Peter Kröger

Frankfurt. Eine Irreführung.

 

Kapitel 1

Diener Grenner

 

Zurück in Berlin nach einem Jahr denke ich an Frankfurt und warte.

Irgendwo im Haus schnappt ein Türschloss, ganz in der Nähe, vielleicht im Nebenzimmer, ein Türschnappgeräusch, sofort denke ich, so müssen Türschlösser schnappen, dumpf, satt, entschieden, sofort vergesse ich Frankfurt, das brodelnde Frankfurt, das stille Frankfurt, den Brocken, die Fluchtburg, ich notiere auf ein vergessenes, verstaubtes Blatt Papier die Worte ein Türschloss ist ein Türschloss ist ein Türschloss aber Schnappen ist nicht gleich Schnappen und freue mich über diesen Gedanken wie über Schnee am Branitzer Platz. Wenn es schepperte, klapperte, ich müsste augenblicklich mein Arbeitszimmer verlassen, in dem ich mich befinde und das nicht mehr mein Arbeitszimmer ist und vielleicht nie ein richtiges, ein unangefochtenes Arbeitszimmer war, wie ich glaube, und nach dem Rechten sehen. So aber erübrigt sich ein sogenannter Kontrollgang durch das Haus, Kühn würde an meiner Stelle aufstehen und das Haus inspizieren, er würde im Flur oder im Nebenzimmer den ältlichen Diener, den brandneuen ältlichen Diener, einen Berliner Bekannten von Gerken, Concierge-Gerken, Kabuff-im-Teuerhaus-Gerken, mit den Einkäufen, dem Notwendigsten, wie ich denke, entdecken, den eben erst halbtags angestellten und sich quasi noch am Anfang der Probezeit befindlichen Diener, und zu seinem, also Kühns, Schreibtisch zurückkehren, um in aller Seelenruhe fortzufahren, eine Wohnung in guter Lage zu verkaufen oder Geschäftsräume an aussichtsreichem Orte zu vermieten. Kühn würde jederzeit den Überblick behalten und wäre daher jederzeit in der Lage, mit seiner Arbeit fortzufahren. Aber mich, denke ich, interessiert jetzt vor allem das Schnappen als Schnappen, die Frequenz des Schnappgeräusches, schnapp und plopp, und Kühn ist in Frankfurt, wo er hingehört, und der Halbtags-Diener, wie ich ihn nenne, wohnhaft noch Charlottenburg-Nord ist jetzt seit drei Tagen mein häuslicher Mittelsmann, Mittler zwischen Welt und Verwesung, Gerkens persönlicher Abgesandter, der ein Menü zaubert und mit Ausnahme des Arbeitszimmers den Staub vertreibt, ich habe den Diener angestellt, aber wie lange es gehen wird, habe ich ihm gesagt, keine Ahnung, wir müssen abwarten, vielleicht packe ich gar nicht richtig aus, lieber Herr Grenner, aber machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Ihre Dienste jederzeit, auch während meiner Abwesenheit, zu schätzen wissen, seien sie unbesorgt, und der Diener antwortet vor nunmehr drei Tagen, Herr Doktor, ich erwarte Ihre Anweisungen, und ich sage lieber Herr Grenner, nicht so streng, und der Diener sagt, Herr Doktor, manche Menschen brauchen Strenge wie die Luft zum Atmen. Aber auch Luft, sage ich, aber auch Strenge, sagt er, und ich drehe mich um und gehe ins ehemalige Arbeitszimmer zur Chaiselongue und vergesse den Diener und denke an Frankfurt.

Seit drei Tagen bin ich hier, seit drei Tagen erledigt der Diener mit fester Hand die anfallenden Hausarbeiten, ein Diener mit exzellenten Kochkenntnissen und einem klaren Ordnungssinn, noch nie habe ich einen Diener gehabt, Gerken kennt ihn von früher aus Frankfurt , wie man Menschen von früher kennt, noch von Frankfurt aus habe ich durch Gerken beim Diener anfragen lassen, und da die Türen auch bei Gerkens Kabuff schnappen wie sie schnappen, und der Diener durch das Haus schreitet wie ein strenges Faktotum schreiten muss, wird er angestellt bleiben, auch wenn ich nach Rom gehen sollte oder nach Stade, wie sich das anhört, Rom oder Stade, von nun an jedenfalls wacht der alte Diener aus Charlottenburg-Nord für gutes Geld über das Haus am Branitzer Platz, so ist es gut, und vielleicht bleibe ich ja auch, man weiß nie, nie können wir einer Sache ganz sicher sein, sagte Ute an unserem ersten Tag in Frankfurt vor elf Monaten, weil sie etwas sagen wollte, das keine Vorentscheidung war. Ein Tag genügte, und ich war meiner Sache bei Ute sicher, mehr noch, ganz anders als Kühn, der mein Freund war vor Urzeiten und wieder mein Freund wurde in Frankfurt, war Ute mir, wie ich ihr gleich am zweiten Tag gestand, umgehend urvertraut, sie lachte, sie belächelte mich, aber ich wiederholte die Worte umgehend urvertraut, plötzlich Ihre zögernde Hand ergreifend, ihre schöne Hand, die mit meiner rissigen Löwenpranke einen kurzen Moment lang eine feste Einheit bildete, bis Ute sagte, wer soll das sein, Breitner, Joachim, nie gehört.

Nie gehört. Seit nunmehr drei Tagen bin ich hier und warte. Ich schleiche um den Schreibtisch, der wie ein alter Behördenschreibtisch aussieht, bleibe stehen und schaue mich um. Ich sehe Staub, den Dreck eines Jahres auf der gelblich-hölzernen Tischplatte, auf einmal sitze ich am Fenster und zähle die Menschen, die über den Branitzer Platz gehen, einige kenne ich vom Sehen, Nachbarn zur Linken, zur Rechten und über den Platz, vor einigen Jahren habe ich das Manuskript Ritualmord. Eine Einführung, fertiggestellt, mein zweites und letztes soziologische Werk, geschrieben mit Blick auf den stillen Branitzer Platz und nie veröffentlicht, hier liegt das Manuskript, die gelblich-hölzerne Tischplatte trägt es stolz, dreihunderteinundzwanzig Seiten zum Nachzählen, neben meiner unauffindbaren Doktorarbeit Die Erwartung der Nation in der Soziologie sozusagen mein wissenschaftliches Vermächtnis, weil ich nur noch spazieren gehen und denken und reisen wollte, während es weitergeht und weitergehen muss mit Wissenschaft und guten Worten, unglaublichen Worten, wie Ute, die Buchverliebte, in Frankfurt einmal sagte, es geht weiter und weiter, und von dir Joachim, sagte sie, habe ich nie auch nur das kleinste Sterbenswörtchen vernommen, Doktor Breitner, was geschah in all den Jahren, spottete sie, du bist ein Schlawiner, ein Ritualmörder, ein Erbe, ein Lebemann und nun kenne ich ihn, ich werde verrückt, vorher Breitner, nie gehört, jetzt Breitner, neben mir. In Berlin reifen solche Geschichten, das muss ich einräumen, aber in Frankfurt werden sie bekannt. So sprach sie, und ich hörte es gern.

Bis zum heutigen Tage genieße ich es, durch das elterliche Erbe über eine Menge Geld zu verfügen, mehr als Kühn hat, der als reich gelten kann, soviel Geld, dass ich nur selten über Geld nachdenke und es als langweilig empfinde, mir über das Wesen des Geldes Gedanken zu machen und lieber Menschen betrachte, denen Geld auf die Sprünge hilft und die aus Geldgründen etwas tun oder unterlassen, sich aufblasen oder verkriechen für Geld, irgendwann vielleicht zum ersehnten Batzen Geld kommen und schließlich am Geld scheitern, so wie Eisbären an übergroßer Erwärmung der Umgebung scheitern. Im Geld steckt nichts, außer die Freiheit, nicht an Geld denken zu müssen, Geld befreit von Geld, könnte man sagen, denke ich. Kühn hat mich aus Höflichkeit einen originellen Denker genannt, der ich nicht bin, reich aber sozusagen amonetär, als Denker nicht existent, vom Ritualmord vielleicht abgesehen, bei dem mir die allerverrücktesten Gedanken gekommen sind, dem Gegenstand entsprechend. Mit Leichtigkeit hätte ich einen kränkelnden Fachverlag mit einer kräftigen Kapitalspritze zu einer Veröffentlichung bewegen können, aber ich habe nicht die Kraft zu einem derartigen Vorgehen. Mir gemäßer hingegen war vor der Gedanke eine Visitenkarte mit der dezenten Aufschrift Dr. Joachim Breitner, Privatgelehrter, drucken zu lassen, ohne jeden weiteren Zusatz, worüber Ute in Frankfurt so herzlich gelacht hat, dass sie am Schaumainkai durch Unachtsamkeit fast in ein Auto gelaufen wäre.

Vor reichlich vierzehn Monaten bin ich zu meiner alljährlichen Europarundfahrt aufgebrochen und habe wie immer die Städte Hamburg, London, Paris, Rom sowie die Insel Capri bereist und bin schließlich außerplanmäßig und völlig gegen meine Gewohnheit in Frankfurt gestrandet. Wohl gab es im Rahmen dieser Reisen vereinzelte Aufenthalte in anderen Orten, aber sie waren immer geplant und vorbereitet und sollten mir außer der Reihe ein wenig zusätzliche Zerstreuung verschaffen, doch mit Frankfurt gelang mir das Kunststück, mich vollkommen selbst zu überraschen. Jedes Jahr ist Hamburg die Stadt, der ich den größten Respekt entgegenbringe, es folgen London und Rom, während ich die Stadt Paris verabscheue und nur gewissermaßen aus schlechter Gewohnheit bereise und mich bereits auf den Golf von Neapel und einen exzessiven Leseaufenthalt auf Capri freue. Paris ist eine Sumpfblüte, die ihre Existenz lediglich der Langeweile und der gespielten Geschäftigkeit ihrer Bewohner verdankt. Jedes Jahr stört mich die vermeintliche, die gespielte Internationalität von Paris, die aufgeplustert daherkommt und bei näherem Hinsehen grell und abgetakelt in sich zusammensinkt. Nie habe ich mich in Paris wohlgefühlt, Paris, habe ich zu Ute gesagt, ist die Geometrie des Nichts, das ungewollte Eingeständnis von Bedauern, aber Ute hat gesagt, die Geometrie des Nichts ist längst besetzt durch Tel Aviv, nur Tel Aviv könne für sich in Anspruch nehmen, das reine Nichts zu verkörpern, und ich sagte Paris, und sie sagte Tel Aviv, und ich wiederholte Paris und sie lachte und sagte Haifa. Paris, wiederholte ich (und mein Eindruck war einige Wochen zuvor bestätigt worden), Paris ist eine Sardinenbüchse, ein Museum ohne Exponate, oder willst du, fragte ich Ute, willst du allen Ernstes behaupten, dass Paris Exponate im eigentlichen Sinne vorzuweisen hat, der Louvre, ein Pressluftschuppen, der Eiffelturm, ein Mekka für Rostanbeter, bitte verschone mich mit Paris, und Ute sagte, ich verschone dich.

Hamburg hingegen ist die Vaterstadt par excellence, der Vater mag stammen, woher er will, ist er ein ordentlicher Kerl, stammt er aus Hamburg, wer in Stade geboren ist wie ich, weiß die Vaterstadt Hamburg zu schätzen. An Ute und Frankfurt denkend, das dezente Türschnappen im Hintergrund, stelle ich mir ein Ortseingangsschild von Hamburg mit dem Zusatz Vaterstadt vor, umrunde erneut den Schreibtisch und male feine Linien in den Staub, den der Diener im ehemaligen Arbeitszimmer nicht entfernen darf, wie ich ihm am ersten Tag gesagt habe, Staub ist ein Gradmesser für Verwunschenheit, aber ich habe Grenner gebeten im Laufe der Zeit die übrigen zwölf Zimmer von dreizehn inklusive meines Schlafzimmers zu entstauben, ich hoffe, er steht sozusagen mit Staub nicht auf Kriegsfuß, ein patenter Kerl, sagte Gerken in Frankfurt, nehmen Sie sich einen Diener, handzahm und zuverlässig, handzahm und zuverlässig waren seine Worte, ich werde Grenner fragen, ein verstaubtes Haus ist ein aufgegebenes Haus, und Sie werden das Haus doch nicht aufgeben wollen. - Es stehen diverse Möglichkeiten zur Auswahl, antwortete ich Gerken, immer oder fast immer ist es schön, wenn mehrere Möglichkeiten zur Auswahl stehen, einige dieser Möglichkeiten heißen bleiben, fahren, warten, sagte ich.

Hamburg also ist die Stadt der edlen Einfalt, des stillen Aufbruchs immer beginnt meine jährliche Europarundfahrt in Hamburg, Berlin ist mir gleichgültig, vielleicht habe ich deshalb die letzten zweiunddreißig Jahre hier verbracht, denke ich, Hamburg ist und bleibt meine gute Stube, Frankfurt war mein Labor, ich werde nicht zurückkehren, auf keinen Fall, wenn Kühn will, kann er mich besuchen, wenn Annabell die Reine will, kann sie mich besuchen, aber Annabell will nicht, sie mag mich nicht, ein Jammer, sogar Gerken könnte selbstredend kommen, und bei mir wohnen und seinem Freund Grenner Gesellschaft leisten, aber Gerken nimmt solche Angebote nicht ernst, dafür ist er Gerken, ich mag es vergessen, er nicht, doch im nächsten Jahr reise ich wieder nach Hamburg, es steht fest, an Hamburg geht im nächsten Jahr wieder kein Weg vorbei, komme was will, nachdem ein Jahr lang alle Wege nach Frankfurt geführt haben, führt jetzt kein Weg mehr nach Frankfurt und alle Wege führen wieder nach Hamburg oder sonstwohin und beginnen in Hamburg oder sonstwo, nur nicht in Frankfurt. Berlin ist totes Holz, aber die Erwartung der Nation und der Ritualmord sind hier entstanden, in der guten, alten Zeit in Berlin, die es gegeben haben muss, im Kreuzberger Drecksloch und vor allem in der Villa am Branitzer Platz, dicke, alte Konvolute, das eine hier im Staub, wo es zerfallen und vergehen wird, das andere verschollen und nur noch in Fachbibliotheken als verfilmtes Stück Plastikfolie einsehbar, denke ich und öffne die grauen Gardinen, dann die Fenster im Arbeitszimmer, das lange kein Arbeitszimmer mehr ist und abgesehen von kleinen, flatterigen lyrischen Konstrukten und kurzen, schöngeistigen Gelegenheitstexten kein Arbeitszimmer mehr werden wird, weil die Arbeit getan ist, weil dem Privatgelehrten der Punkt fehlt, wie ich denke, seit Jahrzehnten fehlt dem Privatgelehrten der Punkt und darum wartet er und geht spazieren und reist. Berlin ist mir gleichgültig, der Branitzer Platz langweilt mich, aber die Erwartung der Nation und den Ritualmord habe ich hier zu Papier gebracht in der große-Schnauze-Stadt Berlin, ich höre Utes Lachen, und die Kopfschmerzen fangen an.

Gut möglich, dass Diener Grenner auch heute ein bravouröses Essen zaubert, Gerken hat ihn mir als kochenden Wunder empfohlen und die angenehm großen, perfekt servierten Kohlrouladen gestern waren delikat, anfangs irritierten mich die Worte des Dieners, Herr Doktor, die Kohlrouladen, aber mittlerweile habe ich zu den gepflegten und zuweilen komischen Umgangsformen des Dieners ein abgeklärt-erwachsenes Verhältnis entwickelt, auch der Bohneneintopf von heute entsprach übrigens voll und ganz meinen Vorstellungen, nachdem Grenner gestern und heute im notdürftig hergerichteten Speisesaal aufgetragen hat, ab morgen wird das Essen am Schreibtisch serviert, ich werde den Staub von der gelblich-hölzernen Schreibtischplatte wischen, und statt zu schreiben werde ich essen, der Diener wird abräumen, und ich werde noch ein Glas Wein am Schreibtisch trinken und Kühn einen Brief schreiben, einen altertümlichen, auf dem eine Marke klebt, die schön ist und mit dicht beschriebenem, verstaubtem Papier nach Frankfurt reist, wie in der guten alten Zeit, die es nicht gibt, es gibt keine gute alte Zeit, sagte Ute, es gibt den Main und es gibt das Gefälle Richtung Rhein und sonst gibt es einen Scheißdreck, mein lieber, guter Joachim.

Wer bin ich, frage ich und lasse die kühle Luft vom Branitzer Platz ins ehemalige Arbeitszimmer strömen. Eine berechtigte Frage, die niemand stellen sollte, der keine Antwort weiß. So oder ähnlich habe gerne Sätze formuliert, in der Erwartung der Nation ebenso wie im Ritualmord und in kleineren, nicht immer ganz ernst gemeinten Schriften und bin doch nie zu einem Schluss gelangt, ein Trick, nie habe ich auf Fragen geantwortet, die ich gestellt habe. Berlin ist mir gleichgültig, Hamburg ist eine mir gemäße Stadt, ein Ort der Sammlung, der Auftakt meiner jährlichen Europareisen, oft schon habe ich überlegt, in Hamburg zu bleiben, ganz und unwiderruflich nach Hamburg zu ziehen, und doch bin ich jedes Mal weitergereist nach London, in Hamburg gerettet und weitergereist nach London, immer reise ich weiter und weiß nicht warum, Berlin ist mir gleichgültig, seit dem sogenannten Erbfall spätestens ist mir Berlin gleichgültig, der Branitzer Platz gleichgültig, das Haus gleichgültig, in Hamburg fühle ich mich gelöst und entspannt, oft durchdenke ich gerade in Hamburg neben anderem meine beiden Werke und komme zu dem Schluss, dass sie mein Denken in bester Weise wiederspiegeln, der Ritualmord ebenso wie die Erwartung der Nation, während ich in meinem Frankfurter Jahr, wie ich es nennen möchte, in meinem ungeplanten, überraschenden Frankfurter Jahr, mindestens einmal am Tag berechtigte Fragen gestellt habe, mit Ute oder allein, also gut dreihundertsechzig Mal und immer mit dem Satz geantwortet habe, diese Stadt ist ein Wartesaal oder ich weiß es nicht. Bis auf vielleicht fünf Tage, an denen ich gar nichts aber auch gar nichts gedacht habe, dachte ich in Frankfurt an Frankfurt als einen Wartesaal, selbst als ich im Städelmuseum umherschlenderte, dachte ich an den Wartesaal, einmal beim Eintreten ins Städel und dann noch einmal beim Verlassen des Hauses.

Jetzt klopft Grenner und erscheint mit einer Kanne Tee im ehemaligen Arbeitszimmer und stellt Kanne und Tasse auf den noch vollgestaubten Schreibtisch inmitten frischer Luft, die vom Branitzer Platz unaufhörlich durch die geöffneten Fenster hereinweht. Am Schreibtisch stehend warte ich und nicke dem Diener zu, der heute bestimmt noch mit Gerken telefonieren wird und sagen wird Breitner spinnt, und der sich jetzt schweigend entfernt und die Tür schließt, mit einem deutlichen Schnappen, deutlich und dumpf, wie ich es ihm am Tage meiner Ankunft in Berlin erklärt und gezeigt habe und Grenner es zu meiner Zufriedenheit, meine Fingerspreizschließtechnik nachahmend, sofort begriffen hat. Wenn ich heute Abend vom Branitzer Platz über die Kastanienallee zur Reichsstraße gehen werde und weiter zur Heerstraße, wird der Diener wieder mit Gerken telefonieren, wie er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die letzten beiden Tage am Abend mit Gerken telefoniert haben wird, ich hingegen werde am Abend wie an jedem Abend an Frankfurt denken und an Ute und daran, dass ich mit Ute nicht nach Berlin gefahren bin, sechs Monate hatten wir Zeit und sind doch in diesen sechs Monaten nie nach Berlin gefahren und noch nicht einmal nach Hamburg, wie ich mit einer gut eingeschenkten Tasse Tee am offenen Fenster stehend denke. Ein drittes Buch, denke ich, wenn ich ein drittes Buch schriebe, wäre es ein Frankfurt-Roman mit dem Titel Der Wartesaal, meinetwegen auch Gassi, wenn ein Hund eine Rolle spielt, es ist unmöglich, einen guten Roman zu schreiben, der in Hamburg spielt, Hamburg würde sozusagen den Roman überlagern, Frankfurt hingegen verschmölze problemlos mit einem Roman über eine Stadt, in die ein ahnungsloser Bürger zufällig gerät und in der er wartet, bis ein Jahr vergangen ist und wieder aufbricht, er weiß nicht wohin und ein Buch schreibt über den Wartesaal Frankfurt, den Hirschgraben, das Städel, den Neuen Börneplatz, und den Main, wenn er doch eigentlich über Ute sprechen möchte, aber er kann nicht über Ute sprechen, ohne über den Wartesaal Frankfurt zu sprechen und so weiter und so weiter. Was mache ich nur mit vierhundertsechzehn Quadratmetern Wohnfläche am Branitzer Platz, denke ich, Ute hätte mit Sicherheit eine Idee gehabt, aber Ute habe ich verschwiegen, dass es fünfhundertsechzehn Quadratmeter sind, die genutzt werden können, dreizehn Zimmer, von denen nur drei genutzt werden, wenn der Diener sich nicht eins unter den Nagel reißt, was ich ihm angeboten habe, gleich am ersten Tag habe ich es ihm gesagt, und der Diener hat sich Bedenkzeit erbeten und gesagt, ein Umzug von Charlottenburg-Nord müsse überdacht werden und so weiter, und abends garantiert Gerken angerufen. Ute, da bin ich sicher, hätte innerhalb von Minuten ein sogenanntes Nutzungskonzept entworfen, als ehemalige Bibliothekarin, sagen wir, für ein Institut der guten Worte, aber ich habe ihr gegenüber von einer bescheidenen Unterkunft der Langeweile gesprochen, und als ich vor drei Tagen am Hauptbahnhof in Berlin nach einem Jahr Abwesenheit aus dem Zug stieg, dachte ich die Worte Unterkunft der Langeweile erneut und fuhr mit dem Taxi zum Branitzer Platz und wartete mit zwei Koffern ohne einzutreten fünf Minuten vor der Tür auf den Diener, der sehr pünktlich zum Vorstellungsgespräch erschien. Mit Blick auf das Haus habe ich an Annabell gedacht und ihre Bilder, an großformatige, in blauem Grundton gemalte Bilder, die mir Annabell nähergebracht haben, ihre scheinbare Unbekümmertheit in Fragen des Lebens, seiner Bedeutung und seiner Farben, ihre auffällige Beiläufigkeit im Umgang mit Ute, ihrer Mutter. Ich dachte an ihr zwei mal vier Meter großes Wandgemälde in Öl mit Utes verschwommenem aber erkennbarem Gesicht und dem verstörenden Titel Und jetzt wird gestorben, das vom Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erst vor zwei Wochen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in sympathischer Direktheit als schön, kühl und fern bezeichnet worden war und das ich für fünfunddreißigtausend Euro ohne Annabells Wissen gekauft habe, um es aus Frankfurt herauszuschaffen, wie ich dachte, in einigen Tagen wird es am Branitzer Platz eintreffen, solange werde ich unbedingt hierbleiben, um das Bild in Empfang zu nehmen und vielleicht sogar übergangsweise ins ehemalige Arbeitszimmer zu hängen, wo es mir sogar bei der Abfassung meines Wartesaal-Romans über die Schulter blicken könnte, wenn ich ihn schriebe und wenn ich am Branitzer Platz bleiben sollte und wenn ich die Kraft aufbrächte, schreibend Tag für Tag ein Bild im Nacken zu spüren, dass Ute nie zu Gesicht bekommen hat, obwohl es ganz allein von Ute inspiriert ist und Annabell es in einem Format gemalt hat, dass ein Kenner ihres Werkes es einst von weither, sagen wir über den Main hinweg, erkennen würde, wo es, so Gott will, eines Tages wirklich im Städel hängen könnte, wenn ich mit ihm fertig bin, wie ich jetzt, die Fenster schließend, denke, fertig mit Frankfurt und der Niederschrift des Wartesaals, der, anders als der Ritualmord und die Erwartung der Nation in den Schaufenstern der Buchhandlungen ausliegen wird, ganz sicher, gelobt und verrissen und neidisch beäugt, wie alles, was da ist in der Welt und sich stellt. Jeder, der Frankfurt betritt, wie ich vor einem Jahr Frankfurt betreten habe, muss feststellen, dass Frankfurt ohne jeden Charakter ist, Frankfurt gibt nichts, Frankfurt nimmt nichts, war Utes Devise. Kühn behauptet bis heute absurde Dinge wie Frankfurt bildet oder Frankfurt bekennt sich, gemäß der Devise, dass im Absurden immer auch Wahrheit zu finden ist, immer habe ich mir vorgenommen, Kühn zu widersprechen, aber immer ist Kühn, natürlich, eine Nasenlänge voraus, immer überlagern sich Absurdität und mitreißende Tüchtigkeit, meine Untersuchungen über den Ritualmord und die Erwartung der Nation haben ergeben, dass Absurdität und Heiterkeit, Wahn und Bürgerlichkeit in einem Atemzug genannt werden können, genannt werden müssen, Begriffspaare des Untergangs, wie ich sie nenne und wiederholt genannt habe, Utes fragenden Blick freundlich erwidernd und den kopfschüttelnden Kühn in seinem Büro hoch über Frankfurt kaltschnäuzig einen verlotterten Filou nennend, wie nur ich es darf, wie Kühn mir bei unserem Abschied auf dem Bahnhof in Frankfurt vor drei Tagen anvertraute, wie ich jetzt hinter geschlossenen Türen und Fenstern denke, den Branitzer Platz im Blick. Oft habe ich mich schon gefragt, ob es eben jene Begriffspaare sind, die die Welt regieren, und regelmäßig komme ich zu dem Ergebnis, dass wir es im sogenannten Alltag wie in der sogenannten Wissenschaft in der Mehrzahl der Fälle mit Fragen zu tun haben, die wir ebenso gut mit ja wie mit nein beantworten können. Als ich mit Ute gemeinsam das Städelmuseum durchschritt, nannte sie mich einen Begriffspaarneurotiker, und gestern Abend, auf meinem Spaziergang über die Kastanienallee zur Reichsstraße dachte ich über das Begriffspaar Frankfurt/Ute nach, lachte wie vom Irrsinn durchschüttelt einem verängstigten Passanten ins Gesicht und ging über die Heerstraße kilometerweit stadtauswärts bis zum Jüdischen Friedhof am Scholzplatz, bis mir endlich Hamburg in den Sinn kam, die Freie und Hansestadt, wie ich dachte, die Auftaktstadt, und meine stark gereizten Nerven sich augenblicklich beruhigten und ich umkehren konnte zum Branitzer Platz, den ich spät am Abend mit schmerzenden Kniegelenken völlig zerschlagen erreichte. Jedes Jahr rettet Hamburg mich, denke ich, Wandbreite und Deckenhöhe im ehemaligen Arbeitszimmer überschlagend, auch nächstes Jahr wird Hamburg mich retten, vielleicht sogar früher, nehmen wir an, ich zöge in meine Geburtsstadt Stade, wie es mir gelegentlich durch den Kopf geht, dann wäre das rettende Hamburg nur zirka fünfzig Kilometer entfernt, ein guter Grund, um nach Stade zurückzukehren, um nämlich gleich wieder nach Hamburg aufzubrechen, um über London, Paris, Rom und Capri einen ganz neuen Ort ins Visier zu nehmen, Wien etwa oder Basel, ich könnte überraschend in Wien oder Basel absteigen und ein ganzes Jahr in Basel am Rhein wohnen, und dann entgegen aller Wahrscheinlichkeit in einem Akt der Selbstüberlistung wieder nach Frankfurt reisen, um nebenbei bei Kühn, Annabell und sogar Gerken in seinem Kabuff vorzusprechen und gleichzeitig so zu tun, als sei ich noch nie in Frankfurt gewesen und hätte niemals von einer Luxushochhausteuerwohnung im Soundsovielten mit Concierge gehört, der Gerken heißt und vor dem ich stände. Aber besser, ich setze auf Capri. Das Haus am Branitzer Platz hat dreizehn Zimmer, das Institut der Guten Worte lüde zum Tag der offenen Tür und ich steuerte von Capri aus das Weltgeschehen wie Tiberius und verfasste auf Capri wohlklingende Gedichte oder ein besonders schönes Kapitel des Wartesaals über Ute in den Mainauen, ein humorvolles, dann wieder todtrauriges Stück Geschichte über eine Dame von Welt, die bei Hochwasser einen Begriffspaarneurotiker aus dem Wartesaalmilieu trifft, wie er in Frankfurt hinter jedem Busch zu finden ist.

Langsam verdunkelt sich der Himmel am Branitzer Platz, und ich schalte das Licht an im ehemaligen Arbeitszimmer. Der Diener tritt ein und fragt nach meinen letzten Wünschen für heute. Ich habe keine. Lieber Herr Grenner, sage ich, sie schlagen sich tapfer, wir sehen uns morgen, ob ich länger bleibe, weiß ich nicht, und der Diener sagt formvollendet bitte schön und macht schnapp und etwas später kaum noch hörbar wieder schnapp und verlässt das Haus.

Niemals in meinem Leben habe ich den Tod gefürchtet, denke ich, als ich den Diener über den Branitzer Platz gehen sehe, aber ich kenne die Angst und meine Lebensaktivitäten kommen mir wenig durchdacht vor, sogar vor Frankfurt und seinen Abgründen fürchte ich mich jetzt, früher habe ich geschrieben, dann habe ich nur noch gedacht, jetzt warte ich nur noch und warte und denke und warte und höre auf das Schnappen der Tür und falte die Hände über dem verstaubten Ritualmord auf dem Schreibtisch im ehemaligen Arbeitszimmer und sehe mich um und erkenne ein riesiges Zimmer, das ein Jahr nicht betreten wurde außer vom Hausmeister, nur der Hausmeister hat Zutritt zu diesem Haus, jetzt auch der Diener, aber während meines Frankfurtjahres hatte nur der Hausmeister Zutritt, und er war es, der mich einmal im Monat anrief auf meinem zwischenzeitlich neu erworbenen und schließlich dem Main anvertrauten Mobiltelefon in einem langen Jahr, das als Europareise begann und vor drei Tagen nach insgesamt fünfzehn Monaten am Hauptbahnhof in Berlin endete. Ab jetzt, denke ich, wird auch Grenner neben dem Hausmeister weitgehend selbstständig in der von mir kurzfristig wieder in Beschlag genommenen Villa operieren, der Hausmeister außen, Grenner innen, aber ich bleibe ja ganz sicher in Berlin, bis Annabells Monumentalbild eintrifft, und dann schreibe ich unter Umständen den Wartesaal und dann werde ich viele tausend Male an Ute denken und an Frankfurt, das Haus am Branitzer Platz ist und bleibt, wie ich plötzlich denke, der beste Platz um ein Buch zu schreiben, mein drittes Buch, bunter und farbenprächtiger als der Ritualmord, aufrüttelnder als die Erwartung der Nation, die nur mit einem dürftigen und niederschmetternden rite von den bestellten Gutachtern der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Freien Universität beurteilt worden ist und zwar von allen drei Gutachtern, die mich bedauerten und los sein wollten, wie man manchmal jemanden bedauert und loswerden will, und ich höre Ute im Städel sagen, ich kenne keinen Joachim Breitner, nichtmal ein Buch sondern nur ein sogenanntes Microfiche von Joachim Breitner verrottet in den Bibliotheken und sogar mein sogenanntes Belegexemplar aus Papier ist verschollen, und wäre auch ein Buch von diesem Breitner wirklich erschienen, hätte er sich eingekauft bei einem Verlag, der das Geld gebraucht hätte, dann hätte Ute sein Pamphlet nie in der Hand gehabt, es wäre auf dem Stapel unwichtiger Pamphlete vergammelt und auf dem kürzesten Weg ins Magazin gewandert, wie hunderttausende andere unwichtige Pamphlete auch, die die Magazine verstopfen, wie auch der Ritualmord die Magazine verstopft hätte, wenn dieser Breitner ihn veröffentlicht hätte, was du dankenswerter Weise nicht getan hast, mich aber, wie Ute hinzufügte, zwanzig Jahre später dankenswerter Weise zu einem Rundgang durch das Städel eingeladen hast und deine Zeit für mich opferst, wie auch ich meine Zeit opfere, mein liebes Breitnerlein.

Bei meinem gestrigen Spaziergang durch die Heerstraße, habe ich versucht, mich zu erinnern, wann wir vom Sie zum Du übergegangen sind, aber ich musste feststellen, dass ich es vergessen habe, bis gestern Abend war ich mir absolut sicher, dass ich mich jederzeit und immerfort an jedes Detail meines Frankfurter Jahres erinnern könnte, an meine Ankunft, meine ersten Wochen, die Zeit mit Ute, die Zeit danach, die letzten Monate, aber bereits gestern musste ich auf der schrecklichen, stark befahrenen Heerstraße, in der Nähe des Scholzplatzes und einige Denksekunden vor den mich rettenden Hamburggedanken erkennen, dass ich begonnen habe, die ersten Details meines Frankfurter Jahres zu vergessen, nicht die großen Linien, das nicht, aber die kleinen, wichtigen Details, ohne die kein Wartesaal auskommen kann und die ich mir nach und nach jetzt irgendwie ausdenken müsste, je nachdem, wann ich mit der Niederschrift beginne. Vielleicht sollte ich meine Parisabneigung nutzen, um ungestört das erste Kapitel des Wartesaals, das erste Frankfurtkapitel, in Paris zu schreiben, wiederum nur erreichbar für den Hausmeister und Kühn, Kühn ist dazugekommen, Ute wäre dazugekommen, aber Ute ist weggefallen, Annabell will nicht wissen wo ich bin und Gerken bekäme eine Postkarte. Aber da ich Paris verabscheue, wäre ich unglücklich, und somit würde das Unglück Einzug halten in Frankfurt und das Bild verzerren, Frankfurt würde zur Stadt des Unglücks werden, dabei ist Frankfurt ein Wartesaal, eine Stadt ohne Eigenschaften, mit einem berühmten Haus am Großen Hirschgraben, einem Städel und einem Fluss, über den man Bilder, wenn sehr groß sind, unter Umständen erkennen könnte. Berlin ist mir gleichgültig, das Haus am Branitzer Platz ist mir gleichgültig, gestern ist die Heerstraße mein Freund geworden, denke ich, auf der lauten Heerstraße kurz vor dem Jüdischen Friedhof scheinen mir gute Gedanken zu kommen, nach Hamburg brauche ich mit dem Zug eine Stunde und fünfzig Minuten, ich warte auf Annabells Bild für fünfunddreißigtausend, mindestens drei Tage warte ich noch, ich möchte den tiefen Blauton sehen, ich möchte sehen, was Annabell in Utes Gesicht gesehen hat und dann entscheide ich, Rom ist es nicht, schön zwar aber ein lautes, unwirtliches Pflaster, London ist alles und daher nichts, es könnte Hamburg sein, es könnte trotz aller Abneigung vielleicht doch Paris sein, London ruht in sich selbst, am Ende gehe ich aus Versehen nach Frankfurt, aber einen Scheißdreck werde ich tun, ein alter Stader Freund ist mir in Frankfurt geblieben, Kühn, er soll nach Capri kommen und Annabell mitbringen, ich sorge für alle, aber Annabell mag mich nicht und will mich nicht sehen. Den Diener jedenfalls, Kabuff-Gerken in Frankfurt sei Dank, werde ich instruieren für eine sogenannte unbeaufsichtigte Arbeit in der Villa, und der Hausmeister bessert und hegt. Dann gehe ich spazieren, kehre um, nehme die Chaiselongue und lösche das Licht. Lügen, nichts als Lügen, denke ich. Immerhin rite. Mit Ute zwischen auffliegenden Krähen ins Städel. Verstaubt das Papier. Ich sehe mich in der Luxushochhausteuerwohnung sitzen und höre, wie ich Ute frage: Warum sechs Millionen? Ute sagt: Weil es möglich war. Die Kopfschmerzen werden stärker. Ich warte auf Annabells Bild. Am Morgen ein Zettel von Grenner im Briefkasten. Ich sehe ihn nicht wieder.

 

 

Kapitel 2

Ankunft

 

Nach Frankfurt gelangen, in Frankfurt bleiben.

Dasitzen, bewegen, kreisen, Unbewohntes ablaufen, zu zählen die Zimmer und Stunden, der Nichtstuer, das Chaiselongue-Tier reist ab wie jedes Jahr, der Branitzer Platz verschwindet hinter mir wie hinter einem Vorhang, jedes Jahr verschwindet der Branitzer Platz für zwei, manchmal für drei Monate, dass es vierzehn Monate werden, weiß der Aufbrechende nicht, er geht hin und weiß es nicht, wir verlassen uns auf Pläne, doch was sind Pläne, sind Reisen, die von dort nach da führen, denke ich, wir lernen: der Leere schlägt keine Stunde, warum fahren wir, wenn wir doch bleiben könnten, aber wir fahren, ohne Pläne kein Weiter, ohne Schlaf kein Erwachen, aber wovon, alles ist ebenso gut, ebenso sphärisch, ebenso kühl, immer sind es Gedanken wie diese, die ich denke, doch unentwegt schmiedet er und kreist und sitzt da und denkt und wartet und kreist, und nun ordnet er das Unvermeidliche in Koffer und Handgepäck und will abfahren, nur diese Nacht noch, aus einem großen Loch über ihm fliegen die Gespenster, dreizehn Zimmer, alles was geschieht, beginnt mit diesem Tag, ein Zettel für den Hausmeister, und alles, was geschieht, bin ich.

Dem Gewohnten verpflichtet, verlasse ich Berlin, fahre nach Hamburg, gelange nach London, Paris, nach Rom, schwenke nach Capri und finde mich, ein Umsteiger aus Leidenschaft, am Großflughafen Frankfurt wieder, wo ich, in gewohnter Umständlichkeit von Neapel einschwebend, ein Dichterfürstbuch kaufe und ohne zu denken mit der S-Bahn bis zur Station Hauptwache fahre, anstatt wie beabsichtigt vom Hauptbahnhof aus den Intercity-Express nach Berlin zu nehmen, was zur Folge hat, dass ich ziellos durch Frankfurt laufe und erst nach einem Jahr die geplante Fahrt nach Berlin antrete. Niemals zuvor habe ich Frankfurter Boden betreten, naturgemäß sehe ich vom Flughafen ab, von dem ich dutzendfach in alle Himmelsrichtungen aufgebrochen bin, von Berlin kommend, nach Berlin zurückkehrend. Einmal mich schon am Flughafen in Neapel aus einer Laune heraus für den Zug in Frankfurt entscheidend, entscheide ich mich in Frankfurt aus einer Folgelaune heraus gegen den Zug, kaufe noch in einer Buchhandlung am Flughafen ein Dichterfürstbuch, nämlich die Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens von Johann Peter Eckermann und nicht das Frankfurtbuch weil in Frankfurt geschriebene Buch Die Leiden des jungen Werther, ehemals Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe, ehemals Johann Wolfgang Goethe, wie ich eigentlich wollte und wie es mir trotz meines Zuwiderhandelns als eigentlich angemessen erscheint, und fahre zur Hauptwache mit großem Koffer und mittelgroßem Handgepäck, meinem Klumpatsch, wie ich kurz vor Erreichen der S-Bahnstation Hauptwache und dann gleich wieder nach Verlassen der S-Bahn-Station Hauptwache denke, den Eckermann samt Kassenquittung unter dem Arm. Nie und nimmer ist Frankfurt eine schöne Stadt, wer den Boden der Stadt Frankfurt betritt, wähnt sich an einem Ort ohne Eigenschaften, der ebenso Unstadt heißen könnte oder Nicht, Nicht wäre ein idealer Name, schon als der Dichterfürst Frankfurt verließ, verließ er den Ort Nicht, er tauscht die Unstadt Nicht gegen den Musenflecken Weimar und kehrt nicht zurück. Warum bin ich hier, was mache ich hier, gehe ich in die eine Richtung, bedrohen mich Unstadts Kaufhäuser und sonstige Kaufkraftvertilger, wie sie mich an jedem Ort der Welt bedrohen, in der anderen Richtung könnte Kühn wohnen, also folge ich der anderen Richtung, als ich meinen Jugendfreund Kühn vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren in Berlin im Kreuzberger Lokal Rote Harfe getroffen habe, spricht er von der anderen Richtung, schon vor sechsundzwanzig Jahren, wir waren jung, denke ich, hat Kühn auf eine andere Richtung innerhalb Frankfurts oder durch Frankfurt hingewiesen und damit vor allem sich selbst gemeint, möglicherweise sogar uns und unser Verhältnis zueinander, und ich laufe und laufe und setze mich schließlich kurzatmig mit dem großen Koffer, dem mittelgroßen Stück Handgepäck und dem Eckermann unter dem Arm auf eine menschenstromteilende Bank und versuche, meinen Vers aufzusagen, Mist mit Mist auszutreiben wie ich es nenne, meinem Hauptwachenirrsinn auf die Spur zu kommen, wie ich mir einrede, ihn einzukreisen und die Stirn zu bieten, wie ich hoffe. Breitner, denke ich und schließe die Augen, die Bank vergessend, Frankfurt vergessend, den Eckermann nur noch als Druckstelle wahrnehmend, Breitner, Luftverpester, Kind des Glücks, was willst du, Drecksack, deine Klodeckel, deine Hände, gib sie mir, schau, es fehlen die Schwielen, was willst du, Nichtstuer, sei wer immer du bist, verdreh dir die Hüften, traniges Tier, aber begegne dir in deinem Tun, Rotznase, Stader Nervensäge, was willst du, Hampelmann, hinter deinen Ohren juckt es, ich kann dir sagen, was es ist, dein Restbregen tritt aus, hör auf zu sinnieren, es führt zu nichts, sei ein Kerl, erkenne dich, worauf vertraust du, Breitner, du Tier, du witterst, aber was witterst du? Deine Augen, deine Beine, die Augen und Beine eines Tieres, dein fetter Arsch, der Arsch eines alten Tieres, worauf kommt es an, Breitner, denke ich, richtig, auf deinen fetten Papparsch kommt es an, ob er dich warmhält, immer ist die Frage, ob der fette Arsch das Tier Breitner warmhält, das alte dumme Tier Breitner, worauf vertraut das alte dumme Tier Breitner, nicht sinnieren, Breitner, Drecksack, hörst du, worauf, Rotznase, Trampeltier, worauf gründest du, immer ist alles Dreck, Dreck, juckender Restbregen, du bist ein Kind des Glücks, denke ich jetzt, wo ich reise, reist Breitner, Kind des Glücks, des Erbfalls, ohne Grund kauft Luftverpester Breitner den Eckermann, Trampeltier landet in Nicht, Trampeltier geht in die andere Richtung, Fettarsch platziert sich in Unstadt, oh Breitner, denke ich, deine Beine, die Augen, das Marschgepäck, Frankfurt, du nur allein. Dann fällt etwas zu Boden, Staub, dort unten ist Staub, die Druckstelle ist fort. Der Arm liegt an. Ich erinnere mich. Ich heiße Joachim Breitner und sitze auf einer Bank. Vor mir stehen ein großer Koffer und das kleine Handgepäck, oder sagte ich mittelgroß, mir zu Füßen kauert ein brandneuer Eckermann, verdreckt durch jähen Sturz auf Frankfurter Boden, wie ich denke. Ich bin Doktor Joachim Breitner und liebe das Leben und die Furcht. Ich bin ein Unhold des Reisens. Die Wahrheit ist eine Chimäre. Falls eine Sintflut kommt, werde ich oben schwimmen, an eine Planke geklammert werde ich über die Ozeane treiben, ich werde atmen und leben wie ich seit nunmehr zweiundfünfzig Jahren atme und lebe. Ich heiße Joachim Breitner und komme aus Stade und habe in jenen zweiundfünfzig Jahren zwei große Schriften verfasst, nämlich erstens meine Doktorarbeit Die Erwartung des Nation in der Soziologie, und, zweitens, Der Ritualmord. Eine Einführung., zwei Schriften, die entweder völlig und abschließend unbekannt geblieben und nie veröffentlicht worden sind oder im Doktorarbeitsfall, abgesehen von entlegenen Microfiche-Ausgaben in wenigen Großbibliotheken, als verschollen gelten, mich aber zum Privatgelehrten gemacht haben, wie ich mich gelegentlich Fragenden gegenüber gerne nenne, aus dem Stand kann ich ohne Pause mindestens jeweils fünf Stunden über die Erwartung des Nation oder den Ritualmord mehrsprachig referieren, was meines Erachtens die nicht geschützte Bezeichnung Privatgelehrter rechtfertigt und als gelegentlich notwendigen, mundtotmachenden Hieb geradezu erfordert, wie ich denke. Schon habe ich die Bank mit Koffer und Handgepäck und dem verdreckten Eckermann verlassen und umrunde zum dritten Mal die Paulskirche und weiß nicht, warum zum dritten Mal, ich muss Kühn anrufen, denke ich, ich habe die andere Richtung eingeschlagen und habe die Paulskirche wieder und wieder umrundet, ich habe über den Ritualmord und die Erwartung der Nation nachgedacht, ich habe auf einer Bank gesessen, ich habe sogar wie schon seit Jahren nicht mehr über Stade nachgedacht und denke jetzt an Frankfurt und an Kühn und an die andere Richtung, es ist kaum übertrieben zu sagen, ich kenne keinen anderen Menschen auf der Welt außer Kühn, niemand außer Kühn könnte ich als guten Bekannten bezeichnen, einige mir namentlich bekannte Menschen ersetzen keinen guten Bekannten wie Kühn, den ich das letzte Mal vor sechsundzwanzig Jahren in Kreuzberg getroffen habe und der, wenn er noch lebt, immer noch in Frankfurt, also der Unstadt Nicht, leben wird, und zwar, wie ich ihn kenne, als Frankfurter mit Leib und Seele, schon vor sechsundzwanzig Jahren konnte ich nicht umhin, den jungen, soeben in Frankfurt aufstrebenden Ex-Stader Kühn als alten Frankfurter mit Leib und Seele zu betrachten. Obwohl aus Stade wie ich ist er im Gegensatz zu mir ein Angekommener, wie ich denke, Kühn ist nach Frankfurt gegangen, angekommen und geblieben, er hat seinen Weg in Frankfurt gemacht, wie zu vermuten ist, immer war Kühn der schlanke Herwig Kühn, während Breitner immer der fette Joachim Breitner war, schon in Stade war Kühn der Sportversessene, während Breitner, also ich, der Fresssack war, Kühn, also er, die Lichtgestalt, ich der Drecksack, schon vor dem Erbfall das fette Stück Dreck aber beide einem guten Tropfen nicht abgeneigt, denke ich, zum vierten Mal die Paulskirche umrundend. Im Grunde kenne ich niemanden außer Kühn, wenn er lebt, ist er hier, von der Hauptwache bin ich zielstrebig, wie ich ratlos feststelle, in die andere Richtung gegangen, nicht wissend, wo Kühn wohnen könnte, mich plötzlich vor der Paulskirche wiederfindend mit meinem Klumpatsch, meinem Bauchladen, meinem Drecksackgepäck, ziemlich genau jetzt, denke ich, säße ich in einem Taxi in Berlin, spräche die Worte, Branitzer Platz, bitte, und führe zu einem, wie ich denke, handstreichartig erstandenen weißen Haus mit dreizehn Zimmern und begrüßte den Hausmeister, stattdessen habe ich von der Freiheit Gebrauch gemacht, gegen den Plan Frankfurter Boden zu betreten und mit einem Eckermann inklusive Kassenzettel unter dem Arm herumzuirren und zwar von der Hauptwache zur Paulskirche, wo sogenannte Geschichte geschrieben wurde, die uns bis heute sozusagen in den Knochen steckt, jedenfalls haben wir gelernt, dass die Paulskirche uns in den Knochen steckt, so wie der Geheimrat Goethe uns in den Knochen steckt und die sogenannten Orte des Grauens uns in den Knochen stecken, die namentlich zu kennen nach meiner Auffassung ebenfalls den Status des Privatgelehrten begründeten, schon in Stade haben Kühn und ich gelernt, was uns in den Knochen steckt aber Kühn hat schließlich eine andere nämlich denkferne Richtung eingeschlagen und ist nach Frankfurt gegangen und hat sich in Frankfurt denkfern festgesetzt, wie er sich in Berlin oder in Hamburg denkfern festgesetzt hätte, wenn Berlin oder Hamburg die Möglichkeiten geboten hätten, die Frankfurt einem aufstrebenen Menschen wie Kühn zweifellos geboten hat, Frankfurt ist eine schöne Stadt, denke ich unvermittelt, wer noch niemals in Frankfurt war, sollte unbedingt nach Frankfurt fahren, wer schon in Frankfurt war, weiß diese Stadt in ihrer nüchternen Intensität zu schätzen, die fünfte Umrundung der Paulskirche steht an, hier irgendwo wohnt Kühn, muss Kühn wohnen, immer mochte ich Kühn, den sportiven Eleganzling, den freundlichen Kühn, den letzten guten Bekannten, der mir geblieben ist, und doch habe ich ihn seit sechsundzwanzig Jahren nicht gesehen, vielleicht ist er mir deshalb geblieben, und der Moment der Entscheidung naht, noch vor drei Stunden habe ich weder an Kühn, noch an Frankfurt, noch an die Hauptwache, noch an die Paulskirche gedacht, niemals habe ich daran gedacht, sie zu umrunden, meine Klumpatsch-Runden zu drehen, meine Knochenrunden, und doch drehe ich die nunmehr sechste Runde, denke ich, hoffentlich sieht Kühn mich nicht, Kühn, die Lichtgestalt, Makler Kühn von Kühn und Partner, Kühn der Greifvogel, der Macher. Immerzu die Annoncen im Immobilienteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fleißig studierend und zwar, wie ich sagen muss, nur wegen Kühn, habe ich Kühn doch sechsundzwanzig Jahre weder gesehen noch gesprochen, sondern immer nur gewittert, denke ich, den Immobilienteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich nur wegen Kühns Immobilienanzeigen und seiner anderen Richtung studiert, von der ich bis heute nicht sicher weiß, wie sie gemeint war, aber vielleicht klärt Kühn mich auf, wenn er noch lebt, aber warum sollte er tot sein, selbst auf Capri habe ich eine halbseitige Anzeige von Kühn und Partner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung studiert und an Kühn und an Stade gedacht und an jugendlich-streitlustige Elbspaziergänge, wie ich denke, Kühn lebt, denke ich und gehe weiter, immer sehe ich sterbende Menschen, aber Kühn lebt und verkauft, was das Zeug hält, Häuser und Wohnungen und Wohnungen und Häuser zu horrenden Preisen, und jetzt säße ich in Berlin im ehemaligen Arbeitszimmer am Branitzer Platz, und sagen wir, ich starrte auf das Manuskript der Ritualmorde, ich spräche ein paar dürre Worte mit dem Hausmeister, ich entkorkte einen alten Pauillac, ich schlüge den Eckermann auf, ich begänne zu lesen, ich ginge in ein Restaurant in der Nähe, ich schliefe lang, ich träumte von Capri, so aber rolle ich durch Unstadt, den schönen Ort Nicht, wohl über den Main schwebe ich und frage, der Main?, danke, der Eiserne Steg?, auch dafür ein Dankeschön, wenn ich springe, klatsche ich in den Main, Koffer, Handgepäck, dann Goethes Eckermann und ich, im Fallen ein Blick auf die Türme, ich höre Eckermann fragen, und die Türme, Exzellenz?, und Exzellenz antwortet: hoch, vor allem hoch, ein scheußlich eigen Ding und hoch, dann lieber Weimar, in Weimar leben und sterben, und Eckermann schreibt: ein scheußlich eigen Ding und hoch, dann lieber Weimar, und schon fällt alles, von Breitners Klodeckelhänden dem Strome überlassen, in gurgelnde Tiefen, dann er selbst, aber Breitner erwacht, mitten auf dem Eisernen Steg erwacht Breitner und will leben, Eckermann ist gerettet, denke ich, der Koffer, gerettet, irgendwo hier muss Kühn wohnen, bevor ich den Main hinuntertreibe, bevor ich Verzicht übe, bevor ich mir nichts, dir nichts heimkehre nach Drecksberlin, meine stille Heimat Drecksberlin, gehe ich zu Kühn, der noch lebt, gehe ich zu Kühn von Kühn und Partner, zu Kühn aus der Roten Harfe und rede mit ihm über Stade und Capri, dreißig Minuten Kühn, ich kalkuliere dreißig Minuten Kühn, als ich den Eisernen Steg verlasse und nach einem Taxi winke, sollte ich wirklich Kühn treffen, bitte ich um dreißig Minuten und entscheide dann, was zu tun ist. Ich werde ihm sagen, Handwerker sollen mich tragen, Herwig, einen Geistlichen brauche ich nicht, und Herwig, der Gewitzte, wird parieren, er wird sagen, Joachim, du doch nicht, das Leiden steht dir nicht, was um alles in der Welt treibst du, die Ankunft der Nation, war es nicht so, die Erwartung, verzeih mir, natürlich, die Erwartung, aber der Ritualmord, ich bitte dich, dein geplanter Ritualmord, ein Coup, nicht, endlich kommst du nach Frankfurt, Breitner, lass mich raten, du führst etwas im Schilde, du und Frankfurt, eine Auffrischung, eine Wiederbelebung der Soziologie in Frankfurt, lass mich raten, Joachim, Die Soziologie der Unstadt. Das Beispiel Frankfurt. Wie findest du das, wird Kühn sagen, denke ich und halte weiterhin nach einem Taxi Ausschau, aber wahrscheinlich sagt Kühn nur Guten Tag, Joachim, wie geht es dir, und beglückwünscht mich zu meinem Frankfurt-Aufenthalt, zu dem spontanen Entschluss und umarmt mich wie in Kreuzberg, wo ich vor sechsundzwanzig Jahren Kühn das letzte Mal umarmt und von der anderen Richtung und Frankfurt gehört habe und gebauten und geplanten Türmen aus Stahl.

Eine Selbsttötung habe ich immer wieder beiläufig in Erwägung gezogen, denke ich, als ich mit dem Taxi durch Frankfurt fahre, ständig erwäge und verwerfe ich beiläufig eine Selbsttötung, immer lebe ich grundlos in den Tag am Rande der Selbsttötung, am Branitzer Platz im ehemaligen Arbeitszimmer erwäge und verwerfe ich mein Ableben durch Selbsttötung, in Hamburg bei einer kraftraubenden Umrundung der Außenalster in London am Trafalgar Square, in Paris auf der Avenue des Champs-Elyseés, in Rom auf dem Campo dei Fiori, auf Capri in der Villa San Michele, regelmäßig erwäge ich mein Nichtsein bis hin zum Nie-Gewesen-Sein, während der Arbeit an meiner Doktorarbeit über die Erwartung der Nation in der Soziologie, wie auch während der Erstellung meiner unveröffentlichten Studie über den Ritualmord habe ich täglich und zwar meistens am frühen Morgen in meinem jetzt ehemaligen Arbeitszimmer mit Blick auf den Branitzer Platz eine möglichst schonende und sichere Form der Selbsttötung erwogen und verworfen, bis sozusagen der nächste Morgen graute, insgesamt sieben oder vielleicht auch neun Jahre lang, denke ich, und bin später dazu übergegangen, nur noch nachmittags etwa in wöchentlichen Abständen über das Für und Wider einer Selbsttötung nachzudenken, um mich wie zur Selbstvergewisserung von der völligen Sinnlosigkeit, der Peinlichkeit einer Selbstauslöschung aus Überdruss oder Ekel vor der Welt zu überzeugen. Goethes Gesprächspartner, der arme Eckermann, denke ich vor dem Betreten eines vielstöckigen Hauses am sogenannten Rand der Innenstadt, wohin mich das Taxi, meiner vagen Bitte Folge leistend, eine angemessene Unterkunft anzusteuern, gebracht hat, der arme Eckermann wäre mein Freund gewesen, mit Eckermann wäre ein Einvernehmen in jeder Hinsicht jederzeit herzustellen gewesen, mit Eckermann wären die Tage länger und die Erwägungen bekömmlich gewesen, am Hotelempfang stelle ich mir bekömmliche Erwägungen mit dem Goethe-Freund Eckermann über das Gute, Schöne und Wahre vor und nehme ein Zimmer mit Ausblick, wie ich schon hundert- und tausendfach ein Zimmer mit Ausblick genommen habe und fahre mit dem Fahrstuhl in den soundsovielten Stock und beziehe mein Zimmer und stelle Koffer und Handgepäck neben das Bett und lege den verdreckten Eckermann auf den Nachtisch und denke an Kühn und Kühn und Partner und schlafe ein.

Wie ein Hund träume ich und ich träume. Jemand sagt: niemals, Breitner. Niemals bin ich in Stade aufgewachsen, niemals habe ich die Schule in Stade besucht, niemals habe ich den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, niemals kam es zum Erbfall, Lug und Trug dieser Erbfall, niemals habe ich an der Freien Universität Berlin ein Erbfallstudium begonnen, niemals habe ich zwei Arbeiten über die Erwartung des Nationalen und den Ritualmord geschrieben, niemals habe ich ein Haus am Branitzer Platz besessen, das ich verkommen lasse, all die ungenutzten Zimmer lasse ich niemals verkommen, niemals breche ich jedes Jahr zu einer Rundreise auf, die mich keinesfalls von der ersten Station Hamburg zur letzten Station Capri führt und zurück nach Berlin, niemals bin ich verdammte scheißzweiundfünfzig Jahre alt geworden ohne mit der Wimper zu zucken, jemand sagt: niemals, Breitner. Dann gehe ich, wo keiner geht, durchfliege, wo keiner fliegt, Straßen, Himmel, wo weder Straßen noch Himmel sind, niemals komme ich zu einem Schluss, wohin alles führt, träume ich, niemals führt alles irgendwohin, niemals enden die Sätze. Als ich jung bin und Kühn jung ist und die Welt jung ist, will ich Taucher werden, jetzt will ich schlafen, dann erwache ich, träume ich, wenn ich sitzen bleibe und den Hauptbahnhof auslasse, fahre ich zur Hauptwache, träume ich, und fahre mit dem Zug nach Berlin, wo ich essen gehe und gerettet bin, gerettet, träume ich, gerettet, aber es ist Frankfurt, denke ich, keinem gelingt, was mir gelingt, denke ich und starre die Decke im soundsovielten Stock an, wach. Selten sagt jemand am Empfang beiläufig machen Sie zwölf Nächte, aber ich habe aus einer Laune heraus beiläufig machen Sie zwölf Nächte gesagt, und dann habe ich gesagt Sie hören richtig, und dann habe ich gesagt keine Reservierung, und dann habe ich gesagt gibt es ein Problem und mich zu den Worten hinreißen lassen ich habe das Geld, ich bin reich, und um die Wogen zu glätten, habe ich gesagt und immer wieder gesagt ich trage meinen Klumpatsch selbst, bis ich in den soundsovielten Stock gefahren bin, geträumt habe und nach dem Erwachen die Decke anstarre und weiter anstarre, während ich mich frage, ob Kühn noch lebt und in Frankfurt lebt und wenn ja, wo in Frankfurt oder wo in Frankfurt wir uns treffen können und ob Kühn überhaupt leicht erreichbar ist oder nur sehr schwer erreichbar ist und Kühn von der anderen Richtung sprechen wird und ob Frankfurt einen sinnvollen Zusammenhang für zwölf oder dreißig Tage darstellt, immer geht es im Leben um sinnvolle Zusammenhänge, wie auch der Ritualmord in einem sinnvollen, wenn auch erschütternden Zusammenhang mit seiner Umgebung stehen kann, wie ich denke, wie auch das Nationale in bestimmten Zusammenhängen, sogar erst innerhalb bestimmter Zusammenhänge sozusagen einen Sinn erzeugt , wenn auch einen bösen und erschütternden, wie ich denke, wie Frankfurt erst einen sinnvollen Zusammenhang als Unstadt bekommt, als Nicht unter anderen Nichts, wie ich laut lachend denke. Kühn wird auf alles eine Antwort haben, denke ich, nicht umsonst ist Kühn vor neunundzwanzig Jahren nach Frankfurt gegangen und hat sich vor sechsundzwanzig Jahren mit mir in Kreuzberg getroffen und ist mit mir in die Rote Harfe gegangen und hat von der anderen Richtung gesprochen. Nur weil Kühn auf alles eine Antwort hat, ist Frankfurt für ihn von Anfang an eine äußerst attraktive Stadt gewesen, die keine Antworten geben muss, ich behaupte sogar, denke ich und starre weiterhin die Decke im soundsovielten Stock an, dass Kühn nicht nur auf alles eine Antwort hat, sondern auch weiß, welche Fragen gestellt werden müssen, damit Frankfurt in Attraktivität erstarrt, mit diesen Worten werde ich Kühn gegenübertreten und gespannt seine Reaktion erwarten, Frankfurt erstarrt in Attraktivität werde ich sagen und abwarten, denke ich. Dann stehe ich auf, nehme den Eckermann und verlasse das Zimmer. Doktor Breitner von eben, sage ich am Empfang, obwohl bereits ein sogenannter Schichtwechsel stattgefunden haben muss, wie Sie wissen beabsichtige ich, mir einige, genau genommen zwölf schöne Tage in ihrer Stadt zu machen. Alles in allem weiß ich nicht, warum ich in Frankfurt, vom Flughafen kommend, nicht wie geplant am Hauptbahnhof, sondern erst an der Station Hauptwache mit meinem Klumpatsch ausgestiegen bin. Umherirrend, auf Parkbänken rastend, bin ich zufällig zur Paulskirche gelangt und habe sie ungefähr sechsmal umrundet, habe dann ebenso zufällig am Eisernen Steg den Main überquert und eine Selbsttötung erwogen und verworfen, wie ich es häufig tue und bin mit dem Taxi, wiederum den Main überquerend, ebenfalls zufällig hier gelandet und habe geruht, geträumt und die Decke angestarrt und stehe nun vor Ihnen, zwölf Tage Frankfurt, warum, ist mir schleierhaft, ich bin ausgestiegen und herumgeirrt, immer dieses Herumirren, ausgerechnet in Frankfurt, sage ich am Empfang und bringe damit niemanden in Verlegenheit, sondern ernte ein Lächeln, denn dies ist ein Fünfsternehaus, das sozusagen ohne Verlegenheit und nur mit einem Dauerlächeln auch Verrückten und Drecksäcken gegenüber operiert, ausgerechnet Frankfurt, wiederhole ich, wo es nicht hinpasst, wo der Irrende auffällt. Berlin beispielsweise, wenn ich das anfügen darf, ist eine Ansammlung von herumirrenden Menschen, schauen Sie mich an, ohne herumirrende Menschen wäre Berlin längst in sich zusammengebrochen, längst wäre die Stadt nur noch ein wüstes Etwas, eine Scheune voll Stroh, wenn Sie so wollen, aber dreieinhalb Millionen Herumirrende verhelfen Berlin überhaupt erst zu seinem Sosein und geben ihm eine merkwürdige, ich würde sagen: rohe Festigkeit, obwohl ich, wie ich sagen muss, und wie Sie vielleicht bereits erraten haben, Berlin durchaus gleichgültig gegenüber stehe. Ganz anders Frankfurt, sage ich und erinnere mich plötzlich an den Eisernen Steg, bislang versetzt Frankfurt mich durchaus in einen Zustand gespannter Erwartung und feinster Exklusivität, mit anderen Worten, in einer Stadt zielstrebiger Menschen bin ich der einzig Irrende, ja, Sie lachen, sage ich, obwohl niemand lacht, der Frankfurter ist zielstrebig, ebenso gelassen wie zielstrebig, sodass ich sagen muss, zwölf Tage sind vielleicht sogar – aber ich habe den Faden verloren, stürze aus dem Hotel, laufe und laufe, überlege, warum ich laufe und laufe weiter, der Main ist, denke ich, die Türme sind, denke ich, Frankfurt ist, denke ich, Kühn ist, denke ich, aber keinen Satz denke ich zu Ende, ich sollte anfangen, denke ich, Sätze zu Ende zu denken, nie im Leben habe ich einen Satz zu Ende gedacht, ich habe gedacht Stade ist, Berlin ist, der Erbfall ist, die Nation ist, der Ritualmord ist, der Branitzer Platz habe ich gedacht, das Reisen, habe ich gedacht, Paris, London, Rom, habe ich gedacht, Capri, ich habe nur Capri gedacht, das Nationale ist zum Kotzen, habe ich gedacht, denke ich, wir alle sind Ritualmörder, habe ich gedacht, denke ich, Paris ist lächerlich, habe ich gedacht, denke ich, das sind Sätze, nun sind es Sätze, aber ein Satz soll wirken, ein Satz soll Wirkung entfalten, ich sollte Sätze zu Ende denken, die Wirkung entfalten, aber ich laufe und laufe und laufe nur, das ist Frankfurt, jemand sagt das ist Frankfurt, aber warum Frankfurt, ich bin der Hauptwachen-Breitner, denke ich, aber ich weiß nicht warum, wenn ich es wüsste, glaube ich, ich bliebe stehen und liefe zurück und führe in den soundsovielten Stock und schnappte mir meinen Klumpatsch und führe schnurstracks, ohne mit der Wimper zu zucken nach Berlin, weil ich aber nicht weiß warum, laufe ich weiter und weiter, erreiche erneut den Eisernen Steg, bleibe stehen, blättere im Eckermann und laufe, bis ich müde werde und sich mir nur zu gut bekannte Kopfschmerzen einstellen, das macht, denke ich, alle Orte der Welt vergleichbar, überall diese Kopfschmerzen, in der sogenannten Mainmetropole ebenso wie auf dem Monte Solaro, vor dem Buckinghampalast oder in den Vatikanischen Museen, im Louvre oder sogar bei einem Alsterspaziergang im sonst über die Maßen herrlichen Hamburg, jetzt also auch auf dem Eisernen Steg, du musst, denke ich, den Scheißkopfschmerzen auf den Grund gehen, Frankfurt ist der Ort, um den Scheißkopfschmerzen ihr Geheimnis zu entlocken, Frankfurt ist der ideale Geheimnisentlockungsort, ist Unstadt, ist Nicht, ist Diagnose, denke ich, stehe kurzatmig am Mainufer, sehe die Türme und blättere wieder im Eckermann. Es ist eigenartig, denke ich, ich ertrage den reinen Goethe kaum, weder im Werther, noch in Dichtung und Wahrheit, noch in den Wahlverwandtschaften, selbst in der Italienischen Reise, ganz zu schweigen vom Faust, lediglich den gefilterten Goethe ertrage ich, den Goethe Eckermanns, den in zahlreichen filtrierenden Gesprächen sozusagen Gereinigten und Geglätteten ertrage ich, den reinen und unverfälschten Goethe kaum, das Frankfurter Wunderkind kaum, den wahren Weimarer Giganten kaum, nur den verklärten, sortierten und verklärten Goethe, den Goethe eines Dritten, nämlich den Goethe des armen Hundes Eckermanns ertrage ich, ich gehe sogar so weit, denke ich und vergesse die Kopfschmerzen, hätte Goethe nicht Frankfurt verlassen, hätte der noch jung-elastische Dichter keine dauerhafte Ortsveränderung vorgenommen, sich nicht nach Weimar verpisst, wie Kühn und ich es in Stade in respektlosem sogenanntem Pennälerjargon gesagt hätten, denke ich, ich wäre am Hauptbahnhof ausgestiegen und hätte Frankfurt auf dem schnellsten Wege wieder verlassen Richtung Berlin, weil aber Goethe gegangen ist, ab durch die Mitte Frankfurt hinter sich lassend, konnte ich bleiben und den Hauptwachen-Tango tanzen, denke ich amüsiert und komme zur Ruhe und blättere im Eckermann. Achim der Privatgelehrte, denke ich ohne aufzublicken und lache. Dann denke ich: Ich werde die andere Richtung finden und Kühn aufsuchen. Ich werde zwölf Tage im soundsovielten Stockwerk wohnen. Achim Findelkind, denke ich und schreie vor Lachen. Capri ist eine schöne Insel, aber es existiert nichts so sehr wie Frankfurt. Mein Name ist Joachim Breitner. Mit all meinem Klumpatsch bin ich ein Kind des Glücks, ein Luftverpester. Die Sätze müssen enden und wirken.

Dann wird es kühl am Main und ich kehre zurück in den Soundsovielten und bleibe.

 

 

Kapitel 3

Kühn

 

Ein erster, ein zweiter Tag, ein dritter. Unstadt, denke ich und laufe und laufe und wühle im Hotelzimmer in meinem Klumpatsch zwischen alten Zetteln und Gedächtnisstützen, suche und finde und wähle die Nummer von Kühn und Partner und sage Doktor Breitner und werde durchgestellt und sage Breitner, ein Freund, und korrigiere mich und sage ein guter Bekannter und präzisiere Breitner, Berlin, sagen Sie Breitner, Berlin, und warte und werde durchgestellt, und Kühn lebt und fragt wo bist du, und ich sage Frankfurt, wo soll ich sein, und Kühn sagt du machst Witze, Frankfurt, und irgendwann sagt er beim Griechen um sieben, und ich wiederhole beim Griechen, und Kühn sagt Breitner, und ich sage ja, Kühn, Breitner, und Kühn sagt das gibt’s nicht, das gibt’s gar nicht, na sage mal, und ich sage: doch, Frankfurt, hier, also um sieben beim Griechen, deine Wahl erstaunt, nach sechsundzwanzig Jahren um sieben beim Griechen, und wir lachen, und um sieben reichen wir uns grinsend die Hand und packen zu und drücken und halten still und grinsen, und schon sitzen wir beim Griechen in der sogenannten Heiligkreuzgasse, und Kühn sagt, warum Frankfurt, und ich sage ich weiß nicht, warum ein Grieche, und dann sage ich: bestimmt deinetwegen, und dann lachen wir wieder, und Kühn sagt, Breitner du spinnst, was treibt dich hierher, ausgerechnet Frankfurt, und ich sage du hast recht, Kühn, wie immer, ich bin gar nicht da, nicht hier, es sind die frühen Achtziger, und wir sitzen beim Griechen in Stade, meinet- und deinetwegen beim Griechen in Stade, und wir feiern unseren Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied vom Deutschen Roten Kreuz Stade, Abteilung Krankentransport, und du sagst etwas unsäglich Beklopptes, wie ich finde, sage ich, wie zum Beispiel jetzt sind wir frei oder, etwas besser, das war das, aber du bist der große, schlanke, der strahlende Kühn, und ich bin der kleine, dicke, der nervige Breitner, und darum darfst du sagen jetzt sind wir frei und das war das, und hier ist nicht Frankfurt, sondern ein Nest in Elbnähe, und wir schaffen es gerade noch zum Griechenklo mit überschüssigen Anisbranntweinmassen im Magen und kotzen und kotzen ins Griechenklo, und Kühn lacht und sagt, bitte nicht, Breitner, von wegen Stade, hier ist Frankfurt, und ich sage ich bin gar nicht da, Kühn, im Grunde bin ich nicht da, und Kühn sagt, hör auf, Breitner, das hier ist ein sehr guter Grieche, der beste in Frankfurt, du musst lange suchen, um einen Griechen dieser Qualität zu finden, ich nehme an, du wirst bis Griechenland fahren müssen, und selbst dann ist es nicht sicher, nichts und gar nichts ist sicher, sagt Kühn, ich freue mich sehr, und ich sage etwas Floskelhaftes wie die Freude ist ganz auf meiner Seite, und Kühn sagt, du spinnst schon wieder, und ich sage ich hoffe, und Kühn sagt na bitte, jetzt sagst du es selbst, und ich schaue Kühn fragend an, und sage Kühn, du ewiger Wortverdreher, was empfiehlst du und Kühn sagt natürlich Fisch, und ich sage ich gehorche, wie immer gehorche ich und Kühn sagt seit wann denn das, Breitner.

Stade und Kühn, denke ich und bestelle einen besonders großen Wolfsbarsch, im Ganzen gegrillt, mit Thymiankartoffeln und einen namenlosen Kykladen-Landwein, Stade und Kühn bilden eine Einheit, wenn Stade, dann Kühn, denke ich, immer ist Kühn Stade gewesen, so wie Kühn heute Frankfurt ist, wie Kühn heute der trübe Main ist und die geleckte Paulskirche und der dumpfe, rote Dom und der Eiserne Steg und die trostlosen Türme und mein letzter guter Bekannter, so ist Kühn immer Stade gewesen, denke ich, der Stader Jahrgangsbeste Kühn, der mädchenumschwärmte Adonis und Stader Hoffnungsträger Kühn, der glänzende Kleinhanseat Herwig Kühn, der Elbfetischist Kühn, einer meiner vielen guten Stader Freunde, bevor ich wurde, was ich bin, denke ich. Einst der Stader an-Elbe-und Schwinge-mit-Breitner-Herumspazierer-und-darin-herausragende-aber-nicht-einzig-und-allein-seiender-Freund Kühn, denke ich, ist Kühn mittlerweile und ohne jede Übertreibung mein allerletzter guter Bekannter, im Grunde der allerletzte Bekannte überhaupt, der diesen Namen verdient und der mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren in Berlin-Kreuzberg das letzte Mal lebend gesehen und sich jetzt ohne zu zögern zu einem Treffen beim Griechen in Frankfurt bereitgefunden hat, möglicherweise in alter kleinhanseatischer Verbundenheit, trotz seiner möglicherweise nihilistischen, alles zermalmenden Frankfurter Maklertätigkeit der anderen Richtung, wie ich plötzlich denke. Der wahrscheinlich lediglich kriegsdienstverweigerungsantäuschende ex-krankenwagenfahrende ex-Stader ex-Freund und jetzige Restbekannte und Frankfurter Großmakler Kühn, denke ich und lache über eine von Kühn in selbstironischer Verzückung eingestreute sogenannte Zote mit großen Brüsten und schlaffem Schwänzchen und Stader Hintergrund, die gegenwärtig in Dortmund-Aplerbeck oder Köln-Deutz spielt, eine Test-Zote, wie ich vermute, die Welt, denke ich, ist eine Ansammlung sogenannter Zoten und Test-Zoten mit großen Brüsten und schlaffem Schwänzchen, selbst der Ritualmord ist bei näherer Betrachtung eine Art Test-Zote zur Bilanzierung des Menschlichen und Bedrohlichen schlechthin und der Begründung und Festigung von Heiterkeit in bewegter Zeit, die Erwartung der Nation gewissermaßen die Sehnsucht nach dem Aufgehen in der Zote selbst, das Einigende im Anzüglichen, der Ausschluss des Humanen aus dem Menschlichen, denke ich, und Kühn fragt, warum ein besonders großer Wolfsbarsch, und ich lache immer noch und sage er sättigt ungemein, Kühn, und dann lachen wir beide, das schlanke, große Mannsbild Kühn und der kleine dicke Breitner mit den Klodeckelpranken, Stade war ein guter Auftakt, sagt Kühn, warum nicht Stade, eine runde Sache dieses Stade, Stade hat alles vorbereitet, ohne Stade wären wir nichts, Breitner, ich habe früher oft an Stade gedacht, aber seit einigen Jahren denke ich vorwiegend an Frankfurt und halte mich für einen Frankfurter, der nur noch gelegentlich an Stade denkt, wäre aber doch nicht der Frankfurter, der ich bin, wenn Stade nicht Hort meiner Jugend gewesen wäre, sagt Kühn und wiederholt laut und überschwänglich Hort meiner Jugend und sagt trotzdem möchte ich nicht in Stade begraben sein, eine Urne mit meiner Asche soll nicht in Stader Erde versenkt werden, wenn ich sterbe, sagt Kühn, bevorzuge ich ein Grab in Frankfurt, allein schon aus praktischen Erwägungen sollte es Frankfurt sein, mein verlorener und wiedergefundener Breitner, der Frankfurter, sagt der verschmitzte Kühn, ist ein Praktiker, in Frankfurt regiert die Praxis, wohin du dich wendest, klare Linien und praktisches Herangehen, somit bin auch ich über die Jahre ein Praktiker geworden, der Stader ist ein Melancholiker, ein Bürger wider Willen, jemand wie du, Breitner, Berlin lässt die Menschen, wie sie sind, Frankfurt macht sie zu Praktikern, sagt Kühn, und wir lachen erneut, und Kühn sagt plötzlich Breitner, wie geht es dir, weißt du noch, wir sind in Kreuzberg in deinem Drecksloch und trinken und streiten über Dreck, und jemand mit Anzug und Aktenkoffer klingelt und sucht Herrn Breitner, Joachim, und ich brülle besoffen nehmen sie den da, ich bin unschuldig, sagt Kühn, es handelt sich, sagt da der Anzug unbeeindruckt, um einen Erbfall und nennt einen Namen und nimmt dich beiseite und tuschelt, und dann wirst du kreidebleich oder tust, als ob du kreidebleich wirst, wir trinken nicht weiter, sondern starren uns lange an, und ich frage was ist los, Breitner, und du sagst ich bin reich, Kühn, leck‘ mich am Arsch, richtig reich, und ich frage dich: und nun, Breitner, und du sagst, ich kaufe mir eine Villa und schreibe und reise bis die Schwarte kracht, das waren deine Worte, Breitner, sagt Kühn, der frisch gebackene Doktor, der rite-Doktor, irgendwas mit Soziologie und Nation, irgend so ein kapitaler Irrsinn, hilf mir, Breitner, sagt Kühn, und plötzlich der Anzug mit Aktenkoffer an der Drecklochtür, wieviel, frage ich, als der Anzug fort ist, Breitner, wieviel, und du sagst, ich habe es behalten, du sagst, was heißt wieviel, Kühn, mehr als ich in einem Scheißleben ausgeben kann, niemals, Kühn, sagst du, sagt Kühn, selbst der Kauf einer schwindelerregend teuren und lächerlich herrschaftlichen Villa wird nichts an der Tatsache ändern, sagst du, dass zehn Scheißleben nicht ausreichen, um die Asche durchzubringen, ich werde, sagst du, in einer Villa mit herrschaftlichem Arbeitszimmer vegetieren und erstaunliche Schriften verfassen, und du besuchst mich, Kühn, und wir trinken, sagst du, sagt Kühn, und besprechen das Weitere, wie wir schon bei unseren berüchtigten Elbspaziergängen immerzu das Weitere besprochen haben, erdacht und besprochen haben. Der frisch gebackene Makler, sagt Kühn, fährt nach Frankfurt zurück und der frisch gebackene Doktor zieht um in ein herrschaftliches Anwesen, acht Wochen später erreicht mich eine Postkarte, die Schlusspostkarte, wie ich heute rückblickend sagen muss, sagt Kühn. Hiermit möchte ich einen Wohnungswechsel anzeigen, lese ich und lache laut auf, meine neue Adresse lautet Branitzer Platz soundso, soundso Berlin, mit freundlichen Grüßen Dr. Joachim Breitner, Soziologe, handschriftlicher Zusatz: ich melde mich, immer noch hüte ich diese Postkarte wie meinen Augapfel, sagt Kühn, beruflich, als Makler, wenn du so willst, liebe ich den Postkarten-Breitner, zielstrebig, entschlossen, vermögend, sonst gefällst du mir besser als streunender Hund, schon in Stade mochte ich das Tier Breitner, sechsundzwanzig Jahre Schweigen, sagt Kühn, du warst dran, und du hast dir Zeit gelassen, und plötzlich bist du in Frankfurt, und die Drecksau in dir sagt deinetwegen, und jetzt sitzen wir beim Griechen, den ich dir immerhin unterjubeln konnte, und der Wolfsbarsch muss besonders groß sein, sag schon, sagt Kühn, warum bist du in Frankfurt, niemand verirrt sich absichtslos nach Frankfurt, und der Wolfsbarsch mit Thymiankartoffeln kommt, unser größter, sagt der Kellner schmunzelnd, und ich sage: aus purem Zufall, und Kühn sagt, du spinnst, Breitner, und Kühn hat recht, und ich sage Kühn, was soll ich sagen, natürlich hast du recht, ich bleibe bis ich es weiß im schönen Ort Nicht, dem Bekloppten schlägt keine Stunde, der Wolfsbarsch ist übrigens klein, und ich starre auf Kühns Bifteki, und Kühn sagt, keinen Ouzo dazu, wir sind nicht in Stade, wenn du durchaus das Essen zerstören möchtest, auf Stader Art, kommen wir allerdings an keinem Ouzo vorbei, ich bitte dich allerdings inständig, in dieser Beziehung Stade restlos hinter dir zu lassen, in dieser Gaststätte, wenn ich so sagen darf, habe ich einen Ruf zu verlieren, sagt Kühn fröhlich, ich habe es, rufe ich plötzlich aus, Frankfurt ist, Frankfurt ist, stottere ich, die Stadt vor dem Knall, und Kühn wiederholt spöttisch vor dem Knall und fragt und nach dem Knall? und sagt nun hör schon auf und schenkt Kykladen-Wein nach.

