Karl-Heinz Fricke

Bei Verwandten auf dem Dorf

Bei Verwandten auf dem Dorf

Nur wenige Kilometer von Goslar entfernt befindet sich ein kleines Bauerndorf. Dort lebte mit ihrem Mann Heinrich eine Halbschwester meiner Großmutter. Sie hatten etwas Land und viel Vieh. Trotzdem fuhr Onkel   Heinrich mit seinem kleinen Motorrad zur Zinkhütte in Harlingerode, um dort  zusätzliches Geld zu verdienen, um ihren Hof zu bewirtschaften. Neben Hühnern, Gänsen und Ziegen hielten sie auch Schweine und eine Kuh. Den alten Ziegenbock mit seinem langen Bart werde ich nie vergessen.Mit 6 Jahren lernte ich damals das Radfahren auf der Tantes Damenfahrrad. Sehr unsicher fuhr ich den alten Bock an, der  protestierend meckerte. In den Sommerferien ging ich oft zu Fuß nach Immenrode. An den Seiten der Landstraße standen Apfelbäume, die in der Erntezeit von der Stadt versteigert wurden. Bei den Verwandten angekommen, wurde ich erstmal mit einer Scheibe Brot gekräftigt, die mit Ziegenbutter bestrichen und mit harter Mettwurst belegt war. Als ich in späteren Jahren größer und stärker wurde, half ich mit Arbeiten auf dem Hof und im Winter beim Schlachtefest. Es geschah an einem Februarsonntag im Jahre 1942. Wie in jedem Jahre wurde zu der Zeit eine fette Sau geschlachtet, die ungefähr vier Zentner wog. Ich hatte dort übernachtet, denn morgens um vier Uhr erschien der Hausschlachter, der im Sommer seinem Maurerberuf nachging.  Fast alle Dorfbewohner hielten sich Haustiere, sodass  fast täglich ein Schwein zu schlachten war. Ein Teil des Fleisches musste allerdings laut Gesetz abgeführt werden, an das sich die Züchter genau zu halten hatten. Schwere Strafen wurden für Schwarzschlachtungen angedroht, aber es kam trotzdem immer wieder vor. Um verräterische Todesschreie der Tiere zu verhindern, wurden sie erdrosselt. Meine Verwandten lehnten solche Machenschaften allerdings ab. Zu der Zeit waren die Winter immer schneereich und auch sehr kalt. In der warmen Küche an jenem Morgen war der Volksempfänger eingeschaltet und wir hörten den Frühlingsstimmenwalzer. Onkel Heinrich, für seinen trockenen Humor bekannt , bemerkte: “Watt bei disse Külle (Kälte). Kurz darauf erschien der Schlachter und wir begaben uns auf den Hof und in den Stall. Manche Leute behaupten, dass
Schweine ahnen, was man mit ihnen vorhat. Es ist ja auch außergewöhnlich ein Schwein mitten in der Nacht aus dem warmen Stall in die Winterkälte zuzerren.  Dann ging es Schlag auf Schlag. Fachgerecht wurde ein Teil des Fleisches geschnitten und dann begann die Wurstherstellung und damit auch meine Mithilfe. Die bestand darin, die Kurbel  des Fleischwolfes zu drehen, während der Schlachter die Wursthülle darunter hielt. Es dauerte mehrere Stunden bis alles verarbeitet war. Zuerst wurde von der Haut die Weißwurst gemacht. Das kräftig gerührte Blut  kam zusammen mit Speckwürfeln in die Schweinsblase und in gereinigte Naturdärme für die Rotwurst. Als nächstes wurde die Leberwurst gemacht und zum Schluss die Mettwurst. Sehr beliebt war die Brühe aus dem Kessel, in dem das Fleisch gekocht wurde. Meine Mutter hatte mir eine Emaillekanne mitgegeben,die mir die Tante mit der fetten Brühe füllen möchte. In der hungrigen Zeit war die Brühe für mehrere kräftige Suppen gedacht. Mit der Kanne machte ich mich im Dunkeln auf den Weg nach Hause, wohl bedacht auf der glatten Straße nicht zu fallen. Die Tante, für ihren Geiz bekannt, hatte vor meinem Rückweg tatsächlich das schon erkaltete Fett von der Brühe abgeschöpft. Das war der Lohn für meine Mitarbeit, was meine Mutter sehr empörte. In den folgenden Jahren bot ich meine Mithilfe verständslicherweise nicht wieder an.

Karl-Heinz Fricke 17.5.2017

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