, weil sie tief im Herzen ein Einzelgänger war und den Schmerz nicht ertragen wollte, wenn diese Beziehung einmal scheitern würde. Wahrscheinlich fühlte sie so, weil sie ihre Mutter und sie damals vor vielen Jahren von ihrem Vater verlassen wurde, gerade als das Familienglück perfekt zu sein schien. Zuerst hatte er gesagt, dass er eine Auszeit brauche. Schlussendlich war Julias Papa aber nie mehr zurückgekommen. Nur Glückwunschkarten und kleine Päckchen mit lieblosen Geschenken zu den diversen Anlässen ließen sie auch in den folgenden Jahren des Erwachsenenwerdens an den Schmerz erinnern, den sie gespürt hatte. Ihre Mutter hatte wochenlang geweint und sie brauchte Jahre, bis sie wieder bereit für einen neuen Mann in ihrem Leben gewesen war, doch niemanden konnte sie so lieben, wie sie den Mann geliebt hatte, der neben ihr am Traualtar gestanden hatte. Julia hatte dieses Aufwachsen ohne Vater sehr geprägt, es hat sie stark gemacht und sie hat gelernt jeden Tag in vollen Zügen zu genießen, denn bereits am Tag darauf konnte das ganze Leben in Scherben liegen und die schöne Zeit verpufft sein. Und sie hatte überhaupt keine Lust auf Liebeskummer. Auch wenn die Möglichkeit bestand, dass eine realistische Beziehung zwischen Christopher und ihr funktionieren könnte, damals vor acht Jahren konnte sie diese Wahl nicht in Erwägung ziehen. Sie konnte nicht heraus aus ihrer Haut, auch wenn sie spürte, womöglich die falsche Entscheidung zu treffen. So sprach sie ihrem Traummann ihre Gefühle aus und er machte das, was in diesem Augenblick das richtige gewesen war. Er machte mit ihr Schluss, umarmte Julia ein letztes Mal, gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange und verschwand aus ihrem Leben. Noch Wochen später kämpfte Julia mit sich, ob sie Christopher nicht anrufen sollte und sie ihm sagen konnte, dass sie ihn tief in ihrem Herzen wirklich liebte, aber sie ließ es bleiben. Die Enttäuschung, von seiner Seite kein Lebenszeichen zu hören, tat sehr weh. Sie hatte vielleicht erwartet, dass er mehr um sie kämpfen würde. Aber Julia hatte es ja so gewollt, alleine bleiben ohne Verpflichtungen. So vergingen sieben Jahre mit eher belanglosen Affären und kurzen Gastspielen verschiedenster Männer, die zwar gutaussehend und richtig gut im Bett waren, aber Julia nicht das spüren lassen konnte, was dieser Kerl aus Vorchdorf geschafft hatte. Oft hatte sie nachgegrübelt, was wohl aus ihm geworden war, doch die Feigheit und ihr Stolz war zu groß gewesen, um noch einmal in sein Leben zu treten. Und nun lag sie entführt in dem entsetzlich dunklen Kellerverlies und wartete darauf, dass ihr Seelenverwandter sie rettete, der Mann, der ihr Leben vielleicht nicht so aufregend, aber dafür geborgener gemacht hätte. Das alles war an diesem verfluchten Ort nebensächlich und Julia hielt es nicht mehr aus. Wenn sie doch wenigstens aufstehen könnte. Die Rückenschmerzen wurden immer schlimmer, beim Schlucken und Atmen brannte ihre Kehle höllisch und diese Dunkelheit schien sie mit jeder weiteren Stunde mehr und mehr zu erdrücken. Wie lange habe ich noch? Zu leben? Zu sterben? Hilflos und einsam zu Krepieren?

 

 

20

 

 

Im Bürozimmer von Christopher Mraz

 

Die Zeit lief erbarmungslos seinem Ende entgegen und ich saß da auf meinem Büroledersessel. Suchen Sie den Ort auf, den Sie damit verbinden. Die Stelle, an dem Sie dieser Dame wissen ließen, dass es besser sei einen Schlussstrich zu ziehen. So sehr ich versuchte, mit den Gedanken acht Jahre zurück zu reisen, es schien, als ob ein Vorhang jenen Tag verhüllte, an dem ich Julia sagen musste, dass es wohl besser sei, unsere Beziehung bleiben zu lassen. Wo war das gewesen? An welchem verdammten Ort hatte ich sie das letzte Mal gesehen? Seufzend drückte ich mich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Lehne und hoffte, dass ich ziemlich bald dahinter kam, wo ich hin musste. Es konnte doch nicht sein! Sieben Jahre konnten doch nicht genügen, um diese Erinnerung so zu untergraben. Chris, denk nach! Es war erschütternd, wie schnell das Gedächtnis manche Erlebnisse gänzlich zur Seite schob, um Platz für weitere Gedankenfetzen zu bekommen. Das darf doch nicht wahr sein. Als ich gestern am Gelände der Burg Clam war, überfluteten mich die Erinnerungen schier und nun stand ich komplett neben mir. Wie viel Zeit war seit Eros‘ Anruf bereits vergangen? Zehn Minuten? Eine Viertelstunde? Mit zugedrückten Lidern versuchte ich abzutauchen in vergangene Emotionen, suchte nach einem Anhaltspunkt, so klein er auch sein mochte. Mir war es auch völlig egal, dass mich Gerhard erneut ins Visier seiner Besorgnis um mich genommen hat. Ich würde mich alles erklären, ja, das würde ich. Wo bist du, Julia? Wie kam es damals zu unserem letzten Treffen? Langsam sah ich in Gedanken verschwommen unsere Antlitze. Ja, Julia wollte mit mir sprechen. Es hatte sich am Handy sehr wichtig angehört. Moment mal! Wir verabredeten uns…ja, das war’s! Plötzlich war der Vorhang auf die damalige Szenerie zur Seite gezogen worden und ich wusste, wo ich hin musste. Nun durfte ich keine Zeit mehr verlieren. Ich schlug die Augen auf, nahm meinen Autoschlüssel und ließ meinen Kollegen mit einem „Ich muss kurz weg, komme eh wieder!“ wie ein begossener Pudel alleine im Büro sitzen.

