Harald Haider

BLUTRACHE-13.Teil

28

 

 

Auszug aus dem Tagebuch einer kämpferischen Frau

 

Letzte Nacht ist mir etwas bewusst geworden. Nachdem ich fast durchgehend wach in meinem Bett gelegen bin und nur noch das zarte Gesicht meines Traummannes vor meinen Augen gesehen habe, weiß ich jetzt, dass ich nicht so einfach aufgeben darf. Auch wenn Chris mich gestern nicht wiedererkannt hatte, sagte das ja nichts über seine Gefühle aus, auch wenn seine Blicke eher ratlos gewesen waren. Dieser Mann hat in meinem Bett geschlafen, und das mit mir! Ich hatte mit ihm den ersten Sex meines Lebens! Man schläft ja nicht mit einem anderen Menschen, den man komplett unattraktiv und abstoßend findet, oder? Das war die Hauptfrage, die ich in den Nachtstunden nicht aus meinem Kopf bekam. Irgendetwas musste er an mir gefunden haben, als er mich nach dem Fortgehen nach Hause begleitet hatte. Ja, er war zwar betrunken, aber er war noch sehr gut in der Lage gewesen meine Brüste mit seinen Händen zu bearbeiten und mit seinem prächtig gewachsenen Freund meiner Jungfräulichkeit ein Ende zu setzen. Das macht doch kein Mann, wenn ihm eine Frau nicht gefällt! Er hat meinen Körper gewollt, hat ihn umklammert, hat ihn liebkost. Das war einfach mehr als ein gewöhnlicher One-Night-Stand unter zwei Besoffenen gewesen. Ich habe ihm auf irgendeine Weise gefallen, was immer es auch gewesen war. Da muss ich jetzt ansetzen. So schwer es vielleicht wird, aber ich muss um diesen Mann kämpfen. Ich brauche ihn, und irgendwann wird auch er mich brauchen. Daran muss ich glauben, an diesen Gedanken muss ich mich klammern und alles unternehmen, dass diese eine Nacht mit ihm nicht die letzte gewesen ist. Dafür war sie einfach viel zu wunderschön. Ich bin nicht die Hübscheste, besitze zwar einen beachtlichen Vorderbau, der auch Chris imponiert hatte, aber bin eher eine unscheinbare Frau. Das muss ich jetzt ändern. Vorhin habe ich bereits den Kleiderschrank durchgewühlt und ziemlich entrümpelt. Viel kann ich für mein Unterfangen nicht mehr gebrauchen. Noch dieses Wochenende werde ich mich komplett neu einkleiden. Das freizügigste wird gerade recht sein, ich werde Haut zeigen. Ich werde zeigen, dass eine echte Frau in mir steckt. Es ist jetzt die Zeit gekommen für ein neues Ich! Beim nächsten Treffen mit meinem Traummann sollen Chris seine Augen vor weiblichen Reizen nur so übergehen. Ich muss ihn besitzen! Ich will seinen Körper wieder auf meinem spüren! Ich will geliebt werden! Ich will begehrt werden! Von ihm! Chris, ich liebe dich! Und du wirst mich lieben! Und alles wird gut und schön, wie es in meinem Leben zuvor noch nie gewesen ist.

 

 

29

 

 

Im Kellerraum, 15:25

 

noch fünf Minuten

 

Fassungslos starrte ich auf das kleine Notebook, welches auf einem Holzstuhl in der Mitte des ansonsten komplett leeren Raumes stand. Zaghaft näherte ich mich dem Gerät und kippte den Bildschirm auf. In grünen Leuchtzahlen blinkte gnadenlos die Frist dem Ende entgegen. 4:34, 4:33, 4:32. Und jetzt? War das jetzt ein perverser Scherz, eine Sackgasse, die unausweichlich ein unschönes Ende beinhaltete? Das konnte einfach nicht sein! Gebannt auf den Countdown blicket, bemerkte ich, dass am unteren Rand des Bildschirms ein Fenster geöffnet war. Ich klickte darauf und sofort verdeckte ein Satellitenbild von Google Maps die erbarmungslosen Zahlen. Als Adresse war eine mir unbekannte Straße am anderen Ende der Stadt eingegeben worden. Am Monitor konnte ich einige Fabrikgebäude erkennen, welche abgelegen von Wohnhäusern und Hauptstraßen scheinbar leer standen. Auf der Satellitenaufnahme waren keine Autos zu erkennen und auch sonst sahen die Häuser nicht so aus, als ob sie vor Produktivität nur so strotzen würden. Ein Detail weckte meine Aufmerksamkeit Ich zoomte näher ran und erstarrte. In schon etwas rostigen Lettern konnte ich den Namen der ehemaligen Schuhfabrik ablesen, welche Julia so gerne aufgesucht hatte, wenn sie ihre Ruhe gebraucht hatte. Die mussten ein Außenlager oder ein zweites Werk gehabt haben! Da war Julia, nicht hier! Vor mir war der letzte Hinweis, der mich zu meiner Ex-Freundin geführt hätte! Das Problem war, dass ich mindestens eine halbe Stunde benötigen würde, dort hinzukommen. Meine Dummheit war schuld, wegen meines Scheiterns konnte ich Julia nicht befreien. In nicht einmal drei Minuten würde das Spiel zu Ende sein, ein Spiel, welches seine eigenen grässlichen Regeln besaß. Die Kräfte wichen aus mir und ich ließ mich auf meine Knie fallen. Die traurige Erkenntnis, nur durch meine späte Einsicht der klar gesäten Tipps den Kampf gegen die Zeit verloren haben, war zu viel für mich. Ich vergrub meinen Kopf in meine Handflächen und begann zu weinen. Vor mir bauten sich Bilder auf, allesamt altbekannt. Wasser. So viel Wasser. Blut. Dunkelheit. Schreie. Der Kampf gegen das Ertrinken. Noch mehr Wasser. Doch in den Minuten in diesem Kellerraum sah ich auch das verzweifelte Gesicht meiner Ex-Freundin vor mir und die schönen Züge meiner Verlobten. Und die fünf Worte. Sie könnte die nächste sein. „Nein! Nein! Nein!“ Die letzten Laute meiner Schreie waren noch nicht verklungen, als urplötzlich die Computerstimme meines Erpressers den Raum erfüllte. Ich fuhr hoch, voller Angst und Panik, und erkannte dann, woher die Stimme ertönte. Auf dem Bildschirm des Notebooks hatte sich ein neues Fenster geöffnet und ich blickte auf einen kargen Betonboden, der gerade von Eros betreten wurde. „Herr Mraz, alles beten war umsonst gewesen. Die Schlampe hat lange genug gelebt. Wegen ihres Scheiterns wird sie jetzt sterben. Die Zeit ist um!“ Die Kamera schwenkte und ich konnte eine Stahltür erkennen, welche geöffnet wurde. Der Raum dahinter war beleuchtet, aber nicht leer. Darin lag Julia auf einem massiven Tisch festgebunden, nur mit einem Nachthemd bekleidet und trotz der schlechten Auflösung konnte ich auf dem Bildschirm den puren Schrecken in ihren Augen erkennen. Sie wusste, besser gesagt sie spürte es, dass ich versagt hatte. Ihr war bewusst, dass jetzt alles zu Ende war. Ich sank wieder zu Boden und wollte mich am liebsten in irgendeinem tiefen Loch versinken, indem ich diesem Wahnsinn entkommen konnte. Eros‘ Stimme ertönte erneut und das Grauen ging richtig los.

