Horst Lux

Der Oberleitnerhof

Bei meiner Wanderung in den Bergen hatte ich mich ohne mein Dazutun verspätet, das plötzliche Gewitter überraschte mich mit einer unbändigen Kraft. Ich konnte mich gerade noch unter einen Felsüberstand flüchten. Der bot mir zwar etwas Schutz, konnte mich aber vor den Regengüssen, die wie ein Wasserfall auf mich herniederprasselten, kaum bewahren. So war dann dieses Gewitter am späten Abend über mich hereingebrochen wie ein Ereignis der Urwelt.

Als dann endlich der Himmel heller wurde, waren fern im Westen Reste der Wolkensegmente hinter den Gipfeln sichtbar, übriggeblieben von diesem Gewitter, das mich so unerwartet überrascht hatte.
Inzwischen war aber die Nacht schon hereingebrochen. In der Dunkelheit machte ich mich auf den Weg ins Tal, liess mich dabei teilweise von dem Seil einer Lastenseilbahn leiten. Es war ein mühsamer Abstieg auf diesem steinigen Wege. Ausserdem war ich noch ziemlich geschockt von diesem lang andauernden Gewittersturm.
Plötzlich und unerwartet sah ich vor mir ein matt erleuchtetes Fenster! Verborgen zwischen Zinnen aus Dolomitgestein und grünen Matten der Alm, lag vor mir ein BerghofEin verwittertes hölzernes Schild mit einer kaum noch lesbaren Aufschrift: Oberleitnerhof.
Hier war anscheinend die Ruhe zu Hause, die Stille vom Alltag des Lebens zwischen den grauen Bergriesen, denen die Menschen hier seit uralten Zeiten ihr Leben abgerungen haben, täglich aufs Neue. Und dennoch leuchtete aus diesem Fenster ein Stückchen Frieden, ich spürte einen Hauch von Zufriedenheit, die Hetze der Großstadt hatte hier noch keinen Einzug gehalten.
Auf mein zaghaftes Klopfen öffnete sich an der Seite des Hauses eine schwere eichene Tür. Misstrauisch schaute das faltige Gesicht eines alten Mannes in die Finsternis hinaus.»Joa?«Ich erklärte ihm mit leiser Stimme meine Lage nach diesem Gewitter und bat ihn um einen trockenen Platz für den Rest der Nacht. Wortlos öffnete er die Tür weit und zeigte dabei mit einem Daumen in das Innere des Hauses. Dann rief er laut: »Hannes!«
Wie auf Befehl stand dann noch ein alter Herr vor mir, dem ersten wie aus dem Gesicht geschnitten, nur einige Jahre jünger. Bekleidet waren die Alten mit Cordhosen, die auch schon bessere Tage gesehen hatten, rotgewürfelten Hemden und den unvermeidlichen blauen Tiroler Schürzen, wie sie fast jeder alte Einwohner der Dörfer trug.
Meine anfängliche Unsicherheit legte sich bald, und nachdem sie mich dann mit Brot und Speck bewirtet hatten, dem dann noch ein Viertel Gewürztraminer folgte, waren wir uns schon bedeutend nähergekommen. Ich hatte das Gefühl, die Beiden hatten Nachholbedarf an Erzählungen, so saßen wir noch bis weit in die Nacht hinein und teilten unsere Erlebnisse. Wobei der Großteil davon auf ihr Konto ging und ich voller Interesse gespannt zuhörte.


Die Familie Oberleitner lebt hier schon seit vielen Jahrhunderten, ganz genau wussten sie es auch nicht mehr. Nach uralten Unterlagen aber existierte der Oberleitnerhof jedenfalls schon im 14. Jahrhundert, als Gräfin Margarethe von Maultasch Landesherrin von Südtirol war und später dem Habsburger König Rudolf IV. das Land übergab.
Sie waren zu keiner Zeit reich, die Oberleitner-Familien. Aber sie konnten mit dem Ertrag ihres Hofes einigermaßen leben. Da sie nun stets mit vielen Kindern gesegnet wurden, zehn bis vierzehn Kinder waren keine Seltenheit, waren stets genug Arbeitskräfte auf dem Hof vorhanden.
Wie es nun aber in alten Zeiten stets an der Tagesordnung war, zahlten auch sie ihren Blutzoll an die jeweils Herrschenden im Lande. Jeder Krieg musste von ihnen, den Bauern und Unfreien des Landes getragen werden und je nach Ausgang des Krieges, wurden sie dann später durch Lehen vom Kaiser mit neuen Ländereien belohnt, im anderen Falle verloren sie wieder alles, oft auch ihr Leben. So manch einer der Bauern musste dann seine Scholle verlassen und verdingte sich bei anderen, die mehr Glück hatten.

