Hans K. Reiter

Wahljahr - skurril, aber (vielleicht) doch wahr -

Nennen Sie mich einfach Ix, sagte der Mann, schmiss seinen massigen Körper in einen der bequem anmutenden Sessel und grinste sein Gegenüber unverhohlen an. Ix, sagte dieser, ist ja nicht gerade originell, nicht wahr? Warum nicht 007? Ist schon belegt, sagte der Mann und grinste noch breiter.

Verrückt, dachte der Parteisekretär, warum musste ausgerechnet er sich mit Typen wie diesem einlassen? Sie sind nun mal der Wahlkampfmanager, hatte der Parteivorsitzende gesagt und keinen Zweifel daran gelassen, dass er ganze Arbeit erwarte und vor allem Wahlergebnisse jenseits der Zahl 48. Achtundvierzig plus, hatte er noch angefügt, unser Motto, mein Lieber!

Die absolute Mehrheit – koste es was es wolle – darum ging es und nur darum. Ein Scheitern hätte das Aus seiner politischen Karriere bedeutet. Alleine schon deshalb durfte ein solch verheerender Gedanke noch nicht einmal im Ansatz Platz greifen.

Also, dann hören Sie genau zu, Herr Ix, sagte der umtriebige Passauer Sekretär und erläuterte seinen Plan. Die Parteizentrale in der Nymphenburger Straße bot das richtige Ambiente für dieses Treffen und er war stolz, ein Teil des Apparates zu sein.

Fast zur gleichen Zeit sassen sich in einem mitten im Wald gelegenen, altehrwürdigen Gasthaus am Rande Münchens eine Frau und zwei Männer gegenüber. Einer der Männer, der Mundart nach zweifellos Schweizer, erläuterte in knappen Worten, wie sie seiner Meinung nach vorzugehen hätten. Der zweite der Männer nickte mehrmals bedächtig während die Frau, ein spöttisches Grinsen um die Mundwinkel, wie es schien, aufmerksam zuhörte. Den Schweizer hatte man im Fernsehen bisher wenig, vielleicht sogar niemals, zu Gesicht bekommen, die anderen beiden Herrschaften dagegen schon. Sie waren ständig präsente Figuren auf der Scheibe.

Die Frau mit dem spöttischen Grinsen stellte noch ein paar Fragen und meinte dann: Ich mische mich da nicht ein. Wenn Sie es für richtig halten, machen Sie es. Der Nichtschweizer nickte und meinte lakonisch: Okay, dann machen wir es so! Später hätte man den Mann in einem schweren Wagen mit Stuttgarter Kennzeichen beobachten können, als er vom Gasthaus kommend zügig nach rechts auf die Straße nach Grünwald einbog.

Wahlen kosten viel, bringen aber auch viel Geld ein. Genauer gesagt ist es der Wahlkampf, die Werbung der Parteien, die das Geld verschlingen. Die Anzahl der gewonnenen Stimmen bei Landtags-, Bundestags- und Europawahlen dagegen spülen Millionenbeträge an staatlichen Zuschüssen in die Kassen der Parteien. Stiftungen und dubiose Interessengemeinschaften machen sich die Sache von Parteien zu eigen und werben unverhohlen für deren Interessen. Welcher Art Verflechtungen hierbei entstehen, bleibt der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Staatsanwälte könnten sich dafür interessieren, tun es aber nicht. Wie jemand aus dem Justizapparat hierzu kürzlich bemerkte, seien die maßgeblichen Gesetze und Vorschriften zu löchrig als dass sie geeignet wären, diesen Filz tatsächlich wirkungsvoll unterbinden zu können.

In Grünwald, dem schicken Vorort Münchens mit den nicht einsehbaren, von Mauern und dichten Hecken umgebenen Villen, in denen Leute mit Geld, bekannte Fussballspieler und solche, die gerne dazu gehören wollten, lebten, steuerte der Mann mit dem Stuttgarter Kennzeichen eine dieser Villen an. Wie von Geisterhand öffnete sich ein schweres Tor, das den Wagen verschluckte und die Zufahrt augenblicklich wieder verschloss, kaum, dass das Heck des Wagens die Schwelle zum Anwesen passiert hatte.

Der Parteisekretär, als sehr rege und eloquent beschrieben und in der Öffentlichkeit als Poltergeist bekannt, war für Herrn Ix eine Nummer zu klein. Seine Fähigkeiten waren, wie man auch zahlreichen seiner öffentlichen Äußerungen entnehmen konnte, durchaus limitiert. Er gab sich zwar staatsmännisch, durchschaute aber in keiner Weise die von Herrn Ix offerierten Dienste. Herr Ix wäre nun nicht Herr Ix gewesen, wenn er dies nicht sofort durchschaut hätte. Im Prinzip war es ohnehin egal, was der Sekretär sagte oder glaubte, mit ihm vereinbart zu haben, denn die Linie war zwischen ihm und einem führenden Kopf der Partei längst abgestimmt und beschlossen. Offiziell läuft die Sache über den Sekretär, hatte dieser Mann gesagt und weiter: Lassen wir ihn in dem Glauben, er sei wichtig. Sollte etwas schiefgehen, wird er es ausbaden müssen, so sind die Regeln!

