Diethelm Reiner Kaminski

Auch ein Zuhause

Zottel geht es nicht gut. Es geht ihm gar nicht gut. Es geht ihm, ehrlich gesagt, miserabel. Er wird umhergestoßen, er wird getreten und geschlagen. Das hat ihn ängstlich und menschenscheu gemacht.

Wenn er gerufen wird, stellt er sich taub und versteckt sich, denn der Ruf seines Namens bedeutet selten etwas Gutes.

Zottel ist hungrig. Dauerhaft hungrig. Er wird unregelmäßig ernährt. Ob was für ihn abfällt, hängt von Christels und Ernsts Laune ab. Aber die ist meist von der übelsten Sorte. Sie brüllen sich gegenseitig an und werden, wenn sie betrunken sind, und das kommt häufig vor, gewalttätig. Dann fliegen die Fetzen, dann sausen Gegenstände durch die Luft, dann kracht es von zersplitterndem Glas auf den Fliesen. Zottel verkriecht sich, wenn Krieg ist. Hinter die Couch oder unters Bett, wo er lange ausharrt, bevor er sich wieder hervortraut. Raus darf er alleine nicht. Nur in Begleitung, aber Spaziergänge mit Ernst und Christel machen auch keine Freude, denn sie nehmen keine Rücksicht auf andere Menschen und lassen ihre Schimpfkanonaden auf Zottel in aller Öffentlichkeit los.

Sie sind schon angezeigt worden, weil sie Zottel geprügelt haben, aber besser geworden ist es danach nicht.

Manchmal jedoch vergessen die beiden in ihrer Trunkenheit, die Haustür oder die Hintertür zu schließen, und das ist Zottels Chance. Er stiehlt sich hinaus und läuft zum Spielplatz. Der einzige Ort, wo er Freunde hat. Dort wird er mit Freudengeschrei empfangen. Dort wollen die Kinder mit ihm spielen. Sie haben Mitleid mit ihm, weil er so mager ist und weil er so traurige braune Augen hat. Sie teilen ihre Frühstücksbrote mit ihm und sagen: Komm wieder oder fragen: Wie heißt du?, auch wenn Zottel stumm bleibt.

Zottel möchte am liebsten bei den Kindern bleiben, aber die werden nach und nach von ihren Müttern eingesammelt, und Zottel bleibt einsam zurück. Was bleibt ihm anderes übrig, als zurückzukehren zu Ernst und Christel. Das ist sein Zuhause. Ein schreckliches Zuhause, aber wenigstens hat er ein Dach über dem Kopf und braucht nicht in der herbstlichen Nachtkühle im Freien zu schlafen. Da nimmt er die Flüche und Schläge in Kauf.

Christel und Ernst sind noch nicht erwacht. Zottel nutzt die Gelegenheit und schmiegt sich in die schmale Lücke zwischen den beiden. Er genießt die Wärme und die kleine friedliche Oase zwischen den Schnarchenden. Aber nicht lange. Zottel wird jäh aus dem Schlummer gerissen. Eine brutale Hand schleudert ihn aus dem Bett, sodass er schmerzhaft gegen die Wand kracht. „Du verdammtes Biest, wie oft haben wir dir verboten, in unserem Bett zu schlafen“, schreit Christel hysterisch und wirft noch einen Holzpantoffel hinter Zottel her. Der macht sich ganz klein und will sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Aber geschwächt und benommen, wie er ist, gelingt ihm das nicht schnell genug. Der zweite Pantoffel trifft ihn am Kopf und hinterlässt eine blutende Wunde.

Winselnd und leise jaulend verkriecht sich Zottel hinter dem Sofa.

21.07.2012

 

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