 

 

In den Seitenstraßen von Linz, 11:25

 

noch vier Stunden und fünf Minuten

 

Hektisch manövrierte ich meinen Skoda durch die weniger befahrenen Straßen der Stadt. Ich musste mich sehr konzentrieren, um anhand meiner Erinnerungsfetzen mein geplantes Ziel zu finden. Julia hatte damals einen Geheimplatz, einen Ort, wo sie sich immer zurückzog, wenn sie mal ein bisschen Ruhe brauchte. Nur wenige Minuten von ihrem Elternhaus entfernt war eine leer stehende Fabrik gewesen, in der in deren besseren Zeiten sehr erfolgreich Schuhe hergestellt wurden. Seit einigen Jahren war das einzige, was das Gebäude an Besuchern hatte, Mäuse, Ratten und hin und wieder Jugendliche, die illegale Partys feierten und dort alles taten, was daheim verpönt und verboten war. Auf dem Flachdach dieser Fabrik hatte Julia gerne den Sonnenuntergang betrachtet, der die Stadt in warme Farben hüllte. Ich war mit ihr zwei Mal dort gewesen, gleich in der ersten Woche unserer kurzen Beziehung und am Tag unserer Trennung. Mit zufriedener Miene konnte ich ein Gebäude auf meiner rechten Seite lokalisieren, welches ich kannte. In jenem alten Wohnhaus weilte wahrscheinlich Julias Mutter noch immer. Es sah genauso aus wie damals, wie wenn für das Haus die Zeit zu jener Zeit stehengeblieben wäre. Vor sieben Jahren waren zwei kleine Zimmer das Reich meiner Ex-Freundin gewesen. Wie würde es gerade der armen Frau in diesen vier Wänden gehen? Sie musste krank vor Angst um ihre Tochter sein. Zuerst läuft ihr der Mann von einem Tag auf den anderen davon und jetzt wird ihr einziges Kind entführt. Nur noch vier Stunden, doch die mussten genügen, denn wenn ich recht behielt, waren es jetzt nur mehr wenige Minuten bis zu dem Ort, an dem mich Eros haben wollte. Mit überhöhter Geschwindigkeit rauschte ich durch die Siedlungs- und Zufahrtsstraßen und versuchte mich zu orientieren. Wo war die Fabrik nun noch mal gewesen? In Gedanken strengte ich mich an den Weg aufzurufen, den ich damals gefahren war, als ich mich mit Julia dort treffen wollte. Dort vorne musste ich links abbiegen, oder doch rechts? Nein, es war links gewesen! Das kleine Elektrogeschäft war damals auch schon dagestanden. Ich spürte, dass ich goldrichtig lag. Nicht mehr lange, Julia, nicht mehr lange. Mein Puls stieg, meine Handflächen waren feucht vor Aufregung. Der Spielplatz da vorne, den kenne ich auch! Ich war absolut richtig unterwegs. Es konnte sich nur noch um zwei, drei Mal abbiegen handeln, bis ich angekommen war. Je näher ich der ehemaligen Schuhfabrik entgegen fuhr, desto intensiver wurden die Erinnerungen. Sie kamen wieder hoch, wie am Tag zuvor am Konzertgelände. So, hier nach rechts abbiegen. Ich steuerte meinen Wagen in die nächste Nebenstraße und konnte das Gasthaus entdecken, welches mir ebenfalls sehr bekannt vorkam. Bei der folgenden Kreuzung musste ich nur noch einmal links abbiegen und dann musste ich auch schon das alte Gebäude sehen können. Komplett aufgeregt riss ich das Fahrzeug in die beabsichtigte Richtung und stieg noch einmal kräftig auf das Gaspedal. Gleich da vorne musste es sein. Ich streckte meinen Kopf gegen die Windschutzscheibe in der Hoffnung noch schneller einen Blick auf die Bauruine werfen zu können. Als ich dann endlich am Ziel der Fahrt angekommen war, stockte mir der Atem und Unglauben flutete die Fahrerkabine. Nein, das konnte jetzt echt nicht sein! Nein, nein, nein! Da, wo vor sieben Jahren noch die Fabrik gestanden hatte, war nichts mehr, nur noch wild wachsendes Unkraut und Reste der Bodenplatte, die daran erinnerten, dass dort einmal ein großes Gebäude gestanden hatte. Vor mir ragte ein großes Schild einer regionalen Baufirma mit der Aufschrift „Wir bauen für Sie & Ihr Zuhause! Hier entstehen moderne Eigentumswohnungen von 55 – 110 m².“ auf. Sprayer hatten bereits begonnen das Plakat mit roter Farbe zu verunstalten. Ich war fassungslos. Die Schuhfabrik war abgerissen worden und ich am Ende meiner Kräfte. Was nun?

 

 

21

 

 

An einem unbekannten Ort, ungefähr zur selben Zeit

 

Eros war gespannt, wie sein Opfer seinen notdürftigen Hinweis aufgenommen hatte. Seither war bereits eine Stunde vergangen. Noch immer saß Julias Entführer vor dem alten Holztisch, der so aussah, als ob er in jedem Moment zusammenbrechen würde, doch das einzige Gewicht, welches das Tischgestell aushalten musste, waren die vielen alten handgeschriebenen Seiten, welche aufgefächert da lagen und irrsinnigen Zorn in Eros beben ließen. Bald würde er Rache üben für alles, was dieser Christopher Mraz verbrochen hatte. Mit keinem Menschen durften man so umgehen, wie es dieser wertvolle Kerl mit jener Frau getan hatte, mit der Seele, welche so gleich und doch einerseits so sehr verschieden wie die der Maskengestalt gewesen war. Die Zeilen vor ihm waren von ihr geschrieben worden, jedes Wort davon beinhaltete Hoffnung, Wut und massenhaft Traurigkeit und Enttäuschung. Seitdem Eros den Inhalt das erste Mal gelesen hatte, wusste er, dass dieser Mraz büßen musste. Es wäre zu leicht gewesen ihn einfach zu töten oder ihm eine wichtige Person wegzunehmen. Nein, er wollte mit dem Mann spielen, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Die Frau, die ihm so wichtig gewesen war und auch Jahre später noch ist, gibt es nicht mehr. Christopher Mraz hatte sie in den Tod gerissen mit seinem Egoismus und seiner schier unfassbaren Kälte. Dass in wenigen Stunden auch ein Leben auf dem Spiel stand, war Eros relativ egal. Diese Schlampe hatte es ohnehin nicht verdient noch länger unter den Lebenden zu weilen. Sie war auf ihre Art genauso schuld am Ableben dieser Frau. Alle würden büßen. Dies brachte sie zwar nicht zurück, aber es war eine grenzenlose Genugtuung für Eros, die Schuldigen leiden zu sehen. Und bis jetzt war es nur der Anfang gewesen. Bald würde es so richtig hässlich werden. Aufgeregt trommelte er mit seinen Fingern auf die Tischplatte. Eros war normalerweise ein sehr geduldiger Mensch, doch die Vorfreude auf die kommenden Stunden war zu groß, um ruhig sitzen zu können. Fast wäre dieser Christopher Mraz ungeschoren davon gekommen, doch gottseidank gab es diese Aufzeichnungen jener Tage, die so voller Schmerz und Liebe gewesen waren. Der Entführer beugte sich über den Tisch und zog eine gewisse Seite aus dem Stapel heraus. An jenem Tag hatte das Leiden für die Frau begonnen. Aufgewühlt und voller Hass begann Eros die Zeilen aufzusaugen, so wie er es bereits Dutzende Male zuvor vollzogen hatte.

