Wolfgang Küssner

Kindertag

Im spärlichen Schatten der Kasuarinen, unterschiedlicher Palmen und den großblättrigen Bäumen der Barringtonia asiatica  (besser vielleicht als Topffruchtbaumgewächs bekannt) wurde seit einigen Tagen gearbeitet; diverse Zeltdächer erstellt, um gegen kräftige Sonnenstrahlen zu schützen. Eine große Bühne mit Überdachung wurde errichtet, denn es geht auf Mitte Januar zu, für die Kinder in Thailand heißt das: Kindertag. Schon Wochen vorher wurde von der Stadtverwaltung ein unübersehbares Hinweisschild am Loma-Park angebracht, um auf diesen Festtag der Kurzen aufmerksam zu machen. Wie in früheren Jahren sind es die Behoerden und Schulen, die diesen Kindertag planen und durchführen, rechtzeitig bei den Unternehmen der Stadt nach Sach-Spenden Ausschau halten. Für die Kinder gibt es seit Tagen nur das eine, wichtige, große Thema: Kindertag.

Und dann ist es endlich soweit. Der nationale Kindertag steht an. In gut 150 verschiedenen Staaten wird dieser Tag begangen, um auf die Bedürfnisse der Kinder aufmerksam zu machen. 1920 war die Türkei das erste Land, das den Tag für die Kleinen gleich mit der Staatsgründung einführte. Heute gibt es den Internationalen Kindertag am 1. Juni eines jeden Jahres, den Weltkindertag am 20. September und den Internationalen Tag der Kinderrechte am 20. November und – wie dieses Beispiel zeigt - viele nationale Kindertage. Wobei dieser Tag in Thailand gar nicht so national ausfällt. Da sind zum Beispiel Thura, Myo, Aung, Win, Zaw und Phyu, die mit ihren Eltern aus dem benachbarten Myanmar nach Thailand kamen, weil es in ihrer Heimat keine Arbeit für sie gab. Da sind ein paar Kinder jener Eltern, die aus Europa, den USA, Australien herkommen und gerade hier ihren Urlaub verbringen. Kinder aus Laos und Kambodscha kommen zum Fest und natürlich die vielen, vielen einheimischen Kinder. Es ist ihr Tag: Kindertag.

Das bunte Treiben beginnt gegen 9 Uhr auf dem langgezogenen Gelände zwischen der Beachroad, die richtig Thanon Taweewong heißt, und dem Strand der Bucht an der Andamanensee, mit den vielen knorrigen Schraubenbäumen. Leider wachsen auch am Kindertag keine Schrauben an diesen Bäumen. Das Gelände nennt sich Loma-Park. Loma ist die thailändische Bezeichnung für den Delphin, und so sind die Straßenlaternen mit einem Delphin gekroent, befindet sich am deutlich verjüngten, noerdlichen Ende des Parks ein riesiger Delphin-Brunnen.

Und was gibt es da alles für den verschmitzt lächelnden Bomm und Bee, mit ihren Milchzahnlücken, für den frech dreinblickenden Boy und für Bird mit den so niedlich abstehenden Ohren, für Mai mit den bunten Schleifen im schwarzen Haar und für Ching mit seinen großen, braunen Augen zu sehen, zu entdecken. Da ist der leicht altklug daher redende Bass und A, mit dem Finger in der Nase popelnd die Welt um sich vergessend. Der pummelige Thing greift in der Hoffnung auf eine kräftige Mehlzeit zur warmen Nuckelflasche, während der kleine Kong auf den Armen seiner Mutter ein Nickerchen macht. Die neugierige Sai drängt es zügig von Stand zu Stand und die immer aufgeweckte Nid hofft auf die Glücksnummer in der Lotterie, auf einen großen Gewinn. Dann ist da der irgendwie knuddelige Tak und all die anderen Kinder. Mal etwas frech, mal waghalsig, kreativ, dann ängstlich, schläfrig, mal hippelig, fordernd, mal verträumt, der Welt entrückt. Kindertag.

Die Fantasie der Kleinen wird in Malwebbewerben angeregt; dann gilt es, moeglichst schnell ein Puzzle mit dem Bild des gerade verstorbenen, doch sehr beliebten Koenigs, zu legen; später geht  es auf die große Bühne, um dort zu singen, zu tanzen. Die Reise nach Jerusalem oder auch Rom, anderswo Stuhltanz, Stuhlpolka oder Sesseltanz genannt, erfreut sich hier unter der Bezeichnung „Musikalische Stühle“ großer Beliebheit. Und überall gibt es etwas zu gewinnen, nicht nur an Erfahrung. Da werden die Kleinen zum Dartspiel animiert, die Polizei erlaubt einen Griff zum Gewehr und erste Schießübungen für die Jungs und Mädchen; die Kollegen von der Touristenpolizei verteilen Spielzeug an die Kurzen und das Nonplusultra sind natürlich die bunten und gigantischen Hüpfburgen. Vier stehen in diesem Jahr zur Auswahl. Einige davon mit Rutschen aus mehreren Metern Hoehe. Ist der Aufstieg mit den kurzen Beinchen manchmal gar nicht so ohne, geht das Rutschen problemlos und sekundenschnell, mit einem breiten Lachen über die Bahn. Das bereitet einen riesen Spass.

