Robert Nyffenegger

Abdullah schreibt:

Lieber Robert, ich hoffe dass Du Dich noch an mich erinnern kannst. Ich war Dein Chauffeur in der Wüste Libyens. Du hast mir damals gesagt, Du würdest nach einer Arbeitsstelle für mich in der Schweiz gucken.  Mein Schwager Achmed ist mit einer Deutschen verheiratet und sie hilft mir beim Schreiben dieses Briefes.
Mir geht es im Moment recht gut, weil ich gutes Geld verdiene. Ich bin bei einer Hilfsorganisation als Bootfahrer angestellt. Ein weiterer Schwager von mir, wie Du weisst habe ich zwölf Schwäger, er heisst Hakim, er ist der Chef. Er hat gute Beziehungen zu europäischen Hilfsorganisationen. Er und seine Leute sammeln vorwiegend Schwarze aus Nigeria, Gambia, Senegal, aber auch aus Eritrea und Bangladesch, die liebend gerne nach Europa, vor allem Deutschland, ziehen wollen.
Natürlich nimmt er nur Leute die Geld haben, arme Schlucker werden hier auf dem Markt verkauft. Er hat drei grosse Gummiboote mit ganz starken Aussenbordmotoren.  Er stellt dann immer eine durchmischte Gruppe zusammen.
Die Mehrzahl sind junge Neger. Um das Gruppenbild für die Journalisten zu verschönern, gehören  immer zwei Schwangere mit Kind und etwa ein halbes Dutzend grössere, alleinreisende Kinder  dazu.
 Wenn er dann so eine Gruppe von fünfzig bis sechzig beisammen hat, ruft er mich an. Und ich mache das Boot startbereit. Sobald er Kontakt mit einer Hilfsorganisation  mittels Sattelitentelefon hat und das Wetter mitspielt, teilt er mir die GPS Daten und den Zeitpunkt mit. Ich mache mich mit der ganzen Gesellschaft auf den Weg. Ausserhalb der zwölf Meilenzone, nach ein bis zwei Stunden Fahrt, treffe ich das Boot der NGO, übergebe die aufgeregten, glücklichen Passagiere und mache mich schleunigst auf den Rückweg.
Da ich für jeden Schwarzen zehn Dollars kriege, bin ich mit meinem Business recht zufrieden und Du musst für mich nicht mehr nach einer Stelle suchen. Wenn Du nichts zu tun hast, komm doch vorbei und wir können die Taxifahrten gemeinsam geniessen, das würde mich sehr freuen.
Mit lieben Grüssen Dein Abdullah

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