Keinesfalls eint Stade Kühn und mich, denke ich und esse schweigend, während Kühn über Frankfurt schwadroniert, die Stadt mit dem Eisernen Steg, wie Kühn lächerlich-verschwörerisch sagt, Kühn das Maklerungeheuer, wie ich denke, kennst du den Eisernen Steg, fragt Kühn, und ich nicke beiläufig, ein Produkt bürgerschaftlichen Engagements, sagt Kühn mit belehrendem Ton, Frankfurt, so Kühn über seinen Bifteki-Teller gebeugt, Frankfurt ist ein Symbol um ein Symbol, nämlich den Eisernen Steg, dreiundneunzig Jahre nach Goethes überstürzter Abreise aus Frankfurt und sechsunddreißig Jahre nach seinem kaum überstürzt zu nennenden Tod im Residenzdorf Weimar, sagt Kühn, der rechnende Bildungsbürger, wie ich denke, führt bürgerschaftliches Engagement zum Bau des Eisernen Stegs, der den Römerberg mit Sachsenhausen verbindet und die Alte Brücke entlastet, Ausgangspunkt und Ende einer touristischen Frankfurtbegehung ist seit seiner Erbauung der Eiserne Steg. Entgegen vorherrschender Meinungen über die Tätigkeit eines erfolgreichen Maklers, sagt Kühn, zeichnet den erfolgreichen Makler seine Weit- und Übersicht aus und sein Denken in langen Zeiträumen, daher begegne ich dem unverkäuflichen, knapp einhundertfünfzig Jahre alten Eisernen Steg, diesem Handstreich über den Main mit einer gewissen Ehrfurcht, sagt Kühn augenzwinkernd und beobachtet mein Esstempo. Vom Eisernen Steg ist immer und unter allen Umständen auszugehen, sagt Kühn, Bifteki-Kühn, Quatschkopp Kühn, wie ich denke, und lächelt, Stade, sagt Kühn und stutzt und beendet die Bifteki-Sitzung vor der Zeit, wie ich denke, während ich die Wolfsbarsch-Sitzung längst erfolgreich beendet habe, irgendetwas wollte ich über Stade sagen, aber ich habe den Faden verloren, jedenfalls hast du sechsundzwanzig Jahre gebraucht, um meinetwegen nach Frankfurt zu kommen, möge Stade wachsen, blühen und gedeihen, jetzt hab ich’s wieder, sagt Kühn, was uns verbindet ist das Denken in langen Zeiträumen, sechsundzwanzig Jahre, Breitner, sagt Kühn, du hättest Makler werden sollen, Kühn und Breitner, Breitner und Kühn, sagt Kühn, aber die blöde Soziologie hat dich abgehalten und der Erbfall und trübe Gedanken, du musstest eine Villa kaufen, die du nicht brauchst und reisen, wohin du nicht willst und unaufhörlich denken was dich nicht erbaut, du bist auf einer unaufhörlichen Reise des Denkens, wenn ich es recht bedenke, kann nur eine Krise des Denkens dich nach Frankfurt geführt haben, ich mache Spaß, sagt Kühn, aber eine Krise des Denkens ist gut, wer, frage ich dich, sagt Kühn und verlangt die Dessertkarte, kann sich schon eine Krise des Denkens leisten. - Wer, entgegne ich plötzlich verärgert, kann soviel Unsinn verzapfen wie Herwig Kühn und doch Glück und Wohlstand anhäufen, dass es einen bis nach Capri verfolgt, sage ich. Diesen Wolfsbarsch groß zu nennen, fahre ich fort, ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit, ein großer Wolfsbarsch ist ein großer Wolfsbarsch, er mag Lavráki heißen oder sonstwie, ohne die ebenso bescheidene Portion Thymiankartoffeln und ohne das sogenannte Gemüsebett wäre das Ganze geradezu eine, wenn auch wohlschmeckende, Zumutung, wie auch du und Frankfurt hochaufschießende, gelegentlich wohlschmeckende, gelegentlich aber geradezu übergriffige Zumutungen seid, besonders der Eiserne Steg, sage ich, einen absurden Schub guter Laune nur noch mühsam verbergend, ist das Paradebeispiel einer übergriffigen und angeberischen Zumutung und neuzeitlichen Anbiederung, der trübe dahinplätschernde Main, ereifere ich mich, nichts Halbes und nichts Ganzes, ein plumpes Gedöns und bloße Gehhilfe, das Goethehaus am Großen Hirschgraben, eine Verwünschung, eine pseudomuseale Zumutung im Schatten der Türme, der Kaiserdom, ein bloßer Krönungsbunker und eine schlichte Zumutung, sage ich, und du mitten drin, Kühn, einzig dem Städelmuseum gilt meine Hoffnung, bislang, sage ich, habe ich mir den Besuch des Städelmuseums, des hochgelobten und hochverehrten, regelrecht verkniffen, ich liege in meinem Hotelbett, starre die Decke an und verkneife mir Haare raufend nach dem, sagen wir, enttäuschenden Besuch der aseptischen Alten Oper, den Besuch des Städelmuseums, schließlich habe ich mein Hotelzimmer im soundsovielten Stock für zwölf Tage gebucht, wenn sich, sage ich, nun auch noch das hochgelobte und hochverehrte Städelmuseum als Zumutung entpuppen sollte, müsste ich meinen Besuch vorzeitig abbrechen, mir bliebe, sage ich rachelüstern, nur noch die Möglichkeit, auf dem schnellsten Wege die Krönungsbunkermetropole und Paulskirchenversammlungsstadt Frankfurt zu verlassen, um mich erneut für möglicherweise neun Monate ins Reichshauptstadtgetöse zu stürzen und dreizehn Zimmer am Branitzer Platz zu bewohnen, von denen nur zwei, sage ich, wirklich von mir benutzt werden, nämlich das ehemalige Arbeitszimmer und das halbvergammelte, Schrecken verbreitende, morbide Schlafzimmer, du hörst richtig, halbvergammelt und von einer inneren Morbidität, in der Erbfallvilla, die nunmehr seit sechsundzwanzig Jahren mir gehört und doch nichts Anderes ist als ein Kreuzberger Drecksloch, mein lieber Kühn, sage ich und schaue den fröhlich dreinblickenden und dessertkartenhaltenden Kühn erwartungsvoll an, der dem Kellner ein dezentes Kataifi Ekmek, zweimal, zuraunt. Zwei Menschen verbringen zwanzig Jahre ihres Lebens in Stade und kotzen gemeinsam ins Griechenklo, denke ich, während Kühn aber zweiunddreißig Jahre später dem dezenten Kellner ein dezentes Kataifi Ekmek, zweimal, zuraunt, erwägt Breitner einen vorzeitigen Abbruch des ungeplanten Krönungsbunkermetropolenbesuchs, die Unstadt Nicht und Kühn sind Zwillinge, denke ich, aber ich bin mehr oder weniger ein Findelkind, in Stade mehr oder weniger ein Findelkind, in Berlin ein an die Ufer der Spree sozusagen getriebenes Findelkind, auf meinen Reisen immer nur ein Findelkind, in Frankfurt ohne Abstriche ein alterndes, ein grotesk umherstreifendes Findelkind und nach Kykladenwein stinkendes Findelkind. Immerhin ist es Frankfurt, sage ich dem vor lauter Heiterkeit grässlich wiehernden Kühn und steigere seine Heiterkeit ins Unermessliche, indem ich sage: In Frankfurt hat alles eine Bedeutung. Vergleiche das spannkraftverheißende Bellen eines, sagen wir, schwarzen Königspudels mit dem typisch Frankfurter Namen, sagen wir, Bolle, auf dem ehrwürdigen Eisernen Steg mit dem speichellastigen Hecheln einer, nehmen wir an, namenlosen kurzatmigen Bulldogge auf dem Branitzer Platz, und du spürst den Unterschied, Kühn, sage ich, du spürst sofort das Spezifische Frankfurts, ich bin am Hauptbahnhof mit meinem ganzen Klumpatsch in der Hand vorbeigerattert, ich bin an der Hauptwache ausgestiegen, einen Eckermann unter dem Arm, ich bin herumgeirrt, ich habe den anderen Weg gesucht und überall und nirgends gefunden, sage ich, ich bin sechsmal um die Paulskirche geschlichen und habe den trüben Main das erste Mal auf dem stählernen Eisernen Steg überquert und habe ein Hotel am Rande der Innenstadt im Soundsovielten bezogen und habe Dummoper und Dummdom besucht und Dummtürme beglotzt und das Städel gemieden, um heute, sage ich, auf dem Weg zum Griechen bei der zirka elften Trübmainüberquerung das spannkraftverheißende lieblich hallende Bellen eines schwarzen Königspudels genau auf der Mitte des Eisernen Steges als beweislastiges Gegenstück zum Berliner Bulldoggenhecheln wahrzunehmen und als spezifisch zu erkennen, ohne den Wunsch aufzugeben, Frankfurt umgehend oder doch zumindest spätestens nach einem enttäuschenden Besuch des Städelmuseums zu verlassen und bin ratlos, und Kühn sagt: Bleib doch.

Ich mag Kühn, denke ich. Das Kühn-Geschwafel. Kaufen, verkaufen, vermitteln, anbieten, einstreichen, Kühn und Partner. Das nüchterne Frankfurt. Vom Eisernen Steg geht alles aus. Dessert hin oder her, das zu kleine Kataifi Ekmek kommt, denke ich, immer ist es ein kleiner Wolfsbarsch oder ein viel zu kleines Kataifi Ekmek, aus reiner Bosheit quält Kühn mich ungefragt in lächerlichen griechischen Gaststätten mit lächerlichen Portionen, ich leide unter lächerlichem Kykladen-Landwein, denke ich, ein vollgekotztes Griechenklo in Stade, ein zünftiger, geradezu militärischer Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied, damals waren die Portionen riesig, denke ich wehmütig, während Berlins Schlechtessen und Frankfurts Kleinstportionen in meinem Kopf einen, wie ich denke, sogenannten edlen Wettstreit austragen, konnte Stade mit der Massenhaftigkeit der angebotenen griechischen Hauptgerichte punkten, ich sehe Kühn und mich beim legendären Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied große Portionen verschlingen, ich höre Kühn während des Essvorgangs sagen heute steigt das große Stader Abschiedsfressen, Breitner, sei bereit, und zwei Stunden und dreißig Minuten später kotzen zwei Stader Friedensbewegte ins Stader Griechenklo, sodass, wie ich denke, es nicht mehr zum geplanten Abschiedsgang an Schwinge und Elbe kommt, immer sind unsere Pläne hinfällig, nie kommen wir ohne Pläne aus, und immer sind sie hinfällig, wir mögen wie jedes Jahr die in sehr unterschiedlichem Maße ansprechenden Städte Hamburg, London, Paris und Rom bereisen und uns wie jedes Jahr auf Capri die Wunden lecken, immer sind unsere Pläne am Ende hinfällig und grinsen uns sozusagen unverschämt an, denke ich, Frankfurt ist der Beweis für die Hinfälligkeit von Plänen, das Verharren auf dem Eisernen Steg geradezu ein Verharren in Hinfälligkeit, um Hinfälligkeit zu vermeiden hat der Dichterfürst seinerzeit, wie ich denke, Frankfurt verlassen, verlassen müssen, wie Kühn und ich Stade verlassen mussten, um etwas Luft zu schnappen, und nie wieder nach Kotz-Stade zurückgekehrt sind, dafür aber die Stinkkäffer Berlin und Frankfurt unsicher gemacht haben, in meinem Fall, denke ich, und bestelle ausdrücklich einen italienischen Espresso, in meinem besonderen Fall habe ich sogar Berlin sozusagen durch rein gedankliche Übungen unsicher gemacht und zwar durch die Erwartung der Nation und den Ritualmord, mein ehemaliges Arbeitszimmer ist von Anfang an ein Ort der Verunsicherung und der Unsicherheit gewesen, die ich auf die ehemalige Reichshauptstadt Berlin übertragen habe und sie auf mich übertragen hat, bis sie mir vor lauter abwägender Verunsicherung gewissermaßen gleichgültig geworden war, denke ich und übernehme die von mir sogleich so genannte Frankfurter Griechenrechnung. Wenn ich fragen darf, sagt der deutlich angetrunkene Kühn und bereitet so seine offensichtlich heikle Frage vor, du wirst sagen, so kann nur ein engstirniger Makler fragen, ein Frankfurter Bifteki-Makler aus Stade, und ich sage frag, und Kühn fragt Breitner, bitte, was tust du den ganzen Tag, und ich sehe Kühn und überlege und überlege nicht mehr und weiß und falte die Hände und winke dem Kellner und bestelle bitte doch noch zwei gute Ouzo für die Verdauung und sehe Kühn an und sehe ihn nicht mehr an und schaue mich um und erwäge und erwäge nicht und denke an Stade, den Erbfall und den Anzug mit Koffer und bemerke erst jetzt Kühns dunklen Anzug und die gelbe Krawatte und atme tief ein und aus und denke an Frankfurt und sage ich denke und höre meinen Herzschlag.

Herwig Kühn, altes Haus, sage ich, alte Maklersau, wolltest du sagen, sagt Kühn, als wir unschlüssig die Klingerstraße entlanglaufen. Seit Tagen schon Frankfurt, sage ich, und kein bisschen weise, sagt Kühn, wohin führt die Klingerstraße, frage ich, wohin alle Straßen führen, sagt Kühn, zu anderen Straßen, zu anderen Orten, sage ich ausdruckslos, am besten, du reißt alles ab, sagt Kühn und beobachtet mich, du Drecksau, sage ich, du Erbheini, sagt Kühn, halt die Fresse, sage ich leise, du magst die Menschen nicht, sagt Kühn, warum auch, sage ich, es gibt keinen triftigen Grund, immerhin, wir sterben gleichermaßen weg, sage ich, wir sterben weg und lösen uns auf, es ist alles ein gepflegtes Rätsel, sage ich, in Gedanken gehe ich in Berlin vom Branitzer Platz in die Kastanienallee zur sogenannten Reichsstraße, überquere den sogenannten Theodor-Heuss-Platz und gehe die fürchterliche Heerstraße Richtung Spandau bis ich müde werde und am Scholzplatz vor dem Jüdischen Friedhof einen Happen zu mir nehme, in Hamburg halte ich inne, in London, Paris und Rom lasse ich mich treiben, auf Capri lese ich und blicke über den Golf, in Frankfurt gehe ich zum Eisernen Steg und erwäge die Möglichkeiten, seit ich in Frankfurt bin, nutze ich den berühmten und, wie man sagt, von Malern aller Couleur gemalten Eisernen Steg über die träge Brühe Main, um die Möglichkeiten zu erwägen, und immer sterben wir gleichermaßen, denke ich. Von hier, von diesem Steg, sage ich und ernte ein Kopfnicken vom Frankfurter Immobilienhai Kühn, von hier ergibt sich sozusagen das sterbliche Frankfurt, sage ich, ich habe es gewusst, gleich nach meiner Ankunft, vor aller Augen, betrete ich intuitiv den Eisernen Steg, erwäge die Möglichkeiten und vergehe, berühre den Stahl und vergehe, sehe die Türme und vergehe und weiß doch nicht, was Frankfurt ist, nur dass Frankfurt sich sozusagen von hier ergibt, weiß ich, ohne zu denken, mein lieber Kühn, sage ich, ich sage Frankfurt und empfinde nichts, ich betrete den Dom und empfinde nichts, ich stehe auf einem der Türme und empfinde nichts, ich starre auf die sogenannte Paulskirche und empfinde ganz und gar nichts, ich betrete den sogenannten Römerberg und bin leer wie ein leeres vergilbtes Blatt Papier im ehemaligen Arbeitszimmer, ich wandere am Ufer der trägen Brühe Main entlang und bekomme Kopfschmerzen, ich kehre in mein stilles Kämmerlein im Soundsovielten zurück und starre über die Stadt bis zum Flughafen und empfinde nichts als den Gedanken wir sterben weg, allesamt sterben wir weg, mit oder ohne Klumpatsch, immerhin, sage ich, ich bestelle ein umfangreiches Menü aufs Zimmer und verschlinge alles in Rekordzeit, sage ich, ich bin ein schneller Esser, sage ich zu Kühn, aber in Frankfurt werde ich zum Rekordesser, den Wolfsbarsch habe ich in Sekunden eingeatmet, das Kataifi Ekmek habe ich, wie man sagt, weggelöffelt wie nichts Gutes, sage ich, im Soundsovielten nehme ich mir zwanzig Minuten für drei Gänge im Kämmerlein, nach zwanzig Minuten rufe ich an und sage Breitner hier, bitte abräumen und denke ans Wegsterben. Für Geld, sage ich, als Kühn und ich den Neuen Börneplatz passieren, wird in einem guten Hause jederzeit auf- und abgetragen, seit dem Erbfall bevorzuge ich Orte, sage ich, wo Geld die persönliche Beziehung zu einem Menschen vollkommen ersetzt, wobei ich jedesmal erleichtert zur Kenntnis nehme, wenn mein Geld zum Geld der anderen wird und mir dafür, beispielsweise, ein Stück Wirsingkohl den Schlund hinunterpurzelt und in meinen Innereien sein Unwesen treibt oder mich wohltuend labt. Ein Sonderfall ist Frankfurt, sage ich, als wir den Main erreichen, hier bin ich unfähig, mehr noch, Frankfurt gestattet es mir nicht, Erleichterung zu empfinden, obwohl ich Berlin ganz gleichgültig gegenüber stehe, empfinde ich doch am Branitzer Platz ebenso wie am Pariser Platz sozusagen eine gleichgültige Erleichterung den Dingen gegenüber, in Berlin, wie auch in Paris oder Rom ist durchaus ein langjähriges Vegetieren möglich, auch der Nichtsnutz, sage ich, wird verstanden, in Frankfurt tritt man dem Nichtsnutz wenn nicht gerade ablehnend dann doch mit Unverständnis gegenüber, dein Metier, sage ich zu Kühn, ohne eine Ahnung von Kühns Metier zu haben, ist trotz aller bedenklichen Eigenarten das Antinichtsnutzmetier, dein Anzug der Antinichtsnutzanzug, sogar das Schillerdenkmal, sage ich lachend, Kykladenweindünste abatmend, ist in Frankfurt ein Antinichtsnutzdenkmal, gehe ich über den Eisernen Steg, gehe ich sozusagen über den weit über die Grenzen der Stadt bekannten Nützlichkeitssteg, Frankfurt, sage ich, versucht, mich auszuspucken, aber ich klebe fest, Frankfurt kennt mich nicht, mit jedem Tag in Frankfurt kommen zwei Tage hinzu, die ich bleiben werde, Nichtsnutz Breitner zieht es nach Unstadt, nach Nicht, sage ich, in Frankfurt bin ich auf dem Wege neutraler Läuterung, sage ich, aber die Erleichterung fehlt, einerseits, es fehlt die Erleichterung, sage ich, einzig und allein das Städel könnte eine Art Erleichterung bewirken, aber jede Erleichterung gefährdet andererseits meinen meinen Aufenthalt, ich will mir den Besuch des Städelmuseums vorbehalten, sage ich, für einen besonders guten oder einen besonders schlechten Tag und mich mit sogenannten Kunstgenussmassen überhäufen.

Die Ahnung des Mains in der Dunkelheit, sagt Kühn, plötzlich nachdenklich, bewegt mich mehr als das Wissen um seine Wirklichkeit, Erbheini Breitner zu sehen, wiederzusehen, auf neutralem Boden in Frankfurt, ich hätte es nicht für möglich gehalten, ein guter Makler kennt die Möglichkeiten, sagt Kühn, auch die, die er schafft, aber deinen Frankfurt-Besuch habe ich als Möglichkeit ausgeschlossen, du bist verrückt, Breitner, sagt Kühn, jetzt wo du da bist, erscheinst du mir noch verrückter, sechsundzwanzig Jahre, sagt Kühn und lächelt, ich verzeihe dir, ich habe dir verziehen, ich sehe dich an, Breitner, und denke nicht wegsterben, sagt Kühn, selten denke ich in Frankfurt die Worte nicht wegsterben, wenn du es richtig anstellst, hörst du den Main um die Ecke schleichen, aber du musst hinhören, sagt Kühn, ich versuche es einzurichten, antworte ich, aber ich habe zu tun, die Erwartung der Nation und der Ritualmord, sind Kinder Berlins, hier in Frankfurt werde ich über die Liebe nachdenken, du hörst richtig, Kühn, Frankfurt ist der ideale Ort, dem Liebesgedanken nachzuhängen, ich fahre in den Soundsovielten und starre die Decke an und frage mich, was die Liebe ist, und wenn ich aufstoße, ist es der Wolfsbarsch, sage ich. Breitner, du Drecksack, sagt Kühn, du spinnst, du hast sie wirklich nicht alle, wenn du fertig bist, sag mir wie es war, die Liebe, Breitner, du bist verrückt, da, schau mal, der Steg.

 

 

Kapitel 4

Ute

 

Ich bin Ute begegnet, denke ich, ausgerechnet auf dem Eisernen Steg am elften Unstadttag begegne ich Ute, mitten auf dem Steg liest sie und blickt auf und liest, das Geländer im Rücken, und sieht mich wie ich sie sehe und liest und blickt auf und sieht mich mit einem schmutzigen Etwas unter dem Arm, dem schmutzigen Eckermann, dem eingesauten Eckermann, wie ich denke, und schaut und dreht sich zur Seite und wirft einen Blick auf den trüben Main und dreht sich zu mir, als ich dicht neben ihr stehenbleibe und zeigt mir ihre dunklen Augen, ihre kurzen, roten Haare, die schöne Bürste, wie ich sie augenblicklich nenne und spöttische, feine, tiefrote Lippen. Ich denke an Stade und Ausflüge nach Krautsand, ich sehe gewaltige sogenannte Ozeanriesen die Elbe bevölkern, ich sehe Frankfurts Türme in den Himmel wachsen, ich spüre den Eckermann unter dem Arm und sehe ein Buch in schmalen, wohlgeformten Händen, ein Svevo, tatsächlich ein Svevo, wie ich denke, tatsächlich das herrliche Werk Zenos Gewissen und sage Gnädigste strahlen so, was darf ich melden und höre wie sie antwortet: Melden Sie, Gnädigste geruhen Seine Durchlaucht zu erblicken.

In Gedanken beginne ich erneut in Berlin meine Reise, die mich wie jedes Jahr über Hamburg, London und Paris nach Rom führt und auf Capri endet, von Neapel nehme ich ein Flugzeug nach Frankfurt, weil ich niemals, wie ich denke, auf direktem Wege, sondern nur auf sehr umständlichen und geradezu verschlungenen Pfaden nach Berlin zurückzukehren pflege, mehr noch, statt unverzüglich, wie geplant, in Frankfurt den nächsten Zug ins sogenannte brodelnde Berlin zu nehmen, steige ich an der Hauptwache aus, beziehe ein Hotelzimmer im Soundsovielten mit Ausblick, irre tagelang durch die Stadt, treffe sogar Makler Kühn, den allseits mit Hingabe Angekommenen, wie ich hämisch mit schlechtem Gewissen denke, und stehle mich mindestens zweimal täglich über den Eisernen Steg, einzig und allein zu dem Zweck oder jedenfalls mit dem Ergebnis, am elften Tag Ute ebendort zu treffen und die Worte Gnädigste geruhen Seine Durchlaucht zu erblicken zu hören und in Gedanken meine Reise erneut und diesmal ahnungsvoll zu beginnen, bis ich auf dem Eisernen Steg über dem trüben Main durch eine sogenannte unerwartete Begegnung in meinen, wie man sagt, Grundfesten erschüttert werde und so weiter und so fort und schließlich anlange, wo ich anlange und stehe, wo ich stehe. Mein Name ist Joachim Breitner, denke ich, soll ich, denke ich, lachen, Frankfurt das Lachopfer bringen, Steg und Fluss fordern ein Lachopfer, denke ich, mein Name ist Joachim Breitner mit den großen Pranken, während beispielsweise Kühn, der hochgeschossene Herwig Kühn, der zupackende Frankfurter Makler und Ex-Stader Herwig Kühn mit geradezu winzigen, ja in gewisser Weise sogar, wie ich mit gebieterischer Niedrigkeit zu denken bereit bin, mit nichtigen Händen daherkommt, bin ich mit großem Aplomb und aasiger Fresse der lachende Pranken-Breitner, klein aber oho, der lachende Pranken-Breitner vom Eisernen Steg, denke ich, ist sich nicht zu schade, die Worte klein aber oho zu denken, es muss Frankfurt sein, nur in Frankfurt lassen sich die Worte klein aber oho denken, denke ich, es muss das vorwitzige und auftrumpfende Frankfurt sein, plötzlich ist es das vorwitzige und auftrumpfende Frankfurt, mein Name ist Joachim Breitner, durch einen Erbfall begünstigt wohne ich am Branitzer Platz in Berlin, ich bin direkt aus dem völlig zutreffend und durch mein Verschulden so genannten Kreuzberger Drecksloch direkt an den überaus herrschaftlich daherkommenden und doch wiederum in seiner Gewöhnlichkeit ekelerregenden Branitzer Platz gezogen, wo ich seit nunmehr sechsundzwanzig Jahren hauptsächlich im ehemaligen Arbeitszimmer ein, wie man sagt, karges Dasein friste und fast täglich die laute, stinkende Heerstraße entlang bis zum Scholzplatz und dem Jüdischen Friedhof einen sogenannten Sinnzusammenhang weit spazieren gehe, bis ich umkehre und meinen geordneten Rückzug in die heimischen Katakomben antrete, wo ich, völlig erschöpft, einen oberflächlichen Schlaf schlafe und quälende Träume träume und auf den Morgen warte. Wäre die Hoffnung auf den Morgen nicht, ich stürbe, denke ich. Rote Bürste mit dunklen Augen, rote, feine Lippen, das Strahlen, dieses gleißende Strahlen, alles gelingt der strahlenden Kraft, denke ich, immer noch lachend, den Eckermann jetzt in der linken Pranke, die rechte in Warteposition, das minimale wirkliche oder nur vorgestellte Vibrieren der Brücke mit den Beinen minimal federnd parierend, und sie sagt Hallo, ich bin Ute und ich antworte mit einem unsäglichen Breitner, angenehm und ergreife mit der freien Pranke so gut ich kann ein Paar schmale, wohlgeformte Hände und ein Buch, das Gegenbuch, wie ich denke und schüttele alles mit blöder Tollpatschigkeit und sie fragt Komma und wie weiter, und ich sage aufgeregt, wir werden Frankfurt erobern und leben und sie sagt ruhig, ganz ruhig und freundlich: Ich meine den Vornamen und fügt hinzu: Herr Breitner, Sie haben große Hände.

Berlin, denke ich und verzeihe Ute umgehend, weiterhin lachend, der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin stehe ich durchaus gleichgültig gegenüber, aber Frankfurt muss man gesehen und erlebt haben, man mag über Frankfurt geteilter Meinung sein, und doch versäumt derjenige Wichtiges, der Frankfurt sozusagen links liegen lässt und sich somit eines Eindruckes beraubt, den zu haben und gehabt zu haben die Weltkenntnisetikette geradezu erfordert, während die Weltkenntnisetikette die Kenntnis der ehemaligen Reichshauptstadt aus gutem Grund zu vernachlässigen erlaubt, wie ich hingerissen denke. Frankfurt, denke ich und erkunde Utes große, dunkle Augen, die ehemalige Freie Reichsstadt Frankfurt bietet dem umherziehenden, umhertollenden Bürger und Freien Denkanstöße in Hülle und Fülle in, wie man sagen muss, verwertbarer Portionierung und unaufdringlicher Fülle, einzigartig in dem manchmal verklausulierten Wunsch der Metropole nach Weltgeltung und lässig in ihrer Haltung allem Irdischen und somit Vergänglichen gegenüber. Zufrieden und voller Tatendrang gebe ich Utes Hände und das von mir so genannte Gegenbuch frei und warte. Wen die Weltstadt ins Herz schließt, denke ich, mag nicht von ihr lassen, Frankfurt gewährt dem Strauchelnden Zuflucht, Frankfurt spendet Zuversicht, Frankfurt führt Buch, denke ich und stutze, Frankfurt warnt, Frankfurt krächzt, Frankfurt kennt seine Pappenheimer, warum denke ich Frankfurt kennt seine Pappenheimer, denke ich, Frankfurt ist ahnungslos, ich heiße Joachim Breitner und bin in einen Erbfall verstrickt, der mich auf Umwegen nach Unstadt geführt hat, der mich sozusagen mittels eines langen Anlaufs, mittels eines außerordentlich langen Anlaufs nach Unstadt, in die schöne Stadt Nicht geführt hat, wo mir mittels einiger geschickter Handgriffe des Schicksals, wie ich denke, die rotbürstige Ute in die Arme getrieben wird, von wo ich sie, wie ich von einem Moment auf den anderen denke, nicht entkommen lassen werde, unter keinen Umständen, wie ich trotzköpfig denke, ich werde sie keinesfalls aus den Augen verlieren, ich werde sie zu gemeinsamen Plänen bewegen, ihr ein Denken abringen und nahelegen, das weit in die Zukunft ragen und Hamburg, London, Paris und Rom sowie Capri einbeziehen wird, aber jetzt will ich sagen, was zu sagen ist, ich ringe mit Worten, wie ich immer mit Worten gerungen habe, schaue Ute an und ringe und platze unvermittelt, der dicke, kleine Breitner platzt mit Worten heraus, als er fragt: Gewähren Gnädigste einen Tanz ins Ungewisse, und Ute fragt kokett, ist siebzig gewiss oder ungewiss, und ich sage erstaunt Breitner, Joachim, dreiundfünfzig, und sie sagt hinreißend unverschämt Breitner, sehr gerne Breitner und was willst du einmal werden, Breitner? und ich weiche aus und sage Cohn, ein Name mit Geschichte und Ute sagt: wessen.

Würde, denke ich, was ist das, das sogenannte Leben in Würde und starre an Ute vorbei in den trüben Main und spüre meinen Herzschlag, mitten auf dem Eisernen Steg spüre ich meinen Herzschlag und höre mich atmen und denke und mache Vorschläge und stelle Fragen und schlage einen Griechen in der Heiligkreuzgasse vor und Ute bejaht, zum ersten Mal lausche ich Utes Bejahen und wir verlassen den Eisernen Steg und gehen und gehen und ich sage Berlin um nicht Stade zu sagen und sie sagt Frankfurt und ich lobe die Stadt und Ute sagt meine, und ich sage right or wrong, und Ute denkt nach und sagt nein, niemals, und es gibt Kataifi Ekmek und zwei große Wolfsbarsche im Ganzen gegrillt und Kykladen-Landwein, und Ute sagt Dinge wie Svevo wird unterschätzt, und ich sage Svevo, der Lorbass oder wie wir alle.

Ich mag Frankfurt, denke ich.Wir treiben durch das All auf der Suche nach Schnörkellosem, denke ich, und finden die Leere, wir begegnen uns im wortreichen Strom der Zeit und scheitern an den Begriffen, wir begegnen uns selbst, und schrecken zurück, endlich sehen wir wohlgeformte Hände, ein tiefenschönes Gesicht, und staunen. Wir leben und müssen es hinnehmen, zu keiner Einsicht gelangen wir ohne Abschied, wir drohen über den Tellerrand ins Bodenlose zu stürzen, nahezu täglich gehe ich in Berlin vom Branitzer Platz über die Kastanienallee Richtung Theodor-Heuss-Platz und quere dabei die sogenannte Reichsstraße, bis ich, von unablässiger Denktätigkeit längst niedergewalzt, die fürchterliche Heerstraße erreiche, der ich bis zum Scholzplatz folge, ohne einen sogenannten Blick über den Tellerrand getan zu haben, nahezu täglich kopfschmerze ich durch die fürchterliche Heerstraße, kopfschmerzend erreiche ich den Scholzplatz und nehme einen Happen in einem Wirtshaus am Jüdischen Friedhof und erkenne nichts, gar nichts, Nulllinie Breitner, denke ich, zurück am Branitzer Platz kauere ich im ehemaligen Arbeitszimmer und warte auf sogenannte bessere Zeiten oder das Sturmklingeln des Hausmeisters am Morgen, des verlässlichen, des zupackenden Hausmeisters, der Treppenstufen auszubessern hat, ein Fenster neu verkittet, die knarrende Eingangstür ölt oder den Gartenzaun streicht, damit ich sorgenfrei bin, und in der Lage, wie ich jetzt denke, in der sogenannten Goethestadt ein tiefenschönes Gesicht zu erblicken und formvollendeten Händen meine Aufwartung zu machen und zu sagen Svevo der Lorbass oder Gewähren Gnädigste einen Tanz ins Ungewisse. Reich zu sein bedarf es wenig, denke ich, als wir beschwingt den Griechen Richtung Römer verlassen, die Hüterin der Bücher im Ruhestand Ute, wie ich jetzt weiß und der ewige Ruheständler Breitner, wie sie jetzt weiß, denke ich, Goldjunge Breitner vom Fischmarkt Stade. Man höre im Kreuzberger Drecksloch ein Klingeln und empfange einen Anzug mit Koffer und unterschreibe Papiere über Papiere und lasse den Dingen ihren Lauf, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, wie ich plötzlich zusammenhangslos denke und füge, völlig aus der Bahn geworfen, hinzu: Der ewige Ruheständler Breitner und die strahlende rote Bürste im Ruhestand mit den formschönen Händen Ute vergeben ihren Schuldigern und wiederhole es laut und stehe mit Ute mitten auf dem Römer im schönsten Sonnenlicht und scherze, und Ute sagt, als wären wir uralte Freunde aus uralten Zeiten du spinnst Breitner und ich sage ich wanke.

Erst jetzt sehe ich ihr buntes Sommerkleid, mitten auf dem Römer lacht mich ihr buntes Sommerkleid an, Svevo sage ich betont abfällig, Eckermann, antwortet sie gespielt angewidert, sechsmal, sage ich und sage los, und wir umrunden die Paulskirche, die dumme, dumme Paulskirche, wie ich denke, die hochverehrte Halt-die-Fresse-Paulskirche, den Paulskirchenverschlag, und rasen hinunter zum trüben Main, mit einem sogenannten Affenzahn, Affenzahn-Ute geruht zu pesen, denke ich, Ute, der geölte Blitz, gefolgt von Drecksack Breitner von der traurigen Gestalt. Mir bleibt die Luft weg, immer bleibt mir die Luft weg, ich kann nicht mehr, rufe ich, von wegen klein aber oho, denke ich, ich verzeihe dir, ruft Ute und küsst mich und flüstert du bist ein Wrack, Breitner, was mache ich nur mit dir. Und Breitner, höre ich, als ich beschließe, meine Zelte im gemochten Frankfurt, im verehrten und geliebten Frankfurt, wie ich denke, aufzuschlagen, mein Übergangsheim, mein Zwölftagekämmerlein zu verlassen und ein seit Tagen ins Auge gefasstes Luxushochhausteuerapartment mit Concierge-Service und Hotelanbindung am südlichen Mainufer mit Türmeblick auf auf unbestimmte Zeit anzumieten und die Worte dort will ich wohnen denke: Und Breitner, du hast wirklich sehr große Hände.

 

Ich bin, denke ich und starre im Soundsovielten zum soundsovielten Mal die Decke an, ich bin Breitner, das Tier, Breitner, das wilde, wilde Tier, mit allem und immerzu meine ich mich, wie es einem Tier zusteht, wie es der Drecksau Breitner zusteht, wenn ich Stade sage, meine ich mich, wenn ich Kühn sage, meine ich mich, wenn ich Frankfurt sage, meine ich mich, wenn ich südliches Mainufer und Luxushochhausteuerapartment sage, meine ich zuallererst und vor allem mich. Sogar wenn ich über den Eisernen Steg schleiche mit dem verschmutzten Eckermann unter dem Arm und die Worte das freche Luder mit dem Buch deckenstarrend im Zimmer denke, meine ich höchstselbst mich, während die tiefenschöne Svevo-Tante Ute, wie ich sie nenne, der Mensch Ute, durchtrieben und mit allen Wassern gewaschen den Steg Steg, den Main Main und das Goethehaus Goethehaus nennt, mich allerdings mit den Worten Breitner mit den großen Händen wiederholt durch den sogenannten Kakao zieht, aber damit, wie ich zugeben muss, virtuos den Punkt trifft, den Breitnerpunkt, wie ich denke. Ute und ich werden ein Paar, denke ich. Vielleicht werden Ute und ich ein Paar. Alles läuft darauf hinaus, dass wir uns in rasender Geschwindigkeit zu einem sogenannten Paar entwickeln, im Grunde sind die beiden Teilnehmer der Veranstaltung, wie ich denke, schon auf dem Eisernen Steg augenblicklich zu einem Paar geworden, spätestens die von Ute im Anschluss so bezeichnete herrliche Schüttelaktion, hat uns zu einem sogenannten Paar gemacht und wird von nun an, wie ich deckenstarrend im Zimmer denke, Unzertrennlichkeit walten lassen, zuhauf werden sich in Zukunft Gründe ergeben, Unzertrennlichkeit walten zu lassen, mit allen uns zu Verfügung stehenden Mitteln werden wir Unzertrennlichkeit walten lassen, Gnädigste erregen Durchlaucht außerordentlich, habe ich essbegleitend beim Griechen zu sagen gewagt, denke ich, essbegleitend zu Kataifi Ekmek habe ich gewagt, meinem außerordentlichen Erregungszustand Ausdruck zu verleihen, der Sinn Frankfurts besteht möglicherweise, wie ich deckenstarrend im Soundsovielten staunend zusammenfasse, in der Wahrnehmung eines in dieser Intensität unbekannten Erregungszustandes und dem furchtlosen Hinausposaunen desselben beim jetzt so zu bezeichnenden Stammgriechen in der sogenannten Heiliggeistgasse. Ute und ich werden, Ute und ich sind ein Paar, die rote Bürste mit dunklen Augen und die großen Pranken werden ein Paar wenn sie es will, wenn sie es will, werden wir zu einer sogenannten Liaison voranschreiten, was geschieht, geschieht, in einem bunten Sommerkleid auf dem Eisernen Steg und in einer jahrzehntealten beigen Cordhose aus Kreuzberger Dreckslochtagen werden wir den Paarschwur leisten, denke ich. Wenn sie es will, verleben wir herrliche Zeiten im Schatten der Türme, die erregende Ute mit dem tiefenschönen Gesicht und Kotzbrocken Breitner, denke ich amüsiert, die Lady und das Tier. Seite für Seite verbrenne ich in Gedanken meine verschollene Rite-Rotz-Drecksdissertation Die Erwartung der Nation in der Soziologie und denke im Soundsovielten erleichtert die Worte Joachim Breitner scheißt auf die Drecks-Erwartung des Dachschaden-Nationalen in der Schreckens-Soziologie. Die Dinge, denke ich, entfalten ihre Wahrheit, werden wahr, wenn es auf sie ankommt, kommt es auf die Erwartung an, denke ich, wird die Erwartung zur Drecks-Erwartung, wie festzustellen ist. Kommt es darauf an, wird alles Nationale zum abgefeimten Dachschaden, wird die Soziologie auf die Probe gestellt und soll ihren sogenannten Mann stehen, wie ich unzweifelhaft mit Blick auf die sogenannten dunklen Jahre festgestellt habe, wird sie zur Schreckens-Soziologie, denke ich deckenstarrend, wer die Nation erwartet, erwartet den Schwachsinn, wer auf das Nationale setzt, befördert den Schwachsinn, wer den Dreck will, will ihn ganz. Goethe sagt, denke ich, keinesfalls am Arsch sondern nachweislich im Arsch, trotzdem ist das Am in aller Munde, denke ich und lache die Decke an, während das Im nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm gebührt, am Arsch ist etwas deutlich Anderes als im Arsch, am Main mit Ute geradezu das Gegenteil von im Main mit Klumpatsch und Eckermann, wie ich seelenruhig denke. Mit meinem gesamten Klumpatsch werde ich morgen nach Durchführung einiger lästiger Telefonate von der Zelle aus handstreichartig den Eisernen Steg Richtung Sachsenhausen überqueren, um ein Luxushochhausteuerapartment mit Concierge-Service und Hotelanbindung am südlichen Mainufer auf unbestimmte Zeit glücklich zu beziehen und anschließend die erregende siebzigjährige ehemalige Hüterin der Bücher Ute mit der roten Bürste vor dem sogenannten und weltweit bekannten Städelmuseum in die Arme zu schließen, wenn sie es will und es sich nicht anders überlegt, nachdem sie Svevo zu Ende gelesen hat, wie ich denke, ich wünsche mir, denke ich, wiederum ein tiefenschönes Gesicht, schmale, wohlgeformte Hände und spöttische, feine, tiefrote Lippen und werde Dinge sagen wie ich bin umgezogen oder jetzt lebe ich in Frankfurt oder wenn du willst, besuch mich in meinem neuen Luxushochhausteuerapartment oder du erregst mich, Ute, wohin gehen wir. Deckenstarrend erwarte ich das gleißende Licht in stockfinsterer Nacht, denke ich, erregt genieße ich die Stadt und denke peinlich berührt die Worte: Frankfurt ist mein, mir wird nichts mangeln. Ich habe Stade geliebt und bin gegangen, denke ich, in Berlin gehe ich bis zum Scholzplatz und kehre um. Wie weiter, sage ich, wenn Durchlaucht es wünschen, sagt Ute zum Abschied, sehen wir uns wieder.

Ich schließe die Augen. Ein sogenanntes Leben, denke ich, geht dem Erbfall voraus, aber der Erbfall ändert es. Ein sogenanntes Leben findet statt und vergeht, wie der Erbfall ebenfalls beweist, und führt, wie im Fall Joachim Breitner zur Aufgabe des Kreuzberger Dreckslochs und dem Kauf einer vermaledeiten Villa am Branitzer Platz ohne Sinn und Verstand, das sogenannte Leben beginnt und endet, wie ich denke, ohne jeglichen Sinn und Verstand, wir machen den Fehler, den Würgemalen unserer Existenz einen sogenannten Sinn unterzuschieben, wie auch der Ritualmord einen Sinn beansprucht, der indes nur als untergeschobener Sinn Geltung beanspruchen kann wie die Reinhaltung des Drecks oder die Reinhaltung des vermaledeiten Lebens. Ich stehe an der Elbe und warte, ich stehe am Themseufer und warte, ich schaue auf Seine und Tiber und warte, ich stehe auf Capris Klippen, erwäge und verwerfe eine Selbsttötung und warte und verfluche das vermaledeite Leben ohne Sinn und Verstand. Der Ritualmord, denke ich, ist der Kindergarten des Lebens, mordend begegnen wir Langeweile, mordend stellen wir Einvernehmen her, wir beschwören mordend die sogenannte Reinhaltung des Drecks, die Liebe erschwindelt die Liebe, denke ich, seit ich in Frankfurt meiner Wege gehe, wie man sagt, versuche ich der wahnwitzige Liebe erschwindelnden Liebe auf den Grund zu gehen, ich steige an der Hauptwache aus und denke über die Liebe erschwindelnde Liebe in ihrer ganzen Wahnwitzigkeit nach, ich erwache nach schweren Träumen im Soundsovielten und sinniere sogleich über die Liebe erschwindelnde Liebe, ich steuere den Eisernen Steg an und erwäge den wahnwitzigen Schwindel der sogenannten Liebe, sogar in der Sicherheitsschleuse des von mir wieder und wieder besuchten Museums Judengasse muss ich vor konservierten Mauerresten an die Liebe erschwindelnde Liebe im Zeichen der Wahnwitzigkeit denken, denke ich mit geschlossenen Augen in meinem nunmehr nachtdunklen Übergangsheim im Soundsovielten, ich gehe in Gedanken mit meinem alten Bekannten Kühn nach sechsundzwanzig Jahren zum Griechen und überdenke anschließend die Eigenheiten vermaledeite Liebe erschwindelnder Liebe, bevor, wie man sagt, ein unruhiger Schlaf mich übermannt und ich immer noch volle acht Tage davon entfernt bin, Gnädigste kennenzulernen, noch volle acht Tage dauert es, vom Zeitpunkt des Verzehrs eines vermeintlich großen Wolfsbarsches gerechnet bis zur Wiederholung der Tat in veränderter Besetzung und dem Beginn des Utismus, volle acht Tage der Betrachtung des von mir so genannten Liebesschwindels im Wandel der Zeit, flaumweiche, dahinziehende acht Tage, bis Gnädigste auf dem Eisernen Steg dunkeläugig den niemals vorher so genannten Pranken-Durchlauchtismus auszurufen sich bereit erklären und der Liebe erschwindelnden Liebe ein Lager bereitet, wie ich weit nach Mitternacht mit geschlossenen Augen wachend denke, Breitner unterliegt Liebesschwindel, glaube ich in leuchtenden Neonlettern am Frankfurter Nachthimmel zu lesen. Für Breitner kommt jede Rettung zu spät, steht da, Frankfurt leuchtet, kein Geistlicher hat ihn begleitet, wir fahren, wohin wir fahren, ein strenges Glück. Aber da schlafe ich schon.

 

Früh am Morgen erwache ich und ängstige mich. Im Soundsovielten verstaue ich meinen Klumpatsch und nehme den Fahrstuhl. Ich stehe am Empfang wie vor zwölf Tagen. Ich sage: ich ziehe um. Ich reiße mich zu den Worten hin: Sie sehen, ich habe das Geld. Ich nehme ein Taxi zum Eisernen Steg. Ich überquere den Main mit Klumpatsch und Eckermann. Ich erwäge in aller Eile eine Selbsttötung und verwerfe sie flüchtig. Ich gehe am südlichen Mainufer entlang. Ich begrüße den Concierge Gerken, und nehme den Fahrstuhl. Ich beziehe das Luxushochhausteuerapartment und betrachte die Türme. Ich bekomme Kopfschmerzen und warte, bis sie vergehen. Ich summe ein Lied und verstumme. Ich denke den Namen Ute. Ich bestelle ein Frühstück und nehme ein Bad. Ich beschließe, nie wieder Frankfurt zu verlassen und denke die Worte: Es ist absurd. Ich schaue auf meine Pranken. Ich schreibe einen Brief und schicke ihn per Boten an eine Adresse, die mir nichts sagt, nichts sagen soll: Falls etwas ist.

 

Frankfurt, jetzt

Liebe Ute,

was du mir bist -

 

Die Fürstin

Fernab über Gipfeln ist Ruh'
kein Wipfelhauch

und noch dazu
ein Schweigen im Wald.
Ach fühl ich mich alt
vom Warten.

Und endlich kommst du.


 

Bis gleich,

Breitner.

 

Ich nehme den Fahrstuhl. Ich nicke Gerken zu. Ich gehe zum Main und denke.

 

 

Kapitel 5

Der Main

 

Einmal Frankfurter, beginnen die Lügen, denke ich. Wir wünschen uns Glück und lügen, denke ich, wir behaupten wieder und wieder Unwahres über uns und andere und brüsten uns sogar damit, wir drehen uns ziellos im Kreis und betrügen uns selbst, wir sagen: der trübe Main und sind doch selbst trübe Gestalten bis zur Unkenntlichkeit, wir reden falsch Zeugnis wider unseren Nächsten und wider uns selbst und verbergen unsere Abgründe hinter galanten Phrasen der Niedertracht, und über allem thronen die Türme. Der lügt, der behauptet, er lüge nicht, denke ich, die lügt, die uns weismachen will, sie rede der Liebe das Wort und müsse daher obsiegen im Angesicht der Liebe. Wozu eine Regung, ein Wort, ein Lächeln, denke ich und bemerke einen Anflug von Kopfschmerzen, die Lüge weiß es, niemandes Regung, niemandes Wort, niemandes Lächeln, ohne das sogenannte Wissen und Zutun der immerwährenden Lüge, jeder barmherzige Kuss ein Aufsagen des Lügeneinmaleins, jeder Schwur ein Potpourri der Lügen, der trübe Main ein Lügenbaron, ein Hort der Unwahrheit, wie ich denke, eine Irreführung, ein schauriges Tier, wie Breitner, wie ich. Wie der Main, so die Lüge, denke ich, den Main betrachtend. Lügt der Frankfurter und behauptet die Unwahrheit, folgt er unwillkürlich dem Main auf seinem von mir so genannten Lügenweg durch Dreck und Dumpfheit auf Schritt und Tritt. Wir treiben Schabernack und überqueren den Main in diese und jene Richtung, die Lüge im Hinterkopf, die pochende Lüge im Hinterkopf, denke ich, überall brodelt die Lüge, im sogenannten trüben Main ebenso wie auf dem Eisernen Steg. Fragen wir einen Frankfurter nach diesem und jenem, hören wir Lügengeschichten am laufenden Band, hören den typischen Frankfurter Sing-Sang, das typische Frankfurter Gerede und Gestammel, lauschen wir dem trüben Flussspektakel, hören wir zuallererst das verlogene Stammeln des Flusses. Befragt nach unseren Eindrücken als sogenannter Neufrankfurter lügen wir und sprechen vom lieblichen Main und vom romantischen Eisernen Steg und empfinden bestenfalls Gleichgültigkeit und das Rinnen einer zähen Molke zwischen sogenanntem Römer und dem von mir so genannten Sachsenhausen-Desaster. Sonne, Mond und Sterne lügen, denke ich grübelnd am Mainufer, wenn sie zwischen sogenanntem Römer und innerlich und äußerlich entkerntem Sachsenhausen Frankfurt zu unverdienter Geltung verhelfen und dem Main Schönheit einhauchen, wo keine Schönheit ist, Geheimnisse vortäuschen, wo kein Geheimnis je seinen Ort hatte, oder ein Funkeln herreichen, wo, wie ich plötzlich denke, nüchtern betrachtet, zähe Molke sich in sogenanntem weiten Bogen durch vergiftetes Erdreich fräst. Der Dichterfürst, denke ich respektlos, hat den richtigen Riecher, als er dem Lügenkaff Frankfurt entsagt und in einem anderen, dem Residenzlügenkaff Weimar sozusagen dicke Backen macht, ohne auf die Lüge als solche zu verzichten. Vielmehr gelingt es dem verehrten Schlitzohr, die Lüge in für ihn angenehmer Weise zu verdoppeln und der Lüge der sogenannten Messestadt nun zur Erweiterung seines und unseres Horizonts die Residenzkafflüge hinzuzufügen und zunächst in seinem Lustschuppen an der Ilm und sodann in seinem Frauenplanverschlag beide Lügen, wie ich denken muss, majestätisch zusammenzufügen und wechselseitig clownesk übereinanderzuschichten und überdies weitere Formen der Lüge in sein hochfliegendes Werk und Leben einzuarbeiten wie die Geheimratslüge, die Ministerlüge, die Mineral- und Farbenlüge, nicht zu vergessen die größte aller Lügen, die Repräsentationslüge. Um nicht Lüge zu sein, um nicht, wie ich schwermütig am Südufer stehend denke, in der Lüge zu schwimmen, müsste der Main sich selbst überqueren, er müsste, stelle ich erschrocken fest, Fluss und Brücke zugleich sein, also nicht nur er selbst, sondern etwas außer ihm und somit außerhalb seiner Möglichkeiten. Die trübe Brühe lügt, aber sie schützt, die zähe Molke unter dem Eisernen Steg schützt den Main in seinem Sosein und, wie ich verwirrt denke, vor seinem Sosein, wie auch Alt- und Neufrankfurter von der Lüge in ihrem Sosein und vor ihrem Sosein und ihrer dumpfen Wahrheit als Unstädter geschützt werden, wie auch der Dichterfürst ohne die Lüge und sein doppelt geschütztes Sosein kaum sein dreiundachzigstes Jahr erreicht hätte, denke ich erleichtert, wie auch das schaurige Tier Breitner ohne die Lüge und sein auf diese Weisen geschütztes Sosein nie und nimmer sein dreiundfüngzigstes Jahr erreicht hätte, vielleicht gerade sein sechsundzwanzigstes oder gerade einmal siebenundzwanzigstes und dann, wie man sagt, von der Bildfläche verschwunden wäre und zwar ganz und gar in breitnerscher fülliger Vollständigkeit, wie man sagen muss, wie in Ermangelung gegenteiliger denkbarer Annahmen gesagt werden muss, wie ich denke. Das schaurige Tier Breitner und die trübe Brühe Main sind eins, Breitner zum Fluss, der Main zum Tier geworden, ergäben sie einander deckungsgleich und befreit von Überresten der Ungleichheit vollständig in der Lüge. Dem Main zwischen sogenanntem Römer und Äppelwoi-Sachsenhausen-Desaster gelingt beispielhaft die makellose Lüge. Mitten im scheinheiligen Kaiserkrönungskaff Frankfurt, frisst der sogenannte große Nebenfluss eines ungleich Größeren sich fett im Schatten der Türme und lügt hemmungslos und ergötzt sich an seiner trüben Taten- und Talentlosigkeit auf dem Weg zur rheinischen Taten- und Talentlosigkeit auf dem Weg zum Delta der Lüge auf dem Weg zu mir, denke ich, aber dem schaurigen Breitner, dem geborenen Lügner Breitner wird Unstadt reichen, denke ich, eine Selbsttötung erwägend und verwerfend, der Main und Frankfurt reichen dem, der es will, einmal Frankfurter, immer Frankfurter, spreche ich in den trüben Main, einmal den Main im Nacken, immer den Main im Nacken, einmal der Cohn verfallen, für immer der Gnädigsten verfallen, in Gedanken laufe ich nachts mit Kühn über den Fischmarkt in Stade und singe und Kühn sagt gegen seine sonstige Gewohnheit Undurchdachtes, nämlich: wenn die ganze Welt kiffen würde, und ich sage was dann, und Kühn sagt, Pottsau Kühn von Kühn und Partner, denke ich, sagt, dann wäre sie besser, und ich sage einen Scheißdreck wäre sie und dann kiffen wir hinter einem zugigen Mauervorsprung und Kühn sagt Dinge wie die Chimäre Stade oder die Rettung Hamburg, und am nächsten Tag beginnen die Qualen der Reifeprüfung, morgen, sage ich, beugen wir uns der Reifeprüfung, und Kühn sagt Arschlecken Rasieren, Breitner und ich antworte, wie es sich gehört, drei Mark fuffzig, Breitner und dann sitzen wir auf dem Mauervorsprung und rufen nie wieder und wissen nicht, was wir meinen, einfach nur nie wieder und gehen nach Haus, Kühn müde und zuversichtlich, ich unentschlossen und bedrückt, er erhaben grinsend, ich angeekelt, er versöhnlich, ich unversöhnlich, er ins elterliche Refugium, wie ich denke, ich ins riesige Breitnersche Anwesen vor den Toren der Stadt. Das Nachdenken über den Main, denke ich erstaunt und schulterzuckend, führt mich ins riesige Breitnersche Anwesen vor den Toren der Stadt, Arschlecken Rasieren denke ich wieder und wieder und betrete den Eisernen Steg und vergieße einige fahrige Tränen, wie ich sie sogleich zu nennen bereit bin, drei Mark fuffzig, der falsche Fuffziger zahlt drei Mark fuffzig für Arschlecken Rasieren, im Arsch oder am, Hauptsache Arschlecken Rasieren, Hauptsache drei Mark fuffzig, denke ich und lache laut. Das schaurige Tier Breitner schwört Bruder Main ewige Lügentreue auf dem romantischen Eisernen Steg, denke ich, innehaltend. Alles vermag die Lüge. Ich spüre das schwere Fließen der Plörre unter mir, Schulklassen hasten an mir vorbei, ich schließe die Augen und male ein Bild und nenne es Hastende Schulklassen auf Steg über Plörre, der Privatgelehrte und Kunstinteressierte Doktor Joachim Breitner, denke ich, erweitert entschlossen auf Hastende Schulklassen auf Steg über Plörre an Bratze Breitner vorbei, wir begrüßen Bratze Breitner vom Branitzer Platz, denke ich, vor nunmehr zwölf Tagen ist der Privatgelehrte und Ritualmordspezialist Achim das Tier in der Turmmetropole Unstadt eingetroffen und soeben mit dem Bezug eines alles in allem recht ordentlichen Luxushochhausteuerapartments ein rechtschaffener Unstadter Bürger geworden. Wir begrüßen Herrn Tier, denke ich, wir begrüßen das weit über die Reichsgrenzen bekannte privatgelehrte Dreckschwein in unserem schönen Örtchen, das mit Tier nach dem Weggang des Dichterfürsten endlich wieder einen nennenswerten Neuzugang vorweisen kann. In seiner Geburtsstadt Stade als Bratzenkönig bekannt, kämpfte er sich durch einen errungenen und ersessenen Erbfall in die erste Reihe Berliner Villenbesitzer vor und regierte bis vor Kurzem mit seinem Wissen über die Erwartung der Nation und den Ritualmord von seinem ehemaligen Arbeitszimmer aus faktisch die Welt. Mit Dreckschwein Achim ist uns in Unstadt ein besonders kapitaler Rotzlöffel ins Netz gegangen, der, es sei gepriesen, mit übergroßen im Ganzen gegrillten Wolfsbarschen leidlich bei Laune gehalten werden kann, wenn sie denn wirklich übergroß und keine angeberischen Winzlinge sind, die sich für gottverdammte Pottwale ausgeben, wie Achim das Tier sagt. Meine Damen und Herren, denke ich hingebungsvoll, Unstadt leuchtet aus sich heraus, aber seine Strahlkraft wird noch gesteigert durch den tierischen Zuzug der Lüge ins Lügenmekka. Täglich eine Selbsttötung erwägend und verwerfend, bleibt unser dreckiger Held frisch, denke ich, frisch wie die sagenhafte Plörre, die unser schönes Fleckchen Erde durchströmt und mit Lügen über Wasser hält und sozusagen, wie alles auf der Welt, wie unser Scheißheld meint, denke ich, einem ewigen Sozusagen unterworfen ist, einem streifenfreien und glattbügelnden Sozusagen, neben dem unwiderlegbaren, wasserdichten Sozusagen, denke ich schulklassendurchschüttelt, auf dem Eisernen Steg hilft unserem Privatgelackmeierten sein Eckermann und eine Ladung Kataifi Ekmek zum Überleben, denke ich, wir begrüßen Achim das Tier, töte dich, Achim, lebe, rufen wir ihm zu, aber bekenne dich, Dreckschwein, herzlich willkommen.

 

Wieder und wieder, vom Main kommend, vom verschwatzten Schulklassensteg kommend, von den Türmen kommend, wie ich denke, erreiche ich zum wiederholten Male das Museum Judengasse, erreiche und betrete es, wieder und wieder treibt es mich zum sogenannten Museum Judengasse, ich erreiche und umrunde den Paulskirchenverschlag, ich erreiche und umrunde ich das Dom-Agglomerat, ich jage den sogenannten Maintower bis aufs jubelnde Dach hinauf, ich drücke mich mit verstohlenem Blick am weltberühmten Städelmuseum vorbei, und schon, wie ich denke, treibt es mich, wieder in das von mir jederzeit favorisierte Museum Judengasse, der unverbesserliche Judenfreund Breitner betritt wieder und wieder das Museum Judengasse, denke ich, die Lügenplörre treibt den verlogenen Lebensmathematiker und Kopfschmerzbaron Breitner in die weit ausgebreiteten Arme des Museums Judengasse, die trübe Mainbrühe steht, wie ich denke, in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu den ausgebreiteten Armen des Museums Judengasse, je trüber und undurchsichtiger die Drecksbrühe im Lügenmekka, schießt es mir durch den Kopf, desto einladender die sogenannten musealen Räumlichkeiten des Museums Judengasse, je höher und unzugänglicher die Lügentürme Frankfurts, desto zarter das schlechthin Verschüttete, das Namenlose, wie ich nachmuseal gottergeben denke, während ich an der Friedhofsmauer des sogenannten Neuen Börneplatzes Namen um Namen der Namenlosen entziffere, Namen der namentlich und schlechthin Umgekommenen, Namen der namentlich und schlechthin Gemordeten, Namen der namentlich und schlechthin Beraubten und Verlorenen, bis ich erschöpft, auf einer Besuchererschöpfungsbank niedersinke und einige Zeit an Capri, die Piazzetta, den sonnenbeschienenen Golf von Neapel und den Monte Solaro denke, eine Selbsttötung erwäge und verwerfe und das schlechthin Verlorene in sogenannte ferne Nebel entlasse.

Wie durch ein Wunder, denke ich und schaue auf die Uhr, wie durch ein Wunder hat es mich in die plötzlich von mir so genannte schöne Stadt Frankfurt verschlagen, der schöne Main lässt die Gemüter durch und durch, wie ich denke, erstrahlen, glücklich der Mensch, der die alte verzweigte Hansestadt Stade und die alte verzweigte ehemalige Reichshauptstadt und jetzige Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin verlässt und sich in der ehemaligen Freien und herrlichen Kaiserkrönungsortschaft und jetzigen überaus herrlichen und hochschießenden Großsiedlung Frankfurt niederlässt, sei es durch einen einmaligen, nicht wiederholbaren Zufall oder durch einen Anfall von akuter Liebhaberei, wie ich denke, es ist, denke ich, alles in allem akute Liebhaberei, die Frankfurts Herrlichkeit, wie man sagt, zu seinem Recht verhilft, dem begeisterten Gedanken verschwenderisch freien Lauf lässt und der Tatkraft zur Liebeskraft verhilft. Frankfurt stürbe ohne das Geschenk der akuten Liebhaberei, aber, denke ich, sie ist ja da und wandelt zwischen den Menschen, die sich der Stadt öffnen und ergeben. Selbst der Zufall, Genosse Zufall, wie ich hochtrabend und die Uhrzeit erwägend denke, ist alles in allem ein, wenn auch illegitimes Kind der akuten Liebhaberei, Hamburg, London, Paris und Rom, denke ich belustigt, haben beispielhaft die akute Liebhaberei durch besondere Raffinesse gepachtet, Frankfurt gelingt mehrheitlich mittels eines von mir so genannten illegitimen Kniffs, namentlich der sogenannten inneren Überredung, der Weg vom Zufall zur Liebhaberei, aber, denke ich großzügig und voller Tatendrang, das macht nichts. Dem Dichterfürsten, denke ich vergleichend und laufe los, bietet sich die Gelegenheit Weimar, dem Bratzenkönig bieten sich Wolfsbarsche in Hülle und Fülle, wenn ich es schaffe, das Städelmuseum in zwei Minuten zu erreichen, treffe ich Ute, der ich ein Gedicht geschrieben habe über das Schweigen im Wald. Nie und nimmer schaffe ich den Weg zum Städelmuseum in zwei Minuten, aber die große Linie stimmt, denke ich. In zwei Minuten erreiche ich nie und nimmer das Städel, überlege ich und halte an und schnaufe und schließe die Augen. Anstatt Ute atemlos und verschwitzt vor dem noch zu besuchenden, berühmten und sehr wichtigen Städel gegenüberzutreten, mache ich, wie ich denke, weil es nichts macht und die große Linie stimmt, von meinem außerordentlichen und für Notfälle dieser Art reservierten Rücktrittsrecht Gebrauch und erscheine nicht vor dem Städel und verhalte mich ruhig und schöpfe Kraft. Und ewig lockt der Main, denke ich, das holprige Straßenpflaster durch die klobigen Wanderschuhe spürend, deine klobigen Wanderschuhe, sagte Ute beim Griechen in der Heiligkreuzgasse, stehen dir außerordentlich, sie unterstreichen deine Persönlichkeit, als du über den Eisernen Steg gewatschelt bist, sagte sie, denke ich, fielen mir zuerst dein Gang und deine klobigen Wanderschuhe auf, ohne deine klobigen Wanderschuhe und deine großen Hände wären wir keinesfalls ins Gespräch gekommen, sagte sie, denke ich, erst deine klobigen Wanderschuhe und deine großen Hände geben dir den speziellen Durchlauchtcharakter, sagte die Cohn lachend, denke ich, Gnädigste erkennen sofort Durchlauchtiges, sagte sie, das Kataifi Ekmek in Angriff nehmend, wenn wir das Städel besuchen, wünsche ich mir deine klobigen Wanderschuhe, Breitner, sagte Ute, denke ich, und denke daran, wie Ute sagt: Du bist ein Schrat, deine Schuhe sind die Schuhe eines Schrats, dein Gang ist der Gang eines Schrats, dein Hunger ein Schrathunger, nur in deinen Augen schimmert die Lüge.

In den Augen des Rücktrittsrechtgebrauchenden schimmert die Lüge, denke ich entrüstet und drehe, immer noch kurzatmig, um, und nehme meinen alten verwaisten Sitzplatz auf dem sogenannten Neuen Börneplatz hinter dem Museum Judengasse ein, Joachim Breitner sitzt am Platz der namentlich und schlechthin Ermordeten und lässt einen Termin verstreichen, denke ich, und füge denkend die Worte: der Judenfreund und Ritualmordsachverständige Doktor Joachim Breitner nimmt Platz und liest im auf Schritt und Tritt mitgeführten Eckermann Erbauliches über den Dichterfürsten und Frankfurtexilanten Johann Wolfgang von Goethe, ehemals Johann Wolfgang Goethe, dem der adelige Name nie etwas bedeutet hat, der ihn aber trotzdem angenommen hat, hinzu, und füge denkend die Worte: der Todessehnsüchtige und bis in die klobigen Wanderschuhe verlogene Lügenbaron und Privatgelehrte Achi Breitner blinzelt am sogenannten Neuen Börneplatz in die Sonne und spielt mit dem Gedanken, erneut das Museum Judengasse zu betreten, was er aber nach reiflicher Überlegung unterlässt, um das dortige Wach- und Sicherheitspersonal nicht zu verschrecken, hinzu, und füge abschließend denkend die Worte: der ohne Sinn und Verstand nach einer regelmäßig stattfindenden Sommerreise am Mainufer angespülte Dreckskerl und Kühnfreund Breitner denkt an die zahllosen namentlich und grundsätzlich Ermordeten und denkt an die ehemaligen lieben Eltern im Riesenanwesen vor den Toren der Hansestadt Stade nachdem er rammdösig einen überaus wichtigen Termin verstreichen ließ und nun die Folgen zu tragen hat, die allerdings milde ausfallen dürften, weil die große Linie stimmt, hinzu, und denke an Ute, die mir einen zarten Wangenkuss verabreichte und mich wegen meiner mangelnden Kondition bedauerte und die sagte, Breitner, du spinnst, aber morgen im Städel trägst du die klobigen Wanderschuhe, und ich sagte ich habe keine anderen, nur die klobigen Wanderschuhe, ich kann dich, sagte ich beim von mir jetzt so genannten Griechenschmaus in schmatzendem Tonfall, hierhin und dorthin küssen, wenn du es willst, aber ich werde so oder so morgen, also heute, also eigentlich jetzt, wie ich denke, auch wenn du es nicht wolltest, die klobigen Wanderschuhe tragen müssen, weil mir keine anderen zur Verfügung stehen und sie mich gedanklich von Stade ablenken, wo ich auf Geheiß meiner ehemals lieben Eltern immer und ohne Ausnahme sogenannte schwarze Ausgehschuhe tragen musste, bis, wie sie, die lieben Eltern, sich ausdrückten, ich auf eigenen Füßen stehen könne, was ich spätestens seit dem Erbfall kann und tue und seitdem nur klobige Wanderschuhe trage, die du passend findest, auch wenn in meinen Augen die Lüge schimmert, wie ich sagte, denke ich. Endlich ist Ute in mein Leben getreten, denke ich und strecke auf dem sogenannten Neuen Börneplatz die Beine aus, ich werde sie hierhin und dorthin küssen, auch unter ihrem Sommerkleid werde ich Küsse platzieren, wenn sie es will, weil die große Linie unverrückbar stimmt, auch wenn ich heute schuldhaft unsere Verabredung, ganz knapp verpasse, was ich bedaure aber nicht ändern kann, wie ich denke, der Main ist mein Zeuge, dass ich das Städel in zwei Minuten vom sogenannten Neuen Börneplatz nicht und auch in neun Minuten nur halbtot und entstellt und somit in unwürdiger Verfassung erreicht hätte, was ich nach bereits erfolgtem Aufbruch und gleich darauf einsetzendem Nachdenken vermeiden wollte, weshalb ich auf dem Absatz kehrtgemacht habe und zum sogenannten Neuen Börneplatz zurückgekehrt bin und mir Gedanken über den Ankauf von Blumen mache, die ich der Tiefenschönheit Ute vermachen werde, um sie in meinem Sinne milde zu stimmen, wie ich denke, wenn ich vielleicht schon morgen in aller Frühe am Main entlanghusche, um mindestens drei Stunden vor dem dann vielleicht neuerlich verabredeten Termin vor dem Städel oder an anderem Orte vollzählig zu erscheinen, wie ich ohne eine Spur von Ironie aber mit schlechtem Gewissen denke. Der Platzmeister vom Branitzer Platz, denke ich, liebt Ute Cohn, die er kaum kennt, allein schon weil sie sich seiner erbarmt, lediglich so genannte mangelnde Kondition verhinderte soeben ein Treffen vor dem weltberühmten Städelmuseum zu Frankfurt. In Ermangelung eines Telefons, dass sich Held Breitner, wie ich denke, aus sogenannten grundsätzlichen Erwägungen nicht zugelegt hat und niemals zulegen wird, weil er für niemanden erreichbar sein will, muss zur erneuten Kontaktaufnahme und Blumenübergabe mit Gerkens bewährter Hilfe ein Bote bemüht werden, den Gerken, wie ich denke, erneut auf die Reise schicken muss, zu einer Adresse, die ich nicht kenne und nicht kennen will. Ich liebe Ute, denke ich plötzlich und erschrecke, aber es war mir nicht möglich, sie zu treffen. Frau Cohn ist ein Teil von mir, denke ich und zweifle an meinem Verstand, sie darf mir niemals verloren gehen, aber es ist ein sogenanntes Ding der Unmöglichkeit, die Cohn vor dem Städel zu treffen, zwei Minuten hätten nie und nimmer gereicht, niemals reichen zwei Minuten vom sogenannten Neuen Börneplatz bis zum Städel, sogar vom Eisernen Steg ist es unmöglich, das Städel in zwei Minuten zu erreichen, der Unaussprechliche, denke ich feierlich, hat mir die Cohn geschickt, warum ich in Frankfurt bin, weiß ich nicht, aber ich bin an der Hauptwache statt am Hauptbahnhof ausgestiegen und habe auf dem Eisernen Steg elf Tage später Ute Cohn getroffen, die sich meiner tief blickend mit einer mir bis dahin unbekannten Herzenswärme angenommen hat und die ich um keinen sogenannten Preis der Welt aus meinen großen Händen in die Freiheit rückentlassen werde. Niemals, sagte Ute, bevor wir gestern zum Sprint an den Main ansetzten und uns das erste Mal, wie ich denke, aus den Augen verloren, sind Freiheit und Wahrheit deckungsgleiche Größen, deine klobigen Wanderschuhe sind wahr, weil sie dich ausmachen, aber sie sind ein Zeichen der Unfreiheit, weil du unfrei bist, Breitner, sagte Ute gestern und sprintete leichtfüßig Richtung Main, vorbei an dumpfen Frankfurtern, stolzen, unfreien Bürgern, wie ich denke, vorbei an blöde dreinschauenden Tagesbesuchern, vorbei an makellos hergerichteten Bauten der Unfreiheit, vorbei an allem, vorbei an mir, schließlich fort von mir, wie ich dachte und mit ausgestreckten Beinen auf der Börneplatzsitzgelegenheit denke. Der Neufrankfurter Breitner wird sich Ute gegenüber erklären, wenn es soweit ist und wird mit der von ihm grenzenlos verehrten Ute Cohn ein sogenanntes Probesemester einlegen, wenn er sie nach der heutigen Schmach zurückgewinnen kann, denke ich, und mit Gerkens Hilfe erneut einen Boten zu einer mir unbekannten Adresse jagt, vielleicht nicht nur mit Blumen, sondern unter Umständen einem neuen Gedicht. Das sogenannte Gedicht und die Frau, denke ich, Herr Doktor Breitner hofft auf den beschwichtigenden Einfluss des tiefempfundenen Gedichts auf die tiefenschöne Frau von heute, schon der Frühfrankfurter und Spätweimarer Goethe wusste um den Einfluss des tiefempfundenen Gedichts auf die tiefenschöne Frau, mutmaße ich, ich will es ihm nachtun und den Ausschlag geben, Joachim Breitner dichtet und gibt den Ausschlag, denke ich, Joachim Breitner reißt das Ruder herum.

Mit für meine Verhältnisse rasanter Geschwindigkeit eile ich heimwärts zu meinem Luxushochhausteuerapartment, bestelle bei Gerken einen Boten, der sich bereithalten soll, wühle im Klumpatsch und entdecke nach geraumer Zeit auf einem vergilbten Zettel mein Lieblingsgedicht.

 

Ute, Liebe,

schreibe ich, Atemlosigkeit simulierend,

ich habe es versucht, aber in zwei Minuten erreiche ich unmöglich das Städelmuseum. Ich habe die Zeit vergessen und alles verdorben. Lass uns einen neuen Versuch unternehmen, morgen, übermorgen, wann du willst. Vielleicht nicht vor dem Städel, noch schrecke ich vor dem Städel zurück. Concierge Gerken nimmt deine Antwort in meiner neuen Heimstatt morgens ab neun und bis sechzehn Uhr dreißig entgegen. Zum Zeitvertreib und als Zeichen meiner unendlichen Wertschätzung dir gegenüber schicke ich dir mein Lieblingsgedicht. Ich habe es selbst vor sechsundzwanzig Jahren geschrieben, kurz bevor ich in Berlin aus dem Dreckloch in die Villa zog. Ich sprach beim kleinen Wolfsbarsch davon. Weißt du noch, Liebes? Verzeih mir.

Breitner

 

 

Gebeine



Gebeine.
Wieder und wieder
Gebeine.

Wie sie dort liegen.
Weiße Gebeine
werden langsam
zu Knochenmehl.

Wie meine Mühlen
mahlen.
Mahlen
Gebeine.
Wieder und wieder
zu Knochenmehl.

Meine Mühlen
mögen Mehl.
Mehr und mehr
Mehl.
Wieder und wieder.

Gebeine.


 

Gerken besorgt alles Weitere, denke ich, mit Blick aus dem Fenster. Warum nur diese Kopfschmerzen jetzt. Der Main, wohin man schaut, denke ich übertreibend. Von weit oben betrachtet spricht er die Wahrheit.


 


 

Kapitel 6

Sehnen

 

Gerken, denke ich, Trinker Gerken, Gerken mit Dienst-Schlips und Dienst-Montur und Gummel rot, Concierge Gerken mit der schmalen Rente, bis-siebzehn-Uhr-Gerken. Cohn, denkt Gerken, denke ich, bitteschön, nochmal Cohn, dieser Breitner, denkt er, denke ich, kein Telefon aus grundsätzlichen Erwägungen, nicht ganz dicht, Breitner, kaum hier, zweimal Cohn mit Boten, wenn er denn meint, denkt Gerken, denke ich, also wieder Cohn, Ute, wenn es hilft, muss Gerken denken, was auch sonst, denke ich, vielleicht noch, wenn es der Wahrheitsfindung dient, aber so denkt Gerken nicht. Dann: den Erbfall verwalten, dem Geld, nach Berlin schreiben. Zur Kenntnis: wohnhaft Frankfurt, jetzt wohnhaft Frankfurt.

Ich habe die sogenannte Liebe gesehen und für gut befunden, denke ich verwegen, das Luxushochhausteuerapartment lässig durchschreitend, Tiefenschönheit mit Sommerkleid, feine Lippen an dunklen Augen, rotbürstig, Ute. Auf Stade, denke ich unvermittelt, kommt es nicht an, auf Berlin kommt es nicht an, keinesfalls kommt es auf Frankfurt an, wir erkennen die sozusagen allerorts auffindbare Liebe und sehnen uns, plötzlich sehnen wir uns, wir lügen und sehnen uns, wir sprechen die Wahrheit und sehnen uns, wir lassen uns treiben und sehnen uns, wir töten, denke ich, und töten mit einem Anflug von Sehnsucht, die Umwandlung des einen Zustands in den anderen geschieht sehnsuchtsvoll. Breitner durchschwimmt den Ärmelkanal und erreicht Calais, Privatdozent Breitner eröffnet ein Waisenhaus auf Capri und nimmt Huldigungen entgegen, Fresssack Breitner verputzt einen Wolfsbarschriesen und starrt gegen die Decke und erwägt ein Mittagsschläfchen, Dreckschwein Breitner rudert ins Hessische und macht in Frankfurt fest, Doktor Breitner erkennt die Zeichen der Zeit und umgibt sich mit ungelösten Fragen, Achi das Tier verliert die Kontrolle auf dem sogenannten Eisernen Steg und verliebt sich in ein tiefenschönes Strahlen und ein buntes Sommerkleid, Joachim Breitner, erst Stade, dann Berlin, dann Frankfurt, erwägt die Hinrichtung seines Soseins, schafft aber nur die Verirrung ins Tragische, große Hände Breitners streichen zart über rote Bürste Cohns nach verunglücktem Rennen mainwärts, Durchlaucht Breitner erkennt die Zeichen der Zeit und zieht um, denke ich, wir töten uns das Leben zurecht, passgenau, immer drehen wir den Dingen den Hals um in der Hoffnung auf innere Läuterung, wir begehen den Ritualmord aus sogenannten edlen Beweggründen des inneren Ausgleichs, der äußeren Geschlossenheit, als Neujustierte vorläufig endend, wie ich denke, kehren wir zurück ins Glied, das Zucken der Hingerafften, ihre allseitige Versenkung und Auslöschung vor Augen, denke ich fantasierend und verspüre einen Hustenreiz, das Ritual lebt, das Mordritual, das Liebesritual, das Denkritual, das Lügenritual, das von mir so genannte Erbfallritual lebt und lebt fort, das Luxushochhausteuerapartment als Frankfurter Ritualbude lebt, denke ich, der Frankfurt-Flüchtling und vielversprechende Dichter und spätere Dichterfürst und vatergebeutelte Goethe sagt seelenruhig, sagt Eckermann, sage ich auswendig, kopfschmerzbewehrt, wie ich denke: Denn nicht genug, dass wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese geerbten Gebrechen, mit unseren eigenen vermehrt, unsern Nachkommen, und höre ein leises Klopfen und gehe zur Tür und warte und höre Schritte, die sich entfernen und schaue durch den sogenannten Spion und öffne schnell und sehe Ute, die sich umschaut und stehenbleibt und sagt Breitner, also doch und sage Frau Cohn, darf ich bitten und Ute antwortet unschlagbar wenn sie es durchaus wünschen, Durchlaucht und durchmisst den Raum zwischen uns und schreitet voran und begeht arglos das gesichterte Gelände, wie ich denke.

Wir stehen am Luxushochhausteuerapartmentfenster und schweigen. Über Frankfurt hinweg schweigen, denke ich, denken und schweigen, wir sehnen uns und schweigen, wir halten uns an den Händen und schweigen, wir stellen Forderungen und schweigen, wir schauen uns an und schweigen, wir umarmen den jeweils Anderen, wie ich denke und beschweigen einander inniglich. Jetzt das Schweigen brechen, der allerliebsten Ute Schweigen brechen, denke ich und sage: du bist unverändert bis auf das Kleid und Ute sagt mein Zweitkleid und lacht und fragt gefällt es dir und ich schaue in dunkle Augen und sage nicht so wie die, die es trägt, und wir stehen am Fenster und Ute fragt, ist es schön mit Geld, und ich sage nichts, und Ute fragt, warum bist du nicht zum Städel gekommen, und ich sage nichts, und Ute fragt, warum hast du kein Telefon, und ich sage nichts, und sie sagt, du schreibst komische Gedichte, und ich sage nichts und verlasse den Ort der Befragung, wie ich sogleich denke und lasse mich mit voller Wucht auf das sogenannte und in der diesbezüglichen Fachwelt bekannte und überwiegend gepriesene Design-Apartment-Sofa fallen und strahle Ute von Weitem an, wie sonst Ute mich gelegentlich grundlos von Weitem anstrahlt, wie ich denke, und erhebe mich und gehe zurück ans Fenster und zu ihr und sage wenn du es willst und küsse sie und küsse erregt rote, schmale Lippen und berühre sanft die rote Bürste und höre betört ihre sogenannt hingehauchten Worte: Nur zu, Herr Breitner. Die unter den stolzen Hansestädten ein sogenanntes kümmerliches Dasein fristende Hansestadt Stade, denke ich, ist durch seinen Honorarkonsul Doktor Joachim Breitner endlich im Kaiserkrönungskaff Frankfurt vertreten, wo ab heute im sogenannten Luxushochhausteuerapartment sogenannte Sichtvermerke in die Pässe unbescholtener und friedliebender Bürger gestempelt werden und zwar durch Achi-Konsul höchstselbst, Achi-Konsul mit den ehemals schwarzen Hanse-Ausgehschuhen und jetzigen klobigen Wanderschuhen, wie ich würdevoll, kraft meines neuen Amtes, Ute erregt küssend, denke. Antworten, sage ich, die Gunst des Augenblicks entschlossen nutzend, sind Schall und Rauch, auf die Eiserne Brücke getrieben stürzen sie sich ins Bodenlose und verfliegen, das trübe Mainwasser meidend, auf Nimmerwiedersehen, wir mögen, sage ich, durch Utes lautes Lachen und das wilde Fuchteln ihrer formschönen Hände irritiert, uns herumtreiben auf der Suche nach Antworten und finden Frankfurt und es reicht uns, es reicht, wie wir uns bereits zu denken angewöhnt haben, voll und ganz. Ich weiß nichts von dir, sage ich zur staunenden Ute, aber du trägst einen Namen, der mich beruhigt. Sage mir, was du sagen willst, sage ich, aber mir reicht dein Name, seit ich dich und deinen Namen kenne, traue ich dir, warum ich nach Frankfurt gekommen bin, weiß ich nicht, über dem trüben Main auf dem Eisernen Steg treffe ich dich und traue dir, irgendwann erzähle ich alles, sage ich zur stummen Ute, in Frankfurt lege ich Zeugnis ab, gleich beim Griechen erkennst du den Lügner, Saubeutel Breitner lügt, sage ich, und will doch Zeugnis ablegen, Judenfreund Breitner betrachtet Sonnenuntergang über Frankfurt und küsst Frau Cohn und traut ihr völlig aufgrund ihres Namens, sage ich, gerade breche ich in Gedanken am Branitzer Platz zu einem meiner langen Spaziergänge auf, sage ich traumverloren am Fenster stehend, nie habe ich sie gezählt, aber jetzt zähle ich sie und komme auf siebentausend lange Spaziergänge und denke und unterwerfe mich siebentausendmal dem Denkritual und scheitere zum siebentausendsten Mal und kehre am Scholzplatz um und erreiche erst zu weit fortgeschrittener Stunde das rettende ehemalige Arbeitszimmer, wo ich noch eine Weile den düsteren Branitzer Platz beobachte, und nichts erkenne und nichts wünsche als ein ruhig schlagendes Herz in kühler Nacht. Kann ich nicht schlafen, sage ich, reise ich mit einem Klumpatsch-Koffer in Gedanken zur Startrampe Hamburg, in völliger Dunkelheit rette ich mich in die Hafen- und Startrampenstadt Hamburg und hole in Gedanken zum Jahr für Jahr stattfindenden und von mir so genannten Reiserundschlag aus, ohne zu reisen, und schlafe ein und schlafe den Villenschlaf und schlafe gut und erwache durch das sogenannte Sturmklingeln des Hausmeisters, der die Butze in Schuss hält und der sie auch jetzt in Schuss hält nach meinem Wegzug, wie ich der mich eindringlich musternden Ute sage, meinem Wegzug, der, wie ich hinzufüge, endgültig ist und keinen Aufschub mehr duldete. Wohin ich gegangen bin, gehe ich, sage ich, in die Lügenhauptstadt Frankfurt, nach Unstadt, nach Nicht und werde dir alles sagen, wenn die Zeit reif ist, wie auch du mir alles sagst, wenn du es willst und die Zeit reif ist, sage ich, und Ute sagt: Knallkopf Breitner mit den großen Händen und schüttelt sich. Frankfurt, denke ich, übernimmt das sinkende Schiff, Ute sagt: Du redest wirr, aber du musst weiterlügen, sonst nimmt es ein böses Ende.

Eine Selbsttötung durch einen beherzten Sprung aus dem Fenster des Luxushochhausteuerapartments erwägend und verwerfend denke ich an die Sehnsucht und sehne mich. Ich lebe, denke ich, und die lieben Eltern sind längst hinüber, überraschend verstorben am selben Tag zur selben Stunde vor den Toren des kleinen Hansestädtchens Stade in ihrem überaus großen Anwesen, ausgeklungen und versenkt, den Würmern ein schauriger Genuss, wie ich denke. Utes formschöne Hand ergreifend, erkennt Breitner die Sehnsucht, und sehnt sich denke ich. Nie ist es die Liebe, sondern die Sehnsucht danach, nie der Tod, sondern die Todessehnsucht, vermute ich grübelnd, in Frankfurt lebe ich und lebe nicht, auf der Eisernen Brücke sehe ich Ute und sehe sie nicht und sehne mich, ich spreche mit Kühn über alte Zeiten und sehne mich und schweige, ich begrüße Gerken in seiner Loge und nehme ihn nicht wahr, ich stehe am Ufer der Themse und träume vom Tiber und sehne mich. Im strömenden Stader Regen laufe ich in Gedanken in schwarzen Ausgehschuhen die sogenannte Schwinge entlang bis zur Elbe und erwäge und verwerfe einen Tod durch Ertrinken und sehe einen sogenannten Ozeanriesen aus dem von allen so genannten herrlichen Hamburg kommen und winke, obwohl es unsinnig ist, winke ich, und Kühn steht plötzlich neben mir und winkt nicht und sagt lachend: Wäre ich du, auch ich würde winken. Kühn, sage ich beleidigt, denke ich, aber du bist nicht ich, und darum winkst du nicht und wirst niemals winken, und dann gehen wir schweigend zurück Richtung Stade und verabschieden uns vor den Toren der Stadt, und ich denke Kühn muss durchhalten mit mir, sonst halte ich nicht durch, und ich glaube Kühn ahnt etwas, denke ich, Ute wieder und wieder küssend, denn er sagt: Nicht mehr lang, Breitner, und Stade ist Geschichte. Die Erwartung der Nation in der Soziologie, denke ich, ist der endgültige Abschied von Stade nach einer Phase des Übergangs, aber die sogenannte Freie Universität Berlin und ihre mir feindselig gesonnenen lebenslänglich angestellten Mitarbeiter haben diesem Umstand in keinster Weise Rechnung getragen, wie ich denke, in keinster Weise handelt es sich bei den sogenannten wissenschaftlichen Gutachten bezüglich meiner Doktorarbeit um die Würdigung der Umstände ihrer Fertigstellung zwischen allen Stühlen, denke ich, Utes hell leuchtendes Zweitkleid bestaunend und liebgewinnend, die mit meiner verschollenen Doktorarbeit erbrachte Leistung als Teil meiner Lebensleistung im Kampf gegen den Irrtum konnte keinesfalls in einem sogenannten Gutachten gewürdigt werden und daher dem Verfasser richtlinienkonform nicht gutgeschrieben werden, wie ich, innerlich auflachend, denke. Die Note rite, denke ich, besagt somit nichts, jedenfalls nichts von Belang. Das Scheiß-Nationale, die dumpfbackige Dreckswärme der vermeintlich gleichen Art und die Unmöglichkeit der Zerstörung ihrer zum Himmel stinkenden Gedankenwelt selbst im wissenschaftlichen Bereich, selbst im Bereich der bloßen Erwartung sogenannter reiner Wissenschaftlichkeit, haben mich zum unverbesserlichen Skeptiker des Denkens und Fühlens und in der Folge zum sogenannten und absolut in jeder Hinsicht so gemeinten Judenfreund und Freund der immer potenziell verfolgbaren und verfolgten Kreatur schlechthin, des Menschen schlechthin, werden lassen, sage ich der jetzt besonders tiefenschön blickenden Bibliothekarin im Ruhestand Ute Cohn mit großem Ernst, immer noch Hand in Hand mit ihr am Fenster des Luxushochhausteuerapartments stehend. Dem Menschen schlechthin vertraue ich, sage ich überschwenglich, plötzliche Kopfschmerzen verspürend, spricht er sein Urteil über mich, ist es gerecht. Betrete ich den sogenannten Neuen Börneplatz und das Museum Judengasse nach dem Genuss eines besonders großen Wolfsbarsches begleitet von kühlem Kykladen-Landwein, begegne ich mit großer Dankbarkeit der von mir so genannten stillen Würde des Tages und gebe mich ungezügelt dem skeptischen Denken hin und bin traurig und glücklich zugleich, wie ich es nur hier sein kann. Nicht auf dem Eisernen Steg, nicht im Goethehaus, schon gar nicht auf dem quirlig-sinnentleerten Römer bin ich traurig und glücklich zugleich. Der Tod Roms führt geradewegs zur Geburt des Römers, sage ich lachend und umarme sanft die nach Lavendel duftende Ute. Durchlaucht treffen sich selbst in dunklem Raume, sagt sie spottend und fügt hinzu: Wenn ich will, komme ich wieder, im Drittkleid. - Wenn du willst, bitte ich dich, sage ich durchtrieben und löse die Umarmung. Deine Tricks, sagt Ute und geht. Sekunden später das leise, satte Klicken der Tür. Gerken wird noch da sein, denke ich, sie muss Gerken passieren. Er wird denken, was zu denken ist und sich irren.