Der Schweizer Herr aus dem Gasthof im Wald nickte seiner Sekretärin zu, nahm den Espresso entgegen, und bemerkte beiläufig, sie möge ihm fünf Minuten Spanne verschaffen, wenn alle anwesend wären. Sekunden später war er am Telefon und hörte aufmerksam zu, ohne ein einziges Wort zu sprechen, was ihm sein Mann aus München berichtete. Erst am Ende des Gespräches sagte er kurz und trocken: Passt, gut gemacht!

Sie wissen, ich unterstütze Sie und Ihre Partei. Sorgen Sie aber bitte dafür, dass es so bleibt, wie es ist. Wenn auch nur das Geringste an die Öffentlichkeit dringt, werde ich zwar nichts dazu sagen, rein gar nichts, ich kenne Sie nicht einmal, Ihnen aber meine Anwälte auf den Hals hetzen, dass Sie wünschten, nie geboren worden zu sein. Haben wir uns verstanden? Der Mann aus Stuttgart nickte. Keine Sorge, wir arbeiten mit einem Profi aus Zürich, der dieses Metier beherrscht wie kein zweiter. Die nächste halbe Stunde erläuterte er, was er damit konkret meinte.

Im obersten Stockwerk eines eleganten Hauses in der Innenstadt Zürichs waren mittlerweile die geladenen Teilnehmer eingetroffen. Man hätte annehmen können, Sie seien allesamt Experten aus dem Verlagswesen, denn eine Tafel an dem über einige Stufen erreichbaren Eingang im Hochparterre kündete von einem Verlag für historische und zeitgenössische Publikationen. Zugang fand nur, wer angemeldet war.

Grüezi zusammen, sagte der Mann zur Begrüßung, nachdem er die Anwesenden exakt fünf Minuten hatte warten lassen. Wir haben zwei diffizile Aufträge erhalten. Der eine kommt von der großen Partei aus München, der andere von dieser neuen, rechtsgerichteten Partei, die im Aufwind ist und im nächsten Deutschen Bundestag vertreten sein will. Was haben wir zu tun?  Als erstes gründen wir eine Interessengemeinschaft, deren einziger Zweck es ist, diese Rechtspartei in Deutschland salonfähiger zu machen. Dazu wird die Interessengemeinschaft die Medien und das Internet mit Anzeigen, Textbeiträgen und Berichten überschwemmen, die der Öffentlichkeit deutlich machen werden, wie die Flüchtlingsströme das deutsche Rechtssystem unterwandern, den Terrorismus fördern und, ganz wichtig, die eigene Bevölkerung nach und nach von allen Sozialleistung abschneiden. Ein Team von Spezialisten wird hierzu aktuelle Nachrichten scannen, Inhalte in Nuancen geschickt verändern und der Öffentlichkeit dann als gut recherchierte „echte“ Wahrheit verkaufen. Wer etwas anderes berichtet, wird als Lügenpresse denunziert. Die benötigten Mittel werden dieser neuen Interessengemeinschaft aus unterschiedlichen Quellen zufließen, die teils aus anderen Interessengemeinschaften oder Vereinen, aber auch von Privatpersonen oder Unternehmen herrühren. Stellen Sie sich ein Netzwerk vor, das wir zu diesem Zweck aufbauen, beziehungsweise aus bereits vorhandenen Strukturen speisen. Juristisch wird selbstverständlich alles so wasserdicht sein, dass Gesetze und Vorschriften weder in Deutschland noch in der Schweiz verletzt werden. Niemand wird eine Verbindung zwischen uns, der neuen Interessengemeinschaft und der unterstützten Partei feststellen können. Alles paletti und legal!

Und wo ist die Verbindung nach München?, fragte einer der Herren aus der Runde.

Der Plan ist einfachbenötigt aber bei der Ausführung Geschick und Fingerspitzengefühl, erläuterte der Gastgeber. Was wir für die eine Partei tun, werden wir der anderen Partei als Information zur Verfügung stellen.  Die große Partei aus München wird dadurch in die Lage versetzt, wann immer sie wollen, den politischen Gegner öffentlich zu diskreditieren. Dies ist unser primärer Auftrag aus München, meine Herren: Zerstören der neuen rechten Gruppierung durch Indiskretion und Diskreditierung. Im Übrigen, so erläuterte er noch kurz, sei es im Interesse der Münchner Auftraggeber, das rechte Gesäusel und Gezerre immer wieder mit neuer Nahrung zu versorgen, weil, so deren Kalkül, das rechte Wählerpotenzial sich zunehmend der Partei aus München zuwenden werde, wenn die Newcomer-Partei durch unsere Arbeit für die rechten Wähler und  die Protestwähler immer weniger attraktive wirkt.

Weder der Parteisekretär noch der Besucher der schönen Villa in Grünwald, noch die Frau mit dem spöttischen Zug in den Mundwinkeln hatten auch nur einen Schimmer dieser Zusammenhänge. Die Fäden spann der Mann aus Zürich. Einen Fehler durfte er sich dabei nicht erlauben, zu hoch wäre der Preis dafür gewesen. Inwieweit der Ministerpräsident von den geheimen Vereinbarungen eines seiner engsten Vertrauten mit Zürich wusste, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Vielleicht nach den Wahlen, wer weiß…?

Übrigens, so wurde berichtet, sei der Ministerpräsident nebst Gattin kürzlich bei einem privaten Empfang in der schon erwähnten Villa in Grünwald gesehen worden.

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