Christina Gerlach-Schweitzer

Gutes Lämmchen, böser Wolf

Das Lämmchen verstand es nicht: Nacht sei die Abwesenheit von Tag, Dunkel das Fehlen von Helligkeit, hoch sei das Fehlen von  niedrig, leise wäre das, das nicht laut ist. Warum nur hatte sich der Schöpfer der Welt nicht damit begnügt nur eine Seite der Welt zu schaffen, nur Helles oder nur Hohes oder  nur Leises?  „Vielleicht“, dachte es bei sich, kann man  sich ohne eine vollkommene Nacht keinen vollkommenen Tag vorstellen?“ Aber ein Vollkommenes, kann doch gar nicht vollkommen sein, wenn man ein anderes Vollkommenes braucht  um das Vollkommene des Vollkommenen erkennbar zu machen. Wie können  zwei einzelne Vollkommenheiten, wie der Tag und die Nacht, oder das Große und das Kleine, so voneinander abhängig und doch so voneinander abgeteilt  sein. Warum sammeln sich nicht Nacht und Dunkel, Fehlen und Niedrig auf der einen Seite der Welt und auf der anderen Seite der Tag und das Helle, das Leise und das Hohe? Und es blökte zart, hilflos und unsicher.

Im Gras versteckt, hörte der Wolf wie das Lämmchen seine Überlegungen vor sich hin murmelte. “Gute gedacht, Lämmchen“, sprach er das Lamm an und es erschrak heftig über die tiefe, dunkle Stimme des Wolfes.“ Gäbe es nicht solche Angsthasen wie dich, Lämmchen, dann würde kein Mensch mich  fürchten. Weil die Tiere dich so lieben und mich mit dir vergleichen, fürchten sie mich. Wenn ich auf einem Planeten wohnen würde, wo es nur  böse Wölfe gäbe, dann würde dort die Sehnsucht nach dem Guten aufhören zu existieren und auch die Liebe.“

Das Lamm hatte  dem Wolf zitternd  zu gehört. Jetzt würde der böse Wolf das  gute Lämmchen fressen, so wie es schon immer gewesen war. Doch der  Wolf beschloss  das Lämmchen  nicht zu fressen. Irgendwie fühlte er sich heute nicht böse genug. So wurde, mit Hilfe  des unvollkommen bösen Wolfes, aus dem Lämmchen  ein vollkommen  glückliches Lamm.

 

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