 

Die Stille von allem. Frankfurt ist still hier oben, denke ich, aber was heißt das schon. Schlösse ich mit dem Leben ab, Frankfurt lebte weiter. Träte der Tod ein, die Welt bestünde fort, Hamburg bestünde fort, London bestünde fort, Rom und sogar Paris bestünden fort, Capri bestünde fort, wie auch Berlin und Stade einfach fortbestünden, als sei nichts geschehen. Ergäbe der Tod das Leben, ich schulterte ihn, denke ich. So aber hocke ich sechsundzwanzig Jahre in der Villa und brüte, brütend reise ich von Dreckskaff zu Dreckskaff, wanderbeschuht, klumpatschend, abgestorben, wie ich denke. Der Tod trifft immer den Richtigen, nämlich den Lebenden, denke ich scherzhaft und schäme mich augenblicklich dieses Gedankens. In keinster Weise bringt der Privatgelehrte Doktor Joachim Breitner sich um und mordet sich, allenfalls kommt eine sogenannte Abtötung in Frage, dem Abgestorbensein folgt die finale Abtötung, wir mögen das Dasein als besonders ausbaldowert empfinden und schaffen in unserer Lächerlichkeit nicht einmal den von mir so genannten Vernunftmord an uns selbst, sondern allenfalls eine Abtötung des ohnehin Abgestorbenen oder nur noch der Möglichkeit nach Existierenden, wie ich völlig niedergeschlagen denke, allenfalls der Abtötungstod kann folgerichtig als ebenso von mir so genannter machbarer Tod bezeichnet werden, die Todesart entscheidet dabei über die Folgerichtigkeit des sogenannten Lebens, haben wir es mit einem längst erfolgten Abgestorbensein des Lebens zu tun, kann sich die Abtötung glücklich auf das Institut der Folgerichtigkeit berufen, oder auf den so genannten ausgemerzten Lebensirrtum. Das so verstandene Leben ist das folgerichtige Leben der Verneinung, denke ich und bekomme überraschend Hunger auf einen Schwarm großer Wolfsbarsche und beschließe standhaft, dem Hunger Widerstand zu leisten und weiterzudenken. Du musst, denke ich, Widerstand leisten und weiterdenken bis zum bitteren Ende.

Folgerichtig, denke ich angestrengt weiter, wie die Abtötung des Abgestorbenen der Möglichkeit und Wirklichkeit nach ist mein Umzug nach Frankfurt, wie auch das Kennenlernen Utes auf dem Eisernen Steg folgerichtig zufällig und notwendig war, wie auch das Wiedersehen mit Kühn vor allem als sogenanntes ungeplantes Lebensabrundungswiedersehen folgerichtig war, wie auch der Bezug des Luxushochhausteuerapartments vor allem durch seine Folgerichtigkeit besticht, wie auch Schuld und Unschuld folgerichtige Seiten ein und derselben sogenannten Medaille sind, wie ich beruhigt denke. Der Blick auf die Türme ist Balsam für mein angespanntes Nervenkostüm und daher sozusagen als Maßnahme richtig und angemessen, denke ich weiter, der Erbfall als reiner Erbfall und Erlös seiner selbst ist der Prototyp der Folgerichtigkeit, vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren schmiedeten Folgerichtigkeit und existenzielle Verneinung gewissermaßen einen Pakt im besten Ex-Frankfurter Fürstensinne, wie ich beruhigend-dozierend denke. Die Abtötung der verneinenden wie auch der unsäglichen Existenz begründete den Erbfall der nach außen gewandten Verneinung, der bis heute nachwirkt, denke ich unvorsichtig, mit Kühn kotze ich in einem Akt der gastrischen Verneinung das Stader Griechenklo voll und hole sozusagen zum rettenden Weiterexistenzschlag aus und studiere ohne Sinn und Verstand Soziologie an der Freien Universität Berlin gegen den ausdrücklichen Willen der lieben Eltern und nehme einen Zug von Stade nach Hamburg und nehme einen Zug von Hamburg in die immerhin ehemalige Reichshauptstadt, wie Vater Breitner sagt und Mutter Breitner abnickt und komme nur noch einmal wieder, wie ich unbefangen denke, um eine letzte Erledigung vorzunehmen und ansonsten dem schönen Städtchen Stade Lebewohl zu sagen, ins Dreckloch nach Kreuzberg zu fahren und zu warten. Ein frohes Lied auf den Lippen tanze ich mit weit geöffneten Armen und kurzen, schnellen Schritten durch das von mir jetzt schon, wie es heißt, heiß und innig geliebte und bis auf Weiteres angemietete Luxushochhausteuerapartment mit Gehrken-Kabuff-Service und Hotelanschluss und bestelle aus der angeschlossenen, über die Grenzen der bekannten Stadt Frankfurt bekannten Hotelküche eine, wie ich denke, überteuerte Kleinigkeit zum schnellen Verzehr. Dem sogenannten freien Spiel der inneren Kräfte ausgeliefert stelle ich mir Frankfurt vor als farbenfrohes Tier, als Ute mit dem Sommerkleid, als Eisernen Steg der Liebe, als Wartehalle der großen Hände, bis ich mit der in angemessener Zeit gelieferten Kleinigkeit zu einer Einheit verschmelze, wie ich in einem glücklichen Moment denke und in Ermangelung eines schon zur Gewohnheit gewordenen Kykladen-Verschnitts dem mitgelieferten Grauburger zielstrebig zu Leibe rücke und ihn mit kräftigen Schlucken aus der Flasche in, wie man sagt, kürzester Zeit vernichte und mit ihm die sogenannte Kleinigkeit lustig versenke, Frankfurt, denke ich, ist die Stadt der lustig versenkten Kleinigkeiten, wie ebenso Stade als Stadt der lustig versenkten Kleinigkeiten Geltung beanspruchen darf, wie ich denke, Tag für Tag erweise ich mich als erprobter Spezialist für Kleinigkeitenversenkung in der Wartehalle der großen Hände, betrunken liege ich zwischen Essensresten auf dem Boden des Luxushochhausteuerapartments und beschließe, Ute aus allem herauszuhalten, solange es geht, in sogenannten schwarzen Ausgehschuhen geht der Mensch, solange es geht, denke ich, schließlich wird er an schwarzen Ausgehschuhen zugrunde gehen, oder er wird die Schuhe ausziehen und durch klobige Wanderschuhe ersetzen müssen, die ihren Zweck erfüllen, weil sie klobig sind und zum Wandern geeignet, während schwarze Ausgehschuhe sich nur zum Ausgehen eignen und manchmal nicht mal das. Ich sollte die Villa am Branitzer Platz verkaufen, ich sollte Berlin hinter mir lassen, wie ich Stade hinter mir gelassen haben, ich sollte sogar, wie ich, Rausch und Irrsinn gleichermaßen genießend, denke, den gebunkerten Millionen symbolisch abschwören und in andere gebunkerte Millionen umschichten, um eine sogenannte symbolische innere Reinigung zu vollziehen und den sogenannten Erbfall ein für alle Mal abzuschließen. Frankfurt eröffnet mir die Möglichkeit, mit dem Erbfall elegant in einem Luxushochhausteuerapartment abzuschließen und die Paarbildung voranzutreiben, sehe ich Ute Cohn in ihrem Drittkleid, werde ich ihr einen Vorschlag zur offiziellen Paarbildung unterbreiten und erregt ihre Antwort erwarten, ich werde auf Teufel komm heraus mehr wollen, wenn sie es will, ich werde sagen: Ich mag dein Fleisch, weil es welk ist, ich werde mit Ute rückwärts reisen von Capri bis nach Hamburg und von Hamburg überraschend, aber ohne zu zögern, in die sonnige Mittelmeermetropole Tel Aviv aufbrechen, um im Sand zu liegen und auszuschlafen. Oder wir bleiben in Frankfurt, Ute und ich, denke ich, und reden über alles. Wie es Brauch ist unter Liebenden, denke ich, reden wir über beinahe alles und krümmen uns vor Lachen in klobigen Wanderschuhen und bunten Drittkleidern, wie ich betrunken zwischen nunmehr erkalteten Essensresten auf dem Boden des Luxushochhausteuerapartments liegend denke. Herr Goethe reist nach Italien und kehrt ungern zurück, sage ich laut und denke an Gerken, der jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach sein Kabuff verlässt und in den sogenannten wohlverdienten Feierabend aufbricht, ich kenne Gerken nicht, denke ich, aber er bewacht mich und schickt Boten und sagt Herr Doktor und denkt, was zu denken ist und irrt sich und irrt sich nicht und schweigt.

Meine Tochter Annabell, sagte Ute gestern, über das Kataifi Ekmek oder noch über den Wolfsbarsch gebeugt, wie ich plötzlich denke, das erste Mal im Leben den Kauf eines Mobiltelefons zur Ermittlung von Sachverhalten erwägend, meine Tochter Annabell malt, und ich will, dass sie dich malt, Breitner. Die Cohns, sagte Ute, sind gnädige Zergliederer des Scheins, Annabell wird dich malen, und du wirst stillhalten, sagte sie, das tiefenschöne Gesicht vor Spott triefend, wie ich dachte, denke ich, du bist ein Untier unter den Tieren, sagte Ute mit sogenanntem lächelndem Kennerblick, wie ich dachte, ich spüre das. Durchlaucht ziehen in die Schlacht um Frankfurt mit ungewissem Ende und zerren am Sommerkleid der Fallenden. Stade, denke ich und erhebe mich schwerfällig von meinem ebenerdigen von mir so genannten Luxushochhausteuerapartmentlager und schwanke, wie ich denke, durch die möblierten Katakomben, Stade ist tot, wie die lieben Eltern, mausetot wie sie, irgendwann gab es Stade, aber hätte es Stade nicht gegeben, niemals wäre ich sitzengeblieben und an der Hauptwache ausgestiegen, ich wäre umgestiegen und hätte auf das schöne Berlin zugehalten, wie es geplant war, unter keinen Umständen wäre Doktor Joachim Breitner, wohnhaft bis dato Branitzer Platz, Charlottenburg, Berlin, im Konglomerat Nicht an Land gegangen, wenn es das mausetote Stade nicht gegeben hätte, mit den lieben Eltern vor den Toren der Stadt. Käme ich heute nach Stade, denke ich, den Klumpatsch verteilend im neuen Heim, ich stürbe auf der Stelle und gesellte mich zu Mum and Dad, wie ich widerwärtigerweise denke und vererbte, sagen wir, denke ich, alles dem Museum Judengasse, mein sogenanntes Spaziergängerleben bekäme einen von mir so genannten späten Sinn, aber ich werde scheitern und Stade nie mehr besuchen und nicht auf der Stelle sterben, sondern einen sogenannten qualvollen Tod erleiden, und, wie ich denke, nichts hinterlassen außer Dreck und Schande und noch mehr Dreck und noch mehr Schande und ein Paar Wanderschuhe. Bald, denke ich, wird Annabell Cohn mich malen, weil Ute sie bittet, und alles wird ans Tageslicht kommen, ich bin nach Frankfurt gekommen, um gemalt zu werden und alles auszuschwitzen, was in mir steckt. Ich sehne mich nach allem, was nicht in mir steckt, denke ich und erreiche den von mir so genannten lupenreinen Sanitärbereich und übergebe mich demütig und sehne mich nach einem Elbspaziergang mit Kühn und sehne mich nach Utes formschönen Händen und den dunklen Augen unter roter Bürste und Lippen wie Seide und reinem, welkem Fleisch, und nach der Zeit die allem folgt, wie ich denke. Der Ritualmord ist ein Sehnsuchtserfüller, wie auch der Ritualmordmord ein Sehnsuchtserfüller ist, wie die sogenannte Denunziation und die sogenannte Selbstdenunziation ein Sehnsuchtserfüller ersten Ranges ist, wie auch der Denunziationsmord, ganz zu schweigen vom Selbstdenunziationsmord, Sehnsüchte erfüllt, wie ich mit geschlossenen Augen vor der Toilette knieend denke. Der Dichterfürst, denke ich unvermittelt, tritt auf der Stelle, sehnt sich und verlässt Frankfurt und kehrt nicht zurück. Ich spüle das Erbrochene hinunter, verlasse den von mir so genannten Edelverschlag und öffne die Tür ins Nichts, wie ich wichtigtuerisch und selbstmitleidig denke. Ich gehe an Gerkens leerer Loge vorbei zum Mainufer und streife, wie man sagt, ziellos umher. Ich denke nach und mein Herz schlägt. Ich bin Joachim Breitner, das Untier unter den Tieren. Vor dem Städel bleibe ich stehen. Dann gehe ich weiter. Stürbe ich, denke ich, aber ich sterbe nicht.

 

 

Kapitel 7

Frankfurt

 

Fünf Monate Frankfurt und Annabell sagt: Wartet. Nur eine Sekunde.

In all unserer Flüchtigkeit und Schwere sind wir da und warten, unsere Herzen schlagen, und das Denken endet nicht. Wir fallen uns in die Arme und winden uns aus ihnen, wir sind unzertrennlich und fortwährend auf der Hut, denke ich, um uns die Stadt, zwischen uns der Fluss. Ute, sage ich eines Tages bittend im Luxushochhausteuerapartment, bleib mir ein Rätsel, du und dein Leben, und Ute sagt lächelnd wenn du es willst, und ich sage, ihren Blick suchend, die Frankfurter sind ehrbare Leute, aber was bin ich, Breitner, das Tier, Stade, Berlin, Frankfurt. Joachim, dunkelblau, hat die kühl-unnahbare, von mir so genannte Annabell die Reine das großformatige Bild genannt, von Ute, wie ich denke und von Anfang an gedacht habe, in unangenehmer, mütterlich-fordernder Weise angetrieben, Ute, denke ich, hat ihre berühmte Tochter für dieses Bild in Öl geradezu eingespannt, um mit Hilfe ihrer berühmten Tochter einen sogenannten Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu erfahren, was es mit Breitner, dem Geheimnisumwitterten, auf sich hat, während ich das überaus eigenwillige Bild vor drei Monaten im grauen Frankfurter Spätherbst kurzerhand für einen überaus angemessenen Preis erworben und goldgerahmt im Luxushochhausteuerapartment, wie mir durch den Kopf ging und immer noch durch den Kopf geht, von Breitnerangesicht zu Breitnerangesicht an einer kahlen, weißen Wand in einem toten Winkel mit Gerkens Hilfe aufgehängt habe, wo es, wie ich mit Ute schweigend in Annabells Atelier verharrend denke, seinen Platz gefunden hat, wie jeder seinen Platz findet, seinen Ort, jeder auf seine Art, Kühn als sogenannter Immobilien-Mogul bei Kühn und Partner, Gerken gefangen lauernd in seinem Schnapsflaschenversteckkabuff, Ute lächelnd mit dem Svevo auf dem Eisernen Steg, Annabell schwebend in immerwährendem Blau, ihrer blauen Phase,wie ich denke, ich wartend in Unstadt mit den Türmen nach der Erbfall-Enklave und Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin, nach Stade, die lieben Eltern, wie ich unvermittelt denke, auf dem idyllisch gelegenen Friedhof Geestberg der lieblich-schönen Hansestadt Stade, aus dem Leben gerissen durch feige Menschenhand und nach eingehender polizeilicher Untersuchung verscharrt im Familiengrab nach Anweisung des Sohnes und Einzelkindes Doktor Joachim Breitner, seinerzeit noch Joachim Breitner, wohnhaft im Kreuzberger Dreckloch, späterer Verfasser der Schriften Die Erwartung der Nation in der Soziologie sowie Der Ritualmord. Eine Einführung, wie ich, nunmehr seit einer sogenannten gefühlten Ewigkeit neben Ute wie angewurzelt stehend und Annabell bei der Erstellung von Kunst auf Frankfurter Boden beobachtend, denke. Ich mag die kühle Annabell, die junge, strenge, schwarzgelockte Annabell mit dem stechenden Blick, weil ich Luft für sie bin und Joachim, dunkelblau wie geronnene Luft erscheint, ich umrunde in Gedanken den Branitzer Platz, betrete das Haus mit seinen dreizehn Zimmern, bleibe unschlüssig im ehemaligen Arbeitszimmer stehen, erwäge eine Selbsttötung und verwerfe sie routiniert, verlasse das Haus und begebe mich mit einem Klumpatschkoffer nach Hamburg, um nachzudenken, wie ich tagträumend denke und die Elbe zu sehen und als Matrose Breitner anzuheuern und elbabwärts treibend dem Meer die Ehre zu erweisen. Wir erleben Frankfurt, denke ich, während ich die malende Annabell, die Tochter ihrer Mutter, wie ich denke, betrachte, wir erleben Frankfurt als Schneegestöber inmitten bläulicher Landschaften und fassen den Entschluss zur Flucht aus dem Wartesaalnest. Wollen wir aber dem Drecksgestöber entkommen, sehen wir uns plötzlichem Sonnenschein ausgesetzt und zögern. Erkennen wir bei näherem Hinsehen ein Wiedereinsetzen des Widrigen , das einen neuerlichen Fluchtversuch nahelegt, betrachten wir, schon geschwächt, das schneeschauernde Frankfurt als Naturgewalt, erkennen wir dann die einfache Wahrheit hinter der täuschenden Schneefassade und setzen zum Sprung ins bläuliche Nichts an, so finden wir uns, reinlich aufgelöst, in den Bildern Annabells, denke ich träumend. Dem Fluchttier Goethe gelingt die augenblicklich von mir so bezeichnete Fassaden-, Gestöber- und Sonnenflucht aus Frankfurt, um auf sogenannte neue Gedanken zu kommen und die lieben Eltern hinter sich zu lassen, während ich die lieben Eltern längst hinter mir gelassen habe und mich, den umgekehrten Weg wagend, nach Frankfurt katapultiert habe, um in der international bekannten Fassaden- und Schneegestöberstadt Frankfurt mein Heil zu finden, wie ich plötzlich laut lachend in Annabells Atelier denke. Seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten versuche ich in der sogenannten Freien und Hansestadt Hamburg zu Beginn meiner jährlichen Sommerfrische mein Heil zu finden, verfüge mich auf den Trafalgar Square in die herrlich auf Abstand bedachte und in sich selbst ruhende Metropole London, um mein Heil zu finden, winde mich angeekelt durch die Pariser Boulevards, nur um irgendwo zwischen dümmlich-dreisten Passanten und Aufschneidern mein Heil zu finden, schlendere über die römische Piazza del Popolo, um in einem Moment der Glückseligkeit mein Heil zu finden und lasse mich in luftiger Höhe auf Capri zwischen malerischen Felsvorsprüngen nieder, einzig und allein um den Sonnenuntergang zu betrachten und auf diese Weise mein Heil zu finden und geläutert den sogenannten geordneten Rückzug zum Branitzer Platz anzutreten und im ehemaligen Arbeitszimmer dem Hausmeister neue Weisungen zur Aufrechterhaltung der Bewohnbarkeit des Hauses zu erteilen und über den Schreibtisch ins sogenannte Freie zu starren und zu warten. Ute mit dem Sommerkleid, denke ich erregt, die tiefenschöne Ute mit dem roten Wintermantel an dunklen Augen, Ute mit dem welken, schönen Fleisch in Breitners Händen, Ute, die mich sofort erkannt hat auf dem berühmten Eisernen Steg bürgerschaftlichen Engagements, wie ich, Kühn ungenau zitierend, denke, Ute Cohn küsst ihre kühle, leuchtend-schöne Tochter Annabell und verlässt mit mir, wie sie es nennt, das Atelier der Blaumeise, und sagt: Durchlaucht zittern ja und ich lüge und sage mir ist kalt, und sie sagt von wegen und ich sage immer dieses Schneegestöber, und Ute sagt weil du im Blau verschwindest, aber du wirst leben mit deinen großen Händen und ich werde untergehen, und dann lachen wir beide. Am Untermainkai küsse ich Utes dunkle Augen und umarme den roten Wintermantel, blau, sage ich starr, ich bin nichts und weiß nichts von dir und Ute sagt du kennst meinen Namen, aber kennen willst du mich nicht, und ich sage ja, es ist sonderbar, alles und Ute sagt ich verzeihe dir. Dann küsse ich ihre Lippen, drehe mich um und gehe, gehe am trüben Main entlang, passiere grüßend Gerken, durchwühle den Klumpatsch und finde die Geschichte Laberkopp von Peter Kröger und freue mich, betrachte das nur aus Blautönen bestehende Joachim, dunkelblau im weißwandigen Krähwinkel des von mir, wie ich denke, eingewohnten Luxushochhausteuerapartments, sitze am Fenster und denke nach, denke an die kühle Annabell die Reine und ihr langes rabenschwarzes Haar, denke an Utes formschöne Hände in meinem schrägen Breitnergesicht, verliebe mich in die Farbe Blau und stelle mir Stade als blaue Stadt vor, als Stadt vor dem Anwesen vor den Toren der Stadt vor dem Untergang, wie ich, das Wesentliche überschlagend, zusammenfasse.

Seit wann nur diese Kopfschmerzen, denke ich, um mich abzulenken, immer diese Kopfschmerzen, gehe ich am Main entlang, habe ich Kopfschmerzen, schleiche ich über den Römerberg, habe ich Kopfschmerzen, betrete ich das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete und geschätzte Museum Judengasse, habe ich Kopfschmerzen, wandere ich in stundenlangen Märschen vom Main die sogenannte Nidda hinauf, setzen augenblicklich unangenehme Kopfschmerzen ein, die mir den Tag verderben, berührt mich Ute in bester Absicht auf meinen Verlangen hin unter der wattierten Winterjacke, muss ich sie, kopfschmerzbedingt, sogleich um den Abbruch jedweder Liebkosung bitten, trinke ich mit Kühn in heruntergekommenen Kaschemmen fragwürdigen sogenannten Äppelwoi in sogenannten Anstaltsmengen, setzt der undefinierbare Kopfschmerz noch vor dem definierbaren ein, nehme ich mir vor, Annabell nach dem Grund ihrer auffälligen Kühle mir gegenüber zu befragen, wird dieses Vorhaben sozusagen schon im Keim durch einsetzende Kopfschmerzen erstickt. Einzig und allein in Gerkens Gegenwart, denke ich, kommt es unter keinen Umständen zu Kopfschmerzen, weshalb ich, wie ich denke, häufig deutlich länger als notwendig eine Unterhaltung mit Gerken vor dem oder sogar im von mir geliebten Schnapsflaschenversteckkabuff führe, um den Zustand der Unmöglichkeit einsetzender Kopfschmerzen auszukosten und dafür Gerkens permanente sogenannte Alkoholausdünstungen, wie man sagt, ergeben in Kauf nehme und ihn sogar unaufgefordert mit sogenanntem Nachschub versorge. Seit Berlin, denke ich, verfolgen mich in unregelmäßigen Abständen sogenannte spontan auftretende Kopfschmerzattacken, während Frankfurt zur Stadt der regelmäßigen und gleichmäßig anschwellenden und abklingenden Kopfschmerzen geworden ist. Das Verfüllen der Lücken zwischen den Kopfschmerzattacken ist die mir verbleibende Lebensaufgabe, denke ich, aufgrund der von mir so genannten Frankfurter Kopfschmerzregelmäßigkeit wächst mir Frankfurt ans Herz. So, wie ich Ute liebe als regelmäßige Verfüllerin der Kopfschmerzlücken, liebe ich Frankfurt als Lückentaktgeber. Die gnädigen Cohns dieser Welt verfüllen die Kopfschmerzlücken der durchlauchtigen Breitners dieser Welt, verallgemeinere ich unzulässig, die Rettung der durchlauchtigen Breitners erfolgt durch die Inanspruchnahme der tiefenschönen Cohns, die Ausbeutung der tiefenschönen Cohns beginnt mit ihrer Inanspruchnahme als Verfüllern breitnerscher Kopfschmerzlücken, die aufgrund ihrer von mir so genannten schönen Regelmäßigkeit in Frankfurt ein geordnetes Zusammenleben erst ermöglichen, wie ich seltsam konzentriert denke, eine sofortige Selbsttötung außer der Reihe erwägend und verwerfend. Die gnädigen Cohns dieser Welt, denke ich und sehe Ute vor meinem sogenannten geistigen Auge auf dem Eisernen Steg von weitem im Svevo lesen und sehe mich mit dem, wie ich denke, armen Schwein Eckermann unter dem Arm heranwanken, die gnädigen Cohns und die durchlauchtigen Breitners mit den großen Händen und den klobigen Wanderschuhen beäugen einander erregt, besprechen das Wesentliche und lassen es sich nicht nehmen, zwei Wolfsbarsche zu verzehren und in einen Kykladenrausch zu verfallen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich sehe wieder Utes rote Bürste über den wunderbaren dunklen Augen, ich sehe die feinen Lippen und formschönen Hände und wittere ein schönes Leben und Ute sagt, vor nunmehr fünf Monaten sagt Ute: Du lügst, Breitner. Haltlos treiben wir durch das All, denke ich geborgen im Luxushochhausteuerapartment und sehe erneut zum Krähwinkel hinüber. Wir fügen uns ins sogenannte Unabänderliche und begehren auf und fügen uns unaufhörlich und treiben haltlos und treiben auf vorgegebenen Bahnen und sagen die Wahrheit und lügen und treiben weiter. Dem Erbfall entgeht nichts, denke ich, plötzlich einen Themenwechsel vollziehend, Frankfurt entgeht nichts, unserem fresssüchtigen Helden Achi-Tier Breitner entgeht nichts, Annabell entgeht nichts, die Mutter erkennt die Lüge, aber der Tochter entgeht nichts, wer den Drecksack malt, bemächtigt sich seiner, Annabell mag mich nicht, aber sie versteht mich, denke ich, wieder Joachim, dunkelblau betrachtend, eine sogenannte Welt dunkler Blautöne, denke ich, aber nirgendwo ist Joachim zu sehen, Erbfalldirektor Tunichtgut Breitner erscheint nicht, ein bloßer Namensgeber, es sei denn, er ist das goldgerahmte Bild selbst, wie ich denke, wie auch Frankfurt, das goldgerahmte Bild selbst ist und sich aus purer Eitelkeit ein paar Türme leistet um von seinem goldgerahmten Nichts abzulenken, während ich in einer sogenannten Welt dunkler Blautöne restlos aufgehe und meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtsein hergestellt sehe. Die berühmte Malerin und Tochter mit den schönen schwarzen Haaren Annabell Cohn, denke ich, hat meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtvorhandensein auf dem von mir direkt im Atelier erworbenen Bild Joachim, dunkelblau eindrucksvoll in Szene gesetzt, mein angebliches und gewissermaßen durch und durch wahres, allenfalls in dunklen Blautönen wahrnehmbares Nichtvorhandensein ist allerdings die Zurschaustellung der allergrößten vorstellbaren Lüge, denke ich kopfschmerzend, die sich beschönigend den Namen Wahrheit gegeben hat oder in diesem Fall Joachim, dunkelblau, was zur Minderung meines unendlichen Kontostandes um einen sogenannten gerechten fünfstelligen Betrag geführt hat, wie ich, den sogenannten Kopfschmerzhöhepunkt erreichend, denke. Ute hat mich durchschaut, während Annabell mich verstanden hat, überlege ich erschöpft. Die brave Hansestadt Stade hat mich in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin entlassen, von wo ich noch einmal zurückgekehrt bin, bevor ich, Unpässlichkeit vortäuschend, nicht mehr zurückgekehrt bin, nicht einmal zu den sogenannten Trauerfeierlichkeiten und von Berlin aus nach dem Ausscheiden der lieben Eltern aus dem weltlichen Geschehen das Nötige veranlasst und durchgesetzt habe. Das von mir so genannte klitzekleine Stade ist von mir fortan übersehen und erst durch den neuerlichen Frankfurter Kontakt mit meinem allerletzten guten Bekannten Herwig Kühn in meine Erinnerung zurückgekehrt und nicht wieder in der Versenkung verschwunden, wie Kühn, denke ich, nicht zu Unrecht bei unseren jetzt regelmäßig stattfindenden und von uns so genannten griechisch-orthodoxen Stammtischtreffen mit der ihm eigenen nüchternen Beschaulichkeit festzustellen pflegt. Alle Wege führen aus Stade, denke ich kichernd, das von mir mittlerweile geliebte Luxushochhausteuerapartment mit langen Schritten durchmessend, wer anderen eine Grube gräbt, füge ich hinzu, lasse mich auf dem sogenannten Designsofa nieder und lese im eingesauten Eckermann und denke an Ute und bin erregt und verlasse das sinkende Schiff und stürme lässig grüßend an Gerken vorbei und gerate in Schneegestöber und nehme ein Taxi und fahre zum Hotel mit dem Zimmer im Soundsovielten und nehme es für eine Nacht, weil ich das Geld habe und starre gegen die Decke und erwäge eine Beendigung der Beziehung mit Ute aus humanitären Gründen und verwerfe diesen Gedanken kopfschmerzgeplagt und falle, wie ich verzweifelt denke, in Ungnade mit mir selbst und fürchte die Einsamkeit und wünsche die Einsamkeit und verlasse am Morgen das Zimmer im Soundsovielten und betrete, wie ich gefasst denke, alte, eingelaufene Wege in meiner dritten Heimatstadt Frankfurt und schwanke glücklich und unglücklich durch das Museum Judengasse und kaufe ein Mobiltelefon zum Spottpreis, um das erste Mal seit Stade erreichbar zu sein und teile mit sogenannten Kurzmitteilungen Gerken die Nummer mit und teile Ute die Nummer mit und teile Kühn die Nummer mit und teile sogar Annabell und sogar dem Hausmeister am Branitzer Platz meine von jetzt an immer gültige und durchgehend erreichbare Telefonnummer mit und betrete ein Bordell und versuche erfolglos, dem Geschlechtsakt, wie ich denke, Würde zu verleihen und versage auf sogenannter ganzer Linie und lasse, die Bühne des Theaters Frankfurt, wie ich denke, erneut ziellos durchmessend, die Idole und Ereignisse meiner Jugend an meinem dritten, dem inneren Auge, vorüberziehen, als da waren: der Fluss Elbe als Idol; der Fluss Schwinge als Idol; die Insel Helgoland als Idol; die Tochter der Nachbarin Ilse Grapentin, Johanna Grapentin als Idol; die Ortschaft Cuxhaven als Idol und Hotelstandort für die verdeckten Unternehmungen des von mir später so genannten Obstindustriellen Wendell Breitner, Vater genannt; der mit Billigung seiner Gattin Silke, geborene Grapentin, Mutter genannt und ihrer Schwester Ilse mit der unehelich geborenen Nichte beziehungsweise Tochter , Johanna Grapentin, Cousine genannt, fuhrwerkende Obstindustrielle Wendell Breitner höchstselbst als Idol; ein Gedicht der bekannten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, namentlich Die Vergeltung als Ereignis; einige Texte des bekannten päderastischen Welt-Schriftstellers Thomas Mann, namentlich Der kleine Herr Friedemann und Tonio Kröger als Ereignis; einige Kompositionen der Komponisten Johann Sebastian Bach, namentlich die Goldbergvariationen, sowie Robert Schumann, namentlich die Kinderszenen, sowie Arnold Schoenberg, ehemals Arnold Schönberg, namentlich die Suite Opus 25, sowie Wendell Breitner, letzterer nach dem Fuhrwerken in Cuxhaven daheim zum Komponieren aufgelegt und obstindustriell komponierend als Ereignis; meine großen Hände bei Kerzenlicht im Jugendzimmer im Anwesen vor den Toren der Stadt als Ereignis; meine liebe Mutter Silke Breitner, geborene Grapentin, in der Moral von der Geschicht' lesend als Idol; große Portionen Essbares, um nicht vom Fleisch zu fallen als Ereignis; die sogenannte Liebe zwischen den Menschen sowie ihrer Dankbarkeit in allen Dingen als Ereignis; ferner das Ereignis der geplanten und erfolgten Selbsttötung der nur wenig älteren Johanna Grapentin im siebzehnten Jahr, weil es an der Zeit war und sie es wollte; das Ereignis einer Klassenfahrt nach Helgoland kurz vor Johannas Selbsttötung, als Johanna mir alles sagt und ich sie und ihr sogenanntes junges Leben soldatisch zum Durchhalten auffordere; wieder Bach, den ich direkt nach Erhalt der sogenannten Todesnachricht höre als Idol; wieder Schumann, den ich als Vertreter der obstindustriellen Familie direkt nach der Beerdigung im Jugendzimmer höre, als Idol; wieder Schoenberg, den ich fortan höre, damit keine Woge sich glättet, als Idol; schwarze Ausgehschuhe; eine originalgetreue Kopie von Goethe in der Campagna des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Wohnzimmer des riesigen Anwesens vor den Toren der Stadt Stade; die Mär vom Hebräer und dem Unglück der Unsrigen, regelmäßig dargebracht durch den zu spät geborenen Wendell Breitner als Ereignis; mein Freund Kühn als Idol; die Hochzeitsreise meiner lieben Eltern vor nunmehr fünfundfünfzig Jahren nebst Reisebericht und markierter Wegstrecke als nachgereichtes Ereignis; Stade als Anfang und Ende als Ereignis; mein Freund Kühn als Ereignis; Stade als Ende als Ereignis; mein sozusagen nachgereichtes Gedicht Gebeine als Ereignis und Abschluss zugleich.

Ich will es so denken, denke ich, meine dritte Heimatstadt Frankfurt ist mein letzter Glücksfall, nach dem ersten überwältigenden Glücksfall Stade folgt der zweite sozusagen erbfällige Glücksfall Branitzer Platz, gefolgt vom nunmehr fünf Monate währenden strengen Glück Frankfurts mit der tiefenschönen, welkfleischigen Ute als Krönung des letzten Glücksfalls, sozusagen als Krönung des Wesfalls, wie ich übermütig feststelle, Breitner, sagt Ute irgendwann in irgendeinem Spätsommermoment zwischen Tür und Angel, du hast keine Wahl, du musst fortfahren mit deinem Leben, du musst fortfahren auch wenn du nicht weißt warum, und dann gehen wir zur berühmten Annabell, und Annabell beginnt umgehend mit Joachim, dunkelblau, und ich kaufe es umgehend für einen in jedem Fall angemessenen Preis und hänge es in den Krähwinkel und betrachte es eingehend und sehe nichts, nur die Farbe blau und erkenne mich und warte auf den Winter bis er kommt und kleine Eisplättchen den trüben Main hinuntertreiben unter dem Eisernen Steg hindurch, auf dem Ute und ich stehen mit klobigen Wanderschuhen und einem Mantel in rot, ihre formschönen Hände in seinen, wie ich umherstreifend denke, als Gerken anruft und zur neuen Erreichbarkeit gratuliert und ich seinen Anruf mit den Worten pariere: Gibt es sonst noch etwas, Herr Gerken, ich habe soeben versagt und gehe spazieren und denke nach und höre meinen Herzschlag.

Dass meine Zeit kommen möge, denke ich und spüre eine Erregung zur sogenannten Unzeit und denke an Berlin und die Verkündung des Erbfalls und denke an die erste sogenannte große Sommerreise, die mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren nach einem genau festgelegten Plan von Hamburg nach Capri führt, der unvermeidlichen Sonne entgegen, wie ich, den Eisernen Steg zwischen frierenden Schulklassen überquerend, denke. Dass die Zeit des gährenden Drecks enden möge, denke ich plötzlich, der Stationen Stade, Berlin und Frankfurt gedenkend, dass Johanna leben möge, dass das Glück, wie ich verzweifelt auflachend denke, zu dem kommen möge, der warten kann, dass Ute mit der Bürste die mir Gemäße sei und Kühn mein Freund, wenn ich es will, dass der Tat die Tat entspringe, dass die lieben Eltern noch leben könnten, es aber nicht tun, dass sich Sinn leichter denken ließe, wenn er in Frankfurt wohnt und Stade ein Griechenklo ist. Rot vor Vergnügen und schwitzend vor Angst stehe ich in der Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Frankfurt und denke mit pochendem Herzen und erwäge eine Flucht ins Nichts und bleibe und kehre zurück nach Frankfurt.

 

 

Kapitel 8

Lachen

 

Fünf Monate Frankfurt und Annabell sagt: Wartet. Nur eine Sekunde.

In all unserer Flüchtigkeit und Schwere sind wir da und warten, unsere Herzen schlagen, und das Denken endet nicht. Wir fallen uns in die Arme und winden uns aus ihnen, wir sind unzertrennlich und fortwährend auf der Hut, denke ich, um uns die Stadt, zwischen uns der Fluss. Ute, sage ich eines Tages bittend im Luxushochhausteuerapartment, bleib mir ein Rätsel, du und dein Leben, und Ute sagt lächelnd wenn du es willst, und ich sage, ihren Blick suchend, die Frankfurter sind ehrbare Leute, aber was bin ich, Breitner, das Tier, Stade, Berlin, Frankfurt. Joachim, dunkelblau, hat die kühl-unnahbare, von mir so genannte Annabell die Reine das großformatige Bild genannt, von Ute, wie ich denke und von Anfang an gedacht habe, in unangenehmer, mütterlich-fordernder Weise angetrieben, Ute, denke ich, hat ihre berühmte Tochter für dieses Bild in Öl geradezu eingespannt, um mit Hilfe ihrer berühmten Tochter einen sogenannten Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu erfahren, was es mit Breitner, dem Geheimnisumwitterten, auf sich hat, während ich das überaus eigenwillige Bild vor drei Monaten im grauen Frankfurter Spätherbst kurzerhand für einen überaus angemessenen Preis erworben und goldgerahmt im Luxushochhausteuerapartment, wie mir durch den Kopf ging und immer noch durch den Kopf geht, von Breitnerangesicht zu Breitnerangesicht an einer kahlen, weißen Wand in einem toten Winkel mit Gerkens Hilfe aufgehängt habe, wo es, wie ich mit Ute schweigend in Annabells Atelier verharrend denke, seinen Platz gefunden hat, wie jeder seinen Platz findet, seinen Ort, jeder auf seine Art, Kühn als sogenannter Immobilien-Mogul bei Kühn und Partner, Gerken gefangen lauernd in seinem Schnapsflaschenversteckkabuff, Ute lächelnd mit dem Svevo auf dem Eisernen Steg, Annabell schwebend in immerwährendem Blau, ihrer blauen Phase,wie ich denke, ich wartend in Unstadt mit den Türmen nach der Erbfall-Enklave und Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin, nach Stade, die lieben Eltern, wie ich unvermittelt denke, auf dem idyllisch gelegenen Friedhof Geestberg der lieblich-schönen Hansestadt Stade, aus dem Leben gerissen durch feige Menschenhand und nach eingehender polizeilicher Untersuchung verscharrt im Familiengrab nach Anweisung des Sohnes und Einzelkindes Doktor Joachim Breitner, seinerzeit noch Joachim Breitner, wohnhaft im Kreuzberger Dreckloch, späterer Verfasser der Schriften Die Erwartung der Nation in der Soziologie sowie Der Ritualmord. Eine Einführung, wie ich, nunmehr seit einer sogenannten gefühlten Ewigkeit neben Ute wie angewurzelt stehend und Annabell bei der Erstellung von Kunst auf Frankfurter Boden beobachtend, denke. Ich mag die kühle Annabell, die junge, strenge, schwarzgelockte Annabell mit dem stechenden Blick, weil ich Luft für sie bin und Joachim, dunkelblau wie geronnene Luft erscheint, ich umrunde in Gedanken den Branitzer Platz, betrete das Haus mit seinen dreizehn Zimmern, bleibe unschlüssig im ehemaligen Arbeitszimmer stehen, erwäge eine Selbsttötung und verwerfe sie routiniert, verlasse das Haus und begebe mich mit einem Klumpatschkoffer nach Hamburg, um nachzudenken, wie ich tagträumend denke und die Elbe zu sehen und als Matrose Breitner anzuheuern und elbabwärts treibend dem Meer die Ehre zu erweisen. Wir erleben Frankfurt, denke ich, während ich die malende Annabell, die Tochter ihrer Mutter, wie ich denke, betrachte, wir erleben Frankfurt als Schneegestöber inmitten bläulicher Landschaften und fassen den Entschluss zur Flucht aus dem Wartesaalnest. Wollen wir aber dem Drecksgestöber entkommen, sehen wir uns plötzlichem Sonnenschein ausgesetzt und zögern. Erkennen wir bei näherem Hinsehen ein Wiedereinsetzen des Widrigen , das einen neuerlichen Fluchtversuch nahelegt, betrachten wir, schon geschwächt, das schneeschauernde Frankfurt als Naturgewalt, erkennen wir dann die einfache Wahrheit hinter der täuschenden Schneefassade und setzen zum Sprung ins bläuliche Nichts an, so finden wir uns, reinlich aufgelöst, in den Bildern Annabells, denke ich träumend. Dem Fluchttier Goethe gelingt die augenblicklich von mir so bezeichnete Fassaden-, Gestöber- und Sonnenflucht aus Frankfurt, um auf sogenannte neue Gedanken zu kommen und die lieben Eltern hinter sich zu lassen, während ich die lieben Eltern längst hinter mir gelassen habe und mich, den umgekehrten Weg wagend, nach Frankfurt katapultiert habe, um in der international bekannten Fassaden- und Schneegestöberstadt Frankfurt mein Heil zu finden, wie ich plötzlich laut lachend in Annabells Atelier denke. Seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten versuche ich in der sogenannten Freien und Hansestadt Hamburg zu Beginn meiner jährlichen Sommerfrische mein Heil zu finden, verfüge mich auf den Trafalgar Square in die herrlich auf Abstand bedachte und in sich selbst ruhende Metropole London, um mein Heil zu finden, winde mich angeekelt durch die Pariser Boulevards, nur um irgendwo zwischen dümmlich-dreisten Passanten und Aufschneidern mein Heil zu finden, schlendere über die römische Piazza del Popolo, um in einem Moment der Glückseligkeit mein Heil zu finden und lasse mich in luftiger Höhe auf Capri zwischen malerischen Felsvorsprüngen nieder, einzig und allein um den Sonnenuntergang zu betrachten und auf diese Weise mein Heil zu finden und geläutert den sogenannten geordneten Rückzug zum Branitzer Platz anzutreten und im ehemaligen Arbeitszimmer dem Hausmeister neue Weisungen zur Aufrechterhaltung der Bewohnbarkeit des Hauses zu erteilen und über den Schreibtisch ins sogenannte Freie zu starren und zu warten. Ute mit dem Sommerkleid, denke ich erregt, die tiefenschöne Ute mit dem roten Wintermantel an dunklen Augen, Ute mit dem welken, schönen Fleisch in Breitners Händen, Ute, die mich sofort erkannt hat auf dem berühmten Eisernen Steg bürgerschaftlichen Engagements, wie ich, Kühn ungenau zitierend, denke, Ute Cohn küsst ihre kühle, leuchtend-schöne Tochter Annabell und verlässt mit mir, wie sie es nennt, das Atelier der Blaumeise, und sagt: Durchlaucht zittern ja und ich lüge und sage mir ist kalt, und sie sagt von wegen und ich sage immer dieses Schneegestöber, und Ute sagt weil du im Blau verschwindest, aber du wirst leben mit deinen großen Händen und ich werde untergehen, und dann lachen wir beide. Am Untermainkai küsse ich Utes dunkle Augen und umarme den roten Wintermantel, blau, sage ich starr, ich bin nichts und weiß nichts von dir und Ute sagt du kennst meinen Namen, aber kennen willst du mich nicht, und ich sage ja, es ist sonderbar, alles und Ute sagt ich verzeihe dir. Dann küsse ich ihre Lippen, drehe mich um und gehe, gehe am trüben Main entlang, passiere grüßend Gerken, durchwühle den Klumpatsch und finde die Geschichte Laberkopp von Peter Kröger und freue mich, betrachte das nur aus Blautönen bestehende Joachim, dunkelblau im weißwandigen Krähwinkel des von mir, wie ich denke, eingewohnten Luxushochhausteuerapartments, sitze am Fenster und denke nach, denke an die kühle Annabell die Reine und ihr langes rabenschwarzes Haar, denke an Utes formschöne Hände in meinem schrägen Breitnergesicht, verliebe mich in die Farbe Blau und stelle mir Stade als blaue Stadt vor, als Stadt vor dem Anwesen vor den Toren der Stadt vor dem Untergang, wie ich, das Wesentliche überschlagend, zusammenfasse.

Seit wann nur diese Kopfschmerzen, denke ich, um mich abzulenken, immer diese Kopfschmerzen, gehe ich am Main entlang, habe ich Kopfschmerzen, schleiche ich über den Römerberg, habe ich Kopfschmerzen, betrete ich das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete und geschätzte Museum Judengasse, habe ich Kopfschmerzen, wandere ich in stundenlangen Märschen vom Main die sogenannte Nidda hinauf, setzen augenblicklich unangenehme Kopfschmerzen ein, die mir den Tag verderben, berührt mich Ute in bester Absicht auf meinen Verlangen hin unter der wattierten Winterjacke, muss ich sie, kopfschmerzbedingt, sogleich um den Abbruch jedweder Liebkosung bitten, trinke ich mit Kühn in heruntergekommenen Kaschemmen fragwürdigen sogenannten Äppelwoi in sogenannten Anstaltsmengen, setzt der undefinierbare Kopfschmerz noch vor dem definierbaren ein, nehme ich mir vor, Annabell nach dem Grund ihrer auffälligen Kühle mir gegenüber zu befragen, wird dieses Vorhaben sozusagen schon im Keim durch einsetzende Kopfschmerzen erstickt. Einzig und allein in Gerkens Gegenwart, denke ich, kommt es unter keinen Umständen zu Kopfschmerzen, weshalb ich, wie ich denke, häufig deutlich länger als notwendig eine Unterhaltung mit Gerken vor dem oder sogar im von mir geliebten Schnapsflaschenversteckkabuff führe, um den Zustand der Unmöglichkeit einsetzender Kopfschmerzen auszukosten und dafür Gerkens permanente sogenannte Alkoholausdünstungen, wie man sagt, ergeben in Kauf nehme und ihn sogar unaufgefordert mit sogenanntem Nachschub versorge. Seit Berlin, denke ich, verfolgen mich in unregelmäßigen Abständen sogenannte spontan auftretende Kopfschmerzattacken, während Frankfurt zur Stadt der regelmäßigen und gleichmäßig anschwellenden und abklingenden Kopfschmerzen geworden ist. Das Verfüllen der Lücken zwischen den Kopfschmerzattacken ist die mir verbleibende Lebensaufgabe, denke ich, aufgrund der von mir so genannten Frankfurter Kopfschmerzregelmäßigkeit wächst mir Frankfurt ans Herz. So, wie ich Ute liebe als regelmäßige Verfüllerin der Kopfschmerzlücken, liebe ich Frankfurt als Lückentaktgeber. Die gnädigen Cohns dieser Welt verfüllen die Kopfschmerzlücken der durchlauchtigen Breitners dieser Welt, verallgemeinere ich unzulässig, die Rettung der durchlauchtigen Breitners erfolgt durch die Inanspruchnahme der tiefenschönen Cohns, die Ausbeutung der tiefenschönen Cohns beginnt mit ihrer Inanspruchnahme als Verfüllern breitnerscher Kopfschmerzlücken, die aufgrund ihrer von mir so genannten schönen Regelmäßigkeit in Frankfurt ein geordnetes Zusammenleben erst ermöglichen, wie ich seltsam konzentriert denke, eine sofortige Selbsttötung außer der Reihe erwägend und verwerfend. Die gnädigen Cohns dieser Welt, denke ich und sehe Ute vor meinem sogenannten geistigen Auge auf dem Eisernen Steg von weitem im Svevo lesen und sehe mich mit dem, wie ich denke, armen Schwein Eckermann unter dem Arm heranwanken, die gnädigen Cohns und die durchlauchtigen Breitners mit den großen Händen und den klobigen Wanderschuhen beäugen einander erregt, besprechen das Wesentliche und lassen es sich nicht nehmen, zwei Wolfsbarsche zu verzehren und in einen Kykladenrausch zu verfallen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich sehe wieder Utes rote Bürste über den wunderbaren dunklen Augen, ich sehe die feinen Lippen und formschönen Hände und wittere ein schönes Leben und Ute sagt, vor nunmehr fünf Monaten sagt Ute: Du lügst, Breitner. Haltlos treiben wir durch das All, denke ich geborgen im Luxushochhausteuerapartment und sehe erneut zum Krähwinkel hinüber. Wir fügen uns ins sogenannte Unabänderliche und begehren auf und fügen uns unaufhörlich und treiben haltlos und treiben auf vorgegebenen Bahnen und sagen die Wahrheit und lügen und treiben weiter. Dem Erbfall entgeht nichts, denke ich, plötzlich einen Themenwechsel vollziehend, Frankfurt entgeht nichts, unserem fresssüchtigen Helden Achi-Tier Breitner entgeht nichts, Annabell entgeht nichts, die Mutter erkennt die Lüge, aber der Tochter entgeht nichts, wer den Drecksack malt, bemächtigt sich seiner, Annabell mag mich nicht, aber sie versteht mich, denke ich, wieder Joachim, dunkelblau betrachtend, eine sogenannte Welt dunkler Blautöne, denke ich, aber nirgendwo ist Joachim zu sehen, Erbfalldirektor Tunichtgut Breitner erscheint nicht, ein bloßer Namensgeber, es sei denn, er ist das goldgerahmte Bild selbst, wie ich denke, wie auch Frankfurt, das goldgerahmte Bild selbst ist und sich aus purer Eitelkeit ein paar Türme leistet um von seinem goldgerahmten Nichts abzulenken, während ich in einer sogenannten Welt dunkler Blautöne restlos aufgehe und meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtsein hergestellt sehe. Die berühmte Malerin und Tochter mit den schönen schwarzen Haaren Annabell Cohn, denke ich, hat meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtvorhandensein auf dem von mir direkt im Atelier erworbenen Bild Joachim, dunkelblau eindrucksvoll in Szene gesetzt, mein angebliches und gewissermaßen durch und durch wahres, allenfalls in dunklen Blautönen wahrnehmbares Nichtvorhandensein ist allerdings die Zurschaustellung der allergrößten vorstellbaren Lüge, denke ich kopfschmerzend, die sich beschönigend den Namen Wahrheit gegeben hat oder in diesem Fall Joachim, dunkelblau, was zur Minderung meines unendlichen Kontostandes um einen sogenannten gerechten fünfstelligen Betrag geführt hat, wie ich, den sogenannten Kopfschmerzhöhepunkt erreichend, denke. Ute hat mich durchschaut, während Annabell mich verstanden hat, überlege ich erschöpft. Die brave Hansestadt Stade hat mich in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin entlassen, von wo ich noch einmal zurückgekehrt bin, bevor ich, Unpässlichkeit vortäuschend, nicht mehr zurückgekehrt bin, nicht einmal zu den sogenannten Trauerfeierlichkeiten und von Berlin aus nach dem Ausscheiden der lieben Eltern aus dem weltlichen Geschehen das Nötige veranlasst und durchgesetzt habe. Das von mir so genannte klitzekleine Stade ist von mir fortan übersehen und erst durch den neuerlichen Frankfurter Kontakt mit meinem allerletzten guten Bekannten Herwig Kühn in meine Erinnerung zurückgekehrt und nicht wieder in der Versenkung verschwunden, wie Kühn, denke ich, nicht zu Unrecht bei unseren jetzt regelmäßig stattfindenden und von uns so genannten griechisch-orthodoxen Stammtischtreffen mit der ihm eigenen nüchternen Beschaulichkeit festzustellen pflegt. Alle Wege führen aus Stade, denke ich kichernd, das von mir mittlerweile geliebte Luxushochhausteuerapartment mit langen Schritten durchmessend, wer anderen eine Grube gräbt, füge ich hinzu, lasse mich auf dem sogenannten Designsofa nieder und lese im eingesauten Eckermann und denke an Ute und bin erregt und verlasse das sinkende Schiff und stürme lässig grüßend an Gerken vorbei und gerate in Schneegestöber und nehme ein Taxi und fahre zum Hotel mit dem Zimmer im Soundsovielten und nehme es für eine Nacht, weil ich das Geld habe und starre gegen die Decke und erwäge eine Beendigung der Beziehung mit Ute aus humanitären Gründen und verwerfe diesen Gedanken kopfschmerzgeplagt und falle, wie ich verzweifelt denke, in Ungnade mit mir selbst und fürchte die Einsamkeit und wünsche die Einsamkeit und verlasse am Morgen das Zimmer im Soundsovielten und betrete, wie ich gefasst denke, alte, eingelaufene Wege in meiner dritten Heimatstadt Frankfurt und schwanke glücklich und unglücklich durch das Museum Judengasse und kaufe ein Mobiltelefon zum Spottpreis, um das erste Mal seit Stade erreichbar zu sein und teile mit sogenannten Kurzmitteilungen Gerken die Nummer mit und teile Ute die Nummer mit und teile Kühn die Nummer mit und teile sogar Annabell und sogar dem Hausmeister am Branitzer Platz meine von jetzt an immer gültige und durchgehend erreichbare Telefonnummer mit und betrete ein Bordell und versuche erfolglos, dem Geschlechtsakt, wie ich denke, Würde zu verleihen und versage auf sogenannter ganzer Linie und lasse, die Bühne des Theaters Frankfurt, wie ich denke, erneut ziellos durchmessend, die Idole und Ereignisse meiner Jugend an meinem dritten, dem inneren Auge, vorüberziehen, als da waren: der Fluss Elbe als Idol; der Fluss Schwinge als Idol; die Insel Helgoland als Idol; die Tochter der Nachbarin Ilse Grapentin, Johanna Grapentin als Idol; die Ortschaft Cuxhaven als Idol und Hotelstandort für die verdeckten Unternehmungen des von mir später so genannten Obstindustriellen Wendell Breitner, Vater genannt; der mit Billigung seiner Gattin Silke, geborene Grapentin, Mutter genannt und ihrer Schwester Ilse mit der unehelich geborenen Nichte beziehungsweise Tochter , Johanna Grapentin, Cousine genannt, fuhrwerkende Obstindustrielle Wendell Breitner höchstselbst als Idol; ein Gedicht der bekannten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, namentlich Die Vergeltung als Ereignis; einige Texte des bekannten päderastischen Welt-Schriftstellers Thomas Mann, namentlich Der kleine Herr Friedemann und Tonio Kröger als Ereignis; einige Kompositionen der Komponisten Johann Sebastian Bach, namentlich die Goldbergvariationen, sowie Robert Schumann, namentlich die Kinderszenen, sowie Arnold Schoenberg, ehemals Arnold Schönberg, namentlich die Suite Opus 25, sowie Wendell Breitner, letzterer nach dem Fuhrwerken in Cuxhaven daheim zum Komponieren aufgelegt und obstindustriell komponierend als Ereignis; meine großen Hände bei Kerzenlicht im Jugendzimmer im Anwesen vor den Toren der Stadt als Ereignis; meine liebe Mutter Silke Breitner, geborene Grapentin, in der Moral von der Geschicht' lesend als Idol; große Portionen Essbares, um nicht vom Fleisch zu fallen als Ereignis; die sogenannte Liebe zwischen den Menschen sowie ihrer Dankbarkeit in allen Dingen als Ereignis; ferner das Ereignis der geplanten und erfolgten Selbsttötung der nur wenig älteren Johanna Grapentin im siebzehnten Jahr, weil es an der Zeit war und sie es wollte; das Ereignis einer Klassenfahrt nach Helgoland kurz vor Johannas Selbsttötung, als Johanna mir alles sagt und ich sie und ihr sogenanntes junges Leben soldatisch zum Durchhalten auffordere; wieder Bach, den ich direkt nach Erhalt der sogenannten Todesnachricht höre als Idol; wieder Schumann, den ich als Vertreter der obstindustriellen Familie direkt nach der Beerdigung im Jugendzimmer höre, als Idol; wieder Schoenberg, den ich fortan höre, damit keine Woge sich glättet, als Idol; schwarze Ausgehschuhe; eine originalgetreue Kopie von Goethe in der Campagna des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Wohnzimmer des riesigen Anwesens vor den Toren der Stadt Stade; die Mär vom Hebräer und dem Unglück der Unsrigen, regelmäßig dargebracht durch den zu spät geborenen Wendell Breitner als Ereignis; mein Freund Kühn als Idol; die Hochzeitsreise meiner lieben Eltern vor nunmehr fünfundfünfzig Jahren nebst Reisebericht und markierter Wegstrecke als nachgereichtes Ereignis; Stade als Anfang und Ende als Ereignis; mein Freund Kühn als Ereignis; Stade als Ende als Ereignis; mein sozusagen nachgereichtes Gedicht Gebeine als Ereignis und Abschluss zugleich.

Ich will es so denken, denke ich, meine dritte Heimatstadt Frankfurt ist mein letzter Glücksfall, nach dem ersten überwältigenden Glücksfall Stade folgt der zweite sozusagen erbfällige Glücksfall Branitzer Platz, gefolgt vom nunmehr fünf Monate währenden strengen Glück Frankfurts mit der tiefenschönen, welkfleischigen Ute als Krönung des letzten Glücksfalls, sozusagen als Krönung des Wesfalls, wie ich übermütig feststelle, Breitner, sagt Ute irgendwann in irgendeinem Spätsommermoment zwischen Tür und Angel, du hast keine Wahl, du musst fortfahren mit deinem Leben, du musst fortfahren auch wenn du nicht weißt warum, und dann gehen wir zur berühmten Annabell, und Annabell beginnt umgehend mit Joachim, dunkelblau, und ich kaufe es umgehend für einen in jedem Fall angemessenen Preis und hänge es in den Krähwinkel und betrachte es eingehend und sehe nichts, nur die Farbe blau und erkenne mich und warte auf den Winter bis er kommt und kleine Eisplättchen den trüben Main hinuntertreiben unter dem Eisernen Steg hindurch, auf dem Ute und ich stehen mit klobigen Wanderschuhen und einem Mantel in rot, ihre formschönen Hände in seinen, wie ich umherstreifend denke, als Gerken anruft und zur neuen Erreichbarkeit gratuliert und ich seinen Anruf mit den Worten pariere: Gibt es sonst noch etwas, Herr Gerken, ich habe soeben versagt und gehe spazieren und denke nach und höre meinen Herzschlag.

Dass meine Zeit kommen möge, denke ich und spüre eine Erregung zur sogenannten Unzeit und denke an Berlin und die Verkündung des Erbfalls und denke an die erste sogenannte große Sommerreise, die mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren nach einem genau festgelegten Plan von Hamburg nach Capri führt, der unvermeidlichen Sonne entgegen, wie ich, den Eisernen Steg zwischen frierenden Schulklassen überquerend, denke. Dass die Zeit des gährenden Drecks enden möge, denke ich plötzlich, der Stationen Stade, Berlin und Frankfurt gedenkend, dass Johanna leben möge, dass das Glück, wie ich verzweifelt auflachend denke, zu dem kommen möge, der warten kann, dass Ute mit der Bürste die mir Gemäße sei und Kühn mein Freund, wenn ich es will, dass der Tat die Tat entspringe, dass die lieben Eltern noch leben könnten, es aber nicht tun, dass sich Sinn leichter denken ließe, wenn er in Frankfurt wohnt und Stade ein Griechenklo ist. Rot vor Vergnügen und schwitzend vor Angst stehe ich in der Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Frankfurt und denke mit pochendem Herzen und erwäge eine Flucht ins Nichts und bleibe und kehre zurück nach Frankfurt.

 

 

Kapitel 9

Städel

 

In Frankfurt erfahre ich wer ich bin, denke ich mit schwerem Kopf und warte. Dem Tod verdanke ich das Leben, Ute die Liebe. Auf den Stufen des Städels hocken schwarze Vögel und starren auf Fluss und Stadt. Ich sehe Ute von weitem im roten Mantel nahen und freue mich und fürchte mich vor dem Rätsel und warte. Dem Dreck der Dreck und der Schönheit das Wahre. Die Pforten öffnen sich.

Wieder und wieder, denke ich, umrunde ich denkend den Branitzer Platz im fernen, im vergangenen Berlin, um schließlich meinen langen, beschwerlichen Weg zum Scholzplatz anzutreten und bei einsetzender oder völliger Dunkelheit erschöpft zurückzukehren, mit den klobigen Wanderschuhen biege ich in die Kastanienallee ein, die Blicke des Hausmeisters verfolgen mich, die Heerstraße lockt, denke ich amüsiert, auf den Stufen des Städels wartend, einmal, denke ich, werde ich das gleichgültige, das rohe Berlin wiedersehen, ich werde das ehemalige Arbeitszimmer in der Villa am Branitzer Platz betreten, dem Hausmeister neue Anweisungen erteilen und sagen: Es hat keine Eile. Ich werde Ute durch leere Zimmer führen und erregt ihre Hände halten, ich werde sie zitternd um ein sogenanntes Kaddisch bitten und Ute wird sagen: Du spinnst, Breitner. Warum, denke ich, betrete ich Räume ohne Licht und laufe doch durch Stades Gassen, durch die geraden, breiten Straßen Berlins, durch Frankfurts schiefe Wartehallenwege und sehe Ute kommen in ihrem roten Wintermantel, Ute, wie ich sie kenne, mit roter Bürste, mit feinen Lippen, braunen Augen und formschönen Händen? Warum, wird Ute sagen, ich weiß es, stehst du hier und frierst, und ich werde sagen, weil ich auf dich warte neben schwarzen Vögeln in einem Raum ohne Licht bis du da bist , und Ute wird sagen, ich halte das für übertrieben, Breitner, und ich werde sagen Du weißt nichts, Madame Cohn, und Ute wird sagen, lass uns hineingehen, Breitner, dann weiß ich mehr, und ich werde zittern vor Kälte und sagen guter Gedanke, Ute, und schließlich werden wir das Städel betreten und sofort das weltberühmte und mir von sogenannten Kinderbeinen an vertraute Gemälde Goethe in der Campagna sehen, wie ich inmitten von schwarzen, hungrigen Vögeln vor dem Städel denke. Goethe in der Campagna, denke ich, begleitet meine Jugend in Stade, Wendell Breitner, der sehr liebe Wendell, veranlasst als Anbeter des hochverehrten italienvernarrten Geheimrats den von mir später so genannten obstindustriell-idiotischen Abklatsch des Campagna-Bildes, während das Original sich im fernen Frankfurt befindet, und, wie ich, Ute erwartend, denke, seiner sozusagen persönlichen Wieder- beziehungsweise Neuentdeckung durch den Neufrankfurter Doktor Joachim Breitner harrt. Die allergrößte und mir Goethe in nicht geringem Maße verleidende und gleichzeitig näherbringende Lächerlichkeit besteht, wie ich, mit Ute die von mir so genannten heiligen Hallen des Städels betretend, denke, in der wenn auch kunstgeschichtlich weithin erklärbaren, nichtsdestotrotz aber kreuzdämlich wirkenden Angeberpose und Kackstenzhaftigkeit des Campagna-Bildes, in der gockelhaften Zurschaustellung des in einen lupenrein-dämlichen Reisemantel gehüllten Ichs mit dem zur Schau gestellten lächerlichen Makel der zwei linken Füße als Witz, als Rettung vor dem Unerträglichen, wie ich denke. Den schon früh zum Denkmal seiner selbst erstarrten ehemaligen Frankfurtflüchtling und zwischenzeitlichen Weimarflüchtling Goethe, sage ich zur auflachenden Ute während der sogenannten Bildbetrachtung, rettet der linke Fuß am rechten Bein. Tischbein, sage ich, rettet den gockelhaften Goethe durch einen linken Fuß am rechten Bein und rettet ihm damit das Leben, die Lächerlichkeit rettet den Menschen aus dem selbstverschuldeten Schlamassel, der selbstverschuldete Schlamassel wird gewissermaßen entschuldet durch Lächerlichkeit, zwei linke Füße, sage ich der fröhlichen Ute, können beispielsweise einer sogenannten schweren aber auch unbeschwerten Kindheit und Jugend, gefolgt von einem schweren aber auch unbeschwerten berühmten Dasein, die unvermeidliche Schlamasselhaftigkeit nehmen und durch Lächerlichkeit Erlösung herbeiführen. Liebe Ute, sage ich und küsse Ute vor den Augen der Überwachungskameras auf beide Wangen, selbst ein im Zustand großer persönlicher Zerrüttung begangener Mord aus Langeweile wird durch Lächerlichkeit sozusagen der Zahn gezogen, und Ute sagt du hast sie nicht alle, Breitner, als wir uns auf dem Eisernen Steg begegnet sind, habe ich dir die Lüge angesehen, aber die Lächerlichkeit, sagt Ute zögernd und ergänzt: aber nicht die Lächerlichkeit, und dann schweigt sie, und schweigend durchstreifen wir die Säle des Städel und halten uns an den Händen und schweigen und erreichen die, wie ich sie augenblicklich nenne, Katakomben der Moderne, die Räume des kurzen Gedächtnisses, wie Ute melancholisch sagt. Breitner, höre ich sie plötzlich flüstern, du weißt nichts von mir, ich soll dir ein Rätsel bleiben, selbst dein Freund Kühn soll dir ein Rätsel bleiben, wie im Grunde auch Frankfurt dir ein Rätsel bleiben soll, aber was bist du dir, und ich fühle den Drang, in Gerkens Kabuff zu kriechen und saufend zu versinken, ich trinke in Gedanken mit Gerken Flasche um Flasche in gemeinsamer Lächerlichkeit und Erlösung und empfange und begrüße die Bewohner des Luxushochhausteuerapartments mit einem Kopfnicken und schlage in Gedanken mit den klobigen Wanderschuhen vergnügt gegen die Kabuffwand und lobe den Tag und vergebe meinem Schuldiger, wie auch mein Schuldiger mir vergibt und mache Feierabend, wie jeder Feierabend macht und schlafe den sogenannten Schlaf der Gerechten und erwache und gehe erneut ins Kabuff und empfange mich kopfnickend selbst und sage Guten Tag Herr Doktor Breitner und denke mir meinen sogenannten Teil und denke nicht und höre nicht meinen Herzschlag und bin ein sogenannter Rentenaufbesserer in einem Luxushochhausteuerapartment und kenne Leute wie diesen Breitner und kenne sie nicht und trinke und schaue auf meine klobigen Wanderschuhe und wundere mich und küsse Ute, die mir ein Rätsel bleiben soll wie alles. Annabell sagt, sagt Ute, du könntest ein Totschläger sein und deutet auf irgendein Bild, dann auf ein anderes in schneller, irritierender Folge, dann sagt sie mit angelegten Armen und spitzem Zeigefinger: Ich bewundere Ad Reinhardt und die Farbe Schwarz und ich sage etwas Melancholisches wie das Abstrakte ist das Konkrete, und Ute sagt: und Adolf Luther, und ich sage etwas Doppeldeutiges wie das Unsichtbare sichtbar machen, und im selben Moment rufe ich irre lachend in die heiligen Katakomben des Städels: die Adolfs dieser Welt, und Ute sagt Breitner, du bist verrückt und fügt hinzu Annabell irrt sich nie und sogenannte Saalwächter eilen herbei und bitten um Ruhe, und ich sehe Ute an und sage: was soll das sein, ein Totschläger, und Ute sagt ein Idiot, der nach Frankfurt gekommen ist, um dort die Zeit totzuschlagen, und ich frage, Schrecken verbreitend, sind wir im Städel, um deinen Worten zu lauschen und uns zu laben an deinem Humor, und Ute sagt betroffen ich will gehen, und ich sage auftrumpfend das könnte dir so passen, und Ute sagt so reden arme Tröpfe, und dann sagt sie du bist Ödland, Breitner, und ich sage nimm mich mit, sonst verlaufe ich mich, und dann stürzen wir ins Freie, und ich verliere auch diesen Lauf den Main entlang vom sogenannten Holbeinsteg zum sogenannten Eisernen Steg, mein Leben, Scheiß-Breitners Leben, denke ich kurzatmig und niedergeschlagen neben der leichtfüßig hüpfenden und schließlich barmherzig wartenden sehnig-welken Ute, verdichtet sich in Frankfurt zu einem niederschmetternden, von mir so genannten Elendslauf zwischen sogenannten Stegen über trübes Gewässer, eine unglaubliche und kaum zu unterschätzende Verdichtung seines Dreckslebens wird von Scheiß-Breitner in der Stadt seiner Träume durch niederschmetternde Wettläufe mit der Frau seiner Träume erzielt, die Goldbergvariationen, beginne ich meinen mühsam zurechtgelegten Satz und sehe Ute an, die Kinderszenen, vor allem die Kinderszenen, nicht zu vergessen die Suite Opus fünfundzwanzig, was ich sagen will, Stade, sage ich und verstumme und werde wütend, und Ute sagt: nur der kennt dich, der dich stammeln sah, und ich weiß nicht, was ich sage und sage: Sei froh, zu sein was du bist und Ute zögert keine Sekunde und sagt ich bin es, und ich denke an nichts und sage aber ich habe Frankfurt ins Herz geschlossen und Ute sagt, warum gehen wir erst jetzt ins Städel und ich sage ich weiß es nicht und füge hinzu weil ich unter allem leide was mich anstarrt und was ich anstarre, weil ich in allem untergehe, das mich berührt und Ute sagt du bist krank Breitner und ich sage ja, krank am Herzen, wir gehen wankend und immerwährend am Flutsaum des Todes entlang, der ein Flutsaum des Irrsinns ist, denke ich, die Gedrahteten aus Stade erleben vor den Toren der Stadt unter dem anweseneigenen abgeklatschten Tischbein-Bild ihr persönliches und unerwartetes Flutsaum-Inferno durch den von ihnen so genannten verlorenen Sohn und eitlen Dreckslochbewohner Joachim, noch leben sie, aber schon leben sie nicht mehr, noch wird Stade vom Goethe-Anbeter und Linksfußignoranten Wendell und dem ehemaligen musikalischen Weltgewissen, der gewesenden Fachbereichsleiterin und jetzigen obstindustriellen Zuarbeiterin Silke achtbar bewohnt und belagert, wie ich denke, schon trifft geölter Blitz sie aus heiterem Himmel und beendet ihr Sein, noch gedenken die Eheleute guter und schlechter Zeiten, noch scheffeln und hassen und fuhrwerken sie, da sind sie auch schon flutsäumig dem Tode nah, wie ich denke, und geben im nächsten Moment zuckend den obstindustriellen Staffel-Löffel ab und weiter an Achi das Monster, das Tier, den Sohn, der eben noch mordend sozusagen Gewehr bei Fuß steht und schon den Festtag in der urgemütlichen Unterkunft Zur Kogge feiernd begeht. Eben noch lernen wir uns kennen auf dem Eisernen Steg, schon sind wir Ödland und krank am Herzen, sage ich zu Ute, und, sagt Ute gütig, gefangen im Wahnwitz gnädiger Neigung, und dann höre ich Kühns Stimme sagen, Breitner folgt der Schwinge bis zur Elbe und säuft ab, und ich höre Gerken sagen wünsche wohl geruht zu haben, und ich höre Annabell sagen die Farbe blau kennt ihre Pappenheimer, und dann sagt Ute was ist, Breitner, gehen wir zurück ins Städel und ich sage nein, niemals und stampfe mit den klobigen Wanderschuhen auf kalte Frankfurter Erde, das Abstrakte ist das Konkrete, schreie ich, das Unsichtbare wird sichtbar, Tischbein, fahre ich wie von Sinnen fort, ein Lebensretter und Linksfußfetischist und mein Freund, Tischbein ist mein Freund, sage ich, gefasster, aber ich werde nie wieder das Städel betreten, weil ich das Städel nicht ertrage, weil ich den Blick des Städels nicht ertrage, weil ich nichts ertrage, was mich anstarrt und was ich anstarren muss, weil ich in Frankfurt überleben will, weil Frankfurt meine Zuflucht ist und bleiben soll, weil ich -, und die tiefenschöne Ute mit den formschönen Händen unterbricht mich unschön und sagt schon gut, Breitner. Ich glaube den Menschen, wenn sie sagen, dass sie es satt haben, dass sie mich satt haben, denke ich, ich versuche Ute zu küssen, und Ute dreht sich weg und sagt du hast getrunken, Joachim Breitner, und ich küsse ins Leere, Ute Cohn, sage ich, seit wann stört es dich, wenn ich trinke, plötzlich stört dich meine Trunkenheit, trinkend erfreue ich mich seit Monaten deiner, sage ich, den Eckermann in der Hand trinke ich und erfreue mich deiner, sage ich, dich und den Svevo in deinen Händen schon von Weitem erspähend erfreue ich mich trinkend deiner, aber plötzlich erkennst du rügend meine Trunkenheit, sage ich bitter, vor mehr als sechsundzwanzig Jahren, sage ich, trinke ich einige Gläschen in der Hamburger Unterkunft Zur Kogge und besteige einen Zug nach Stade an der Schwinge, betrete unangemeldet ein großes Anwesen vor den Toren der Stadt

und mache das dort ansässige Ehepaar drahtschlingend sozusagen dem Erdboden gleich und führe die zu spät Geborenen, wenn auch frühzeitig, ihrer sogenannten natürlichen Bestimmung zu und schleife sie, sage ich, unter das Tischbein-Bild und dekoriere den ehemals schwippnichtenfickenden Mann mit dem West-Östlichen Divan und dem Eckermann und die musikliebhabende Frau mit einer Auswahl herrlicher Schallplatten mit eingeritzten herrlichen Kompositionen der Herren Schumann und Bach sowie etwas herrlich Atonalem aus hebräischem Hause schlechthin und spreche die Worte: Na, also, es geht doch und verlasse das Obstindustriellenparadies und nehme in der Kogge einige weitere Gläschen und besuche in Feierlaune die sogenannte Herbertstraße und versage kläglich und fahre heim in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin und warte und empfange die schmerzliche Nachricht im Kreuzberger Drecksloch. Es ist die Wahrheit, sage ich der ungläubig dreinschauenden Ute, während ich noch dem lieben Eltern- und Ehepaar Breitner die obstindustriellen Hälse malträtiere, auf das Stade sich vom weitverzweigten Breitnerschen Tun verabschiede und genesen möge, sehe ich mit großer Freude schon der sogenannten Zeit danach entgegen und übergebe mich vor den Augen der Mitteilung machenden Polizeibeamten auf der Dreckslochtoilette, um auf diese Weise meinen Schmerz unter Beweis zu stellen, was, wie ich sagen muss, sage ich zu Ute, voll und ganz gelingt und fortfolgend einerseits bis heute gelingt und mich andererseits bis nach Frankfurt ins Luxushochhausteuerapartment und in deine Arme treibt ohne, wie gesagt wird, Aussicht auf Heilung und ohne Aussöhnung mit dem zielstrebig Vollzogenen und Erreichten und Ute sagt du spinnst, Breitner, und ich sage natürlich, aber ohne Abstriche entspricht das Gesagte der Wahrheit, das elterliche Gewürm, sage ich, das liebe schwippnichten- also cousinenfickende, hebräerhassende, geheimratverehrende musikalische Gewürm und seine als sogenannte Gewürmrepräsentanten zu bezeichnenden Wendell Breitner und seine ergebene Ehefrau Silke, geborene Grapentin, Zuarbeiterin ohne eigenen Geschäftsbereich und Lebenswillen, ist durch kurzes aber nachhaltiges Wirken der Brut vor nunmehr gut sechsundzwanzig, bald siebenundzwanzig Jahren von der Erde verscheucht und somit erdbestattet seinerseits Opfer von Gewürm geworden, dem ewigen natürlichen Kreislauf entsprechend, sage ich der entsetzten Ute und verzettele mich heillos und mache sozusagen alles schlimmer, indem ich sage: Immerzu wähle ich und erwäge und verwerfe und probe die großen Dinge, bis Ute sagt es ist genug, ich gehe, Breitner, und ich hinterherschaue, nämlich einem roten Mantel, einer roten Bürste, braunen Augen und formschönen Händen und rufe: Tiefenschöne Ute der Cohns dieser Welt verlässt geständigen Drecksack der Breitners dieser hingehauchten Welt und löst sich in Luft auf, und Ute fort ist, und ich sie überall suche und durchs Gutleutviertel streife und am Bahnhof suche und am Mainufer suche und suche zwischen den Türmen und suche auf der nervigen, dummen Zeil und laufe und sie nicht finde und sie anzurufen versuche und sie nicht erreiche und Kühn anrufe und ihn nicht erreiche und Annabell zu erreichen versuche und sie nicht erreiche und Gerken anrufen will in seinem Kabuff und niemanden erreiche und das sogenannte Mobiltelefon wütend vom Eisernen Steg in den trüben Main werfe und das Städel mit dem bösen Blick verfluche und die Wartehalle und Zufluchtsstätte und von mir so genannte Wahrheitsmetropole Frankfurt verfluche und eine Übersiedlung nach Capri erwäge und verwerfe und unter fürchterlichen Kopfschmerzattacken eine sogenannte Umkehrung meines Daseins von Frankfurt über Berlin nach Stade erwäge und verwerfe und die Schwinge rückwärts gehe und als eingenistetes Zellenmonster auf einer lächerlichen Bildungshochzeitsreise, die von Scheiß-Capri-Rom-Paris-London bis nach Stade führt, ende. Alle Wege führen nach Stade, denke ich, alle Wege führen aus Stade hinaus, alle Wege führen zur Erwartung der Nation in der von allen hochgelobten und als notwendig erachteten Soziologie und aus ihr heraus, denke ich kopfschüttelnd, alle Wege führen zum nervenaufpeitschenden und nervenberuhigenden Ritualmord und durch ihn hindurch und aus ihm heraus in ein dann sogenanntes Leben ohne Sünde im Schweiße des Angesichtes, denke ich, alle Wege führen zur Abtötung der lieben, geehrten Damen und Herren Eltern und ihrer Zerwurmung und Verrottung auf dem schön gelegenen Friedhof Geestberg und nicht etwa auf dem ebenso schönen Schwippnichten- und somit Cousinen-Friedhof Campe. Durch den von langer Hand verbauten und weithin überbewerteten Stadtteil Sachsenhausen streifend, stelle ich mir die wunderbare und berühmte Annabell die Reine mit den tiefschwarzen Haaren und dem klaren Blick vor und kaure in Gedanken zu ihren Füssen und atme schwer und sehe Joachim, dunkelblau entstehen und vereinige mich mit Annabell der Reinen und versage nicht, das erste Mal im Leben versage ich nicht und sage es in Gedanken Kühn und sage es Gerken und sage es Ute, wenn ich sie finde, und sage es dem Hausmeister vom Branitzer Platz und bestelle ein neues Eingangsportal mit, sagen wir, einem Satz dorischer Säulen für Berlin, wie ich denke, und schimmelfreie, reißfeste Tapeten für dreizehn Villenzimmer und sehe mich am Fenster des Luxushochhausteuerapartments stehen und sehe mich auf Frankfurt schauen und höre mich Dinge sagen wie mein ist die Stadt und wem Gott will rechte Gunst erweisen. Ich, denke ich plötzlich zuversichtlich, Freund der schlechthin Verfolgten und Gemordeten und ihrer Nachfahren, weiß, wo ich Ute zu finden habe und überquere den Römerberg und erreiche den sogenannten Neuen Börneplatz und versuche wie jedes Mal alle Namen der Frankfurter Deportierten und Gemordeten zu lesen, und scheitere kläglich wie jedes Mal und warte auf Ute die Barmherzige, die fertig ist mit Breitner aus der Sippe der Breitners dieser Welt, Ute, von der ich nichts weiß, die nicht kommt, solange ich auch warte, bis ich schließlich vergehen will und nicht vergehe und weiterlebe weil ich weiterlebe und einen Riesen-Wolfsbarsch mit Kykladenwein hinunterspüle und ein Kataifi Ekmek verspeise und nachdenke und sekundenlang glücklich bin. Den lieben von mir vor nunmehr gut sechsundzwanzig Jahren nach reiflicher Überlegung gedrahteten lieben Eltern, denke ich plötzlich, begeistert einen weiteren Kykladenwein bestellend, verdanke ich die intim zu nennende und bis in abgrundtiefe Details hinabreichende Kenntnis großer sogenannter Weltstädte und der mondänen süditalienischen von mir so genannten Weltfelseninsel Capri und ein Leben in Demut und Dankbarkeit. Während ich Hamburg und London achte und Paris verabscheue, gilt meine sogenannte große Liebe, wie ich reiselustig und reisefertig bekenne, der sogenannten Ewigen Stadt und ihrem in Freude und Leid ertragenen ewigen Leben. Dem Verlust der Gefährtin muss mit der Flucht aus der Übergangslösung Frankfurt in die zu Recht so genannte Ewige Stadt entschlossen entgegengetreten werden, denke ich kämpferisch und spüre meinen Herzschlag, die Wartehalle Frankfurt ist mein Untergang, die Ex-Bibliothekarin und tiefenschöne Svevo-Leserin Cohn ist mein Untergang, selbst Altfreund Kühn von Kühn und Partner ist mein Untergang, der trübe und spinnerte Rinnsaal Main ist mein Untergang, die Fortexistenz des Verdrahters und ehemaligen Ausgehschuhaspiranten Breitner ist mein Untergang, aber Rom könnte meine Rettung sein, in Rom sterben heißt ewig leben, denke ich und will sofort aufbrechen, und stehe auf und singe ohne zu stocken zum Abschied von Frankfurt die schönste Romgeschichte des verwegenen Stader Schriftstellers und Jugendsünders und bekennenden Thomas-Bernhard-Bewunderers und Goethe-Respektierers und wahrhaftigen Italienkenners und Ritualsoziologen Ror Honka alias Joachim Breitner, später Doktor Joachim Breitner fehlerfrei-atonal über die zitternden Edelgriechentische:

 

Wir sitzen auf einem Balkon


Wir sitzen auf einem Balkon in Rom in der Via dei Cavalleggeri und Kühn sagt, es ist sinnlos zu bleiben und zwar aus ganz verschiedenen Gründen, als da wären erstens unsere mangelnden Italienischkenntnisse, zweitens die große Hitze und drittens unsere Streitereien über Haffner. Früher haben wir mit Haffner gestritten, aber Haffner ist nicht mehr dabei, und darum haben Kühn und ich uns auf Rom geeinigt, weil Haffner Rom gehasst hat und wir mit Rücksicht auf ihn im letzten Jahr nach Regensburg und im vorletzten nach Bonn gefahren sind und jetzt erst nach Rom, obwohl Kühn und ich nicht gläubig sind, schon gar nicht katholisch, aber Haffner war gläubig, trotzdem hat er Rom gehasst.
Kühn sagt, es steht und fällt alles mit der Beherrschung der Landessprache, im Grunde ist es ihre Nichtbeherrschung, die uns Rom verdorben hat, neben der sengenden Hitze natürlich, der wir nördlich der Alpen glücklicherweise nicht ausgesetzt sind, oder nur gelegentlich für einige Tage, aber doch nicht über den ganzen Sommer hinweg. Aber die Sprache, sagt Kühn und wiederholt sich, ist das A und O, und sei es nur, um einem flüchtenden Taschendieb eine angemessene Verwünschung hinterherzuschreien. Ach du mit deinen Verwünschungen, sage ich und sehe, wie Kühn in seinem Sprachführer blättert, vielleicht auf der Suche nach Geeignetem, um Taschendiebe zu verwünschen oder einfach nur zu beeindrucken, er will sie beeindrucken, denke ich, Kühn ist verrückt, dabei sollte er froh sein, dass seine gestohlene Brieftasche nur wenig Geld enthielt, keinen Ausweis und keine Karten. Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage, dass selbst einem gestandenen Italiener oder einer gescheiten Italienerin unter Umständen keine Verwünschung einfällt gegenüber einem flüchtenden Taschendieb und dass wir wissen, wie wir im Restaurant ein Essen bestellen und nach dem Weg fragen können, soweit reicht unser Italienisch. Nur Haffner, sage ich zu Kühn, hätte ohne mit der Wimper zu zucken eine Bemerkung gemacht, die vielleicht nicht den Dieb erreicht aber auf jeden Fall den Umstehenden am Campo dei Fiori gefallen hätte, denn Haffner hat, wie wir beide wissen, mehrere Sprachen gesprochen und die italienische gehörte dazu.
Trotzdem, sagt Kühn, war Haffner ein unverbesserlicher Arroganzling, obwohl er es nicht nötig gehabt hätte, aber wer weiß, was Haffner nötig hatte. Seine Neigung, dem Anderen über den Mund zu fahren, störte gewaltig, mir ist sie jedenfalls gehörig auf den Wecker gegangen, das Gerede vom anständigen Gebrauch der Muttersprache als Grundlage für das Erlernen von Fremdsprachen war immer eine große Irreführung gewesen, natürlich als Einschüchterung gemeint, die Andere davon abhalten sollte, in seinen Jagdgründen zu wildern. Du weißt, sagt Kühn und schaut mich prüfend an, ich habe Haffner für einen Idioten gehalten, einen Aufschneider, allerdings auch für einen Scharlatan mit großen Talenten. Er kann mich mal, sage ich heute rückblickend, aber ich sage auch, die Trostlosigkeit seines Abgangs war enorm, ein Abgang, der mich stärker erschüttert hat, als der Tod meiner Frau.
Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage Kühn, bitte, und dann schenke ich viel zu warmen Rotwein nach, während die Hitze noch unerträglicher zu werden scheint, obwohl sie den ganzen Tag schon unerträglich ist, und unten auf der Straße schlagen zwei Jugendliche aufeinander ein, zunächst sieht es wie ein harmloses Gerangel aus, aber dann fliegen die Fäuste, und ich frage Kühn, ob man eingreifen soll, und Kühn sagt, du bist verrückt, lass sie sich prügeln, oder willst du auch noch Dresche beziehen. Beide schauen wir auf die gegenüberliegende Hausfassade, wo alle Fensterläden geschlossen und die Balkone verwaist sind, immer diese verwaisten Balkone, sage ich, niemand sitzt auf ihnen, weil es zu heiß ist, eigentlich sind Balkone überflüssiger Schnickschnack, nie kann man auf ihnen sitzen, nur wir betreiben solch einen Unsinn, daran erkennt man sofort den Touristen, dass er keinen Unsinn unterlässt, sondern im Gegenteil exzessiv Unsinniges tut, und dazu gehört das Hocken auf Balkonen zur Unzeit, denn um eine sogenannte Unzeit handelt es sich allemal, einem Römer käme es nicht in den Sinn, sich in der Nachmittagssonne auf dem Balkon rösten zu lassen. Unsere lieben Jugendlichen sind übrigens fort. Siehst du, sagt Kühn.
Ich will Wasser holen und sage Kühn, ich glaube, etwas Wasser würde uns guttun, klares, kaltes Wasser, aber Kühn sagt, was willst du mit Wasser, das wirft uns zurück, viel wichtiger ist es, die Abreise zu regeln und alles zu besprechen, und du denkst an Wasser, aus der Leitung ist es ohnehin von minderer Qualität, der Wein wird ohnehin nicht reichen, zumindest leidet er, wenn wir ihn verwässern, was glaubst du, was dein lieber Haffner zu diesem Frevel gesagt hätte, trinkt Wasser oder Wein, hätte er gesagt, aber vermengt um Gottes Willen nicht alles wahllos miteinander, zum Schluss habt ihr gar nichts, keinen richtigen Rausch, aber nüchtern wäret ihr auch nicht, nur von einer niederschmetternden Labbrigkeit erfüllt, bestimmt hätte Haffner Labbrigkeit gesagt, so Kühn, trotz seiner angeblichen Sprachverliebtheit wäre ihm nichts Besseres eingefallen.
Ich bin also sitzen geblieben und habe kein Wasser aus der Küche unserer Wohnung geholt, um Kühn nicht zu erzürnen. Meinen Gemütszustand erkennt Kühn sofort, als ich, nur um etwas zu sagen, auf Rom zu sprechen komme und seine stillen Orte, und ich schwärme von den ruhigen Plätzen Trasteveres, vom Blick über die Stadt auf der Piazza Garibaldi , den Verkehrslärm übergehe ich, das Gedränge übergehe ich, den Nepp übergehe ich, die Hitze übergehe ich, soweit sie auf unserem Balkon übergangen werden kann, aber Kühn schlägt mit seiner Rechten auf die steinerne Brüstung, die ganze Konstruktion zittert, und ich beende vorzeitig meinen Vortrag über die schönen Seiten Roms.