 

 

30

 

 

Das Kellerverlies, 15:30

 

Zeit abgelaufen

 

WEBER & SÖHNE SCHUHE – HÖCHSTE QUALITÄT AUS OBERÖSTERREICH SEIT 1923. Wie konnte das sein? Die alte Fabrik in Julias alter Wohngegend war vor zwei Jahren abgerissen worden. Befand sich die junge Frau in einem Kellerraum, der noch intakt war, tief unter der Erde? Woher wusste dieser Irre von ihrem ehemaligen Lieblingsplatz? Das Entführungsopfer wand sich in ihrem Fesseln, doch die Gurte legten sich noch straffer gegen ihren Körper und schnitten in ihre Haut, sodass sie ohne Aussicht ihre Gelenke wieder erschlaffen ließ. Hier würde sie Chris nie finden, genauso wenig wie die Polizei. Oder ihre Mutter. Nein, sie wollte nicht sterben, nicht so, nicht allein. Julias Augen hatten sich in der vergangenen Stunde bereits besser an das grelle Licht der Glühbirne gewöhnt und so schaffte sie es, mehrere Minuten, wenn auch teils etwas zugekniffen, ihre Umgebung zu betrachten. Außer dem alten Blechwerbeschild der Schuhfabrik war nicht viel in dem Raum, außer hinter ihr der kleine Schreibtisch, an dem sie den kurzen Brief an ihren Ex-Freund schreiben musste. Sie konnte auch einen Wasserhahn erkennen, an dem der Schlauch angebracht war, mit dem der Entführer sie mit Wasser geflutet hatte. Keine fünf Meter trennten die junge Frau von der heiß ersehnten Flüssigkeit, welche ihre aufgerissenen Lippen wie Balsam auf der Haut verwöhnen würden. Das Lebenselixier war so nah und doch so unerreichbar. Lässt mich dieser Psychopath hier verdursten? Was muss nur passiert sein, dass er so einen Hass gegenüber Chris und ihr hegte? Julia fiel absolut nichts ein, was die beiden vor sieben Jahren angestellt hätten. Umso mehr konnte und wollte sie es nicht verstehen, warum sie hier eingesperrt worden war. Ich habe doch nichts gemacht, verdammt! Plötzlich rührte sich an der Tür etwas. War das ihr Entführer? Würde sie jetzt sterben? Oder war es Chris, der sie doch noch gefunden hatte? Die junge Frau fixierte mit starrem Blick die sich langsam öffnende Eisentür. Nein, er ist es! Eros trat mit einem kleinen Camcorder in der Hand in den Raum. Was hatte er nur damit vor? Angst, so groß wie nie zuvor, legte sich über die Frau. Ihr Körper bebte vor Aufregung. Was geschah jetzt mit ihr? Nachdem ihr Entführer die Kamera auf einem schwarzen Stativ befestigt und sich vergewissert hatte, dass von seinem Platz aus Julia bestens gefilmt werden konnte, näherte er sich schleichenden Schrittes dem Tisch. Bitte geh weg, bitte geh weg! „Schlampe, ich bin wieder da! Ich habe schlechte Nachrichten. Dein Retter hat komplett versagt. Du weißt, was das für dich bedeutet?“ Trotz der weißen Maske konnte Julia das grinsende Gesicht darunter förmlich spüren. Jeder Muskel ihres Körpers war gelähmt vor Angst. „Antworte mir, wenn ich dich etwas frage, wertloses Miststück!“ schrie sie die Computerstimme verärgert an. „Icchh steerbbe…“, wimmerte die junge Frau. „Wie war das? Ich habe dich nicht verstanden!“ schnauzte Eros zurück und zermürbte Julias Seele. „Ich sterbe!!!“ kamen die Worte mit letzter Kraft aus dem Mund der Frau, während Tränen in ihre Augen schossen. „Richtig“, war die knappe und doch so schockierende Antwort. Dann ging alles sehr schnell. Eros griff mit seiner rechten Hand in die Seitentasche des Kapuzensweaters und zog ein Jagdmesser heraus. Nein, nein, nein, bitte, nein! Julia musste hilflos an ihrem Platz ausharren und mit ansehen, wie der Irre mit dem Zeigefinger die Schärfe der Klinge testete. Zufrieden nickte er der Frau zu. Dann beugte er sich über ihren Oberkörper und blickte siegessicher auf sie hinab. Wie eine Schlange näherte er sich ihrem Ohr und flüsterte ihr ein Wort zu. In Todesangst drückte sie ihre Lider zu, während weitere Tränen nach und nach an ihren Wangen herunterliefen. Nein, nein, ich will nicht... Langsam richtete sich Eros wieder auf und betrachtete den gesamten Körper seines Opfers noch einmal ganz genau. Er strich mit seinem linken Handschuh über ihre Schenkel, ihren Busen und ihre Haare. Dann nahm er das scharfe Messer in beide Hände und rammte es Julia ohne weiter zu zögern zwischen ihre Brüste. Julia Mund klaffte auf und Blut tropfte heraus sowie sich der alte Stoff des Nachthemdes tiefrot färbte. Die Augen der Frau starrten fassungslos ins Leere, sie kämpfte vor Schmerzen, rang um ihr Leben. Eros zog die Waffe grob aus Julias Körpers heraus und stieß sie der jungen Frau erneut hinein. Ein vor Blut unterdrückter Schrei war das letzte Geräusch, welches das Opfer auf dem Tisch von sich gab. Nach dem dritten Stich erlosch das Leben endgültig aus ihren Augen. Zufrieden beobachtete der Entführer das Resultat seiner Gewalttat. Er nahm das Messer wieder in die Hand, wischte die blutige Klinge an einer trocken gebliebenen Stelle des Nachthemds ab und steuerte der Kamera entgegen. Leise flüsterte er das Wort durch die Öffnung der Maske, welches er auch Julia mitgeteilt hatte. Bereue! Keine dreißig Zentimeter, bevor er beim Stativ angekommen wäre, drehte er sich wie von der Tarantel gestochen, blickte zur Leiche der Frau und schrie: „Bereue!“ Dann stürzte er sich auf den leblosen Körper und rammte immer und immer wieder das Jagdmesser hinein. Das Blut spritzte in alle Richtungen, auch die Kleidung des Entführers saugte sich voll mit der roten Flüssigkeit. Immer wieder fand die Waffe sein Ziel und drang durch den Stoff des Nachthemdes und die Haut tief in das Fleisch ein, bis nur noch der Griff zu sehen war. Erst als kaum mehr eine erreichbare Stelle auf Julias Oberkörper zu finden war, ließ der Mörder von der Frau ab. Vor Wut und Rage keuchend verharrte er neben dem Tisch, begutachtete die Klinge, an dem Blut und Fasern klebten. Er hatte diese Frau nicht nur getötet, er hatte sich förmlich vernichtet. Beinahe schockiert über sich selbst benötigte Eros einige Minuten, bevor er sich wieder gefasst zur Kamera wandte. Seine Maske war über und über mit dem Blut der toten Frau besudelt. Es bot sich ein Anblick wie in einem trashigen Horrorfilm, nur mit dem trauriger Tatsache, dass es sich dabei um die Realität handelte. Die Maskengestalt zog einen Gegenstand aus der anderen Seitentasche des schwarzen Kapuzensweaters. Den zeigte er gut sichtbar ins Objektiv und wandte sich damit zum Leichnam. Damit war die erste Lektion zu Ende gegangen und er beendete die Übertragung mit einem Knopfdruck.