 

 

22

 

 

Auszug aus dem Tagebuch einer verliebten Frau

 

 

Heute Nacht konnte ich wieder einmal gar nicht meinen Schlaf finden. Zu aufgeregt war ich noch wegen der Nacht, die meinem Leben endlich einen Sinn gegeben hatte. Nie hatte ich geglaubt, so geliebt werden zu können, doch scheinbar hatte es der liebe Gott einmal gut mit mir gemeint. Dieser Mann gibt mir das Gefühl mich so zu mögen wie ich bin, wie ich aussehe, wie ich denke, einfach mich zu lieben. Das ist einfach wunderschön. Heute werde ich ihn das erste Mal seither wiedersehen. Darauf freue ich mich riesig und ich hoffe sehr, dass wir das wiederholen können, was vor zwei Tagen so schön gewesen war. Habe versucht seine Handynummer heraus zu bekommen, aber ich hatte leider keinen Erfolg. Sie war leider im Telefonbuch noch im Internet zu finden gewesen. Dann hatte ich gestern Abend versucht bei ihm zu Hause vorbei zu fahren, aber niemand hat aufgemacht, als ich bei der Tür geklingelt hatte. Wahrscheinlich war er mit seinen Eltern unterwegs gewesen. Davon konnten wir immer nur träumen. Ja, Papa mochte mich schon immer, aber Mamas Krankheit hatte sie so anders gemacht. Ich habe mich immer nach Geborgenheit gesehnt und dieser Mann konnte sie mir geben. So waren die letzten achtundvierzig Stunden ohne ein Lebenszeichen von ihm sehr schlimm gewesen, obwohl die Eindrücke aus jener Nacht noch frisch und in jeder Faser meines Körpers zu spüren waren. Dass er gerade mich ausgewählt hatte, war einfach nur überwältigend. Was soll ich heute nur anziehen? Ich werde mich besonders in Schale werfen, damit er richtig Augen macht, wenn er mich wieder sieht. Wahrscheinlich werde ich das schwarze Kleid anziehen, welches ich mir vor kurzem gekauft habe. Hoffentlich gefällt es ihm, aber ich habe ein sehr gutes Gefühl, denn darin habe ich ein richtig schön tiefes Dekolleté und wie ich in jener berauschenden Nacht feststellen konnte, hatte er eine Vorliebe für meine Brüste gehabt. Ja, vielleicht war das ein typisch männliches Verhalten, aber es war einfach zu erregend gewesen seine Handflächen auf meinem Busen zu spüren, wie er sie voller Ekstase fest massierte, während er mit seiner Zunge meine gesucht hat. Ich kann gar nicht aufhören an diese schönen Augenblicke zu denken, doch bald würden sie hoffentlich ihre Fortsetzung finden und ich sicherlich erneut so aufstöhnen und schreien wie beim ersten Mal. Er hat mich endlich zu einer Frau gemacht, zu einer Frau mit ihren geschätzten Vorzügen. Daran habe ich mich jahrelang gesehnt. Das Warten hat nun ein Ende. Fast zwei Jahre lang habe ich stets den Traum gehabt mit diesem Kerl eine Nacht verbringen zu können und vor zwei Tagen ist er in Erfüllung gegangen. Das Leben konnte so schön sein. Meine Einsamkeit und Leere war vorbei, nun konnte ich zu sprießen beginnen. Vielleicht sollte ich mir noch neue Unterwäsche kaufen, mein Traummann soll ja schließlich gar nicht mehr genug von mir bekommen können. Noch nie war ich so glücklich gewesen. Dieser Mann hat alles verändert, durch ihn war das Leben nicht mehr nur grau, sondern voller prachtvoller Farben. Ich war keine Schönheit, doch durch ihn fühle ich mich wie die schönste Frau auf der ganzen Welt. Ich könnte es ständig aus mir rausschreien: Chris, ich liebe dich!

 

 

23

 

 

Auf dem verlassenen Grundstück bei Linz, 12:50

 

noch zwei Stunden und vierzig Minuten

 

 