Gleich wird Kühn wieder mit dem Thema Abreise anfangen, denke ich, Rom und Abreise, das scheinen für ihn mittlerweile Synonyme zu sein, es scheint kein Halten zu geben, obwohl die Wohnung für insgesamt zehn Tage, also noch für weitere sechs Tage, bezahlt ist und wir bislang weder die Vatikanischen Museen, den Palatin oder die Via Appia gesehen, geschweige denn einen Ausflug nach Ostia oder Frascati unternommen haben, also uns weder ein abschließendes noch ein vorläufiges Urteil über Rom bilden können, aber das interessiert Kühn gar nicht, er will weg, ohne Rücksicht auf den finanziellen Verlust möchte er die Stadt verlassen, sicher könnte ich allein hierbleiben, aber diese Reise, dieser Aufenthalt ist unser gemeinsames Projekt gewesen, das Produkt einer langen Vorbereitung und das erste Projekt ohne Haffner, der von Rom immer nur in abschätziger Weise gesprochen hat, gegen Ende mit Kraftausdrücken der unfeinsten Art, wie wir sie von Haffner noch nie gehört hatten und zwar zu dem Zeitpunkt, als Haffner befürchten musste, dass wir uns per Mehrheitsbeschluss für eine gemeinsame Romreise aussprechen würden. Haffner sagte noch kurz bevor wir nach Regensburg fuhren, Rom sei eine einzige Jauchegrube und der Petersplatz zum bewachten Freilufttheater für Eventgläubige verkommen, die in fein herausgeputzten Kolonnaden und in einer hässlichen Trutzburg namens Petersdom Antworten zu finden glaubten, für die sie nicht mal die Fragen wüssten. Erst im Verlauf unserer Regensburg-Freizeit, wie er es nannte, so wie er unseren Ausflug nach Bonn im Jahr zuvor Bonn-Freuden genannt hatte, erst in Regensburg also, war es Haffner möglich gewesen, sich wieder zu beruhigen und keine weiteren Romschmähungen auszusprechen. Sogar Kühns Auslassungen, Haffner sei ein Möchtegernpurist, ein Spielverderber und intellektueller Halsabschneider, nahm der Gescholtene amüsiert und, wie mir schien, auch mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis, was Kühn wiederum zu der Bemerkung veranlasste, bei Haffner sei eben Hopfen und Malz verloren und Besserung nicht zu erwarten, man müsse wohl, bis ans Ende seiner Tage, Haffner gewähren lassen, und nein, man werde nie nach Rom fahren, nicht mit Haffner jedenfalls, obwohl er es sei, der durch seine Kenntnis des Italienischen die Stadt und das Land und mit seinem Katholizismus sogar den Erdkreis, so Kühn in Regensburg, für alle Teilnehmer einer solchen Expedition zugänglich machen könne.
Wir sitzen auf dem Balkon, und Kühn sagt, morgen reisen wir ab, meinetwegen können wir nach Florenz oder Neapel fahren, ich hätte auch nichts gegen Siena oder Verona einzuwenden, überall ist es heiß, schließlich sind wir in Italien, sagt Kühn, alles ähnelt sich, wirst du sagen, wir verstehen auch in Siena kein Wort, es liegt an Haffner, er ist schuld, wirst du sagen, ich ahne es, sag was du willst, aber in Rom bleiben wir nicht.
Ich sehe Kühns hochroten Kopf und bemerke wieder die prügelnden Jugendlichen, einander belauernd, blutend und erschöpft, Grimassen schneidend, die Hemden zerrissen, ratlos. Warum, sagt Kühn, der zu lallen begonnen hat, dreht sich alles um Dinge, die einem zum Hals heraushängen, warum immer wieder Haffner, Haffner ist die negative Bezugsgröße, habe ich das schön gesagt, ich habe einen Sonnenbrand, der sich sehen lassen kann, wenn es so weitergeht, wird es ein Sonnenstich, dann wird es eben ein Sonnenstich, aber das beantwortet natürlich die Frage nicht, warum Haffner, ich mache mich lächerlich, und du denkst dir, sagt Kühn mit blutunterlaufenen Augen und schaut auf einen Punkt irgendwo zwischen mir und der Weinflasche, du denkst dir, er dreht durch, er hat diesen Haffner-Tick, Kühn ist am Ende, genau das ist es, was du denkst, dabei bist du selbst ein wenig wie Haffner, nämlich den einen Schritt voraus, aber du bist kein Purist, kein hochherziger Mensch, gut, der Wein tut seine Wirkung, ich weiß, sagt Kühn, aber warum dieses dauernde Haffner hier, Haffner dort, warum zum Beispiel nicht Irene hier, Irene dort, es ekelt mich an, Irene und Haffner sind tot, morgen ist es ein Jahr, ein volles Jahr, und alles dreht sich um Haffner, um Irene dreht sich nichts, davor erschrecke ich zutiefst, du magst es glauben oder nicht, aber ich erschrecke, warum sind wir am Ende hier, du siehst aus, als wüsstest du es, Haffner hätte geschwiegen, in einem solchen Moment hätte er geschwiegen, aber du wirst es sagen, sagt Kühn.
Sie sind direkt unter uns, sage ich, deshalb sieht man sie nicht. Man denkt, sie sind weg, aber sie sind direkt unter uns und vermutlich schlagen sie sich, aber vielleicht sind ihre Energien auch endgültig erschöpft, eben sah es so aus, als könnte ebenso gut alles im Sande verlaufen. Manchmal lösen sich Probleme einfach von selbst, sie lösen sich auf, keiner weiß warum, das ist Italien, in unseren nördlichen Breiten sind derlei Erscheinungen unbekannt, alles müssen wir aktiv angehen, schau uns beide an, auch was wir nicht wissen beantworten wir.
Du wirst es sagen, wiederholt Kühn und fixiert mich. Ich werde es dir sagen, antworte ich, aber du wirst es nicht hören wollen, wie du alles verwirfst, was andere über Haffner, und, man muss hinzufügen, was andere über dich und Haffner, und dich und Haffner und Irene sagen, es beginnt schon damit, dass du nicht hören willst, warum wir am Ende hier sind, sage ich, aber ich werde es dir sagen, auch wenn mir jetzt nach einem Schluck Wasser wäre, es ist nur ein kurzer Sprung in die Küche, eine Karaffe Wasser täte uns beiden gut, du und dein Zurückwerfen, es ist Haffner, der uns zurückwirft.
Wasser, brüllt Kühn plötzlich, und ein Speicheltropfen trifft meinen Handrücken auf dem Balkontisch, zum Teufel mit klarem, kaltem Wasser, wen interessiert das blöde Wasser, morgen reisen wir ab, Rom, eine Zumutung, eine Fehlentscheidung, so muss man es nennen, Kriminalität, Hitze, Raufereien auf der Straße, aber entschuldige, du wolltest etwas sagen, grad wolltest du ansetzen, schon falle ich dir ins Wort, ich beruhige mich, ich kann mich beruhigen, du wolltest etwas sagen, sag es, sagt Kühn.


Es ist ein Desaster, wir auf diesem Balkon, wir Übriggebliebenen, denke ich, wir sind das, was von Haffner übrig geblieben ist. Benebelt vom Wein und ohne eine Vorstellung, was zu tun ist, betrachte ich erst meine flache rechte Hand auf dem Tisch und dann den mutlosen Kühn und sein hochrotes Gesicht mit der salzverkrusteten Stirn, die zu kleinen Schlitzen verengten Augen, die herabhängenden Arme und höre seinen keuchenden Atem, der nicht langsamer wird, nicht schneller. Also, sage ich, warum wir hier sind.
Haffner hat Rom geliebt, und du weißt es, sage ich. Mir hat er es anvertraut und es kann auch dir nicht verborgen geblieben sein, aber Rom wollte er für sich allein, es ist ihm gelungen, Bonn und Regensburg seien römisch genug, das waren seine Worte vor ziemlich genau einem Jahr, natürlich meinte er, römisch genug für uns, Kühn, so hart das klingt, aber man muss Haffner recht geben, Haffner war ein harter Knochen, zu hart für uns beide, außerdem war er mein Freund, deiner war er auch, vielleicht möchtest du es jetzt leugnen, vielleicht weißt du es wirklich nicht mehr, was schwerer wiegt, magst du entscheiden, du entscheidest, sage ich. Trotzdem möchte ich vom Freund Haffner sprechen, ein schwieriger Freund, aber das bist du auch, Kühn, das bin ich auch. Und Rom, Rom wollte er für sich, ganz für sich, meines Wissens hat er es mit niemandem geteilt, und wenn er von der Jauchegrube gesprochen hat, von Eventgläubigen und all diesem Unsinn, dann wollte er uns fernhalten, einmal sagte er zu mir, es gäbe keinen besseren Ort auf der Welt als das Pantheon, im Pantheon fühle er sich in der Mitte der Welt und im weitesten Sinne aufgehoben. So spricht kein Romhasser, aber uns wollte er nicht dabeihaben, wir aber wollten bei Haffner sein, hier in Rom, aber erst in der Nachhaffnerzeit ist es möglich, die Eventgläubigen sind wir, Kühn, sage ich, wir sind zu Haffner gepilgert, und jetzt willst du fort und weißt nicht wohin. Irene hat es auch nicht gewusst, deine Frau war Haffner verfallen, und Haffner wollte es nicht wahrhaben und wurde doch vom selben Auto überrollt wie Irene, eine Woche nach unseren Herrentagen in Regensburg, nur weil er Irene zurückziehen will am Straßenrand und Irene ihn stattdessen mitreißt, ich begreife es bis heute nicht, woher nimmt Irene die Kraft, aber du und ich stehen daneben und schauen, noch zwei Sekunden nach dem Aufprall schauen wir nur, und zwei Sekunden sind lang. Und darum sitzen wir hier und trinken und sagen, es ist die Hitze, wir glühen, soll ich sagen immer noch, und ich will Wasser holen, du aber willst nicht, du verdampfst lieber ganz und gar, Wasser willst du nicht, nach einem Jahr, Kühn, sehe ich deinen Schmerz noch, sage ich, aber es war nicht Haffners Schuld, überhaupt wollen wir nicht von Schuld sprechen, deine Frau war Haffner verfallen, alle wussten es, nur Haffner war ahnungslos, und Irene war hilflos, vor allem war sie hilflos, Kühn, was soll ich sagen.


Wir sitzen die dritte Stunde im dritten Stockwerks der Via Cavalleggeri Nummer 6, auf einem Balkon, der endlich im Schatten liegt. Kühn betrachtet eine mit Rotweinflecken übersäte weiße Papierserviette und zieht aus seinem verschwitzten Jackett einen Kugelschreiber, den er genau betrachtet, um ihn schließlich vor sich auf den Tisch zu legen, neben sein leeres Rotweinglas.
Nun geh schon, wir brauchen Wasser, ich habe verstanden, dass wir Wasser brauchen, sagt Kühn und lächelt angestrengt. Dann lächelt er nicht mehr und gibt mir ein Zeichen, geh schon. Gleich aufstehen sieht merkwürdig aus, denke ich, aber ich warte nicht, worauf soll ich warten. Auf dem Weg zur Küche gehe ich an Kühns Zimmer vorbei und sehe seinen gepackten Koffer vor dem gemachten Bett stehen, den großen, gemeinsam beschafften Rom-Reiseführer, in dem ich von weitem ein großes Photo des Pantheons erkenne, auf dem Kopfkissen. Bis in den kleinen, dunklen Flur höre ich den Lärm der Straße, gelegentliches Rufen, vielleicht ein Flugzeug, doch ich bin nicht sicher.
Wenig später kehre ich zurück, ein Tablett in der Hand, darauf die gefüllte Karaffe und zwei Wassergläser. Wir werden das Wasser trinken, denke ich, und morgen werden wir fahren, früh am Morgen, wie ich Kühn kenne, lass uns in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, höre ich ihn sagen, und er wird den Eindruck machen, als könne kein Haffner der Welt ihm einen Strich durch die Rechnung machen, darum werden wir nach Neapel fahren, nie hat Haffner von Neapel gesprochen, zu viel Mafia, Haffner war ein gläubiger aber auch ein ängstlicher Mensch, wir können einen neuen Anfang wagen in Neapel, und Kühn wird nur noch einen Sonnenbrand haben, und ich werde den Tag den ersten Tag nach Rom nennen und wir werden unseren geretteten Resturlaub feiern und mit etwas Glück unseren ersten Tag ohne Haffner, aber die Trauer über Irenes Tod, er muss endlich die Trauer über Irenes Tod zulassen, denke ich.


Aber Kühn ist fort, sein Weinglas steht, wo es eben stand, der Balkonstuhl allerdings, auf dem er eben noch saß, ist umgefallen, ich habe nichts gehört, denke ich und sage Kühn und noch einmal Kühn und etwas Sinnloses wie nein, nicht, das mir schon sinnlos und abgeschmackt vorkommt, wie ich es sage. Es ist heiß, denke ich, dann schaue ich über die Brüstung. Unten kauern die beiden Jugendlichen mit den zerrissenen Hemden neben einem Mann, der leblos daliegt und unmöglich Kühn sein kann, weil Kühn nicht tot sein kann und eben noch Wasser wollte, wie ich denke, auch wenn nun Passanten hinzukommen und einige in meine Richtung zeigen und ich mich wegducke und nicht weiß warum.
Es ist heiß, denke ich wieder, wer wird das Wasser trinken, dann erkenne ich Kühns Schrift auf der Papierserviette und stelle das Tablett ab. Meine Hände zittern. Ich lese:
Sie hat Haffner geliebt, aber mit Walter hat sie es getrieben aus Langeweile.
Schreibt’s auf und springt, denke ich, sage abermals nein und zerreiße die Serviette. Haffner wollte immer nur Abstand halten, nicht nur zu uns, sondern auch zur schönen Irene, aber Irene hat im entscheidenden Moment sich nicht nur nicht von Haffner zurückreißen lassen, sondern hat ihn selbst mit aller Macht in den fließenden Verkehr gezogen, Kühn und ich standen direkt daneben, aber Kühn und ich leben und Haffner ist tot.


Vielleicht gibt es einen Hinterausgang in der Via Cavalleggieri Nummer sechs in Rom, denke ich und wage erneut einen vorsichtigen Blick vom Balkon auf das Unabänderliche.
Doch die Straße ist leer.
Keine Angst, alles wird gut, sagt Kühn, der Heuchler, der plötzlich hinter mir steht, schau, wen ich mitgebracht habe. Die beiden jugendlichen Schläger kommen mir bekannt vor, ein abgekartetes Spiel, das Ganze, dabei wäre ich bereit gewesen, nach Neapel zu fahren, für einen Neuanfang könnten wir meinetwegen sogar bis Palermo fahren, sage ich, wir können Rom sofort verlassen, diesen Balkon, sofort, welche Serviette, wovon sprichst du, Kühn, ich habe keine Serviette gesehen. Du Lügner, sagt Kühn, du Mistschwein, du weißt, wovon ich spreche.
Als sie mich packen, will ich alles erklären, aber es verschlägt mir die Sprache. Haffner, Rom, warum sind wir hier. Kühn schlägt auf die Brüstung und gibt ein Zeichen. Dieser Urlaub ist ein Irrtum, denke ich, es ist sinnlos zu bleiben, mehr noch, nie hätte dieser Urlaub stattfinden dürfen, ein kriminelles Pflaster wie Rom sollte man gar nicht, unter keinen Umständen, betreten, es sind keine Umstände denkbar, die Rom zu einem anziehenden Ort machen. Irene hat Haffner geliebt, darauf kommt es an, nur die Liebe zählt. Ich schließe die Augen und fliege heim.


 


 

Zahlen, sage ich und will fort. Ich sitze auf einem Balkon in Rom mit leeren Kykladenweinflaschen. Auf dem Eisernen Steg begegnen mir mein letzter Freund Kühn und die schwarzen Vögel des Städel. Schneeschauer erobern Frankfurt, denke ich und atme die kalte, blaue Luft und bleibe.


 


 

Kapitel 10

Das Raunen


 

Es ist wahr, denke ich, es ist Frankfurt, aber etwas ist anders.

Mein Name ist Joachim Breitner, ehemals Doktor Joachim Breitner, ich bin dreiundfünfzig Jahre alt und seit zwölf Monaten ansässig und unterwegs in der sogenannten Mainmetropole, der Wartehalle Frankfurt. Dem, der vergibt, vergebe ich, der, die fort ist, gedenke ich liebevoll. Der Erbfall, der Mord - Geschichte, falsche Geschichte, wenn man so will, wahre Geschichte für mich, weil ich es will, ich, Breitner.

Nichts, was gesagt wird, stimmt, denke ich. Weder habe ich meine Eltern, das Obstindustriellenpaar Breitner gedrahtet, noch sonst irgendwie verunstaltet, oder ich habe sie gedrahtet, aber sie sind nicht meine Eltern, oder das Ableben erfolgte auf natürlichem Wege direkt unter dem Campagna-Bild durch eine gemeinsame Selbsttötung mittels Gift aufgrund einer tiefgreifenden gemeinsamen Verstimmung, oder das Ehepaar Breitner lebt bis heute unbehelligt in einer sogenannten Seniorenresidenz in Drochtersen bei Stade und wartet auf die Rückkehr des Sohnes, die aus verschiedensten Gründen nicht erfolgt oder sich aus den unterschiedlichsten Gründen auf den sogenannten Sankt Nimmerleinstag verschiebt, oder die Schwippnichte und Cousine Johanna Grapentin ist von Wendell Breitner in Cuxhaven zwar regelmäßig befuhrwerkt worden, jedoch ebenso in meinen kühnsten Träumen oder in Wirklichkeit auch von mir und zwar in der für Zwecke dieser Art besonders geeigneten Hamburger Herberge Zur Kogge, und hat sich keinesfalls selbstmordend in Form einer Urne auf den schönen Friedhof Campe katapultiert, sondern arbeitet heute als krampfadernde Leiterin des Ordnungsamtes Rostock oder alternde Jugendrichterin in Aurich oder Pasewalk oder Ulm und befuhrwerkt regelmäßig neben ihrem treuen Lebensgefährten ihren Tennislehrer und, sagen wir, einen kampferprobten Obergefreiten der Bundeswehr und ihren dafür gelegentlich aus Frankfurt anreisenden sehr guten Freund aus Kindertagen, Herwig Kühn, oder Silke Breitner ist zwar Musiklehrerin, hasst aber insgeheim Bach den Älteren und Schumann den romantischen Hochneurotiker und lässt außer Schoenberg nur den musikalischen Hoffnungsträger und Heroinanhängigen, den Saxophonisten Coltrane gelten oder ist Chirurgin und operiert nur Hüften oder nur Augen oder ist die eigentliche, die wahre Königin des Obstindustrieimperiums und beherrscht ihren Gatten, den schöngeistigen, betrügerischen, angeheirateten, armseligen Wendell, oder es gibt Stade und das Anwesen vor den Toren der Stadt und das Deutsche Rote Kreuz Stade, Abteilung Krankentransport, gar nicht, so wie es die Elbe, die Schwinge, den Kotzgriechen und Hamburg gar nicht gibt, so wie es eine Hochzeitsreise des Hochzeitspaares Breitner nie gegeben hat, oder diese Hochzeitsreise von Kopenhagen über Oslo und Stockholm bis nach Helsinki führte, weil Wendell, der wendige aber dicke Wendell die nordischen Völker liebt oder die träge, brütende Hitze in südlichen Regionen hasst oder einfach nur den angeblich aasigen mediterranen Menschenschlag oder einfach nur den Schweißgestank oder einfach nur sich und sich lieber in Oslo hasst als in Rom. Oder es gibt nur Frankfurt, denke ich, ohne Abstriche sozusagen einzig und allein Frankfurt und das Luxushochhausteuerapartment, vielleicht sogar nicht einmal ein Luxushochhausteuerapartment, sondern einfach nur ein Dach über dem Kopf im Winter und im Sommer kein Dach über dem Kopf, weil das südliche Mainufer im Sommer schöner ist als ein Dach über dem Kopf und mehr sogenannten Gestaltungsspielraum lässt und der Eckermann ein Buch sein kann oder ein armer Mann von den Ufern der Luhe, wie ich plötzlich denke, die immer und immer wieder unterschätzten Ufer der Luhe, der Leda, der Ilz oder der sozusagen überall anzutreffenden Ohe, denke ich amüsiert und verliere mich und höre meinen Herzschlag am weitläufigen Mainufer und denke an Ute, die es gibt oder nicht gibt aber die es geben muss, weil ich sie schließlich brauche und treffe auf dem Eisernen Steg mit dem Svevo in der Hand, weil ich die Selbsttötung erwäge und verwerfen will, weil ich erdenken will die Cohns dieser Welt und Ute lieben will, ihre formschönen Hände, ihr welkes, erregendes Fleisch und alles was ich nicht bin und doch sein könnte. Ute soll leben, denke ich und benetze mein Gesicht mit warmem, trübem Mainwasser und weine. Wenn Ute tot ist, soll Annabell leben, wenn Annabell tot ist, soll Kühn leben, der Richterinnen- oder Ordnungsamtleiterinnenreiter Kühn, wenigstens Kühn soll am Leben sein, denke ich, Kühn wird mich nicht enttäuschen und am Leben sein, und wenn er tot sein sollte, mausetot, wie ich denke, lebt immer noch Gerken, auf jeden Fall lebt Gerken, zu Gerken gehe ich einfach ins Kabuff, tot sein gehört sich nicht, wird Gerken sagen, und wir trinken und er lebt, nur Ute erwägt und vollzieht nach meinem Willen die Selbsttötung, und es ist meine Schuld, weil ich ein sogenannter schlechter Mensch bin und sie in die Selbsttötung getrieben habe, oder ich habe sie erfunden, aber wer erfindet eine rote Bürste und die Liebe und braune Augen und einen roten Wintermantel oder ein Sommerkleid und soll mir ein Rätsel sein und ist es mir, denke ich und sehe die Türme und denke die Worte: Aber ich bin hier, die Stadt ist mein Zeuge. Oder ich bin nicht hier und es gibt mich gar nicht, das Unwahrscheinliche ist die Welt, denke ich gleich darauf, oder die Welt ist wahrscheinlich und Joachim Breitner ist wahrscheinlich und spinnt oder ist wahrscheinlich, weil er spinnt und Frankfurt bedeutet das Glück, aber Ute ist tot, erhängt, schreit Annabell die Reine und klagt mich an, ich höre es deutlich, und selbst Gerken und Kühn sagen es, also stimmt es, wenn Gerken und Kühn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen und ich kein Lügner bin, aber Ute hat gesagt, ich bin es. Vielleicht, denke ich, war Wendell nur ein Hebräerhasser und kein Obstindustrieller und schon gar kein Schwippnichtenficker, sondern, sagen wir augenzwinkernd, ein Klumpen Endmoräne und vielleicht noch nicht einmal Stader, sondern, sagen wir, Neuwerker und noch nicht einmal und schon gar nicht von der Campagna angestrahlter nachverkehrlicher Privatkomponist und Silke ein Wolfsbarsch aus Drochtersen, wie ich angeheitert denke, im Ganzen gegrillt, eine Schluck Kykladenwein allenfalls, noch nicht mal ein Kataifi Ekmek, höchstwahrscheinlich ein ganz und gar untaugliches sogenanntes Drahtungsobjekt wie ihr Gatte, aber die Wege des Herrn sind unergründlich, und wie aus heiterem Himmel taucht Kühn auf und sagt das sind sie, Breitner, das sind sie und meint die Wege, aber das tut er nur für mich und ich misstraue ihm und schweige, ebenso wie ich dem aus Frankfurt geflohenen hauptamtlichen Dichter und Werthererfinder Goethe im Grunde meines Herzens misstraue und schweige, wie ich denke, der aus der ehemaligen Reichshauptstadt ausgewanderte ehemalige Soziologe und nebenberufliche Dichter Breitner, ehemals Doktor Breitner, misstraut und schweigt nach dem Entzug der sogenannten Doktorwürde und versucht, wie seit Jahren, diesmal von der sogenannten Frankfurter Hauptwache aus den Neuanfang, der immer und jederzeit schwebend zur Verfügung steht und ihn in diesem Fall nicht mit Weimar, dafür aber mit der zentral gelegenen Türmestadt sozusagen in jahreszeitlich wechselnde Verbindung bringt. Trebe ist ein Wort das ich mag, denke ich, die zarte Trunkenheit ein Zustand, den ich genieße, Joachim der Irre, der Lügner, der Dreckskerl, mein Freund, der von anderem fahlem Abklatsch abgeklatschte fahle nach Jahren mithilfe von sogenannten Computerprogrammen aufgedeckte Täuschungsversuch Die Erwartung der Nation in der Soziologie, mein guter, treuer Begleiter im ständig mitgeführten Klumpatsch, wie auch der gänzlich eigenständig erarbeitete Ritualmord, wie ich denke, wie alles Ausgedachte, wie alles.

Vor der sogenannten Paulskirche erwache ich, weil Frankfurt erwacht. Der Erbfall kreist um die wärmende Sonne und will leben, denke ich lächelnd und beginne den Tag. Ich überquere den Römerberg und sitze am Main und denke nach und warte und erwäge und verwerfe eine Selbsttötung und betrete mit den besten Absichten in Gedanken die strahlend weiße Villa am Branitzer Platz und sehe nur dreizehn leere Zimmer und denke nach und vergesse augenblicklich alles und halte Frankfurt eine sogenannte Standpauke und sage wie es ist, wenn ich sage, dass ich nie nach Frankfurt wollte, dass ich niemanden kenne, bis auf Kühn, den Furchtlosen, der jemals nach Frankfurt wollte, dass Frankfurt ein turmhoher, gärender Dreckshaufen in einem Meer anderer Dreckshaufen in einer Galaxie riesiger und kleinster, in jedem Fall gigantisch stinkender Dreckshaufen ist, dass Frankfurt mich fortwährend und immerzu enttäuscht, wie es jeden sogenannten billig und gerecht Denkenden, bis auf Kühn, enttäuscht und immer enttäuscht hat, dass die Heiligkreuzgasse den Wolfsbarsch lächerlich gemacht und das Kataifi Ekmek, wie es heißt, ad absudum geführt hat und immer ad absurdum führen wird, weil es die, wie ich plötzlich denke, grässliche, süßliche, absurde Fratze Frankfurts ist mit dem angsteinflößenden absurden Städel an der Spitze, einschließlich der ehrenwerten Herren Tischbein, Reinhardt und Luther und ihren unfähigen Vorgängern und Nachahmern, die im völlig überfüllt daniederliegenden Städel ihr frech-frivoles Vorgänger- und Nachahmertum zum Besten geben, dass Frankfurt den Namen des Männerwohnheims und des Frauenwohnheims schlechthin und ebenso des großen und von mir trotz meines Misstrauens respektierten Dichterfürsten durch die dafür errichteten oder erhaltenen Gebäude in den Schmutz gezogen oder zumindest verächtlich gemacht hat oder eine Verächtlichmachung zumindest nicht verhindert hat und somit der Sinnentleerung sowie dem wahrscheinlich größtmöglich schlechten Ruf der Stadt Vorschub geleistet hat und zwar völlig unabhängig von allen anderen Fragen die den Denkenden quälen, wie ich umherziehend denke, beispielsweise denen unwahrscheinlicher, herbeigewünschter aber verworfener elterlicher Drahtungen dort und liebschaftlicher Erhängungen hier, aber ich weine in den Frankfurter Spätsommer hinein, wenn ich an die Erfindung Utes denke und an die Erfindung der Liebe und fahre in Gedanken in die Hansestadt Stade zum Friedhof Geestberg mit allem, was ich habe und suche, aber ich habe ja nichts als den Eckermann, und ich finde nichts, und von Svevo fehlt jede Spur, und Berlin zerfällt zu Staub, und die Villa beherbergt, sagen wir, seit undenklichen Zeiten das Institut für Soziologie der Freien Universität mit meinem ehemaligen Arbeitszimmer, und die Blicke des Hausmeisters verfolgen mich, den fristlos Gekündigten, und ich muss lachen und verschlucke mich und ersticke fast und ersticke nicht und vergesse die Geschichte und lebe grundlos weiter seit, sagen wir, gut sechsundzwanzig Jahren oder gut dreiundfünfzig Jahren, davon, wie ich behaupte, einem Jahr in Frankfurt.

Mein Name ist Joachim Breitner, denke ich, mehr noch, ich bin Joachim Breitner und suche das Glück und finde es, sagen wir, in Frankfurt, und Kühn, der neben mir zu meiner Rechten sitzt am berühmten Mainufer oder am weniger berühmten Niddaufer in einer Luftspiegelung aus Schlips und Kragen, sagt na siehst du und wundert sich nicht, und nicht einmal Gerken zu meiner Rechten wundert sich und sagt na bitte, Herr Doktor, auch wenn die von mir so genannte Entdokterung lange vollzogen ist und das sogenannte Institut für Soziologie der Freien Universität vor unfassbar langer Zeit mein Arbeitszimmer und jetziges ehemaliges Arbeitszimmer anderweitig aber immer sozusagen forschungsrelevant nutzt und schon den bloßen Villenbetretungs- und völlig arglos zum Aufwärmen unternommenen Arbeitszimmerbetretungsversuch als Hausfriedensbruch verfolgt, und ich kein Drecksdoktor mehr bin, sondern Achi der Niddakenner oder einfach nur Achi das Tier, abstammend von den Tieren Wendell und Silke, wenn sie noch leben in der sogenannten Seniorenresidenz Drochtersen vor den Toren Stades, aber in Drochtersen leben alle ewig.

Das Glück, sage ich und breche auf mit den augenrollenden Herren Kühn und Gerken im sogenannten Schlepptau, das Glück ist ein Meister aus Stade. Ein nicht allzu verschmutzter Eckermann ist ein Glück, den Ritualmord als besondere, ekelerregende Leistung der menschlichen Spezies zu durchdringen ist ein Glück, sage ich, ein großer Wolfsbarsch ist sogar ein außerordentliches Glück, Goethe hinter der nächsten Ecke bei der Abfassung des sogenannten Divans oder der Italienischen Reise oder der Dichtung Dichtung und Wahrheit oder des Großgedichts Faust oder der herrlichen Wahlverwandtschaften sozusagen über die Schulter zu schauen wäre ein gar nicht hoch genug einzuschätzendes Glück wie formschöne Hände und tiefenschöne Gesichter, sage ich, während alles andere ein gar nicht hoch genug einzuschätzendes Unglück ist, mit dem wir umzugehen haben, und Kühn sagt du spinnst, Breitner, und Gerken sagt ist es wieder so weit, Breitner und Frankfurt knirscht unter unserem Schritt, und wir schweigen, und das Städel schweigt, und die Türme schweigen, und Sankt Bartholomäus schweigt und plötzlich mahnt Kühn aber nicht bis Offenbach, und Gerken quatscht nach: nicht bis Offenbach, und ich ärgere mich und sage: ihr haltet die Schnauze, und dann verliere ich sie, oder sie verlieren mich, oder sie bleiben zurück, und auf der Flößerbrücke bleibe ich stehen und schaue auf die mit schlechtem bürgerschaftlichen Gewissen sogenannte Ignatz-Bubis-Brücke und warte und überlege, was zu tun ist, und es ist nichts zu tun, und ich könnte zurückgehen zum Eisernen Steg, ich könnte eine Parkbank besetzen am Neuen Börneplatz, ich könnte die Augen schließen und das Luxushochhausteuerapartment betreten und den Krähwinkel aufsuchen und Joachim, dunkelblau ein allerletztes Mal betrachten und tief ausatmen und nicht wieder einatmen und die Kastanienallee bis zum, sagen wir, Jüdischen Friedhof am Scholzplatz gehen und zurückfluten und die unbeleuchtete Villa und einen davoneilenden Mann sehen, den ich der Einfachheit halber Grenner nenne und den ich nicht wiedersehen werde, und einen Zug nehmen nach Stade, wo alles beginnt, der Hebräerhass, immer dieser Hebräerhass, der Dreck, alles, und an die Gebeine der Toten denken und an meinen Freund Laberkopp denken und an einen Balkon in Rom denken und aus dem Klumpatsch ein später sogenanntes heiliges und in den Vitrinen dieser Welt verwahrtes Schreibwerkzeug hervorholen und mir auf die Stirn die Worte schreiben, die als Frankfurter Vermächtnis des berühmten Gelehrten und Geschichtenerzählers und kreisenden Irreführers und Scharlatans, sagen wir, Chaim Breitner in die sogenannte Geschichte eingehen werden:

 

Alles

 

Wir werden

das Korn säen

 

Treibholz ernten.

 

Dass niemandem

ein Leid

geschehe.

 

Der dunklen Wälder

Treueschwur.

 

Der wilden Bäche

Meer.

 

 

 

Ich bin Joachim Breitner, denke ich, warum, weiß ich nicht.

Dann schlafe ich ein.

 

 

Kapitel 11

Coda

 

Es geht weiter, ein Leben. Und wieder dieser Kopfschmerz, denke ich und denke an Frankfurt, aber es ist Tel Aviv, zweifellos handelt es sich um die gewissermaßen fortwährend zu Späßen aufgelegte städtische Zusammenballung und von mir augenblicklich so genannte Kultstätte Tel Aviv, meinetwegen, sagt jemand, der wie Ute klingt, gehen wir die Dizengoff bis zur Frishman und biegen ab Richtung Meer, oder wir kommen zur Ruhe auf der Sderot Ben Gurion oder vertreten uns die Beine auf dem Karmel-Markt, für sich genommen, denke ich, macht Frankfurt keinen Sinn, wie auch die ehemalige Reichshauptstadt Berlin für sich genommen keinen Sinn macht, wie auch die von mir neuerdings aus einer Laune heraus so genannte Lasterhöhle Stade für sich genommen sinnlos ist, sondern beispielsweise im Verbund mit, sagen wir, denke ich, der von mir abgrundtief geliebten und verehrten Freudentaumelstadt Tel Aviv. Während angeblich die Seniorenresidenzmetropole Drochtersen bei Stade nach letzten, allerdings Jahre zurückliegenden Erkenntnissen das Ehepaar Breitner beherbergt und, wie ich verfüge, ein weißer oder roter Walmdachbungalow die geachtete, alternde Jugendrichterin Grapentin in, sagen wir, Köln-Deutz oder Dortmund-Aplerbeck mit sogenanntem Wohnraum versorgt, beherbergt das stolze Tel Aviv für, sagen wir, einen Tag oder ein Jahr, denke ich, den berühmten Irreführer und Neufrankfurter und bekennenden Verehrer des Eisernen Stegs und gelernten und gescheiterten Soziologen und Obdach- und Heimatlosen und Seelenkranken Joachim Breitner. Eine Welle, die keine Welle ist sondern ein Lächeln, trägt mich am Strand entlang Richtung Süden bis nach Jaffa, meinetwegen, Durchlaucht, sagt Ute wieder wie aus dem Nichts, fahren wir durch den Negev nach Eilat oder wir gehen zur Galerie dieser Welt zu Annabell Cohn und kaufen endlich das berühmte Gemälde, das wir kennen. Wenn du mich fragst, fünfunddreißigtausend Euro sind angemessen für zwei mal vier Meter und ein Gesicht, das meinem verblüffend ähnlich sieht. Ich glaube, die Ausstellung heißt Und jetzt wird gestorben. Die Farbe Blau. Sie überlegt. Oder wir fahren nach Frankfurt zurück und fangen von vorn an.

Ich schließe die Augen und höre meinen Herzschlag. Dann küsse ich Ute und erzähle eine Geschichte aus meinem Leben. Wenn ich vorkomme, will ich jünger sein, sagt Ute und dir kein Rätsel. Und einen Hund soll es geben. Diese Tel Avivim, denke ich und verspreche es. Dann schließe ich die Augen und breite die Arme aus und nenne die Geschichte Gassi.

 

Es ist ganz einfach,

 

sage ich,

 

Bücher lese ich vorwiegend im Stehen und betrachte die Lehre von den Himmelskörpern als einen gute-Laune-Killer.
Wenn ich schreibe, erfinde ich Naheliegendes, Unwahrscheinliches, Sensationelles und staune, wie eins aus dem anderen folgt.
Mit Ute bin ich einmal gemeinsam in den Urlaub gefahren und allein zurückgekehrt.
Aber am liebsten gehe ich mit Bolle Gassi, oder ich schaue bei Herwig mit Eierlikör vorbei, und wir trinken.
Es ist ganz einfach, auch wenn ich manchmal irgendetwas Verdrehtes, Vermaledeites hinter allem wittere, was mich, Raimund Breisacher, ausmacht und bestimmt. Doch einem bloßen Verdacht werde ich niemals den schönen Gedanken opfern, dass ich im Einfachen völlig aufgehe, im Einfachen schlechthin, ja, dass ich geradezu als fleischgewordene Reduktion von Komplexität mein Leben friste. Wenn ich mir einen Satz wie diesen auf der Zunge zergehen lasse, bedaure ich, meine soziologischen Studien nicht mit dem nötigen Biss oder zumindest der nötigen Chuzpe zu einem guten Ende gebracht zu haben. Zu spät. Ich hätte mich am Riemen reißen müssen. Aber es wird nebenbei gesagt auch ziemlich viel geschwafelt in der Soziologie, was für mich langfristig einen Verlust an Lebensqualität bedeutet hätte, denn leeres Gerede verstärkt meine Migräneneigung und beeinträchtigt dadurch sogar mein Liebesleben. Noch heute ist es so, dass ich augenblicklich von einer schier grenzenlosen Lustlosigkeit geplagt werde, die sich gegen alles und jeden richtet, wenn ich, sagen wir, über protestantische Arbeitsethik in der Postmoderne nachdenke. Manchmal wusste ich während einer Vorlesung gar nicht mehr, wo mir der Kopf stand, angesichts herrschaftsfreier Diskurstechniken und dem Gerede von sozialer Statik und politischer Mehrheit oder von Kult und Klassengesellschaft am Beispiel von Wandschmuck.
Das Wandschmuckding hört sich jetzt unwahrscheinlich an, und doch ist es wahr wie meine Kopfschmerzen oder die überaus große Gelehrigkeit von Königspudeln. Aber ich komme vom Thema ab. Mein ehemaliger Kommilitone Herwig sagt, es seien meine außeruniversitären Aktivitäten und ihr unverdienter Erfolg gewesen, die mein Studium zunächst erschwert und schließlich unmöglich gemacht hätten. So war es wohl, auch wenn man über das unverdient streiten kann. Sicher wäre es von Nutzen gewesen, mich wenigstens mit einer Gesellschaftstheorie, einem Erklärungsversuch für alles nachhaltig vertraut zu machen, um die Welt als Zusammenhang zu begreifen, sie ein wenig fundierter zu lieben oder zu verachten. Überdies wäre die Abfassung einer Diplomarbeit, etwa mit dem Titel Zur Soziologie des Hundeführers, Versuch über die Grundlagen symbiotischer Beziehungen ein schönes Geschenk für jeden Köterbegeisterten gewesen. Die Systemtheorie, wie ich sie, leider viel zu bruchstückhaft, kennengelernt habe, hätte beispielsweise das Zeug gehabt, einer solchen Studie das nötige methodische Unterfutter zu liefern, auch wenn Herwig, diese Karikatur eines Oberstudienrats, alles Systemtheoretische bis heute als anämisches Geraune aus einem Leitfaden für die höhere Verwaltungslaufbahn verhöhnt, meist lallend und etwas zu laut, wie immer, wenn er betrunken ist, über alte Zeiten schwadroniert und alles besser weiß. Wie dem auch sei, meine Bewunderung für autarke, in sich ruhende und sich selbst genügende Betrachtungsweisen, die Herwig ab zwei Promille selbstreferentiellen Hokuspokus nennt, ist ungebrochen.
Die Schmähung habe ich übrigens nachgeschlagen, um ganz sicher zu gehen, was sie bedeutet, und fand letztlich meine Ahnungen bestätigt, dass es sich hier nur um das hilflose Umsichschlagen eines intellektuell Zukurzgekommenen handelt.
Was soll ich sagen, good old Herwig weiß ganz genau, dass der Marxismus, den er in grenzdebiler Verblendung favorisiert, überhaupt nicht zu mir passt. Dieses einst immerhin brodelnde, dampfende und nunmehr gänzlich erkaltete Geistesgebilde ist piefig, sperrig, ermüdend und rechthaberisch und weiß selbst nicht, ob es Teil einer sozialen Revolution oder ein gigantischer Papierfresser und nimmermüder Spaßbremser sein will. Aber geschenkt. Herwig ist heute Lehrer am Theodor-W.-Adorno-Gymnasium in Frankfurt, ein strenger Vertreter seiner Zunft, wie zu hören ist, und mein Studium war zu Ende, bevor es richtig begonnen hatte. Ich habe somit eine Gelegenheit zur persönlichen Vervollkommnung verpasst, daran gibt es nichts zu deuteln. Dafür trat die junge angehende Wasserschutzpolizistin Ute Cohn in mein Leben und bereicherte es auf die angenehmste Weise mit Liebe und Anerkennung.
Ihr ist es bis heute egal, mehr noch, sie findet es drollig, dass ich nichts verstehe, wenn ich im Sitzen zu lesen versuche, wo ein Mensch doch, wie sie sagt, normalerweise sitzen oder liegen will, wenn er liest. Sie nimmt es schulterzuckend hin, dass ich über ein Buch gebeugt am Schreibtisch sitzend verharren und das geschriebene Wort drehen und wenden kann, ohne seinen Sinn zu erfassen. Denn nicht zuletzt darauf ist es zurückzuführen, dass meine Abiturnote deutlich unter der von Herwig lag. Die Erlaubnis für die sozusagen stehende Lektüre der Aufgabentexte, wurde mir unglücklicherweise nicht erteilt, obwohl ich mehrfach darum bat. Ich will gar nicht von Ungerechtigkeit sprechen, an die ich ebenso wenig glaube wie an Leinenzwang in öffentlichen Grünanlagen, aber was ich sagen will, ist, dass meine Leistungen im schulischen Bereich angesichts meiner rezeptiven Anomalie entsprechend dürftig ausfielen, da ich nie wusste, worüber genau ich sprechen oder schreiben sollte. Das Einfache liegt mir, aber ich hasse das Ungefähre, und doch musste ich es aus der Not heraus fortwährend produzieren und bekam erst später die Gelegenheit, aus dieser Not eine Tugend zu machen. Einstweilen hieß es: Herr Breisacher, wir haben den Eindruck, dass Annette von Droste-Hülshoff Ihnen nicht liegt oder, verständnisvoller, Raimund, do you really think ‚Julius Caesar‘ is about politics in ancient times, although, to a certain extent, you’re surely right.
Sich in der muffigen Lehranstalt im entscheidenden Moment nicht rühren zu dürfen, wenn man doch lieber stehen, laufen oder tanzen würde – auf diese sowohl bitteren als auch im weiteren und engeren Sinne niederdrückenden Erfahrungen hätte ich gut verzichten können. Bis, ja, bis Ute von Herzen lachte, als sie mich mit dem Fänger im Roggen oder vielleicht auch mit dem Manuskript meiner damals noch unveröffentlichten Schmonzette Kasimir Krögers gesammelte Anzüglichkeiten laut zitierend durch den Rothschildpark tapsen sah, mich also, wie mir erst später bewusst wurde, beim Verstehen überraschte und mit einem makellosen Augenaufschlag um Feuer bat, vergeblich, wie sich wohl versteht, weil ich niemals im Leben geraucht habe und aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung auch niemals rauchen werde. Instinktiv (denn wer mag schon ängstliche Männer) begründete ich meine Tabakabstinenz jedoch spitzfindig mit einer systemtheoretischen Abneigung gegen Asche, gegen Rückstände im Allgemeinen, gab einige an den Haaren herbeigezogene Literaturhinweise, worauf Ute durch hysterische Lachsalven beinahe mitten im Park zu Fall kam. Nur mühsam brachte sie vor Amüsement bebend ein das-ist-ja-großartig hervor und vergaß für eine Weile sogar ihre Nikotinsucht. Wir wurden ein Paar, die lachende angehende Staatsdienerin und ihre Stehlampe, wie Henry heute noch sagt, fast siebenundzwanzig Jahre später, aber was soll er schon sagen. Das Studium litt, ganz einfach, weil die Beziehung mit Ute viel Zeit und Energie beanspruchte, aber ebenso, weil das Schreiben, mit dem ich aus Langeweile begonnen hatte, für mich allmählich an Bedeutung gewann. Schließlich verließ ich etwas überstürzt die Universität und folgte Utes Rat, mein Buch bei einem ambitionierten Verlag unterzubringen und den Titel in Kasimir Krögers widerliche Anzüglichkeiten zu ändern, weil Eva der Ansicht war, neben dem Sexuellen sei es vor allem das Widerliche, was Menschen neugierig mache, ein in psychologischer und somit kaufmännischer Hinsicht unschlagbares Argument. Der Untertitel Erzählt von ihm selbst machte alles perfekt. Trotzdem war es schwer, Herwigs Spott über mein verpatztes Leben und den Kasimir ertragen zu müssen, von einer pornographischen Schrift ohne Sexszenen war die Rede, vom bekloppten Bestseller gar. Aber ich konnte beobachten, dass Herwig damals begann, täglich eine kleine Flasche Eierlikör zu trinken. Heute ist es fast eine große. Gut, wenn wir zusammensitzen, werden es häufig zwei, aber wen kümmert's.
Der Kasimir ermöglicht mir bis zum heutigen Tage ein Leben in bescheidenem Wohlstand, wie es nur wenigen Schriftstellern vergönnt ist. Er verkauft sich zwar bei weitem nicht so gut wie Der Fänger im Roggen oder meinetwegen die Buddenbrooks, aber zwei, drei Großkritiker haben das Werk glücklicherweise in ihren Kanon aufgenommen und ich bin in den letzten dreiundzwanzig Jahren seit seinem Erscheinen immer gut über die Runden gekommen. Bis vor drei Wochen habe ich mich sogar weder durch Eva noch durch ihren Humor zu einer teuren Urlaubsreise oder sonstigen unüberlegten Geldausgabe hinreißen lassen. Lediglich an den Likörkosten bei Henry beteilige ich mich und habe neudeutsch gesprochen eine gute Zeit für fast nichts.


Schreiben kann ich übrigens völlig problemlos im Sitzen. Nur auf das Trinken muss ich dann verzichten, weil sonst der feinziselierte Plot gemeinsam mit meiner Matschbirne abschmiert und der Lektor Alarm schlägt. Kasimir Kröger, nicht nur ein Buch der Schlechtigkeiten, sondern zugegebenermaßen ein schlechtes Buch, ist jedenfalls absolut nüchtern und, seine delikaten Passagen eingeschlossen, in aller Gemütsruhe verfasst worden und daher trotz seiner Dürftigkeit wie aus einem Guss. Wer schreibt, und sei es noch so lausig, sollte die Hände vom Schnaps lassen und etwaige Saufgelage auf den Feierabend legen, wo sie hingehören und keinen Schaden anrichten können.
Die Cohn, wie ich sie wegen ihrer Neigung zum Divenhaften gerne nenne, kann Eierlikör rein geschmacklich ohnehin nicht ausstehen und drängt auf eine Dauerabstinenz, was ich schon wiederholt als Einmischung in meine inneren Freizeitangelegenheiten zurückweisen musste. Die sonst so lustige Beamtenseele tut sich allerdings mit dem Phänomen des abweichenden Verhaltens und des zähen Widerspruchs viel schwerer, als der geneigte Leser nach dem bisher Gesagten annehmen darf, und so endete unser erster richtiger Urlaub nach all den Jahren unentspannt. Man könnte meinen, ich wollte etwa mit einem Gläschen in der Hand von einer Hotelterrasse aus den glitzernden Golf von Neapel bestaunen, während Ute nur an alten Steinen interessiert war. Aber das war es nicht. Nicht direkt. Der trinkende Besserwisser Herwig führt das Desaster auf die parallele Veröffentlichung meines zweiten, weitgehend autobiographischen Romans Randolph und Roswitha zurück, den ich in einer Phase der Enttäuschung und des Überdrusses geschrieben habe, weil mein altes Steckenpferd, die Astrophysik, von der ich mir einst eine neue Dimension des Denkens und Fühlens versprochen hatte, mich nicht mehr umhaute. Ich war nämlich zu der Erkenntnis gelangt, dass es ganz einfach für immer ein Ding der Unmöglichkeit bleiben wird, mit Raumschiffen zu fernen Galaxien zu reisen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit von einander entfernen und angeblich alle durch den sogenannten Urknall allmählich entstanden und in Bewegung gesetzt worden sind. Früher, das heißt kurz nach dem Erscheinen des Kasimir, der mich in der Szene zum Shootingstar machte, hat mich das All fasziniert, heute verfalle ich lediglich in eine depressive Stimmung, wenn ich daran denke, dass allem, auch dem Schönen und Wertvollen, schon der Abschied ins Ungewisse innewohnt und jede Auflehnung gegen dieses Sich-Entfernen, dieses Wegdriften, sinnlos ist. Ich habe mich mit dem Gedanken zu trösten versucht, dass die Sternenkunde genauso wie die Soziologie nur ein Angebot des Menschen für den Menschen ist, das trotz aller Eindringlichkeit und wissenschaftlichen Strenge vor allem über den Geisteszustand der Denkenden etwas aussagt und bestenfalls zu neuen Geisteszuständen führt, gegen die es ihrerseits aufzubegehren gilt, ein immerwährender Kampf, und keine Leidens-Kleinigkeit, wenn einem vor lauter Weltraum-Wahn oder unklar Vermaledeitem die Tränen kommen. Auf diese Weise habe ich jedoch die Lust am Schreiben wiederentdeckt. Denn ohnehin wird mein Innerstes von Erwägungen aller Art regelrecht stranguliert, und ich greife nach jedem Strohhalm. Wenn ich nichts zu Papier bringe, hilft nur ein Spaziergang mit dem Hund, eine Wohltat, die von keinem kosmischen Nebel getrübt werden kann. Ein Dasein ohne Sinn und Verstand bekommt dann in den Grünanlagen der Stadt die nötige Prise Leichtigkeit und Verlässlichkeit, ohne die es nicht geht.


Jetzt muss ich lachen. Denn ich bekomme Kopfschmerzen, es ist immer das Gleiche. Sie beginnen über der Nasenwurzel, strahlen bis zu den Schläfen hin aus und sind von Sehstörungen begleitet. Dabei habe ich noch gar keine Einzelheiten vom Urlaub mit Ute erzählt, auch wenn Herwig sagt: Du musst darüber sprechen, Raimund. Also gut, spreche ich darüber.
Dabei ist die Faktenlage klar. Zum Golf von Neapel würde ich niemals reisen, die dort unten anzutreffende Kleinkriminalität und die sengende Hitze schrecken mich ab. Aber wahr ist, dass ich mit Ute im Urlaub im schönen Eckernförde war und sie vier Stunden in einen Hundezwinger gesperrt habe, der zu unserem angemieteten Ferienhaus gehörte, wovon ich, Hand aufs Herz, vorher nichts gewusst habe und erst durch unmittelbare Anschauung den Gedanken dieser temporären Nutzung entwickelt habe. Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass Utes Arrest eindeutig selbstverschuldet war. Sie war ekelig zu Bolle und wies meinen treuen Freund ständig zurecht, eine Demütigung für jeden sensiblen Großpudel. Im Zwinger nun hatte die unbeherrschte Wasserschützerin die Möglichkeit, über ihr Fehlverhalten nachzusinnen und in Ruhe eine Weile in den Buddenbrooks zu lesen, leider nur in einer billigen Taschenbuchausgabe, die ich mit viel Fingerspitzengefühl durch den widerstrebenden Maschendraht quetschte, um Ute, die gern liest, versöhnlich zu stimmen. Allein das versteht Herwig schon nicht. Dann: Bolle durfte auf Utes Sessel vor dem Kamin im Wohnzimmer sitzen, das ist richtig. Diese Erlaubnis galt jedoch ausschließlich für die Zeit von Utes Arrest und war Teil einer – wenn man so will – spontanen Kunstinstallation, einer Neubewertung von Zeit und Raum. Ferner möchte ich darauf hinweisen, dass es Ute war, die das gemietete Landhaus nach Beendigung des, wie sie sich ausdrückte, unwürdigen Schauspiels fluchtartig verließ und sogar Buddenbrooks im Zwinger vergaß. Schließlich: Als Ute türmte, stahl sie mir vom Nachtisch den Fänger im Roggen, des Weiteren ein noch ungelesenes Buch über die Codierung von Intimität, sowie mein Handexemplar von Randolph und Roswitha, das sie als kranke Verleumdung und Kampfansage eines wirren Säufers verunglimpfte. Dabei ist sie nur neidisch, dass sich die triviale Schwarte genauso gut verkauft wie seinerzeit Kasimir Kröger, diesmal allerdings autobiographisch schlechten Sex und Fernsehabende zu zweit beschreibt und in diesem Zusammenhang von sinnentleerten Stunden, beißender Langeweile und einem Schattendasein der Liebe spricht. Hier setzt übrigens auch Herwigs zentraler Kritikpunkt an: Dass ich die Psychopathologie meines Daseins auf unzulässige Art heroisiere (das waren neulich exakt seine Worte) und nur so tue, als ob ich irgendetwas von dem begreife, was läuft. Deshalb will er in Zukunft erst nach Einbruch der Dunkelheit Eierlikör mit mir trinken, wenn es niemand sieht. Neuerdings scheine ich ihm peinlich zu sein, ein starkes Stück. Seine Schüler können einem leidtun. Armes Adorno-Gymnasium. Zum Glück habe ich mich mit Ute wieder vertragen. Sie hat mir die Kunstinstallations-Nummer abgenommen und durfte Bolle sogar scherzhaft mit dem Tierheim drohen.


Meine Kopfschmerzen werden stärker. Und das Augenflimmern beginnt. Ich werde mit Bolle eine Runde drehen, eine kleine oder große, ganz wie es sich ergibt. Manchmal gehen wir stundenlang um Häuserblöcke und ich denke an meinen dritten Roman, den ich schon bald schreiben will. Mein Frankfurter Verlag quengelt, ich habe mir sagen lassen, Frankfurts häufige Tiefdruckgebiete seien schuld, gleichviel, ich solle nachlegen und nicht wieder dreiundzwanzig Jahre warten. Ein Unternehmen will Umsatz machen, ein Verleger ist vor allem Kaufmann, grad hier in Frankfurt, ich verstehe das, aber den vorgeschlagenen Titel Dorles dolle Dinger habe ich entrüstet abgelehnt, weil ich mich nicht als Tittenfetischist verheizen lassen will und lieber mit einer Story über Beißhemmungen und Beschwichtigungsgesten die Bestsellerlisten stürme. Das ist nämlich das zentrale Thema von Aufgeschnappt (so der Arbeitstitel) und soll mein erster Ausflug in die E-Literatur werden, und ich hoffe, dass es ein Knaller wird wie Narziss und Goldmund, Der alte Mann und das Meer, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Die Klavierspielerin oder Ein ganzes Leben. Das Geld brauche ich nicht unbedingt, aber ich nehme es natürlich gern. Auf der Rückreise von Eckernförde habe ich sogar darüber nachgedacht, wie es wäre, einen Teil der laufenden Kasimir oder Randolph-Einnahmen in den Aufbau einer Großpudelzucht und die Entwicklung neuer Eierlikörrezepturen zu investieren und mit den zu erwartenden Aufgeschnappt-Tantiemen wiederum meine Altersversorgung unter Dach und Fach zu bringen. Mal sehen, wie Herwig diese Gedanken beurteilt, wenn er nicht mehr dauernd dieses nervige du-musst-darüber-reden-Geseire anstimmt, nur weil ich Ute einer Maßnahme unterzogen habe, bei der sie sogar Romane lesen konnte. Ist die Zwingerproblematik – neben dem erzieherischen Gesichtspunkt - nicht geradezu ein Paradebeispiel für die Möglichkeit jener Reduktion von Komplexität durch Perspektivwechsel mit besonderer Berücksichtigung der Innen-Außen-Problematik als Interaktion divergierender Subsysteme, am Beispiel von Ute, Bolle und mir? Oder würde mir Herwig auch diesen Satz um die Ohren hauen? Nur weil ich es sage, muss es nicht falsch sein.


Ich hätte eben doch die Universität nie verlassen dürfen. Meinetwegen soll Herwig mit dem Kopf schütteln und Ute verteidigen. Ohne Umschweife bekenne ich: Es gilt fortzuschreiten auf meinem Weg zu mir, zum Einfachen hin. Zu Raimund Breisacher. Vielleicht sollte ich Aufgeschnappt in Weniger geht nicht umtaufen.
Es kränkt mich, dass Ute auf die weitere Teilhabe an diesem Reduktionsmarathon verzichtet hat und wir uns in Wirklichkeit gar nicht vertragen haben, und ich den Leser schon wieder angeschwindelt habe und Eva bereits ohne Rücksicht auf den Wasserschutz nach Bad Honnef gezogen ist, zu einem neuen Bekannten, der niemals ein Buch veröffentlicht hat, auch kein schlechtes, und Gartenzäune verzinkt und kein verpatztes Leben führt und Gerken heißt, und sich anständig benimmt, und angeblich keinen an der Marmel hat wie ich, zumindest wurde es mir so von Herwig überliefert, der mit Ute gesprochen hat. Soll sie sich halt trollen, die Wegelagerin, ich weine ihr keine Träne nach, aber bei der nächsten Auflage von Randolph und Roswitha werde ich ein Nachwort schreiben, das sich gewaschen hat, dann kann nicht nur Ute, sondern auch dieser Gerken und Bad Honnef einpacken. Irgendetwas Schneidiges, in sich Stimmiges werde ich zusammenschustern. Leider hat der Verlag signalisiert, dass ich den Bogen nicht überspannen darf, da der Persönlichkeitsschutz Vorrang hat, die Rechtsabteilung sei in Alarmbereitschaft. Typisch Frankfurt. Aber einetwegen. Es ist nur ein Angebot.


Am besten ich gehe mit Bolle durch den Wald zur Havel und komme zur Ruhe. Und bin um neun wieder da, wenn die Pfeife Herwig bereit ist, im Schutze der Dunkelheit mit köstlichem Likör auf das neue Leben anzustoßen, das einfache, neue Leben.
Wenn es wahr wäre. Den Tatsachen entspräche. Aber es ist alles gelogen, das ganze Ding, piff-paff, eine faustdicke Lüge. Oder zumindest eine große Irreführung, denn einiges stimmt ja. Also mache ich jetzt reinen Tisch.
Herwig zum Beispiel gibt es, und er trinkt auch in Wirklichkeit gern, er ist aber kein Lehrer am Adorno-Gymnasium, sondern Taxifahrer, den man fast zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Warteschlange am Bahnhof antreffen kann. An ihm ist allerdings mit Sicherheit ein Lehrer verloren gegangen, wenn auch ein schlechter. Sogar einen Ratgeber über inneres Gleichgewicht in Zeiten äußerer Schieflagen hat er im Selbstverlag geschrieben. Er meint, dass ich zu viel Zeit habe, und mir deshalb ebenso haarsträubende wie belanglose Geschichten ausdenke, die jeder Grundlage entbehren und nur den interessieren, der sich mit mir auf einer Ebene befindet und somit ähnlich gestört ist. Im Grunde, so sein Fazit, sei ich ein Fall für die Nervenklinik, die sich einen Steinwurf von meinem Schreibtisch entfernt im schönen Ortsteil Niederrad befindet.


Bei Ute ist die Sache vertrackter. Wir leben und wohnen seit fast siebenundzwanzig Jahren zusammen, sie ist wirklich bei der Wasserschutzpolizei und füttert mich durch. Obwohl ich bei der Zwingergeschichte in Eckernförde den Bogen ein wenig überspannt habe, ist unser gegenseitiges Vertrauen alles in allem sehr groß. Schon vor Jahren habe ich sogar Kontovollmacht erhalten, musste aber, da das Haushaltsgeld bislang immer genügend Spielraum bot, nie von ihr Gebrauch machen.
Mich selbst hingegen sehe ich als Hausmann und unentdecktes Talent für alles, ich ziehe bei Bekannten Dielenfußböden ab und mag keinen Eierlikör, sondern nur Weinbrand, weil ich von Rum oder Cognac seit ein paar Jahren Magenschmerzen bekomme, die ich früher nicht kannte. Kasimir Kröger habe ich wirklich geschrieben, aber kein Verlag wollte es, jedenfalls kein Frankfurter. Damals trug es noch den Untertitel: Ein Leben ohne Lüge. Vielleicht lag es daran. Randolph und Roswitha ist auch von mir und modert ebenfalls als abgelehntes Manuskript vor sich hin, weil eine Aussage fehle, kein Stil zu erkennen sei und das Buch den Leser unweigerlich schrecklich langweilen und geradezu in die Flucht schlagen müsse, wie mir der Lektor des Horkheimer-Verlags einst schrieb. Kultig sei an diesem Pamphlet allenfalls der scheinbar ungebrochene Lebensmut des Autors. Ich habe mir diese Unflätigkeit gemerkt. Autobiographisch ist allerdings nichts an der Story, die im universitären Milieu spielt und von einem wahnsinnigen Soziologenpaar handelt, das den Kontakt zur Wirklichkeit verliert. Ich finde beide Romane nicht schön aber solide und hoffe auf einen Durchbruch in den nächsten Jahren. Möglicherweise gelingt er mir mit Aufgeschnappt, denn ich möchte endlich gegenüber Eva etwas vorzuweisen haben. Hinzu kommt, dass die Arbeit an Dielenfußböden Gift für meine Lungen ist.
Ute ist bei diesen ehrgeizigen Projekten selbstredend ganz auf meiner Seite und eine große emotionale Stütze. Aber neulich hatte sie eine Affäre mit einem übergewichtigen Wasserschutzpolizisten, irgendein Joachim, dessen Leiche irgendwann mit dem Bauch nach unten im Main trieb, mit ordentlich Kielwasser sozusagen, vermutlich das Opfer eines gestörten Gleichgewichtssinns. Nun gut, Herwig bezweifelt das. Durch seine Nickelbrille erscheint alles dramatischer, als es ist.
Nur die Behauptung, ich könnte nicht im Sitzen lesen, oder doch wenigstens nichts verstehen, ist ziemlicher Quatsch, es ist vielmehr umgekehrt so, dass ich im Vorbeigehen oder Vorbeifahren mit dem Fahrrad nichts lesen und nichts begreifen kann und zum Beispiel Werbung auf Häuserwänden an mir vorüberziehen lassen muss, ohne zu erkennen, welches Produkt beworben wird. Auf diese Weise ist mir schon manch schönes Angebot durch die Lappen gegangen. Aber auch die Bedeutung von Schildern als Verkehrsregulativ gelingt mir nicht, also lasse ich lieber Ute fahren. Doch sonst verstehe ich alles oder doch verblüffend viel und war nur deshalb beim Abitur so schlecht, weil ich Kopfschmerzen hatte. Egal, Henry hat auch nicht gerade geglänzt, und Eva liebt mich trotzdem.
Mit ihrem Ausrutscher, dem dicken Kollegen, bin ich leider Gottes tatsächlich, allerdings in Frankfurt, aneinander geraten und habe ihn gestellt, so viel ist richtig, aber es war seine Schuld, dass die ganze Sache eskaliert ist. Dieser wabbelige Ignorant hätte mich keinen Hundeficker nennen sollen, ohne mich näher zu kennen. Das war das ganze Problem. Gut, dass Ute nicht dabei war, als, wie soll ich sagen, die Wellen hoch schlugen. Zehn Tage später ging die Ahnungslose zur Beerdigung eines guten Freundes und ich habe mit Bolle eine Extrarunde gedreht.
Meine Ansichten über Systemtheorie, Marxismus und Astrophysik möchte ich aufrechterhalten. Sie sind zwar nicht direkt auf meinem Mist gewachsen, aber größtenteils dafür auf Herwigs, der sich über solche Dinge oft Gedanken macht. Wieder ist die Wahrheit ganz einfach, und was ich sagen wollte, ist fast gesagt. Es ist wirklich verblüffend, wie eins aus dem Anderen folgt. Man muss es nur aufschreiben. Doch leider ist Bolle ist zu kurz gekommen.
Das macht mich traurig. Denn er ist friedlich und gelehrig, lernt jede Woche ein neues Kunststückchen und hat sich nie auf Utes Sessel vor dem Kamin gerekelt, nicht zuletzt, weil ich mit Ute noch nie im Urlaub war (der Leser möge also Eckernförde vergessen), nur einmal bei ihren Verwandten in Bad Honnef, wo ich sie ganz kurz, eigentlich nur andeutungsweise, in eine abschließbare käfigartige Box für gefährliche Gartengeräte wie Mistforken, Sensen und Kultivatoren gesperrt und ihr weder Buddenbrooks noch den Fänger im Roggen mitgegeben habe, sondern einen Fachartikel über Wasserleichen in Frankfurter Gewässern aus der Zeitschrift Der Wasserschutzpolizist, die Eva jeden Monat bekommt, aber nie liest. Allein und frühzeitig heimgekehrt aus Bad Honnef bin im Übrigen nur ich und zwar aufgrund einer plötzlichen Sehnsucht nach Bolle, der nicht mitfahren durfte weil die Honnefer Mischpoke Hunde verabscheut, womit beispielsweise in Tel Aviv, wie ich zu bedenken gab, kein Blumentopf zu gewinnen wäre. Die von mir für die Zeit unserer Abwesenheit als Hundesitterin verpflichtete ehemalige Psychotherapeutin, Silke Breitner, ist leider kein Garant für liebevolle Tierpflege. So mag sie es nicht, wenn jemand ihre Hand leckt, obwohl ich ihr schon tausendmal erklärt habe, dass es sich in Bolles Fall um ein freundschaftliches Gebaren handelt oder sogar um einen Akt der Unterwerfung, doch die verbohrte alte Dame ist und bleibt uneinsichtig, staunte allerdings nicht schlecht, als ich das befreite Tier mit einem Leckerli in der Hand und gesenkten Hauptes um Entschuldigung bat und Besserung gelobte.


Bolle respektiert mich und zweifelt niemals meinen Status als Rudelführer an, jedenfalls hat es den Anschein, und darauf kommt es an. Wenn wir zusammen sind, vergesse ich die Zeit. Gestern waren wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unterwegs. Im Frühsommer sind das immerhin gut sechszehn Stunden. Ute fragte neulich, was ich den ganzen Tag mache, aber ich glaube, sie war nicht wirklich interessiert. Manchmal kommt mir meine ganze Existenz wie ein stilles Gleiten zwischen den Welten vor, Zuneigung nur als ein Begriff der Verschleierung für Distanz und Nichtwissen beziehungsweise Nichtwissenwollen. Sagt Herwig. Darüber ließe sich trefflich schreiben. Vielleicht wird es mein Alterswerk.
Bolle und ich sind, der aufmerksame Leser ahnt es bereits, bei unserem Gewaltmarsch auch zum Bahnhof gelaufen und haben Herwig an der Halte getroffen. Der Gute war angetrunken und ich habe ihm ins Ohr geflüstert, dass er besser daran täte, die Taxe abzustellen und seinen Rausch auszuschlafen. Für diesen gutgemeinten Rat durfte ich mir dann auch noch irgendeine perverse Verwünschung anhören die ihm allerdings auch nüchtern leicht über die Lippen geht. Eigentlich bedauerlich, dachte ich melancholisch, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, wie ja auch Herwig gerne nachplappernd behauptet, eigentlich gar keins; das Schicksal des Wasserschutzpolizisten beweist es.


Du musst darüber reden, Wendell, höre ich Herwig wieder sagen und sehe, wie Bolle das Bein hebt. Seit wann heiße ich Wendell, denke ich, aber eine Namensänderung kommt mir nicht ungelegen. Die Tarnung wäre perfekt, hieße ich Cohn oder Kühn und nicht gerade Breisacher wie Vater und Mutter Breisacher, über die ich nicht mehr sagen möchte, als dass sie böse waren, wie in einem Märchen waren sie böse, bis sie selbst dazu zu alt und zu schwach waren. Und vielleicht waren sie ja auch gut, und ich weiß es nicht und müsste nur mal nach Drochtersen, um sie zu fragen.
Zum Glück blickt noch nicht einmal Ute durch. Bei Lichte besehen liegt die Vermutung nahe, dass der Wahnsinn System hat und Herwig ein hoffnungsloser Fall ist. Plötzlich wittere ich wieder etwas Verdrehtes. Aber zum Glück geht es vorbei.
Auf dem Nachhauseweg sehe ich beim Antiquar hinter Panzerglas die Erstausgabe eines Kultbuches und kaufe sie, die Kontovollmacht der trauernden Freundin im Rücken. Der Untertitel Verfall einer Familie entlockt mir ein Lächeln. Ich freue mich auf die Lektüre. Der gewitzte Jäger neben mir schnappt zu,

 

sage ich,

 

und trägt das teure Beutestück wie einen Knochen vor sich her.

 

 

Auf der Tayelet schaue ich Ute an und spüre den warmen Wind vom Meer und umarme die Stadt und vergesse den Kopfschmerz und denke nach. Frankfurt, sagt Ute unvermittelt, Frankfurt fehlt. Ich denke an Berlin und die Kohlrouladen von Diener Grenner. Möglich, sage ich zögernd und trage Sonnencreme auf, vielleicht. Wir legen uns in den Sand und warten.

Frankfurt. Eine Irreführung.

 

von Peter Kröger

 

Kapitel 1

Diener Grenner

 

Zurück in Berlin nach einem Jahr denke ich an Frankfurt und warte.

Irgendwo im Haus schnappt ein Türschloss, ganz in der Nähe, vielleicht im Nebenzimmer, ein Türschnappgeräusch, sofort denke ich, so müssen Türschlösser schnappen, dumpf, satt, entschieden, sofort vergesse ich Frankfurt, das brodelnde Frankfurt, das stille Frankfurt, den Brocken, die Fluchtburg, ich notiere auf ein vergessenes, verstaubtes Blatt Papier die Worte ein Türschloss ist ein Türschloss ist ein Türschloss aber Schnappen ist nicht gleich Schnappen und freue mich über diesen Gedanken wie über Schnee am Branitzer Platz. Wenn es schepperte, klapperte, ich müsste augenblicklich mein Arbeitszimmer verlassen, in dem ich mich befinde und das nicht mehr mein Arbeitszimmer ist und vielleicht nie ein richtiges, ein unangefochtenes Arbeitszimmer war, wie ich glaube, und nach dem Rechten sehen. So aber erübrigt sich ein sogenannter Kontrollgang durch das Haus, Kühn würde an meiner Stelle aufstehen und das Haus inspizieren, er würde im Flur oder im Nebenzimmer den ältlichen Diener, den brandneuen ältlichen Diener, einen Berliner Bekannten von Gerken, Concierge-Gerken, Kabuff-im-Teuerhaus-Gerken, mit den Einkäufen, dem Notwendigsten, wie ich denke, entdecken, den eben erst halbtags angestellten und sich quasi noch am Anfang der Probezeit befindlichen Diener, und zu seinem, also Kühns, Schreibtisch zurückkehren, um in aller Seelenruhe fortzufahren, eine Wohnung in guter Lage zu verkaufen oder Geschäftsräume an aussichtsreichem Orte zu vermieten. Kühn würde jederzeit den Überblick behalten und wäre daher jederzeit in der Lage, mit seiner Arbeit fortzufahren. Aber mich, denke ich, interessiert jetzt vor allem das Schnappen als Schnappen, die Frequenz des Schnappgeräusches, schnapp und plopp, und Kühn ist in Frankfurt, wo er hingehört, und der Halbtags-Diener, wie ich ihn nenne, wohnhaft noch Charlottenburg-Nord ist jetzt seit drei Tagen mein häuslicher Mittelsmann, Mittler zwischen Welt und Verwesung, Gerkens persönlicher Abgesandter, der ein Menü zaubert und mit Ausnahme des Arbeitszimmers den Staub vertreibt, ich habe den Diener angestellt, aber wie lange es gehen wird, habe ich ihm gesagt, keine Ahnung, wir müssen abwarten, vielleicht packe ich gar nicht richtig aus, lieber Herr Grenner, aber machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Ihre Dienste jederzeit, auch während meiner Abwesenheit, zu schätzen wissen, seien sie unbesorgt, und der Diener antwortet vor nunmehr drei Tagen, Herr Doktor, ich erwarte Ihre Anweisungen, und ich sage lieber Herr Grenner, nicht so streng, und der Diener sagt, Herr Doktor, manche Menschen brauchen Strenge wie die Luft zum Atmen. Aber auch Luft, sage ich, aber auch Strenge, sagt er, und ich drehe mich um und gehe ins ehemalige Arbeitszimmer zur Chaiselongue und vergesse den Diener und denke an Frankfurt.

Seit drei Tagen bin ich hier, seit drei Tagen erledigt der Diener mit fester Hand die anfallenden Hausarbeiten, ein Diener mit exzellenten Kochkenntnissen und einem klaren Ordnungssinn, noch nie habe ich einen Diener gehabt, Gerken kennt ihn von früher aus Frankfurt , wie man Menschen von früher kennt, noch von Frankfurt aus habe ich durch Gerken beim Diener anfragen lassen, und da die Türen auch bei Gerkens Kabuff schnappen wie sie schnappen, und der Diener durch das Haus schreitet wie ein strenges Faktotum schreiten muss, wird er angestellt bleiben, auch wenn ich nach Rom gehen sollte oder nach Stade, wie sich das anhört, Rom oder Stade, von nun an jedenfalls wacht der alte Diener aus Charlottenburg-Nord für gutes Geld über das Haus am Branitzer Platz, so ist es gut, und vielleicht bleibe ich ja auch, man weiß nie, nie können wir einer Sache ganz sicher sein, sagte Ute an unserem ersten Tag in Frankfurt vor elf Monaten, weil sie etwas sagen wollte, das keine Vorentscheidung war. Ein Tag genügte, und ich war meiner Sache bei Ute sicher, mehr noch, ganz anders als Kühn, der mein Freund war vor Urzeiten und wieder mein Freund wurde in Frankfurt, war Ute mir, wie ich ihr gleich am zweiten Tag gestand, umgehend urvertraut, sie lachte, sie belächelte mich, aber ich wiederholte die Worte umgehend urvertraut, plötzlich Ihre zögernde Hand ergreifend, ihre schöne Hand, die mit meiner rissigen Löwenpranke einen kurzen Moment lang eine feste Einheit bildete, bis Ute sagte, wer soll das sein, Breitner, Joachim, nie gehört.

Nie gehört. Seit nunmehr drei Tagen bin ich hier und warte. Ich schleiche um den Schreibtisch, der wie ein alter Behördenschreibtisch aussieht, bleibe stehen und schaue mich um. Ich sehe Staub, den Dreck eines Jahres auf der gelblich-hölzernen Tischplatte, auf einmal sitze ich am Fenster und zähle die Menschen, die über den Branitzer Platz gehen, einige kenne ich vom Sehen, Nachbarn zur Linken, zur Rechten und über den Platz, vor einigen Jahren habe ich das Manuskript Ritualmord. Eine Einführung, fertiggestellt, mein zweites und letztes soziologische Werk, geschrieben mit Blick auf den stillen Branitzer Platz und nie veröffentlicht, hier liegt das Manuskript, die gelblich-hölzerne Tischplatte trägt es stolz, dreihunderteinundzwanzig Seiten zum Nachzählen, neben meiner unauffindbaren Doktorarbeit Die Erwartung der Nation in der Soziologie sozusagen mein wissenschaftliches Vermächtnis, weil ich nur noch spazieren gehen und denken und reisen wollte, während es weitergeht und weitergehen muss mit Wissenschaft und guten Worten, unglaublichen Worten, wie Ute, die Buchverliebte, in Frankfurt einmal sagte, es geht weiter und weiter, und von dir Joachim, sagte sie, habe ich nie auch nur das kleinste Sterbenswörtchen vernommen, Doktor Breitner, was geschah in all den Jahren, spottete sie, du bist ein Schlawiner, ein Ritualmörder, ein Erbe, ein Lebemann und nun kenne ich ihn, ich werde verrückt, vorher Breitner, nie gehört, jetzt Breitner, neben mir. In Berlin reifen solche Geschichten, das muss ich einräumen, aber in Frankfurt werden sie bekannt. So sprach sie, und ich hörte es gern.

Bis zum heutigen Tage genieße ich es, durch das elterliche Erbe über eine Menge Geld zu verfügen, mehr als Kühn hat, der als reich gelten kann, soviel Geld, dass ich nur selten über Geld nachdenke und es als langweilig empfinde, mir über das Wesen des Geldes Gedanken zu machen und lieber Menschen betrachte, denen Geld auf die Sprünge hilft und die aus Geldgründen etwas tun oder unterlassen, sich aufblasen oder verkriechen für Geld, irgendwann vielleicht zum ersehnten Batzen Geld kommen und schließlich am Geld scheitern, so wie Eisbären an übergroßer Erwärmung der Umgebung scheitern. Im Geld steckt nichts, außer die Freiheit, nicht an Geld denken zu müssen, Geld befreit von Geld, könnte man sagen, denke ich. Kühn hat mich aus Höflichkeit einen originellen Denker genannt, der ich nicht bin, reich aber sozusagen amonetär, als Denker nicht existent, vom Ritualmord vielleicht abgesehen, bei dem mir die allerverrücktesten Gedanken gekommen sind, dem Gegenstand entsprechend. Mit Leichtigkeit hätte ich einen kränkelnden Fachverlag mit einer kräftigen Kapitalspritze zu einer Veröffentlichung bewegen können, aber ich habe nicht die Kraft zu einem derartigen Vorgehen. Mir gemäßer hingegen war vor der Gedanke eine Visitenkarte mit der dezenten Aufschrift Dr. Joachim Breitner, Privatgelehrter, drucken zu lassen, ohne jeden weiteren Zusatz, worüber Ute in Frankfurt so herzlich gelacht hat, dass sie am Schaumainkai durch Unachtsamkeit fast in ein Auto gelaufen wäre.