 

 

31

 

 

Im Kellerraum, 15:49

 

Der Bildschirm wurde wieder schwarz, die Verbindung zur Kamera beendet worden. Ich kauerte am Boden des feuchten Raumes und wollte nicht glauben, was ich soeben gesehen hatte. Julia Hoffmann, meine Ex-Freundin, war von ihrem Entführer vor meinen Augen auf brutalste Art und Weise ermordet worden. Mir war nichts anderes übrig geblieben, was alles mit anzusehen. Ich war einfach nur schockiert vom gerade Geschehenen. Die letzten Minuten waren die grauenhaftesten gewesen, die ich je verarbeiten musste. Eine Frau war umgebracht worden, weil ich zu langsam gewesen war. Es war fast so, als ob ich persönlich Julia umgebracht hätte. Wäre ich nicht so blind gewesen, hätte ich es schaffen können. Sie wäre rechtzeitig gerettet worden, bevor…nein, ich konnte damit nicht umgehen. Was hatte diese Irre gerade getan? Er hat Julia nicht nur erstochen, er hat ihren Körper geschunden, entstellt, war wie in Trance über sie hergefallen. Meine Ex-Freundin war tot…wegen mir. Die Tränen wollten nicht enden, die ich vergoss, während ich nicht wusste, was nun passieren würde. Zu groß war die Angst, dass Sarah oder Tom ein weiteres Opfer werden könnte. Daran durfte ich nicht denken. Sollte ich nun zur Polizei gehen? Die würden mir sowieso nicht glauben. Außerdem würde Eros‘ Konsequenz dann nicht lange auf mich warten. Außerdem hatte er die Kette mit dem silbernen Stern in die Kamera gehalten. Wie war das möglich? Ich hatte sie mit den letzten Briefen und den anderen Gegenständen aus dem Holzkästchen bei mir daheim hinter dem Kellerregal versteckt. Keiner außer mir hat das gewusst. Eros wusste alles. Er war wie ein übermächtiger Gegner, vor dem man nichts geheim halten konnte. Sein Ziel war mein Leben zu zerstören. Zuerst lässt er mich um das Leben meiner Ex-Freundin kämpfen und dann hinterlässt er zur Demonstration seiner Macht Hinweise über mich. Die Polizei würde die Kette bei Julia finden und damit wäre eine Verbindung zwischen dem Mord und mir relativ leicht herzustellen. Nach jeder gescheiterten Lektion wird übrigens die Polizei stets Hinweise erhalten, die Sie mit dem Tod der Schlampe in Verbindung bringen werden. Er hatte es mir angedroht. Was sollte ich jetzt tun? Ich wollte meine Liebsten nicht in Gefahr bringen. Andererseits wusste ich nicht, wie ich jetzt mit dieser grauenvollen Tat umgehen werde. Ohne nachzudenken verließ ich den Kellerraum, verschloss die Tür hinter mir und rannte zurück zu meinem Wagen. Auch wenn es unmenschlich werden würde, ich musste die Kette holen.

 

 

Vor der verlassenen Zweitniederlassung von Weber & Söhne Schuhe, 16:47

 

Mehr als eine Hand voll Fahrfehler führten dazu, dass ich viel länger zur Fabrik benötigte, als ich mir erhofft hatte. Ich fuhr wie ferngesteuert, baute fast zwei schwere Auffahrunfälle, während ich meinen Skoda vom einen Ende der Stadt zum anderen lenkte. Ich parkte ihn aus Vorsicht vor dem Mörder ein Stückchen vom Fabrikgebäude entfernt und sah mich um, ob ich Eros irgendwo erkennen konnte. Ich hatte beim Tankstellenüberfall die komplett selbe Maske tragen müssen und erst beim Betrachten des Videos war mir richtig bewusst geworden, wie unheimlich sie war. Wie ein Geist oder Phantom war der Irre um Julia geschlichen, bis er die Kontrolle verloren und auf sie eingestochen hatte, als sie vermutlich schon lange tot gewesen war. Diese Bilder würde ich niemals aus meinem Kopf bekommen, da war ich mir sicher. Wie ein Blitz schossen Gedankenfetzen auf mich ein. Wasser. Viel Wasser. Blut. Dunkles tiefes Wasser. Julia. Noch mehr Blut. Schreie. Angst. Blut. So viel Blut. Die Maske. „Neeeeeiiiiiiiiiinnnnn!“ Schweißperlen standen auf meiner Stirn, meine Hände zitterten, ich war mit meinen Nerven endgültig am Ende. Ich wusste nicht, wie ich diese Fabrik betreten konnte. Aber es blieb mir fast keine andere Wahl. Komplett neben der Spur stieg ich aus meinem Fahrzeug und ging Richtung Fabrik. Julia, sie war tot. Ich konnte es einfach nicht fassen. Es war so unwirklich, wie in einem schlechten Film, dem das nötige Budget gefehlt hat. Diese junge Frau musste sterben, weil ich etwas in meinem Leben verbrochen hatte, etwas, was jemanden sehr viel Schmerz bereitet hat. Ich fühlte mich richtig elend, musste aber mein Vorhaben durchziehen und so schlich ich weiter zum Eingang des Gebäudes. Ich wurde dabei erneut beobachtet und diese Person trug eine weiße Maske mit verschlungenen schwarzen Flammen, eine Person wie eine Gestalt direkt aus der Hölle.

 

 

32

 

 

Stadtpolizeikommando Linz, Gruberstraße, 16:53

 

Petra Höslehner war erst seit drei Monaten bei der Polizeidienststelle angestellt und froh darüber, dass bisher während ihrer Telefondienste keine schwerwiegenden Notrufe eingegangen waren. Die bislang schwersten Fälle waren Prügeleien in der Innenstadt, Drogendelikte und Gewalt in diversen Familien gewesen, aber die junge Frau konnte nicht ahnen, dass der kommende Anruf einen sehr viel ernsteren Hintergrund hatte. Nach dem dritten Läuten nahm die quirlige Mitarbeiterin das Gespräch entgegen. „Stadtpolizeikommando Linz, mein Name ist Höslehner, was kann ich für Sie tun?“ startete sie mit gewohntem Satz die Konversation. Zuerst konnte sie keine Regung aus ihrem Headset vernehmen. Sie wiederholte ihre Ansage und auch dieses Mal folgte keine Antwort. Vermutlich erlaubte sich ein Jugendlicher wieder einen dummen Streich. Verärgert wollte die junge Frau bereits mit einem Tastendruck den Anrufer abservieren, als eine unreale Stimme aus ihrem kleinen Lautsprecher ertönte. Sie hörte sich an wie ein Roboter aus einem schlechten Science-Fiction-Streifen. „Ich weiß, wo Julia Hoffmann ist.“ „Wer sind Sie? Was meinen Sie damit?“ fragte die verwirrte Beamtin in ihr Mikrofon. Der soeben erwähnte Name hatte sie sofort hellhörig gemacht. Sie wusste, dass die erwähnte Person seit mehr als drei Tagen abgängig ist. Seither gab es weder eine brauchbare Spur noch ein Lebenszeichen der Frau. „Hallo?“ Wieder keine Regung. War das irgendein Witzbold, der arbeitslos in seiner Wohnung hockte und nicht wusste, was er mit seiner vielen Zeit anfallen sollte? „Hallo? Hören Sie?“ Petra Höslehner versuchte mit dem seltsamen Anrufer ein anständiges Gespräch zu beginnen. Auch wenn er nur Blödsinn sprechen sollte, würde sie wenigstens die Nummer herausbekommen, von der er anrief. „Ich habe gesagt, ich weiß, wo Julia Hoffmann ist.“ ertönte die Computerstimme erneut. „Schicken Sie einen Wagen zur verlassenen Schuhfabrik von Weber & Söhne.“ Die junge Frau hörte angestrengt zu. „Ist Frau Hoffmann dort? Geht es ihr gut? Sie musste Informationen erhalten, um herauszubekommen, was an diesem Anruf dran war. Wieder ließ sich der Mann aus dem Lautsprecher Zeit. Dann sagte er nur noch vier Worte, bis er das Gespräch beendete, doch diese genügten, um die Farbe aus dem Gesicht der Polizeibeamtin weichen zu lassen. „Die Schlampe ist tot.“

 

 

33

 

 

Im Inneren der alten Schuhfabrik, 16:58

 