Ich suchte das komplette Grundstück ab, kontrollierte jeden Stein, untersuchte jede Möglichkeit eines geheimen Versteckes. Keine Spur von Julia. Eine Stunde lang versuchte ich herauszufinden, warum ich Eros hierher gelockt hatte. Es musste doch einen Grund dafür geben. Wollte er mich nur in eine fiese Sackgasse führen, als Zeichen seiner eigenen Art von Humor? Das konnte und wollte ich nicht glauben, hier musste es etwas geben, was ich bislang übersehen hatte. Aufgrund der milden Temperaturen war mein Poloshirt durchschwitzt und auf meiner Stirn sammelten sich die Schweißtropfen. Wo war sie bloß? Ich trat ein weiteres Mal über den Baugrund, wo vor sieben Jahren noch der Lieblingsplatz meiner Ex-Freundin gewesen war. Woher hatte Eros von all dem gewusst? Dieser Irre wusste einfach zu viel. Hatte er dieses Wissen von Julia selbst? Wurde sie von ihm dafür gefoltert oder bedroht? Ich wurde noch ganz wahnsinnig vor Sorge und Angst. Ohne Plan wankte ich durch wildes Gras und über aufgerissenem Boden, wollte nur, dass dieser Spuk endlich ein Ende fand. Da bemerkte ich eine Stelle, die meine Alarmglocken läuten ließen. Ich lief quer durch das Grundstück und stand vor dem Erdhaufen, der frisch zu sein schien. Er wirkte nicht so ausgetrocknet und nach Regen lechzend wie auf der restlichen Fläche. Julia! Sie war hier vergraben! Mit den bloßen Händen stürzte ich mich auf die Stelle, schaufelte wie ein Wilder. Sie musste hier sein. Jede Logik und jeglicher Verstand wurden von mir ausgeblendet, ich fokussierte rein diesen Erdhaufen und das Versteck, welches darunter liegen musste. Ich nahm weder wahr, dass mich ein paar Spaziergänger und Anrainer mit misstrauischen Blicken beäugten, noch den Mann mit dem dichten Bart und der Kappe, der eifrig Bilder mit seiner Spiegelreflexkamera von mir schoss. Ich war wie in Rage und grub immer weiter, auch als die Finger bereits zu schmerzen begannen. Fast wollte ich bereits resignieren, als ich plötzlich mit meiner rechten Hand über etwas Weiches streifte. Ein verdreckter Stoff kam langsam zum Vorschein. Oh mein Gott, das war Julias Leiche! Eros hat sie bereits umgebracht! Panik stieg in mir hoch, mein Herz klopfte in einer unfassbaren Geschwindigkeit. Ich trat vor Entsetzen ein paar Schritte zurück, betrachtete die ausgegrabene Stelle. Das durfte nicht sein, ich hatte noch mehr als zwei Stunden Zeit. Sie konnte noch nicht tot sein. Ich beugte mich in das Loch und steckte meine Finger erneut in die Erde. Tränen der Fassungslosigkeit stiegen mir in die Augen. Immer mehr Stoff wurde sichtbar und als ich schließlich realisierte, was ich da ausgegraben hatte, bereute ich es bereits, je mit dem Graben begonnen zu haben. Vor mir lagen der schwarze Kapuzensweater und die grässliche Plastikmaske, welche ich am Abend zuvor beim Tankstellenraub getragen hatte. Ich hatte die Sachen doch in einem Container geschmissen und unter den vielen Müllsäcken vergraben. Wie konnten sie dann hier vor mir liegen? Er spielte mit mir, dieser Arsch spielte sein verdammtes Spiel und fand das womöglich auch noch witzig. Beobachtete er mich gerade? Ich betrachtete meine Umgebung, aber erkannte nicht außer einem alten Ehepaar, welches am Grundstück entlang ging und mich etwas überfordert anblickte. Als sie schließlich hinter dem angrenzenden Garten verschwunden waren, blickte ich wieder hinab in das Loch und seinen unheilvollen Inhalt. Langsam nahm ich die Sachen aus dem Loch heraus und sah nach, ob kein Hinweis auf Julias Versteck vorhanden war. Wie schwere Felsbrocken lagen sie auf meinen Handflächen, ließen mich schaudern, welche unfassbare Tat ich damit vollbracht hatte. Ich legte Sweater und Maske schnell wieder in ihr Versteck zurück und fing das kleine Loch mit beiden Handflächen schleunigst zu füllen. Wenige Minuten später stand ich nahe der Stelle mit dreckiger Kleidung und wunden Händen und hatte keine Idee mehr, was ich jetzt noch tun konnte. Er hat mich verarscht, Eros hat mich die ganze Zeit verarscht. Steckte Julia auch unter seiner Decke? Nein, das konnte nicht sein. Das Grauen in ihren Augen auf dem Bild, welches ich auf der Brücke von Eros erhalten hatte, konnte sie nicht gespielt haben. Doch wo war sie dann und warum war alles, was ich hier gefunden hatte, nur diese dumme Verkleidung? Wollte Eros überhaupt, dass ich Julia zeitgerecht fand? Sollte ich sie überhaupt jemals finden?

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. So schwer es mir fiel, musste ich doch zurück ins Büro, bevor ich auch noch groben Ärger mit meinem Vorgesetzten bekam. Einen Generaldirektor in einem Wutanfall wollte ich mir wirklich nicht gerne vorstellen. Bevor ich mich in meinen Wagen setzte, sah ich mir noch einmal die große Tafel an, welche tolle Wohnungen vorschwärmte. Konnte hier nicht einfach diese Schuhfabrik stehen und auf deren Dach Julia, wie sie auf dem Sonnenuntergang wartet? Warum musste sie das alles ertragen? Warum war ich der Hauptdarsteller in diesem kranken Spiel? Es wollte mir einfach nicht einleuchten. Langsam setzte ich das Fahrzeug in Bewegung. Julia, wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann gib‘ mir ein Zeichen! Flehend ließ ich das Grundstück hinter mir und hatte kaum noch Hoffnung meiner Ex-Freundin je noch einmal lebend von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen zu können.

 

Zurück im Büro, 14:10 Uhr

 

Noch eine Stunde und zwanzig Minuten

 