Vor reichlich vierzehn Monaten bin ich zu meiner alljährlichen Europarundfahrt aufgebrochen und habe wie immer die Städte Hamburg, London, Paris, Rom sowie die Insel Capri bereist und bin schließlich außerplanmäßig und völlig gegen meine Gewohnheit in Frankfurt gestrandet. Wohl gab es im Rahmen dieser Reisen vereinzelte Aufenthalte in anderen Orten, aber sie waren immer geplant und vorbereitet und sollten mir außer der Reihe ein wenig zusätzliche Zerstreuung verschaffen, doch mit Frankfurt gelang mir das Kunststück, mich vollkommen selbst zu überraschen. Jedes Jahr ist Hamburg die Stadt, der ich den größten Respekt entgegenbringe, es folgen London und Rom, während ich die Stadt Paris verabscheue und nur gewissermaßen aus schlechter Gewohnheit bereise und mich bereits auf den Golf von Neapel und einen exzessiven Leseaufenthalt auf Capri freue. Paris ist eine Sumpfblüte, die ihre Existenz lediglich der Langeweile und der gespielten Geschäftigkeit ihrer Bewohner verdankt. Jedes Jahr stört mich die vermeintliche, die gespielte Internationalität von Paris, die aufgeplustert daherkommt und bei näherem Hinsehen grell und abgetakelt in sich zusammensinkt. Nie habe ich mich in Paris wohlgefühlt, Paris, habe ich zu Ute gesagt, ist die Geometrie des Nichts, das ungewollte Eingeständnis von Bedauern, aber Ute hat gesagt, die Geometrie des Nichts ist längst besetzt durch Tel Aviv, nur Tel Aviv könne für sich in Anspruch nehmen, das reine Nichts zu verkörpern, und ich sagte Paris, und sie sagte Tel Aviv, und ich wiederholte Paris und sie lachte und sagte Haifa. Paris, wiederholte ich (und mein Eindruck war einige Wochen zuvor bestätigt worden), Paris ist eine Sardinenbüchse, ein Museum ohne Exponate, oder willst du, fragte ich Ute, willst du allen Ernstes behaupten, dass Paris Exponate im eigentlichen Sinne vorzuweisen hat, der Louvre, ein Pressluftschuppen, der Eiffelturm, ein Mekka für Rostanbeter, bitte verschone mich mit Paris, und Ute sagte, ich verschone dich.

Hamburg hingegen ist die Vaterstadt par excellence, der Vater mag stammen, woher er will, ist er ein ordentlicher Kerl, stammt er aus Hamburg, wer in Stade geboren ist wie ich, weiß die Vaterstadt Hamburg zu schätzen. An Ute und Frankfurt denkend, das dezente Türschnappen im Hintergrund, stelle ich mir ein Ortseingangsschild von Hamburg mit dem Zusatz Vaterstadt vor, umrunde erneut den Schreibtisch und male feine Linien in den Staub, den der Diener im ehemaligen Arbeitszimmer nicht entfernen darf, wie ich ihm am ersten Tag gesagt habe, Staub ist ein Gradmesser für Verwunschenheit, aber ich habe Grenner gebeten im Laufe der Zeit die übrigen zwölf Zimmer von dreizehn inklusive meines Schlafzimmers zu entstauben, ich hoffe, er steht sozusagen mit Staub nicht auf Kriegsfuß, ein patenter Kerl, sagte Gerken in Frankfurt, nehmen Sie sich einen Diener, handzahm und zuverlässig, handzahm und zuverlässig waren seine Worte, ich werde Grenner fragen, ein verstaubtes Haus ist ein aufgegebenes Haus, und Sie werden das Haus doch nicht aufgeben wollen. - Es stehen diverse Möglichkeiten zur Auswahl, antwortete ich Gerken, immer oder fast immer ist es schön, wenn mehrere Möglichkeiten zur Auswahl stehen, einige dieser Möglichkeiten heißen bleiben, fahren, warten, sagte ich.

Hamburg also ist die Stadt der edlen Einfalt, des stillen Aufbruchs immer beginnt meine jährliche Europarundfahrt in Hamburg, Berlin ist mir gleichgültig, vielleicht habe ich deshalb die letzten zweiunddreißig Jahre hier verbracht, denke ich, Hamburg ist und bleibt meine gute Stube, Frankfurt war mein Labor, ich werde nicht zurückkehren, auf keinen Fall, wenn Kühn will, kann er mich besuchen, wenn Annabell die Reine will, kann sie mich besuchen, aber Annabell will nicht, sie mag mich nicht, ein Jammer, sogar Gerken könnte selbstredend kommen, und bei mir wohnen und seinem Freund Grenner Gesellschaft leisten, aber Gerken nimmt solche Angebote nicht ernst, dafür ist er Gerken, ich mag es vergessen, er nicht, doch im nächsten Jahr reise ich wieder nach Hamburg, es steht fest, an Hamburg geht im nächsten Jahr wieder kein Weg vorbei, komme was will, nachdem ein Jahr lang alle Wege nach Frankfurt geführt haben, führt jetzt kein Weg mehr nach Frankfurt und alle Wege führen wieder nach Hamburg oder sonstwohin und beginnen in Hamburg oder sonstwo, nur nicht in Frankfurt. Berlin ist totes Holz, aber die Erwartung der Nation und der Ritualmord sind hier entstanden, in der guten, alten Zeit in Berlin, die es gegeben haben muss, im Kreuzberger Drecksloch und vor allem in der Villa am Branitzer Platz, dicke, alte Konvolute, das eine hier im Staub, wo es zerfallen und vergehen wird, das andere verschollen und nur noch in Fachbibliotheken als verfilmtes Stück Plastikfolie einsehbar, denke ich und öffne die grauen Gardinen, dann die Fenster im Arbeitszimmer, das lange kein Arbeitszimmer mehr ist und abgesehen von kleinen, flatterigen lyrischen Konstrukten und kurzen, schöngeistigen Gelegenheitstexten kein Arbeitszimmer mehr werden wird, weil die Arbeit getan ist, weil dem Privatgelehrten der Punkt fehlt, wie ich denke, seit Jahrzehnten fehlt dem Privatgelehrten der Punkt und darum wartet er und geht spazieren und reist. Berlin ist mir gleichgültig, der Branitzer Platz langweilt mich, aber die Erwartung der Nation und den Ritualmord habe ich hier zu Papier gebracht in der große-Schnauze-Stadt Berlin, ich höre Utes Lachen, und die Kopfschmerzen fangen an.

Gut möglich, dass Diener Grenner auch heute ein bravouröses Essen zaubert, Gerken hat ihn mir als kochenden Wunder empfohlen und die angenehm großen, perfekt servierten Kohlrouladen gestern waren delikat, anfangs irritierten mich die Worte des Dieners, Herr Doktor, die Kohlrouladen, aber mittlerweile habe ich zu den gepflegten und zuweilen komischen Umgangsformen des Dieners ein abgeklärt-erwachsenes Verhältnis entwickelt, auch der Bohneneintopf von heute entsprach übrigens voll und ganz meinen Vorstellungen, nachdem Grenner gestern und heute im notdürftig hergerichteten Speisesaal aufgetragen hat, ab morgen wird das Essen am Schreibtisch serviert, ich werde den Staub von der gelblich-hölzernen Schreibtischplatte wischen, und statt zu schreiben werde ich essen, der Diener wird abräumen, und ich werde noch ein Glas Wein am Schreibtisch trinken und Kühn einen Brief schreiben, einen altertümlichen, auf dem eine Marke klebt, die schön ist und mit dicht beschriebenem, verstaubtem Papier nach Frankfurt reist, wie in der guten alten Zeit, die es nicht gibt, es gibt keine gute alte Zeit, sagte Ute, es gibt den Main und es gibt das Gefälle Richtung Rhein und sonst gibt es einen Scheißdreck, mein lieber, guter Joachim.

Wer bin ich, frage ich und lasse die kühle Luft vom Branitzer Platz ins ehemalige Arbeitszimmer strömen. Eine berechtigte Frage, die niemand stellen sollte, der keine Antwort weiß. So oder ähnlich habe gerne Sätze formuliert, in der Erwartung der Nation ebenso wie im Ritualmord und in kleineren, nicht immer ganz ernst gemeinten Schriften und bin doch nie zu einem Schluss gelangt, ein Trick, nie habe ich auf Fragen geantwortet, die ich gestellt habe. Berlin ist mir gleichgültig, Hamburg ist eine mir gemäße Stadt, ein Ort der Sammlung, der Auftakt meiner jährlichen Europareisen, oft schon habe ich überlegt, in Hamburg zu bleiben, ganz und unwiderruflich nach Hamburg zu ziehen, und doch bin ich jedes Mal weitergereist nach London, in Hamburg gerettet und weitergereist nach London, immer reise ich weiter und weiß nicht warum, Berlin ist mir gleichgültig, seit dem sogenannten Erbfall spätestens ist mir Berlin gleichgültig, der Branitzer Platz gleichgültig, das Haus gleichgültig, in Hamburg fühle ich mich gelöst und entspannt, oft durchdenke ich gerade in Hamburg neben anderem meine beiden Werke und komme zu dem Schluss, dass sie mein Denken in bester Weise wiederspiegeln, der Ritualmord ebenso wie die Erwartung der Nation, während ich in meinem Frankfurter Jahr, wie ich es nennen möchte, in meinem ungeplanten, überraschenden Frankfurter Jahr, mindestens einmal am Tag berechtigte Fragen gestellt habe, mit Ute oder allein, also gut dreihundertsechzig Mal und immer mit dem Satz geantwortet habe, diese Stadt ist ein Wartesaal oder ich weiß es nicht. Bis auf vielleicht fünf Tage, an denen ich gar nichts aber auch gar nichts gedacht habe, dachte ich in Frankfurt an Frankfurt als einen Wartesaal, selbst als ich im Städelmuseum umherschlenderte, dachte ich an den Wartesaal, einmal beim Eintreten ins Städel und dann noch einmal beim Verlassen des Hauses.

Jetzt klopft Grenner und erscheint mit einer Kanne Tee im ehemaligen Arbeitszimmer und stellt Kanne und Tasse auf den noch vollgestaubten Schreibtisch inmitten frischer Luft, die vom Branitzer Platz unaufhörlich durch die geöffneten Fenster hereinweht. Am Schreibtisch stehend warte ich und nicke dem Diener zu, der heute bestimmt noch mit Gerken telefonieren wird und sagen wird Breitner spinnt, und der sich jetzt schweigend entfernt und die Tür schließt, mit einem deutlichen Schnappen, deutlich und dumpf, wie ich es ihm am Tage meiner Ankunft in Berlin erklärt und gezeigt habe und Grenner es zu meiner Zufriedenheit, meine Fingerspreizschließtechnik nachahmend, sofort begriffen hat. Wenn ich heute Abend vom Branitzer Platz über die Kastanienallee zur Reichsstraße gehen werde und weiter zur Heerstraße, wird der Diener wieder mit Gerken telefonieren, wie er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die letzten beiden Tage am Abend mit Gerken telefoniert haben wird, ich hingegen werde am Abend wie an jedem Abend an Frankfurt denken und an Ute und daran, dass ich mit Ute nicht nach Berlin gefahren bin, sechs Monate hatten wir Zeit und sind doch in diesen sechs Monaten nie nach Berlin gefahren und noch nicht einmal nach Hamburg, wie ich mit einer gut eingeschenkten Tasse Tee am offenen Fenster stehend denke. Ein drittes Buch, denke ich, wenn ich ein drittes Buch schriebe, wäre es ein Frankfurt-Roman mit dem Titel Der Wartesaal, meinetwegen auch Gassi, wenn ein Hund eine Rolle spielt, es ist unmöglich, einen guten Roman zu schreiben, der in Hamburg spielt, Hamburg würde sozusagen den Roman überlagern, Frankfurt hingegen verschmölze problemlos mit einem Roman über eine Stadt, in die ein ahnungsloser Bürger zufällig gerät und in der er wartet, bis ein Jahr vergangen ist und wieder aufbricht, er weiß nicht wohin und ein Buch schreibt über den Wartesaal Frankfurt, den Hirschgraben, das Städel, den Neuen Börneplatz, und den Main, wenn er doch eigentlich über Ute sprechen möchte, aber er kann nicht über Ute sprechen, ohne über den Wartesaal Frankfurt zu sprechen und so weiter und so weiter. Was mache ich nur mit vierhundertsechzehn Quadratmetern Wohnfläche am Branitzer Platz, denke ich, Ute hätte mit Sicherheit eine Idee gehabt, aber Ute habe ich verschwiegen, dass es fünfhundertsechzehn Quadratmeter sind, die genutzt werden können, dreizehn Zimmer, von denen nur drei genutzt werden, wenn der Diener sich nicht eins unter den Nagel reißt, was ich ihm angeboten habe, gleich am ersten Tag habe ich es ihm gesagt, und der Diener hat sich Bedenkzeit erbeten und gesagt, ein Umzug von Charlottenburg-Nord müsse überdacht werden und so weiter, und abends garantiert Gerken angerufen. Ute, da bin ich sicher, hätte innerhalb von Minuten ein sogenanntes Nutzungskonzept entworfen, als ehemalige Bibliothekarin, sagen wir, für ein Institut der guten Worte, aber ich habe ihr gegenüber von einer bescheidenen Unterkunft der Langeweile gesprochen, und als ich vor drei Tagen am Hauptbahnhof in Berlin nach einem Jahr Abwesenheit aus dem Zug stieg, dachte ich die Worte Unterkunft der Langeweile erneut und fuhr mit dem Taxi zum Branitzer Platz und wartete mit zwei Koffern ohne einzutreten fünf Minuten vor der Tür auf den Diener, der sehr pünktlich zum Vorstellungsgespräch erschien. Mit Blick auf das Haus habe ich an Annabell gedacht und ihre Bilder, an großformatige, in blauem Grundton gemalte Bilder, die mir Annabell nähergebracht haben, ihre scheinbare Unbekümmertheit in Fragen des Lebens, seiner Bedeutung und seiner Farben, ihre auffällige Beiläufigkeit im Umgang mit Ute, ihrer Mutter. Ich dachte an ihr zwei mal vier Meter großes Wandgemälde in Öl mit Utes verschwommenem aber erkennbarem Gesicht und dem verstörenden Titel Und jetzt wird gestorben, das vom Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erst vor zwei Wochen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in sympathischer Direktheit als schön, kühl und fern bezeichnet worden war und das ich für fünfunddreißigtausend Euro ohne Annabells Wissen gekauft habe, um es aus Frankfurt herauszuschaffen, wie ich dachte, in einigen Tagen wird es am Branitzer Platz eintreffen, solange werde ich unbedingt hierbleiben, um das Bild in Empfang zu nehmen und vielleicht sogar übergangsweise ins ehemalige Arbeitszimmer zu hängen, wo es mir sogar bei der Abfassung meines Wartesaal-Romans über die Schulter blicken könnte, wenn ich ihn schriebe und wenn ich am Branitzer Platz bleiben sollte und wenn ich die Kraft aufbrächte, schreibend Tag für Tag ein Bild im Nacken zu spüren, dass Ute nie zu Gesicht bekommen hat, obwohl es ganz allein von Ute inspiriert ist und Annabell es in einem Format gemalt hat, dass ein Kenner ihres Werkes es einst von weither, sagen wir über den Main hinweg, erkennen würde, wo es, so Gott will, eines Tages wirklich im Städel hängen könnte, wenn ich mit ihm fertig bin, wie ich jetzt, die Fenster schließend, denke, fertig mit Frankfurt und der Niederschrift des Wartesaals, der, anders als der Ritualmord und die Erwartung der Nation in den Schaufenstern der Buchhandlungen ausliegen wird, ganz sicher, gelobt und verrissen und neidisch beäugt, wie alles, was da ist in der Welt und sich stellt. Jeder, der Frankfurt betritt, wie ich vor einem Jahr Frankfurt betreten habe, muss feststellen, dass Frankfurt ohne jeden Charakter ist, Frankfurt gibt nichts, Frankfurt nimmt nichts, war Utes Devise. Kühn behauptet bis heute absurde Dinge wie Frankfurt bildet oder Frankfurt bekennt sich, gemäß der Devise, dass im Absurden immer auch Wahrheit zu finden ist, immer habe ich mir vorgenommen, Kühn zu widersprechen, aber immer ist Kühn, natürlich, eine Nasenlänge voraus, immer überlagern sich Absurdität und mitreißende Tüchtigkeit, meine Untersuchungen über den Ritualmord und die Erwartung der Nation haben ergeben, dass Absurdität und Heiterkeit, Wahn und Bürgerlichkeit in einem Atemzug genannt werden können, genannt werden müssen, Begriffspaare des Untergangs, wie ich sie nenne und wiederholt genannt habe, Utes fragenden Blick freundlich erwidernd und den kopfschüttelnden Kühn in seinem Büro hoch über Frankfurt kaltschnäuzig einen verlotterten Filou nennend, wie nur ich es darf, wie Kühn mir bei unserem Abschied auf dem Bahnhof in Frankfurt vor drei Tagen anvertraute, wie ich jetzt hinter geschlossenen Türen und Fenstern denke, den Branitzer Platz im Blick. Oft habe ich mich schon gefragt, ob es eben jene Begriffspaare sind, die die Welt regieren, und regelmäßig komme ich zu dem Ergebnis, dass wir es im sogenannten Alltag wie in der sogenannten Wissenschaft in der Mehrzahl der Fälle mit Fragen zu tun haben, die wir ebenso gut mit ja wie mit nein beantworten können. Als ich mit Ute gemeinsam das Städelmuseum durchschritt, nannte sie mich einen Begriffspaarneurotiker, und gestern Abend, auf meinem Spaziergang über die Kastanienallee zur Reichsstraße dachte ich über das Begriffspaar Frankfurt/Ute nach, lachte wie vom Irrsinn durchschüttelt einem verängstigten Passanten ins Gesicht und ging über die Heerstraße kilometerweit stadtauswärts bis zum Jüdischen Friedhof am Scholzplatz, bis mir endlich Hamburg in den Sinn kam, die Freie und Hansestadt, wie ich dachte, die Auftaktstadt, und meine stark gereizten Nerven sich augenblicklich beruhigten und ich umkehren konnte zum Branitzer Platz, den ich spät am Abend mit schmerzenden Kniegelenken völlig zerschlagen erreichte. Jedes Jahr rettet Hamburg mich, denke ich, Wandbreite und Deckenhöhe im ehemaligen Arbeitszimmer überschlagend, auch nächstes Jahr wird Hamburg mich retten, vielleicht sogar früher, nehmen wir an, ich zöge in meine Geburtsstadt Stade, wie es mir gelegentlich durch den Kopf geht, dann wäre das rettende Hamburg nur zirka fünfzig Kilometer entfernt, ein guter Grund, um nach Stade zurückzukehren, um nämlich gleich wieder nach Hamburg aufzubrechen, um über London, Paris, Rom und Capri einen ganz neuen Ort ins Visier zu nehmen, Wien etwa oder Basel, ich könnte überraschend in Wien oder Basel absteigen und ein ganzes Jahr in Basel am Rhein wohnen, und dann entgegen aller Wahrscheinlichkeit in einem Akt der Selbstüberlistung wieder nach Frankfurt reisen, um nebenbei bei Kühn, Annabell und sogar Gerken in seinem Kabuff vorzusprechen und gleichzeitig so zu tun, als sei ich noch nie in Frankfurt gewesen und hätte niemals von einer Luxushochhausteuerwohnung im Soundsovielten mit Concierge gehört, der Gerken heißt und vor dem ich stände. Aber besser, ich setze auf Capri. Das Haus am Branitzer Platz hat dreizehn Zimmer, das Institut der Guten Worte lüde zum Tag der offenen Tür und ich steuerte von Capri aus das Weltgeschehen wie Tiberius und verfasste auf Capri wohlklingende Gedichte oder ein besonders schönes Kapitel des Wartesaals über Ute in den Mainauen, ein humorvolles, dann wieder todtrauriges Stück Geschichte über eine Dame von Welt, die bei Hochwasser einen Begriffspaarneurotiker aus dem Wartesaalmilieu trifft, wie er in Frankfurt hinter jedem Busch zu finden ist.

Langsam verdunkelt sich der Himmel am Branitzer Platz, und ich schalte das Licht an im ehemaligen Arbeitszimmer. Der Diener tritt ein und fragt nach meinen letzten Wünschen für heute. Ich habe keine. Lieber Herr Grenner, sage ich, sie schlagen sich tapfer, wir sehen uns morgen, ob ich länger bleibe, weiß ich nicht, und der Diener sagt formvollendet bitte schön und macht schnapp und etwas später kaum noch hörbar wieder schnapp und verlässt das Haus.

Niemals in meinem Leben habe ich den Tod gefürchtet, denke ich, als ich den Diener über den Branitzer Platz gehen sehe, aber ich kenne die Angst und meine Lebensaktivitäten kommen mir wenig durchdacht vor, sogar vor Frankfurt und seinen Abgründen fürchte ich mich jetzt, früher habe ich geschrieben, dann habe ich nur noch gedacht, jetzt warte ich nur noch und warte und denke und warte und höre auf das Schnappen der Tür und falte die Hände über dem verstaubten Ritualmord auf dem Schreibtisch im ehemaligen Arbeitszimmer und sehe mich um und erkenne ein riesiges Zimmer, das ein Jahr nicht betreten wurde außer vom Hausmeister, nur der Hausmeister hat Zutritt zu diesem Haus, jetzt auch der Diener, aber während meines Frankfurtjahres hatte nur der Hausmeister Zutritt, und er war es, der mich einmal im Monat anrief auf meinem zwischenzeitlich neu erworbenen und schließlich dem Main anvertrauten Mobiltelefon in einem langen Jahr, das als Europareise begann und vor drei Tagen nach insgesamt fünfzehn Monaten am Hauptbahnhof in Berlin endete. Ab jetzt, denke ich, wird auch Grenner neben dem Hausmeister weitgehend selbstständig in der von mir kurzfristig wieder in Beschlag genommenen Villa operieren, der Hausmeister außen, Grenner innen, aber ich bleibe ja ganz sicher in Berlin, bis Annabells Monumentalbild eintrifft, und dann schreibe ich unter Umständen den Wartesaal und dann werde ich viele tausend Male an Ute denken und an Frankfurt, das Haus am Branitzer Platz ist und bleibt, wie ich plötzlich denke, der beste Platz um ein Buch zu schreiben, mein drittes Buch, bunter und farbenprächtiger als der Ritualmord, aufrüttelnder als die Erwartung der Nation, die nur mit einem dürftigen und niederschmetternden rite von den bestellten Gutachtern der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Freien Universität beurteilt worden ist und zwar von allen drei Gutachtern, die mich bedauerten und los sein wollten, wie man manchmal jemanden bedauert und loswerden will, und ich höre Ute im Städel sagen, ich kenne keinen Joachim Breitner, nichtmal ein Buch sondern nur ein sogenanntes Microfiche von Joachim Breitner verrottet in den Bibliotheken und sogar mein sogenanntes Belegexemplar aus Papier ist verschollen, und wäre auch ein Buch von diesem Breitner wirklich erschienen, hätte er sich eingekauft bei einem Verlag, der das Geld gebraucht hätte, dann hätte Ute sein Pamphlet nie in der Hand gehabt, es wäre auf dem Stapel unwichtiger Pamphlete vergammelt und auf dem kürzesten Weg ins Magazin gewandert, wie hunderttausende andere unwichtige Pamphlete auch, die die Magazine verstopfen, wie auch der Ritualmord die Magazine verstopft hätte, wenn dieser Breitner ihn veröffentlicht hätte, was du dankenswerter Weise nicht getan hast, mich aber, wie Ute hinzufügte, zwanzig Jahre später dankenswerter Weise zu einem Rundgang durch das Städel eingeladen hast und deine Zeit für mich opferst, wie auch ich meine Zeit opfere, mein liebes Breitnerlein.

Bei meinem gestrigen Spaziergang durch die Heerstraße, habe ich versucht, mich zu erinnern, wann wir vom Sie zum Du übergegangen sind, aber ich musste feststellen, dass ich es vergessen habe, bis gestern Abend war ich mir absolut sicher, dass ich mich jederzeit und immerfort an jedes Detail meines Frankfurter Jahres erinnern könnte, an meine Ankunft, meine ersten Wochen, die Zeit mit Ute, die Zeit danach, die letzten Monate, aber bereits gestern musste ich auf der schrecklichen, stark befahrenen Heerstraße, in der Nähe des Scholzplatzes und einige Denksekunden vor den mich rettenden Hamburggedanken erkennen, dass ich begonnen habe, die ersten Details meines Frankfurter Jahres zu vergessen, nicht die großen Linien, das nicht, aber die kleinen, wichtigen Details, ohne die kein Wartesaal auskommen kann und die ich mir nach und nach jetzt irgendwie ausdenken müsste, je nachdem, wann ich mit der Niederschrift beginne. Vielleicht sollte ich meine Parisabneigung nutzen, um ungestört das erste Kapitel des Wartesaals, das erste Frankfurtkapitel, in Paris zu schreiben, wiederum nur erreichbar für den Hausmeister und Kühn, Kühn ist dazugekommen, Ute wäre dazugekommen, aber Ute ist weggefallen, Annabell will nicht wissen wo ich bin und Gerken bekäme eine Postkarte. Aber da ich Paris verabscheue, wäre ich unglücklich, und somit würde das Unglück Einzug halten in Frankfurt und das Bild verzerren, Frankfurt würde zur Stadt des Unglücks werden, dabei ist Frankfurt ein Wartesaal, eine Stadt ohne Eigenschaften, mit einem berühmten Haus am Großen Hirschgraben, einem Städel und einem Fluss, über den man Bilder, wenn sehr groß sind, unter Umständen erkennen könnte. Berlin ist mir gleichgültig, das Haus am Branitzer Platz ist mir gleichgültig, gestern ist die Heerstraße mein Freund geworden, denke ich, auf der lauten Heerstraße kurz vor dem Jüdischen Friedhof scheinen mir gute Gedanken zu kommen, nach Hamburg brauche ich mit dem Zug eine Stunde und fünfzig Minuten, ich warte auf Annabells Bild für fünfunddreißigtausend, mindestens drei Tage warte ich noch, ich möchte den tiefen Blauton sehen, ich möchte sehen, was Annabell in Utes Gesicht gesehen hat und dann entscheide ich, Rom ist es nicht, schön zwar aber ein lautes, unwirtliches Pflaster, London ist alles und daher nichts, es könnte Hamburg sein, es könnte trotz aller Abneigung vielleicht doch Paris sein, London ruht in sich selbst, am Ende gehe ich aus Versehen nach Frankfurt, aber einen Scheißdreck werde ich tun, ein alter Stader Freund ist mir in Frankfurt geblieben, Kühn, er soll nach Capri kommen und Annabell mitbringen, ich sorge für alle, aber Annabell mag mich nicht und will mich nicht sehen. Den Diener jedenfalls, Kabuff-Gerken in Frankfurt sei Dank, werde ich instruieren für eine sogenannte unbeaufsichtigte Arbeit in der Villa, und der Hausmeister bessert und hegt. Dann gehe ich spazieren, kehre um, nehme die Chaiselongue und lösche das Licht. Lügen, nichts als Lügen, denke ich. Immerhin rite. Mit Ute zwischen auffliegenden Krähen ins Städel. Verstaubt das Papier. Ich sehe mich in der Luxushochhausteuerwohnung sitzen und höre, wie ich Ute frage: Warum sechs Millionen? Ute sagt: Weil es möglich war. Die Kopfschmerzen werden stärker. Ich warte auf Annabells Bild. Am Morgen ein Zettel von Grenner im Briefkasten. Ich sehe ihn nicht wieder.

 

 

Kapitel 2

Ankunft

 

Nach Frankfurt gelangen, in Frankfurt bleiben.

Dasitzen, bewegen, kreisen, Unbewohntes ablaufen, zu zählen die Zimmer und Stunden, der Nichtstuer, das Chaiselongue-Tier reist ab wie jedes Jahr, der Branitzer Platz verschwindet hinter mir wie hinter einem Vorhang, jedes Jahr verschwindet der Branitzer Platz für zwei, manchmal für drei Monate, dass es vierzehn Monate werden, weiß der Aufbrechende nicht, er geht hin und weiß es nicht, wir verlassen uns auf Pläne, doch was sind Pläne, sind Reisen, die von dort nach da führen, denke ich, wir lernen: der Leere schlägt keine Stunde, warum fahren wir, wenn wir doch bleiben könnten, aber wir fahren, ohne Pläne kein Weiter, ohne Schlaf kein Erwachen, aber wovon, alles ist ebenso gut, ebenso sphärisch, ebenso kühl, immer sind es Gedanken wie diese, die ich denke, doch unentwegt schmiedet er und kreist und sitzt da und denkt und wartet und kreist, und nun ordnet er das Unvermeidliche in Koffer und Handgepäck und will abfahren, nur diese Nacht noch, aus einem großen Loch über ihm fliegen die Gespenster, dreizehn Zimmer, alles was geschieht, beginnt mit diesem Tag, ein Zettel für den Hausmeister, und alles, was geschieht, bin ich.

Dem Gewohnten verpflichtet, verlasse ich Berlin, fahre nach Hamburg, gelange nach London, Paris, nach Rom, schwenke nach Capri und finde mich, ein Umsteiger aus Leidenschaft, am Großflughafen Frankfurt wieder, wo ich, in gewohnter Umständlichkeit von Neapel einschwebend, ein Dichterfürstbuch kaufe und ohne zu denken mit der S-Bahn bis zur Station Hauptwache fahre, anstatt wie beabsichtigt vom Hauptbahnhof aus den Intercity-Express nach Berlin zu nehmen, was zur Folge hat, dass ich ziellos durch Frankfurt laufe und erst nach einem Jahr die geplante Fahrt nach Berlin antrete. Niemals zuvor habe ich Frankfurter Boden betreten, naturgemäß sehe ich vom Flughafen ab, von dem ich dutzendfach in alle Himmelsrichtungen aufgebrochen bin, von Berlin kommend, nach Berlin zurückkehrend. Einmal mich schon am Flughafen in Neapel aus einer Laune heraus für den Zug in Frankfurt entscheidend, entscheide ich mich in Frankfurt aus einer Folgelaune heraus gegen den Zug, kaufe noch in einer Buchhandlung am Flughafen ein Dichterfürstbuch, nämlich die Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens von Johann Peter Eckermann und nicht das Frankfurtbuch weil in Frankfurt geschriebene Buch Die Leiden des jungen Werther, ehemals Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe, ehemals Johann Wolfgang Goethe, wie ich eigentlich wollte und wie es mir trotz meines Zuwiderhandelns als eigentlich angemessen erscheint, und fahre zur Hauptwache mit großem Koffer und mittelgroßem Handgepäck, meinem Klumpatsch, wie ich kurz vor Erreichen der S-Bahnstation Hauptwache und dann gleich wieder nach Verlassen der S-Bahn-Station Hauptwache denke, den Eckermann samt Kassenquittung unter dem Arm. Nie und nimmer ist Frankfurt eine schöne Stadt, wer den Boden der Stadt Frankfurt betritt, wähnt sich an einem Ort ohne Eigenschaften, der ebenso Unstadt heißen könnte oder Nicht, Nicht wäre ein idealer Name, schon als der Dichterfürst Frankfurt verließ, verließ er den Ort Nicht, er tauscht die Unstadt Nicht gegen den Musenflecken Weimar und kehrt nicht zurück. Warum bin ich hier, was mache ich hier, gehe ich in die eine Richtung, bedrohen mich Unstadts Kaufhäuser und sonstige Kaufkraftvertilger, wie sie mich an jedem Ort der Welt bedrohen, in der anderen Richtung könnte Kühn wohnen, also folge ich der anderen Richtung, als ich meinen Jugendfreund Kühn vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren in Berlin im Kreuzberger Lokal Rote Harfe getroffen habe, spricht er von der anderen Richtung, schon vor sechsundzwanzig Jahren, wir waren jung, denke ich, hat Kühn auf eine andere Richtung innerhalb Frankfurts oder durch Frankfurt hingewiesen und damit vor allem sich selbst gemeint, möglicherweise sogar uns und unser Verhältnis zueinander, und ich laufe und laufe und setze mich schließlich kurzatmig mit dem großen Koffer, dem mittelgroßen Stück Handgepäck und dem Eckermann unter dem Arm auf eine menschenstromteilende Bank und versuche, meinen Vers aufzusagen, Mist mit Mist auszutreiben wie ich es nenne, meinem Hauptwachenirrsinn auf die Spur zu kommen, wie ich mir einrede, ihn einzukreisen und die Stirn zu bieten, wie ich hoffe. Breitner, denke ich und schließe die Augen, die Bank vergessend, Frankfurt vergessend, den Eckermann nur noch als Druckstelle wahrnehmend, Breitner, Luftverpester, Kind des Glücks, was willst du, Drecksack, deine Klodeckel, deine Hände, gib sie mir, schau, es fehlen die Schwielen, was willst du, Nichtstuer, sei wer immer du bist, verdreh dir die Hüften, traniges Tier, aber begegne dir in deinem Tun, Rotznase, Stader Nervensäge, was willst du, Hampelmann, hinter deinen Ohren juckt es, ich kann dir sagen, was es ist, dein Restbregen tritt aus, hör auf zu sinnieren, es führt zu nichts, sei ein Kerl, erkenne dich, worauf vertraust du, Breitner, du Tier, du witterst, aber was witterst du? Deine Augen, deine Beine, die Augen und Beine eines Tieres, dein fetter Arsch, der Arsch eines alten Tieres, worauf kommt es an, Breitner, denke ich, richtig, auf deinen fetten Papparsch kommt es an, ob er dich warmhält, immer ist die Frage, ob der fette Arsch das Tier Breitner warmhält, das alte dumme Tier Breitner, worauf vertraut das alte dumme Tier Breitner, nicht sinnieren, Breitner, Drecksack, hörst du, worauf, Rotznase, Trampeltier, worauf gründest du, immer ist alles Dreck, Dreck, juckender Restbregen, du bist ein Kind des Glücks, denke ich jetzt, wo ich reise, reist Breitner, Kind des Glücks, des Erbfalls, ohne Grund kauft Luftverpester Breitner den Eckermann, Trampeltier landet in Nicht, Trampeltier geht in die andere Richtung, Fettarsch platziert sich in Unstadt, oh Breitner, denke ich, deine Beine, die Augen, das Marschgepäck, Frankfurt, du nur allein. Dann fällt etwas zu Boden, Staub, dort unten ist Staub, die Druckstelle ist fort. Der Arm liegt an. Ich erinnere mich. Ich heiße Joachim Breitner und sitze auf einer Bank. Vor mir stehen ein großer Koffer und das kleine Handgepäck, oder sagte ich mittelgroß, mir zu Füßen kauert ein brandneuer Eckermann, verdreckt durch jähen Sturz auf Frankfurter Boden, wie ich denke. Ich bin Doktor Joachim Breitner und liebe das Leben und die Furcht. Ich bin ein Unhold des Reisens. Die Wahrheit ist eine Chimäre. Falls eine Sintflut kommt, werde ich oben schwimmen, an eine Planke geklammert werde ich über die Ozeane treiben, ich werde atmen und leben wie ich seit nunmehr zweiundfünfzig Jahren atme und lebe. Ich heiße Joachim Breitner und komme aus Stade und habe in jenen zweiundfünfzig Jahren zwei große Schriften verfasst, nämlich erstens meine Doktorarbeit Die Erwartung des Nation in der Soziologie, und, zweitens, Der Ritualmord. Eine Einführung., zwei Schriften, die entweder völlig und abschließend unbekannt geblieben und nie veröffentlicht worden sind oder im Doktorarbeitsfall, abgesehen von entlegenen Microfiche-Ausgaben in wenigen Großbibliotheken, als verschollen gelten, mich aber zum Privatgelehrten gemacht haben, wie ich mich gelegentlich Fragenden gegenüber gerne nenne, aus dem Stand kann ich ohne Pause mindestens jeweils fünf Stunden über die Erwartung des Nation oder den Ritualmord mehrsprachig referieren, was meines Erachtens die nicht geschützte Bezeichnung Privatgelehrter rechtfertigt und als gelegentlich notwendigen, mundtotmachenden Hieb geradezu erfordert, wie ich denke. Schon habe ich die Bank mit Koffer und Handgepäck und dem verdreckten Eckermann verlassen und umrunde zum dritten Mal die Paulskirche und weiß nicht, warum zum dritten Mal, ich muss Kühn anrufen, denke ich, ich habe die andere Richtung eingeschlagen und habe die Paulskirche wieder und wieder umrundet, ich habe über den Ritualmord und die Erwartung der Nation nachgedacht, ich habe auf einer Bank gesessen, ich habe sogar wie schon seit Jahren nicht mehr über Stade nachgedacht und denke jetzt an Frankfurt und an Kühn und an die andere Richtung, es ist kaum übertrieben zu sagen, ich kenne keinen anderen Menschen auf der Welt außer Kühn, niemand außer Kühn könnte ich als guten Bekannten bezeichnen, einige mir namentlich bekannte Menschen ersetzen keinen guten Bekannten wie Kühn, den ich das letzte Mal vor sechsundzwanzig Jahren in Kreuzberg getroffen habe und der, wenn er noch lebt, immer noch in Frankfurt, also der Unstadt Nicht, leben wird, und zwar, wie ich ihn kenne, als Frankfurter mit Leib und Seele, schon vor sechsundzwanzig Jahren konnte ich nicht umhin, den jungen, soeben in Frankfurt aufstrebenden Ex-Stader Kühn als alten Frankfurter mit Leib und Seele zu betrachten. Obwohl aus Stade wie ich ist er im Gegensatz zu mir ein Angekommener, wie ich denke, Kühn ist nach Frankfurt gegangen, angekommen und geblieben, er hat seinen Weg in Frankfurt gemacht, wie zu vermuten ist, immer war Kühn der schlanke Herwig Kühn, während Breitner immer der fette Joachim Breitner war, schon in Stade war Kühn der Sportversessene, während Breitner, also ich, der Fresssack war, Kühn, also er, die Lichtgestalt, ich der Drecksack, schon vor dem Erbfall das fette Stück Dreck aber beide einem guten Tropfen nicht abgeneigt, denke ich, zum vierten Mal die Paulskirche umrundend. Im Grunde kenne ich niemanden außer Kühn, wenn er lebt, ist er hier, von der Hauptwache bin ich zielstrebig, wie ich ratlos feststelle, in die andere Richtung gegangen, nicht wissend, wo Kühn wohnen könnte, mich plötzlich vor der Paulskirche wiederfindend mit meinem Klumpatsch, meinem Bauchladen, meinem Drecksackgepäck, ziemlich genau jetzt, denke ich, säße ich in einem Taxi in Berlin, spräche die Worte, Branitzer Platz, bitte, und führe zu einem, wie ich denke, handstreichartig erstandenen weißen Haus mit dreizehn Zimmern und begrüßte den Hausmeister, stattdessen habe ich von der Freiheit Gebrauch gemacht, gegen den Plan Frankfurter Boden zu betreten und mit einem Eckermann inklusive Kassenzettel unter dem Arm herumzuirren und zwar von der Hauptwache zur Paulskirche, wo sogenannte Geschichte geschrieben wurde, die uns bis heute sozusagen in den Knochen steckt, jedenfalls haben wir gelernt, dass die Paulskirche uns in den Knochen steckt, so wie der Geheimrat Goethe uns in den Knochen steckt und die sogenannten Orte des Grauens uns in den Knochen stecken, die namentlich zu kennen nach meiner Auffassung ebenfalls den Status des Privatgelehrten begründeten, schon in Stade haben Kühn und ich gelernt, was uns in den Knochen steckt aber Kühn hat schließlich eine andere nämlich denkferne Richtung eingeschlagen und ist nach Frankfurt gegangen und hat sich in Frankfurt denkfern festgesetzt, wie er sich in Berlin oder in Hamburg denkfern festgesetzt hätte, wenn Berlin oder Hamburg die Möglichkeiten geboten hätten, die Frankfurt einem aufstrebenen Menschen wie Kühn zweifellos geboten hat, Frankfurt ist eine schöne Stadt, denke ich unvermittelt, wer noch niemals in Frankfurt war, sollte unbedingt nach Frankfurt fahren, wer schon in Frankfurt war, weiß diese Stadt in ihrer nüchternen Intensität zu schätzen, die fünfte Umrundung der Paulskirche steht an, hier irgendwo wohnt Kühn, muss Kühn wohnen, immer mochte ich Kühn, den sportiven Eleganzling, den freundlichen Kühn, den letzten guten Bekannten, der mir geblieben ist, und doch habe ich ihn seit sechsundzwanzig Jahren nicht gesehen, vielleicht ist er mir deshalb geblieben, und der Moment der Entscheidung naht, noch vor drei Stunden habe ich weder an Kühn, noch an Frankfurt, noch an die Hauptwache, noch an die Paulskirche gedacht, niemals habe ich daran gedacht, sie zu umrunden, meine Klumpatsch-Runden zu drehen, meine Knochenrunden, und doch drehe ich die nunmehr sechste Runde, denke ich, hoffentlich sieht Kühn mich nicht, Kühn, die Lichtgestalt, Makler Kühn von Kühn und Partner, Kühn der Greifvogel, der Macher. Immerzu die Annoncen im Immobilienteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fleißig studierend und zwar, wie ich sagen muss, nur wegen Kühn, habe ich Kühn doch sechsundzwanzig Jahre weder gesehen noch gesprochen, sondern immer nur gewittert, denke ich, den Immobilienteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich nur wegen Kühns Immobilienanzeigen und seiner anderen Richtung studiert, von der ich bis heute nicht sicher weiß, wie sie gemeint war, aber vielleicht klärt Kühn mich auf, wenn er noch lebt, aber warum sollte er tot sein, selbst auf Capri habe ich eine halbseitige Anzeige von Kühn und Partner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung studiert und an Kühn und an Stade gedacht und an jugendlich-streitlustige Elbspaziergänge, wie ich denke, Kühn lebt, denke ich und gehe weiter, immer sehe ich sterbende Menschen, aber Kühn lebt und verkauft, was das Zeug hält, Häuser und Wohnungen und Wohnungen und Häuser zu horrenden Preisen, und jetzt säße ich in Berlin im ehemaligen Arbeitszimmer am Branitzer Platz, und sagen wir, ich starrte auf das Manuskript der Ritualmorde, ich spräche ein paar dürre Worte mit dem Hausmeister, ich entkorkte einen alten Pauillac, ich schlüge den Eckermann auf, ich begänne zu lesen, ich ginge in ein Restaurant in der Nähe, ich schliefe lang, ich träumte von Capri, so aber rolle ich durch Unstadt, den schönen Ort Nicht, wohl über den Main schwebe ich und frage, der Main?, danke, der Eiserne Steg?, auch dafür ein Dankeschön, wenn ich springe, klatsche ich in den Main, Koffer, Handgepäck, dann Goethes Eckermann und ich, im Fallen ein Blick auf die Türme, ich höre Eckermann fragen, und die Türme, Exzellenz?, und Exzellenz antwortet: hoch, vor allem hoch, ein scheußlich eigen Ding und hoch, dann lieber Weimar, in Weimar leben und sterben, und Eckermann schreibt: ein scheußlich eigen Ding und hoch, dann lieber Weimar, und schon fällt alles, von Breitners Klodeckelhänden dem Strome überlassen, in gurgelnde Tiefen, dann er selbst, aber Breitner erwacht, mitten auf dem Eisernen Steg erwacht Breitner und will leben, Eckermann ist gerettet, denke ich, der Koffer, gerettet, irgendwo hier muss Kühn wohnen, bevor ich den Main hinuntertreibe, bevor ich Verzicht übe, bevor ich mir nichts, dir nichts heimkehre nach Drecksberlin, meine stille Heimat Drecksberlin, gehe ich zu Kühn, der noch lebt, gehe ich zu Kühn von Kühn und Partner, zu Kühn aus der Roten Harfe und rede mit ihm über Stade und Capri, dreißig Minuten Kühn, ich kalkuliere dreißig Minuten Kühn, als ich den Eisernen Steg verlasse und nach einem Taxi winke, sollte ich wirklich Kühn treffen, bitte ich um dreißig Minuten und entscheide dann, was zu tun ist. Ich werde ihm sagen, Handwerker sollen mich tragen, Herwig, einen Geistlichen brauche ich nicht, und Herwig, der Gewitzte, wird parieren, er wird sagen, Joachim, du doch nicht, das Leiden steht dir nicht, was um alles in der Welt treibst du, die Ankunft der Nation, war es nicht so, die Erwartung, verzeih mir, natürlich, die Erwartung, aber der Ritualmord, ich bitte dich, dein geplanter Ritualmord, ein Coup, nicht, endlich kommst du nach Frankfurt, Breitner, lass mich raten, du führst etwas im Schilde, du und Frankfurt, eine Auffrischung, eine Wiederbelebung der Soziologie in Frankfurt, lass mich raten, Joachim, Die Soziologie der Unstadt. Das Beispiel Frankfurt. Wie findest du das, wird Kühn sagen, denke ich und halte weiterhin nach einem Taxi Ausschau, aber wahrscheinlich sagt Kühn nur Guten Tag, Joachim, wie geht es dir, und beglückwünscht mich zu meinem Frankfurt-Aufenthalt, zu dem spontanen Entschluss und umarmt mich wie in Kreuzberg, wo ich vor sechsundzwanzig Jahren Kühn das letzte Mal umarmt und von der anderen Richtung und Frankfurt gehört habe und gebauten und geplanten Türmen aus Stahl.

Eine Selbsttötung habe ich immer wieder beiläufig in Erwägung gezogen, denke ich, als ich mit dem Taxi durch Frankfurt fahre, ständig erwäge und verwerfe ich beiläufig eine Selbsttötung, immer lebe ich grundlos in den Tag am Rande der Selbsttötung, am Branitzer Platz im ehemaligen Arbeitszimmer erwäge und verwerfe ich mein Ableben durch Selbsttötung, in Hamburg bei einer kraftraubenden Umrundung der Außenalster in London am Trafalgar Square, in Paris auf der Avenue des Champs-Elyseés, in Rom auf dem Campo dei Fiori, auf Capri in der Villa San Michele, regelmäßig erwäge ich mein Nichtsein bis hin zum Nie-Gewesen-Sein, während der Arbeit an meiner Doktorarbeit über die Erwartung der Nation in der Soziologie, wie auch während der Erstellung meiner unveröffentlichten Studie über den Ritualmord habe ich täglich und zwar meistens am frühen Morgen in meinem jetzt ehemaligen Arbeitszimmer mit Blick auf den Branitzer Platz eine möglichst schonende und sichere Form der Selbsttötung erwogen und verworfen, bis sozusagen der nächste Morgen graute, insgesamt sieben oder vielleicht auch neun Jahre lang, denke ich, und bin später dazu übergegangen, nur noch nachmittags etwa in wöchentlichen Abständen über das Für und Wider einer Selbsttötung nachzudenken, um mich wie zur Selbstvergewisserung von der völligen Sinnlosigkeit, der Peinlichkeit einer Selbstauslöschung aus Überdruss oder Ekel vor der Welt zu überzeugen. Goethes Gesprächspartner, der arme Eckermann, denke ich vor dem Betreten eines vielstöckigen Hauses am sogenannten Rand der Innenstadt, wohin mich das Taxi, meiner vagen Bitte Folge leistend, eine angemessene Unterkunft anzusteuern, gebracht hat, der arme Eckermann wäre mein Freund gewesen, mit Eckermann wäre ein Einvernehmen in jeder Hinsicht jederzeit herzustellen gewesen, mit Eckermann wären die Tage länger und die Erwägungen bekömmlich gewesen, am Hotelempfang stelle ich mir bekömmliche Erwägungen mit dem Goethe-Freund Eckermann über das Gute, Schöne und Wahre vor und nehme ein Zimmer mit Ausblick, wie ich schon hundert- und tausendfach ein Zimmer mit Ausblick genommen habe und fahre mit dem Fahrstuhl in den soundsovielten Stock und beziehe mein Zimmer und stelle Koffer und Handgepäck neben das Bett und lege den verdreckten Eckermann auf den Nachtisch und denke an Kühn und Kühn und Partner und schlafe ein.

Wie ein Hund träume ich und ich träume. Jemand sagt: niemals, Breitner. Niemals bin ich in Stade aufgewachsen, niemals habe ich die Schule in Stade besucht, niemals habe ich den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, niemals kam es zum Erbfall, Lug und Trug dieser Erbfall, niemals habe ich an der Freien Universität Berlin ein Erbfallstudium begonnen, niemals habe ich zwei Arbeiten über die Erwartung des Nationalen und den Ritualmord geschrieben, niemals habe ich ein Haus am Branitzer Platz besessen, das ich verkommen lasse, all die ungenutzten Zimmer lasse ich niemals verkommen, niemals breche ich jedes Jahr zu einer Rundreise auf, die mich keinesfalls von der ersten Station Hamburg zur letzten Station Capri führt und zurück nach Berlin, niemals bin ich verdammte scheißzweiundfünfzig Jahre alt geworden ohne mit der Wimper zu zucken, jemand sagt: niemals, Breitner. Dann gehe ich, wo keiner geht, durchfliege, wo keiner fliegt, Straßen, Himmel, wo weder Straßen noch Himmel sind, niemals komme ich zu einem Schluss, wohin alles führt, träume ich, niemals führt alles irgendwohin, niemals enden die Sätze. Als ich jung bin und Kühn jung ist und die Welt jung ist, will ich Taucher werden, jetzt will ich schlafen, dann erwache ich, träume ich, wenn ich sitzen bleibe und den Hauptbahnhof auslasse, fahre ich zur Hauptwache, träume ich, und fahre mit dem Zug nach Berlin, wo ich essen gehe und gerettet bin, gerettet, träume ich, gerettet, aber es ist Frankfurt, denke ich, keinem gelingt, was mir gelingt, denke ich und starre die Decke im soundsovielten Stock an, wach. Selten sagt jemand am Empfang beiläufig machen Sie zwölf Nächte, aber ich habe aus einer Laune heraus beiläufig machen Sie zwölf Nächte gesagt, und dann habe ich gesagt Sie hören richtig, und dann habe ich gesagt keine Reservierung, und dann habe ich gesagt gibt es ein Problem und mich zu den Worten hinreißen lassen ich habe das Geld, ich bin reich, und um die Wogen zu glätten, habe ich gesagt und immer wieder gesagt ich trage meinen Klumpatsch selbst, bis ich in den soundsovielten Stock gefahren bin, geträumt habe und nach dem Erwachen die Decke anstarre und weiter anstarre, während ich mich frage, ob Kühn noch lebt und in Frankfurt lebt und wenn ja, wo in Frankfurt oder wo in Frankfurt wir uns treffen können und ob Kühn überhaupt leicht erreichbar ist oder nur sehr schwer erreichbar ist und Kühn von der anderen Richtung sprechen wird und ob Frankfurt einen sinnvollen Zusammenhang für zwölf oder dreißig Tage darstellt, immer geht es im Leben um sinnvolle Zusammenhänge, wie auch der Ritualmord in einem sinnvollen, wenn auch erschütternden Zusammenhang mit seiner Umgebung stehen kann, wie ich denke, wie auch das Nationale in bestimmten Zusammenhängen, sogar erst innerhalb bestimmter Zusammenhänge sozusagen einen Sinn erzeugt , wenn auch einen bösen und erschütternden, wie ich denke, wie Frankfurt erst einen sinnvollen Zusammenhang als Unstadt bekommt, als Nicht unter anderen Nichts, wie ich laut lachend denke. Kühn wird auf alles eine Antwort haben, denke ich, nicht umsonst ist Kühn vor neunundzwanzig Jahren nach Frankfurt gegangen und hat sich vor sechsundzwanzig Jahren mit mir in Kreuzberg getroffen und ist mit mir in die Rote Harfe gegangen und hat von der anderen Richtung gesprochen. Nur weil Kühn auf alles eine Antwort hat, ist Frankfurt für ihn von Anfang an eine äußerst attraktive Stadt gewesen, die keine Antworten geben muss, ich behaupte sogar, denke ich und starre weiterhin die Decke im soundsovielten Stock an, dass Kühn nicht nur auf alles eine Antwort hat, sondern auch weiß, welche Fragen gestellt werden müssen, damit Frankfurt in Attraktivität erstarrt, mit diesen Worten werde ich Kühn gegenübertreten und gespannt seine Reaktion erwarten, Frankfurt erstarrt in Attraktivität werde ich sagen und abwarten, denke ich. Dann stehe ich auf, nehme den Eckermann und verlasse das Zimmer. Doktor Breitner von eben, sage ich am Empfang, obwohl bereits ein sogenannter Schichtwechsel stattgefunden haben muss, wie Sie wissen beabsichtige ich, mir einige, genau genommen zwölf schöne Tage in ihrer Stadt zu machen. Alles in allem weiß ich nicht, warum ich in Frankfurt, vom Flughafen kommend, nicht wie geplant am Hauptbahnhof, sondern erst an der Station Hauptwache mit meinem Klumpatsch ausgestiegen bin. Umherirrend, auf Parkbänken rastend, bin ich zufällig zur Paulskirche gelangt und habe sie ungefähr sechsmal umrundet, habe dann ebenso zufällig am Eisernen Steg den Main überquert und eine Selbsttötung erwogen und verworfen, wie ich es häufig tue und bin mit dem Taxi, wiederum den Main überquerend, ebenfalls zufällig hier gelandet und habe geruht, geträumt und die Decke angestarrt und stehe nun vor Ihnen, zwölf Tage Frankfurt, warum, ist mir schleierhaft, ich bin ausgestiegen und herumgeirrt, immer dieses Herumirren, ausgerechnet in Frankfurt, sage ich am Empfang und bringe damit niemanden in Verlegenheit, sondern ernte ein Lächeln, denn dies ist ein Fünfsternehaus, das sozusagen ohne Verlegenheit und nur mit einem Dauerlächeln auch Verrückten und Drecksäcken gegenüber operiert, ausgerechnet Frankfurt, wiederhole ich, wo es nicht hinpasst, wo der Irrende auffällt. Berlin beispielsweise, wenn ich das anfügen darf, ist eine Ansammlung von herumirrenden Menschen, schauen Sie mich an, ohne herumirrende Menschen wäre Berlin längst in sich zusammengebrochen, längst wäre die Stadt nur noch ein wüstes Etwas, eine Scheune voll Stroh, wenn Sie so wollen, aber dreieinhalb Millionen Herumirrende verhelfen Berlin überhaupt erst zu seinem Sosein und geben ihm eine merkwürdige, ich würde sagen: rohe Festigkeit, obwohl ich, wie ich sagen muss, und wie Sie vielleicht bereits erraten haben, Berlin durchaus gleichgültig gegenüber stehe. Ganz anders Frankfurt, sage ich und erinnere mich plötzlich an den Eisernen Steg, bislang versetzt Frankfurt mich durchaus in einen Zustand gespannter Erwartung und feinster Exklusivität, mit anderen Worten, in einer Stadt zielstrebiger Menschen bin ich der einzig Irrende, ja, Sie lachen, sage ich, obwohl niemand lacht, der Frankfurter ist zielstrebig, ebenso gelassen wie zielstrebig, sodass ich sagen muss, zwölf Tage sind vielleicht sogar – aber ich habe den Faden verloren, stürze aus dem Hotel, laufe und laufe, überlege, warum ich laufe und laufe weiter, der Main ist, denke ich, die Türme sind, denke ich, Frankfurt ist, denke ich, Kühn ist, denke ich, aber keinen Satz denke ich zu Ende, ich sollte anfangen, denke ich, Sätze zu Ende zu denken, nie im Leben habe ich einen Satz zu Ende gedacht, ich habe gedacht Stade ist, Berlin ist, der Erbfall ist, die Nation ist, der Ritualmord ist, der Branitzer Platz habe ich gedacht, das Reisen, habe ich gedacht, Paris, London, Rom, habe ich gedacht, Capri, ich habe nur Capri gedacht, das Nationale ist zum Kotzen, habe ich gedacht, denke ich, wir alle sind Ritualmörder, habe ich gedacht, denke ich, Paris ist lächerlich, habe ich gedacht, denke ich, das sind Sätze, nun sind es Sätze, aber ein Satz soll wirken, ein Satz soll Wirkung entfalten, ich sollte Sätze zu Ende denken, die Wirkung entfalten, aber ich laufe und laufe und laufe nur, das ist Frankfurt, jemand sagt das ist Frankfurt, aber warum Frankfurt, ich bin der Hauptwachen-Breitner, denke ich, aber ich weiß nicht warum, wenn ich es wüsste, glaube ich, ich bliebe stehen und liefe zurück und führe in den soundsovielten Stock und schnappte mir meinen Klumpatsch und führe schnurstracks, ohne mit der Wimper zu zucken nach Berlin, weil ich aber nicht weiß warum, laufe ich weiter und weiter, erreiche erneut den Eisernen Steg, bleibe stehen, blättere im Eckermann und laufe, bis ich müde werde und sich mir nur zu gut bekannte Kopfschmerzen einstellen, das macht, denke ich, alle Orte der Welt vergleichbar, überall diese Kopfschmerzen, in der sogenannten Mainmetropole ebenso wie auf dem Monte Solaro, vor dem Buckinghampalast oder in den Vatikanischen Museen, im Louvre oder sogar bei einem Alsterspaziergang im sonst über die Maßen herrlichen Hamburg, jetzt also auch auf dem Eisernen Steg, du musst, denke ich, den Scheißkopfschmerzen auf den Grund gehen, Frankfurt ist der Ort, um den Scheißkopfschmerzen ihr Geheimnis zu entlocken, Frankfurt ist der ideale Geheimnisentlockungsort, ist Unstadt, ist Nicht, ist Diagnose, denke ich, stehe kurzatmig am Mainufer, sehe die Türme und blättere wieder im Eckermann. Es ist eigenartig, denke ich, ich ertrage den reinen Goethe kaum, weder im Werther, noch in Dichtung und Wahrheit, noch in den Wahlverwandtschaften, selbst in der Italienischen Reise, ganz zu schweigen vom Faust, lediglich den gefilterten Goethe ertrage ich, den Goethe Eckermanns, den in zahlreichen filtrierenden Gesprächen sozusagen Gereinigten und Geglätteten ertrage ich, den reinen und unverfälschten Goethe kaum, das Frankfurter Wunderkind kaum, den wahren Weimarer Giganten kaum, nur den verklärten, sortierten und verklärten Goethe, den Goethe eines Dritten, nämlich den Goethe des armen Hundes Eckermanns ertrage ich, ich gehe sogar so weit, denke ich und vergesse die Kopfschmerzen, hätte Goethe nicht Frankfurt verlassen, hätte der noch jung-elastische Dichter keine dauerhafte Ortsveränderung vorgenommen, sich nicht nach Weimar verpisst, wie Kühn und ich es in Stade in respektlosem sogenanntem Pennälerjargon gesagt hätten, denke ich, ich wäre am Hauptbahnhof ausgestiegen und hätte Frankfurt auf dem schnellsten Wege wieder verlassen Richtung Berlin, weil aber Goethe gegangen ist, ab durch die Mitte Frankfurt hinter sich lassend, konnte ich bleiben und den Hauptwachen-Tango tanzen, denke ich amüsiert und komme zur Ruhe und blättere im Eckermann. Achim der Privatgelehrte, denke ich ohne aufzublicken und lache. Dann denke ich: Ich werde die andere Richtung finden und Kühn aufsuchen. Ich werde zwölf Tage im soundsovielten Stockwerk wohnen. Achim Findelkind, denke ich und schreie vor Lachen. Capri ist eine schöne Insel, aber es existiert nichts so sehr wie Frankfurt. Mein Name ist Joachim Breitner. Mit all meinem Klumpatsch bin ich ein Kind des Glücks, ein Luftverpester. Die Sätze müssen enden und wirken.

Dann wird es kühl am Main und ich kehre zurück in den Soundsovielten und bleibe.

 

 

Kapitel 3

Kühn

 

Ein erster, ein zweiter Tag, ein dritter. Unstadt, denke ich und laufe und laufe und wühle im Hotelzimmer in meinem Klumpatsch zwischen alten Zetteln und Gedächtnisstützen, suche und finde und wähle die Nummer von Kühn und Partner und sage Doktor Breitner und werde durchgestellt und sage Breitner, ein Freund, und korrigiere mich und sage ein guter Bekannter und präzisiere Breitner, Berlin, sagen Sie Breitner, Berlin, und warte und werde durchgestellt, und Kühn lebt und fragt wo bist du, und ich sage Frankfurt, wo soll ich sein, und Kühn sagt du machst Witze, Frankfurt, und irgendwann sagt er beim Griechen um sieben, und ich wiederhole beim Griechen, und Kühn sagt Breitner, und ich sage ja, Kühn, Breitner, und Kühn sagt das gibt’s nicht, das gibt’s gar nicht, na sage mal, und ich sage: doch, Frankfurt, hier, also um sieben beim Griechen, deine Wahl erstaunt, nach sechsundzwanzig Jahren um sieben beim Griechen, und wir lachen, und um sieben reichen wir uns grinsend die Hand und packen zu und drücken und halten still und grinsen, und schon sitzen wir beim Griechen in der sogenannten Heiligkreuzgasse, und Kühn sagt, warum Frankfurt, und ich sage ich weiß nicht, warum ein Grieche, und dann sage ich: bestimmt deinetwegen, und dann lachen wir wieder, und Kühn sagt, Breitner du spinnst, was treibt dich hierher, ausgerechnet Frankfurt, und ich sage du hast recht, Kühn, wie immer, ich bin gar nicht da, nicht hier, es sind die frühen Achtziger, und wir sitzen beim Griechen in Stade, meinet- und deinetwegen beim Griechen in Stade, und wir feiern unseren Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied vom Deutschen Roten Kreuz Stade, Abteilung Krankentransport, und du sagst etwas unsäglich Beklopptes, wie ich finde, sage ich, wie zum Beispiel jetzt sind wir frei oder, etwas besser, das war das, aber du bist der große, schlanke, der strahlende Kühn, und ich bin der kleine, dicke, der nervige Breitner, und darum darfst du sagen jetzt sind wir frei und das war das, und hier ist nicht Frankfurt, sondern ein Nest in Elbnähe, und wir schaffen es gerade noch zum Griechenklo mit überschüssigen Anisbranntweinmassen im Magen und kotzen und kotzen ins Griechenklo, und Kühn lacht und sagt, bitte nicht, Breitner, von wegen Stade, hier ist Frankfurt, und ich sage ich bin gar nicht da, Kühn, im Grunde bin ich nicht da, und Kühn sagt, hör auf, Breitner, das hier ist ein sehr guter Grieche, der beste in Frankfurt, du musst lange suchen, um einen Griechen dieser Qualität zu finden, ich nehme an, du wirst bis Griechenland fahren müssen, und selbst dann ist es nicht sicher, nichts und gar nichts ist sicher, sagt Kühn, ich freue mich sehr, und ich sage etwas Floskelhaftes wie die Freude ist ganz auf meiner Seite, und Kühn sagt, du spinnst schon wieder, und ich sage ich hoffe, und Kühn sagt na bitte, jetzt sagst du es selbst, und ich schaue Kühn fragend an, und sage Kühn, du ewiger Wortverdreher, was empfiehlst du und Kühn sagt natürlich Fisch, und ich sage ich gehorche, wie immer gehorche ich und Kühn sagt seit wann denn das, Breitner.

Stade und Kühn, denke ich und bestelle einen besonders großen Wolfsbarsch, im Ganzen gegrillt, mit Thymiankartoffeln und einen namenlosen Kykladen-Landwein, Stade und Kühn bilden eine Einheit, wenn Stade, dann Kühn, denke ich, immer ist Kühn Stade gewesen, so wie Kühn heute Frankfurt ist, wie Kühn heute der trübe Main ist und die geleckte Paulskirche und der dumpfe, rote Dom und der Eiserne Steg und die trostlosen Türme und mein letzter guter Bekannter, so ist Kühn immer Stade gewesen, denke ich, der Stader Jahrgangsbeste Kühn, der mädchenumschwärmte Adonis und Stader Hoffnungsträger Kühn, der glänzende Kleinhanseat Herwig Kühn, der Elbfetischist Kühn, einer meiner vielen guten Stader Freunde, bevor ich wurde, was ich bin, denke ich. Einst der Stader an-Elbe-und Schwinge-mit-Breitner-Herumspazierer-und-darin-herausragende-aber-nicht-einzig-und-allein-seiender-Freund Kühn, denke ich, ist Kühn mittlerweile und ohne jede Übertreibung mein allerletzter guter Bekannter, im Grunde der allerletzte Bekannte überhaupt, der diesen Namen verdient und der mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren in Berlin-Kreuzberg das letzte Mal lebend gesehen und sich jetzt ohne zu zögern zu einem Treffen beim Griechen in Frankfurt bereitgefunden hat, möglicherweise in alter kleinhanseatischer Verbundenheit, trotz seiner möglicherweise nihilistischen, alles zermalmenden Frankfurter Maklertätigkeit der anderen Richtung, wie ich plötzlich denke. Der wahrscheinlich lediglich kriegsdienstverweigerungsantäuschende ex-krankenwagenfahrende ex-Stader ex-Freund und jetzige Restbekannte und Frankfurter Großmakler Kühn, denke ich und lache über eine von Kühn in selbstironischer Verzückung eingestreute sogenannte Zote mit großen Brüsten und schlaffem Schwänzchen und Stader Hintergrund, die gegenwärtig in Dortmund-Aplerbeck oder Köln-Deutz spielt, eine Test-Zote, wie ich vermute, die Welt, denke ich, ist eine Ansammlung sogenannter Zoten und Test-Zoten mit großen Brüsten und schlaffem Schwänzchen, selbst der Ritualmord ist bei näherer Betrachtung eine Art Test-Zote zur Bilanzierung des Menschlichen und Bedrohlichen schlechthin und der Begründung und Festigung von Heiterkeit in bewegter Zeit, die Erwartung der Nation gewissermaßen die Sehnsucht nach dem Aufgehen in der Zote selbst, das Einigende im Anzüglichen, der Ausschluss des Humanen aus dem Menschlichen, denke ich, und Kühn fragt, warum ein besonders großer Wolfsbarsch, und ich lache immer noch und sage er sättigt ungemein, Kühn, und dann lachen wir beide, das schlanke, große Mannsbild Kühn und der kleine dicke Breitner mit den Klodeckelpranken, Stade war ein guter Auftakt, sagt Kühn, warum nicht Stade, eine runde Sache dieses Stade, Stade hat alles vorbereitet, ohne Stade wären wir nichts, Breitner, ich habe früher oft an Stade gedacht, aber seit einigen Jahren denke ich vorwiegend an Frankfurt und halte mich für einen Frankfurter, der nur noch gelegentlich an Stade denkt, wäre aber doch nicht der Frankfurter, der ich bin, wenn Stade nicht Hort meiner Jugend gewesen wäre, sagt Kühn und wiederholt laut und überschwänglich Hort meiner Jugend und sagt trotzdem möchte ich nicht in Stade begraben sein, eine Urne mit meiner Asche soll nicht in Stader Erde versenkt werden, wenn ich sterbe, sagt Kühn, bevorzuge ich ein Grab in Frankfurt, allein schon aus praktischen Erwägungen sollte es Frankfurt sein, mein verlorener und wiedergefundener Breitner, der Frankfurter, sagt der verschmitzte Kühn, ist ein Praktiker, in Frankfurt regiert die Praxis, wohin du dich wendest, klare Linien und praktisches Herangehen, somit bin auch ich über die Jahre ein Praktiker geworden, der Stader ist ein Melancholiker, ein Bürger wider Willen, jemand wie du, Breitner, Berlin lässt die Menschen, wie sie sind, Frankfurt macht sie zu Praktikern, sagt Kühn, und wir lachen erneut, und Kühn sagt plötzlich Breitner, wie geht es dir, weißt du noch, wir sind in Kreuzberg in deinem Drecksloch und trinken und streiten über Dreck, und jemand mit Anzug und Aktenkoffer klingelt und sucht Herrn Breitner, Joachim, und ich brülle besoffen nehmen sie den da, ich bin unschuldig, sagt Kühn, es handelt sich, sagt da der Anzug unbeeindruckt, um einen Erbfall und nennt einen Namen und nimmt dich beiseite und tuschelt, und dann wirst du kreidebleich oder tust, als ob du kreidebleich wirst, wir trinken nicht weiter, sondern starren uns lange an, und ich frage was ist los, Breitner, und du sagst ich bin reich, Kühn, leck‘ mich am Arsch, richtig reich, und ich frage dich: und nun, Breitner, und du sagst, ich kaufe mir eine Villa und schreibe und reise bis die Schwarte kracht, das waren deine Worte, Breitner, sagt Kühn, der frisch gebackene Doktor, der rite-Doktor, irgendwas mit Soziologie und Nation, irgend so ein kapitaler Irrsinn, hilf mir, Breitner, sagt Kühn, und plötzlich der Anzug mit Aktenkoffer an der Drecklochtür, wieviel, frage ich, als der Anzug fort ist, Breitner, wieviel, und du sagst, ich habe es behalten, du sagst, was heißt wieviel, Kühn, mehr als ich in einem Scheißleben ausgeben kann, niemals, Kühn, sagst du, sagt Kühn, selbst der Kauf einer schwindelerregend teuren und lächerlich herrschaftlichen Villa wird nichts an der Tatsache ändern, sagst du, dass zehn Scheißleben nicht ausreichen, um die Asche durchzubringen, ich werde, sagst du, in einer Villa mit herrschaftlichem Arbeitszimmer vegetieren und erstaunliche Schriften verfassen, und du besuchst mich, Kühn, und wir trinken, sagst du, sagt Kühn, und besprechen das Weitere, wie wir schon bei unseren berüchtigten Elbspaziergängen immerzu das Weitere besprochen haben, erdacht und besprochen haben. Der frisch gebackene Makler, sagt Kühn, fährt nach Frankfurt zurück und der frisch gebackene Doktor zieht um in ein herrschaftliches Anwesen, acht Wochen später erreicht mich eine Postkarte, die Schlusspostkarte, wie ich heute rückblickend sagen muss, sagt Kühn. Hiermit möchte ich einen Wohnungswechsel anzeigen, lese ich und lache laut auf, meine neue Adresse lautet Branitzer Platz soundso, soundso Berlin, mit freundlichen Grüßen Dr. Joachim Breitner, Soziologe, handschriftlicher Zusatz: ich melde mich, immer noch hüte ich diese Postkarte wie meinen Augapfel, sagt Kühn, beruflich, als Makler, wenn du so willst, liebe ich den Postkarten-Breitner, zielstrebig, entschlossen, vermögend, sonst gefällst du mir besser als streunender Hund, schon in Stade mochte ich das Tier Breitner, sechsundzwanzig Jahre Schweigen, sagt Kühn, du warst dran, und du hast dir Zeit gelassen, und plötzlich bist du in Frankfurt, und die Drecksau in dir sagt deinetwegen, und jetzt sitzen wir beim Griechen, den ich dir immerhin unterjubeln konnte, und der Wolfsbarsch muss besonders groß sein, sag schon, sagt Kühn, warum bist du in Frankfurt, niemand verirrt sich absichtslos nach Frankfurt, und der Wolfsbarsch mit Thymiankartoffeln kommt, unser größter, sagt der Kellner schmunzelnd, und ich sage: aus purem Zufall, und Kühn sagt, du spinnst, Breitner, und Kühn hat recht, und ich sage Kühn, was soll ich sagen, natürlich hast du recht, ich bleibe bis ich es weiß im schönen Ort Nicht, dem Bekloppten schlägt keine Stunde, der Wolfsbarsch ist übrigens klein, und ich starre auf Kühns Bifteki, und Kühn sagt, keinen Ouzo dazu, wir sind nicht in Stade, wenn du durchaus das Essen zerstören möchtest, auf Stader Art, kommen wir allerdings an keinem Ouzo vorbei, ich bitte dich allerdings inständig, in dieser Beziehung Stade restlos hinter dir zu lassen, in dieser Gaststätte, wenn ich so sagen darf, habe ich einen Ruf zu verlieren, sagt Kühn fröhlich, ich habe es, rufe ich plötzlich aus, Frankfurt ist, Frankfurt ist, stottere ich, die Stadt vor dem Knall, und Kühn wiederholt spöttisch vor dem Knall und fragt und nach dem Knall? und sagt nun hör schon auf und schenkt Kykladen-Wein nach.

Keinesfalls eint Stade Kühn und mich, denke ich und esse schweigend, während Kühn über Frankfurt schwadroniert, die Stadt mit dem Eisernen Steg, wie Kühn lächerlich-verschwörerisch sagt, Kühn das Maklerungeheuer, wie ich denke, kennst du den Eisernen Steg, fragt Kühn, und ich nicke beiläufig, ein Produkt bürgerschaftlichen Engagements, sagt Kühn mit belehrendem Ton, Frankfurt, so Kühn über seinen Bifteki-Teller gebeugt, Frankfurt ist ein Symbol um ein Symbol, nämlich den Eisernen Steg, dreiundneunzig Jahre nach Goethes überstürzter Abreise aus Frankfurt und sechsunddreißig Jahre nach seinem kaum überstürzt zu nennenden Tod im Residenzdorf Weimar, sagt Kühn, der rechnende Bildungsbürger, wie ich denke, führt bürgerschaftliches Engagement zum Bau des Eisernen Stegs, der den Römerberg mit Sachsenhausen verbindet und die Alte Brücke entlastet, Ausgangspunkt und Ende einer touristischen Frankfurtbegehung ist seit seiner Erbauung der Eiserne Steg. Entgegen vorherrschender Meinungen über die Tätigkeit eines erfolgreichen Maklers, sagt Kühn, zeichnet den erfolgreichen Makler seine Weit- und Übersicht aus und sein Denken in langen Zeiträumen, daher begegne ich dem unverkäuflichen, knapp einhundertfünfzig Jahre alten Eisernen Steg, diesem Handstreich über den Main mit einer gewissen Ehrfurcht, sagt Kühn augenzwinkernd und beobachtet mein Esstempo. Vom Eisernen Steg ist immer und unter allen Umständen auszugehen, sagt Kühn, Bifteki-Kühn, Quatschkopp Kühn, wie ich denke, und lächelt, Stade, sagt Kühn und stutzt und beendet die Bifteki-Sitzung vor der Zeit, wie ich denke, während ich die Wolfsbarsch-Sitzung längst erfolgreich beendet habe, irgendetwas wollte ich über Stade sagen, aber ich habe den Faden verloren, jedenfalls hast du sechsundzwanzig Jahre gebraucht, um meinetwegen nach Frankfurt zu kommen, möge Stade wachsen, blühen und gedeihen, jetzt hab ich’s wieder, sagt Kühn, was uns verbindet ist das Denken in langen Zeiträumen, sechsundzwanzig Jahre, Breitner, sagt Kühn, du hättest Makler werden sollen, Kühn und Breitner, Breitner und Kühn, sagt Kühn, aber die blöde Soziologie hat dich abgehalten und der Erbfall und trübe Gedanken, du musstest eine Villa kaufen, die du nicht brauchst und reisen, wohin du nicht willst und unaufhörlich denken was dich nicht erbaut, du bist auf einer unaufhörlichen Reise des Denkens, wenn ich es recht bedenke, kann nur eine Krise des Denkens dich nach Frankfurt geführt haben, ich mache Spaß, sagt Kühn, aber eine Krise des Denkens ist gut, wer, frage ich dich, sagt Kühn und verlangt die Dessertkarte, kann sich schon eine Krise des Denkens leisten. - Wer, entgegne ich plötzlich verärgert, kann soviel Unsinn verzapfen wie Herwig Kühn und doch Glück und Wohlstand anhäufen, dass es einen bis nach Capri verfolgt, sage ich. Diesen Wolfsbarsch groß zu nennen, fahre ich fort, ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit, ein großer Wolfsbarsch ist ein großer Wolfsbarsch, er mag Lavráki heißen oder sonstwie, ohne die ebenso bescheidene Portion Thymiankartoffeln und ohne das sogenannte Gemüsebett wäre das Ganze geradezu eine, wenn auch wohlschmeckende, Zumutung, wie auch du und Frankfurt hochaufschießende, gelegentlich wohlschmeckende, gelegentlich aber geradezu übergriffige Zumutungen seid, besonders der Eiserne Steg, sage ich, einen absurden Schub guter Laune nur noch mühsam verbergend, ist das Paradebeispiel einer übergriffigen und angeberischen Zumutung und neuzeitlichen Anbiederung, der trübe dahinplätschernde Main, ereifere ich mich, nichts Halbes und nichts Ganzes, ein plumpes Gedöns und bloße Gehhilfe, das Goethehaus am Großen Hirschgraben, eine Verwünschung, eine pseudomuseale Zumutung im Schatten der Türme, der Kaiserdom, ein bloßer Krönungsbunker und eine schlichte Zumutung, sage ich, und du mitten drin, Kühn, einzig dem Städelmuseum gilt meine Hoffnung, bislang, sage ich, habe ich mir den Besuch des Städelmuseums, des hochgelobten und hochverehrten, regelrecht verkniffen, ich liege in meinem Hotelbett, starre die Decke an und verkneife mir Haare raufend nach dem, sagen wir, enttäuschenden Besuch der aseptischen Alten Oper, den Besuch des Städelmuseums, schließlich habe ich mein Hotelzimmer im soundsovielten Stock für zwölf Tage gebucht, wenn sich, sage ich, nun auch noch das hochgelobte und hochverehrte Städelmuseum als Zumutung entpuppen sollte, müsste ich meinen Besuch vorzeitig abbrechen, mir bliebe, sage ich rachelüstern, nur noch die Möglichkeit, auf dem schnellsten Wege die Krönungsbunkermetropole und Paulskirchenversammlungsstadt Frankfurt zu verlassen, um mich erneut für möglicherweise neun Monate ins Reichshauptstadtgetöse zu stürzen und dreizehn Zimmer am Branitzer Platz zu bewohnen, von denen nur zwei, sage ich, wirklich von mir benutzt werden, nämlich das ehemalige Arbeitszimmer und das halbvergammelte, Schrecken verbreitende, morbide Schlafzimmer, du hörst richtig, halbvergammelt und von einer inneren Morbidität, in der Erbfallvilla, die nunmehr seit sechsundzwanzig Jahren mir gehört und doch nichts Anderes ist als ein Kreuzberger Drecksloch, mein lieber Kühn, sage ich und schaue den fröhlich dreinblickenden und dessertkartenhaltenden Kühn erwartungsvoll an, der dem Kellner ein dezentes Kataifi Ekmek, zweimal, zuraunt. Zwei Menschen verbringen zwanzig Jahre ihres Lebens in Stade und kotzen gemeinsam ins Griechenklo, denke ich, während Kühn aber zweiunddreißig Jahre später dem dezenten Kellner ein dezentes Kataifi Ekmek, zweimal, zuraunt, erwägt Breitner einen vorzeitigen Abbruch des ungeplanten Krönungsbunkermetropolenbesuchs, die Unstadt Nicht und Kühn sind Zwillinge, denke ich, aber ich bin mehr oder weniger ein Findelkind, in Stade mehr oder weniger ein Findelkind, in Berlin ein an die Ufer der Spree sozusagen getriebenes Findelkind, auf meinen Reisen immer nur ein Findelkind, in Frankfurt ohne Abstriche ein alterndes, ein grotesk umherstreifendes Findelkind und nach Kykladenwein stinkendes Findelkind. Immerhin ist es Frankfurt, sage ich dem vor lauter Heiterkeit grässlich wiehernden Kühn und steigere seine Heiterkeit ins Unermessliche, indem ich sage: In Frankfurt hat alles eine Bedeutung. Vergleiche das spannkraftverheißende Bellen eines, sagen wir, schwarzen Königspudels mit dem typisch Frankfurter Namen, sagen wir, Bolle, auf dem ehrwürdigen Eisernen Steg mit dem speichellastigen Hecheln einer, nehmen wir an, namenlosen kurzatmigen Bulldogge auf dem Branitzer Platz, und du spürst den Unterschied, Kühn, sage ich, du spürst sofort das Spezifische Frankfurts, ich bin am Hauptbahnhof mit meinem ganzen Klumpatsch in der Hand vorbeigerattert, ich bin an der Hauptwache ausgestiegen, einen Eckermann unter dem Arm, ich bin herumgeirrt, ich habe den anderen Weg gesucht und überall und nirgends gefunden, sage ich, ich bin sechsmal um die Paulskirche geschlichen und habe den trüben Main das erste Mal auf dem stählernen Eisernen Steg überquert und habe ein Hotel am Rande der Innenstadt im Soundsovielten bezogen und habe Dummoper und Dummdom besucht und Dummtürme beglotzt und das Städel gemieden, um heute, sage ich, auf dem Weg zum Griechen bei der zirka elften Trübmainüberquerung das spannkraftverheißende lieblich hallende Bellen eines schwarzen Königspudels genau auf der Mitte des Eisernen Steges als beweislastiges Gegenstück zum Berliner Bulldoggenhecheln wahrzunehmen und als spezifisch zu erkennen, ohne den Wunsch aufzugeben, Frankfurt umgehend oder doch zumindest spätestens nach einem enttäuschenden Besuch des Städelmuseums zu verlassen und bin ratlos, und Kühn sagt: Bleib doch.

Ich mag Kühn, denke ich. Das Kühn-Geschwafel. Kaufen, verkaufen, vermitteln, anbieten, einstreichen, Kühn und Partner. Das nüchterne Frankfurt. Vom Eisernen Steg geht alles aus. Dessert hin oder her, das zu kleine Kataifi Ekmek kommt, denke ich, immer ist es ein kleiner Wolfsbarsch oder ein viel zu kleines Kataifi Ekmek, aus reiner Bosheit quält Kühn mich ungefragt in lächerlichen griechischen Gaststätten mit lächerlichen Portionen, ich leide unter lächerlichem Kykladen-Landwein, denke ich, ein vollgekotztes Griechenklo in Stade, ein zünftiger, geradezu militärischer Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied, damals waren die Portionen riesig, denke ich wehmütig, während Berlins Schlechtessen und Frankfurts Kleinstportionen in meinem Kopf einen, wie ich denke, sogenannten edlen Wettstreit austragen, konnte Stade mit der Massenhaftigkeit der angebotenen griechischen Hauptgerichte punkten, ich sehe Kühn und mich beim legendären Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied große Portionen verschlingen, ich höre Kühn während des Essvorgangs sagen heute steigt das große Stader Abschiedsfressen, Breitner, sei bereit, und zwei Stunden und dreißig Minuten später kotzen zwei Stader Friedensbewegte ins Stader Griechenklo, sodass, wie ich denke, es nicht mehr zum geplanten Abschiedsgang an Schwinge und Elbe kommt, immer sind unsere Pläne hinfällig, nie kommen wir ohne Pläne aus, und immer sind sie hinfällig, wir mögen wie jedes Jahr die in sehr unterschiedlichem Maße ansprechenden Städte Hamburg, London, Paris und Rom bereisen und uns wie jedes Jahr auf Capri die Wunden lecken, immer sind unsere Pläne am Ende hinfällig und grinsen uns sozusagen unverschämt an, denke ich, Frankfurt ist der Beweis für die Hinfälligkeit von Plänen, das Verharren auf dem Eisernen Steg geradezu ein Verharren in Hinfälligkeit, um Hinfälligkeit zu vermeiden hat der Dichterfürst seinerzeit, wie ich denke, Frankfurt verlassen, verlassen müssen, wie Kühn und ich Stade verlassen mussten, um etwas Luft zu schnappen, und nie wieder nach Kotz-Stade zurückgekehrt sind, dafür aber die Stinkkäffer Berlin und Frankfurt unsicher gemacht haben, in meinem Fall, denke ich, und bestelle ausdrücklich einen italienischen Espresso, in meinem besonderen Fall habe ich sogar Berlin sozusagen durch rein gedankliche Übungen unsicher gemacht und zwar durch die Erwartung der Nation und den Ritualmord, mein ehemaliges Arbeitszimmer ist von Anfang an ein Ort der Verunsicherung und der Unsicherheit gewesen, die ich auf die ehemalige Reichshauptstadt Berlin übertragen habe und sie auf mich übertragen hat, bis sie mir vor lauter abwägender Verunsicherung gewissermaßen gleichgültig geworden war, denke ich und übernehme die von mir sogleich so genannte Frankfurter Griechenrechnung. Wenn ich fragen darf, sagt der deutlich angetrunkene Kühn und bereitet so seine offensichtlich heikle Frage vor, du wirst sagen, so kann nur ein engstirniger Makler fragen, ein Frankfurter Bifteki-Makler aus Stade, und ich sage frag, und Kühn fragt Breitner, bitte, was tust du den ganzen Tag, und ich sehe Kühn und überlege und überlege nicht mehr und weiß und falte die Hände und winke dem Kellner und bestelle bitte doch noch zwei gute Ouzo für die Verdauung und sehe Kühn an und sehe ihn nicht mehr an und schaue mich um und erwäge und erwäge nicht und denke an Stade, den Erbfall und den Anzug mit Koffer und bemerke erst jetzt Kühns dunklen Anzug und die gelbe Krawatte und atme tief ein und aus und denke an Frankfurt und sage ich denke und höre meinen Herzschlag.