Auf der großen Bühne führen Tanzgruppen einzelner Schulen ihr Koennen vor. In wunderschoenen, traditionellen Kostümen bieten die Kleinen stolz die überlieferten Thai-Tänze dar und freuen sich riesig üben den Applaus der zuschauenden Eltern und Kinder. Und dann werden wieder an die hundert Jungen und Mädchen auf die Bühne geholt, um an einer Tombola für riesige Teddybären, Rucksäcke, Fahrräder teilzunehmen. Auffallend geduldig reihen sich die Mädchen und Jungen in die sich überall bildenden Warte-schlangen ein. Da gibt es kein Vormogeln, keine Drängelei.

Überall schaut man in große, strahlende Kinderaugen, gleich, ob sie noch auf dem Arm der Mutter Schutz suchen, die ersten Gehversuche gerade hinter sich haben und nun dabei sind, die Welt, diesmal die Kinderwelt, zu entdecken; ob sie gerade die ersten Milchzähne verlieren oder ob es schon etwas abgeklärtere, groeßere Jungen und Mädchen sind. Alle freuen sich des Tages und über irgendeinen kleinen Gewinn: Sei es ein Volleyball, ein Teddy, seien es Malstifte oder andere Schreibutensilien, ein Ball für das thailändische Sepak Takraw-Spiel, ein kleines Spielzeug- Auto oder ein richtig großes Fahrrad. Manchmal gibt es natürlich auch Tränen, wenn die Mama nicht ganz so mitziehen will, wenn die großen Erwartungen, die fantasierten Hoffnungen nicht ganz in Erfüllung gehen, oder wenn die vielen Erlebnisse des Tages einfach nach ein wenig Ruhe, Pause verlangen, eine kleine Abschaltphase bräuchten, um den Adrenalinschub zu drosseln. Doch es sind auffallend wenige Tränen, die da an diesem Tag vergossen werden. Das Verhältnis von Erlebnis zu Erwartung scheint ein recht ausgeglichenes zu sein. Zufriedenheit. Kindertag.

Bei derart vielen koerperlichen Aktivitäten, darf  das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen. Natürlich wurde auch dafür gesorgt. Die Kleinen bekommen Wasser oder diverse Säfte, sie bekommen Apfelsinen und anderes Obst, scharfen Papaya-Salat oder Nudeln mit Ei, würzige Glasnudeln und frittierte Bananen. Und die Jungen und Mädchen müssen keinen Pfennig – sorry, hier müßte es jetzt wohl Baht heißen – dazubezahlen. Alles ist für die Kleinen heute frei. Was es übrigens nicht gibt, sind Süßigkeiten, auch nicht für Geld, nicht einmal für viel Geld.

Nach so vielen Aktivitäten fallen Myo und Aung, Win und Bomm, Tak und Nid, Bass und Bee, Thing und Kong und all die anderen Kinder am Abend dieses ereignisreichen Tages in einen ruhigen Schlaf. Vielleicht klettern sie im Traum ja noch einmal durch die Hüpfburg, stehen sie noch einmal bei den musikalischen Stühlen, oder als Gewinner auf der Bühne. Die Kleinen sind zufrieden mit ihrem Kindertag.

Achtundvierzig Stunden später ist Tag des Lehrers. Die Schulen des Landes bleiben geschlossen. Wovon moegen die Lehrer wohl träumen?

 

Januar 2017

Copyright by Wolfgang Küssner. All Rights Reserved.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Herzgestöber von Andrea Koßmann



In diesem Buch finden Sie eine Zusammenfassung der schönsten Gedichte, Sprüche und Kurzgeschichten von Andrea Koßmann, welche ihrem Lyrik-Motto "Kopfchaos lüften" entsprungen sind.

Bringen Sie etwas Gefühl mit, wenn Sie in Ihre Werke abtauchen und schließen Sie das Buch letztendlich wieder mit noch viel mehr davon.

Worte der Liebe, aus Liebe geboren, für jedermann.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Leben mit Kindern" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Profilachse gegen Amateurheringe von Wolfgang Küssner (Humor)
… das Schlüssel-Syndrom von Egbert Schmitt (Leben mit Kindern)
Pilgerweg V. von Rüdiger Nazar (Abenteuer)