Ich irrte durch längst verlassene Gänge, welche voller Spinnenweben und Rattenkot waren, und suchte die Nadel im Heuhaufen. Wo hatte dieses Arschloch Julia versteckt? Ich musste mich konzentrieren. Was hatte ich auf dem Video gesehen? Julia war auf einem Tisch gelegen, der Raum war nur durch eine Glühbirne beleuchtet worden, scheinbar besaß er kein Fenster. Das konnte eigentlich nur heißen, dass ihr Verlies irgendwo in den Kellerräumen sein musste. Wie kam ich jetzt dorthin? Orientierungslos wankte ich durch den Bürotrakt und die Produktionshallen mit den Laufbändern, unglaublicher Mief hing in der staubigen Luft. Schließlich kam ich zu einer Stelle im Gebäude, wo eine Stiege in die Dunkelheit hinunterführte. Ich kramte nach meinem Handy, bekam zuerst das Nokia-Gerät von Eros zwischen die Finger. Er hatte sich telefonisch seit dem Vormittag nicht bei mir gemeldet. Vielleicht würde er auch überhaupt kein einziges Mal mehr bei mir anrufen. Ich hoffte es zumindest. Mit dem Display meines Smartphones leuchtete ich in die Tiefe und suchte mit dem begrenzten Lichtstrahl einen Schalter zu finden. Gerade als ich erfolgreich die Wand abgeleuchtet hatte, drängte ein Geräusch durch die teilweise zerbrochenen Glasfronten der Fabrik. Eine Polizeisirene! Kamen sie hierher? Große Panik stieg in mir hoch. Sollten sie mich hier finden, würde ich automatisch der Hauptverdächtige sein! Ich schnellte die Stufen wieder hinaus und suchte panisch nach einem Ausgang. Meine Schritte hallten durch die hohen Gänge und würden sofort von den nahenden Polizisten vernommen werden. Ich musste schnell hier raus! Die Sirene wurde lauter, es war mehr als nur ein einzelner Polizeiwagen zu hören. Oh mein Gott! Woher wussten Sie von Julias Versteck? Das konnte nur Eros gewesen sein. Wut, Angst und Verzweiflung vermischten sich, während ich zu einer Tür am anderen Ende des Flurs zusteuerte und hoffte, dass dahinter wie auch gestern an der Tankstelle die Freiheit auf mich wartete. Ich warf mich hastig dagegen und zerrte am Türgriff, doch sie ließ sich nicht öffnen. Was nun? Ich drehte mich im Kreis, wusste keinen Ausweg aus dieser misslichen Lage. Ich rannte den Weg zurück, den ich gekommen bin und steuerte die Büroräume an, die ich kurz zuvor gesehen hatte. Beim ersten war die Tür ebenfalls versperrt, doch bei der nächsten hatte ich mehr Glück. Ich schloss sie schnell, nachdem ich in das Zimmer gestolpert war. Auf Zehenspitzen schlich ich zum Fenster und lugte vorsichtig hinaus. Im selben Moment fuhren drei Streifenwagen mit erhöhter Geschwindigkeit vorbei mit vermeintlichem Ziel Haupteingang. Ich hatte nicht mehr viel Zeit. Behände öffnete ich einen Fensterflügel und stieg auf den Fenstersims. Da ich im Erdgeschoss war, konnte ich ohne Probleme einen Sprung wagen. Ich zählte im Kopf bis drei und rollte mich wenige Augenblicke darauf am Asphaltboden ab. Schnell rappelte ich mich auf und schlich entlang der Wand aus dem Blickfeld der Polizisten. Aufgeregt suchte ich nach einem Versteck, von dem ich dann unbemerkt zu meinem Wagen gelangen konnte. Ein alter Müllcontainer auf der anderen Straßenseite sah für mich wie eine annehmbare Möglichkeit aus. Ohne mich umzusehen hastete ich über die Straße und nach endlosen Sekunden war ich hinter dem rostigen Behälter verschwunden. Ich sank zu Boden und musste mich erst wieder etwas fangen. Dann wagte ich einen Blick aus meinem Versteck heraus und entdeckte vier Polizisten, die das Fabrikgebäude von außen sicherten. Ich war vermutlich noch gerade rechtzeitig geflohen. Mein Ziel, die Kette mit dem Sternanhänger verschwinden zu lassen, war misslungen, obwohl ich im Herzen sehr froh war, Julias Leichnam nicht von der Nähe gesehen zu haben. Die Videoübertragung war schrecklich und albtraumhaft genug gewesen. Außerdem konnte es sein, dass Julias Umfeld nicht wusste, von wem sie die Kette erhalten hat. Es war eine Spur, die im Sand verlaufen, aber genauso gut für mich schnell hinter Gittern enden konnte. Ich war kein Mörder, hatte zwar in den letzten Tagen gegen einige Gesetze verstoßen, aber ich könnte nie jemanden so etwas antun, und doch waren durch mich nun bereits mehrere Menschenleben zerstört worden. Verdiente ich das Leben, welches ich bis Montagfrüh noch geführt hatte, überhaupt noch? Julia, es tut mir so schrecklich leid.

 

 

34

 

 

Ein Haus außerhalb von Linz, zur selben Zeit

 

Inspektor Markus Silber

 

Der stämmige zwei-Meter-Riese stemmte seine Hanteln mit angespanntem Gesicht in die Höhe. Seine tiefschwarzen Haare waren klatschnass vor Schweiß, welcher auch in Strömen über seine kantigen Gesichtszüge und dem Dreitagebart lief. Hartes Training gehörte schon seit Jahren zum Freizeitritual. Fünf Mal in der Woche schuftete der Mann Ende Dreißig in seinem kleinen Fitnessraum im Keller seines Hauses. Früher hatte er nicht alleine darin gelebt, aber es gab in der Vergangenheit auch so manche schwarze Stunde für den engagierten Polizeibeamten. Dieser Einsatz hatte viel in seinem Leben geändert, vor allem hat er dadurch den Biss fürs Leben nicht verloren. Solange in der Welt da draußen so viele abartigen Menschen, soweit man diese überhaupt so nennen durfte, gab, musste Markus Silber einfach weitermachen. Jeder festgenommene Straftäter war wie Balsam für seine Seele, für seine tiefen Wunden, für die dunklen Zeiten. Aus dem MP3-Player klangen die rockigen Klänge von Rammstein, welche eigentlich nicht so sein Ding waren, aber fürs Abreagieren war diese Musik das Beste. Schließlich stemmte der Mann die Hantel zurück in seine Halterung und setzte sich auf. Mit einem Duschtuch wischte er sich den Schweiß aus seinem Gesicht und seinen Haaren. Dieses Mal war das Training wieder besonders intensiv gewesen. Vielleicht hing es auch mit einem gegenwärtigen Fall zusammen, welcher gerade von seinen Kollegen behandelt wurde. Eine junge Frau war über Nacht spurlos aus ihrer Wohnung verschwunden und es gab Anzeichen, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Dieser Fall hatte wieder große Erinnerungen in Silber geweckt, auf die er nicht gerne zurückblickte. Seit damals war die Arbeit wie das rettende Ufer für ihn gewesen, sonst wäre er wohl in den starken Wellen des Selbstmitleides und Verzweiflung ertrunken. Mit einem tiefen Seufzer richtete sich der Inspektor auf und schritt eine Tür weiter ins kleine Badezimmer, wo er sich zuerst von seinen durchnässten Trainingssachen entledigte und sich minutenlang unter das kalte Wasser in die Duschkabine stellte und seine Gedanken kreisen ließ. Jeder einzelne Tag war anders, verlief in die verschiedensten Bahnen, und jeder dieser Tage war geprägt von Erinnerungen. Oft waren es nur gute schöne Rückblenden, aber es gab auch die dunklen schmerzhaften Bilder in seinem Kopf, die ihn umso mehr in die Arbeit und ins Training flüchten ließen, wo er dann wie ein Irrer ohne Rücksicht auf sich werkte, bis er spät in der Nacht erschöpft ins Bett fiel oder gar im Revier an seinem Schreibtisch einnickte. Ja, das Leben war nicht immer ein Zuckerschlecken, und gerade der Beruf des Polizisten war ein knochenharter Zeitvertreib. Markus Silber würde einiges anders machen, wenn er das Rad der Zeit um ein paar Jahre zurückdrehen könnte. Leider war das unmöglich und so war er weiter in den Mühlen der Morde und Gewaltverbrechen gefangen, es war direkt eine Obsession von ihm geworden. Das kalte Wasser verschaffte dem Gruppeninspektor der Mordkommission Linz wieder einen halbwegs kühlen Kopf. Er zog sich danach einen flauschigen Bademantel über und marschierte in Badeschlapfen die Stufen ins Erdgeschoß hinauf, von wo er bereits das Handy wild läuten hören konnte. Nicht einmal an seinem freien Nachmittag konnte dieses Ding mal ruhig sein, dachte sich Silber. Gerade noch rechtzeitig schnappte er sich das Gerät und drückte auf ‚Annehmen‘. „Gruppeninspektor Silber?“ „Markus, ich bin’s, Franz. Ich versuche dich die ganze Zeit bereits zu erreichen. Wir haben die vermisste Frau Hoffmann gefunden. Sie ist ermordet worden. Eine richtige Sauerei.“ Die Gesichtszüge des kräftigen Mannes verwandelten sich von Neugierde in Angespanntheit, unbewusst drückte er seine freie Hand zu einer festen Faust zusammen. Sein Kollege hatte ihm wirklich keine guten Nachrichten mitgeteilt. Andererseits hatte er bereits befürchtet, dass der verschwundenen Frau etwas Schlimmes zugestoßen war. „Wo ist sie?“ wollte er wissen. Wenige Minuten später saß Markus Silber bereits frisch angezogen in seinem Dienstwagen und verließ die Einfahrt Richtung Tatort. Der blanke Wahnsinn konnte wieder einmal beginnen.