Herwig Kühn, altes Haus, sage ich, alte Maklersau, wolltest du sagen, sagt Kühn, als wir unschlüssig die Klingerstraße entlanglaufen. Seit Tagen schon Frankfurt, sage ich, und kein bisschen weise, sagt Kühn, wohin führt die Klingerstraße, frage ich, wohin alle Straßen führen, sagt Kühn, zu anderen Straßen, zu anderen Orten, sage ich ausdruckslos, am besten, du reißt alles ab, sagt Kühn und beobachtet mich, du Drecksau, sage ich, du Erbheini, sagt Kühn, halt die Fresse, sage ich leise, du magst die Menschen nicht, sagt Kühn, warum auch, sage ich, es gibt keinen triftigen Grund, immerhin, wir sterben gleichermaßen weg, sage ich, wir sterben weg und lösen uns auf, es ist alles ein gepflegtes Rätsel, sage ich, in Gedanken gehe ich in Berlin vom Branitzer Platz in die Kastanienallee zur sogenannten Reichsstraße, überquere den sogenannten Theodor-Heuss-Platz und gehe die fürchterliche Heerstraße Richtung Spandau bis ich müde werde und am Scholzplatz vor dem Jüdischen Friedhof einen Happen zu mir nehme, in Hamburg halte ich inne, in London, Paris und Rom lasse ich mich treiben, auf Capri lese ich und blicke über den Golf, in Frankfurt gehe ich zum Eisernen Steg und erwäge die Möglichkeiten, seit ich in Frankfurt bin, nutze ich den berühmten und, wie man sagt, von Malern aller Couleur gemalten Eisernen Steg über die träge Brühe Main, um die Möglichkeiten zu erwägen, und immer sterben wir gleichermaßen, denke ich. Von hier, von diesem Steg, sage ich und ernte ein Kopfnicken vom Frankfurter Immobilienhai Kühn, von hier ergibt sich sozusagen das sterbliche Frankfurt, sage ich, ich habe es gewusst, gleich nach meiner Ankunft, vor aller Augen, betrete ich intuitiv den Eisernen Steg, erwäge die Möglichkeiten und vergehe, berühre den Stahl und vergehe, sehe die Türme und vergehe und weiß doch nicht, was Frankfurt ist, nur dass Frankfurt sich sozusagen von hier ergibt, weiß ich, ohne zu denken, mein lieber Kühn, sage ich, ich sage Frankfurt und empfinde nichts, ich betrete den Dom und empfinde nichts, ich stehe auf einem der Türme und empfinde nichts, ich starre auf die sogenannte Paulskirche und empfinde ganz und gar nichts, ich betrete den sogenannten Römerberg und bin leer wie ein leeres vergilbtes Blatt Papier im ehemaligen Arbeitszimmer, ich wandere am Ufer der trägen Brühe Main entlang und bekomme Kopfschmerzen, ich kehre in mein stilles Kämmerlein im Soundsovielten zurück und starre über die Stadt bis zum Flughafen und empfinde nichts als den Gedanken wir sterben weg, allesamt sterben wir weg, mit oder ohne Klumpatsch, immerhin, sage ich, ich bestelle ein umfangreiches Menü aufs Zimmer und verschlinge alles in Rekordzeit, sage ich, ich bin ein schneller Esser, sage ich zu Kühn, aber in Frankfurt werde ich zum Rekordesser, den Wolfsbarsch habe ich in Sekunden eingeatmet, das Kataifi Ekmek habe ich, wie man sagt, weggelöffelt wie nichts Gutes, sage ich, im Soundsovielten nehme ich mir zwanzig Minuten für drei Gänge im Kämmerlein, nach zwanzig Minuten rufe ich an und sage Breitner hier, bitte abräumen und denke ans Wegsterben. Für Geld, sage ich, als Kühn und ich den Neuen Börneplatz passieren, wird in einem guten Hause jederzeit auf- und abgetragen, seit dem Erbfall bevorzuge ich Orte, sage ich, wo Geld die persönliche Beziehung zu einem Menschen vollkommen ersetzt, wobei ich jedesmal erleichtert zur Kenntnis nehme, wenn mein Geld zum Geld der anderen wird und mir dafür, beispielsweise, ein Stück Wirsingkohl den Schlund hinunterpurzelt und in meinen Innereien sein Unwesen treibt oder mich wohltuend labt. Ein Sonderfall ist Frankfurt, sage ich, als wir den Main erreichen, hier bin ich unfähig, mehr noch, Frankfurt gestattet es mir nicht, Erleichterung zu empfinden, obwohl ich Berlin ganz gleichgültig gegenüber stehe, empfinde ich doch am Branitzer Platz ebenso wie am Pariser Platz sozusagen eine gleichgültige Erleichterung den Dingen gegenüber, in Berlin, wie auch in Paris oder Rom ist durchaus ein langjähriges Vegetieren möglich, auch der Nichtsnutz, sage ich, wird verstanden, in Frankfurt tritt man dem Nichtsnutz wenn nicht gerade ablehnend dann doch mit Unverständnis gegenüber, dein Metier, sage ich zu Kühn, ohne eine Ahnung von Kühns Metier zu haben, ist trotz aller bedenklichen Eigenarten das Antinichtsnutzmetier, dein Anzug der Antinichtsnutzanzug, sogar das Schillerdenkmal, sage ich lachend, Kykladenweindünste abatmend, ist in Frankfurt ein Antinichtsnutzdenkmal, gehe ich über den Eisernen Steg, gehe ich sozusagen über den weit über die Grenzen der Stadt bekannten Nützlichkeitssteg, Frankfurt, sage ich, versucht, mich auszuspucken, aber ich klebe fest, Frankfurt kennt mich nicht, mit jedem Tag in Frankfurt kommen zwei Tage hinzu, die ich bleiben werde, Nichtsnutz Breitner zieht es nach Unstadt, nach Nicht, sage ich, in Frankfurt bin ich auf dem Wege neutraler Läuterung, sage ich, aber die Erleichterung fehlt, einerseits, es fehlt die Erleichterung, sage ich, einzig und allein das Städel könnte eine Art Erleichterung bewirken, aber jede Erleichterung gefährdet andererseits meinen meinen Aufenthalt, ich will mir den Besuch des Städelmuseums vorbehalten, sage ich, für einen besonders guten oder einen besonders schlechten Tag und mich mit sogenannten Kunstgenussmassen überhäufen.

Die Ahnung des Mains in der Dunkelheit, sagt Kühn, plötzlich nachdenklich, bewegt mich mehr als das Wissen um seine Wirklichkeit, Erbheini Breitner zu sehen, wiederzusehen, auf neutralem Boden in Frankfurt, ich hätte es nicht für möglich gehalten, ein guter Makler kennt die Möglichkeiten, sagt Kühn, auch die, die er schafft, aber deinen Frankfurt-Besuch habe ich als Möglichkeit ausgeschlossen, du bist verrückt, Breitner, sagt Kühn, jetzt wo du da bist, erscheinst du mir noch verrückter, sechsundzwanzig Jahre, sagt Kühn und lächelt, ich verzeihe dir, ich habe dir verziehen, ich sehe dich an, Breitner, und denke nicht wegsterben, sagt Kühn, selten denke ich in Frankfurt die Worte nicht wegsterben, wenn du es richtig anstellst, hörst du den Main um die Ecke schleichen, aber du musst hinhören, sagt Kühn, ich versuche es einzurichten, antworte ich, aber ich habe zu tun, die Erwartung der Nation und der Ritualmord, sind Kinder Berlins, hier in Frankfurt werde ich über die Liebe nachdenken, du hörst richtig, Kühn, Frankfurt ist der ideale Ort, dem Liebesgedanken nachzuhängen, ich fahre in den Soundsovielten und starre die Decke an und frage mich, was die Liebe ist, und wenn ich aufstoße, ist es der Wolfsbarsch, sage ich. Breitner, du Drecksack, sagt Kühn, du spinnst, du hast sie wirklich nicht alle, wenn du fertig bist, sag mir wie es war, die Liebe, Breitner, du bist verrückt, da, schau mal, der Steg.

 

 

Kapitel 4

Ute

 

Ich bin Ute begegnet, denke ich, ausgerechnet auf dem Eisernen Steg am elften Unstadttag begegne ich Ute, mitten auf dem Steg liest sie und blickt auf und liest, das Geländer im Rücken, und sieht mich wie ich sie sehe und liest und blickt auf und sieht mich mit einem schmutzigen Etwas unter dem Arm, dem schmutzigen Eckermann, dem eingesauten Eckermann, wie ich denke, und schaut und dreht sich zur Seite und wirft einen Blick auf den trüben Main und dreht sich zu mir, als ich dicht neben ihr stehenbleibe und zeigt mir ihre dunklen Augen, ihre kurzen, roten Haare, die schöne Bürste, wie ich sie augenblicklich nenne und spöttische, feine, tiefrote Lippen. Ich denke an Stade und Ausflüge nach Krautsand, ich sehe gewaltige sogenannte Ozeanriesen die Elbe bevölkern, ich sehe Frankfurts Türme in den Himmel wachsen, ich spüre den Eckermann unter dem Arm und sehe ein Buch in schmalen, wohlgeformten Händen, ein Svevo, tatsächlich ein Svevo, wie ich denke, tatsächlich das herrliche Werk Zenos Gewissen und sage Gnädigste strahlen so, was darf ich melden und höre wie sie antwortet: Melden Sie, Gnädigste geruhen Seine Durchlaucht zu erblicken.

In Gedanken beginne ich erneut in Berlin meine Reise, die mich wie jedes Jahr über Hamburg, London und Paris nach Rom führt und auf Capri endet, von Neapel nehme ich ein Flugzeug nach Frankfurt, weil ich niemals, wie ich denke, auf direktem Wege, sondern nur auf sehr umständlichen und geradezu verschlungenen Pfaden nach Berlin zurückzukehren pflege, mehr noch, statt unverzüglich, wie geplant, in Frankfurt den nächsten Zug ins sogenannte brodelnde Berlin zu nehmen, steige ich an der Hauptwache aus, beziehe ein Hotelzimmer im Soundsovielten mit Ausblick, irre tagelang durch die Stadt, treffe sogar Makler Kühn, den allseits mit Hingabe Angekommenen, wie ich hämisch mit schlechtem Gewissen denke, und stehle mich mindestens zweimal täglich über den Eisernen Steg, einzig und allein zu dem Zweck oder jedenfalls mit dem Ergebnis, am elften Tag Ute ebendort zu treffen und die Worte Gnädigste geruhen Seine Durchlaucht zu erblicken zu hören und in Gedanken meine Reise erneut und diesmal ahnungsvoll zu beginnen, bis ich auf dem Eisernen Steg über dem trüben Main durch eine sogenannte unerwartete Begegnung in meinen, wie man sagt, Grundfesten erschüttert werde und so weiter und so fort und schließlich anlange, wo ich anlange und stehe, wo ich stehe. Mein Name ist Joachim Breitner, denke ich, soll ich, denke ich, lachen, Frankfurt das Lachopfer bringen, Steg und Fluss fordern ein Lachopfer, denke ich, mein Name ist Joachim Breitner mit den großen Pranken, während beispielsweise Kühn, der hochgeschossene Herwig Kühn, der zupackende Frankfurter Makler und Ex-Stader Herwig Kühn mit geradezu winzigen, ja in gewisser Weise sogar, wie ich mit gebieterischer Niedrigkeit zu denken bereit bin, mit nichtigen Händen daherkommt, bin ich mit großem Aplomb und aasiger Fresse der lachende Pranken-Breitner, klein aber oho, der lachende Pranken-Breitner vom Eisernen Steg, denke ich, ist sich nicht zu schade, die Worte klein aber oho zu denken, es muss Frankfurt sein, nur in Frankfurt lassen sich die Worte klein aber oho denken, denke ich, es muss das vorwitzige und auftrumpfende Frankfurt sein, plötzlich ist es das vorwitzige und auftrumpfende Frankfurt, mein Name ist Joachim Breitner, durch einen Erbfall begünstigt wohne ich am Branitzer Platz in Berlin, ich bin direkt aus dem völlig zutreffend und durch mein Verschulden so genannten Kreuzberger Drecksloch direkt an den überaus herrschaftlich daherkommenden und doch wiederum in seiner Gewöhnlichkeit ekelerregenden Branitzer Platz gezogen, wo ich seit nunmehr sechsundzwanzig Jahren hauptsächlich im ehemaligen Arbeitszimmer ein, wie man sagt, karges Dasein friste und fast täglich die laute, stinkende Heerstraße entlang bis zum Scholzplatz und dem Jüdischen Friedhof einen sogenannten Sinnzusammenhang weit spazieren gehe, bis ich umkehre und meinen geordneten Rückzug in die heimischen Katakomben antrete, wo ich, völlig erschöpft, einen oberflächlichen Schlaf schlafe und quälende Träume träume und auf den Morgen warte. Wäre die Hoffnung auf den Morgen nicht, ich stürbe, denke ich. Rote Bürste mit dunklen Augen, rote, feine Lippen, das Strahlen, dieses gleißende Strahlen, alles gelingt der strahlenden Kraft, denke ich, immer noch lachend, den Eckermann jetzt in der linken Pranke, die rechte in Warteposition, das minimale wirkliche oder nur vorgestellte Vibrieren der Brücke mit den Beinen minimal federnd parierend, und sie sagt Hallo, ich bin Ute und ich antworte mit einem unsäglichen Breitner, angenehm und ergreife mit der freien Pranke so gut ich kann ein Paar schmale, wohlgeformte Hände und ein Buch, das Gegenbuch, wie ich denke und schüttele alles mit blöder Tollpatschigkeit und sie fragt Komma und wie weiter, und ich sage aufgeregt, wir werden Frankfurt erobern und leben und sie sagt ruhig, ganz ruhig und freundlich: Ich meine den Vornamen und fügt hinzu: Herr Breitner, Sie haben große Hände.

Berlin, denke ich und verzeihe Ute umgehend, weiterhin lachend, der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin stehe ich durchaus gleichgültig gegenüber, aber Frankfurt muss man gesehen und erlebt haben, man mag über Frankfurt geteilter Meinung sein, und doch versäumt derjenige Wichtiges, der Frankfurt sozusagen links liegen lässt und sich somit eines Eindruckes beraubt, den zu haben und gehabt zu haben die Weltkenntnisetikette geradezu erfordert, während die Weltkenntnisetikette die Kenntnis der ehemaligen Reichshauptstadt aus gutem Grund zu vernachlässigen erlaubt, wie ich hingerissen denke. Frankfurt, denke ich und erkunde Utes große, dunkle Augen, die ehemalige Freie Reichsstadt Frankfurt bietet dem umherziehenden, umhertollenden Bürger und Freien Denkanstöße in Hülle und Fülle in, wie man sagen muss, verwertbarer Portionierung und unaufdringlicher Fülle, einzigartig in dem manchmal verklausulierten Wunsch der Metropole nach Weltgeltung und lässig in ihrer Haltung allem Irdischen und somit Vergänglichen gegenüber. Zufrieden und voller Tatendrang gebe ich Utes Hände und das von mir so genannte Gegenbuch frei und warte. Wen die Weltstadt ins Herz schließt, denke ich, mag nicht von ihr lassen, Frankfurt gewährt dem Strauchelnden Zuflucht, Frankfurt spendet Zuversicht, Frankfurt führt Buch, denke ich und stutze, Frankfurt warnt, Frankfurt krächzt, Frankfurt kennt seine Pappenheimer, warum denke ich Frankfurt kennt seine Pappenheimer, denke ich, Frankfurt ist ahnungslos, ich heiße Joachim Breitner und bin in einen Erbfall verstrickt, der mich auf Umwegen nach Unstadt geführt hat, der mich sozusagen mittels eines langen Anlaufs, mittels eines außerordentlich langen Anlaufs nach Unstadt, in die schöne Stadt Nicht geführt hat, wo mir mittels einiger geschickter Handgriffe des Schicksals, wie ich denke, die rotbürstige Ute in die Arme getrieben wird, von wo ich sie, wie ich von einem Moment auf den anderen denke, nicht entkommen lassen werde, unter keinen Umständen, wie ich trotzköpfig denke, ich werde sie keinesfalls aus den Augen verlieren, ich werde sie zu gemeinsamen Plänen bewegen, ihr ein Denken abringen und nahelegen, das weit in die Zukunft ragen und Hamburg, London, Paris und Rom sowie Capri einbeziehen wird, aber jetzt will ich sagen, was zu sagen ist, ich ringe mit Worten, wie ich immer mit Worten gerungen habe, schaue Ute an und ringe und platze unvermittelt, der dicke, kleine Breitner platzt mit Worten heraus, als er fragt: Gewähren Gnädigste einen Tanz ins Ungewisse, und Ute fragt kokett, ist siebzig gewiss oder ungewiss, und ich sage erstaunt Breitner, Joachim, dreiundfünfzig, und sie sagt hinreißend unverschämt Breitner, sehr gerne Breitner und was willst du einmal werden, Breitner? und ich weiche aus und sage Cohn, ein Name mit Geschichte und Ute sagt: wessen.

Würde, denke ich, was ist das, das sogenannte Leben in Würde und starre an Ute vorbei in den trüben Main und spüre meinen Herzschlag, mitten auf dem Eisernen Steg spüre ich meinen Herzschlag und höre mich atmen und denke und mache Vorschläge und stelle Fragen und schlage einen Griechen in der Heiligkreuzgasse vor und Ute bejaht, zum ersten Mal lausche ich Utes Bejahen und wir verlassen den Eisernen Steg und gehen und gehen und ich sage Berlin um nicht Stade zu sagen und sie sagt Frankfurt und ich lobe die Stadt und Ute sagt meine, und ich sage right or wrong, und Ute denkt nach und sagt nein, niemals, und es gibt Kataifi Ekmek und zwei große Wolfsbarsche im Ganzen gegrillt und Kykladen-Landwein, und Ute sagt Dinge wie Svevo wird unterschätzt, und ich sage Svevo, der Lorbass oder wie wir alle.

Ich mag Frankfurt, denke ich.Wir treiben durch das All auf der Suche nach Schnörkellosem, denke ich, und finden die Leere, wir begegnen uns im wortreichen Strom der Zeit und scheitern an den Begriffen, wir begegnen uns selbst, und schrecken zurück, endlich sehen wir wohlgeformte Hände, ein tiefenschönes Gesicht, und staunen. Wir leben und müssen es hinnehmen, zu keiner Einsicht gelangen wir ohne Abschied, wir drohen über den Tellerrand ins Bodenlose zu stürzen, nahezu täglich gehe ich in Berlin vom Branitzer Platz über die Kastanienallee Richtung Theodor-Heuss-Platz und quere dabei die sogenannte Reichsstraße, bis ich, von unablässiger Denktätigkeit längst niedergewalzt, die fürchterliche Heerstraße erreiche, der ich bis zum Scholzplatz folge, ohne einen sogenannten Blick über den Tellerrand getan zu haben, nahezu täglich kopfschmerze ich durch die fürchterliche Heerstraße, kopfschmerzend erreiche ich den Scholzplatz und nehme einen Happen in einem Wirtshaus am Jüdischen Friedhof und erkenne nichts, gar nichts, Nulllinie Breitner, denke ich, zurück am Branitzer Platz kauere ich im ehemaligen Arbeitszimmer und warte auf sogenannte bessere Zeiten oder das Sturmklingeln des Hausmeisters am Morgen, des verlässlichen, des zupackenden Hausmeisters, der Treppenstufen auszubessern hat, ein Fenster neu verkittet, die knarrende Eingangstür ölt oder den Gartenzaun streicht, damit ich sorgenfrei bin, und in der Lage, wie ich jetzt denke, in der sogenannten Goethestadt ein tiefenschönes Gesicht zu erblicken und formvollendeten Händen meine Aufwartung zu machen und zu sagen Svevo der Lorbass oder Gewähren Gnädigste einen Tanz ins Ungewisse. Reich zu sein bedarf es wenig, denke ich, als wir beschwingt den Griechen Richtung Römer verlassen, die Hüterin der Bücher im Ruhestand Ute, wie ich jetzt weiß und der ewige Ruheständler Breitner, wie sie jetzt weiß, denke ich, Goldjunge Breitner vom Fischmarkt Stade. Man höre im Kreuzberger Drecksloch ein Klingeln und empfange einen Anzug mit Koffer und unterschreibe Papiere über Papiere und lasse den Dingen ihren Lauf, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, wie ich plötzlich zusammenhangslos denke und füge, völlig aus der Bahn geworfen, hinzu: Der ewige Ruheständler Breitner und die strahlende rote Bürste im Ruhestand mit den formschönen Händen Ute vergeben ihren Schuldigern und wiederhole es laut und stehe mit Ute mitten auf dem Römer im schönsten Sonnenlicht und scherze, und Ute sagt, als wären wir uralte Freunde aus uralten Zeiten du spinnst Breitner und ich sage ich wanke.

Erst jetzt sehe ich ihr buntes Sommerkleid, mitten auf dem Römer lacht mich ihr buntes Sommerkleid an, Svevo sage ich betont abfällig, Eckermann, antwortet sie gespielt angewidert, sechsmal, sage ich und sage los, und wir umrunden die Paulskirche, die dumme, dumme Paulskirche, wie ich denke, die hochverehrte Halt-die-Fresse-Paulskirche, den Paulskirchenverschlag, und rasen hinunter zum trüben Main, mit einem sogenannten Affenzahn, Affenzahn-Ute geruht zu pesen, denke ich, Ute, der geölte Blitz, gefolgt von Drecksack Breitner von der traurigen Gestalt. Mir bleibt die Luft weg, immer bleibt mir die Luft weg, ich kann nicht mehr, rufe ich, von wegen klein aber oho, denke ich, ich verzeihe dir, ruft Ute und küsst mich und flüstert du bist ein Wrack, Breitner, was mache ich nur mit dir. Und Breitner, höre ich, als ich beschließe, meine Zelte im gemochten Frankfurt, im verehrten und geliebten Frankfurt, wie ich denke, aufzuschlagen, mein Übergangsheim, mein Zwölftagekämmerlein zu verlassen und ein seit Tagen ins Auge gefasstes Luxushochhausteuerapartment mit Concierge-Service und Hotelanbindung am südlichen Mainufer mit Türmeblick auf auf unbestimmte Zeit anzumieten und die Worte dort will ich wohnen denke: Und Breitner, du hast wirklich sehr große Hände.

 

Ich bin, denke ich und starre im Soundsovielten zum soundsovielten Mal die Decke an, ich bin Breitner, das Tier, Breitner, das wilde, wilde Tier, mit allem und immerzu meine ich mich, wie es einem Tier zusteht, wie es der Drecksau Breitner zusteht, wenn ich Stade sage, meine ich mich, wenn ich Kühn sage, meine ich mich, wenn ich Frankfurt sage, meine ich mich, wenn ich südliches Mainufer und Luxushochhausteuerapartment sage, meine ich zuallererst und vor allem mich. Sogar wenn ich über den Eisernen Steg schleiche mit dem verschmutzten Eckermann unter dem Arm und die Worte das freche Luder mit dem Buch deckenstarrend im Zimmer denke, meine ich höchstselbst mich, während die tiefenschöne Svevo-Tante Ute, wie ich sie nenne, der Mensch Ute, durchtrieben und mit allen Wassern gewaschen den Steg Steg, den Main Main und das Goethehaus Goethehaus nennt, mich allerdings mit den Worten Breitner mit den großen Händen wiederholt durch den sogenannten Kakao zieht, aber damit, wie ich zugeben muss, virtuos den Punkt trifft, den Breitnerpunkt, wie ich denke. Ute und ich werden ein Paar, denke ich. Vielleicht werden Ute und ich ein Paar. Alles läuft darauf hinaus, dass wir uns in rasender Geschwindigkeit zu einem sogenannten Paar entwickeln, im Grunde sind die beiden Teilnehmer der Veranstaltung, wie ich denke, schon auf dem Eisernen Steg augenblicklich zu einem Paar geworden, spätestens die von Ute im Anschluss so bezeichnete herrliche Schüttelaktion, hat uns zu einem sogenannten Paar gemacht und wird von nun an, wie ich deckenstarrend im Zimmer denke, Unzertrennlichkeit walten lassen, zuhauf werden sich in Zukunft Gründe ergeben, Unzertrennlichkeit walten zu lassen, mit allen uns zu Verfügung stehenden Mitteln werden wir Unzertrennlichkeit walten lassen, Gnädigste erregen Durchlaucht außerordentlich, habe ich essbegleitend beim Griechen zu sagen gewagt, denke ich, essbegleitend zu Kataifi Ekmek habe ich gewagt, meinem außerordentlichen Erregungszustand Ausdruck zu verleihen, der Sinn Frankfurts besteht möglicherweise, wie ich deckenstarrend im Soundsovielten staunend zusammenfasse, in der Wahrnehmung eines in dieser Intensität unbekannten Erregungszustandes und dem furchtlosen Hinausposaunen desselben beim jetzt so zu bezeichnenden Stammgriechen in der sogenannten Heiliggeistgasse. Ute und ich werden, Ute und ich sind ein Paar, die rote Bürste mit dunklen Augen und die großen Pranken werden ein Paar wenn sie es will, wenn sie es will, werden wir zu einer sogenannten Liaison voranschreiten, was geschieht, geschieht, in einem bunten Sommerkleid auf dem Eisernen Steg und in einer jahrzehntealten beigen Cordhose aus Kreuzberger Dreckslochtagen werden wir den Paarschwur leisten, denke ich. Wenn sie es will, verleben wir herrliche Zeiten im Schatten der Türme, die erregende Ute mit dem tiefenschönen Gesicht und Kotzbrocken Breitner, denke ich amüsiert, die Lady und das Tier. Seite für Seite verbrenne ich in Gedanken meine verschollene Rite-Rotz-Drecksdissertation Die Erwartung der Nation in der Soziologie und denke im Soundsovielten erleichtert die Worte Joachim Breitner scheißt auf die Drecks-Erwartung des Dachschaden-Nationalen in der Schreckens-Soziologie. Die Dinge, denke ich, entfalten ihre Wahrheit, werden wahr, wenn es auf sie ankommt, kommt es auf die Erwartung an, denke ich, wird die Erwartung zur Drecks-Erwartung, wie festzustellen ist. Kommt es darauf an, wird alles Nationale zum abgefeimten Dachschaden, wird die Soziologie auf die Probe gestellt und soll ihren sogenannten Mann stehen, wie ich unzweifelhaft mit Blick auf die sogenannten dunklen Jahre festgestellt habe, wird sie zur Schreckens-Soziologie, denke ich deckenstarrend, wer die Nation erwartet, erwartet den Schwachsinn, wer auf das Nationale setzt, befördert den Schwachsinn, wer den Dreck will, will ihn ganz. Goethe sagt, denke ich, keinesfalls am Arsch sondern nachweislich im Arsch, trotzdem ist das Am in aller Munde, denke ich und lache die Decke an, während das Im nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm gebührt, am Arsch ist etwas deutlich Anderes als im Arsch, am Main mit Ute geradezu das Gegenteil von im Main mit Klumpatsch und Eckermann, wie ich seelenruhig denke. Mit meinem gesamten Klumpatsch werde ich morgen nach Durchführung einiger lästiger Telefonate von der Zelle aus handstreichartig den Eisernen Steg Richtung Sachsenhausen überqueren, um ein Luxushochhausteuerapartment mit Concierge-Service und Hotelanbindung am südlichen Mainufer auf unbestimmte Zeit glücklich zu beziehen und anschließend die erregende siebzigjährige ehemalige Hüterin der Bücher Ute mit der roten Bürste vor dem sogenannten und weltweit bekannten Städelmuseum in die Arme zu schließen, wenn sie es will und es sich nicht anders überlegt, nachdem sie Svevo zu Ende gelesen hat, wie ich denke, ich wünsche mir, denke ich, wiederum ein tiefenschönes Gesicht, schmale, wohlgeformte Hände und spöttische, feine, tiefrote Lippen und werde Dinge sagen wie ich bin umgezogen oder jetzt lebe ich in Frankfurt oder wenn du willst, besuch mich in meinem neuen Luxushochhausteuerapartment oder du erregst mich, Ute, wohin gehen wir. Deckenstarrend erwarte ich das gleißende Licht in stockfinsterer Nacht, denke ich, erregt genieße ich die Stadt und denke peinlich berührt die Worte: Frankfurt ist mein, mir wird nichts mangeln. Ich habe Stade geliebt und bin gegangen, denke ich, in Berlin gehe ich bis zum Scholzplatz und kehre um. Wie weiter, sage ich, wenn Durchlaucht es wünschen, sagt Ute zum Abschied, sehen wir uns wieder.

Ich schließe die Augen. Ein sogenanntes Leben, denke ich, geht dem Erbfall voraus, aber der Erbfall ändert es. Ein sogenanntes Leben findet statt und vergeht, wie der Erbfall ebenfalls beweist, und führt, wie im Fall Joachim Breitner zur Aufgabe des Kreuzberger Dreckslochs und dem Kauf einer vermaledeiten Villa am Branitzer Platz ohne Sinn und Verstand, das sogenannte Leben beginnt und endet, wie ich denke, ohne jeglichen Sinn und Verstand, wir machen den Fehler, den Würgemalen unserer Existenz einen sogenannten Sinn unterzuschieben, wie auch der Ritualmord einen Sinn beansprucht, der indes nur als untergeschobener Sinn Geltung beanspruchen kann wie die Reinhaltung des Drecks oder die Reinhaltung des vermaledeiten Lebens. Ich stehe an der Elbe und warte, ich stehe am Themseufer und warte, ich schaue auf Seine und Tiber und warte, ich stehe auf Capris Klippen, erwäge und verwerfe eine Selbsttötung und warte und verfluche das vermaledeite Leben ohne Sinn und Verstand. Der Ritualmord, denke ich, ist der Kindergarten des Lebens, mordend begegnen wir Langeweile, mordend stellen wir Einvernehmen her, wir beschwören mordend die sogenannte Reinhaltung des Drecks, die Liebe erschwindelt die Liebe, denke ich, seit ich in Frankfurt meiner Wege gehe, wie man sagt, versuche ich der wahnwitzige Liebe erschwindelnden Liebe auf den Grund zu gehen, ich steige an der Hauptwache aus und denke über die Liebe erschwindelnde Liebe in ihrer ganzen Wahnwitzigkeit nach, ich erwache nach schweren Träumen im Soundsovielten und sinniere sogleich über die Liebe erschwindelnde Liebe, ich steuere den Eisernen Steg an und erwäge den wahnwitzigen Schwindel der sogenannten Liebe, sogar in der Sicherheitsschleuse des von mir wieder und wieder besuchten Museums Judengasse muss ich vor konservierten Mauerresten an die Liebe erschwindelnde Liebe im Zeichen der Wahnwitzigkeit denken, denke ich mit geschlossenen Augen in meinem nunmehr nachtdunklen Übergangsheim im Soundsovielten, ich gehe in Gedanken mit meinem alten Bekannten Kühn nach sechsundzwanzig Jahren zum Griechen und überdenke anschließend die Eigenheiten vermaledeite Liebe erschwindelnder Liebe, bevor, wie man sagt, ein unruhiger Schlaf mich übermannt und ich immer noch volle acht Tage davon entfernt bin, Gnädigste kennenzulernen, noch volle acht Tage dauert es, vom Zeitpunkt des Verzehrs eines vermeintlich großen Wolfsbarsches gerechnet bis zur Wiederholung der Tat in veränderter Besetzung und dem Beginn des Utismus, volle acht Tage der Betrachtung des von mir so genannten Liebesschwindels im Wandel der Zeit, flaumweiche, dahinziehende acht Tage, bis Gnädigste auf dem Eisernen Steg dunkeläugig den niemals vorher so genannten Pranken-Durchlauchtismus auszurufen sich bereit erklären und der Liebe erschwindelnden Liebe ein Lager bereitet, wie ich weit nach Mitternacht mit geschlossenen Augen wachend denke, Breitner unterliegt Liebesschwindel, glaube ich in leuchtenden Neonlettern am Frankfurter Nachthimmel zu lesen. Für Breitner kommt jede Rettung zu spät, steht da, Frankfurt leuchtet, kein Geistlicher hat ihn begleitet, wir fahren, wohin wir fahren, ein strenges Glück. Aber da schlafe ich schon.

 

Früh am Morgen erwache ich und ängstige mich. Im Soundsovielten verstaue ich meinen Klumpatsch und nehme den Fahrstuhl. Ich stehe am Empfang wie vor zwölf Tagen. Ich sage: ich ziehe um. Ich reiße mich zu den Worten hin: Sie sehen, ich habe das Geld. Ich nehme ein Taxi zum Eisernen Steg. Ich überquere den Main mit Klumpatsch und Eckermann. Ich erwäge in aller Eile eine Selbsttötung und verwerfe sie flüchtig. Ich gehe am südlichen Mainufer entlang. Ich begrüße den Concierge Gerken, und nehme den Fahrstuhl. Ich beziehe das Luxushochhausteuerapartment und betrachte die Türme. Ich bekomme Kopfschmerzen und warte, bis sie vergehen. Ich summe ein Lied und verstumme. Ich denke den Namen Ute. Ich bestelle ein Frühstück und nehme ein Bad. Ich beschließe, nie wieder Frankfurt zu verlassen und denke die Worte: Es ist absurd. Ich schaue auf meine Pranken. Ich schreibe einen Brief und schicke ihn per Boten an eine Adresse, die mir nichts sagt, nichts sagen soll: Falls etwas ist.

 

Frankfurt, jetzt

Liebe Ute,

was du mir bist -

 

Die Fürstin

Fernab über Gipfeln ist Ruh'
kein Wipfelhauch

und noch dazu
ein Schweigen im Wald.
Ach fühl ich mich alt
vom Warten.

Und endlich kommst du.


 

Bis gleich,

Breitner.

 

Ich nehme den Fahrstuhl. Ich nicke Gerken zu. Ich gehe zum Main und denke.

 

 

Kapitel 5

Der Main

 

Einmal Frankfurter, beginnen die Lügen, denke ich. Wir wünschen uns Glück und lügen, denke ich, wir behaupten wieder und wieder Unwahres über uns und andere und brüsten uns sogar damit, wir drehen uns ziellos im Kreis und betrügen uns selbst, wir sagen: der trübe Main und sind doch selbst trübe Gestalten bis zur Unkenntlichkeit, wir reden falsch Zeugnis wider unseren Nächsten und wider uns selbst und verbergen unsere Abgründe hinter galanten Phrasen der Niedertracht, und über allem thronen die Türme. Der lügt, der behauptet, er lüge nicht, denke ich, die lügt, die uns weismachen will, sie rede der Liebe das Wort und müsse daher obsiegen im Angesicht der Liebe. Wozu eine Regung, ein Wort, ein Lächeln, denke ich und bemerke einen Anflug von Kopfschmerzen, die Lüge weiß es, niemandes Regung, niemandes Wort, niemandes Lächeln, ohne das sogenannte Wissen und Zutun der immerwährenden Lüge, jeder barmherzige Kuss ein Aufsagen des Lügeneinmaleins, jeder Schwur ein Potpourri der Lügen, der trübe Main ein Lügenbaron, ein Hort der Unwahrheit, wie ich denke, eine Irreführung, ein schauriges Tier, wie Breitner, wie ich. Wie der Main, so die Lüge, denke ich, den Main betrachtend. Lügt der Frankfurter und behauptet die Unwahrheit, folgt er unwillkürlich dem Main auf seinem von mir so genannten Lügenweg durch Dreck und Dumpfheit auf Schritt und Tritt. Wir treiben Schabernack und überqueren den Main in diese und jene Richtung, die Lüge im Hinterkopf, die pochende Lüge im Hinterkopf, denke ich, überall brodelt die Lüge, im sogenannten trüben Main ebenso wie auf dem Eisernen Steg. Fragen wir einen Frankfurter nach diesem und jenem, hören wir Lügengeschichten am laufenden Band, hören den typischen Frankfurter Sing-Sang, das typische Frankfurter Gerede und Gestammel, lauschen wir dem trüben Flussspektakel, hören wir zuallererst das verlogene Stammeln des Flusses. Befragt nach unseren Eindrücken als sogenannter Neufrankfurter lügen wir und sprechen vom lieblichen Main und vom romantischen Eisernen Steg und empfinden bestenfalls Gleichgültigkeit und das Rinnen einer zähen Molke zwischen sogenanntem Römer und dem von mir so genannten Sachsenhausen-Desaster. Sonne, Mond und Sterne lügen, denke ich grübelnd am Mainufer, wenn sie zwischen sogenanntem Römer und innerlich und äußerlich entkerntem Sachsenhausen Frankfurt zu unverdienter Geltung verhelfen und dem Main Schönheit einhauchen, wo keine Schönheit ist, Geheimnisse vortäuschen, wo kein Geheimnis je seinen Ort hatte, oder ein Funkeln herreichen, wo, wie ich plötzlich denke, nüchtern betrachtet, zähe Molke sich in sogenanntem weiten Bogen durch vergiftetes Erdreich fräst. Der Dichterfürst, denke ich respektlos, hat den richtigen Riecher, als er dem Lügenkaff Frankfurt entsagt und in einem anderen, dem Residenzlügenkaff Weimar sozusagen dicke Backen macht, ohne auf die Lüge als solche zu verzichten. Vielmehr gelingt es dem verehrten Schlitzohr, die Lüge in für ihn angenehmer Weise zu verdoppeln und der Lüge der sogenannten Messestadt nun zur Erweiterung seines und unseres Horizonts die Residenzkafflüge hinzuzufügen und zunächst in seinem Lustschuppen an der Ilm und sodann in seinem Frauenplanverschlag beide Lügen, wie ich denken muss, majestätisch zusammenzufügen und wechselseitig clownesk übereinanderzuschichten und überdies weitere Formen der Lüge in sein hochfliegendes Werk und Leben einzuarbeiten wie die Geheimratslüge, die Ministerlüge, die Mineral- und Farbenlüge, nicht zu vergessen die größte aller Lügen, die Repräsentationslüge. Um nicht Lüge zu sein, um nicht, wie ich schwermütig am Südufer stehend denke, in der Lüge zu schwimmen, müsste der Main sich selbst überqueren, er müsste, stelle ich erschrocken fest, Fluss und Brücke zugleich sein, also nicht nur er selbst, sondern etwas außer ihm und somit außerhalb seiner Möglichkeiten. Die trübe Brühe lügt, aber sie schützt, die zähe Molke unter dem Eisernen Steg schützt den Main in seinem Sosein und, wie ich verwirrt denke, vor seinem Sosein, wie auch Alt- und Neufrankfurter von der Lüge in ihrem Sosein und vor ihrem Sosein und ihrer dumpfen Wahrheit als Unstädter geschützt werden, wie auch der Dichterfürst ohne die Lüge und sein doppelt geschütztes Sosein kaum sein dreiundachzigstes Jahr erreicht hätte, denke ich erleichtert, wie auch das schaurige Tier Breitner ohne die Lüge und sein auf diese Weisen geschütztes Sosein nie und nimmer sein dreiundfüngzigstes Jahr erreicht hätte, vielleicht gerade sein sechsundzwanzigstes oder gerade einmal siebenundzwanzigstes und dann, wie man sagt, von der Bildfläche verschwunden wäre und zwar ganz und gar in breitnerscher fülliger Vollständigkeit, wie man sagen muss, wie in Ermangelung gegenteiliger denkbarer Annahmen gesagt werden muss, wie ich denke. Das schaurige Tier Breitner und die trübe Brühe Main sind eins, Breitner zum Fluss, der Main zum Tier geworden, ergäben sie einander deckungsgleich und befreit von Überresten der Ungleichheit vollständig in der Lüge. Dem Main zwischen sogenanntem Römer und Äppelwoi-Sachsenhausen-Desaster gelingt beispielhaft die makellose Lüge. Mitten im scheinheiligen Kaiserkrönungskaff Frankfurt, frisst der sogenannte große Nebenfluss eines ungleich Größeren sich fett im Schatten der Türme und lügt hemmungslos und ergötzt sich an seiner trüben Taten- und Talentlosigkeit auf dem Weg zur rheinischen Taten- und Talentlosigkeit auf dem Weg zum Delta der Lüge auf dem Weg zu mir, denke ich, aber dem schaurigen Breitner, dem geborenen Lügner Breitner wird Unstadt reichen, denke ich, eine Selbsttötung erwägend und verwerfend, der Main und Frankfurt reichen dem, der es will, einmal Frankfurter, immer Frankfurter, spreche ich in den trüben Main, einmal den Main im Nacken, immer den Main im Nacken, einmal der Cohn verfallen, für immer der Gnädigsten verfallen, in Gedanken laufe ich nachts mit Kühn über den Fischmarkt in Stade und singe und Kühn sagt gegen seine sonstige Gewohnheit Undurchdachtes, nämlich: wenn die ganze Welt kiffen würde, und ich sage was dann, und Kühn sagt, Pottsau Kühn von Kühn und Partner, denke ich, sagt, dann wäre sie besser, und ich sage einen Scheißdreck wäre sie und dann kiffen wir hinter einem zugigen Mauervorsprung und Kühn sagt Dinge wie die Chimäre Stade oder die Rettung Hamburg, und am nächsten Tag beginnen die Qualen der Reifeprüfung, morgen, sage ich, beugen wir uns der Reifeprüfung, und Kühn sagt Arschlecken Rasieren, Breitner und ich antworte, wie es sich gehört, drei Mark fuffzig, Breitner und dann sitzen wir auf dem Mauervorsprung und rufen nie wieder und wissen nicht, was wir meinen, einfach nur nie wieder und gehen nach Haus, Kühn müde und zuversichtlich, ich unentschlossen und bedrückt, er erhaben grinsend, ich angeekelt, er versöhnlich, ich unversöhnlich, er ins elterliche Refugium, wie ich denke, ich ins riesige Breitnersche Anwesen vor den Toren der Stadt. Das Nachdenken über den Main, denke ich erstaunt und schulterzuckend, führt mich ins riesige Breitnersche Anwesen vor den Toren der Stadt, Arschlecken Rasieren denke ich wieder und wieder und betrete den Eisernen Steg und vergieße einige fahrige Tränen, wie ich sie sogleich zu nennen bereit bin, drei Mark fuffzig, der falsche Fuffziger zahlt drei Mark fuffzig für Arschlecken Rasieren, im Arsch oder am, Hauptsache Arschlecken Rasieren, Hauptsache drei Mark fuffzig, denke ich und lache laut. Das schaurige Tier Breitner schwört Bruder Main ewige Lügentreue auf dem romantischen Eisernen Steg, denke ich, innehaltend. Alles vermag die Lüge. Ich spüre das schwere Fließen der Plörre unter mir, Schulklassen hasten an mir vorbei, ich schließe die Augen und male ein Bild und nenne es Hastende Schulklassen auf Steg über Plörre, der Privatgelehrte und Kunstinteressierte Doktor Joachim Breitner, denke ich, erweitert entschlossen auf Hastende Schulklassen auf Steg über Plörre an Bratze Breitner vorbei, wir begrüßen Bratze Breitner vom Branitzer Platz, denke ich, vor nunmehr zwölf Tagen ist der Privatgelehrte und Ritualmordspezialist Achim das Tier in der Turmmetropole Unstadt eingetroffen und soeben mit dem Bezug eines alles in allem recht ordentlichen Luxushochhausteuerapartments ein rechtschaffener Unstadter Bürger geworden. Wir begrüßen Herrn Tier, denke ich, wir begrüßen das weit über die Reichsgrenzen bekannte privatgelehrte Dreckschwein in unserem schönen Örtchen, das mit Tier nach dem Weggang des Dichterfürsten endlich wieder einen nennenswerten Neuzugang vorweisen kann. In seiner Geburtsstadt Stade als Bratzenkönig bekannt, kämpfte er sich durch einen errungenen und ersessenen Erbfall in die erste Reihe Berliner Villenbesitzer vor und regierte bis vor Kurzem mit seinem Wissen über die Erwartung der Nation und den Ritualmord von seinem ehemaligen Arbeitszimmer aus faktisch die Welt. Mit Dreckschwein Achim ist uns in Unstadt ein besonders kapitaler Rotzlöffel ins Netz gegangen, der, es sei gepriesen, mit übergroßen im Ganzen gegrillten Wolfsbarschen leidlich bei Laune gehalten werden kann, wenn sie denn wirklich übergroß und keine angeberischen Winzlinge sind, die sich für gottverdammte Pottwale ausgeben, wie Achim das Tier sagt. Meine Damen und Herren, denke ich hingebungsvoll, Unstadt leuchtet aus sich heraus, aber seine Strahlkraft wird noch gesteigert durch den tierischen Zuzug der Lüge ins Lügenmekka. Täglich eine Selbsttötung erwägend und verwerfend, bleibt unser dreckiger Held frisch, denke ich, frisch wie die sagenhafte Plörre, die unser schönes Fleckchen Erde durchströmt und mit Lügen über Wasser hält und sozusagen, wie alles auf der Welt, wie unser Scheißheld meint, denke ich, einem ewigen Sozusagen unterworfen ist, einem streifenfreien und glattbügelnden Sozusagen, neben dem unwiderlegbaren, wasserdichten Sozusagen, denke ich schulklassendurchschüttelt, auf dem Eisernen Steg hilft unserem Privatgelackmeierten sein Eckermann und eine Ladung Kataifi Ekmek zum Überleben, denke ich, wir begrüßen Achim das Tier, töte dich, Achim, lebe, rufen wir ihm zu, aber bekenne dich, Dreckschwein, herzlich willkommen.

 

Wieder und wieder, vom Main kommend, vom verschwatzten Schulklassensteg kommend, von den Türmen kommend, wie ich denke, erreiche ich zum wiederholten Male das Museum Judengasse, erreiche und betrete es, wieder und wieder treibt es mich zum sogenannten Museum Judengasse, ich erreiche und umrunde den Paulskirchenverschlag, ich erreiche und umrunde ich das Dom-Agglomerat, ich jage den sogenannten Maintower bis aufs jubelnde Dach hinauf, ich drücke mich mit verstohlenem Blick am weltberühmten Städelmuseum vorbei, und schon, wie ich denke, treibt es mich, wieder in das von mir jederzeit favorisierte Museum Judengasse, der unverbesserliche Judenfreund Breitner betritt wieder und wieder das Museum Judengasse, denke ich, die Lügenplörre treibt den verlogenen Lebensmathematiker und Kopfschmerzbaron Breitner in die weit ausgebreiteten Arme des Museums Judengasse, die trübe Mainbrühe steht, wie ich denke, in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu den ausgebreiteten Armen des Museums Judengasse, je trüber und undurchsichtiger die Drecksbrühe im Lügenmekka, schießt es mir durch den Kopf, desto einladender die sogenannten musealen Räumlichkeiten des Museums Judengasse, je höher und unzugänglicher die Lügentürme Frankfurts, desto zarter das schlechthin Verschüttete, das Namenlose, wie ich nachmuseal gottergeben denke, während ich an der Friedhofsmauer des sogenannten Neuen Börneplatzes Namen um Namen der Namenlosen entziffere, Namen der namentlich und schlechthin Umgekommenen, Namen der namentlich und schlechthin Gemordeten, Namen der namentlich und schlechthin Beraubten und Verlorenen, bis ich erschöpft, auf einer Besuchererschöpfungsbank niedersinke und einige Zeit an Capri, die Piazzetta, den sonnenbeschienenen Golf von Neapel und den Monte Solaro denke, eine Selbsttötung erwäge und verwerfe und das schlechthin Verlorene in sogenannte ferne Nebel entlasse.

Wie durch ein Wunder, denke ich und schaue auf die Uhr, wie durch ein Wunder hat es mich in die plötzlich von mir so genannte schöne Stadt Frankfurt verschlagen, der schöne Main lässt die Gemüter durch und durch, wie ich denke, erstrahlen, glücklich der Mensch, der die alte verzweigte Hansestadt Stade und die alte verzweigte ehemalige Reichshauptstadt und jetzige Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin verlässt und sich in der ehemaligen Freien und herrlichen Kaiserkrönungsortschaft und jetzigen überaus herrlichen und hochschießenden Großsiedlung Frankfurt niederlässt, sei es durch einen einmaligen, nicht wiederholbaren Zufall oder durch einen Anfall von akuter Liebhaberei, wie ich denke, es ist, denke ich, alles in allem akute Liebhaberei, die Frankfurts Herrlichkeit, wie man sagt, zu seinem Recht verhilft, dem begeisterten Gedanken verschwenderisch freien Lauf lässt und der Tatkraft zur Liebeskraft verhilft. Frankfurt stürbe ohne das Geschenk der akuten Liebhaberei, aber, denke ich, sie ist ja da und wandelt zwischen den Menschen, die sich der Stadt öffnen und ergeben. Selbst der Zufall, Genosse Zufall, wie ich hochtrabend und die Uhrzeit erwägend denke, ist alles in allem ein, wenn auch illegitimes Kind der akuten Liebhaberei, Hamburg, London, Paris und Rom, denke ich belustigt, haben beispielhaft die akute Liebhaberei durch besondere Raffinesse gepachtet, Frankfurt gelingt mehrheitlich mittels eines von mir so genannten illegitimen Kniffs, namentlich der sogenannten inneren Überredung, der Weg vom Zufall zur Liebhaberei, aber, denke ich großzügig und voller Tatendrang, das macht nichts. Dem Dichterfürsten, denke ich vergleichend und laufe los, bietet sich die Gelegenheit Weimar, dem Bratzenkönig bieten sich Wolfsbarsche in Hülle und Fülle, wenn ich es schaffe, das Städelmuseum in zwei Minuten zu erreichen, treffe ich Ute, der ich ein Gedicht geschrieben habe über das Schweigen im Wald. Nie und nimmer schaffe ich den Weg zum Städelmuseum in zwei Minuten, aber die große Linie stimmt, denke ich. In zwei Minuten erreiche ich nie und nimmer das Städel, überlege ich und halte an und schnaufe und schließe die Augen. Anstatt Ute atemlos und verschwitzt vor dem noch zu besuchenden, berühmten und sehr wichtigen Städel gegenüberzutreten, mache ich, wie ich denke, weil es nichts macht und die große Linie stimmt, von meinem außerordentlichen und für Notfälle dieser Art reservierten Rücktrittsrecht Gebrauch und erscheine nicht vor dem Städel und verhalte mich ruhig und schöpfe Kraft. Und ewig lockt der Main, denke ich, das holprige Straßenpflaster durch die klobigen Wanderschuhe spürend, deine klobigen Wanderschuhe, sagte Ute beim Griechen in der Heiligkreuzgasse, stehen dir außerordentlich, sie unterstreichen deine Persönlichkeit, als du über den Eisernen Steg gewatschelt bist, sagte sie, denke ich, fielen mir zuerst dein Gang und deine klobigen Wanderschuhe auf, ohne deine klobigen Wanderschuhe und deine großen Hände wären wir keinesfalls ins Gespräch gekommen, sagte sie, denke ich, erst deine klobigen Wanderschuhe und deine großen Hände geben dir den speziellen Durchlauchtcharakter, sagte die Cohn lachend, denke ich, Gnädigste erkennen sofort Durchlauchtiges, sagte sie, das Kataifi Ekmek in Angriff nehmend, wenn wir das Städel besuchen, wünsche ich mir deine klobigen Wanderschuhe, Breitner, sagte Ute, denke ich, und denke daran, wie Ute sagt: Du bist ein Schrat, deine Schuhe sind die Schuhe eines Schrats, dein Gang ist der Gang eines Schrats, dein Hunger ein Schrathunger, nur in deinen Augen schimmert die Lüge.

In den Augen des Rücktrittsrechtgebrauchenden schimmert die Lüge, denke ich entrüstet und drehe, immer noch kurzatmig, um, und nehme meinen alten verwaisten Sitzplatz auf dem sogenannten Neuen Börneplatz hinter dem Museum Judengasse ein, Joachim Breitner sitzt am Platz der namentlich und schlechthin Ermordeten und lässt einen Termin verstreichen, denke ich, und füge denkend die Worte: der Judenfreund und Ritualmordsachverständige Doktor Joachim Breitner nimmt Platz und liest im auf Schritt und Tritt mitgeführten Eckermann Erbauliches über den Dichterfürsten und Frankfurtexilanten Johann Wolfgang von Goethe, ehemals Johann Wolfgang Goethe, dem der adelige Name nie etwas bedeutet hat, der ihn aber trotzdem angenommen hat, hinzu, und füge denkend die Worte: der Todessehnsüchtige und bis in die klobigen Wanderschuhe verlogene Lügenbaron und Privatgelehrte Achi Breitner blinzelt am sogenannten Neuen Börneplatz in die Sonne und spielt mit dem Gedanken, erneut das Museum Judengasse zu betreten, was er aber nach reiflicher Überlegung unterlässt, um das dortige Wach- und Sicherheitspersonal nicht zu verschrecken, hinzu, und füge abschließend denkend die Worte: der ohne Sinn und Verstand nach einer regelmäßig stattfindenden Sommerreise am Mainufer angespülte Dreckskerl und Kühnfreund Breitner denkt an die zahllosen namentlich und grundsätzlich Ermordeten und denkt an die ehemaligen lieben Eltern im Riesenanwesen vor den Toren der Hansestadt Stade nachdem er rammdösig einen überaus wichtigen Termin verstreichen ließ und nun die Folgen zu tragen hat, die allerdings milde ausfallen dürften, weil die große Linie stimmt, hinzu, und denke an Ute, die mir einen zarten Wangenkuss verabreichte und mich wegen meiner mangelnden Kondition bedauerte und die sagte, Breitner, du spinnst, aber morgen im Städel trägst du die klobigen Wanderschuhe, und ich sagte ich habe keine anderen, nur die klobigen Wanderschuhe, ich kann dich, sagte ich beim von mir jetzt so genannten Griechenschmaus in schmatzendem Tonfall, hierhin und dorthin küssen, wenn du es willst, aber ich werde so oder so morgen, also heute, also eigentlich jetzt, wie ich denke, auch wenn du es nicht wolltest, die klobigen Wanderschuhe tragen müssen, weil mir keine anderen zur Verfügung stehen und sie mich gedanklich von Stade ablenken, wo ich auf Geheiß meiner ehemals lieben Eltern immer und ohne Ausnahme sogenannte schwarze Ausgehschuhe tragen musste, bis, wie sie, die lieben Eltern, sich ausdrückten, ich auf eigenen Füßen stehen könne, was ich spätestens seit dem Erbfall kann und tue und seitdem nur klobige Wanderschuhe trage, die du passend findest, auch wenn in meinen Augen die Lüge schimmert, wie ich sagte, denke ich. Endlich ist Ute in mein Leben getreten, denke ich und strecke auf dem sogenannten Neuen Börneplatz die Beine aus, ich werde sie hierhin und dorthin küssen, auch unter ihrem Sommerkleid werde ich Küsse platzieren, wenn sie es will, weil die große Linie unverrückbar stimmt, auch wenn ich heute schuldhaft unsere Verabredung, ganz knapp verpasse, was ich bedaure aber nicht ändern kann, wie ich denke, der Main ist mein Zeuge, dass ich das Städel in zwei Minuten vom sogenannten Neuen Börneplatz nicht und auch in neun Minuten nur halbtot und entstellt und somit in unwürdiger Verfassung erreicht hätte, was ich nach bereits erfolgtem Aufbruch und gleich darauf einsetzendem Nachdenken vermeiden wollte, weshalb ich auf dem Absatz kehrtgemacht habe und zum sogenannten Neuen Börneplatz zurückgekehrt bin und mir Gedanken über den Ankauf von Blumen mache, die ich der Tiefenschönheit Ute vermachen werde, um sie in meinem Sinne milde zu stimmen, wie ich denke, wenn ich vielleicht schon morgen in aller Frühe am Main entlanghusche, um mindestens drei Stunden vor dem dann vielleicht neuerlich verabredeten Termin vor dem Städel oder an anderem Orte vollzählig zu erscheinen, wie ich ohne eine Spur von Ironie aber mit schlechtem Gewissen denke. Der Platzmeister vom Branitzer Platz, denke ich, liebt Ute Cohn, die er kaum kennt, allein schon weil sie sich seiner erbarmt, lediglich so genannte mangelnde Kondition verhinderte soeben ein Treffen vor dem weltberühmten Städelmuseum zu Frankfurt. In Ermangelung eines Telefons, dass sich Held Breitner, wie ich denke, aus sogenannten grundsätzlichen Erwägungen nicht zugelegt hat und niemals zulegen wird, weil er für niemanden erreichbar sein will, muss zur erneuten Kontaktaufnahme und Blumenübergabe mit Gerkens bewährter Hilfe ein Bote bemüht werden, den Gerken, wie ich denke, erneut auf die Reise schicken muss, zu einer Adresse, die ich nicht kenne und nicht kennen will. Ich liebe Ute, denke ich plötzlich und erschrecke, aber es war mir nicht möglich, sie zu treffen. Frau Cohn ist ein Teil von mir, denke ich und zweifle an meinem Verstand, sie darf mir niemals verloren gehen, aber es ist ein sogenanntes Ding der Unmöglichkeit, die Cohn vor dem Städel zu treffen, zwei Minuten hätten nie und nimmer gereicht, niemals reichen zwei Minuten vom sogenannten Neuen Börneplatz bis zum Städel, sogar vom Eisernen Steg ist es unmöglich, das Städel in zwei Minuten zu erreichen, der Unaussprechliche, denke ich feierlich, hat mir die Cohn geschickt, warum ich in Frankfurt bin, weiß ich nicht, aber ich bin an der Hauptwache statt am Hauptbahnhof ausgestiegen und habe auf dem Eisernen Steg elf Tage später Ute Cohn getroffen, die sich meiner tief blickend mit einer mir bis dahin unbekannten Herzenswärme angenommen hat und die ich um keinen sogenannten Preis der Welt aus meinen großen Händen in die Freiheit rückentlassen werde. Niemals, sagte Ute, bevor wir gestern zum Sprint an den Main ansetzten und uns das erste Mal, wie ich denke, aus den Augen verloren, sind Freiheit und Wahrheit deckungsgleiche Größen, deine klobigen Wanderschuhe sind wahr, weil sie dich ausmachen, aber sie sind ein Zeichen der Unfreiheit, weil du unfrei bist, Breitner, sagte Ute gestern und sprintete leichtfüßig Richtung Main, vorbei an dumpfen Frankfurtern, stolzen, unfreien Bürgern, wie ich denke, vorbei an blöde dreinschauenden Tagesbesuchern, vorbei an makellos hergerichteten Bauten der Unfreiheit, vorbei an allem, vorbei an mir, schließlich fort von mir, wie ich dachte und mit ausgestreckten Beinen auf der Börneplatzsitzgelegenheit denke. Der Neufrankfurter Breitner wird sich Ute gegenüber erklären, wenn es soweit ist und wird mit der von ihm grenzenlos verehrten Ute Cohn ein sogenanntes Probesemester einlegen, wenn er sie nach der heutigen Schmach zurückgewinnen kann, denke ich, und mit Gerkens Hilfe erneut einen Boten zu einer mir unbekannten Adresse jagt, vielleicht nicht nur mit Blumen, sondern unter Umständen einem neuen Gedicht. Das sogenannte Gedicht und die Frau, denke ich, Herr Doktor Breitner hofft auf den beschwichtigenden Einfluss des tiefempfundenen Gedichts auf die tiefenschöne Frau von heute, schon der Frühfrankfurter und Spätweimarer Goethe wusste um den Einfluss des tiefempfundenen Gedichts auf die tiefenschöne Frau, mutmaße ich, ich will es ihm nachtun und den Ausschlag geben, Joachim Breitner dichtet und gibt den Ausschlag, denke ich, Joachim Breitner reißt das Ruder herum.

Mit für meine Verhältnisse rasanter Geschwindigkeit eile ich heimwärts zu meinem Luxushochhausteuerapartment, bestelle bei Gerken einen Boten, der sich bereithalten soll, wühle im Klumpatsch und entdecke nach geraumer Zeit auf einem vergilbten Zettel mein Lieblingsgedicht.

 

Ute, Liebe,

schreibe ich, Atemlosigkeit simulierend,

ich habe es versucht, aber in zwei Minuten erreiche ich unmöglich das Städelmuseum. Ich habe die Zeit vergessen und alles verdorben. Lass uns einen neuen Versuch unternehmen, morgen, übermorgen, wann du willst. Vielleicht nicht vor dem Städel, noch schrecke ich vor dem Städel zurück. Concierge Gerken nimmt deine Antwort in meiner neuen Heimstatt morgens ab neun und bis sechzehn Uhr dreißig entgegen. Zum Zeitvertreib und als Zeichen meiner unendlichen Wertschätzung dir gegenüber schicke ich dir mein Lieblingsgedicht. Ich habe es selbst vor sechsundzwanzig Jahren geschrieben, kurz bevor ich in Berlin aus dem Dreckloch in die Villa zog. Ich sprach beim kleinen Wolfsbarsch davon. Weißt du noch, Liebes? Verzeih mir.

Breitner

 

 

Gebeine



Gebeine.
Wieder und wieder
Gebeine.

Wie sie dort liegen.
Weiße Gebeine
werden langsam
zu Knochenmehl.

Wie meine Mühlen
mahlen.
Mahlen
Gebeine.
Wieder und wieder
zu Knochenmehl.

Meine Mühlen
mögen Mehl.
Mehr und mehr
Mehl.
Wieder und wieder.

Gebeine.


 

Gerken besorgt alles Weitere, denke ich, mit Blick aus dem Fenster. Warum nur diese Kopfschmerzen jetzt. Der Main, wohin man schaut, denke ich übertreibend. Von weit oben betrachtet spricht er die Wahrheit.


 


 

Kapitel 6

Sehnen

 

Gerken, denke ich, Trinker Gerken, Gerken mit Dienst-Schlips und Dienst-Montur und Gummel rot, Concierge Gerken mit der schmalen Rente, bis-siebzehn-Uhr-Gerken. Cohn, denkt Gerken, denke ich, bitteschön, nochmal Cohn, dieser Breitner, denkt er, denke ich, kein Telefon aus grundsätzlichen Erwägungen, nicht ganz dicht, Breitner, kaum hier, zweimal Cohn mit Boten, wenn er denn meint, denkt Gerken, denke ich, also wieder Cohn, Ute, wenn es hilft, muss Gerken denken, was auch sonst, denke ich, vielleicht noch, wenn es der Wahrheitsfindung dient, aber so denkt Gerken nicht. Dann: den Erbfall verwalten, dem Geld, nach Berlin schreiben. Zur Kenntnis: wohnhaft Frankfurt, jetzt wohnhaft Frankfurt.

Ich habe die sogenannte Liebe gesehen und für gut befunden, denke ich verwegen, das Luxushochhausteuerapartment lässig durchschreitend, Tiefenschönheit mit Sommerkleid, feine Lippen an dunklen Augen, rotbürstig, Ute. Auf Stade, denke ich unvermittelt, kommt es nicht an, auf Berlin kommt es nicht an, keinesfalls kommt es auf Frankfurt an, wir erkennen die sozusagen allerorts auffindbare Liebe und sehnen uns, plötzlich sehnen wir uns, wir lügen und sehnen uns, wir sprechen die Wahrheit und sehnen uns, wir lassen uns treiben und sehnen uns, wir töten, denke ich, und töten mit einem Anflug von Sehnsucht, die Umwandlung des einen Zustands in den anderen geschieht sehnsuchtsvoll. Breitner durchschwimmt den Ärmelkanal und erreicht Calais, Privatdozent Breitner eröffnet ein Waisenhaus auf Capri und nimmt Huldigungen entgegen, Fresssack Breitner verputzt einen Wolfsbarschriesen und starrt gegen die Decke und erwägt ein Mittagsschläfchen, Dreckschwein Breitner rudert ins Hessische und macht in Frankfurt fest, Doktor Breitner erkennt die Zeichen der Zeit und umgibt sich mit ungelösten Fragen, Achi das Tier verliert die Kontrolle auf dem sogenannten Eisernen Steg und verliebt sich in ein tiefenschönes Strahlen und ein buntes Sommerkleid, Joachim Breitner, erst Stade, dann Berlin, dann Frankfurt, erwägt die Hinrichtung seines Soseins, schafft aber nur die Verirrung ins Tragische, große Hände Breitners streichen zart über rote Bürste Cohns nach verunglücktem Rennen mainwärts, Durchlaucht Breitner erkennt die Zeichen der Zeit und zieht um, denke ich, wir töten uns das Leben zurecht, passgenau, immer drehen wir den Dingen den Hals um in der Hoffnung auf innere Läuterung, wir begehen den Ritualmord aus sogenannten edlen Beweggründen des inneren Ausgleichs, der äußeren Geschlossenheit, als Neujustierte vorläufig endend, wie ich denke, kehren wir zurück ins Glied, das Zucken der Hingerafften, ihre allseitige Versenkung und Auslöschung vor Augen, denke ich fantasierend und verspüre einen Hustenreiz, das Ritual lebt, das Mordritual, das Liebesritual, das Denkritual, das Lügenritual, das von mir so genannte Erbfallritual lebt und lebt fort, das Luxushochhausteuerapartment als Frankfurter Ritualbude lebt, denke ich, der Frankfurt-Flüchtling und vielversprechende Dichter und spätere Dichterfürst und vatergebeutelte Goethe sagt seelenruhig, sagt Eckermann, sage ich auswendig, kopfschmerzbewehrt, wie ich denke: Denn nicht genug, dass wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese geerbten Gebrechen, mit unseren eigenen vermehrt, unsern Nachkommen, und höre ein leises Klopfen und gehe zur Tür und warte und höre Schritte, die sich entfernen und schaue durch den sogenannten Spion und öffne schnell und sehe Ute, die sich umschaut und stehenbleibt und sagt Breitner, also doch und sage Frau Cohn, darf ich bitten und Ute antwortet unschlagbar wenn sie es durchaus wünschen, Durchlaucht und durchmisst den Raum zwischen uns und schreitet voran und begeht arglos das gesichterte Gelände, wie ich denke.

Wir stehen am Luxushochhausteuerapartmentfenster und schweigen. Über Frankfurt hinweg schweigen, denke ich, denken und schweigen, wir sehnen uns und schweigen, wir halten uns an den Händen und schweigen, wir stellen Forderungen und schweigen, wir schauen uns an und schweigen, wir umarmen den jeweils Anderen, wie ich denke und beschweigen einander inniglich. Jetzt das Schweigen brechen, der allerliebsten Ute Schweigen brechen, denke ich und sage: du bist unverändert bis auf das Kleid und Ute sagt mein Zweitkleid und lacht und fragt gefällt es dir und ich schaue in dunkle Augen und sage nicht so wie die, die es trägt, und wir stehen am Fenster und Ute fragt, ist es schön mit Geld, und ich sage nichts, und Ute fragt, warum bist du nicht zum Städel gekommen, und ich sage nichts, und Ute fragt, warum hast du kein Telefon, und ich sage nichts, und sie sagt, du schreibst komische Gedichte, und ich sage nichts und verlasse den Ort der Befragung, wie ich sogleich denke und lasse mich mit voller Wucht auf das sogenannte und in der diesbezüglichen Fachwelt bekannte und überwiegend gepriesene Design-Apartment-Sofa fallen und strahle Ute von Weitem an, wie sonst Ute mich gelegentlich grundlos von Weitem anstrahlt, wie ich denke, und erhebe mich und gehe zurück ans Fenster und zu ihr und sage wenn du es willst und küsse sie und küsse erregt rote, schmale Lippen und berühre sanft die rote Bürste und höre betört ihre sogenannt hingehauchten Worte: Nur zu, Herr Breitner. Die unter den stolzen Hansestädten ein sogenanntes kümmerliches Dasein fristende Hansestadt Stade, denke ich, ist durch seinen Honorarkonsul Doktor Joachim Breitner endlich im Kaiserkrönungskaff Frankfurt vertreten, wo ab heute im sogenannten Luxushochhausteuerapartment sogenannte Sichtvermerke in die Pässe unbescholtener und friedliebender Bürger gestempelt werden und zwar durch Achi-Konsul höchstselbst, Achi-Konsul mit den ehemals schwarzen Hanse-Ausgehschuhen und jetzigen klobigen Wanderschuhen, wie ich würdevoll, kraft meines neuen Amtes, Ute erregt küssend, denke. Antworten, sage ich, die Gunst des Augenblicks entschlossen nutzend, sind Schall und Rauch, auf die Eiserne Brücke getrieben stürzen sie sich ins Bodenlose und verfliegen, das trübe Mainwasser meidend, auf Nimmerwiedersehen, wir mögen, sage ich, durch Utes lautes Lachen und das wilde Fuchteln ihrer formschönen Hände irritiert, uns herumtreiben auf der Suche nach Antworten und finden Frankfurt und es reicht uns, es reicht, wie wir uns bereits zu denken angewöhnt haben, voll und ganz. Ich weiß nichts von dir, sage ich zur staunenden Ute, aber du trägst einen Namen, der mich beruhigt. Sage mir, was du sagen willst, sage ich, aber mir reicht dein Name, seit ich dich und deinen Namen kenne, traue ich dir, warum ich nach Frankfurt gekommen bin, weiß ich nicht, über dem trüben Main auf dem Eisernen Steg treffe ich dich und traue dir, irgendwann erzähle ich alles, sage ich zur stummen Ute, in Frankfurt lege ich Zeugnis ab, gleich beim Griechen erkennst du den Lügner, Saubeutel Breitner lügt, sage ich, und will doch Zeugnis ablegen, Judenfreund Breitner betrachtet Sonnenuntergang über Frankfurt und küsst Frau Cohn und traut ihr völlig aufgrund ihres Namens, sage ich, gerade breche ich in Gedanken am Branitzer Platz zu einem meiner langen Spaziergänge auf, sage ich traumverloren am Fenster stehend, nie habe ich sie gezählt, aber jetzt zähle ich sie und komme auf siebentausend lange Spaziergänge und denke und unterwerfe mich siebentausendmal dem Denkritual und scheitere zum siebentausendsten Mal und kehre am Scholzplatz um und erreiche erst zu weit fortgeschrittener Stunde das rettende ehemalige Arbeitszimmer, wo ich noch eine Weile den düsteren Branitzer Platz beobachte, und nichts erkenne und nichts wünsche als ein ruhig schlagendes Herz in kühler Nacht. Kann ich nicht schlafen, sage ich, reise ich mit einem Klumpatsch-Koffer in Gedanken zur Startrampe Hamburg, in völliger Dunkelheit rette ich mich in die Hafen- und Startrampenstadt Hamburg und hole in Gedanken zum Jahr für Jahr stattfindenden und von mir so genannten Reiserundschlag aus, ohne zu reisen, und schlafe ein und schlafe den Villenschlaf und schlafe gut und erwache durch das sogenannte Sturmklingeln des Hausmeisters, der die Butze in Schuss hält und der sie auch jetzt in Schuss hält nach meinem Wegzug, wie ich der mich eindringlich musternden Ute sage, meinem Wegzug, der, wie ich hinzufüge, endgültig ist und keinen Aufschub mehr duldete. Wohin ich gegangen bin, gehe ich, sage ich, in die Lügenhauptstadt Frankfurt, nach Unstadt, nach Nicht und werde dir alles sagen, wenn die Zeit reif ist, wie auch du mir alles sagst, wenn du es willst und die Zeit reif ist, sage ich, und Ute sagt: Knallkopf Breitner mit den großen Händen und schüttelt sich. Frankfurt, denke ich, übernimmt das sinkende Schiff, Ute sagt: Du redest wirr, aber du musst weiterlügen, sonst nimmt es ein böses Ende.

Eine Selbsttötung durch einen beherzten Sprung aus dem Fenster des Luxushochhausteuerapartments erwägend und verwerfend denke ich an die Sehnsucht und sehne mich. Ich lebe, denke ich, und die lieben Eltern sind längst hinüber, überraschend verstorben am selben Tag zur selben Stunde vor den Toren des kleinen Hansestädtchens Stade in ihrem überaus großen Anwesen, ausgeklungen und versenkt, den Würmern ein schauriger Genuss, wie ich denke. Utes formschöne Hand ergreifend, erkennt Breitner die Sehnsucht, und sehnt sich denke ich. Nie ist es die Liebe, sondern die Sehnsucht danach, nie der Tod, sondern die Todessehnsucht, vermute ich grübelnd, in Frankfurt lebe ich und lebe nicht, auf der Eisernen Brücke sehe ich Ute und sehe sie nicht und sehne mich, ich spreche mit Kühn über alte Zeiten und sehne mich und schweige, ich begrüße Gerken in seiner Loge und nehme ihn nicht wahr, ich stehe am Ufer der Themse und träume vom Tiber und sehne mich. Im strömenden Stader Regen laufe ich in Gedanken in schwarzen Ausgehschuhen die sogenannte Schwinge entlang bis zur Elbe und erwäge und verwerfe einen Tod durch Ertrinken und sehe einen sogenannten Ozeanriesen aus dem von allen so genannten herrlichen Hamburg kommen und winke, obwohl es unsinnig ist, winke ich, und Kühn steht plötzlich neben mir und winkt nicht und sagt lachend: Wäre ich du, auch ich würde winken. Kühn, sage ich beleidigt, denke ich, aber du bist nicht ich, und darum winkst du nicht und wirst niemals winken, und dann gehen wir schweigend zurück Richtung Stade und verabschieden uns vor den Toren der Stadt, und ich denke Kühn muss durchhalten mit mir, sonst halte ich nicht durch, und ich glaube Kühn ahnt etwas, denke ich, Ute wieder und wieder küssend, denn er sagt: Nicht mehr lang, Breitner, und Stade ist Geschichte. Die Erwartung der Nation in der Soziologie, denke ich, ist der endgültige Abschied von Stade nach einer Phase des Übergangs, aber die sogenannte Freie Universität Berlin und ihre mir feindselig gesonnenen lebenslänglich angestellten Mitarbeiter haben diesem Umstand in keinster Weise Rechnung getragen, wie ich denke, in keinster Weise handelt es sich bei den sogenannten wissenschaftlichen Gutachten bezüglich meiner Doktorarbeit um die Würdigung der Umstände ihrer Fertigstellung zwischen allen Stühlen, denke ich, Utes hell leuchtendes Zweitkleid bestaunend und liebgewinnend, die mit meiner verschollenen Doktorarbeit erbrachte Leistung als Teil meiner Lebensleistung im Kampf gegen den Irrtum konnte keinesfalls in einem sogenannten Gutachten gewürdigt werden und daher dem Verfasser richtlinienkonform nicht gutgeschrieben werden, wie ich, innerlich auflachend, denke. Die Note rite, denke ich, besagt somit nichts, jedenfalls nichts von Belang. Das Scheiß-Nationale, die dumpfbackige Dreckswärme der vermeintlich gleichen Art und die Unmöglichkeit der Zerstörung ihrer zum Himmel stinkenden Gedankenwelt selbst im wissenschaftlichen Bereich, selbst im Bereich der bloßen Erwartung sogenannter reiner Wissenschaftlichkeit, haben mich zum unverbesserlichen Skeptiker des Denkens und Fühlens und in der Folge zum sogenannten und absolut in jeder Hinsicht so gemeinten Judenfreund und Freund der immer potenziell verfolgbaren und verfolgten Kreatur schlechthin, des Menschen schlechthin, werden lassen, sage ich der jetzt besonders tiefenschön blickenden Bibliothekarin im Ruhestand Ute Cohn mit großem Ernst, immer noch Hand in Hand mit ihr am Fenster des Luxushochhausteuerapartments stehend. Dem Menschen schlechthin vertraue ich, sage ich überschwenglich, plötzliche Kopfschmerzen verspürend, spricht er sein Urteil über mich, ist es gerecht. Betrete ich den sogenannten Neuen Börneplatz und das Museum Judengasse nach dem Genuss eines besonders großen Wolfsbarsches begleitet von kühlem Kykladen-Landwein, begegne ich mit großer Dankbarkeit der von mir so genannten stillen Würde des Tages und gebe mich ungezügelt dem skeptischen Denken hin und bin traurig und glücklich zugleich, wie ich es nur hier sein kann. Nicht auf dem Eisernen Steg, nicht im Goethehaus, schon gar nicht auf dem quirlig-sinnentleerten Römer bin ich traurig und glücklich zugleich. Der Tod Roms führt geradewegs zur Geburt des Römers, sage ich lachend und umarme sanft die nach Lavendel duftende Ute. Durchlaucht treffen sich selbst in dunklem Raume, sagt sie spottend und fügt hinzu: Wenn ich will, komme ich wieder, im Drittkleid. - Wenn du willst, bitte ich dich, sage ich durchtrieben und löse die Umarmung. Deine Tricks, sagt Ute und geht. Sekunden später das leise, satte Klicken der Tür. Gerken wird noch da sein, denke ich, sie muss Gerken passieren. Er wird denken, was zu denken ist und sich irren.

 

Die Stille von allem. Frankfurt ist still hier oben, denke ich, aber was heißt das schon. Schlösse ich mit dem Leben ab, Frankfurt lebte weiter. Träte der Tod ein, die Welt bestünde fort, Hamburg bestünde fort, London bestünde fort, Rom und sogar Paris bestünden fort, Capri bestünde fort, wie auch Berlin und Stade einfach fortbestünden, als sei nichts geschehen. Ergäbe der Tod das Leben, ich schulterte ihn, denke ich. So aber hocke ich sechsundzwanzig Jahre in der Villa und brüte, brütend reise ich von Dreckskaff zu Dreckskaff, wanderbeschuht, klumpatschend, abgestorben, wie ich denke. Der Tod trifft immer den Richtigen, nämlich den Lebenden, denke ich scherzhaft und schäme mich augenblicklich dieses Gedankens. In keinster Weise bringt der Privatgelehrte Doktor Joachim Breitner sich um und mordet sich, allenfalls kommt eine sogenannte Abtötung in Frage, dem Abgestorbensein folgt die finale Abtötung, wir mögen das Dasein als besonders ausbaldowert empfinden und schaffen in unserer Lächerlichkeit nicht einmal den von mir so genannten Vernunftmord an uns selbst, sondern allenfalls eine Abtötung des ohnehin Abgestorbenen oder nur noch der Möglichkeit nach Existierenden, wie ich völlig niedergeschlagen denke, allenfalls der Abtötungstod kann folgerichtig als ebenso von mir so genannter machbarer Tod bezeichnet werden, die Todesart entscheidet dabei über die Folgerichtigkeit des sogenannten Lebens, haben wir es mit einem längst erfolgten Abgestorbensein des Lebens zu tun, kann sich die Abtötung glücklich auf das Institut der Folgerichtigkeit berufen, oder auf den so genannten ausgemerzten Lebensirrtum. Das so verstandene Leben ist das folgerichtige Leben der Verneinung, denke ich und bekomme überraschend Hunger auf einen Schwarm großer Wolfsbarsche und beschließe standhaft, dem Hunger Widerstand zu leisten und weiterzudenken. Du musst, denke ich, Widerstand leisten und weiterdenken bis zum bitteren Ende.

Folgerichtig, denke ich angestrengt weiter, wie die Abtötung des Abgestorbenen der Möglichkeit und Wirklichkeit nach ist mein Umzug nach Frankfurt, wie auch das Kennenlernen Utes auf dem Eisernen Steg folgerichtig zufällig und notwendig war, wie auch das Wiedersehen mit Kühn vor allem als sogenanntes ungeplantes Lebensabrundungswiedersehen folgerichtig war, wie auch der Bezug des Luxushochhausteuerapartments vor allem durch seine Folgerichtigkeit besticht, wie auch Schuld und Unschuld folgerichtige Seiten ein und derselben sogenannten Medaille sind, wie ich beruhigt denke. Der Blick auf die Türme ist Balsam für mein angespanntes Nervenkostüm und daher sozusagen als Maßnahme richtig und angemessen, denke ich weiter, der Erbfall als reiner Erbfall und Erlös seiner selbst ist der Prototyp der Folgerichtigkeit, vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren schmiedeten Folgerichtigkeit und existenzielle Verneinung gewissermaßen einen Pakt im besten Ex-Frankfurter Fürstensinne, wie ich beruhigend-dozierend denke. Die Abtötung der verneinenden wie auch der unsäglichen Existenz begründete den Erbfall der nach außen gewandten Verneinung, der bis heute nachwirkt, denke ich unvorsichtig, mit Kühn kotze ich in einem Akt der gastrischen Verneinung das Stader Griechenklo voll und hole sozusagen zum rettenden Weiterexistenzschlag aus und studiere ohne Sinn und Verstand Soziologie an der Freien Universität Berlin gegen den ausdrücklichen Willen der lieben Eltern und nehme einen Zug von Stade nach Hamburg und nehme einen Zug von Hamburg in die immerhin ehemalige Reichshauptstadt, wie Vater Breitner sagt und Mutter Breitner abnickt und komme nur noch einmal wieder, wie ich unbefangen denke, um eine letzte Erledigung vorzunehmen und ansonsten dem schönen Städtchen Stade Lebewohl zu sagen, ins Dreckloch nach Kreuzberg zu fahren und zu warten. Ein frohes Lied auf den Lippen tanze ich mit weit geöffneten Armen und kurzen, schnellen Schritten durch das von mir jetzt schon, wie es heißt, heiß und innig geliebte und bis auf Weiteres angemietete Luxushochhausteuerapartment mit Gehrken-Kabuff-Service und Hotelanschluss und bestelle aus der angeschlossenen, über die Grenzen der bekannten Stadt Frankfurt bekannten Hotelküche eine, wie ich denke, überteuerte Kleinigkeit zum schnellen Verzehr. Dem sogenannten freien Spiel der inneren Kräfte ausgeliefert stelle ich mir Frankfurt vor als farbenfrohes Tier, als Ute mit dem Sommerkleid, als Eisernen Steg der Liebe, als Wartehalle der großen Hände, bis ich mit der in angemessener Zeit gelieferten Kleinigkeit zu einer Einheit verschmelze, wie ich in einem glücklichen Moment denke und in Ermangelung eines schon zur Gewohnheit gewordenen Kykladen-Verschnitts dem mitgelieferten Grauburger zielstrebig zu Leibe rücke und ihn mit kräftigen Schlucken aus der Flasche in, wie man sagt, kürzester Zeit vernichte und mit ihm die sogenannte Kleinigkeit lustig versenke, Frankfurt, denke ich, ist die Stadt der lustig versenkten Kleinigkeiten, wie ebenso Stade als Stadt der lustig versenkten Kleinigkeiten Geltung beanspruchen darf, wie ich denke, Tag für Tag erweise ich mich als erprobter Spezialist für Kleinigkeitenversenkung in der Wartehalle der großen Hände, betrunken liege ich zwischen Essensresten auf dem Boden des Luxushochhausteuerapartments und beschließe, Ute aus allem herauszuhalten, solange es geht, in sogenannten schwarzen Ausgehschuhen geht der Mensch, solange es geht, denke ich, schließlich wird er an schwarzen Ausgehschuhen zugrunde gehen, oder er wird die Schuhe ausziehen und durch klobige Wanderschuhe ersetzen müssen, die ihren Zweck erfüllen, weil sie klobig sind und zum Wandern geeignet, während schwarze Ausgehschuhe sich nur zum Ausgehen eignen und manchmal nicht mal das. Ich sollte die Villa am Branitzer Platz verkaufen, ich sollte Berlin hinter mir lassen, wie ich Stade hinter mir gelassen haben, ich sollte sogar, wie ich, Rausch und Irrsinn gleichermaßen genießend, denke, den gebunkerten Millionen symbolisch abschwören und in andere gebunkerte Millionen umschichten, um eine sogenannte symbolische innere Reinigung zu vollziehen und den sogenannten Erbfall ein für alle Mal abzuschließen. Frankfurt eröffnet mir die Möglichkeit, mit dem Erbfall elegant in einem Luxushochhausteuerapartment abzuschließen und die Paarbildung voranzutreiben, sehe ich Ute Cohn in ihrem Drittkleid, werde ich ihr einen Vorschlag zur offiziellen Paarbildung unterbreiten und erregt ihre Antwort erwarten, ich werde auf Teufel komm heraus mehr wollen, wenn sie es will, ich werde sagen: Ich mag dein Fleisch, weil es welk ist, ich werde mit Ute rückwärts reisen von Capri bis nach Hamburg und von Hamburg überraschend, aber ohne zu zögern, in die sonnige Mittelmeermetropole Tel Aviv aufbrechen, um im Sand zu liegen und auszuschlafen. Oder wir bleiben in Frankfurt, Ute und ich, denke ich, und reden über alles. Wie es Brauch ist unter Liebenden, denke ich, reden wir über beinahe alles und krümmen uns vor Lachen in klobigen Wanderschuhen und bunten Drittkleidern, wie ich betrunken zwischen nunmehr erkalteten Essensresten auf dem Boden des Luxushochhausteuerapartments liegend denke. Herr Goethe reist nach Italien und kehrt ungern zurück, sage ich laut und denke an Gerken, der jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach sein Kabuff verlässt und in den sogenannten wohlverdienten Feierabend aufbricht, ich kenne Gerken nicht, denke ich, aber er bewacht mich und schickt Boten und sagt Herr Doktor und denkt, was zu denken ist und irrt sich und irrt sich nicht und schweigt.