Das Leben auf dem Berghof war nie leicht. Manches Mädchen, das dort einheiratete, glaubte am Anfang an das Paradies, wurde aber binnen kurzer Zeit eines Besseren belehrt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde die Arbeit nicht weniger. Selbst bei Krankheiten, die gottlob nur selten auftraten, wurde bis zur Selbstaufgabe weiter gearbeitet, weil man ja sonst den übrigen Familienmitgliedern mehr aufbürden musste.
Dieses harte Leben hatte die Oberleitnerfamilie auch stolz gemacht, auf ihre Leistung, auf ihre uralte Vergangenheit. Stolz aber kann auch unduldsam machen. Diese Intoleranz war dann auch der Grund, dass heute beide Alten völlig allein leben. Die beiden Brüder im hohen Alter von 82 und 84 Jahren sind übrig geblieben von der Familienreihe ihrer Familien.
Zwei alte Männer, die nie geheiratet hatten, »weil es sich nie ergab«, wie sie mir erzählten. Ich erfuhr aber auch nebenbei, dass es nie jemand lange auf dem Hof ausgehalten hatte, weder Weiblein noch Männlein. Dazu waren die Oberleitners stets zu selbstbewusst und herrisch in ihrem Auftreten. Sie ließen halt niemand neben sich gelten.
Walburga Zehntner beispielsweise hatte noch eine Woche vor ihrer geplanten Trauung mit Frieder alles hingeworfen und fluchtartig den Hof verlassen. So waren die beiden nach dem Tod ihrer Eltern allein geblieben.
»Wir brauchen keinen Menschen«, meinte Jonas, »wir sind uns selbst genug
Er sagte es mit einer Bestimmtheit, dass ich es eigentlich glauben musste. Und dennoch war mir nicht so ganz wohl bei dieser Aussage. Es sprach doch ein großer Rest von Einsamkeit aus ihren Worten, die sie vergeblich versuchten, vor mir zu verstecken.
Es war ja auch immer gut gegangen, bis in die Gegenwart, jedenfalls nach außen hin. Heute haben die beiden Brüder genug damit zu tun, ihre beiden Kühe und ein paar Ziegen zu versorgen, die ihnen noch geblieben sind, dann im Sommer an den steilen Hängen der Alm das gehaltvolle Gras mit den Wildkräutern zu Heu zu verarbeiten. Käse und Butter stellen sie noch in eigener Produktion her und beliefern damit den Krämer. Alles Übrige lassen sie sich mit dem Lastenaufzug aus dem Tal heraufschicken. Elektrizität haben sie aber schon seit dem letzten Krieg erhalten, die Kosten für den Leitungsbau dafür mussten sie aber auch damals selbst tragen.
Sie leben also in ihrer Abgeschiedenheit zwar ärmlich, aber dennoch autark und selbstbewusst ihren Lebensabend hoch droben in den Bergen auf ihrem Oberleitnerhof. Auf der Höhe von 1200 Metern sind sie im Winterhalbjahr fast vollständig abgeschnitten von der Umwelt.
Wie lange das noch so bleiben kann? 
Frieder meinte: »Irgendwann bleibt noch einer übrig, bis auch der seinen letzten Weg gehen wird. Erben haben wir nicht, was dann hier oben passiert, weiss allein unser Herrgott. Und der wirds schon richten!«
Ich schlief den Rest der Nacht im alten Zimmer ihrer Eltern, und ich schlief so gut wie lange nicht mehr auf einem frisch gestopften Strohsack!
Am Morgen klopfte Frieder an die Stubentür. Mit einer Tabakpfeife im Mundwinkel schaute er mich dann verschmitzt an und meinte, dass ich mich draussen am Wassertrog frisch machen könne.
Das rustikale Frühstück musste man mir nicht lange aufdrängen, und den Tiroler Räucherspeck esse ich seitdem heute noch gern, auch wenn er nicht so gut schmeckt, wie damals auf dem Oberleitnerhof!
Der Abschied war für mich unerklärlicherweise sehr sentimental. Wir wussten, dass wir uns niemals wiedersehen würden. Aber es war ein wundervolles Erlebnis, das ich in meiner Erinnerung gespeichert habe. Seit dieser Begegnung weiß ich, dass es mehr gibt auf unserer Welt, als die Jagd nach immer mehr Geld und Macht!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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