 

 

Am Tatort, knappe zwanzig Minuten später

 

Die Beamten hatten bereits das komplette Areal der stillgelegten Schuhfabrik Weber & Söhne Schuhe gesichert und vorsorglich für Schaulustige und den sicher bald auftauchenden Fernsehstationen und Reportern abgesperrt. Als der Inspektor sich dem alten Gebäude näherte, sah er schon von weitem seinen Kollegen Franz Aschauer. Er war dreifacher Familienvater, passionierter Musiker und ungefähr drei Jahre älter als Silber. Die beiden arbeiteten bereits seit einigen Jahren zusammen und hatten schon ziemlich schlimme Sachen gesehen. Jeder Einwohner glaubte, dass Österreich ein sicheres Land sei und es in dieser Idylle nicht vor kranken Individuen wimmelt, aber dem ist leider nicht so. Immer wieder krochen diese Gestalten aus ihren Verstecken hervor und zerstörten das Leben von unschuldigen Menschen, sei es aus purer Langweile, wegen dem Reiz des Mordens oder gar aus sexuellen Interessen. Da gab es einmal den treuen Familienmenschen, der bei allen Bewohnern eines kleinen unbedachten Ortes beliebt war und über ein Jahrzehnt verteilt acht junge Mädchen im Alter zwischen sieben und elf entführt und auf brutalste Weise vergewaltigt und anschließend erbarmungslos getötet und wie Abfall weggeworfen hat. Nur Stunden später hat er unbehelligt mit seinen eigenen Kindern im Garten herumgetollt oder sich mit seinen Kollegen vom Kegelklub getroffen. Niemand hat je etwas bemerkt, am wenigsten seine Familie. Beim Geständnis hat er wie ein Wahnsinniger zu lachen begonnen und mit abgebrühter Stimme erklärt, wie ‚geil‘ dieses Machtgefühl gegenüber dieser wehrlosen Mädchen gewesen war. Es geschahen unglaubliche Sachen in diesem Staat, Verbrechen und Taten, so grausam, wie es sich niemand malen kann und möchte. Darum wusste Silber, dass diese Abscheulichkeiten immer wieder in sein Leben treten und ihn vermutlich auch noch in seiner Zeit als pensionierter Beamter verfolgen würden. Das ging jedem Ermittler so, der mehr als einmal über den Tellerrand des Alltags schauen konnte und er irrsinnige Bilder des Schreckens sah, welche sich in die Seele einbrannten wie eine Tätowierung ins Fleisch. Was würde Silber heute wieder am Tatort erwarten? Aschauer winkte seinem Kollegen zu, als er neben einem Streifenwagen zum Stehen kam. Flink stieg Silber aus und erwiderte den Gruß, dann folgte er ihm ins Innere des baufälligen Gebäudes. „Ein anonymer Anrufer bei der Dienststelle in der Gruberstraße hat uns den Fundort verraten. Wahrscheinlich war es der Täter selbst, der uns informiert hat. Streifenwagen wurden sofort hierher geschickt und die Beamten entdeckten die Leiche schließlich in einem der Kellerräume, welche zu Produktionszeiten als Lager genützt wurden. Es handelt sich dabei wirklich um die vermisste Frau. Da muss jemand einen richtigen Hass auf die arme Frau gehabt haben, wie ich das sehe. Und jetzt kommt das richtig Makabre. Der Anrufer hat von Frau Hoffmanns Handy aus angerufen. Leider wurde das Gerät wahrscheinlich gleich nach dem Gespräch wieder ausgeschaltet. Eine Ortung war bislang erfolglos. Wäre zu schön gewesen.“ Silber und Aschauer gingen den langen Hauptflur entlang, bis sie zu einer Treppe kamen. „Da müssen wir runter“, wurde der Gruppeninspektor unterrichtet. Am unteren Ende des Abganges wurden sie bereits von einem Kollegen der Spurensicherung erwartet. Während er sorgfältig am Treppengeländer nach Fingerabdrücken suchte, schritten die zwei Ermittler weiter, bis sie kurz darauf zu einer Eisentür gelangten. Markus Silber löste sich von seinem Kollegen und betrat den Raum, in dem sich vor kurzem ein schreckliches Verbrechen ereignet hatte. Es bot sich ein ungewöhnliches Bild für den Inspektor. Das Mordopfer war auf einem alten Eichentisch mit Gurten festgebunden worden, die Szenerie erinnerte ihn ein wenig an einen Ritualakt. Ein Kriminalfotograf drückte konzentriert immer wieder auf den Auslöser und bannte alle Details auf Bild. Vier weitere Mitarbeiter der Spurensicherung werkten mit Engelsgeduld, bekleidet mit ihren Schutzanzügen, an jeder einzelnen Ritze dieses Raumes, nichts durfte übersehen werden. „Grüß Gott, Doktor Fuchsberger“, begrüßte der Ermittler den Gerichtsmediziner, der über die weibliche Leiche gebeugt war. „Ah, der Gruppeninspektor Silber, lange nicht gesehen. Wie ist Ihr wertes Befinden?“ erwiderte der Mann mit dem schütteren grauen Haar. Seit der Inspektor bei der Mordkommission arbeitete, waren sich die beiden Männer schon viel zu oft begegnet. Nach einem Schlaganfall musste der Pathologe ein paar Monate pausieren und war erst seit kurzem wieder im Dienst. Nur noch wenige Jahre trennten ihn von seiner verdienten Pension, welche ihn von all den Leichen um ihn befreien würde. „Danke, es geht schon. Was haben Sie bis jetzt herausgefunden?“ Markus Silber beugte sich über den Leichnam und musste den tiefgehenden Anblick erst verdauen. Dutzende Stichwunden säten den Oberkörper von Julia Hoffmann. Sein Kollege Aschauer hatte nicht übertrieben. Da muss jemand wirklich seine gesamten Emotionen an der jungen Frau ausgelassen haben. „Die Tote liegt ungefähr seit zwei, drei Tage hier. Soweit man bis jetzt erkennen kann, ist ihr Rücken sehr wundgelegen und ihre aufgesprungenen Lippen lassen darauf schließen, dass die Frau zum Zeitpunkt Ihres Todes stark dehydriert gewesen ist. Kommen wir zur Todesursache. Zwei Stichwunden waren vermutlich tödlich, sie wurden mit voller Kraft der Frau zugefügt, was die anderen Einstiche betrifft, sind die viel unsauberer, schneller durchgeführt worden. Das kann man an den Blutspritzern deutlich erkennen. Es sieht so aus, dass der Mörder während seiner Tat in Rage geraten ist und wie wild mit der Waffe hantiert hat. Dabei handelt es sich übrigens um ein handelsübliches Jagdmesser, das bekommt man wohl in jedem Fachgeschäft. Genaueres kann ich dann nach der Obduktion sagen.“ Der Inspektor hatte den Bericht des Gerichtsmediziners interessiert verfolgt. Wie aus der Pistole geschossen hakte er nach: „Wann war der Todeszeitpunkt?“ „Die Frau ist vor ungefähr zwei Stunden erstochen worden.“ Silber registrierte die Antwort mit einem stillen Nicken. „Und wurde die Tatwaffe gefunden?“ folgte die nächste Frage an Doktor Fuchsberger. „Nein, von dem Messer fehlt momentan noch jede Spur.“ Wieder folgte ein knappes Dankeschön des Ermittlers. Dann beäugte er konzentriert die Leiche vor ihm. Julia Hoffmann war eine wunderschöne Frau gewesen, nun lag sie wie ein Häufchen Dreck vor ihm, alles Leben war aus ihr ausgelöscht worden. In ihren Augen konnte man die blanke Todesangst ablesen, wie sadistisch muss es gewesen sein, hilflos so gefesselt ihren Tod erleben zu müssen. Das hier war kein gewöhnlicher Mordfall. Ein weiteres Mal wandte sich Silber an den Gerichtsmediziner. „Gibt es Anzeichen einer Vergewaltigung?“ „Wenn Sie meinen, dass hinter dem Mord ein Sexualdelikt steckt, muss ich das verneinen. Es deutet nichts auf einen Missbrauch jeglicher Art hin. Doch dafür war dieser Raum für Sie Folter genug gewesen. Tagelang hier liegen zu müssen, ohne Wasser und Essen, das müssen endlose Stunden für die arme Frau gewesen sein. Sie hatte nicht einmal die Möglichkeit eine Toilette aufzusuchen. Ihr Urin klebt überall auf dem Tisch. Was ist erniedrigender für eine gepflegte Frau als so ein Schritt? Ich finde, die seelische Vergewaltigung war stark genug gewesen um sie zu brechen.“ „Danke, Doktor. Sagen Sie mir Bescheid, wann Sie die genauen Untersuchungsergebnisse vorliegen haben?“ „Sowieso, Herr Inspektor, wie immer“, lautete die Antwort in Richtung von Markus Silber. Dann konzentrierte er sich wieder um den leblosen Körper vor ihm. Der Ermittler wandte sich seinerseits seinem Kollegen Aschauer zu. „Was hältst du davon?“ Die Antwort darauf konnte er sich eigentlich denken. Die arme Frau oder besser gesagt, der entstellte Körper teilte alles mit. Aus der Wohnung entführt, an diesen Ort verschleppt, in diesem Keller gefangen gehalten und nach drei Tagen Gefangenschaft einfach abgeschlachtet. „Es müssen unvorstellbare Ängste und Schmerzen für Frau Hoffmann gewesen sein. An Anblicke wie diesen gewöhnt man sich nie. Hoffen wir, dass die Spurensicherung etwas findet, was uns weiterhilft. Auf jeden Fall müssen wir die Mutter der Frau verständigen. Sie weiß noch nicht, dass ihre Tochter gefunden wurde. Oh, wie ich diesen Beruf oft hasse!“ Aschauer sprach das aus, was sich Silber nur allzu oft auch dachte. Aber sie mussten diesen Job machen, denn Schweinehunde wie der oder die Mörder an dieser Frau mussten gefasst werden, sodass sie nicht ein weiteres Mal zuschlagen konnten. Lauter Aas lief auf den Straßen dort draußen herum. Der Inspektor musste sich beherrschen, um nicht die Kontrolle über seine Gefühle zu verlieren und sah interessiert zu, wie die Leiche nach Öffnen der Gurte langsam aufgehoben wurde. Hatte sie den oder die Täter gekannt? Auch wenn nichts auf eine Mehrtätertheorie hindeutete, durfte sie nie außer Acht gelassen werden, bis das Gegenteil bewiesen wurde. Kurz darauf war die junge Frau in ihrem silbernen Sarg verstaut und zwei Beamte begannen mit dem Abtransport ins Leichenschauhaus. Dort würde Doktor Fuchsberger jede Wunde und jede Körperöffnung bis ins Detail untersuchen. Während der Gerichtsmediziner akribisch sein Inventar in seinen schwarzen Arbeitskoffer räumte, musterte der Ermittler erneut den Raum. Wie kam ein Entführer und späterer Mörder auf dieses Versteck? Warum wartete er so lange, bis er die junge Frau tötete. Das hier war keine Affekthandlung gewesen, abgesehen von den unkontrollierten Messerstichen. Frau Hoffmann sollte nicht aus diesem Verlies kommen, lebend jedenfalls nicht. Was Markus Silber am meisten beschäftigte, war das Motiv. „Warum musste diese Frau sterben, Franz?“ Auf diese Frage fand auch sein Kollege keine Antwort.

 

 

35

 

 

In der Vorchdorfer Wohnung, 18:23

 