Ich konnte es einfach nicht fassen, wollte es nicht glauben, dass mich dieser Eros einfach in die Irre geführt hatte. Bei der Rückfahrt zur Firma hatte ich kurz Halt bei einer Fussl-Filiale gemacht und dort meine schmutzigen und verschwitzten Kleidungsstücke gegen neue gewechselt, um im Büro für nicht mehr Verwirrung wie nötig zu sorgen. Gerhard hat mich kaum beachtet, als ich mich wieder auf meinen Bürodrehstuhl gleiten ließ. Scheinbar war es dem Nowak auch nicht wirklich aufgefallen, dass ich für rund zwei Stunden nicht vor dem Computer gesessen war. Arbeit, das war etwas, was ich mit im Augenblick gar nicht vorstellen konnte. In nicht einmal mehr eineinhalb Stunden würde etwas Schwerwiegendes passieren und ich haderte vor Angst damit, ob ich nicht doch die Polizei einschalten sollte. Doch Eros‘ Drohungen aus seinem ersten Brief ließen diese Pläne sofort wieder wie Seifenblasen zerplatzen. Erfährt die Polizei etwas von Ihren Lektionen, werden Sie sterben, und das ganz langsam und grausam. Was konnte ich jedoch sonst machen? Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo ich nur nach Julia suchen sollte. Würde dieser Irre sie wirklich um halb vier umbringen? Es zu sagen oder es wirklich zu tun, waren zwei komplett verschiedene Dinge. Jedenfalls hoffte ich das und klammerte mich an den dünnen Strohhalm, dass dem Unbekannten Gewissenskonflikte kommen würden. Einen Menschen zu töten war schließlich keine Angelegenheit, die man so im Vorbeigehen erledigen würde. Andererseits klangen seine Drohungen mehr als nur angsteinflößend. Es musste einen Weg geben, wie ich Julia helfen konnte, nur welchen? In unserer gemeinsamen Vergangenheit musste etwas vorgefallen sein, es gab sicher einen Hinweis in meinen Erinnerungen, der mir weiterhelfen konnte. Was hatte ich mit Julia vor sieben Jahren noch erlebt, wo war ich mit ihr gewesen, über was haben wir gesprochen? Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen Gedanken. Fast wäre ich vor Schreck vom Drehsessel gekippt, so sehr war ich vom Arbeitsalltag entfernt. Meinem Kollegen war meine Reaktion auf das Läuten nicht entgangen und er beäugte mich mit zweifelnden Blicken. Ich konnte es in seinen Augen ablesen, dass es ihm schwer fiel, nicht erneut nachzufragen, was mit mir los war. Meine Fassade bröckelte mit jeder Stunde mehr und bald würde es unmöglich sein, meine Umgebung weiter zum Narren zu halten. Ich konnte ja nicht ahnen, dass dieser Wahnsinn erst am Anfang seines Treibens war und ich noch so einige Notlügen über meine Lippen kommen würden. Nachdem ich mich von Gerhards Blick gelöst hatte, nahm ich den Hörer des Telefons und nahm das Gespräch an. Am anderen Ende der Leitung war unser Abteilungsleiter, der Generaldirektor, und er klang nicht gerade freundlich. „Herr Mraz, kommen Sie mal kurz in mein Büro. Wir haben etwas zu besprechen.“

 

 

24

 

 

Auszug aus dem Tagebuch einer enttäuschten Frau

 

Mit Tränen in meinen Augen schreibe ich diese Zeilen, fühle mich total elend. So schön die Gefühle und Emotionen während der letzten Tage gewesen waren, so erdrückend spürte ich sie nun auf mir. Es ist schwer für mich zu begreifen, dass diese wunderbare Welt doch nicht so ist, wie ich sie zuletzt gesehen habe. Da wirkte alles so knallig bunt und voller Leben und Freude, nun regiert jedoch wieder das monotone Grau in Grau rund um mich. Wie konnte ich mich so täuschen beziehungsweise täuschen lassen? Ich war zu leichtsinnig gewesen, es hätte mir klar sein sollen, dass ich so viel Glück nicht verdient habe. Dazu bin ich einfach zu simpel, zu unscheinbar, zu wertlos. Welcher Mensch gibt sich schon mit so einem Phantom ab wie mir, welches kaum von der Außenwelt registriert durch das tägliche Leben läuft? Oh mein Gott, es tut so weh. Ich bin wieder alleine in meiner eigenen Welt, fühle mich komplett ungeliebt und einsam. Das ist zwar kein neues Gefühl für mich, aber es hört nie auf zu schmerzen. Die Nacht mit Chris hatte für mich alles bedeutet, sie war für mich wie eine Tür in eine andere, bessere Welt, als die, in der ich stets weilte. Sein Körper auf meinem, seine starken Hände in meinen Haaren und auf meinen nackten Brüsten, nie hatte ich mich so begehrt und lebendig gefühlt. Ich dummes Schaf habe mir nichts gedacht, dass er mich in den vergangenen Tagen nicht angerufen hat. Wie war ich naiv gewesen. So voller Liebe war ich vor das Haus getreten, wo Chris mit seinen Eltern wohnte. Als er durch die Haustür trat, klopfte mein Herz wie wild, die Schmetterlinge in meinem Bauch flogen quasi Amok. Er sah mich an und ging einfach an mir vorbei, ohne ein Wort zu sagen. Ich rief seinen Namen, begrüßte ich zögerlich, doch in seinen Augen konnte ich keine Wärme erkennen. Er fragte mich nur, wie denn gleich noch mein Name war. Dann war er in seinen Wagen gestiegen und hat mich einfach am Gehsteig stehen gelassen. Er wusste nichts mehr von unserer gemeinsamen Nacht, er wusste nicht, dass er meinen Körper liebkost hatte, nein, er wusste nicht mal mehr meinen Namen. Ich hatte doch das Ganze nicht geträumt, das war doch alles Realität gewesen. Schließlich konnte ich den Duft dieses Mannes sogar noch auf meiner Bettwäsche riechen. Er war da gewesen, in meinem Zimmer. Ja, wir waren beide etwas betrunken gewesen, er vielleicht noch mehr als ich, aber trotzdem musste er doch noch irgendetwas von jener Nacht wissen. Sie war doch so unvergesslich gewesen. Ich bin komplett verwirrt, was soll ich jetzt nur tun? Mit Sicherheit weiß ich eines: in meiner grauen Welt werden die Tränen in meinen Augen noch lange nicht versiegen. Dieser Mann bedeutete mir so viel und ich ihm scheinbar so wenig. Das Leben war so unfair, aber auch das war absolut nichts Neues für mich. Ich muss mich damit abfinden, nicht geliebt zu werden, auch wenn es mir furchtbar schwer fällt. Zu schön war die Nacht mit Chris gewesen, zu schön, um wahr zu sein, und doch so echt und perfekt. Leider war sie wieder Vergangenheit und ich sitze in meinem Zimmer, weinend und schreibe unsinnige Sachen in mein Tagebuch, aber wer wollte sonst etwas von meinen Gefühlen wissen. Die interessieren sowieso niemanden. Ich habe geglaubt, dieser Mann wäre anders, könnte verborgene Seiten in mir wecken. Zu spät kommt man auf Fehler drauf, meistens erst, wenn es richtig weh tut. Und doch werde ich ihn, meinen Chris, weiter lieben.