Meine Tochter Annabell, sagte Ute gestern, über das Kataifi Ekmek oder noch über den Wolfsbarsch gebeugt, wie ich plötzlich denke, das erste Mal im Leben den Kauf eines Mobiltelefons zur Ermittlung von Sachverhalten erwägend, meine Tochter Annabell malt, und ich will, dass sie dich malt, Breitner. Die Cohns, sagte Ute, sind gnädige Zergliederer des Scheins, Annabell wird dich malen, und du wirst stillhalten, sagte sie, das tiefenschöne Gesicht vor Spott triefend, wie ich dachte, denke ich, du bist ein Untier unter den Tieren, sagte Ute mit sogenanntem lächelndem Kennerblick, wie ich dachte, ich spüre das. Durchlaucht ziehen in die Schlacht um Frankfurt mit ungewissem Ende und zerren am Sommerkleid der Fallenden. Stade, denke ich und erhebe mich schwerfällig von meinem ebenerdigen von mir so genannten Luxushochhausteuerapartmentlager und schwanke, wie ich denke, durch die möblierten Katakomben, Stade ist tot, wie die lieben Eltern, mausetot wie sie, irgendwann gab es Stade, aber hätte es Stade nicht gegeben, niemals wäre ich sitzengeblieben und an der Hauptwache ausgestiegen, ich wäre umgestiegen und hätte auf das schöne Berlin zugehalten, wie es geplant war, unter keinen Umständen wäre Doktor Joachim Breitner, wohnhaft bis dato Branitzer Platz, Charlottenburg, Berlin, im Konglomerat Nicht an Land gegangen, wenn es das mausetote Stade nicht gegeben hätte, mit den lieben Eltern vor den Toren der Stadt. Käme ich heute nach Stade, denke ich, den Klumpatsch verteilend im neuen Heim, ich stürbe auf der Stelle und gesellte mich zu Mum and Dad, wie ich widerwärtigerweise denke und vererbte, sagen wir, denke ich, alles dem Museum Judengasse, mein sogenanntes Spaziergängerleben bekäme einen von mir so genannten späten Sinn, aber ich werde scheitern und Stade nie mehr besuchen und nicht auf der Stelle sterben, sondern einen sogenannten qualvollen Tod erleiden, und, wie ich denke, nichts hinterlassen außer Dreck und Schande und noch mehr Dreck und noch mehr Schande und ein Paar Wanderschuhe. Bald, denke ich, wird Annabell Cohn mich malen, weil Ute sie bittet, und alles wird ans Tageslicht kommen, ich bin nach Frankfurt gekommen, um gemalt zu werden und alles auszuschwitzen, was in mir steckt. Ich sehne mich nach allem, was nicht in mir steckt, denke ich und erreiche den von mir so genannten lupenreinen Sanitärbereich und übergebe mich demütig und sehne mich nach einem Elbspaziergang mit Kühn und sehne mich nach Utes formschönen Händen und den dunklen Augen unter roter Bürste und Lippen wie Seide und reinem, welkem Fleisch, und nach der Zeit die allem folgt, wie ich denke. Der Ritualmord ist ein Sehnsuchtserfüller, wie auch der Ritualmordmord ein Sehnsuchtserfüller ist, wie die sogenannte Denunziation und die sogenannte Selbstdenunziation ein Sehnsuchtserfüller ersten Ranges ist, wie auch der Denunziationsmord, ganz zu schweigen vom Selbstdenunziationsmord, Sehnsüchte erfüllt, wie ich mit geschlossenen Augen vor der Toilette knieend denke. Der Dichterfürst, denke ich unvermittelt, tritt auf der Stelle, sehnt sich und verlässt Frankfurt und kehrt nicht zurück. Ich spüle das Erbrochene hinunter, verlasse den von mir so genannten Edelverschlag und öffne die Tür ins Nichts, wie ich wichtigtuerisch und selbstmitleidig denke. Ich gehe an Gerkens leerer Loge vorbei zum Mainufer und streife, wie man sagt, ziellos umher. Ich denke nach und mein Herz schlägt. Ich bin Joachim Breitner, das Untier unter den Tieren. Vor dem Städel bleibe ich stehen. Dann gehe ich weiter. Stürbe ich, denke ich, aber ich sterbe nicht.

 

 

Kapitel 7

Frankfurt

 

Fünf Monate Frankfurt und Annabell sagt: Wartet. Nur eine Sekunde.

In all unserer Flüchtigkeit und Schwere sind wir da und warten, unsere Herzen schlagen, und das Denken endet nicht. Wir fallen uns in die Arme und winden uns aus ihnen, wir sind unzertrennlich und fortwährend auf der Hut, denke ich, um uns die Stadt, zwischen uns der Fluss. Ute, sage ich eines Tages bittend im Luxushochhausteuerapartment, bleib mir ein Rätsel, du und dein Leben, und Ute sagt lächelnd wenn du es willst, und ich sage, ihren Blick suchend, die Frankfurter sind ehrbare Leute, aber was bin ich, Breitner, das Tier, Stade, Berlin, Frankfurt. Joachim, dunkelblau, hat die kühl-unnahbare, von mir so genannte Annabell die Reine das großformatige Bild genannt, von Ute, wie ich denke und von Anfang an gedacht habe, in unangenehmer, mütterlich-fordernder Weise angetrieben, Ute, denke ich, hat ihre berühmte Tochter für dieses Bild in Öl geradezu eingespannt, um mit Hilfe ihrer berühmten Tochter einen sogenannten Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu erfahren, was es mit Breitner, dem Geheimnisumwitterten, auf sich hat, während ich das überaus eigenwillige Bild vor drei Monaten im grauen Frankfurter Spätherbst kurzerhand für einen überaus angemessenen Preis erworben und goldgerahmt im Luxushochhausteuerapartment, wie mir durch den Kopf ging und immer noch durch den Kopf geht, von Breitnerangesicht zu Breitnerangesicht an einer kahlen, weißen Wand in einem toten Winkel mit Gerkens Hilfe aufgehängt habe, wo es, wie ich mit Ute schweigend in Annabells Atelier verharrend denke, seinen Platz gefunden hat, wie jeder seinen Platz findet, seinen Ort, jeder auf seine Art, Kühn als sogenannter Immobilien-Mogul bei Kühn und Partner, Gerken gefangen lauernd in seinem Schnapsflaschenversteckkabuff, Ute lächelnd mit dem Svevo auf dem Eisernen Steg, Annabell schwebend in immerwährendem Blau, ihrer blauen Phase,wie ich denke, ich wartend in Unstadt mit den Türmen nach der Erbfall-Enklave und Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin, nach Stade, die lieben Eltern, wie ich unvermittelt denke, auf dem idyllisch gelegenen Friedhof Geestberg der lieblich-schönen Hansestadt Stade, aus dem Leben gerissen durch feige Menschenhand und nach eingehender polizeilicher Untersuchung verscharrt im Familiengrab nach Anweisung des Sohnes und Einzelkindes Doktor Joachim Breitner, seinerzeit noch Joachim Breitner, wohnhaft im Kreuzberger Dreckloch, späterer Verfasser der Schriften Die Erwartung der Nation in der Soziologie sowie Der Ritualmord. Eine Einführung, wie ich, nunmehr seit einer sogenannten gefühlten Ewigkeit neben Ute wie angewurzelt stehend und Annabell bei der Erstellung von Kunst auf Frankfurter Boden beobachtend, denke. Ich mag die kühle Annabell, die junge, strenge, schwarzgelockte Annabell mit dem stechenden Blick, weil ich Luft für sie bin und Joachim, dunkelblau wie geronnene Luft erscheint, ich umrunde in Gedanken den Branitzer Platz, betrete das Haus mit seinen dreizehn Zimmern, bleibe unschlüssig im ehemaligen Arbeitszimmer stehen, erwäge eine Selbsttötung und verwerfe sie routiniert, verlasse das Haus und begebe mich mit einem Klumpatschkoffer nach Hamburg, um nachzudenken, wie ich tagträumend denke und die Elbe zu sehen und als Matrose Breitner anzuheuern und elbabwärts treibend dem Meer die Ehre zu erweisen. Wir erleben Frankfurt, denke ich, während ich die malende Annabell, die Tochter ihrer Mutter, wie ich denke, betrachte, wir erleben Frankfurt als Schneegestöber inmitten bläulicher Landschaften und fassen den Entschluss zur Flucht aus dem Wartesaalnest. Wollen wir aber dem Drecksgestöber entkommen, sehen wir uns plötzlichem Sonnenschein ausgesetzt und zögern. Erkennen wir bei näherem Hinsehen ein Wiedereinsetzen des Widrigen , das einen neuerlichen Fluchtversuch nahelegt, betrachten wir, schon geschwächt, das schneeschauernde Frankfurt als Naturgewalt, erkennen wir dann die einfache Wahrheit hinter der täuschenden Schneefassade und setzen zum Sprung ins bläuliche Nichts an, so finden wir uns, reinlich aufgelöst, in den Bildern Annabells, denke ich träumend. Dem Fluchttier Goethe gelingt die augenblicklich von mir so bezeichnete Fassaden-, Gestöber- und Sonnenflucht aus Frankfurt, um auf sogenannte neue Gedanken zu kommen und die lieben Eltern hinter sich zu lassen, während ich die lieben Eltern längst hinter mir gelassen habe und mich, den umgekehrten Weg wagend, nach Frankfurt katapultiert habe, um in der international bekannten Fassaden- und Schneegestöberstadt Frankfurt mein Heil zu finden, wie ich plötzlich laut lachend in Annabells Atelier denke. Seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten versuche ich in der sogenannten Freien und Hansestadt Hamburg zu Beginn meiner jährlichen Sommerfrische mein Heil zu finden, verfüge mich auf den Trafalgar Square in die herrlich auf Abstand bedachte und in sich selbst ruhende Metropole London, um mein Heil zu finden, winde mich angeekelt durch die Pariser Boulevards, nur um irgendwo zwischen dümmlich-dreisten Passanten und Aufschneidern mein Heil zu finden, schlendere über die römische Piazza del Popolo, um in einem Moment der Glückseligkeit mein Heil zu finden und lasse mich in luftiger Höhe auf Capri zwischen malerischen Felsvorsprüngen nieder, einzig und allein um den Sonnenuntergang zu betrachten und auf diese Weise mein Heil zu finden und geläutert den sogenannten geordneten Rückzug zum Branitzer Platz anzutreten und im ehemaligen Arbeitszimmer dem Hausmeister neue Weisungen zur Aufrechterhaltung der Bewohnbarkeit des Hauses zu erteilen und über den Schreibtisch ins sogenannte Freie zu starren und zu warten. Ute mit dem Sommerkleid, denke ich erregt, die tiefenschöne Ute mit dem roten Wintermantel an dunklen Augen, Ute mit dem welken, schönen Fleisch in Breitners Händen, Ute, die mich sofort erkannt hat auf dem berühmten Eisernen Steg bürgerschaftlichen Engagements, wie ich, Kühn ungenau zitierend, denke, Ute Cohn küsst ihre kühle, leuchtend-schöne Tochter Annabell und verlässt mit mir, wie sie es nennt, das Atelier der Blaumeise, und sagt: Durchlaucht zittern ja und ich lüge und sage mir ist kalt, und sie sagt von wegen und ich sage immer dieses Schneegestöber, und Ute sagt weil du im Blau verschwindest, aber du wirst leben mit deinen großen Händen und ich werde untergehen, und dann lachen wir beide. Am Untermainkai küsse ich Utes dunkle Augen und umarme den roten Wintermantel, blau, sage ich starr, ich bin nichts und weiß nichts von dir und Ute sagt du kennst meinen Namen, aber kennen willst du mich nicht, und ich sage ja, es ist sonderbar, alles und Ute sagt ich verzeihe dir. Dann küsse ich ihre Lippen, drehe mich um und gehe, gehe am trüben Main entlang, passiere grüßend Gerken, durchwühle den Klumpatsch und finde die Geschichte Laberkopp von Peter Kröger und freue mich, betrachte das nur aus Blautönen bestehende Joachim, dunkelblau im weißwandigen Krähwinkel des von mir, wie ich denke, eingewohnten Luxushochhausteuerapartments, sitze am Fenster und denke nach, denke an die kühle Annabell die Reine und ihr langes rabenschwarzes Haar, denke an Utes formschöne Hände in meinem schrägen Breitnergesicht, verliebe mich in die Farbe Blau und stelle mir Stade als blaue Stadt vor, als Stadt vor dem Anwesen vor den Toren der Stadt vor dem Untergang, wie ich, das Wesentliche überschlagend, zusammenfasse.

Seit wann nur diese Kopfschmerzen, denke ich, um mich abzulenken, immer diese Kopfschmerzen, gehe ich am Main entlang, habe ich Kopfschmerzen, schleiche ich über den Römerberg, habe ich Kopfschmerzen, betrete ich das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete und geschätzte Museum Judengasse, habe ich Kopfschmerzen, wandere ich in stundenlangen Märschen vom Main die sogenannte Nidda hinauf, setzen augenblicklich unangenehme Kopfschmerzen ein, die mir den Tag verderben, berührt mich Ute in bester Absicht auf meinen Verlangen hin unter der wattierten Winterjacke, muss ich sie, kopfschmerzbedingt, sogleich um den Abbruch jedweder Liebkosung bitten, trinke ich mit Kühn in heruntergekommenen Kaschemmen fragwürdigen sogenannten Äppelwoi in sogenannten Anstaltsmengen, setzt der undefinierbare Kopfschmerz noch vor dem definierbaren ein, nehme ich mir vor, Annabell nach dem Grund ihrer auffälligen Kühle mir gegenüber zu befragen, wird dieses Vorhaben sozusagen schon im Keim durch einsetzende Kopfschmerzen erstickt. Einzig und allein in Gerkens Gegenwart, denke ich, kommt es unter keinen Umständen zu Kopfschmerzen, weshalb ich, wie ich denke, häufig deutlich länger als notwendig eine Unterhaltung mit Gerken vor dem oder sogar im von mir geliebten Schnapsflaschenversteckkabuff führe, um den Zustand der Unmöglichkeit einsetzender Kopfschmerzen auszukosten und dafür Gerkens permanente sogenannte Alkoholausdünstungen, wie man sagt, ergeben in Kauf nehme und ihn sogar unaufgefordert mit sogenanntem Nachschub versorge. Seit Berlin, denke ich, verfolgen mich in unregelmäßigen Abständen sogenannte spontan auftretende Kopfschmerzattacken, während Frankfurt zur Stadt der regelmäßigen und gleichmäßig anschwellenden und abklingenden Kopfschmerzen geworden ist. Das Verfüllen der Lücken zwischen den Kopfschmerzattacken ist die mir verbleibende Lebensaufgabe, denke ich, aufgrund der von mir so genannten Frankfurter Kopfschmerzregelmäßigkeit wächst mir Frankfurt ans Herz. So, wie ich Ute liebe als regelmäßige Verfüllerin der Kopfschmerzlücken, liebe ich Frankfurt als Lückentaktgeber. Die gnädigen Cohns dieser Welt verfüllen die Kopfschmerzlücken der durchlauchtigen Breitners dieser Welt, verallgemeinere ich unzulässig, die Rettung der durchlauchtigen Breitners erfolgt durch die Inanspruchnahme der tiefenschönen Cohns, die Ausbeutung der tiefenschönen Cohns beginnt mit ihrer Inanspruchnahme als Verfüllern breitnerscher Kopfschmerzlücken, die aufgrund ihrer von mir so genannten schönen Regelmäßigkeit in Frankfurt ein geordnetes Zusammenleben erst ermöglichen, wie ich seltsam konzentriert denke, eine sofortige Selbsttötung außer der Reihe erwägend und verwerfend. Die gnädigen Cohns dieser Welt, denke ich und sehe Ute vor meinem sogenannten geistigen Auge auf dem Eisernen Steg von weitem im Svevo lesen und sehe mich mit dem, wie ich denke, armen Schwein Eckermann unter dem Arm heranwanken, die gnädigen Cohns und die durchlauchtigen Breitners mit den großen Händen und den klobigen Wanderschuhen beäugen einander erregt, besprechen das Wesentliche und lassen es sich nicht nehmen, zwei Wolfsbarsche zu verzehren und in einen Kykladenrausch zu verfallen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich sehe wieder Utes rote Bürste über den wunderbaren dunklen Augen, ich sehe die feinen Lippen und formschönen Hände und wittere ein schönes Leben und Ute sagt, vor nunmehr fünf Monaten sagt Ute: Du lügst, Breitner. Haltlos treiben wir durch das All, denke ich geborgen im Luxushochhausteuerapartment und sehe erneut zum Krähwinkel hinüber. Wir fügen uns ins sogenannte Unabänderliche und begehren auf und fügen uns unaufhörlich und treiben haltlos und treiben auf vorgegebenen Bahnen und sagen die Wahrheit und lügen und treiben weiter. Dem Erbfall entgeht nichts, denke ich, plötzlich einen Themenwechsel vollziehend, Frankfurt entgeht nichts, unserem fresssüchtigen Helden Achi-Tier Breitner entgeht nichts, Annabell entgeht nichts, die Mutter erkennt die Lüge, aber der Tochter entgeht nichts, wer den Drecksack malt, bemächtigt sich seiner, Annabell mag mich nicht, aber sie versteht mich, denke ich, wieder Joachim, dunkelblau betrachtend, eine sogenannte Welt dunkler Blautöne, denke ich, aber nirgendwo ist Joachim zu sehen, Erbfalldirektor Tunichtgut Breitner erscheint nicht, ein bloßer Namensgeber, es sei denn, er ist das goldgerahmte Bild selbst, wie ich denke, wie auch Frankfurt, das goldgerahmte Bild selbst ist und sich aus purer Eitelkeit ein paar Türme leistet um von seinem goldgerahmten Nichts abzulenken, während ich in einer sogenannten Welt dunkler Blautöne restlos aufgehe und meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtsein hergestellt sehe. Die berühmte Malerin und Tochter mit den schönen schwarzen Haaren Annabell Cohn, denke ich, hat meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtvorhandensein auf dem von mir direkt im Atelier erworbenen Bild Joachim, dunkelblau eindrucksvoll in Szene gesetzt, mein angebliches und gewissermaßen durch und durch wahres, allenfalls in dunklen Blautönen wahrnehmbares Nichtvorhandensein ist allerdings die Zurschaustellung der allergrößten vorstellbaren Lüge, denke ich kopfschmerzend, die sich beschönigend den Namen Wahrheit gegeben hat oder in diesem Fall Joachim, dunkelblau, was zur Minderung meines unendlichen Kontostandes um einen sogenannten gerechten fünfstelligen Betrag geführt hat, wie ich, den sogenannten Kopfschmerzhöhepunkt erreichend, denke. Ute hat mich durchschaut, während Annabell mich verstanden hat, überlege ich erschöpft. Die brave Hansestadt Stade hat mich in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin entlassen, von wo ich noch einmal zurückgekehrt bin, bevor ich, Unpässlichkeit vortäuschend, nicht mehr zurückgekehrt bin, nicht einmal zu den sogenannten Trauerfeierlichkeiten und von Berlin aus nach dem Ausscheiden der lieben Eltern aus dem weltlichen Geschehen das Nötige veranlasst und durchgesetzt habe. Das von mir so genannte klitzekleine Stade ist von mir fortan übersehen und erst durch den neuerlichen Frankfurter Kontakt mit meinem allerletzten guten Bekannten Herwig Kühn in meine Erinnerung zurückgekehrt und nicht wieder in der Versenkung verschwunden, wie Kühn, denke ich, nicht zu Unrecht bei unseren jetzt regelmäßig stattfindenden und von uns so genannten griechisch-orthodoxen Stammtischtreffen mit der ihm eigenen nüchternen Beschaulichkeit festzustellen pflegt. Alle Wege führen aus Stade, denke ich kichernd, das von mir mittlerweile geliebte Luxushochhausteuerapartment mit langen Schritten durchmessend, wer anderen eine Grube gräbt, füge ich hinzu, lasse mich auf dem sogenannten Designsofa nieder und lese im eingesauten Eckermann und denke an Ute und bin erregt und verlasse das sinkende Schiff und stürme lässig grüßend an Gerken vorbei und gerate in Schneegestöber und nehme ein Taxi und fahre zum Hotel mit dem Zimmer im Soundsovielten und nehme es für eine Nacht, weil ich das Geld habe und starre gegen die Decke und erwäge eine Beendigung der Beziehung mit Ute aus humanitären Gründen und verwerfe diesen Gedanken kopfschmerzgeplagt und falle, wie ich verzweifelt denke, in Ungnade mit mir selbst und fürchte die Einsamkeit und wünsche die Einsamkeit und verlasse am Morgen das Zimmer im Soundsovielten und betrete, wie ich gefasst denke, alte, eingelaufene Wege in meiner dritten Heimatstadt Frankfurt und schwanke glücklich und unglücklich durch das Museum Judengasse und kaufe ein Mobiltelefon zum Spottpreis, um das erste Mal seit Stade erreichbar zu sein und teile mit sogenannten Kurzmitteilungen Gerken die Nummer mit und teile Ute die Nummer mit und teile Kühn die Nummer mit und teile sogar Annabell und sogar dem Hausmeister am Branitzer Platz meine von jetzt an immer gültige und durchgehend erreichbare Telefonnummer mit und betrete ein Bordell und versuche erfolglos, dem Geschlechtsakt, wie ich denke, Würde zu verleihen und versage auf sogenannter ganzer Linie und lasse, die Bühne des Theaters Frankfurt, wie ich denke, erneut ziellos durchmessend, die Idole und Ereignisse meiner Jugend an meinem dritten, dem inneren Auge, vorüberziehen, als da waren: der Fluss Elbe als Idol; der Fluss Schwinge als Idol; die Insel Helgoland als Idol; die Tochter der Nachbarin Ilse Grapentin, Johanna Grapentin als Idol; die Ortschaft Cuxhaven als Idol und Hotelstandort für die verdeckten Unternehmungen des von mir später so genannten Obstindustriellen Wendell Breitner, Vater genannt; der mit Billigung seiner Gattin Silke, geborene Grapentin, Mutter genannt und ihrer Schwester Ilse mit der unehelich geborenen Nichte beziehungsweise Tochter , Johanna Grapentin, Cousine genannt, fuhrwerkende Obstindustrielle Wendell Breitner höchstselbst als Idol; ein Gedicht der bekannten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, namentlich Die Vergeltung als Ereignis; einige Texte des bekannten päderastischen Welt-Schriftstellers Thomas Mann, namentlich Der kleine Herr Friedemann und Tonio Kröger als Ereignis; einige Kompositionen der Komponisten Johann Sebastian Bach, namentlich die Goldbergvariationen, sowie Robert Schumann, namentlich die Kinderszenen, sowie Arnold Schoenberg, ehemals Arnold Schönberg, namentlich die Suite Opus 25, sowie Wendell Breitner, letzterer nach dem Fuhrwerken in Cuxhaven daheim zum Komponieren aufgelegt und obstindustriell komponierend als Ereignis; meine großen Hände bei Kerzenlicht im Jugendzimmer im Anwesen vor den Toren der Stadt als Ereignis; meine liebe Mutter Silke Breitner, geborene Grapentin, in der Moral von der Geschicht' lesend als Idol; große Portionen Essbares, um nicht vom Fleisch zu fallen als Ereignis; die sogenannte Liebe zwischen den Menschen sowie ihrer Dankbarkeit in allen Dingen als Ereignis; ferner das Ereignis der geplanten und erfolgten Selbsttötung der nur wenig älteren Johanna Grapentin im siebzehnten Jahr, weil es an der Zeit war und sie es wollte; das Ereignis einer Klassenfahrt nach Helgoland kurz vor Johannas Selbsttötung, als Johanna mir alles sagt und ich sie und ihr sogenanntes junges Leben soldatisch zum Durchhalten auffordere; wieder Bach, den ich direkt nach Erhalt der sogenannten Todesnachricht höre als Idol; wieder Schumann, den ich als Vertreter der obstindustriellen Familie direkt nach der Beerdigung im Jugendzimmer höre, als Idol; wieder Schoenberg, den ich fortan höre, damit keine Woge sich glättet, als Idol; schwarze Ausgehschuhe; eine originalgetreue Kopie von Goethe in der Campagna des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Wohnzimmer des riesigen Anwesens vor den Toren der Stadt Stade; die Mär vom Hebräer und dem Unglück der Unsrigen, regelmäßig dargebracht durch den zu spät geborenen Wendell Breitner als Ereignis; mein Freund Kühn als Idol; die Hochzeitsreise meiner lieben Eltern vor nunmehr fünfundfünfzig Jahren nebst Reisebericht und markierter Wegstrecke als nachgereichtes Ereignis; Stade als Anfang und Ende als Ereignis; mein Freund Kühn als Ereignis; Stade als Ende als Ereignis; mein sozusagen nachgereichtes Gedicht Gebeine als Ereignis und Abschluss zugleich.

Ich will es so denken, denke ich, meine dritte Heimatstadt Frankfurt ist mein letzter Glücksfall, nach dem ersten überwältigenden Glücksfall Stade folgt der zweite sozusagen erbfällige Glücksfall Branitzer Platz, gefolgt vom nunmehr fünf Monate währenden strengen Glück Frankfurts mit der tiefenschönen, welkfleischigen Ute als Krönung des letzten Glücksfalls, sozusagen als Krönung des Wesfalls, wie ich übermütig feststelle, Breitner, sagt Ute irgendwann in irgendeinem Spätsommermoment zwischen Tür und Angel, du hast keine Wahl, du musst fortfahren mit deinem Leben, du musst fortfahren auch wenn du nicht weißt warum, und dann gehen wir zur berühmten Annabell, und Annabell beginnt umgehend mit Joachim, dunkelblau, und ich kaufe es umgehend für einen in jedem Fall angemessenen Preis und hänge es in den Krähwinkel und betrachte es eingehend und sehe nichts, nur die Farbe blau und erkenne mich und warte auf den Winter bis er kommt und kleine Eisplättchen den trüben Main hinuntertreiben unter dem Eisernen Steg hindurch, auf dem Ute und ich stehen mit klobigen Wanderschuhen und einem Mantel in rot, ihre formschönen Hände in seinen, wie ich umherstreifend denke, als Gerken anruft und zur neuen Erreichbarkeit gratuliert und ich seinen Anruf mit den Worten pariere: Gibt es sonst noch etwas, Herr Gerken, ich habe soeben versagt und gehe spazieren und denke nach und höre meinen Herzschlag.

Dass meine Zeit kommen möge, denke ich und spüre eine Erregung zur sogenannten Unzeit und denke an Berlin und die Verkündung des Erbfalls und denke an die erste sogenannte große Sommerreise, die mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren nach einem genau festgelegten Plan von Hamburg nach Capri führt, der unvermeidlichen Sonne entgegen, wie ich, den Eisernen Steg zwischen frierenden Schulklassen überquerend, denke. Dass die Zeit des gährenden Drecks enden möge, denke ich plötzlich, der Stationen Stade, Berlin und Frankfurt gedenkend, dass Johanna leben möge, dass das Glück, wie ich verzweifelt auflachend denke, zu dem kommen möge, der warten kann, dass Ute mit der Bürste die mir Gemäße sei und Kühn mein Freund, wenn ich es will, dass der Tat die Tat entspringe, dass die lieben Eltern noch leben könnten, es aber nicht tun, dass sich Sinn leichter denken ließe, wenn er in Frankfurt wohnt und Stade ein Griechenklo ist. Rot vor Vergnügen und schwitzend vor Angst stehe ich in der Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Frankfurt und denke mit pochendem Herzen und erwäge eine Flucht ins Nichts und bleibe und kehre zurück nach Frankfurt.

 

 

Kapitel 8

Lachen

 

Fünf Monate Frankfurt und Annabell sagt: Wartet. Nur eine Sekunde.

In all unserer Flüchtigkeit und Schwere sind wir da und warten, unsere Herzen schlagen, und das Denken endet nicht. Wir fallen uns in die Arme und winden uns aus ihnen, wir sind unzertrennlich und fortwährend auf der Hut, denke ich, um uns die Stadt, zwischen uns der Fluss. Ute, sage ich eines Tages bittend im Luxushochhausteuerapartment, bleib mir ein Rätsel, du und dein Leben, und Ute sagt lächelnd wenn du es willst, und ich sage, ihren Blick suchend, die Frankfurter sind ehrbare Leute, aber was bin ich, Breitner, das Tier, Stade, Berlin, Frankfurt. Joachim, dunkelblau, hat die kühl-unnahbare, von mir so genannte Annabell die Reine das großformatige Bild genannt, von Ute, wie ich denke und von Anfang an gedacht habe, in unangenehmer, mütterlich-fordernder Weise angetrieben, Ute, denke ich, hat ihre berühmte Tochter für dieses Bild in Öl geradezu eingespannt, um mit Hilfe ihrer berühmten Tochter einen sogenannten Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu erfahren, was es mit Breitner, dem Geheimnisumwitterten, auf sich hat, während ich das überaus eigenwillige Bild vor drei Monaten im grauen Frankfurter Spätherbst kurzerhand für einen überaus angemessenen Preis erworben und goldgerahmt im Luxushochhausteuerapartment, wie mir durch den Kopf ging und immer noch durch den Kopf geht, von Breitnerangesicht zu Breitnerangesicht an einer kahlen, weißen Wand in einem toten Winkel mit Gerkens Hilfe aufgehängt habe, wo es, wie ich mit Ute schweigend in Annabells Atelier verharrend denke, seinen Platz gefunden hat, wie jeder seinen Platz findet, seinen Ort, jeder auf seine Art, Kühn als sogenannter Immobilien-Mogul bei Kühn und Partner, Gerken gefangen lauernd in seinem Schnapsflaschenversteckkabuff, Ute lächelnd mit dem Svevo auf dem Eisernen Steg, Annabell schwebend in immerwährendem Blau, ihrer blauen Phase,wie ich denke, ich wartend in Unstadt mit den Türmen nach der Erbfall-Enklave und Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin, nach Stade, die lieben Eltern, wie ich unvermittelt denke, auf dem idyllisch gelegenen Friedhof Geestberg der lieblich-schönen Hansestadt Stade, aus dem Leben gerissen durch feige Menschenhand und nach eingehender polizeilicher Untersuchung verscharrt im Familiengrab nach Anweisung des Sohnes und Einzelkindes Doktor Joachim Breitner, seinerzeit noch Joachim Breitner, wohnhaft im Kreuzberger Dreckloch, späterer Verfasser der Schriften Die Erwartung der Nation in der Soziologie sowie Der Ritualmord. Eine Einführung, wie ich, nunmehr seit einer sogenannten gefühlten Ewigkeit neben Ute wie angewurzelt stehend und Annabell bei der Erstellung von Kunst auf Frankfurter Boden beobachtend, denke. Ich mag die kühle Annabell, die junge, strenge, schwarzgelockte Annabell mit dem stechenden Blick, weil ich Luft für sie bin und Joachim, dunkelblau wie geronnene Luft erscheint, ich umrunde in Gedanken den Branitzer Platz, betrete das Haus mit seinen dreizehn Zimmern, bleibe unschlüssig im ehemaligen Arbeitszimmer stehen, erwäge eine Selbsttötung und verwerfe sie routiniert, verlasse das Haus und begebe mich mit einem Klumpatschkoffer nach Hamburg, um nachzudenken, wie ich tagträumend denke und die Elbe zu sehen und als Matrose Breitner anzuheuern und elbabwärts treibend dem Meer die Ehre zu erweisen. Wir erleben Frankfurt, denke ich, während ich die malende Annabell, die Tochter ihrer Mutter, wie ich denke, betrachte, wir erleben Frankfurt als Schneegestöber inmitten bläulicher Landschaften und fassen den Entschluss zur Flucht aus dem Wartesaalnest. Wollen wir aber dem Drecksgestöber entkommen, sehen wir uns plötzlichem Sonnenschein ausgesetzt und zögern. Erkennen wir bei näherem Hinsehen ein Wiedereinsetzen des Widrigen , das einen neuerlichen Fluchtversuch nahelegt, betrachten wir, schon geschwächt, das schneeschauernde Frankfurt als Naturgewalt, erkennen wir dann die einfache Wahrheit hinter der täuschenden Schneefassade und setzen zum Sprung ins bläuliche Nichts an, so finden wir uns, reinlich aufgelöst, in den Bildern Annabells, denke ich träumend. Dem Fluchttier Goethe gelingt die augenblicklich von mir so bezeichnete Fassaden-, Gestöber- und Sonnenflucht aus Frankfurt, um auf sogenannte neue Gedanken zu kommen und die lieben Eltern hinter sich zu lassen, während ich die lieben Eltern längst hinter mir gelassen habe und mich, den umgekehrten Weg wagend, nach Frankfurt katapultiert habe, um in der international bekannten Fassaden- und Schneegestöberstadt Frankfurt mein Heil zu finden, wie ich plötzlich laut lachend in Annabells Atelier denke. Seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten versuche ich in der sogenannten Freien und Hansestadt Hamburg zu Beginn meiner jährlichen Sommerfrische mein Heil zu finden, verfüge mich auf den Trafalgar Square in die herrlich auf Abstand bedachte und in sich selbst ruhende Metropole London, um mein Heil zu finden, winde mich angeekelt durch die Pariser Boulevards, nur um irgendwo zwischen dümmlich-dreisten Passanten und Aufschneidern mein Heil zu finden, schlendere über die römische Piazza del Popolo, um in einem Moment der Glückseligkeit mein Heil zu finden und lasse mich in luftiger Höhe auf Capri zwischen malerischen Felsvorsprüngen nieder, einzig und allein um den Sonnenuntergang zu betrachten und auf diese Weise mein Heil zu finden und geläutert den sogenannten geordneten Rückzug zum Branitzer Platz anzutreten und im ehemaligen Arbeitszimmer dem Hausmeister neue Weisungen zur Aufrechterhaltung der Bewohnbarkeit des Hauses zu erteilen und über den Schreibtisch ins sogenannte Freie zu starren und zu warten. Ute mit dem Sommerkleid, denke ich erregt, die tiefenschöne Ute mit dem roten Wintermantel an dunklen Augen, Ute mit dem welken, schönen Fleisch in Breitners Händen, Ute, die mich sofort erkannt hat auf dem berühmten Eisernen Steg bürgerschaftlichen Engagements, wie ich, Kühn ungenau zitierend, denke, Ute Cohn küsst ihre kühle, leuchtend-schöne Tochter Annabell und verlässt mit mir, wie sie es nennt, das Atelier der Blaumeise, und sagt: Durchlaucht zittern ja und ich lüge und sage mir ist kalt, und sie sagt von wegen und ich sage immer dieses Schneegestöber, und Ute sagt weil du im Blau verschwindest, aber du wirst leben mit deinen großen Händen und ich werde untergehen, und dann lachen wir beide. Am Untermainkai küsse ich Utes dunkle Augen und umarme den roten Wintermantel, blau, sage ich starr, ich bin nichts und weiß nichts von dir und Ute sagt du kennst meinen Namen, aber kennen willst du mich nicht, und ich sage ja, es ist sonderbar, alles und Ute sagt ich verzeihe dir. Dann küsse ich ihre Lippen, drehe mich um und gehe, gehe am trüben Main entlang, passiere grüßend Gerken, durchwühle den Klumpatsch und finde die Geschichte Laberkopp von Peter Kröger und freue mich, betrachte das nur aus Blautönen bestehende Joachim, dunkelblau im weißwandigen Krähwinkel des von mir, wie ich denke, eingewohnten Luxushochhausteuerapartments, sitze am Fenster und denke nach, denke an die kühle Annabell die Reine und ihr langes rabenschwarzes Haar, denke an Utes formschöne Hände in meinem schrägen Breitnergesicht, verliebe mich in die Farbe Blau und stelle mir Stade als blaue Stadt vor, als Stadt vor dem Anwesen vor den Toren der Stadt vor dem Untergang, wie ich, das Wesentliche überschlagend, zusammenfasse.

Seit wann nur diese Kopfschmerzen, denke ich, um mich abzulenken, immer diese Kopfschmerzen, gehe ich am Main entlang, habe ich Kopfschmerzen, schleiche ich über den Römerberg, habe ich Kopfschmerzen, betrete ich das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete und geschätzte Museum Judengasse, habe ich Kopfschmerzen, wandere ich in stundenlangen Märschen vom Main die sogenannte Nidda hinauf, setzen augenblicklich unangenehme Kopfschmerzen ein, die mir den Tag verderben, berührt mich Ute in bester Absicht auf meinen Verlangen hin unter der wattierten Winterjacke, muss ich sie, kopfschmerzbedingt, sogleich um den Abbruch jedweder Liebkosung bitten, trinke ich mit Kühn in heruntergekommenen Kaschemmen fragwürdigen sogenannten Äppelwoi in sogenannten Anstaltsmengen, setzt der undefinierbare Kopfschmerz noch vor dem definierbaren ein, nehme ich mir vor, Annabell nach dem Grund ihrer auffälligen Kühle mir gegenüber zu befragen, wird dieses Vorhaben sozusagen schon im Keim durch einsetzende Kopfschmerzen erstickt. Einzig und allein in Gerkens Gegenwart, denke ich, kommt es unter keinen Umständen zu Kopfschmerzen, weshalb ich, wie ich denke, häufig deutlich länger als notwendig eine Unterhaltung mit Gerken vor dem oder sogar im von mir geliebten Schnapsflaschenversteckkabuff führe, um den Zustand der Unmöglichkeit einsetzender Kopfschmerzen auszukosten und dafür Gerkens permanente sogenannte Alkoholausdünstungen, wie man sagt, ergeben in Kauf nehme und ihn sogar unaufgefordert mit sogenanntem Nachschub versorge. Seit Berlin, denke ich, verfolgen mich in unregelmäßigen Abständen sogenannte spontan auftretende Kopfschmerzattacken, während Frankfurt zur Stadt der regelmäßigen und gleichmäßig anschwellenden und abklingenden Kopfschmerzen geworden ist. Das Verfüllen der Lücken zwischen den Kopfschmerzattacken ist die mir verbleibende Lebensaufgabe, denke ich, aufgrund der von mir so genannten Frankfurter Kopfschmerzregelmäßigkeit wächst mir Frankfurt ans Herz. So, wie ich Ute liebe als regelmäßige Verfüllerin der Kopfschmerzlücken, liebe ich Frankfurt als Lückentaktgeber. Die gnädigen Cohns dieser Welt verfüllen die Kopfschmerzlücken der durchlauchtigen Breitners dieser Welt, verallgemeinere ich unzulässig, die Rettung der durchlauchtigen Breitners erfolgt durch die Inanspruchnahme der tiefenschönen Cohns, die Ausbeutung der tiefenschönen Cohns beginnt mit ihrer Inanspruchnahme als Verfüllern breitnerscher Kopfschmerzlücken, die aufgrund ihrer von mir so genannten schönen Regelmäßigkeit in Frankfurt ein geordnetes Zusammenleben erst ermöglichen, wie ich seltsam konzentriert denke, eine sofortige Selbsttötung außer der Reihe erwägend und verwerfend. Die gnädigen Cohns dieser Welt, denke ich und sehe Ute vor meinem sogenannten geistigen Auge auf dem Eisernen Steg von weitem im Svevo lesen und sehe mich mit dem, wie ich denke, armen Schwein Eckermann unter dem Arm heranwanken, die gnädigen Cohns und die durchlauchtigen Breitners mit den großen Händen und den klobigen Wanderschuhen beäugen einander erregt, besprechen das Wesentliche und lassen es sich nicht nehmen, zwei Wolfsbarsche zu verzehren und in einen Kykladenrausch zu verfallen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich sehe wieder Utes rote Bürste über den wunderbaren dunklen Augen, ich sehe die feinen Lippen und formschönen Hände und wittere ein schönes Leben und Ute sagt, vor nunmehr fünf Monaten sagt Ute: Du lügst, Breitner. Haltlos treiben wir durch das All, denke ich geborgen im Luxushochhausteuerapartment und sehe erneut zum Krähwinkel hinüber. Wir fügen uns ins sogenannte Unabänderliche und begehren auf und fügen uns unaufhörlich und treiben haltlos und treiben auf vorgegebenen Bahnen und sagen die Wahrheit und lügen und treiben weiter. Dem Erbfall entgeht nichts, denke ich, plötzlich einen Themenwechsel vollziehend, Frankfurt entgeht nichts, unserem fresssüchtigen Helden Achi-Tier Breitner entgeht nichts, Annabell entgeht nichts, die Mutter erkennt die Lüge, aber der Tochter entgeht nichts, wer den Drecksack malt, bemächtigt sich seiner, Annabell mag mich nicht, aber sie versteht mich, denke ich, wieder Joachim, dunkelblau betrachtend, eine sogenannte Welt dunkler Blautöne, denke ich, aber nirgendwo ist Joachim zu sehen, Erbfalldirektor Tunichtgut Breitner erscheint nicht, ein bloßer Namensgeber, es sei denn, er ist das goldgerahmte Bild selbst, wie ich denke, wie auch Frankfurt, das goldgerahmte Bild selbst ist und sich aus purer Eitelkeit ein paar Türme leistet um von seinem goldgerahmten Nichts abzulenken, während ich in einer sogenannten Welt dunkler Blautöne restlos aufgehe und meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtsein hergestellt sehe. Die berühmte Malerin und Tochter mit den schönen schwarzen Haaren Annabell Cohn, denke ich, hat meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtvorhandensein auf dem von mir direkt im Atelier erworbenen Bild Joachim, dunkelblau eindrucksvoll in Szene gesetzt, mein angebliches und gewissermaßen durch und durch wahres, allenfalls in dunklen Blautönen wahrnehmbares Nichtvorhandensein ist allerdings die Zurschaustellung der allergrößten vorstellbaren Lüge, denke ich kopfschmerzend, die sich beschönigend den Namen Wahrheit gegeben hat oder in diesem Fall Joachim, dunkelblau, was zur Minderung meines unendlichen Kontostandes um einen sogenannten gerechten fünfstelligen Betrag geführt hat, wie ich, den sogenannten Kopfschmerzhöhepunkt erreichend, denke. Ute hat mich durchschaut, während Annabell mich verstanden hat, überlege ich erschöpft. Die brave Hansestadt Stade hat mich in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin entlassen, von wo ich noch einmal zurückgekehrt bin, bevor ich, Unpässlichkeit vortäuschend, nicht mehr zurückgekehrt bin, nicht einmal zu den sogenannten Trauerfeierlichkeiten und von Berlin aus nach dem Ausscheiden der lieben Eltern aus dem weltlichen Geschehen das Nötige veranlasst und durchgesetzt habe. Das von mir so genannte klitzekleine Stade ist von mir fortan übersehen und erst durch den neuerlichen Frankfurter Kontakt mit meinem allerletzten guten Bekannten Herwig Kühn in meine Erinnerung zurückgekehrt und nicht wieder in der Versenkung verschwunden, wie Kühn, denke ich, nicht zu Unrecht bei unseren jetzt regelmäßig stattfindenden und von uns so genannten griechisch-orthodoxen Stammtischtreffen mit der ihm eigenen nüchternen Beschaulichkeit festzustellen pflegt. Alle Wege führen aus Stade, denke ich kichernd, das von mir mittlerweile geliebte Luxushochhausteuerapartment mit langen Schritten durchmessend, wer anderen eine Grube gräbt, füge ich hinzu, lasse mich auf dem sogenannten Designsofa nieder und lese im eingesauten Eckermann und denke an Ute und bin erregt und verlasse das sinkende Schiff und stürme lässig grüßend an Gerken vorbei und gerate in Schneegestöber und nehme ein Taxi und fahre zum Hotel mit dem Zimmer im Soundsovielten und nehme es für eine Nacht, weil ich das Geld habe und starre gegen die Decke und erwäge eine Beendigung der Beziehung mit Ute aus humanitären Gründen und verwerfe diesen Gedanken kopfschmerzgeplagt und falle, wie ich verzweifelt denke, in Ungnade mit mir selbst und fürchte die Einsamkeit und wünsche die Einsamkeit und verlasse am Morgen das Zimmer im Soundsovielten und betrete, wie ich gefasst denke, alte, eingelaufene Wege in meiner dritten Heimatstadt Frankfurt und schwanke glücklich und unglücklich durch das Museum Judengasse und kaufe ein Mobiltelefon zum Spottpreis, um das erste Mal seit Stade erreichbar zu sein und teile mit sogenannten Kurzmitteilungen Gerken die Nummer mit und teile Ute die Nummer mit und teile Kühn die Nummer mit und teile sogar Annabell und sogar dem Hausmeister am Branitzer Platz meine von jetzt an immer gültige und durchgehend erreichbare Telefonnummer mit und betrete ein Bordell und versuche erfolglos, dem Geschlechtsakt, wie ich denke, Würde zu verleihen und versage auf sogenannter ganzer Linie und lasse, die Bühne des Theaters Frankfurt, wie ich denke, erneut ziellos durchmessend, die Idole und Ereignisse meiner Jugend an meinem dritten, dem inneren Auge, vorüberziehen, als da waren: der Fluss Elbe als Idol; der Fluss Schwinge als Idol; die Insel Helgoland als Idol; die Tochter der Nachbarin Ilse Grapentin, Johanna Grapentin als Idol; die Ortschaft Cuxhaven als Idol und Hotelstandort für die verdeckten Unternehmungen des von mir später so genannten Obstindustriellen Wendell Breitner, Vater genannt; der mit Billigung seiner Gattin Silke, geborene Grapentin, Mutter genannt und ihrer Schwester Ilse mit der unehelich geborenen Nichte beziehungsweise Tochter , Johanna Grapentin, Cousine genannt, fuhrwerkende Obstindustrielle Wendell Breitner höchstselbst als Idol; ein Gedicht der bekannten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, namentlich Die Vergeltung als Ereignis; einige Texte des bekannten päderastischen Welt-Schriftstellers Thomas Mann, namentlich Der kleine Herr Friedemann und Tonio Kröger als Ereignis; einige Kompositionen der Komponisten Johann Sebastian Bach, namentlich die Goldbergvariationen, sowie Robert Schumann, namentlich die Kinderszenen, sowie Arnold Schoenberg, ehemals Arnold Schönberg, namentlich die Suite Opus 25, sowie Wendell Breitner, letzterer nach dem Fuhrwerken in Cuxhaven daheim zum Komponieren aufgelegt und obstindustriell komponierend als Ereignis; meine großen Hände bei Kerzenlicht im Jugendzimmer im Anwesen vor den Toren der Stadt als Ereignis; meine liebe Mutter Silke Breitner, geborene Grapentin, in der Moral von der Geschicht' lesend als Idol; große Portionen Essbares, um nicht vom Fleisch zu fallen als Ereignis; die sogenannte Liebe zwischen den Menschen sowie ihrer Dankbarkeit in allen Dingen als Ereignis; ferner das Ereignis der geplanten und erfolgten Selbsttötung der nur wenig älteren Johanna Grapentin im siebzehnten Jahr, weil es an der Zeit war und sie es wollte; das Ereignis einer Klassenfahrt nach Helgoland kurz vor Johannas Selbsttötung, als Johanna mir alles sagt und ich sie und ihr sogenanntes junges Leben soldatisch zum Durchhalten auffordere; wieder Bach, den ich direkt nach Erhalt der sogenannten Todesnachricht höre als Idol; wieder Schumann, den ich als Vertreter der obstindustriellen Familie direkt nach der Beerdigung im Jugendzimmer höre, als Idol; wieder Schoenberg, den ich fortan höre, damit keine Woge sich glättet, als Idol; schwarze Ausgehschuhe; eine originalgetreue Kopie von Goethe in der Campagna des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Wohnzimmer des riesigen Anwesens vor den Toren der Stadt Stade; die Mär vom Hebräer und dem Unglück der Unsrigen, regelmäßig dargebracht durch den zu spät geborenen Wendell Breitner als Ereignis; mein Freund Kühn als Idol; die Hochzeitsreise meiner lieben Eltern vor nunmehr fünfundfünfzig Jahren nebst Reisebericht und markierter Wegstrecke als nachgereichtes Ereignis; Stade als Anfang und Ende als Ereignis; mein Freund Kühn als Ereignis; Stade als Ende als Ereignis; mein sozusagen nachgereichtes Gedicht Gebeine als Ereignis und Abschluss zugleich.

Ich will es so denken, denke ich, meine dritte Heimatstadt Frankfurt ist mein letzter Glücksfall, nach dem ersten überwältigenden Glücksfall Stade folgt der zweite sozusagen erbfällige Glücksfall Branitzer Platz, gefolgt vom nunmehr fünf Monate währenden strengen Glück Frankfurts mit der tiefenschönen, welkfleischigen Ute als Krönung des letzten Glücksfalls, sozusagen als Krönung des Wesfalls, wie ich übermütig feststelle, Breitner, sagt Ute irgendwann in irgendeinem Spätsommermoment zwischen Tür und Angel, du hast keine Wahl, du musst fortfahren mit deinem Leben, du musst fortfahren auch wenn du nicht weißt warum, und dann gehen wir zur berühmten Annabell, und Annabell beginnt umgehend mit Joachim, dunkelblau, und ich kaufe es umgehend für einen in jedem Fall angemessenen Preis und hänge es in den Krähwinkel und betrachte es eingehend und sehe nichts, nur die Farbe blau und erkenne mich und warte auf den Winter bis er kommt und kleine Eisplättchen den trüben Main hinuntertreiben unter dem Eisernen Steg hindurch, auf dem Ute und ich stehen mit klobigen Wanderschuhen und einem Mantel in rot, ihre formschönen Hände in seinen, wie ich umherstreifend denke, als Gerken anruft und zur neuen Erreichbarkeit gratuliert und ich seinen Anruf mit den Worten pariere: Gibt es sonst noch etwas, Herr Gerken, ich habe soeben versagt und gehe spazieren und denke nach und höre meinen Herzschlag.

Dass meine Zeit kommen möge, denke ich und spüre eine Erregung zur sogenannten Unzeit und denke an Berlin und die Verkündung des Erbfalls und denke an die erste sogenannte große Sommerreise, die mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren nach einem genau festgelegten Plan von Hamburg nach Capri führt, der unvermeidlichen Sonne entgegen, wie ich, den Eisernen Steg zwischen frierenden Schulklassen überquerend, denke. Dass die Zeit des gährenden Drecks enden möge, denke ich plötzlich, der Stationen Stade, Berlin und Frankfurt gedenkend, dass Johanna leben möge, dass das Glück, wie ich verzweifelt auflachend denke, zu dem kommen möge, der warten kann, dass Ute mit der Bürste die mir Gemäße sei und Kühn mein Freund, wenn ich es will, dass der Tat die Tat entspringe, dass die lieben Eltern noch leben könnten, es aber nicht tun, dass sich Sinn leichter denken ließe, wenn er in Frankfurt wohnt und Stade ein Griechenklo ist. Rot vor Vergnügen und schwitzend vor Angst stehe ich in der Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Frankfurt und denke mit pochendem Herzen und erwäge eine Flucht ins Nichts und bleibe und kehre zurück nach Frankfurt.

 

 

Kapitel 9

Städel

 

In Frankfurt erfahre ich wer ich bin, denke ich mit schwerem Kopf und warte. Dem Tod verdanke ich das Leben, Ute die Liebe. Auf den Stufen des Städels hocken schwarze Vögel und starren auf Fluss und Stadt. Ich sehe Ute von weitem im roten Mantel nahen und freue mich und fürchte mich vor dem Rätsel und warte. Dem Dreck der Dreck und der Schönheit das Wahre. Die Pforten öffnen sich.

Wieder und wieder, denke ich, umrunde ich denkend den Branitzer Platz im fernen, im vergangenen Berlin, um schließlich meinen langen, beschwerlichen Weg zum Scholzplatz anzutreten und bei einsetzender oder völliger Dunkelheit erschöpft zurückzukehren, mit den klobigen Wanderschuhen biege ich in die Kastanienallee ein, die Blicke des Hausmeisters verfolgen mich, die Heerstraße lockt, denke ich amüsiert, auf den Stufen des Städels wartend, einmal, denke ich, werde ich das gleichgültige, das rohe Berlin wiedersehen, ich werde das ehemalige Arbeitszimmer in der Villa am Branitzer Platz betreten, dem Hausmeister neue Anweisungen erteilen und sagen: Es hat keine Eile. Ich werde Ute durch leere Zimmer führen und erregt ihre Hände halten, ich werde sie zitternd um ein sogenanntes Kaddisch bitten und Ute wird sagen: Du spinnst, Breitner. Warum, denke ich, betrete ich Räume ohne Licht und laufe doch durch Stades Gassen, durch die geraden, breiten Straßen Berlins, durch Frankfurts schiefe Wartehallenwege und sehe Ute kommen in ihrem roten Wintermantel, Ute, wie ich sie kenne, mit roter Bürste, mit feinen Lippen, braunen Augen und formschönen Händen? Warum, wird Ute sagen, ich weiß es, stehst du hier und frierst, und ich werde sagen, weil ich auf dich warte neben schwarzen Vögeln in einem Raum ohne Licht bis du da bist , und Ute wird sagen, ich halte das für übertrieben, Breitner, und ich werde sagen Du weißt nichts, Madame Cohn, und Ute wird sagen, lass uns hineingehen, Breitner, dann weiß ich mehr, und ich werde zittern vor Kälte und sagen guter Gedanke, Ute, und schließlich werden wir das Städel betreten und sofort das weltberühmte und mir von sogenannten Kinderbeinen an vertraute Gemälde Goethe in der Campagna sehen, wie ich inmitten von schwarzen, hungrigen Vögeln vor dem Städel denke. Goethe in der Campagna, denke ich, begleitet meine Jugend in Stade, Wendell Breitner, der sehr liebe Wendell, veranlasst als Anbeter des hochverehrten italienvernarrten Geheimrats den von mir später so genannten obstindustriell-idiotischen Abklatsch des Campagna-Bildes, während das Original sich im fernen Frankfurt befindet, und, wie ich, Ute erwartend, denke, seiner sozusagen persönlichen Wieder- beziehungsweise Neuentdeckung durch den Neufrankfurter Doktor Joachim Breitner harrt. Die allergrößte und mir Goethe in nicht geringem Maße verleidende und gleichzeitig näherbringende Lächerlichkeit besteht, wie ich, mit Ute die von mir so genannten heiligen Hallen des Städels betretend, denke, in der wenn auch kunstgeschichtlich weithin erklärbaren, nichtsdestotrotz aber kreuzdämlich wirkenden Angeberpose und Kackstenzhaftigkeit des Campagna-Bildes, in der gockelhaften Zurschaustellung des in einen lupenrein-dämlichen Reisemantel gehüllten Ichs mit dem zur Schau gestellten lächerlichen Makel der zwei linken Füße als Witz, als Rettung vor dem Unerträglichen, wie ich denke. Den schon früh zum Denkmal seiner selbst erstarrten ehemaligen Frankfurtflüchtling und zwischenzeitlichen Weimarflüchtling Goethe, sage ich zur auflachenden Ute während der sogenannten Bildbetrachtung, rettet der linke Fuß am rechten Bein. Tischbein, sage ich, rettet den gockelhaften Goethe durch einen linken Fuß am rechten Bein und rettet ihm damit das Leben, die Lächerlichkeit rettet den Menschen aus dem selbstverschuldeten Schlamassel, der selbstverschuldete Schlamassel wird gewissermaßen entschuldet durch Lächerlichkeit, zwei linke Füße, sage ich der fröhlichen Ute, können beispielsweise einer sogenannten schweren aber auch unbeschwerten Kindheit und Jugend, gefolgt von einem schweren aber auch unbeschwerten berühmten Dasein, die unvermeidliche Schlamasselhaftigkeit nehmen und durch Lächerlichkeit Erlösung herbeiführen. Liebe Ute, sage ich und küsse Ute vor den Augen der Überwachungskameras auf beide Wangen, selbst ein im Zustand großer persönlicher Zerrüttung begangener Mord aus Langeweile wird durch Lächerlichkeit sozusagen der Zahn gezogen, und Ute sagt du hast sie nicht alle, Breitner, als wir uns auf dem Eisernen Steg begegnet sind, habe ich dir die Lüge angesehen, aber die Lächerlichkeit, sagt Ute zögernd und ergänzt: aber nicht die Lächerlichkeit, und dann schweigt sie, und schweigend durchstreifen wir die Säle des Städel und halten uns an den Händen und schweigen und erreichen die, wie ich sie augenblicklich nenne, Katakomben der Moderne, die Räume des kurzen Gedächtnisses, wie Ute melancholisch sagt. Breitner, höre ich sie plötzlich flüstern, du weißt nichts von mir, ich soll dir ein Rätsel bleiben, selbst dein Freund Kühn soll dir ein Rätsel bleiben, wie im Grunde auch Frankfurt dir ein Rätsel bleiben soll, aber was bist du dir, und ich fühle den Drang, in Gerkens Kabuff zu kriechen und saufend zu versinken, ich trinke in Gedanken mit Gerken Flasche um Flasche in gemeinsamer Lächerlichkeit und Erlösung und empfange und begrüße die Bewohner des Luxushochhausteuerapartments mit einem Kopfnicken und schlage in Gedanken mit den klobigen Wanderschuhen vergnügt gegen die Kabuffwand und lobe den Tag und vergebe meinem Schuldiger, wie auch mein Schuldiger mir vergibt und mache Feierabend, wie jeder Feierabend macht und schlafe den sogenannten Schlaf der Gerechten und erwache und gehe erneut ins Kabuff und empfange mich kopfnickend selbst und sage Guten Tag Herr Doktor Breitner und denke mir meinen sogenannten Teil und denke nicht und höre nicht meinen Herzschlag und bin ein sogenannter Rentenaufbesserer in einem Luxushochhausteuerapartment und kenne Leute wie diesen Breitner und kenne sie nicht und trinke und schaue auf meine klobigen Wanderschuhe und wundere mich und küsse Ute, die mir ein Rätsel bleiben soll wie alles. Annabell sagt, sagt Ute, du könntest ein Totschläger sein und deutet auf irgendein Bild, dann auf ein anderes in schneller, irritierender Folge, dann sagt sie mit angelegten Armen und spitzem Zeigefinger: Ich bewundere Ad Reinhardt und die Farbe Schwarz und ich sage etwas Melancholisches wie das Abstrakte ist das Konkrete, und Ute sagt: und Adolf Luther, und ich sage etwas Doppeldeutiges wie das Unsichtbare sichtbar machen, und im selben Moment rufe ich irre lachend in die heiligen Katakomben des Städels: die Adolfs dieser Welt, und Ute sagt Breitner, du bist verrückt und fügt hinzu Annabell irrt sich nie und sogenannte Saalwächter eilen herbei und bitten um Ruhe, und ich sehe Ute an und sage: was soll das sein, ein Totschläger, und Ute sagt ein Idiot, der nach Frankfurt gekommen ist, um dort die Zeit totzuschlagen, und ich frage, Schrecken verbreitend, sind wir im Städel, um deinen Worten zu lauschen und uns zu laben an deinem Humor, und Ute sagt betroffen ich will gehen, und ich sage auftrumpfend das könnte dir so passen, und Ute sagt so reden arme Tröpfe, und dann sagt sie du bist Ödland, Breitner, und ich sage nimm mich mit, sonst verlaufe ich mich, und dann stürzen wir ins Freie, und ich verliere auch diesen Lauf den Main entlang vom sogenannten Holbeinsteg zum sogenannten Eisernen Steg, mein Leben, Scheiß-Breitners Leben, denke ich kurzatmig und niedergeschlagen neben der leichtfüßig hüpfenden und schließlich barmherzig wartenden sehnig-welken Ute, verdichtet sich in Frankfurt zu einem niederschmetternden, von mir so genannten Elendslauf zwischen sogenannten Stegen über trübes Gewässer, eine unglaubliche und kaum zu unterschätzende Verdichtung seines Dreckslebens wird von Scheiß-Breitner in der Stadt seiner Träume durch niederschmetternde Wettläufe mit der Frau seiner Träume erzielt, die Goldbergvariationen, beginne ich meinen mühsam zurechtgelegten Satz und sehe Ute an, die Kinderszenen, vor allem die Kinderszenen, nicht zu vergessen die Suite Opus fünfundzwanzig, was ich sagen will, Stade, sage ich und verstumme und werde wütend, und Ute sagt: nur der kennt dich, der dich stammeln sah, und ich weiß nicht, was ich sage und sage: Sei froh, zu sein was du bist und Ute zögert keine Sekunde und sagt ich bin es, und ich denke an nichts und sage aber ich habe Frankfurt ins Herz geschlossen und Ute sagt, warum gehen wir erst jetzt ins Städel und ich sage ich weiß es nicht und füge hinzu weil ich unter allem leide was mich anstarrt und was ich anstarre, weil ich in allem untergehe, das mich berührt und Ute sagt du bist krank Breitner und ich sage ja, krank am Herzen, wir gehen wankend und immerwährend am Flutsaum des Todes entlang, der ein Flutsaum des Irrsinns ist, denke ich, die Gedrahteten aus Stade erleben vor den Toren der Stadt unter dem anweseneigenen abgeklatschten Tischbein-Bild ihr persönliches und unerwartetes Flutsaum-Inferno durch den von ihnen so genannten verlorenen Sohn und eitlen Dreckslochbewohner Joachim, noch leben sie, aber schon leben sie nicht mehr, noch wird Stade vom Goethe-Anbeter und Linksfußignoranten Wendell und dem ehemaligen musikalischen Weltgewissen, der gewesenden Fachbereichsleiterin und jetzigen obstindustriellen Zuarbeiterin Silke achtbar bewohnt und belagert, wie ich denke, schon trifft geölter Blitz sie aus heiterem Himmel und beendet ihr Sein, noch gedenken die Eheleute guter und schlechter Zeiten, noch scheffeln und hassen und fuhrwerken sie, da sind sie auch schon flutsäumig dem Tode nah, wie ich denke, und geben im nächsten Moment zuckend den obstindustriellen Staffel-Löffel ab und weiter an Achi das Monster, das Tier, den Sohn, der eben noch mordend sozusagen Gewehr bei Fuß steht und schon den Festtag in der urgemütlichen Unterkunft Zur Kogge feiernd begeht. Eben noch lernen wir uns kennen auf dem Eisernen Steg, schon sind wir Ödland und krank am Herzen, sage ich zu Ute, und, sagt Ute gütig, gefangen im Wahnwitz gnädiger Neigung, und dann höre ich Kühns Stimme sagen, Breitner folgt der Schwinge bis zur Elbe und säuft ab, und ich höre Gerken sagen wünsche wohl geruht zu haben, und ich höre Annabell sagen die Farbe blau kennt ihre Pappenheimer, und dann sagt Ute was ist, Breitner, gehen wir zurück ins Städel und ich sage nein, niemals und stampfe mit den klobigen Wanderschuhen auf kalte Frankfurter Erde, das Abstrakte ist das Konkrete, schreie ich, das Unsichtbare wird sichtbar, Tischbein, fahre ich wie von Sinnen fort, ein Lebensretter und Linksfußfetischist und mein Freund, Tischbein ist mein Freund, sage ich, gefasster, aber ich werde nie wieder das Städel betreten, weil ich das Städel nicht ertrage, weil ich den Blick des Städels nicht ertrage, weil ich nichts ertrage, was mich anstarrt und was ich anstarren muss, weil ich in Frankfurt überleben will, weil Frankfurt meine Zuflucht ist und bleiben soll, weil ich -, und die tiefenschöne Ute mit den formschönen Händen unterbricht mich unschön und sagt schon gut, Breitner. Ich glaube den Menschen, wenn sie sagen, dass sie es satt haben, dass sie mich satt haben, denke ich, ich versuche Ute zu küssen, und Ute dreht sich weg und sagt du hast getrunken, Joachim Breitner, und ich küsse ins Leere, Ute Cohn, sage ich, seit wann stört es dich, wenn ich trinke, plötzlich stört dich meine Trunkenheit, trinkend erfreue ich mich seit Monaten deiner, sage ich, den Eckermann in der Hand trinke ich und erfreue mich deiner, sage ich, dich und den Svevo in deinen Händen schon von Weitem erspähend erfreue ich mich trinkend deiner, aber plötzlich erkennst du rügend meine Trunkenheit, sage ich bitter, vor mehr als sechsundzwanzig Jahren, sage ich, trinke ich einige Gläschen in der Hamburger Unterkunft Zur Kogge und besteige einen Zug nach Stade an der Schwinge, betrete unangemeldet ein großes Anwesen vor den Toren der Stadt

und mache das dort ansässige Ehepaar drahtschlingend sozusagen dem Erdboden gleich und führe die zu spät Geborenen, wenn auch frühzeitig, ihrer sogenannten natürlichen Bestimmung zu und schleife sie, sage ich, unter das Tischbein-Bild und dekoriere den ehemals schwippnichtenfickenden Mann mit dem West-Östlichen Divan und dem Eckermann und die musikliebhabende Frau mit einer Auswahl herrlicher Schallplatten mit eingeritzten herrlichen Kompositionen der Herren Schumann und Bach sowie etwas herrlich Atonalem aus hebräischem Hause schlechthin und spreche die Worte: Na, also, es geht doch und verlasse das Obstindustriellenparadies und nehme in der Kogge einige weitere Gläschen und besuche in Feierlaune die sogenannte Herbertstraße und versage kläglich und fahre heim in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin und warte und empfange die schmerzliche Nachricht im Kreuzberger Drecksloch. Es ist die Wahrheit, sage ich der ungläubig dreinschauenden Ute, während ich noch dem lieben Eltern- und Ehepaar Breitner die obstindustriellen Hälse malträtiere, auf das Stade sich vom weitverzweigten Breitnerschen Tun verabschiede und genesen möge, sehe ich mit großer Freude schon der sogenannten Zeit danach entgegen und übergebe mich vor den Augen der Mitteilung machenden Polizeibeamten auf der Dreckslochtoilette, um auf diese Weise meinen Schmerz unter Beweis zu stellen, was, wie ich sagen muss, sage ich zu Ute, voll und ganz gelingt und fortfolgend einerseits bis heute gelingt und mich andererseits bis nach Frankfurt ins Luxushochhausteuerapartment und in deine Arme treibt ohne, wie gesagt wird, Aussicht auf Heilung und ohne Aussöhnung mit dem zielstrebig Vollzogenen und Erreichten und Ute sagt du spinnst, Breitner, und ich sage natürlich, aber ohne Abstriche entspricht das Gesagte der Wahrheit, das elterliche Gewürm, sage ich, das liebe schwippnichten- also cousinenfickende, hebräerhassende, geheimratverehrende musikalische Gewürm und seine als sogenannte Gewürmrepräsentanten zu bezeichnenden Wendell Breitner und seine ergebene Ehefrau Silke, geborene Grapentin, Zuarbeiterin ohne eigenen Geschäftsbereich und Lebenswillen, ist durch kurzes aber nachhaltiges Wirken der Brut vor nunmehr gut sechsundzwanzig, bald siebenundzwanzig Jahren von der Erde verscheucht und somit erdbestattet seinerseits Opfer von Gewürm geworden, dem ewigen natürlichen Kreislauf entsprechend, sage ich der entsetzten Ute und verzettele mich heillos und mache sozusagen alles schlimmer, indem ich sage: Immerzu wähle ich und erwäge und verwerfe und probe die großen Dinge, bis Ute sagt es ist genug, ich gehe, Breitner, und ich hinterherschaue, nämlich einem roten Mantel, einer roten Bürste, braunen Augen und formschönen Händen und rufe: Tiefenschöne Ute der Cohns dieser Welt verlässt geständigen Drecksack der Breitners dieser hingehauchten Welt und löst sich in Luft auf, und Ute fort ist, und ich sie überall suche und durchs Gutleutviertel streife und am Bahnhof suche und am Mainufer suche und suche zwischen den Türmen und suche auf der nervigen, dummen Zeil und laufe und sie nicht finde und sie anzurufen versuche und sie nicht erreiche und Kühn anrufe und ihn nicht erreiche und Annabell zu erreichen versuche und sie nicht erreiche und Gerken anrufen will in seinem Kabuff und niemanden erreiche und das sogenannte Mobiltelefon wütend vom Eisernen Steg in den trüben Main werfe und das Städel mit dem bösen Blick verfluche und die Wartehalle und Zufluchtsstätte und von mir so genannte Wahrheitsmetropole Frankfurt verfluche und eine Übersiedlung nach Capri erwäge und verwerfe und unter fürchterlichen Kopfschmerzattacken eine sogenannte Umkehrung meines Daseins von Frankfurt über Berlin nach Stade erwäge und verwerfe und die Schwinge rückwärts gehe und als eingenistetes Zellenmonster auf einer lächerlichen Bildungshochzeitsreise, die von Scheiß-Capri-Rom-Paris-London bis nach Stade führt, ende. Alle Wege führen nach Stade, denke ich, alle Wege führen aus Stade hinaus, alle Wege führen zur Erwartung der Nation in der von allen hochgelobten und als notwendig erachteten Soziologie und aus ihr heraus, denke ich kopfschüttelnd, alle Wege führen zum nervenaufpeitschenden und nervenberuhigenden Ritualmord und durch ihn hindurch und aus ihm heraus in ein dann sogenanntes Leben ohne Sünde im Schweiße des Angesichtes, denke ich, alle Wege führen zur Abtötung der lieben, geehrten Damen und Herren Eltern und ihrer Zerwurmung und Verrottung auf dem schön gelegenen Friedhof Geestberg und nicht etwa auf dem ebenso schönen Schwippnichten- und somit Cousinen-Friedhof Campe. Durch den von langer Hand verbauten und weithin überbewerteten Stadtteil Sachsenhausen streifend, stelle ich mir die wunderbare und berühmte Annabell die Reine mit den tiefschwarzen Haaren und dem klaren Blick vor und kaure in Gedanken zu ihren Füssen und atme schwer und sehe Joachim, dunkelblau entstehen und vereinige mich mit Annabell der Reinen und versage nicht, das erste Mal im Leben versage ich nicht und sage es in Gedanken Kühn und sage es Gerken und sage es Ute, wenn ich sie finde, und sage es dem Hausmeister vom Branitzer Platz und bestelle ein neues Eingangsportal mit, sagen wir, einem Satz dorischer Säulen für Berlin, wie ich denke, und schimmelfreie, reißfeste Tapeten für dreizehn Villenzimmer und sehe mich am Fenster des Luxushochhausteuerapartments stehen und sehe mich auf Frankfurt schauen und höre mich Dinge sagen wie mein ist die Stadt und wem Gott will rechte Gunst erweisen. Ich, denke ich plötzlich zuversichtlich, Freund der schlechthin Verfolgten und Gemordeten und ihrer Nachfahren, weiß, wo ich Ute zu finden habe und überquere den Römerberg und erreiche den sogenannten Neuen Börneplatz und versuche wie jedes Mal alle Namen der Frankfurter Deportierten und Gemordeten zu lesen, und scheitere kläglich wie jedes Mal und warte auf Ute die Barmherzige, die fertig ist mit Breitner aus der Sippe der Breitners dieser Welt, Ute, von der ich nichts weiß, die nicht kommt, solange ich auch warte, bis ich schließlich vergehen will und nicht vergehe und weiterlebe weil ich weiterlebe und einen Riesen-Wolfsbarsch mit Kykladenwein hinunterspüle und ein Kataifi Ekmek verspeise und nachdenke und sekundenlang glücklich bin. Den lieben von mir vor nunmehr gut sechsundzwanzig Jahren nach reiflicher Überlegung gedrahteten lieben Eltern, denke ich plötzlich, begeistert einen weiteren Kykladenwein bestellend, verdanke ich die intim zu nennende und bis in abgrundtiefe Details hinabreichende Kenntnis großer sogenannter Weltstädte und der mondänen süditalienischen von mir so genannten Weltfelseninsel Capri und ein Leben in Demut und Dankbarkeit. Während ich Hamburg und London achte und Paris verabscheue, gilt meine sogenannte große Liebe, wie ich reiselustig und reisefertig bekenne, der sogenannten Ewigen Stadt und ihrem in Freude und Leid ertragenen ewigen Leben. Dem Verlust der Gefährtin muss mit der Flucht aus der Übergangslösung Frankfurt in die zu Recht so genannte Ewige Stadt entschlossen entgegengetreten werden, denke ich kämpferisch und spüre meinen Herzschlag, die Wartehalle Frankfurt ist mein Untergang, die Ex-Bibliothekarin und tiefenschöne Svevo-Leserin Cohn ist mein Untergang, selbst Altfreund Kühn von Kühn und Partner ist mein Untergang, der trübe und spinnerte Rinnsaal Main ist mein Untergang, die Fortexistenz des Verdrahters und ehemaligen Ausgehschuhaspiranten Breitner ist mein Untergang, aber Rom könnte meine Rettung sein, in Rom sterben heißt ewig leben, denke ich und will sofort aufbrechen, und stehe auf und singe ohne zu stocken zum Abschied von Frankfurt die schönste Romgeschichte des verwegenen Stader Schriftstellers und Jugendsünders und bekennenden Thomas-Bernhard-Bewunderers und Goethe-Respektierers und wahrhaftigen Italienkenners und Ritualsoziologen Ror Honka alias Joachim Breitner, später Doktor Joachim Breitner fehlerfrei-atonal über die zitternden Edelgriechentische:

 

Wir sitzen auf einem Balkon


Wir sitzen auf einem Balkon in Rom in der Via dei Cavalleggeri und Kühn sagt, es ist sinnlos zu bleiben und zwar aus ganz verschiedenen Gründen, als da wären erstens unsere mangelnden Italienischkenntnisse, zweitens die große Hitze und drittens unsere Streitereien über Haffner. Früher haben wir mit Haffner gestritten, aber Haffner ist nicht mehr dabei, und darum haben Kühn und ich uns auf Rom geeinigt, weil Haffner Rom gehasst hat und wir mit Rücksicht auf ihn im letzten Jahr nach Regensburg und im vorletzten nach Bonn gefahren sind und jetzt erst nach Rom, obwohl Kühn und ich nicht gläubig sind, schon gar nicht katholisch, aber Haffner war gläubig, trotzdem hat er Rom gehasst.
Kühn sagt, es steht und fällt alles mit der Beherrschung der Landessprache, im Grunde ist es ihre Nichtbeherrschung, die uns Rom verdorben hat, neben der sengenden Hitze natürlich, der wir nördlich der Alpen glücklicherweise nicht ausgesetzt sind, oder nur gelegentlich für einige Tage, aber doch nicht über den ganzen Sommer hinweg. Aber die Sprache, sagt Kühn und wiederholt sich, ist das A und O, und sei es nur, um einem flüchtenden Taschendieb eine angemessene Verwünschung hinterherzuschreien. Ach du mit deinen Verwünschungen, sage ich und sehe, wie Kühn in seinem Sprachführer blättert, vielleicht auf der Suche nach Geeignetem, um Taschendiebe zu verwünschen oder einfach nur zu beeindrucken, er will sie beeindrucken, denke ich, Kühn ist verrückt, dabei sollte er froh sein, dass seine gestohlene Brieftasche nur wenig Geld enthielt, keinen Ausweis und keine Karten. Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage, dass selbst einem gestandenen Italiener oder einer gescheiten Italienerin unter Umständen keine Verwünschung einfällt gegenüber einem flüchtenden Taschendieb und dass wir wissen, wie wir im Restaurant ein Essen bestellen und nach dem Weg fragen können, soweit reicht unser Italienisch. Nur Haffner, sage ich zu Kühn, hätte ohne mit der Wimper zu zucken eine Bemerkung gemacht, die vielleicht nicht den Dieb erreicht aber auf jeden Fall den Umstehenden am Campo dei Fiori gefallen hätte, denn Haffner hat, wie wir beide wissen, mehrere Sprachen gesprochen und die italienische gehörte dazu.
Trotzdem, sagt Kühn, war Haffner ein unverbesserlicher Arroganzling, obwohl er es nicht nötig gehabt hätte, aber wer weiß, was Haffner nötig hatte. Seine Neigung, dem Anderen über den Mund zu fahren, störte gewaltig, mir ist sie jedenfalls gehörig auf den Wecker gegangen, das Gerede vom anständigen Gebrauch der Muttersprache als Grundlage für das Erlernen von Fremdsprachen war immer eine große Irreführung gewesen, natürlich als Einschüchterung gemeint, die Andere davon abhalten sollte, in seinen Jagdgründen zu wildern. Du weißt, sagt Kühn und schaut mich prüfend an, ich habe Haffner für einen Idioten gehalten, einen Aufschneider, allerdings auch für einen Scharlatan mit großen Talenten. Er kann mich mal, sage ich heute rückblickend, aber ich sage auch, die Trostlosigkeit seines Abgangs war enorm, ein Abgang, der mich stärker erschüttert hat, als der Tod meiner Frau.
Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage Kühn, bitte, und dann schenke ich viel zu warmen Rotwein nach, während die Hitze noch unerträglicher zu werden scheint, obwohl sie den ganzen Tag schon unerträglich ist, und unten auf der Straße schlagen zwei Jugendliche aufeinander ein, zunächst sieht es wie ein harmloses Gerangel aus, aber dann fliegen die Fäuste, und ich frage Kühn, ob man eingreifen soll, und Kühn sagt, du bist verrückt, lass sie sich prügeln, oder willst du auch noch Dresche beziehen. Beide schauen wir auf die gegenüberliegende Hausfassade, wo alle Fensterläden geschlossen und die Balkone verwaist sind, immer diese verwaisten Balkone, sage ich, niemand sitzt auf ihnen, weil es zu heiß ist, eigentlich sind Balkone überflüssiger Schnickschnack, nie kann man auf ihnen sitzen, nur wir betreiben solch einen Unsinn, daran erkennt man sofort den Touristen, dass er keinen Unsinn unterlässt, sondern im Gegenteil exzessiv Unsinniges tut, und dazu gehört das Hocken auf Balkonen zur Unzeit, denn um eine sogenannte Unzeit handelt es sich allemal, einem Römer käme es nicht in den Sinn, sich in der Nachmittagssonne auf dem Balkon rösten zu lassen. Unsere lieben Jugendlichen sind übrigens fort. Siehst du, sagt Kühn.
Ich will Wasser holen und sage Kühn, ich glaube, etwas Wasser würde uns guttun, klares, kaltes Wasser, aber Kühn sagt, was willst du mit Wasser, das wirft uns zurück, viel wichtiger ist es, die Abreise zu regeln und alles zu besprechen, und du denkst an Wasser, aus der Leitung ist es ohnehin von minderer Qualität, der Wein wird ohnehin nicht reichen, zumindest leidet er, wenn wir ihn verwässern, was glaubst du, was dein lieber Haffner zu diesem Frevel gesagt hätte, trinkt Wasser oder Wein, hätte er gesagt, aber vermengt um Gottes Willen nicht alles wahllos miteinander, zum Schluss habt ihr gar nichts, keinen richtigen Rausch, aber nüchtern wäret ihr auch nicht, nur von einer niederschmetternden Labbrigkeit erfüllt, bestimmt hätte Haffner Labbrigkeit gesagt, so Kühn, trotz seiner angeblichen Sprachverliebtheit wäre ihm nichts Besseres eingefallen.
Ich bin also sitzen geblieben und habe kein Wasser aus der Küche unserer Wohnung geholt, um Kühn nicht zu erzürnen. Meinen Gemütszustand erkennt Kühn sofort, als ich, nur um etwas zu sagen, auf Rom zu sprechen komme und seine stillen Orte, und ich schwärme von den ruhigen Plätzen Trasteveres, vom Blick über die Stadt auf der Piazza Garibaldi , den Verkehrslärm übergehe ich, das Gedränge übergehe ich, den Nepp übergehe ich, die Hitze übergehe ich, soweit sie auf unserem Balkon übergangen werden kann, aber Kühn schlägt mit seiner Rechten auf die steinerne Brüstung, die ganze Konstruktion zittert, und ich beende vorzeitig meinen Vortrag über die schönen Seiten Roms.


