Heinz-Walter Hoetter

Ungebetener Besucher in der Nacht

Als die kleine Angelika am Sonntag morgen aufwachte und sich noch ganz verschlafen in ihrem Kinderzimmer umschaute, war irgendwas anders als sonst. Sie hatte das komische Gefühl, das was nicht stimmte, nur was, das konnte sie nicht sagen.

Gegenüber von ihrem Bett stand ein Regal mit vielen Stofftierchen, die sie selbst dort aufgereiht hatte.

Moment mal!

Gestern abend saßen die doch noch ganz anders.

Angelika wurde stutzig. Sie rieb sich die Augen und schaute nochmals auf die Reihe der Stofftiere. Irgend jemand muss sie verrückt oder von dort oben herunter gestoßen haben.

Doch wer?

Angelika verließ das Bett und ging zu dem Regal hinüber.

"Heh!" kam es ihr ungewollt über die Lippen, "da liegen ja richtig viele Papierschnitzel vor meinem Bett. Das habe ich aber nicht gemacht", sagte sie laut zu sich selbst.

Schnell zog sie sich an, ging ins Badezimmer, putzte sich die Zähne und machte sich frisch für den Tag. Das konnte sie schon perfekt. Immerhin war sie mittlerweile fast sechs Jahre alt. Dann rannte sie nach unten in die Küche.

"Schön, dass du schon aufgestanden bist, Angelika. Ich wollte dich gerade wach machen. Das Frühstück ist schon fertig. Setz dich an den Tisch!"

Angelika nahm Platz. Dann schaute sie ihre Mutter an.

"Du Mutti, ich glaube, jemand war gestern in meinem Zimmer. Hast du etwas bemerkt?"

"Was meinst du damit?" fragte ihre Mutter erstaunt.

"Ich weiß nicht so genau", antwortete Angelika. "Aber jemand muss meine Stofftiere verstellt haben. Einige sind sogar runter gefallen. Außerdem liegen vor meinem Bett ein ganze Menge Papierschnitzel, die ich da nicht hingeworfen habe."

Die Mutter meinte, dass sie nichts gehört und auch nichts gesehen habe. Sie hätte zudem sehr gut geschlafen. Aber vielleicht wüsste ja Papa etwas darüber.

Als Angelikas Papa am Frühstückstisch saß, fragte sie ihn sofort, ob er in der Nacht vielleicht außergewöhnliche Geräusche gehört hätte, da sich ja das Elternschlafzimmer direkt neben ihrem Kinderzimmer befindet.

"Nein", antwortete der Vater und schaute seine kleine Tochter dabei etwas forschend an, "eigentlich habe ich auch nichts gehört. Nach einer kurzen Denkpause sagte er aber plötzlich: "Doch! Da war so ein komisches Geräusch, das mich mal geweckt hat. Es hörte sich an, als wäre jemand in deinem Zimmer hin und her getrappelt. Komisch, ich dachte zuerst, dass es Maja war. Aber die Katze hat die ganze Nacht in unserem Schlafzimmer unten vor dem Bett auf dem Teppich geschlafen. Sie kann es also nicht gewesen sein. Als es wieder ruhig war, bin ich eingeschlafen. "

Nach dem Frühstück ging Angelika wieder auf ihr Zimmer zurück. Sie hatte so ein mulmiges Gefühl im Bauch. Plötzlich bemerkte sie etwas, dass blitzschnell hinter dem Regal hervor huschte und in Richtung Fenster lief, das sie erst vorhin geschlossen hatte.

Was das wohl war?

Vor lauter Schreck lief sie wieder raus, machte die Tür hinter sich zu und rief ganz laut: "Papa, in meinem Zimmer läuft etwas herum. Komm' bitte rauf und sieh mal nach! Ich weiß nicht, was es ist."

Ihr Vater war auch sofort zur Stelle und schaute ganz vorsichtig in Angelikas Kinderzimmer.

Und da sah er es am Fenster sitzen. Ein Eichhörnchen!

"Wir haben ein Eichhörnchen im Haus!" rief er durchs ganze Haus. Das habe ich gestern schon gesehen, wie es an unserer Mauer mit dem wilden Wein hochgeklettert ist. Irgendwie muss es dann in Angelikas Zimmer rein gekommen sein, obwohl das Fenster nur leicht gekippt war."

"Jetzt weiß ich auch, wer meine Stofftiere aus dem Regal gestoßen hat. Das Eichhörnchen hat auch einige Seiten aus meinem Schreibblock zu Papierschnitzel zerbissen. Es ist die ganze Nacht in meinem Zimmer gewesen und ist da herum gelaufen", sagte Angelika zu ihrem Vater. Sie fand den Gedanken, ein Eichhörnchen in ihrem Zimmer zu haben, auf einmal doch irrsinnig aufregend.

Als ihre Mutter raufkam, sagte sie zu Angelika: "So ein Eichhörnchen ist kein Kuscheltier. Es ist die Freiheit gewohnt. Vater wird deshalb gleich das Fenster deines Zimmers öffnen, damit es wieder ungehindert nach draußen kann. Ich denke, es hat deine Nüsse gerochen, die oben auf dem Regal in einer Holzschale liegen. Es hat sich zwar durch den schmalen Spalt des gekippten Fensters nach innen in dein Zimmer zwängen können, kam aber nicht wieder hinaus. Anscheinend ist dem kleinen Kerlchen nichts passiert. Es sieht ziemlich munter aus. Naja, vor so einem Tierchen brauchst du aber keine Angst haben. Das sind ehr scheue Gesellen, doch fressen sie einem auch aus der Hand, wenn man ihr Vertrauen gewonnen hat."

Kurz darauf öffnete ihr Vater vorsichtig das Kinderzimmerfenster, damit das Eichhörnchen wieder nach draußen konnte, das sich jetzt etwas ängstlich ganz oben hinter der Gardine versteckt hatte. Dann schlich Angelikas Vater leise aus dem Zimmer und machte hinter sich die Tür zu. Danach gingen alle drei aus dem Haus nach draußen in den Garten, um zu sehen, wann das Eichhörnchen kommen würde.

Und wirklich! Etwas später huschte das putzige Tierchen durchs Fenster hinaus ins Freie, kletterte kopfüber am wilden Wein runter bis auf den Boden und lief wie der geölte Blitz in ein nah gelegenes Tannenwäldchen.

Alle drei mussten laut lachen, weil ja so eine seltsame Sache nicht alle Tage passierte.

Angelika aber holte später die Schale mit den Nüssen aus ihrem Zimmer und stellte sie nach draußen auf das breite Fensterbrett, damit das Eichhörnchen sie beim nächsten Besuch mitnehmen konnte.

Das Fenster blieb allerdings erst einmal auf unbestimmte Zeit zu.


 

ENDE

(c)Heiwahoe


 


 


 


 


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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