 

 

25

 

 

Im Büro von Stefan Nowak

 

noch eine knappe Stunde

 

Nervös kauerte ich auf dem stylischen dunkelbraunen Bürostuhl und wartete darauf, was mir mein Gegenüber zu sagen hatte. Strafend blickte mich der Herr Generaldirektor durch seine viel zu wuchtige Lesebrille an. Er runzelte nachdenklich seine Stirn und füllte darauf das großräumige protzige Bürozimmer mit seinen energischen Worten. „Was soll ich sagen, Herr Mraz? Ich bin etwas enttäuscht von Ihnen. In den letzten Tagen zeigen Sie nicht wirklich das Engagement, welches ich von meinen Mitarbeitern erwarte. Ich bin keineswegs der Scheusal, für das ihr mich alle hält, aber ich bin hier, um diese Abteilung in geregelten Bahnen zu halten und am Jahresende sagen zu können, einen guten Job gemacht zu haben. Immer wieder gibt es Situationen in unserem Leben, die uns von der Arbeit ablenken, aber man sollte trotz Frau und Kind, Geld und Freizeit, nie vergessen, warum man einen Job hat. Er garantiert jedem Menschen dieser Erde die Möglichkeit ein geordnetes Leben führen zu können, in einer Welt, in der das alles andere als selbstverständlich geworden ist. Jeder Mitarbeiter in dieser Firma freut sich auf den monatlichen Lohnzettel und noch mehr auf das überwiesene Geld auf seinem Konto. Nur muss man dafür auch konstante Leistung bringen. Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass ein Mensch an seinem Arbeitsplatz unentbehrlich ist. Jeder kann ausgewechselt werden, vom fleißigen Hilfsarbeiter bis zum langdienenden Ingenieur, die Wirtschaft ist zu schnelllebig, um auf private Angelegenheiten lange Acht zu geben. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn man einmal früher aufhört oder kurzfristig den einen oder anderen Tag frei haben möchte, aber man kann nicht einfach so von der Arbeit abhauen und wieder kommen, wie es einem gerade Spaß macht. Das geht einfach nicht, Herr Mraz. Geben Sie mir da recht?“ Abwartend starrte mich der Mann vom Platz hinter seinem protzigen Schreibtisch an. „Es tut mir leid, Herr Nowak, es war ein Notfall gewesen. Ich hatte etwas Dringendes zu erledigen.“ Einige Sekunden lang betrachtete mich mein Abteilungsleiter ganz still. „Es ist so, Herr Mraz, ich verstehe es wie gesagt sehr wohl, wenn mal während der Arbeitszeit etwas zu erledigen ist, aber es soll nicht zur Gewohnheit werden und vor allem möchte ich darüber Bescheid wissen. Wenn jeder so aufs gute Wohl kommen und gehen würde, könnten wir diese Firma gleich zusperren. Ich erwarte von Ihnen, dass sie wieder so die Arbeit wahrnehmen, wie Sie es auch früher getan haben. Sie sind ein cleverer Bursche und ich weiß, dass einiges in Ihnen steckt, aber vergessen Sie nicht, was ich Ihnen vorhin gesagt habe: Jeder ist ersetzbar. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden.“ Dieses Gespräch kam zum wohl denkbar ungünstigsten Augenblick. Zwischen den strengen Worten des Generaldirektors schien ich leise Hilferuhe zu hören, die verzweifelten Versuche einer jungen Frau auf sich aufmerksam zu machen. Julia. „Herr Mraz, haben Sie mich verstanden?“ wiederholte er, als ich nicht sofort eine Antwort auf meinen Lippen hatte. „Ja ja, ich entschuldige mich noch einmal. In meinem Umfeld war es in den vergangenen Tagen etwas hektisch. Ich werde mich bemühen, dass…“ „Bemühen genügt mir nicht, Herr Mraz, ich möchte Leistung sehen. Am Abend nach Dienstschluss können Sie alles erledigen, was das Privatleben für Sie parat hält, doch in diesem Gebäude müssen Sie Ihr Zuhause vergessen, da zählt nur der Erfolg und die Zufriedenheit des Kunden. So, und jetzt zurück an Ihren Arbeitsplatz. Zeit ist Geld und davon haben wir jetzt schon genug verschwendet.“ Wie ferngesteuert wankte ich zur Glastür zurück, ein Schalter war in meinem Kopf umgelegt worden. Bei einem Satz vom nervigen Nowak hatte ich ein Bild vor Augen gehabt. Die Worte hatten etwas in meinen Gedankengängen ausgelöst, was Hoffnung in mir erwachen ließ. Vielleicht wusste ich jetzt, wo ich Julia finden konnte.

 

 

26

 

 

Im dunklen Verlies, 14:30

 

noch eine Stunde

 

Ein Klicken rüttelte Julia aus Ihrem Schlaf der Erschöpfung. Licht flutete den kargen Kellerraum. Die Helligkeit brannte in ihren Augen wie Feuer und schnell kniff sie die Lider zu, um dem Schmerz zu entkommen. Was ist passiert? War die Zeit um? Musste sie jetzt sterben? Warum brannte plötzlich die Glühbirne über Julias Kopf? Es dauerte einige Minuten, bis sich die junge Frau etwas an das Licht gewohnt hatte. Zu lange war sie auf diesem Tisch in reiner Dunkelheit gelegen und auch nun hatte sie keine Chance, ihre Augen mit Hilfe ihrer Hände etwas zu schützen. Ihren Gelenken blieben unter den festen Gurten kaum Spielräume für Bewegungen und die starre Lage auf dem harten Untergrund machten ihr sehr zu schaffen. Ein Raunen kam leise über ihre Lippen, als sie langsam die Lider etwas auseinanderschob und das Licht direkt auf sie schien. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte sie ihren Kopf zur Seite und öffnete erneut ihre Augen. So ging es deutlich besser und Julia konnte die Konturen des Raumes betrachten. Ihr Entführer hatte stets darauf geachtet, dass sie kaum Details wahrnehmen konnte, der Lichtstrahl der Taschenlampe hatte immer nur die Bereiche ausgeleuchtet, die er ihr sehen lassen wollte. Nun konnte ich das erste Mal ihr Verlies betrachten. Eine grüngestrichene Stahltür versperrte den Durchgang in die Freiheit, daneben stand ein kleiner Tisch. Darauf befand sich ein Wecker, ein ziemlich altes Modell, um genau zu sein. Julia versuchte aus der Entfernung die Uhrzeit abzulesen, doch musste sie ihre Lider öfters vor Anstrengung zukneifen. Ihre Augen waren vom plötzlichen Licht doch ziemlich überfordert. Dann konnte sie die Zeiger der Uhr richtig weisen. Es war genau halb drei, ob in der Früh oder am Nachmittag konnte die junge Frau nicht sagen. Genauso wenig konnte sie davon ausgehen, dass das die richtige Uhrzeit war. Vielleicht wollte ihr Entführer wieder mit ihr spielen, sie erniedrigen und ihr zeigen, wie hilflos ausgeliefert sie an diesem Ort war. Warum ist das Licht angegangen? Kommt dieser Irre gleich zurück um mich zu töten? Sie musterte jeden Bereich des Raumes, den sie in ihrem Blickfeld betrachten konnte. Hatte mich gar Chris gefunden? Neue Hoffnung erwachte im schwachen Körper der Frau. Da fiel ihr Blick auf ein Schild, welches etwas seitlich von der Tür angebracht worden war. Darauf stand etwas geschrieben, was Julia nicht sofort entziffern konnte. Angestrengt und mit zugekniffenen Augen las sie einen Buchstaben nach dem anderen, um schließlich den Raum mit einem erstickten Schrei zu fluten. Das konnte doch nicht sein! Nein! Julia wusste nun, wo sie hier gefangen war. An einem Ort, der eigentlich gar nicht möglich war.