Das war alles nur ein Traum, ein verdammter Traum, aus dem es langsam echt Zeit wurde aufzuwachen. Ich wollte nicht glauben, was vor wenigen Stunden geschehen war. Julia war tot, nur aufgrund meines Versagens. Ich hätte sie retten können, aber habe die Zeichen falsch gedeutet. Tränen liefen mir über meine Wange, aber ich registrierte sie nicht. In einer Ecke des Schlafzimmers hockend starrte ich ins Leere und wusste nicht, was ich jetzt machen sollte. Ich fühlte mich so elend und ausgelaugt. Sollte ich doch die Polizei informieren? Aber welche Beweise hatte ich noch? Im Kellerraum war alles verschwunden, die versteckten Briefe, das Holzkästchen samt Inhalt, alles weg. Und das Kettchen daraus lag in Julias Mund und würde bald gefunden werden. Wenn es blöd lief, würde ich plötzlich der Hauptverdächtige sein. Nein, ich konnte nicht zur Polizei gehen. Erstens hatte ich nichts, was mich selbst für dieses nicht begangene Verbrechen entlasten würde und zweitens wusste ich nicht, was Eros als Nächstes vorhatte. Ich musste auf der Hut sein, meinen Eltern und Sarah zuliebe. Wenn ihnen was geschehen würde, könnte ich nicht verkraften. Glücklicherweise musste meine Verlobte heute länger arbeiten, da es für einen konkursgefährdeten Betrieb noch einige Ordner zum begutachten gab. Über SMS ließ sie mir ausrichten, dass sie sich schon sehr auf baldige Kuschelstunden freut und sie bereits große Entzugserscheinungen hat. Wenigstens war für sie noch alles gut und voller Harmonie. Daran durfte sich auch nichts ändern, auf gar keinen Umständen. Der Mord an Julia machte mich schon total fertig, zerrte wie ein Wirbelsturm hartnäckig an meinem Nervenkostüm. Diese schrecklichen Bilder würde ich wohl nie aus meinem Kopf bringen. So viel Blut. Ich vergrub meinen Kopf zwischen meinen Armen, heulte wie ein Schoßhund. Warum musste Julia sterben, warum nur? Und weshalb konnte diese Irre nicht aufhören auf sie einzustechen, als das Leben längst aus ihrem Körper gewichen war. Immer wieder musste er diese Klinge in sie rammen. Es war so schrecklich, einfach unbegreiflich. In welches kranke Spiel war ich hier nur geraten und wie kam ich hier wieder raus? Auch wenn mir die Tränen keine Antwort auf diese Fragen gaben, ließ ich sie hemmungslos weiter über meine Wangen laufen. Eros hat es geschafft, er hat mich gebrochen. Das hier war kein Traum. So würde ich nicht einfach daraus aufwachen. Ich spürte es, er war noch nicht fertig und das bereitete mir große Angst. Ich hörte mein Smartphone vibrieren, ignorierte das Geräusch jedoch. Kurze Zeit später meldete sich das Gerät erneut. Wie in Zeitlupe griff ich in meine Hosentasche und zog es heraus. Der Name meines besten Freundes leuchtete auf dem Display auf. Das Live-Spiel am Sportplatz! Ich hatte nach den ausufernden Ereignissen komplett darauf vergessen. Wann wollte mich Tom nochmal abholen? Sieben? Ein kurzer Blick auf die Uhr klärte mich darüber auf, dass es schon kurz nach sieben war. Wie lange bin ich hier am Boden gekauert? Ich konnte nicht zu dieser Fußballübertragung mit all den grölenden Fans und reichlich guter Stimmung, dafür war heute zu Schreckliches geschehen. Doch gerade als ich abheben und Tom absagen wollte, meldete sich eine warnende Erinnerung in meinem Kopf. Leben Sie Ihr Leben weiter so unauffällig wie möglich. Niemand darf etwas mitbekommen von den Aufgaben, die Sie bewältigen müssen. Achten Sie sehr darauf, es ist besser für Sie und noch viel besser für Ihre Liebsten. Also schauen Sie sich etwa mit Herrn Thomas Baumgartlinger wie versprochen das Fußball-Spiel auf der Video-Wall an. Ich konnte nicht absagen, auch wenn es mir sehr schwer fiel. Tom durfte nicht in dieses Dilemma reingezogen werden. Wenn Eros in diesem Gebäude bereits ohne Probleme ein und aus gehen kann, würde er sicher auch nachkontrollieren, ob ich bei diesem Veranstaltung war. Im letzten Moment nahm ich den Anruf an und vertröstete meinen Kumpel, dass ich in zehn Minuten an der Haustüre sein würde. Es galt mein verweintes Gesicht etwas annehmbar in Form zu bringen und mich noch schnell in das passende Outfit zu werfen.

 

 

70.Minute beim Fußballspiel Türkei – Österreich, 21:01

 

„Weitschuss von Fuchs!!! Die große Ausgleichschance! Demirel wehrt ab. Da kommt Maierhofer, aber der Keeper der Türken kann klären! Schade, das hätte ein Tor sein müssen!“ Der Moderator schrie seine Enttäuschung ins Mikrofon und alle Anhänger rund um uns reagierten ähnlich. Ich selbst hatte die große Möglichkeit gar nicht wahrgenommen, sah nur Bildfetzen vor mir tanzen. Mein Kumpel musterte mich argwöhnisch, aber widmete sich dann wieder der großen Leinwand, wo der türkische Stürmer Altintop eine Konterchance in den Sand setzt. Der Gegner der österreichischen Nationalmannschaft ließ kaum Möglichkeiten zu, zog sorgsam seine Spielzüge in den Strafraum, wo nach zwanzig Minuten bereits ein Mal der Ball den Weg ins Tor gefunden hatte. Während Harnik nach einer Fehlentscheidung des Schiedsrichter mit dem Schicksal haderte, ließ sich Arda Turan nicht beirren und schoss neben dem österreichischen Keeper Macho ein, der dabei keine Chance zur Abwehr hatte. Die rot-weiß-rote Elf konnte nicht überzeugen, hatte selbst kaum Offensivideen, um den Abwehrblock der Türken ins Wanken zu bringen. So würde es wohl die erwartete Niederlage hageln, mit der alle Aufstiegsträume für die Europameisterschaftsendrunde 2012 aller Fans wahrscheinlich endgültig ausgeträumt wären. Unter anderen Umständen hätte ich richtig mit der Mannschaft mitgelitten und meinem Frust freien Lauf gelassen, doch alles an diesem Spiel war mir komplett egal. In der Halbzeitpause hatte ich neugierig den Kurznachrichten gelauscht, doch Julias Ermordung wurde nicht erwähnt. Was war ihr in den letzten Sekunden ihres Lebens durch den Kopf gegangen? Es tat mir so unendlich leid, dass sie sterben musste. Aber warum nur? Was wollte Eros damit bezwecken? „Was ist los mit dir, Kumpel?“ riss mich Tom aus meiner Gedankenwelt. „Was beschäftigt dich so sehr? Ist es wegen der nahenden Hochzeit? Bekommst du gar kalte Füße? Keine Sorge, mein Junge, Sarah ist schon die Richtige!“ „Im Moment kommt einfach so viel zusammen. Das hat nichts mit Sarah und mir zu tun. Ich freue mich ja auch sehr auf die Hochzeit, nur habe ich in den letzten Tagen viel zu denken gehabt. Mach‘ dir keine Sorgen, Tom. Wie ich dir schon gestern Abend gesagt habe, das wird schon wieder. Alles halb so wild.“ Ich versuchte dem Blick meines Freundes auszuweichen und richtete meine Augen auf die laufenden Spieler auf der Leinwand. „Bist du dir sicher, Chris?“ „Ja, das bin ich. Mich kriegt nicht so schnell was runter.“ Ich hoffte, diesen Satz so überzeugend wie möglich über meine Lippen gebracht zu haben, denn es war schon längst gelogen. Ich war am Boden, wie ein Boxer kurz vorm K.O. Nur wusste ich noch nicht, wie ich mich wieder aufrichten sollte, denn dazu fehlten mir der Mut und die Kraft. Mit Bangen zählte ich innerlich die Stunden und wartete darauf, ob sich Eros wieder bei mir melden würde. Ich spürte, dass dieses Spiel noch nicht zu Ende war. „Du weißt, ich bin immer für dich …“ Tom wurde vom entsetzten Schrei des Fernsehmoderators unterbrochen. „2:0!!! Das ist die Entscheidung! Perfekte Aktion der Türken. Gökhan Gönül düpiert mit einem Haken Dragovic und lässt Macho mit einem exakten Schuss ins kurze Eck keine Chance. Mit diesem Tor ist das Spiel wohl entschieden. Wir schreiben die 77. Spielminute, die Türken führen hochverdient mit 2:0. Schade, schade! Das hätte nicht sein müssen!“ Lautes Raunen und Schimpfen füllte das Areal des Sportplatzes Vorchdorf, ein Herr neben uns warf aus Emotion seinen Pappbecher, welches noch halbvoll mit Bier gefüllt war, auf den Boden. Wie in Trance blickten sie auf die große Leinwand, die imposanten Österreich-Flaggen in ihren Händen hingen schlaff herab und niemand krächzte Anfeuerungsrufe. Die Enttäuschung saß tief unter den Fans. „Macht es dir was aus, wenn ich schon die Kurve kratze? Das Spiel ist für unser Team eh vorbei, diese Schmach muss ich echt nicht mehr sehen.“ Für mich kam das zweite Gegentor wie gerufen. Tom würde es sicher verstehen, wenn ich schon vor dem Abpfiff in einer knappen Viertelstunde das Weite suchte. „Klar, soll ich dich heimfahren?“ „Nein, nein, Tom, habe ja nicht so weit. Ein kleiner Abendspaziergang tut mich sicher ganz gut. Rufen wir uns in den nächsten Tagen mal zusammen?“ Ich erhob mich von der Bierbank und machte mich bereit für den Heimweg. „Sicher doch! Und wie gesagt, du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn es dir hilft. Hoffe, dass du bald wieder klaren Kopf haben kannst, denn in etwas mehr als einer Woche musst du strahlen wie ein Gott, ist dir das klar?“ Tom grinste mich aufmunternd an und gab mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass Julias Verschwinden komplett an meinem besten Freund vorbei gegangen war. Glücklicherweise sah er lieber den Sportteil in den Tageszeitungen. So war ich wenigstens einer Konfrontation entgangen. Tom würde noch bald genug in den Medien erfahren, was mit meiner Ex-Freundin geschehen war. Nach einem letzten Blick auf die Leinwand verabschiedeten wir uns und während er wieder das Spielgeschehen verfolgte, verließ ich den Rasen des Sportplatzes. Beim Hinausgehen auf den Parkplatz konnte ich energisch die Fans aufschreien hören. Verzerrt ertönte die Stimme des Moderators vom Sportplatz. „Elfmeter!!! Elfmeter für Österreich!“ Aus irgendeinem Grund wusste ich schon im Vorhinein, dass unser Stürmer den Ball nicht im Tor unterbringen würde und so war es dann schlussendlich auch. Ich hatte ganz andere Sorgen. Wie würde es nun weitergehen? Zur Überprüfung zog ich das Nokia-Handy aus meiner Tasche, doch es waren weiterhin weder SMS noch ein Anruf meines Erpressers und nunmehrigen Mörders einer unschuldigen Frau eingetroffen. Wer war dieser Eros nur? Was hatte er jetzt mit mir vor? Ich konnte nicht mehr als abwarten und diese Hilflosigkeit war kaum mehr zu unterdrücken. Jede Selbstsicherheit, die ich seit jener Nacht vor zwei Jahren mühsam wieder aufgebaut hatte, war mit einem Schlag wieder auf tausend Teile zerbrochen. Wieder musste eine unschuldige Person sterben. War das jetzt die Vergeltung, dass ich damals lebend davon gekommen war? Oft habe ich mir gewünscht, dass ich es gewesen wäre, dessen Lungenflügel sich so voller Wasser gefüllt hätten bis zum dunklen Ende. Ich hoffte, dass sich Sarah gleich keine sexuellen Fantasien oder lange Gespräche mehr erwartete, ich wollte mich nur noch zusammenrollen und irgendwie einschlafen. Dieser Tag hatte so viel Kraft gekostet und meiner Ex-Freundin gar ihr Leben. Das war einfach zu viel.