 

 

27

 

 

Auf dem Gang der Firma „Der Büroexperte“, 14:37

 

Noch dreiundfünfzig Minuten

 

Die Worte von Stefan Nowak gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Hatte mir unser ungeliebter Abteilungsleiter unbewusst einen Tipp gegeben, mich wachgerüttelt? Was immer es auch war, ich brachte diesen Gedanken nicht mehr weg. War die Lösung so einfach? Ich lehnte mich gegen die kühle Wand, stand mitten am Gang und war von meinem Arbeitsplatz doch so weit entfernt. Immer wieder hörte ich Nowaks Worte in mir und stets sah ich ein bestimmtes Bild vor mir. Er hatte gesagt „Ihr Zuhause vergessen“ und vor mir bannte sich die große Plakatwand mit der Werbung für die neuen Wohnung auf, wo genau die zwei Wörter „Ihr Zuhause“ rot mit Spray eingekreist worden war. Wie war ich blöd gewesen! Der Hinweis war direkt vor meinen Augen gewesen, ich hätte nicht mal das Grundstück betreten müssen. Julia war dort gefangen, wo ich es niemals erwartet hätte. Da Eros‘ Anschuldigungen immer von der Vergangenheit handelten, vermutete ich ihr ehemaliges Zuhause, den alten Wohnblock, als ihr Verlies. Vielleicht hielt der irre Entführer sie gar in ihrem früheren Zimmer gefangen. Ich musste dorthin, sofort, egal welche Konsequenzen Nowak sich dann für mich ausdenken würde. Trotzdem durfte ich ihn nicht herausfordern. Ich war mir einer Sache im Klaren: es galt Gerhard darüber einweihen, dass ich wieder wegfahren musste. Obwohl ich nicht wusste, ob oder wie viel er dem Generaldirektor von meiner momentanen Laune erzählt hatte, war ich ihm diese Offenheit schuldig. Schnell setzte ich mich in Bewegung und stürmte ins Bürozimmer. Sofort sah mir mein Kollege an, dass ich vor Aufregung nur so tobte. „Was ist denn los? Hat dir der Nowak eine Gehaltserhöhung angeboten?“ Wäre es eine andere Situation gewesen, hätte ich wegen seines Humors laut aufgelacht. So kam mir nicht einmal ein Grinsen über die Lippen. „Gerhard, ich muss noch einmal weg. Ich weiß, langsam wird es für dich sehr komisch, aber es ist sehr wichtig. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dir alles erklären, das verspreche ich dir. Würdest du mir einen Gefallen tun?“ Die Antwort meines Kollegen ließ ein paar Sekunden auf sich warten. Doch dann konnte ich spüren, wie er sich innerlich einen Ruck gab. „ Ja freilich, was gibt’s denn?“ „Könntest du dir etwas einfallen lassen, wenn der Nowak nach mir fragt? Er hat mich jetzt in seinem Visier. Ich hoffe so bald wie möglich wieder hier zu sein, sonst sehen wir uns verlässlich morgen wieder. Würdest du mich etwas den Rücken freihalten?“ Gespannt stand ich vor meinem Kollegen und wartete darauf, dass er meine Bitte ablehnen würde. Doch Gerhard überraschte mich wieder einmal und jagte mich mit einem kecken „Dann hau schon ab! Ich werde den Herrn Generaldirektor schon bei Laune halten. Aber versprich mir eines: Werde bald wieder der Alte, ok?“ aus dem Büro. Während ich nur mit einem ehrlichen „Danke!“ und ohne Beantwortung von Gerhards Frage wieder auf den Flur hinaustrat, kreisten meine Gedanken bereits wieder bei Julia und der Angst viel zu spät Eros‘ Wink verstanden zu haben. Ich musste mich nun beeilen, die Zeit war bald vorüber.

 

 

Auf dem Weg zu Julias Versteck, 15:02

 

noch 28 Minuten

 