 

 

36

 

 

Auszug aus dem Tagebuch einer geknickten Frau

 

Die letzten Tage und Nächte waren der Horror gewesen. Heute finde ich endlich wieder ein wenig Kraft, um diese Zeile niederzuschreiben. Es tut noch so weh. Wie hat er mir so etwas nur antun können, nach dieser Nacht, die so magisch und schön gewesen war? Er hat mir nicht mal mehr eine weitere Chance gegeben. Als ich in diesem Welser Tanzschuppen gestanden war, war ich noch frohen Mutes gewesen. Ich hatte mich wirklich richtig herausgeputzt für meinen Traummann. Ich konnte sogar öfters die Blicke von anderen Kerlen wahrnehmen. Eigentlich war ich sehr optimistisch gewesen. Dann war er mit seinem Freund auf der Tanzfläche erschienen und mir war mein Herz fast rausgesprungen vor Erregung. Ich wollte nur noch die richtige Gelegenheit bekommen. Keine Bewegung von ihm war mir entgangen. Als ich schließlich allen Mut zusammennahm und nur noch wenige Schritte von Chris entfernt war, hatte mir sein Kumpel die Sicht verdeckt und als ich vorbeitrat, wollte ich nicht wahrhaben, was ich da sah. Dieser Arsch tanzte Arm in Arm mit einer verdammten Schlampe, welche gerade eben noch auf der Bar derbe Bewegungen vollführt hatte. Und dann fiel ihm auch nichts Blöderes ein, als sie mit seiner Zunge zu küssen. Wie konnte er nur? Er hatte mich nicht einmal beachtet. Die letzten Tage habe ich fast nur in diesem Zimmer verbracht. Habe ständig auf meiner harten Matratze gelegen, viele Stunden lang ohne Pause, und war höchstens nur für ein paar Runden durch den Raum aufgestanden. Im Gehen konnte ich schon immer am besten nachdenken, doch es war mir überhaupt nichts eingefallen, was mich etwas aufbauen konnte. So lag ich am liebsten einfach auf meinem Bett und starrte zur Decke. Ich hatte einfach keine Kraft zu mehr gehabt. Mir gingen die schmerzhaften Bilder nicht aus dem Kopf und immer wieder dachte ich zurück an jene Nacht bei mir. Damals war alles in Ordnung gewesen. Damals, vor wenigen Tagen… Nicht einmal kalte Duschen haben mir geholfen, wieder ein bisschen zu Sinnen zu kommen. Außerdem wollte ich immer schnell zurück in mein Zimmer, in welches ich mich verschließen konnte, wann immer ich wollte. Seit heute Morgen scheint mein geschundenes Herz wieder ein wenig gefasst. Durchs viele Herumliegen schmerzen dafür mein Rücken und überhaupt alle Gelenke ziemlich. Außerdem habe ich viel zu wenig getrunken und werde mir danach sofort erfrischendes Wasser holen. Drei komplette Tage habe ich getrauert um dieses penetrante Arschgesicht. Er hat mich nur benutzt. Jetzt fickt er diese tussige Schlampe. Wie die billig ausgesehen hatte. Julia war ihr Name. Julia. Ich müsste die Frau an seiner Seite sein, nicht diese Julia. So sehr meine Wut auf ihn in mir tobt, ist mir in den letzten Tagen auf meiner Matratze klar geworden, wie sehr ich diesen Mann doch liebe. Ich brauche ihn einfach. Mein Plan ist jetzt herauszufinden, wie ernst es ihm mit dieser Schlampe ist. Vielleicht ist es einfach ein unbedeutender kleiner Flirt gewesen. Ich hoffe es jedenfalls. Der Schmerz der letzten Tage hat mich fast innerlich aufgefressen. Er kann nicht einfach vorher mit mir schlafen und mich dann einfach wie Dreck behandeln. Das ist wie ein Stich ins Herz, wie wen man mir ein Messer mit roher Gewalt ins Fleisch rammt. Diese Wunde klafft in mir, pocht vor Hoffnung auf Heilung. Auch wenn ich noch etwas kraftlos bin, werde ich nicht aufgeben. Dafür ist Chris einfach zu vollkommen. Diese Julia darf einfach nicht die Frau an seiner Seite sein, sie darf es einfach nicht. DIESE DRECKIGE SCHLAMPE NICHT!

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Harald Haider).
Der Beitrag wurde von Harald Haider auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Herzgetragen Seelenwarm: Gedichte und Zeichnungen von Edeltrud Wisser



Die Autorin lädt Sie ein, einzutauchen in die Welt der lyrischen Poesie, der Liebe, Gefühle und in die Gedanken über das menschliche Dasein. Sie wünscht ihren Leserinnen und Leser Herzgetragene und Seelenwärmende Augenblicke.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Thriller" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Harald Haider

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

BLUTRACHE - 7.Teil von Harald Haider (Thriller)
Aushilfe in einem Tierheim... von Rüdiger Nazar (Autobiografisches)