Die Wut stieg in jeder Minute, die ich ungeduldig und gegen die Zeit fahrend hinter dem Lenkrad meines Wagens saß. Wie konnte ich so blind gewesen sein? Durch diesen fatalen Fehler hatte ich ganze drei Stunden verloren, unschätzbar wertvolle Zeit um Julia zu finden. So blieben mir keine dreißig Minuten mehr ihr Versteck ausfindig zu machen. Während ich die letzten Kilometer bis zu meinem Ziel mit viel zu schnellem Tempo zurücklegte, spekulierte ich bereits darüber nach, wo ich am besten meine Suche starten sollte. Mir fiel spontan vorrangig die alte Wohnung ein, in der Julia mit ihrer Mutter jahrelang geweilt hatte. Würde ich auch auf sie treffen? Sollte die nicht mehr in jenem Gebäude wohnen, konnte mein Verdacht ziemlich realistisch sein. Und wenn doch? Ja, dann musste Julia in einer der anderen Wohnungen sein oder in einem der Kellerräume, eventuell auch am Dachboden. Das waren nüchtern gesehen viel zu viele mögliche Verstecke verglichen mit der wenigen Zeit, die mir noch blieb. Ich musste ruhig bleiben, instinktiv handeln, wenn ich das Wohngebäude betreten würde. 25 Minuten vor Ablauf der von Eros‘ gesetzten Frist parkte ich auf einen der vielen leeren Parkplätze. Nur drei mehr oder weniger ältere Automodelle standen seitlich neben mir. Hastig stieg ich aus und steuerte ohne Zögern das äußerlich schon sehr verfallene Haus an. Als ich an der schweren Eingangstür angekommen war, fiel mein Blick sofort auf die Türklingeln mit den Nachnamen der Wohnungsbesitzer. Zu meiner Verwunderung waren nur fünf der zehn transparenten Schilder mit Zetteln beschriftet. Alle Namen ließen auf ausländische Mieter schließen, der Name Hoffmann war nicht auszumachen. Damit schien es, als ob Julias Mutter wirklich nicht mehr in diesem Gebäude lebte, was ich aber aufgrund der Optik sehr verstehen konnte. Damals waren Julia und ihr keine andere Möglichkeit geblieben, als die günstigste Wohnung zu ergattern, als der Familienvater sie einfach alleine gelassen hatte. Es war sicher eine sehr harte Zeit für die zwei Frauen gewesen. Mit einer gewissen Erleichterung betrat ich das Hausinnere und stand direkt im kahlen Stiegenhaus. Überall bröckelte der Putz von der Wand und verlieh dieser Immobilien einen noch weniger einladenden Eindruck. Ich nahm Stufe für Stufe und schritt zielsicher einer Tür im ersten Stockwerk entgegen. Daran war kein Namensschild angebracht. Vorsichtig lehnte ich mich gegen das Holz und lauschte mit meinem rechten Ohr in der Hoffnung, etwas aus dem Wohnungsinneren zu vernehmen. Nichts, kein Fernseher, kein Radio, keine Stimmen eventueller Bewohner. Ich hatte zu wenig Zeit, so blieb mir keine andere Möglichkeit. Sollten die Türen in diesem Gebäude genauso in mangelhaftem Zustand sein wie der Rest, dann dürfte es doch nicht so schwer sein, sie aufzutreten. Ich bewegte mich drei Schritte rückwärts, atmete tief ein und schmiss mich anschließend aus voller Bewegung gegen das Hindernis, welches zwischen den ehemaligen Wohnräumen meiner Ex-Freundin und mir stand. Ich hörte, wie das Holz barste und betete, dass keiner der wenigen Vermieter durch den Lärm aus seinen vier Wänden gelockt wurde. Beobachter konnte ich wirklich nicht gebrauchen. Ich nahm erneut Anlauf und legte mein gesamtes Körpergewicht gegen die Tür. Es krachte fürchterlich, als das Schloss unter dem Druck herausbrach und ich ins Innere der Wohnung hineinfiel. Ohne mich noch schützend abstützen zu können, knallte ich der Länge nach auf den alten Parkettboden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte ich mich sofort wieder auf und drückte die aufgebrochene Tür in ihren Türrahmen. Ich konnte nur hoffen, dass der Lärm unbemerkt geblieben war. Erst jetzt betrachtete ich die komplett leergeräumten Wohnbereiche. Im Flur lag nur noch ein alter Teppich, der mir aus der damaligen Zeit nicht bekannt vorkam, ansonsten konnte ich auf meinem Streichzug nur eine in Mitleidenschaft gezogene Einbauküche sowie ein spartanisch eingerichtetes Badezimmer entdecken. Kein Anzeichen auf Julia, nicht die geringste Spur. Wütend trat ich mit meinem rechten Fuß gegen die Wand und zuckte kurz darauf aufjaulend zurück. Schon wieder hatte ich wertvolle Zeit verbraucht, Minuten, die lebenswichtig für Julia waren. Ich verließ die leere Wohnung ohne die Tür zu schließen und lief den Gang entlang. Wo sollte ich meine Suche fortsetzen? Der Schlüssel! Ich schnellte die Treppe hinunter und steuerte den Ausgang an. Als ich bei meinem Wagen angekommen war, zog die hektisch die Beifahrertür auf und öffnete das Handschuhfach. Unter dem Führerschein und dem Servicebuch steckte der Schlüssel, den ich samt Kästchen vor zwei Tagen aus der Traun gefischt hatte. Während die restlichen Utensilien weiter in meinem Kellerraum deponiert waren, hatte ich instinktiv den metallenen Gegenstand in Inneren meines Wagens versteckt. Diese Voraussicht konnte nun Gold beziehungsweise ein Leben wert sein. Den Schlüssel fest mit meiner Faust umklammert rannte ich zurück zum Wohnhaus. Ich war mir sicher, das war kein gewöhnlicher Wohnungsschlüssel. Darum nahm ich die Treppe abwärts und stand kurz darauf in einem langen Flur. An der Decke flackerten zwei Neonleuchten und ich konnte einige Türen ausmachen, welche wahrscheinlich als Stauräume der Mieter dienten. Auf jeder dieser weiß lackierten Türen waren schwarze Zahlen aufgeklebt worden, manche davon hatten sich teilweise abgelöst und ließen sich kaum ablesen. Beim Betrachten der Schlösser fiel mir auf, dass der Schlüssel in meiner Hand tatsächlich zu einem von ihnen passen könnte. Ohne nachzudenken begann ich bei der nähersten Tür, an der ich stand. Der Schlüssel passte nicht. Schnell schritt ich eine Tür weiter. Auch hier dasselbe Resultat. Die nächste Tür. Wieder kein Erfolg. An der vierten Tür glaubte ich bereits den Schlüssel im Schloss drehen zu können, aber musste auch dieses Mal resignieren. Schließlich stand ich vor einer weiteren Tür, an der nur noch wage die Zahl 12 zu erkennen war. Diese Zahl sagte mir doch etwas. 12. Mir wollte es nicht einfallen, aber ich wusste schon, bevor ich versuchte diese Tür zu öffnen, dass es gelingen würde. Als die Tür mit einem kleinen Ruck nach innen glitt, sprang ich vor Schreck einen Schritt zurück. Julia? Hatte ich sie wirklich noch rechtzeitig gefunden? Mit offenem Mund und angespanntem Körper betrat ich den Raum. Er war komplett dunkel. Ich tastete an der Seite nach einem Lichtschalter und fand diesen tatsächlich. Mit einem Zögern flutete eine Deckenlampe die vier Wände und als ich sah, was sich darin befand, wurde mir schwindelig. Nein! Das konnte doch nicht sein! Bitte nicht!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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