Gleich wird Kühn wieder mit dem Thema Abreise anfangen, denke ich, Rom und Abreise, das scheinen für ihn mittlerweile Synonyme zu sein, es scheint kein Halten zu geben, obwohl die Wohnung für insgesamt zehn Tage, also noch für weitere sechs Tage, bezahlt ist und wir bislang weder die Vatikanischen Museen, den Palatin oder die Via Appia gesehen, geschweige denn einen Ausflug nach Ostia oder Frascati unternommen haben, also uns weder ein abschließendes noch ein vorläufiges Urteil über Rom bilden können, aber das interessiert Kühn gar nicht, er will weg, ohne Rücksicht auf den finanziellen Verlust möchte er die Stadt verlassen, sicher könnte ich allein hierbleiben, aber diese Reise, dieser Aufenthalt ist unser gemeinsames Projekt gewesen, das Produkt einer langen Vorbereitung und das erste Projekt ohne Haffner, der von Rom immer nur in abschätziger Weise gesprochen hat, gegen Ende mit Kraftausdrücken der unfeinsten Art, wie wir sie von Haffner noch nie gehört hatten und zwar zu dem Zeitpunkt, als Haffner befürchten musste, dass wir uns per Mehrheitsbeschluss für eine gemeinsame Romreise aussprechen würden. Haffner sagte noch kurz bevor wir nach Regensburg fuhren, Rom sei eine einzige Jauchegrube und der Petersplatz zum bewachten Freilufttheater für Eventgläubige verkommen, die in fein herausgeputzten Kolonnaden und in einer hässlichen Trutzburg namens Petersdom Antworten zu finden glaubten, für die sie nicht mal die Fragen wüssten. Erst im Verlauf unserer Regensburg-Freizeit, wie er es nannte, so wie er unseren Ausflug nach Bonn im Jahr zuvor Bonn-Freuden genannt hatte, erst in Regensburg also, war es Haffner möglich gewesen, sich wieder zu beruhigen und keine weiteren Romschmähungen auszusprechen. Sogar Kühns Auslassungen, Haffner sei ein Möchtegernpurist, ein Spielverderber und intellektueller Halsabschneider, nahm der Gescholtene amüsiert und, wie mir schien, auch mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis, was Kühn wiederum zu der Bemerkung veranlasste, bei Haffner sei eben Hopfen und Malz verloren und Besserung nicht zu erwarten, man müsse wohl, bis ans Ende seiner Tage, Haffner gewähren lassen, und nein, man werde nie nach Rom fahren, nicht mit Haffner jedenfalls, obwohl er es sei, der durch seine Kenntnis des Italienischen die Stadt und das Land und mit seinem Katholizismus sogar den Erdkreis, so Kühn in Regensburg, für alle Teilnehmer einer solchen Expedition zugänglich machen könne.
Wir sitzen auf dem Balkon, und Kühn sagt, morgen reisen wir ab, meinetwegen können wir nach Florenz oder Neapel fahren, ich hätte auch nichts gegen Siena oder Verona einzuwenden, überall ist es heiß, schließlich sind wir in Italien, sagt Kühn, alles ähnelt sich, wirst du sagen, wir verstehen auch in Siena kein Wort, es liegt an Haffner, er ist schuld, wirst du sagen, ich ahne es, sag was du willst, aber in Rom bleiben wir nicht.
Ich sehe Kühns hochroten Kopf und bemerke wieder die prügelnden Jugendlichen, einander belauernd, blutend und erschöpft, Grimassen schneidend, die Hemden zerrissen, ratlos. Warum, sagt Kühn, der zu lallen begonnen hat, dreht sich alles um Dinge, die einem zum Hals heraushängen, warum immer wieder Haffner, Haffner ist die negative Bezugsgröße, habe ich das schön gesagt, ich habe einen Sonnenbrand, der sich sehen lassen kann, wenn es so weitergeht, wird es ein Sonnenstich, dann wird es eben ein Sonnenstich, aber das beantwortet natürlich die Frage nicht, warum Haffner, ich mache mich lächerlich, und du denkst dir, sagt Kühn mit blutunterlaufenen Augen und schaut auf einen Punkt irgendwo zwischen mir und der Weinflasche, du denkst dir, er dreht durch, er hat diesen Haffner-Tick, Kühn ist am Ende, genau das ist es, was du denkst, dabei bist du selbst ein wenig wie Haffner, nämlich den einen Schritt voraus, aber du bist kein Purist, kein hochherziger Mensch, gut, der Wein tut seine Wirkung, ich weiß, sagt Kühn, aber warum dieses dauernde Haffner hier, Haffner dort, warum zum Beispiel nicht Irene hier, Irene dort, es ekelt mich an, Irene und Haffner sind tot, morgen ist es ein Jahr, ein volles Jahr, und alles dreht sich um Haffner, um Irene dreht sich nichts, davor erschrecke ich zutiefst, du magst es glauben oder nicht, aber ich erschrecke, warum sind wir am Ende hier, du siehst aus, als wüsstest du es, Haffner hätte geschwiegen, in einem solchen Moment hätte er geschwiegen, aber du wirst es sagen, sagt Kühn.
Sie sind direkt unter uns, sage ich, deshalb sieht man sie nicht. Man denkt, sie sind weg, aber sie sind direkt unter uns und vermutlich schlagen sie sich, aber vielleicht sind ihre Energien auch endgültig erschöpft, eben sah es so aus, als könnte ebenso gut alles im Sande verlaufen. Manchmal lösen sich Probleme einfach von selbst, sie lösen sich auf, keiner weiß warum, das ist Italien, in unseren nördlichen Breiten sind derlei Erscheinungen unbekannt, alles müssen wir aktiv angehen, schau uns beide an, auch was wir nicht wissen beantworten wir.
Du wirst es sagen, wiederholt Kühn und fixiert mich. Ich werde es dir sagen, antworte ich, aber du wirst es nicht hören wollen, wie du alles verwirfst, was andere über Haffner, und, man muss hinzufügen, was andere über dich und Haffner, und dich und Haffner und Irene sagen, es beginnt schon damit, dass du nicht hören willst, warum wir am Ende hier sind, sage ich, aber ich werde es dir sagen, auch wenn mir jetzt nach einem Schluck Wasser wäre, es ist nur ein kurzer Sprung in die Küche, eine Karaffe Wasser täte uns beiden gut, du und dein Zurückwerfen, es ist Haffner, der uns zurückwirft.
Wasser, brüllt Kühn plötzlich, und ein Speicheltropfen trifft meinen Handrücken auf dem Balkontisch, zum Teufel mit klarem, kaltem Wasser, wen interessiert das blöde Wasser, morgen reisen wir ab, Rom, eine Zumutung, eine Fehlentscheidung, so muss man es nennen, Kriminalität, Hitze, Raufereien auf der Straße, aber entschuldige, du wolltest etwas sagen, grad wolltest du ansetzen, schon falle ich dir ins Wort, ich beruhige mich, ich kann mich beruhigen, du wolltest etwas sagen, sag es, sagt Kühn.


Es ist ein Desaster, wir auf diesem Balkon, wir Übriggebliebenen, denke ich, wir sind das, was von Haffner übrig geblieben ist. Benebelt vom Wein und ohne eine Vorstellung, was zu tun ist, betrachte ich erst meine flache rechte Hand auf dem Tisch und dann den mutlosen Kühn und sein hochrotes Gesicht mit der salzverkrusteten Stirn, die zu kleinen Schlitzen verengten Augen, die herabhängenden Arme und höre seinen keuchenden Atem, der nicht langsamer wird, nicht schneller. Also, sage ich, warum wir hier sind.
Haffner hat Rom geliebt, und du weißt es, sage ich. Mir hat er es anvertraut und es kann auch dir nicht verborgen geblieben sein, aber Rom wollte er für sich allein, es ist ihm gelungen, Bonn und Regensburg seien römisch genug, das waren seine Worte vor ziemlich genau einem Jahr, natürlich meinte er, römisch genug für uns, Kühn, so hart das klingt, aber man muss Haffner recht geben, Haffner war ein harter Knochen, zu hart für uns beide, außerdem war er mein Freund, deiner war er auch, vielleicht möchtest du es jetzt leugnen, vielleicht weißt du es wirklich nicht mehr, was schwerer wiegt, magst du entscheiden, du entscheidest, sage ich. Trotzdem möchte ich vom Freund Haffner sprechen, ein schwieriger Freund, aber das bist du auch, Kühn, das bin ich auch. Und Rom, Rom wollte er für sich, ganz für sich, meines Wissens hat er es mit niemandem geteilt, und wenn er von der Jauchegrube gesprochen hat, von Eventgläubigen und all diesem Unsinn, dann wollte er uns fernhalten, einmal sagte er zu mir, es gäbe keinen besseren Ort auf der Welt als das Pantheon, im Pantheon fühle er sich in der Mitte der Welt und im weitesten Sinne aufgehoben. So spricht kein Romhasser, aber uns wollte er nicht dabeihaben, wir aber wollten bei Haffner sein, hier in Rom, aber erst in der Nachhaffnerzeit ist es möglich, die Eventgläubigen sind wir, Kühn, sage ich, wir sind zu Haffner gepilgert, und jetzt willst du fort und weißt nicht wohin. Irene hat es auch nicht gewusst, deine Frau war Haffner verfallen, und Haffner wollte es nicht wahrhaben und wurde doch vom selben Auto überrollt wie Irene, eine Woche nach unseren Herrentagen in Regensburg, nur weil er Irene zurückziehen will am Straßenrand und Irene ihn stattdessen mitreißt, ich begreife es bis heute nicht, woher nimmt Irene die Kraft, aber du und ich stehen daneben und schauen, noch zwei Sekunden nach dem Aufprall schauen wir nur, und zwei Sekunden sind lang. Und darum sitzen wir hier und trinken und sagen, es ist die Hitze, wir glühen, soll ich sagen immer noch, und ich will Wasser holen, du aber willst nicht, du verdampfst lieber ganz und gar, Wasser willst du nicht, nach einem Jahr, Kühn, sehe ich deinen Schmerz noch, sage ich, aber es war nicht Haffners Schuld, überhaupt wollen wir nicht von Schuld sprechen, deine Frau war Haffner verfallen, alle wussten es, nur Haffner war ahnungslos, und Irene war hilflos, vor allem war sie hilflos, Kühn, was soll ich sagen.


Wir sitzen die dritte Stunde im dritten Stockwerks der Via Cavalleggeri Nummer 6, auf einem Balkon, der endlich im Schatten liegt. Kühn betrachtet eine mit Rotweinflecken übersäte weiße Papierserviette und zieht aus seinem verschwitzten Jackett einen Kugelschreiber, den er genau betrachtet, um ihn schließlich vor sich auf den Tisch zu legen, neben sein leeres Rotweinglas.
Nun geh schon, wir brauchen Wasser, ich habe verstanden, dass wir Wasser brauchen, sagt Kühn und lächelt angestrengt. Dann lächelt er nicht mehr und gibt mir ein Zeichen, geh schon. Gleich aufstehen sieht merkwürdig aus, denke ich, aber ich warte nicht, worauf soll ich warten. Auf dem Weg zur Küche gehe ich an Kühns Zimmer vorbei und sehe seinen gepackten Koffer vor dem gemachten Bett stehen, den großen, gemeinsam beschafften Rom-Reiseführer, in dem ich von weitem ein großes Photo des Pantheons erkenne, auf dem Kopfkissen. Bis in den kleinen, dunklen Flur höre ich den Lärm der Straße, gelegentliches Rufen, vielleicht ein Flugzeug, doch ich bin nicht sicher.
Wenig später kehre ich zurück, ein Tablett in der Hand, darauf die gefüllte Karaffe und zwei Wassergläser. Wir werden das Wasser trinken, denke ich, und morgen werden wir fahren, früh am Morgen, wie ich Kühn kenne, lass uns in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, höre ich ihn sagen, und er wird den Eindruck machen, als könne kein Haffner der Welt ihm einen Strich durch die Rechnung machen, darum werden wir nach Neapel fahren, nie hat Haffner von Neapel gesprochen, zu viel Mafia, Haffner war ein gläubiger aber auch ein ängstlicher Mensch, wir können einen neuen Anfang wagen in Neapel, und Kühn wird nur noch einen Sonnenbrand haben, und ich werde den Tag den ersten Tag nach Rom nennen und wir werden unseren geretteten Resturlaub feiern und mit etwas Glück unseren ersten Tag ohne Haffner, aber die Trauer über Irenes Tod, er muss endlich die Trauer über Irenes Tod zulassen, denke ich.


Aber Kühn ist fort, sein Weinglas steht, wo es eben stand, der Balkonstuhl allerdings, auf dem er eben noch saß, ist umgefallen, ich habe nichts gehört, denke ich und sage Kühn und noch einmal Kühn und etwas Sinnloses wie nein, nicht, das mir schon sinnlos und abgeschmackt vorkommt, wie ich es sage. Es ist heiß, denke ich, dann schaue ich über die Brüstung. Unten kauern die beiden Jugendlichen mit den zerrissenen Hemden neben einem Mann, der leblos daliegt und unmöglich Kühn sein kann, weil Kühn nicht tot sein kann und eben noch Wasser wollte, wie ich denke, auch wenn nun Passanten hinzukommen und einige in meine Richtung zeigen und ich mich wegducke und nicht weiß warum.
Es ist heiß, denke ich wieder, wer wird das Wasser trinken, dann erkenne ich Kühns Schrift auf der Papierserviette und stelle das Tablett ab. Meine Hände zittern. Ich lese:
Sie hat Haffner geliebt, aber mit Walter hat sie es getrieben aus Langeweile.
Schreibt’s auf und springt, denke ich, sage abermals nein und zerreiße die Serviette. Haffner wollte immer nur Abstand halten, nicht nur zu uns, sondern auch zur schönen Irene, aber Irene hat im entscheidenden Moment sich nicht nur nicht von Haffner zurückreißen lassen, sondern hat ihn selbst mit aller Macht in den fließenden Verkehr gezogen, Kühn und ich standen direkt daneben, aber Kühn und ich leben und Haffner ist tot.


Vielleicht gibt es einen Hinterausgang in der Via Cavalleggieri Nummer sechs in Rom, denke ich und wage erneut einen vorsichtigen Blick vom Balkon auf das Unabänderliche.
Doch die Straße ist leer.
Keine Angst, alles wird gut, sagt Kühn, der Heuchler, der plötzlich hinter mir steht, schau, wen ich mitgebracht habe. Die beiden jugendlichen Schläger kommen mir bekannt vor, ein abgekartetes Spiel, das Ganze, dabei wäre ich bereit gewesen, nach Neapel zu fahren, für einen Neuanfang könnten wir meinetwegen sogar bis Palermo fahren, sage ich, wir können Rom sofort verlassen, diesen Balkon, sofort, welche Serviette, wovon sprichst du, Kühn, ich habe keine Serviette gesehen. Du Lügner, sagt Kühn, du Mistschwein, du weißt, wovon ich spreche.
Als sie mich packen, will ich alles erklären, aber es verschlägt mir die Sprache. Haffner, Rom, warum sind wir hier. Kühn schlägt auf die Brüstung und gibt ein Zeichen. Dieser Urlaub ist ein Irrtum, denke ich, es ist sinnlos zu bleiben, mehr noch, nie hätte dieser Urlaub stattfinden dürfen, ein kriminelles Pflaster wie Rom sollte man gar nicht, unter keinen Umständen, betreten, es sind keine Umstände denkbar, die Rom zu einem anziehenden Ort machen. Irene hat Haffner geliebt, darauf kommt es an, nur die Liebe zählt. Ich schließe die Augen und fliege heim.


 


 

Zahlen, sage ich und will fort. Ich sitze auf einem Balkon in Rom mit leeren Kykladenweinflaschen. Auf dem Eisernen Steg begegnen mir mein letzter Freund Kühn und die schwarzen Vögel des Städel. Schneeschauer erobern Frankfurt, denke ich und atme die kalte, blaue Luft und bleibe.


 


 

Kapitel 10

Das Raunen


 

Es ist wahr, denke ich, es ist Frankfurt, aber etwas ist anders.

Mein Name ist Joachim Breitner, ehemals Doktor Joachim Breitner, ich bin dreiundfünfzig Jahre alt und seit zwölf Monaten ansässig und unterwegs in der sogenannten Mainmetropole, der Wartehalle Frankfurt. Dem, der vergibt, vergebe ich, der, die fort ist, gedenke ich liebevoll. Der Erbfall, der Mord - Geschichte, falsche Geschichte, wenn man so will, wahre Geschichte für mich, weil ich es will, ich, Breitner.

Nichts, was gesagt wird, stimmt, denke ich. Weder habe ich meine Eltern, das Obstindustriellenpaar Breitner gedrahtet, noch sonst irgendwie verunstaltet, oder ich habe sie gedrahtet, aber sie sind nicht meine Eltern, oder das Ableben erfolgte auf natürlichem Wege direkt unter dem Campagna-Bild durch eine gemeinsame Selbsttötung mittels Gift aufgrund einer tiefgreifenden gemeinsamen Verstimmung, oder das Ehepaar Breitner lebt bis heute unbehelligt in einer sogenannten Seniorenresidenz in Drochtersen bei Stade und wartet auf die Rückkehr des Sohnes, die aus verschiedensten Gründen nicht erfolgt oder sich aus den unterschiedlichsten Gründen auf den sogenannten Sankt Nimmerleinstag verschiebt, oder die Schwippnichte und Cousine Johanna Grapentin ist von Wendell Breitner in Cuxhaven zwar regelmäßig befuhrwerkt worden, jedoch ebenso in meinen kühnsten Träumen oder in Wirklichkeit auch von mir und zwar in der für Zwecke dieser Art besonders geeigneten Hamburger Herberge Zur Kogge, und hat sich keinesfalls selbstmordend in Form einer Urne auf den schönen Friedhof Campe katapultiert, sondern arbeitet heute als krampfadernde Leiterin des Ordnungsamtes Rostock oder alternde Jugendrichterin in Aurich oder Pasewalk oder Ulm und befuhrwerkt regelmäßig neben ihrem treuen Lebensgefährten ihren Tennislehrer und, sagen wir, einen kampferprobten Obergefreiten der Bundeswehr und ihren dafür gelegentlich aus Frankfurt anreisenden sehr guten Freund aus Kindertagen, Herwig Kühn, oder Silke Breitner ist zwar Musiklehrerin, hasst aber insgeheim Bach den Älteren und Schumann den romantischen Hochneurotiker und lässt außer Schoenberg nur den musikalischen Hoffnungsträger und Heroinanhängigen, den Saxophonisten Coltrane gelten oder ist Chirurgin und operiert nur Hüften oder nur Augen oder ist die eigentliche, die wahre Königin des Obstindustrieimperiums und beherrscht ihren Gatten, den schöngeistigen, betrügerischen, angeheirateten, armseligen Wendell, oder es gibt Stade und das Anwesen vor den Toren der Stadt und das Deutsche Rote Kreuz Stade, Abteilung Krankentransport, gar nicht, so wie es die Elbe, die Schwinge, den Kotzgriechen und Hamburg gar nicht gibt, so wie es eine Hochzeitsreise des Hochzeitspaares Breitner nie gegeben hat, oder diese Hochzeitsreise von Kopenhagen über Oslo und Stockholm bis nach Helsinki führte, weil Wendell, der wendige aber dicke Wendell die nordischen Völker liebt oder die träge, brütende Hitze in südlichen Regionen hasst oder einfach nur den angeblich aasigen mediterranen Menschenschlag oder einfach nur den Schweißgestank oder einfach nur sich und sich lieber in Oslo hasst als in Rom. Oder es gibt nur Frankfurt, denke ich, ohne Abstriche sozusagen einzig und allein Frankfurt und das Luxushochhausteuerapartment, vielleicht sogar nicht einmal ein Luxushochhausteuerapartment, sondern einfach nur ein Dach über dem Kopf im Winter und im Sommer kein Dach über dem Kopf, weil das südliche Mainufer im Sommer schöner ist als ein Dach über dem Kopf und mehr sogenannten Gestaltungsspielraum lässt und der Eckermann ein Buch sein kann oder ein armer Mann von den Ufern der Luhe, wie ich plötzlich denke, die immer und immer wieder unterschätzten Ufer der Luhe, der Leda, der Ilz oder der sozusagen überall anzutreffenden Ohe, denke ich amüsiert und verliere mich und höre meinen Herzschlag am weitläufigen Mainufer und denke an Ute, die es gibt oder nicht gibt aber die es geben muss, weil ich sie schließlich brauche und treffe auf dem Eisernen Steg mit dem Svevo in der Hand, weil ich die Selbsttötung erwäge und verwerfen will, weil ich erdenken will die Cohns dieser Welt und Ute lieben will, ihre formschönen Hände, ihr welkes, erregendes Fleisch und alles was ich nicht bin und doch sein könnte. Ute soll leben, denke ich und benetze mein Gesicht mit warmem, trübem Mainwasser und weine. Wenn Ute tot ist, soll Annabell leben, wenn Annabell tot ist, soll Kühn leben, der Richterinnen- oder Ordnungsamtleiterinnenreiter Kühn, wenigstens Kühn soll am Leben sein, denke ich, Kühn wird mich nicht enttäuschen und am Leben sein, und wenn er tot sein sollte, mausetot, wie ich denke, lebt immer noch Gerken, auf jeden Fall lebt Gerken, zu Gerken gehe ich einfach ins Kabuff, tot sein gehört sich nicht, wird Gerken sagen, und wir trinken und er lebt, nur Ute erwägt und vollzieht nach meinem Willen die Selbsttötung, und es ist meine Schuld, weil ich ein sogenannter schlechter Mensch bin und sie in die Selbsttötung getrieben habe, oder ich habe sie erfunden, aber wer erfindet eine rote Bürste und die Liebe und braune Augen und einen roten Wintermantel oder ein Sommerkleid und soll mir ein Rätsel sein und ist es mir, denke ich und sehe die Türme und denke die Worte: Aber ich bin hier, die Stadt ist mein Zeuge. Oder ich bin nicht hier und es gibt mich gar nicht, das Unwahrscheinliche ist die Welt, denke ich gleich darauf, oder die Welt ist wahrscheinlich und Joachim Breitner ist wahrscheinlich und spinnt oder ist wahrscheinlich, weil er spinnt und Frankfurt bedeutet das Glück, aber Ute ist tot, erhängt, schreit Annabell die Reine und klagt mich an, ich höre es deutlich, und selbst Gerken und Kühn sagen es, also stimmt es, wenn Gerken und Kühn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen und ich kein Lügner bin, aber Ute hat gesagt, ich bin es. Vielleicht, denke ich, war Wendell nur ein Hebräerhasser und kein Obstindustrieller und schon gar kein Schwippnichtenficker, sondern, sagen wir augenzwinkernd, ein Klumpen Endmoräne und vielleicht noch nicht einmal Stader, sondern, sagen wir, Neuwerker und noch nicht einmal und schon gar nicht von der Campagna angestrahlter nachverkehrlicher Privatkomponist und Silke ein Wolfsbarsch aus Drochtersen, wie ich angeheitert denke, im Ganzen gegrillt, eine Schluck Kykladenwein allenfalls, noch nicht mal ein Kataifi Ekmek, höchstwahrscheinlich ein ganz und gar untaugliches sogenanntes Drahtungsobjekt wie ihr Gatte, aber die Wege des Herrn sind unergründlich, und wie aus heiterem Himmel taucht Kühn auf und sagt das sind sie, Breitner, das sind sie und meint die Wege, aber das tut er nur für mich und ich misstraue ihm und schweige, ebenso wie ich dem aus Frankfurt geflohenen hauptamtlichen Dichter und Werthererfinder Goethe im Grunde meines Herzens misstraue und schweige, wie ich denke, der aus der ehemaligen Reichshauptstadt ausgewanderte ehemalige Soziologe und nebenberufliche Dichter Breitner, ehemals Doktor Breitner, misstraut und schweigt nach dem Entzug der sogenannten Doktorwürde und versucht, wie seit Jahren, diesmal von der sogenannten Frankfurter Hauptwache aus den Neuanfang, der immer und jederzeit schwebend zur Verfügung steht und ihn in diesem Fall nicht mit Weimar, dafür aber mit der zentral gelegenen Türmestadt sozusagen in jahreszeitlich wechselnde Verbindung bringt. Trebe ist ein Wort das ich mag, denke ich, die zarte Trunkenheit ein Zustand, den ich genieße, Joachim der Irre, der Lügner, der Dreckskerl, mein Freund, der von anderem fahlem Abklatsch abgeklatschte fahle nach Jahren mithilfe von sogenannten Computerprogrammen aufgedeckte Täuschungsversuch Die Erwartung der Nation in der Soziologie, mein guter, treuer Begleiter im ständig mitgeführten Klumpatsch, wie auch der gänzlich eigenständig erarbeitete Ritualmord, wie ich denke, wie alles Ausgedachte, wie alles.

Vor der sogenannten Paulskirche erwache ich, weil Frankfurt erwacht. Der Erbfall kreist um die wärmende Sonne und will leben, denke ich lächelnd und beginne den Tag. Ich überquere den Römerberg und sitze am Main und denke nach und warte und erwäge und verwerfe eine Selbsttötung und betrete mit den besten Absichten in Gedanken die strahlend weiße Villa am Branitzer Platz und sehe nur dreizehn leere Zimmer und denke nach und vergesse augenblicklich alles und halte Frankfurt eine sogenannte Standpauke und sage wie es ist, wenn ich sage, dass ich nie nach Frankfurt wollte, dass ich niemanden kenne, bis auf Kühn, den Furchtlosen, der jemals nach Frankfurt wollte, dass Frankfurt ein turmhoher, gärender Dreckshaufen in einem Meer anderer Dreckshaufen in einer Galaxie riesiger und kleinster, in jedem Fall gigantisch stinkender Dreckshaufen ist, dass Frankfurt mich fortwährend und immerzu enttäuscht, wie es jeden sogenannten billig und gerecht Denkenden, bis auf Kühn, enttäuscht und immer enttäuscht hat, dass die Heiligkreuzgasse den Wolfsbarsch lächerlich gemacht und das Kataifi Ekmek, wie es heißt, ad absudum geführt hat und immer ad absurdum führen wird, weil es die, wie ich plötzlich denke, grässliche, süßliche, absurde Fratze Frankfurts ist mit dem angsteinflößenden absurden Städel an der Spitze, einschließlich der ehrenwerten Herren Tischbein, Reinhardt und Luther und ihren unfähigen Vorgängern und Nachahmern, die im völlig überfüllt daniederliegenden Städel ihr frech-frivoles Vorgänger- und Nachahmertum zum Besten geben, dass Frankfurt den Namen des Männerwohnheims und des Frauenwohnheims schlechthin und ebenso des großen und von mir trotz meines Misstrauens respektierten Dichterfürsten durch die dafür errichteten oder erhaltenen Gebäude in den Schmutz gezogen oder zumindest verächtlich gemacht hat oder eine Verächtlichmachung zumindest nicht verhindert hat und somit der Sinnentleerung sowie dem wahrscheinlich größtmöglich schlechten Ruf der Stadt Vorschub geleistet hat und zwar völlig unabhängig von allen anderen Fragen die den Denkenden quälen, wie ich umherziehend denke, beispielsweise denen unwahrscheinlicher, herbeigewünschter aber verworfener elterlicher Drahtungen dort und liebschaftlicher Erhängungen hier, aber ich weine in den Frankfurter Spätsommer hinein, wenn ich an die Erfindung Utes denke und an die Erfindung der Liebe und fahre in Gedanken in die Hansestadt Stade zum Friedhof Geestberg mit allem, was ich habe und suche, aber ich habe ja nichts als den Eckermann, und ich finde nichts, und von Svevo fehlt jede Spur, und Berlin zerfällt zu Staub, und die Villa beherbergt, sagen wir, seit undenklichen Zeiten das Institut für Soziologie der Freien Universität mit meinem ehemaligen Arbeitszimmer, und die Blicke des Hausmeisters verfolgen mich, den fristlos Gekündigten, und ich muss lachen und verschlucke mich und ersticke fast und ersticke nicht und vergesse die Geschichte und lebe grundlos weiter seit, sagen wir, gut sechsundzwanzig Jahren oder gut dreiundfünfzig Jahren, davon, wie ich behaupte, einem Jahr in Frankfurt.

Mein Name ist Joachim Breitner, denke ich, mehr noch, ich bin Joachim Breitner und suche das Glück und finde es, sagen wir, in Frankfurt, und Kühn, der neben mir zu meiner Rechten sitzt am berühmten Mainufer oder am weniger berühmten Niddaufer in einer Luftspiegelung aus Schlips und Kragen, sagt na siehst du und wundert sich nicht, und nicht einmal Gerken zu meiner Rechten wundert sich und sagt na bitte, Herr Doktor, auch wenn die von mir so genannte Entdokterung lange vollzogen ist und das sogenannte Institut für Soziologie der Freien Universität vor unfassbar langer Zeit mein Arbeitszimmer und jetziges ehemaliges Arbeitszimmer anderweitig aber immer sozusagen forschungsrelevant nutzt und schon den bloßen Villenbetretungs- und völlig arglos zum Aufwärmen unternommenen Arbeitszimmerbetretungsversuch als Hausfriedensbruch verfolgt, und ich kein Drecksdoktor mehr bin, sondern Achi der Niddakenner oder einfach nur Achi das Tier, abstammend von den Tieren Wendell und Silke, wenn sie noch leben in der sogenannten Seniorenresidenz Drochtersen vor den Toren Stades, aber in Drochtersen leben alle ewig.

Das Glück, sage ich und breche auf mit den augenrollenden Herren Kühn und Gerken im sogenannten Schlepptau, das Glück ist ein Meister aus Stade. Ein nicht allzu verschmutzter Eckermann ist ein Glück, den Ritualmord als besondere, ekelerregende Leistung der menschlichen Spezies zu durchdringen ist ein Glück, sage ich, ein großer Wolfsbarsch ist sogar ein außerordentliches Glück, Goethe hinter der nächsten Ecke bei der Abfassung des sogenannten Divans oder der Italienischen Reise oder der Dichtung Dichtung und Wahrheit oder des Großgedichts Faust oder der herrlichen Wahlverwandtschaften sozusagen über die Schulter zu schauen wäre ein gar nicht hoch genug einzuschätzendes Glück wie formschöne Hände und tiefenschöne Gesichter, sage ich, während alles andere ein gar nicht hoch genug einzuschätzendes Unglück ist, mit dem wir umzugehen haben, und Kühn sagt du spinnst, Breitner, und Gerken sagt ist es wieder so weit, Breitner und Frankfurt knirscht unter unserem Schritt, und wir schweigen, und das Städel schweigt, und die Türme schweigen, und Sankt Bartholomäus schweigt und plötzlich mahnt Kühn aber nicht bis Offenbach, und Gerken quatscht nach: nicht bis Offenbach, und ich ärgere mich und sage: ihr haltet die Schnauze, und dann verliere ich sie, oder sie verlieren mich, oder sie bleiben zurück, und auf der Flößerbrücke bleibe ich stehen und schaue auf die mit schlechtem bürgerschaftlichen Gewissen sogenannte Ignatz-Bubis-Brücke und warte und überlege, was zu tun ist, und es ist nichts zu tun, und ich könnte zurückgehen zum Eisernen Steg, ich könnte eine Parkbank besetzen am Neuen Börneplatz, ich könnte die Augen schließen und das Luxushochhausteuerapartment betreten und den Krähwinkel aufsuchen und Joachim, dunkelblau ein allerletztes Mal betrachten und tief ausatmen und nicht wieder einatmen und die Kastanienallee bis zum, sagen wir, Jüdischen Friedhof am Scholzplatz gehen und zurückfluten und die unbeleuchtete Villa und einen davoneilenden Mann sehen, den ich der Einfachheit halber Grenner nenne und den ich nicht wiedersehen werde, und einen Zug nehmen nach Stade, wo alles beginnt, der Hebräerhass, immer dieser Hebräerhass, der Dreck, alles, und an die Gebeine der Toten denken und an meinen Freund Laberkopp denken und an einen Balkon in Rom denken und aus dem Klumpatsch ein später sogenanntes heiliges und in den Vitrinen dieser Welt verwahrtes Schreibwerkzeug hervorholen und mir auf die Stirn die Worte schreiben, die als Frankfurter Vermächtnis des berühmten Gelehrten und Geschichtenerzählers und kreisenden Irreführers und Scharlatans, sagen wir, Chaim Breitner in die sogenannte Geschichte eingehen werden:

 

Alles

 

Wir werden

das Korn säen

 

Treibholz ernten.

 

Dass niemandem

ein Leid

geschehe.

 

Der dunklen Wälder

Treueschwur.

 

Der wilden Bäche

Meer.

 

 

 

Ich bin Joachim Breitner, denke ich, warum, weiß ich nicht.

Dann schlafe ich ein.

 

 

Kapitel 11

Coda

 

Es geht weiter, ein Leben. Und wieder dieser Kopfschmerz, denke ich und denke an Frankfurt, aber es ist Tel Aviv, zweifellos handelt es sich um die gewissermaßen fortwährend zu Späßen aufgelegte städtische Zusammenballung und von mir augenblicklich so genannte Kultstätte Tel Aviv, meinetwegen, sagt jemand, der wie Ute klingt, gehen wir die Dizengoff bis zur Frishman und biegen ab Richtung Meer, oder wir kommen zur Ruhe auf der Sderot Ben Gurion oder vertreten uns die Beine auf dem Karmel-Markt, für sich genommen, denke ich, macht Frankfurt keinen Sinn, wie auch die ehemalige Reichshauptstadt Berlin für sich genommen keinen Sinn macht, wie auch die von mir neuerdings aus einer Laune heraus so genannte Lasterhöhle Stade für sich genommen sinnlos ist, sondern beispielsweise im Verbund mit, sagen wir, denke ich, der von mir abgrundtief geliebten und verehrten Freudentaumelstadt Tel Aviv. Während angeblich die Seniorenresidenzmetropole Drochtersen bei Stade nach letzten, allerdings Jahre zurückliegenden Erkenntnissen das Ehepaar Breitner beherbergt und, wie ich verfüge, ein weißer oder roter Walmdachbungalow die geachtete, alternde Jugendrichterin Grapentin in, sagen wir, Köln-Deutz oder Dortmund-Aplerbeck mit sogenanntem Wohnraum versorgt, beherbergt das stolze Tel Aviv für, sagen wir, einen Tag oder ein Jahr, denke ich, den berühmten Irreführer und Neufrankfurter und bekennenden Verehrer des Eisernen Stegs und gelernten und gescheiterten Soziologen und Obdach- und Heimatlosen und Seelenkranken Joachim Breitner. Eine Welle, die keine Welle ist sondern ein Lächeln, trägt mich am Strand entlang Richtung Süden bis nach Jaffa, meinetwegen, Durchlaucht, sagt Ute wieder wie aus dem Nichts, fahren wir durch den Negev nach Eilat oder wir gehen zur Galerie dieser Welt zu Annabell Cohn und kaufen endlich das berühmte Gemälde, das wir kennen. Wenn du mich fragst, fünfunddreißigtausend Euro sind angemessen für zwei mal vier Meter und ein Gesicht, das meinem verblüffend ähnlich sieht. Ich glaube, die Ausstellung heißt Und jetzt wird gestorben. Die Farbe Blau. Sie überlegt. Oder wir fahren nach Frankfurt zurück und fangen von vorn an.

Ich schließe die Augen und höre meinen Herzschlag. Dann küsse ich Ute und erzähle eine Geschichte aus meinem Leben. Wenn ich vorkomme, will ich jünger sein, sagt Ute und dir kein Rätsel. Und einen Hund soll es geben. Diese Tel Avivim, denke ich und verspreche es. Dann schließe ich die Augen und breite die Arme aus und nenne die Geschichte Gassi.

 

Es ist ganz einfach,

 

sage ich,

 

Bücher lese ich vorwiegend im Stehen und betrachte die Lehre von den Himmelskörpern als einen gute-Laune-Killer.
Wenn ich schreibe, erfinde ich Naheliegendes, Unwahrscheinliches, Sensationelles und staune, wie eins aus dem anderen folgt.
Mit Ute bin ich einmal gemeinsam in den Urlaub gefahren und allein zurückgekehrt.
Aber am liebsten gehe ich mit Bolle Gassi, oder ich schaue bei Herwig mit Eierlikör vorbei, und wir trinken.
Es ist ganz einfach, auch wenn ich manchmal irgendetwas Verdrehtes, Vermaledeites hinter allem wittere, was mich, Raimund Breisacher, ausmacht und bestimmt. Doch einem bloßen Verdacht werde ich niemals den schönen Gedanken opfern, dass ich im Einfachen völlig aufgehe, im Einfachen schlechthin, ja, dass ich geradezu als fleischgewordene Reduktion von Komplexität mein Leben friste. Wenn ich mir einen Satz wie diesen auf der Zunge zergehen lasse, bedaure ich, meine soziologischen Studien nicht mit dem nötigen Biss oder zumindest der nötigen Chuzpe zu einem guten Ende gebracht zu haben. Zu spät. Ich hätte mich am Riemen reißen müssen. Aber es wird nebenbei gesagt auch ziemlich viel geschwafelt in der Soziologie, was für mich langfristig einen Verlust an Lebensqualität bedeutet hätte, denn leeres Gerede verstärkt meine Migräneneigung und beeinträchtigt dadurch sogar mein Liebesleben. Noch heute ist es so, dass ich augenblicklich von einer schier grenzenlosen Lustlosigkeit geplagt werde, die sich gegen alles und jeden richtet, wenn ich, sagen wir, über protestantische Arbeitsethik in der Postmoderne nachdenke. Manchmal wusste ich während einer Vorlesung gar nicht mehr, wo mir der Kopf stand, angesichts herrschaftsfreier Diskurstechniken und dem Gerede von sozialer Statik und politischer Mehrheit oder von Kult und Klassengesellschaft am Beispiel von Wandschmuck.
Das Wandschmuckding hört sich jetzt unwahrscheinlich an, und doch ist es wahr wie meine Kopfschmerzen oder die überaus große Gelehrigkeit von Königspudeln. Aber ich komme vom Thema ab. Mein ehemaliger Kommilitone Herwig sagt, es seien meine außeruniversitären Aktivitäten und ihr unverdienter Erfolg gewesen, die mein Studium zunächst erschwert und schließlich unmöglich gemacht hätten. So war es wohl, auch wenn man über das unverdient streiten kann. Sicher wäre es von Nutzen gewesen, mich wenigstens mit einer Gesellschaftstheorie, einem Erklärungsversuch für alles nachhaltig vertraut zu machen, um die Welt als Zusammenhang zu begreifen, sie ein wenig fundierter zu lieben oder zu verachten. Überdies wäre die Abfassung einer Diplomarbeit, etwa mit dem Titel Zur Soziologie des Hundeführers, Versuch über die Grundlagen symbiotischer Beziehungen ein schönes Geschenk für jeden Köterbegeisterten gewesen. Die Systemtheorie, wie ich sie, leider viel zu bruchstückhaft, kennengelernt habe, hätte beispielsweise das Zeug gehabt, einer solchen Studie das nötige methodische Unterfutter zu liefern, auch wenn Herwig, diese Karikatur eines Oberstudienrats, alles Systemtheoretische bis heute als anämisches Geraune aus einem Leitfaden für die höhere Verwaltungslaufbahn verhöhnt, meist lallend und etwas zu laut, wie immer, wenn er betrunken ist, über alte Zeiten schwadroniert und alles besser weiß. Wie dem auch sei, meine Bewunderung für autarke, in sich ruhende und sich selbst genügende Betrachtungsweisen, die Herwig ab zwei Promille selbstreferentiellen Hokuspokus nennt, ist ungebrochen.
Die Schmähung habe ich übrigens nachgeschlagen, um ganz sicher zu gehen, was sie bedeutet, und fand letztlich meine Ahnungen bestätigt, dass es sich hier nur um das hilflose Umsichschlagen eines intellektuell Zukurzgekommenen handelt.
Was soll ich sagen, good old Herwig weiß ganz genau, dass der Marxismus, den er in grenzdebiler Verblendung favorisiert, überhaupt nicht zu mir passt. Dieses einst immerhin brodelnde, dampfende und nunmehr gänzlich erkaltete Geistesgebilde ist piefig, sperrig, ermüdend und rechthaberisch und weiß selbst nicht, ob es Teil einer sozialen Revolution oder ein gigantischer Papierfresser und nimmermüder Spaßbremser sein will. Aber geschenkt. Herwig ist heute Lehrer am Theodor-W.-Adorno-Gymnasium in Frankfurt, ein strenger Vertreter seiner Zunft, wie zu hören ist, und mein Studium war zu Ende, bevor es richtig begonnen hatte. Ich habe somit eine Gelegenheit zur persönlichen Vervollkommnung verpasst, daran gibt es nichts zu deuteln. Dafür trat die junge angehende Wasserschutzpolizistin Ute Cohn in mein Leben und bereicherte es auf die angenehmste Weise mit Liebe und Anerkennung.
Ihr ist es bis heute egal, mehr noch, sie findet es drollig, dass ich nichts verstehe, wenn ich im Sitzen zu lesen versuche, wo ein Mensch doch, wie sie sagt, normalerweise sitzen oder liegen will, wenn er liest. Sie nimmt es schulterzuckend hin, dass ich über ein Buch gebeugt am Schreibtisch sitzend verharren und das geschriebene Wort drehen und wenden kann, ohne seinen Sinn zu erfassen. Denn nicht zuletzt darauf ist es zurückzuführen, dass meine Abiturnote deutlich unter der von Herwig lag. Die Erlaubnis für die sozusagen stehende Lektüre der Aufgabentexte, wurde mir unglücklicherweise nicht erteilt, obwohl ich mehrfach darum bat. Ich will gar nicht von Ungerechtigkeit sprechen, an die ich ebenso wenig glaube wie an Leinenzwang in öffentlichen Grünanlagen, aber was ich sagen will, ist, dass meine Leistungen im schulischen Bereich angesichts meiner rezeptiven Anomalie entsprechend dürftig ausfielen, da ich nie wusste, worüber genau ich sprechen oder schreiben sollte. Das Einfache liegt mir, aber ich hasse das Ungefähre, und doch musste ich es aus der Not heraus fortwährend produzieren und bekam erst später die Gelegenheit, aus dieser Not eine Tugend zu machen. Einstweilen hieß es: Herr Breisacher, wir haben den Eindruck, dass Annette von Droste-Hülshoff Ihnen nicht liegt oder, verständnisvoller, Raimund, do you really think ‚Julius Caesar‘ is about politics in ancient times, although, to a certain extent, you’re surely right.
Sich in der muffigen Lehranstalt im entscheidenden Moment nicht rühren zu dürfen, wenn man doch lieber stehen, laufen oder tanzen würde – auf diese sowohl bitteren als auch im weiteren und engeren Sinne niederdrückenden Erfahrungen hätte ich gut verzichten können. Bis, ja, bis Ute von Herzen lachte, als sie mich mit dem Fänger im Roggen oder vielleicht auch mit dem Manuskript meiner damals noch unveröffentlichten Schmonzette Kasimir Krögers gesammelte Anzüglichkeiten laut zitierend durch den Rothschildpark tapsen sah, mich also, wie mir erst später bewusst wurde, beim Verstehen überraschte und mit einem makellosen Augenaufschlag um Feuer bat, vergeblich, wie sich wohl versteht, weil ich niemals im Leben geraucht habe und aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung auch niemals rauchen werde. Instinktiv (denn wer mag schon ängstliche Männer) begründete ich meine Tabakabstinenz jedoch spitzfindig mit einer systemtheoretischen Abneigung gegen Asche, gegen Rückstände im Allgemeinen, gab einige an den Haaren herbeigezogene Literaturhinweise, worauf Ute durch hysterische Lachsalven beinahe mitten im Park zu Fall kam. Nur mühsam brachte sie vor Amüsement bebend ein das-ist-ja-großartig hervor und vergaß für eine Weile sogar ihre Nikotinsucht. Wir wurden ein Paar, die lachende angehende Staatsdienerin und ihre Stehlampe, wie Henry heute noch sagt, fast siebenundzwanzig Jahre später, aber was soll er schon sagen. Das Studium litt, ganz einfach, weil die Beziehung mit Ute viel Zeit und Energie beanspruchte, aber ebenso, weil das Schreiben, mit dem ich aus Langeweile begonnen hatte, für mich allmählich an Bedeutung gewann. Schließlich verließ ich etwas überstürzt die Universität und folgte Utes Rat, mein Buch bei einem ambitionierten Verlag unterzubringen und den Titel in Kasimir Krögers widerliche Anzüglichkeiten zu ändern, weil Eva der Ansicht war, neben dem Sexuellen sei es vor allem das Widerliche, was Menschen neugierig mache, ein in psychologischer und somit kaufmännischer Hinsicht unschlagbares Argument. Der Untertitel Erzählt von ihm selbst machte alles perfekt. Trotzdem war es schwer, Herwigs Spott über mein verpatztes Leben und den Kasimir ertragen zu müssen, von einer pornographischen Schrift ohne Sexszenen war die Rede, vom bekloppten Bestseller gar. Aber ich konnte beobachten, dass Herwig damals begann, täglich eine kleine Flasche Eierlikör zu trinken. Heute ist es fast eine große. Gut, wenn wir zusammensitzen, werden es häufig zwei, aber wen kümmert's.
Der Kasimir ermöglicht mir bis zum heutigen Tage ein Leben in bescheidenem Wohlstand, wie es nur wenigen Schriftstellern vergönnt ist. Er verkauft sich zwar bei weitem nicht so gut wie Der Fänger im Roggen oder meinetwegen die Buddenbrooks, aber zwei, drei Großkritiker haben das Werk glücklicherweise in ihren Kanon aufgenommen und ich bin in den letzten dreiundzwanzig Jahren seit seinem Erscheinen immer gut über die Runden gekommen. Bis vor drei Wochen habe ich mich sogar weder durch Eva noch durch ihren Humor zu einer teuren Urlaubsreise oder sonstigen unüberlegten Geldausgabe hinreißen lassen. Lediglich an den Likörkosten bei Henry beteilige ich mich und habe neudeutsch gesprochen eine gute Zeit für fast nichts.


Schreiben kann ich übrigens völlig problemlos im Sitzen. Nur auf das Trinken muss ich dann verzichten, weil sonst der feinziselierte Plot gemeinsam mit meiner Matschbirne abschmiert und der Lektor Alarm schlägt. Kasimir Kröger, nicht nur ein Buch der Schlechtigkeiten, sondern zugegebenermaßen ein schlechtes Buch, ist jedenfalls absolut nüchtern und, seine delikaten Passagen eingeschlossen, in aller Gemütsruhe verfasst worden und daher trotz seiner Dürftigkeit wie aus einem Guss. Wer schreibt, und sei es noch so lausig, sollte die Hände vom Schnaps lassen und etwaige Saufgelage auf den Feierabend legen, wo sie hingehören und keinen Schaden anrichten können.
Die Cohn, wie ich sie wegen ihrer Neigung zum Divenhaften gerne nenne, kann Eierlikör rein geschmacklich ohnehin nicht ausstehen und drängt auf eine Dauerabstinenz, was ich schon wiederholt als Einmischung in meine inneren Freizeitangelegenheiten zurückweisen musste. Die sonst so lustige Beamtenseele tut sich allerdings mit dem Phänomen des abweichenden Verhaltens und des zähen Widerspruchs viel schwerer, als der geneigte Leser nach dem bisher Gesagten annehmen darf, und so endete unser erster richtiger Urlaub nach all den Jahren unentspannt. Man könnte meinen, ich wollte etwa mit einem Gläschen in der Hand von einer Hotelterrasse aus den glitzernden Golf von Neapel bestaunen, während Ute nur an alten Steinen interessiert war. Aber das war es nicht. Nicht direkt. Der trinkende Besserwisser Herwig führt das Desaster auf die parallele Veröffentlichung meines zweiten, weitgehend autobiographischen Romans Randolph und Roswitha zurück, den ich in einer Phase der Enttäuschung und des Überdrusses geschrieben habe, weil mein altes Steckenpferd, die Astrophysik, von der ich mir einst eine neue Dimension des Denkens und Fühlens versprochen hatte, mich nicht mehr umhaute. Ich war nämlich zu der Erkenntnis gelangt, dass es ganz einfach für immer ein Ding der Unmöglichkeit bleiben wird, mit Raumschiffen zu fernen Galaxien zu reisen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit von einander entfernen und angeblich alle durch den sogenannten Urknall allmählich entstanden und in Bewegung gesetzt worden sind. Früher, das heißt kurz nach dem Erscheinen des Kasimir, der mich in der Szene zum Shootingstar machte, hat mich das All fasziniert, heute verfalle ich lediglich in eine depressive Stimmung, wenn ich daran denke, dass allem, auch dem Schönen und Wertvollen, schon der Abschied ins Ungewisse innewohnt und jede Auflehnung gegen dieses Sich-Entfernen, dieses Wegdriften, sinnlos ist. Ich habe mich mit dem Gedanken zu trösten versucht, dass die Sternenkunde genauso wie die Soziologie nur ein Angebot des Menschen für den Menschen ist, das trotz aller Eindringlichkeit und wissenschaftlichen Strenge vor allem über den Geisteszustand der Denkenden etwas aussagt und bestenfalls zu neuen Geisteszuständen führt, gegen die es ihrerseits aufzubegehren gilt, ein immerwährender Kampf, und keine Leidens-Kleinigkeit, wenn einem vor lauter Weltraum-Wahn oder unklar Vermaledeitem die Tränen kommen. Auf diese Weise habe ich jedoch die Lust am Schreiben wiederentdeckt. Denn ohnehin wird mein Innerstes von Erwägungen aller Art regelrecht stranguliert, und ich greife nach jedem Strohhalm. Wenn ich nichts zu Papier bringe, hilft nur ein Spaziergang mit dem Hund, eine Wohltat, die von keinem kosmischen Nebel getrübt werden kann. Ein Dasein ohne Sinn und Verstand bekommt dann in den Grünanlagen der Stadt die nötige Prise Leichtigkeit und Verlässlichkeit, ohne die es nicht geht.


Jetzt muss ich lachen. Denn ich bekomme Kopfschmerzen, es ist immer das Gleiche. Sie beginnen über der Nasenwurzel, strahlen bis zu den Schläfen hin aus und sind von Sehstörungen begleitet. Dabei habe ich noch gar keine Einzelheiten vom Urlaub mit Ute erzählt, auch wenn Herwig sagt: Du musst darüber sprechen, Raimund. Also gut, spreche ich darüber.
Dabei ist die Faktenlage klar. Zum Golf von Neapel würde ich niemals reisen, die dort unten anzutreffende Kleinkriminalität und die sengende Hitze schrecken mich ab. Aber wahr ist, dass ich mit Ute im Urlaub im schönen Eckernförde war und sie vier Stunden in einen Hundezwinger gesperrt habe, der zu unserem angemieteten Ferienhaus gehörte, wovon ich, Hand aufs Herz, vorher nichts gewusst habe und erst durch unmittelbare Anschauung den Gedanken dieser temporären Nutzung entwickelt habe. Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass Utes Arrest eindeutig selbstverschuldet war. Sie war ekelig zu Bolle und wies meinen treuen Freund ständig zurecht, eine Demütigung für jeden sensiblen Großpudel. Im Zwinger nun hatte die unbeherrschte Wasserschützerin die Möglichkeit, über ihr Fehlverhalten nachzusinnen und in Ruhe eine Weile in den Buddenbrooks zu lesen, leider nur in einer billigen Taschenbuchausgabe, die ich mit viel Fingerspitzengefühl durch den widerstrebenden Maschendraht quetschte, um Ute, die gern liest, versöhnlich zu stimmen. Allein das versteht Herwig schon nicht. Dann: Bolle durfte auf Utes Sessel vor dem Kamin im Wohnzimmer sitzen, das ist richtig. Diese Erlaubnis galt jedoch ausschließlich für die Zeit von Utes Arrest und war Teil einer – wenn man so will – spontanen Kunstinstallation, einer Neubewertung von Zeit und Raum. Ferner möchte ich darauf hinweisen, dass es Ute war, die das gemietete Landhaus nach Beendigung des, wie sie sich ausdrückte, unwürdigen Schauspiels fluchtartig verließ und sogar Buddenbrooks im Zwinger vergaß. Schließlich: Als Ute türmte, stahl sie mir vom Nachtisch den Fänger im Roggen, des Weiteren ein noch ungelesenes Buch über die Codierung von Intimität, sowie mein Handexemplar von Randolph und Roswitha, das sie als kranke Verleumdung und Kampfansage eines wirren Säufers verunglimpfte. Dabei ist sie nur neidisch, dass sich die triviale Schwarte genauso gut verkauft wie seinerzeit Kasimir Kröger, diesmal allerdings autobiographisch schlechten Sex und Fernsehabende zu zweit beschreibt und in diesem Zusammenhang von sinnentleerten Stunden, beißender Langeweile und einem Schattendasein der Liebe spricht. Hier setzt übrigens auch Herwigs zentraler Kritikpunkt an: Dass ich die Psychopathologie meines Daseins auf unzulässige Art heroisiere (das waren neulich exakt seine Worte) und nur so tue, als ob ich irgendetwas von dem begreife, was läuft. Deshalb will er in Zukunft erst nach Einbruch der Dunkelheit Eierlikör mit mir trinken, wenn es niemand sieht. Neuerdings scheine ich ihm peinlich zu sein, ein starkes Stück. Seine Schüler können einem leidtun. Armes Adorno-Gymnasium. Zum Glück habe ich mich mit Ute wieder vertragen. Sie hat mir die Kunstinstallations-Nummer abgenommen und durfte Bolle sogar scherzhaft mit dem Tierheim drohen.


Meine Kopfschmerzen werden stärker. Und das Augenflimmern beginnt. Ich werde mit Bolle eine Runde drehen, eine kleine oder große, ganz wie es sich ergibt. Manchmal gehen wir stundenlang um Häuserblöcke und ich denke an meinen dritten Roman, den ich schon bald schreiben will. Mein Frankfurter Verlag quengelt, ich habe mir sagen lassen, Frankfurts häufige Tiefdruckgebiete seien schuld, gleichviel, ich solle nachlegen und nicht wieder dreiundzwanzig Jahre warten. Ein Unternehmen will Umsatz machen, ein Verleger ist vor allem Kaufmann, grad hier in Frankfurt, ich verstehe das, aber den vorgeschlagenen Titel Dorles dolle Dinger habe ich entrüstet abgelehnt, weil ich mich nicht als Tittenfetischist verheizen lassen will und lieber mit einer Story über Beißhemmungen und Beschwichtigungsgesten die Bestsellerlisten stürme. Das ist nämlich das zentrale Thema von Aufgeschnappt (so der Arbeitstitel) und soll mein erster Ausflug in die E-Literatur werden, und ich hoffe, dass es ein Knaller wird wie Narziss und Goldmund, Der alte Mann und das Meer, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Die Klavierspielerin oder Ein ganzes Leben. Das Geld brauche ich nicht unbedingt, aber ich nehme es natürlich gern. Auf der Rückreise von Eckernförde habe ich sogar darüber nachgedacht, wie es wäre, einen Teil der laufenden Kasimir oder Randolph-Einnahmen in den Aufbau einer Großpudelzucht und die Entwicklung neuer Eierlikörrezepturen zu investieren und mit den zu erwartenden Aufgeschnappt-Tantiemen wiederum meine Altersversorgung unter Dach und Fach zu bringen. Mal sehen, wie Herwig diese Gedanken beurteilt, wenn er nicht mehr dauernd dieses nervige du-musst-darüber-reden-Geseire anstimmt, nur weil ich Ute einer Maßnahme unterzogen habe, bei der sie sogar Romane lesen konnte. Ist die Zwingerproblematik – neben dem erzieherischen Gesichtspunkt - nicht geradezu ein Paradebeispiel für die Möglichkeit jener Reduktion von Komplexität durch Perspektivwechsel mit besonderer Berücksichtigung der Innen-Außen-Problematik als Interaktion divergierender Subsysteme, am Beispiel von Ute, Bolle und mir? Oder würde mir Herwig auch diesen Satz um die Ohren hauen? Nur weil ich es sage, muss es nicht falsch sein.


Ich hätte eben doch die Universität nie verlassen dürfen. Meinetwegen soll Herwig mit dem Kopf schütteln und Ute verteidigen. Ohne Umschweife bekenne ich: Es gilt fortzuschreiten auf meinem Weg zu mir, zum Einfachen hin. Zu Raimund Breisacher. Vielleicht sollte ich Aufgeschnappt in Weniger geht nicht umtaufen.
Es kränkt mich, dass Ute auf die weitere Teilhabe an diesem Reduktionsmarathon verzichtet hat und wir uns in Wirklichkeit gar nicht vertragen haben, und ich den Leser schon wieder angeschwindelt habe und Eva bereits ohne Rücksicht auf den Wasserschutz nach Bad Honnef gezogen ist, zu einem neuen Bekannten, der niemals ein Buch veröffentlicht hat, auch kein schlechtes, und Gartenzäune verzinkt und kein verpatztes Leben führt und Gerken heißt, und sich anständig benimmt, und angeblich keinen an der Marmel hat wie ich, zumindest wurde es mir so von Herwig überliefert, der mit Ute gesprochen hat. Soll sie sich halt trollen, die Wegelagerin, ich weine ihr keine Träne nach, aber bei der nächsten Auflage von Randolph und Roswitha werde ich ein Nachwort schreiben, das sich gewaschen hat, dann kann nicht nur Ute, sondern auch dieser Gerken und Bad Honnef einpacken. Irgendetwas Schneidiges, in sich Stimmiges werde ich zusammenschustern. Leider hat der Verlag signalisiert, dass ich den Bogen nicht überspannen darf, da der Persönlichkeitsschutz Vorrang hat, die Rechtsabteilung sei in Alarmbereitschaft. Typisch Frankfurt. Aber einetwegen. Es ist nur ein Angebot.


Am besten ich gehe mit Bolle durch den Wald zur Havel und komme zur Ruhe. Und bin um neun wieder da, wenn die Pfeife Herwig bereit ist, im Schutze der Dunkelheit mit köstlichem Likör auf das neue Leben anzustoßen, das einfache, neue Leben.
Wenn es wahr wäre. Den Tatsachen entspräche. Aber es ist alles gelogen, das ganze Ding, piff-paff, eine faustdicke Lüge. Oder zumindest eine große Irreführung, denn einiges stimmt ja. Also mache ich jetzt reinen Tisch.
Herwig zum Beispiel gibt es, und er trinkt auch in Wirklichkeit gern, er ist aber kein Lehrer am Adorno-Gymnasium, sondern Taxifahrer, den man fast zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Warteschlange am Bahnhof antreffen kann. An ihm ist allerdings mit Sicherheit ein Lehrer verloren gegangen, wenn auch ein schlechter. Sogar einen Ratgeber über inneres Gleichgewicht in Zeiten äußerer Schieflagen hat er im Selbstverlag geschrieben. Er meint, dass ich zu viel Zeit habe, und mir deshalb ebenso haarsträubende wie belanglose Geschichten ausdenke, die jeder Grundlage entbehren und nur den interessieren, der sich mit mir auf einer Ebene befindet und somit ähnlich gestört ist. Im Grunde, so sein Fazit, sei ich ein Fall für die Nervenklinik, die sich einen Steinwurf von meinem Schreibtisch entfernt im schönen Ortsteil Niederrad befindet.


Bei Ute ist die Sache vertrackter. Wir leben und wohnen seit fast siebenundzwanzig Jahren zusammen, sie ist wirklich bei der Wasserschutzpolizei und füttert mich durch. Obwohl ich bei der Zwingergeschichte in Eckernförde den Bogen ein wenig überspannt habe, ist unser gegenseitiges Vertrauen alles in allem sehr groß. Schon vor Jahren habe ich sogar Kontovollmacht erhalten, musste aber, da das Haushaltsgeld bislang immer genügend Spielraum bot, nie von ihr Gebrauch machen.
Mich selbst hingegen sehe ich als Hausmann und unentdecktes Talent für alles, ich ziehe bei Bekannten Dielenfußböden ab und mag keinen Eierlikör, sondern nur Weinbrand, weil ich von Rum oder Cognac seit ein paar Jahren Magenschmerzen bekomme, die ich früher nicht kannte. Kasimir Kröger habe ich wirklich geschrieben, aber kein Verlag wollte es, jedenfalls kein Frankfurter. Damals trug es noch den Untertitel: Ein Leben ohne Lüge. Vielleicht lag es daran. Randolph und Roswitha ist auch von mir und modert ebenfalls als abgelehntes Manuskript vor sich hin, weil eine Aussage fehle, kein Stil zu erkennen sei und das Buch den Leser unweigerlich schrecklich langweilen und geradezu in die Flucht schlagen müsse, wie mir der Lektor des Horkheimer-Verlags einst schrieb. Kultig sei an diesem Pamphlet allenfalls der scheinbar ungebrochene Lebensmut des Autors. Ich habe mir diese Unflätigkeit gemerkt. Autobiographisch ist allerdings nichts an der Story, die im universitären Milieu spielt und von einem wahnsinnigen Soziologenpaar handelt, das den Kontakt zur Wirklichkeit verliert. Ich finde beide Romane nicht schön aber solide und hoffe auf einen Durchbruch in den nächsten Jahren. Möglicherweise gelingt er mir mit Aufgeschnappt, denn ich möchte endlich gegenüber Eva etwas vorzuweisen haben. Hinzu kommt, dass die Arbeit an Dielenfußböden Gift für meine Lungen ist.
Ute ist bei diesen ehrgeizigen Projekten selbstredend ganz auf meiner Seite und eine große emotionale Stütze. Aber neulich hatte sie eine Affäre mit einem übergewichtigen Wasserschutzpolizisten, irgendein Joachim, dessen Leiche irgendwann mit dem Bauch nach unten im Main trieb, mit ordentlich Kielwasser sozusagen, vermutlich das Opfer eines gestörten Gleichgewichtssinns. Nun gut, Herwig bezweifelt das. Durch seine Nickelbrille erscheint alles dramatischer, als es ist.
Nur die Behauptung, ich könnte nicht im Sitzen lesen, oder doch wenigstens nichts verstehen, ist ziemlicher Quatsch, es ist vielmehr umgekehrt so, dass ich im Vorbeigehen oder Vorbeifahren mit dem Fahrrad nichts lesen und nichts begreifen kann und zum Beispiel Werbung auf Häuserwänden an mir vorüberziehen lassen muss, ohne zu erkennen, welches Produkt beworben wird. Auf diese Weise ist mir schon manch schönes Angebot durch die Lappen gegangen. Aber auch die Bedeutung von Schildern als Verkehrsregulativ gelingt mir nicht, also lasse ich lieber Ute fahren. Doch sonst verstehe ich alles oder doch verblüffend viel und war nur deshalb beim Abitur so schlecht, weil ich Kopfschmerzen hatte. Egal, Henry hat auch nicht gerade geglänzt, und Eva liebt mich trotzdem.
Mit ihrem Ausrutscher, dem dicken Kollegen, bin ich leider Gottes tatsächlich, allerdings in Frankfurt, aneinander geraten und habe ihn gestellt, so viel ist richtig, aber es war seine Schuld, dass die ganze Sache eskaliert ist. Dieser wabbelige Ignorant hätte mich keinen Hundeficker nennen sollen, ohne mich näher zu kennen. Das war das ganze Problem. Gut, dass Ute nicht dabei war, als, wie soll ich sagen, die Wellen hoch schlugen. Zehn Tage später ging die Ahnungslose zur Beerdigung eines guten Freundes und ich habe mit Bolle eine Extrarunde gedreht.
Meine Ansichten über Systemtheorie, Marxismus und Astrophysik möchte ich aufrechterhalten. Sie sind zwar nicht direkt auf meinem Mist gewachsen, aber größtenteils dafür auf Herwigs, der sich über solche Dinge oft Gedanken macht. Wieder ist die Wahrheit ganz einfach, und was ich sagen wollte, ist fast gesagt. Es ist wirklich verblüffend, wie eins aus dem Anderen folgt. Man muss es nur aufschreiben. Doch leider ist Bolle ist zu kurz gekommen.
Das macht mich traurig. Denn er ist friedlich und gelehrig, lernt jede Woche ein neues Kunststückchen und hat sich nie auf Utes Sessel vor dem Kamin gerekelt, nicht zuletzt, weil ich mit Ute noch nie im Urlaub war (der Leser möge also Eckernförde vergessen), nur einmal bei ihren Verwandten in Bad Honnef, wo ich sie ganz kurz, eigentlich nur andeutungsweise, in eine abschließbare käfigartige Box für gefährliche Gartengeräte wie Mistforken, Sensen und Kultivatoren gesperrt und ihr weder Buddenbrooks noch den Fänger im Roggen mitgegeben habe, sondern einen Fachartikel über Wasserleichen in Frankfurter Gewässern aus der Zeitschrift Der Wasserschutzpolizist, die Eva jeden Monat bekommt, aber nie liest. Allein und frühzeitig heimgekehrt aus Bad Honnef bin im Übrigen nur ich und zwar aufgrund einer plötzlichen Sehnsucht nach Bolle, der nicht mitfahren durfte weil die Honnefer Mischpoke Hunde verabscheut, womit beispielsweise in Tel Aviv, wie ich zu bedenken gab, kein Blumentopf zu gewinnen wäre. Die von mir für die Zeit unserer Abwesenheit als Hundesitterin verpflichtete ehemalige Psychotherapeutin, Silke Breitner, ist leider kein Garant für liebevolle Tierpflege. So mag sie es nicht, wenn jemand ihre Hand leckt, obwohl ich ihr schon tausendmal erklärt habe, dass es sich in Bolles Fall um ein freundschaftliches Gebaren handelt oder sogar um einen Akt der Unterwerfung, doch die verbohrte alte Dame ist und bleibt uneinsichtig, staunte allerdings nicht schlecht, als ich das befreite Tier mit einem Leckerli in der Hand und gesenkten Hauptes um Entschuldigung bat und Besserung gelobte.


Bolle respektiert mich und zweifelt niemals meinen Status als Rudelführer an, jedenfalls hat es den Anschein, und darauf kommt es an. Wenn wir zusammen sind, vergesse ich die Zeit. Gestern waren wir von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unterwegs. Im Frühsommer sind das immerhin gut sechszehn Stunden. Ute fragte neulich, was ich den ganzen Tag mache, aber ich glaube, sie war nicht wirklich interessiert. Manchmal kommt mir meine ganze Existenz wie ein stilles Gleiten zwischen den Welten vor, Zuneigung nur als ein Begriff der Verschleierung für Distanz und Nichtwissen beziehungsweise Nichtwissenwollen. Sagt Herwig. Darüber ließe sich trefflich schreiben. Vielleicht wird es mein Alterswerk.
Bolle und ich sind, der aufmerksame Leser ahnt es bereits, bei unserem Gewaltmarsch auch zum Bahnhof gelaufen und haben Herwig an der Halte getroffen. Der Gute war angetrunken und ich habe ihm ins Ohr geflüstert, dass er besser daran täte, die Taxe abzustellen und seinen Rausch auszuschlafen. Für diesen gutgemeinten Rat durfte ich mir dann auch noch irgendeine perverse Verwünschung anhören die ihm allerdings auch nüchtern leicht über die Lippen geht. Eigentlich bedauerlich, dachte ich melancholisch, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, wie ja auch Herwig gerne nachplappernd behauptet, eigentlich gar keins; das Schicksal des Wasserschutzpolizisten beweist es.


Du musst darüber reden, Wendell, höre ich Herwig wieder sagen und sehe, wie Bolle das Bein hebt. Seit wann heiße ich Wendell, denke ich, aber eine Namensänderung kommt mir nicht ungelegen. Die Tarnung wäre perfekt, hieße ich Cohn oder Kühn und nicht gerade Breisacher wie Vater und Mutter Breisacher, über die ich nicht mehr sagen möchte, als dass sie böse waren, wie in einem Märchen waren sie böse, bis sie selbst dazu zu alt und zu schwach waren. Und vielleicht waren sie ja auch gut, und ich weiß es nicht und müsste nur mal nach Drochtersen, um sie zu fragen.
Zum Glück blickt noch nicht einmal Ute durch. Bei Lichte besehen liegt die Vermutung nahe, dass der Wahnsinn System hat und Herwig ein hoffnungsloser Fall ist. Plötzlich wittere ich wieder etwas Verdrehtes. Aber zum Glück geht es vorbei.
Auf dem Nachhauseweg sehe ich beim Antiquar hinter Panzerglas die Erstausgabe eines Kultbuches und kaufe sie, die Kontovollmacht der trauernden Freundin im Rücken. Der Untertitel Verfall einer Familie entlockt mir ein Lächeln. Ich freue mich auf die Lektüre. Der gewitzte Jäger neben mir schnappt zu,

 

sage ich,

 

und trägt das teure Beutestück wie einen Knochen vor sich her.

 

 

Auf der Tayelet schaue ich Ute an und spüre den warmen Wind vom Meer und umarme die Stadt und vergesse den Kopfschmerz und denke nach. Frankfurt, sagt Ute unvermittelt, Frankfurt fehlt. Ich denke an Berlin und die Kohlrouladen von Diener Grenner. Möglich, sage ich zögernd und trage Sonnencreme auf, vielleicht. Wir legen uns in den Sand und warten.

Frankfurt. Eine Irreführung.

 

von Peter Kröger

 

Kapitel 1

Diener Grenner

 

Zurück in Berlin nach einem Jahr denke ich an Frankfurt und warte.

Irgendwo im Haus schnappt ein Türschloss, ganz in der Nähe, vielleicht im Nebenzimmer, ein Türschnappgeräusch, sofort denke ich, so müssen Türschlösser schnappen, dumpf, satt, entschieden, sofort vergesse ich Frankfurt, das brodelnde Frankfurt, das stille Frankfurt, den Brocken, die Fluchtburg, ich notiere auf ein vergessenes, verstaubtes Blatt Papier die Worte ein Türschloss ist ein Türschloss ist ein Türschloss aber Schnappen ist nicht gleich Schnappen und freue mich über diesen Gedanken wie über Schnee am Branitzer Platz. Wenn es schepperte, klapperte, ich müsste augenblicklich mein Arbeitszimmer verlassen, in dem ich mich befinde und das nicht mehr mein Arbeitszimmer ist und vielleicht nie ein richtiges, ein unangefochtenes Arbeitszimmer war, wie ich glaube, und nach dem Rechten sehen. So aber erübrigt sich ein sogenannter Kontrollgang durch das Haus, Kühn würde an meiner Stelle aufstehen und das Haus inspizieren, er würde im Flur oder im Nebenzimmer den ältlichen Diener, den brandneuen ältlichen Diener, einen Berliner Bekannten von Gerken, Concierge-Gerken, Kabuff-im-Teuerhaus-Gerken, mit den Einkäufen, dem Notwendigsten, wie ich denke, entdecken, den eben erst halbtags angestellten und sich quasi noch am Anfang der Probezeit befindlichen Diener, und zu seinem, also Kühns, Schreibtisch zurückkehren, um in aller Seelenruhe fortzufahren, eine Wohnung in guter Lage zu verkaufen oder Geschäftsräume an aussichtsreichem Orte zu vermieten. Kühn würde jederzeit den Überblick behalten und wäre daher jederzeit in der Lage, mit seiner Arbeit fortzufahren. Aber mich, denke ich, interessiert jetzt vor allem das Schnappen als Schnappen, die Frequenz des Schnappgeräusches, schnapp und plopp, und Kühn ist in Frankfurt, wo er hingehört, und der Halbtags-Diener, wie ich ihn nenne, wohnhaft noch Charlottenburg-Nord ist jetzt seit drei Tagen mein häuslicher Mittelsmann, Mittler zwischen Welt und Verwesung, Gerkens persönlicher Abgesandter, der ein Menü zaubert und mit Ausnahme des Arbeitszimmers den Staub vertreibt, ich habe den Diener angestellt, aber wie lange es gehen wird, habe ich ihm gesagt, keine Ahnung, wir müssen abwarten, vielleicht packe ich gar nicht richtig aus, lieber Herr Grenner, aber machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Ihre Dienste jederzeit, auch während meiner Abwesenheit, zu schätzen wissen, seien sie unbesorgt, und der Diener antwortet vor nunmehr drei Tagen, Herr Doktor, ich erwarte Ihre Anweisungen, und ich sage lieber Herr Grenner, nicht so streng, und der Diener sagt, Herr Doktor, manche Menschen brauchen Strenge wie die Luft zum Atmen. Aber auch Luft, sage ich, aber auch Strenge, sagt er, und ich drehe mich um und gehe ins ehemalige Arbeitszimmer zur Chaiselongue und vergesse den Diener und denke an Frankfurt.

Seit drei Tagen bin ich hier, seit drei Tagen erledigt der Diener mit fester Hand die anfallenden Hausarbeiten, ein Diener mit exzellenten Kochkenntnissen und einem klaren Ordnungssinn, noch nie habe ich einen Diener gehabt, Gerken kennt ihn von früher aus Frankfurt , wie man Menschen von früher kennt, noch von Frankfurt aus habe ich durch Gerken beim Diener anfragen lassen, und da die Türen auch bei Gerkens Kabuff schnappen wie sie schnappen, und der Diener durch das Haus schreitet wie ein strenges Faktotum schreiten muss, wird er angestellt bleiben, auch wenn ich nach Rom gehen sollte oder nach Stade, wie sich das anhört, Rom oder Stade, von nun an jedenfalls wacht der alte Diener aus Charlottenburg-Nord für gutes Geld über das Haus am Branitzer Platz, so ist es gut, und vielleicht bleibe ich ja auch, man weiß nie, nie können wir einer Sache ganz sicher sein, sagte Ute an unserem ersten Tag in Frankfurt vor elf Monaten, weil sie etwas sagen wollte, das keine Vorentscheidung war. Ein Tag genügte, und ich war meiner Sache bei Ute sicher, mehr noch, ganz anders als Kühn, der mein Freund war vor Urzeiten und wieder mein Freund wurde in Frankfurt, war Ute mir, wie ich ihr gleich am zweiten Tag gestand, umgehend urvertraut, sie lachte, sie belächelte mich, aber ich wiederholte die Worte umgehend urvertraut, plötzlich Ihre zögernde Hand ergreifend, ihre schöne Hand, die mit meiner rissigen Löwenpranke einen kurzen Moment lang eine feste Einheit bildete, bis Ute sagte, wer soll das sein, Breitner, Joachim, nie gehört.

Nie gehört. Seit nunmehr drei Tagen bin ich hier und warte. Ich schleiche um den Schreibtisch, der wie ein alter Behördenschreibtisch aussieht, bleibe stehen und schaue mich um. Ich sehe Staub, den Dreck eines Jahres auf der gelblich-hölzernen Tischplatte, auf einmal sitze ich am Fenster und zähle die Menschen, die über den Branitzer Platz gehen, einige kenne ich vom Sehen, Nachbarn zur Linken, zur Rechten und über den Platz, vor einigen Jahren habe ich das Manuskript Ritualmord. Eine Einführung, fertiggestellt, mein zweites und letztes soziologische Werk, geschrieben mit Blick auf den stillen Branitzer Platz und nie veröffentlicht, hier liegt das Manuskript, die gelblich-hölzerne Tischplatte trägt es stolz, dreihunderteinundzwanzig Seiten zum Nachzählen, neben meiner unauffindbaren Doktorarbeit Die Erwartung der Nation in der Soziologie sozusagen mein wissenschaftliches Vermächtnis, weil ich nur noch spazieren gehen und denken und reisen wollte, während es weitergeht und weitergehen muss mit Wissenschaft und guten Worten, unglaublichen Worten, wie Ute, die Buchverliebte, in Frankfurt einmal sagte, es geht weiter und weiter, und von dir Joachim, sagte sie, habe ich nie auch nur das kleinste Sterbenswörtchen vernommen, Doktor Breitner, was geschah in all den Jahren, spottete sie, du bist ein Schlawiner, ein Ritualmörder, ein Erbe, ein Lebemann und nun kenne ich ihn, ich werde verrückt, vorher Breitner, nie gehört, jetzt Breitner, neben mir. In Berlin reifen solche Geschichten, das muss ich einräumen, aber in Frankfurt werden sie bekannt. So sprach sie, und ich hörte es gern.

Bis zum heutigen Tage genieße ich es, durch das elterliche Erbe über eine Menge Geld zu verfügen, mehr als Kühn hat, der als reich gelten kann, soviel Geld, dass ich nur selten über Geld nachdenke und es als langweilig empfinde, mir über das Wesen des Geldes Gedanken zu machen und lieber Menschen betrachte, denen Geld auf die Sprünge hilft und die aus Geldgründen etwas tun oder unterlassen, sich aufblasen oder verkriechen für Geld, irgendwann vielleicht zum ersehnten Batzen Geld kommen und schließlich am Geld scheitern, so wie Eisbären an übergroßer Erwärmung der Umgebung scheitern. Im Geld steckt nichts, außer die Freiheit, nicht an Geld denken zu müssen, Geld befreit von Geld, könnte man sagen, denke ich. Kühn hat mich aus Höflichkeit einen originellen Denker genannt, der ich nicht bin, reich aber sozusagen amonetär, als Denker nicht existent, vom Ritualmord vielleicht abgesehen, bei dem mir die allerverrücktesten Gedanken gekommen sind, dem Gegenstand entsprechend. Mit Leichtigkeit hätte ich einen kränkelnden Fachverlag mit einer kräftigen Kapitalspritze zu einer Veröffentlichung bewegen können, aber ich habe nicht die Kraft zu einem derartigen Vorgehen. Mir gemäßer hingegen war vor der Gedanke eine Visitenkarte mit der dezenten Aufschrift Dr. Joachim Breitner, Privatgelehrter, drucken zu lassen, ohne jeden weiteren Zusatz, worüber Ute in Frankfurt so herzlich gelacht hat, dass sie am Schaumainkai durch Unachtsamkeit fast in ein Auto gelaufen wäre.

Vor reichlich vierzehn Monaten bin ich zu meiner alljährlichen Europarundfahrt aufgebrochen und habe wie immer die Städte Hamburg, London, Paris, Rom sowie die Insel Capri bereist und bin schließlich außerplanmäßig und völlig gegen meine Gewohnheit in Frankfurt gestrandet. Wohl gab es im Rahmen dieser Reisen vereinzelte Aufenthalte in anderen Orten, aber sie waren immer geplant und vorbereitet und sollten mir außer der Reihe ein wenig zusätzliche Zerstreuung verschaffen, doch mit Frankfurt gelang mir das Kunststück, mich vollkommen selbst zu überraschen. Jedes Jahr ist Hamburg die Stadt, der ich den größten Respekt entgegenbringe, es folgen London und Rom, während ich die Stadt Paris verabscheue und nur gewissermaßen aus schlechter Gewohnheit bereise und mich bereits auf den Golf von Neapel und einen exzessiven Leseaufenthalt auf Capri freue. Paris ist eine Sumpfblüte, die ihre Existenz lediglich der Langeweile und der gespielten Geschäftigkeit ihrer Bewohner verdankt. Jedes Jahr stört mich die vermeintliche, die gespielte Internationalität von Paris, die aufgeplustert daherkommt und bei näherem Hinsehen grell und abgetakelt in sich zusammensinkt. Nie habe ich mich in Paris wohlgefühlt, Paris, habe ich zu Ute gesagt, ist die Geometrie des Nichts, das ungewollte Eingeständnis von Bedauern, aber Ute hat gesagt, die Geometrie des Nichts ist längst besetzt durch Tel Aviv, nur Tel Aviv könne für sich in Anspruch nehmen, das reine Nichts zu verkörpern, und ich sagte Paris, und sie sagte Tel Aviv, und ich wiederholte Paris und sie lachte und sagte Haifa. Paris, wiederholte ich (und mein Eindruck war einige Wochen zuvor bestätigt worden), Paris ist eine Sardinenbüchse, ein Museum ohne Exponate, oder willst du, fragte ich Ute, willst du allen Ernstes behaupten, dass Paris Exponate im eigentlichen Sinne vorzuweisen hat, der Louvre, ein Pressluftschuppen, der Eiffelturm, ein Mekka für Rostanbeter, bitte verschone mich mit Paris, und Ute sagte, ich verschone dich.

Hamburg hingegen ist die Vaterstadt par excellence, der Vater mag stammen, woher er will, ist er ein ordentlicher Kerl, stammt er aus Hamburg, wer in Stade geboren ist wie ich, weiß die Vaterstadt Hamburg zu schätzen. An Ute und Frankfurt denkend, das dezente Türschnappen im Hintergrund, stelle ich mir ein Ortseingangsschild von Hamburg mit dem Zusatz Vaterstadt vor, umrunde erneut den Schreibtisch und male feine Linien in den Staub, den der Diener im ehemaligen Arbeitszimmer nicht entfernen darf, wie ich ihm am ersten Tag gesagt habe, Staub ist ein Gradmesser für Verwunschenheit, aber ich habe Grenner gebeten im Laufe der Zeit die übrigen zwölf Zimmer von dreizehn inklusive meines Schlafzimmers zu entstauben, ich hoffe, er steht sozusagen mit Staub nicht auf Kriegsfuß, ein patenter Kerl, sagte Gerken in Frankfurt, nehmen Sie sich einen Diener, handzahm und zuverlässig, handzahm und zuverlässig waren seine Worte, ich werde Grenner fragen, ein verstaubtes Haus ist ein aufgegebenes Haus, und Sie werden das Haus doch nicht aufgeben wollen. - Es stehen diverse Möglichkeiten zur Auswahl, antwortete ich Gerken, immer oder fast immer ist es schön, wenn mehrere Möglichkeiten zur Auswahl stehen, einige dieser Möglichkeiten heißen bleiben, fahren, warten, sagte ich.

Hamburg also ist die Stadt der edlen Einfalt, des stillen Aufbruchs immer beginnt meine jährliche Europarundfahrt in Hamburg, Berlin ist mir gleichgültig, vielleicht habe ich deshalb die letzten zweiunddreißig Jahre hier verbracht, denke ich, Hamburg ist und bleibt meine gute Stube, Frankfurt war mein Labor, ich werde nicht zurückkehren, auf keinen Fall, wenn Kühn will, kann er mich besuchen, wenn Annabell die Reine will, kann sie mich besuchen, aber Annabell will nicht, sie mag mich nicht, ein Jammer, sogar Gerken könnte selbstredend kommen, und bei mir wohnen und seinem Freund Grenner Gesellschaft leisten, aber Gerken nimmt solche Angebote nicht ernst, dafür ist er Gerken, ich mag es vergessen, er nicht, doch im nächsten Jahr reise ich wieder nach Hamburg, es steht fest, an Hamburg geht im nächsten Jahr wieder kein Weg vorbei, komme was will, nachdem ein Jahr lang alle Wege nach Frankfurt geführt haben, führt jetzt kein Weg mehr nach Frankfurt und alle Wege führen wieder nach Hamburg oder sonstwohin und beginnen in Hamburg oder sonstwo, nur nicht in Frankfurt. Berlin ist totes Holz, aber die Erwartung der Nation und der Ritualmord sind hier entstanden, in der guten, alten Zeit in Berlin, die es gegeben haben muss, im Kreuzberger Drecksloch und vor allem in der Villa am Branitzer Platz, dicke, alte Konvolute, das eine hier im Staub, wo es zerfallen und vergehen wird, das andere verschollen und nur noch in Fachbibliotheken als verfilmtes Stück Plastikfolie einsehbar, denke ich und öffne die grauen Gardinen, dann die Fenster im Arbeitszimmer, das lange kein Arbeitszimmer mehr ist und abgesehen von kleinen, flatterigen lyrischen Konstrukten und kurzen, schöngeistigen Gelegenheitstexten kein Arbeitszimmer mehr werden wird, weil die Arbeit getan ist, weil dem Privatgelehrten der Punkt fehlt, wie ich denke, seit Jahrzehnten fehlt dem Privatgelehrten der Punkt und darum wartet er und geht spazieren und reist. Berlin ist mir gleichgültig, der Branitzer Platz langweilt mich, aber die Erwartung der Nation und den Ritualmord habe ich hier zu Papier gebracht in der große-Schnauze-Stadt Berlin, ich höre Utes Lachen, und die Kopfschmerzen fangen an.

Gut möglich, dass Diener Grenner auch heute ein bravouröses Essen zaubert, Gerken hat ihn mir als kochenden Wunder empfohlen und die angenehm großen, perfekt servierten Kohlrouladen gestern waren delikat, anfangs irritierten mich die Worte des Dieners, Herr Doktor, die Kohlrouladen, aber mittlerweile habe ich zu den gepflegten und zuweilen komischen Umgangsformen des Dieners ein abgeklärt-erwachsenes Verhältnis entwickelt, auch der Bohneneintopf von heute entsprach übrigens voll und ganz meinen Vorstellungen, nachdem Grenner gestern und heute im notdürftig hergerichteten Speisesaal aufgetragen hat, ab morgen wird das Essen am Schreibtisch serviert, ich werde den Staub von der gelblich-hölzernen Schreibtischplatte wischen, und statt zu schreiben werde ich essen, der Diener wird abräumen, und ich werde noch ein Glas Wein am Schreibtisch trinken und Kühn einen Brief schreiben, einen altertümlichen, auf dem eine Marke klebt, die schön ist und mit dicht beschriebenem, verstaubtem Papier nach Frankfurt reist, wie in der guten alten Zeit, die es nicht gibt, es gibt keine gute alte Zeit, sagte Ute, es gibt den Main und es gibt das Gefälle Richtung Rhein und sonst gibt es einen Scheißdreck, mein lieber, guter Joachim.

Wer bin ich, frage ich und lasse die kühle Luft vom Branitzer Platz ins ehemalige Arbeitszimmer strömen. Eine berechtigte Frage, die niemand stellen sollte, der keine Antwort weiß. So oder ähnlich habe gerne Sätze formuliert, in der Erwartung der Nation ebenso wie im Ritualmord und in kleineren, nicht immer ganz ernst gemeinten Schriften und bin doch nie zu einem Schluss gelangt, ein Trick, nie habe ich auf Fragen geantwortet, die ich gestellt habe. Berlin ist mir gleichgültig, Hamburg ist eine mir gemäße Stadt, ein Ort der Sammlung, der Auftakt meiner jährlichen Europareisen, oft schon habe ich überlegt, in Hamburg zu bleiben, ganz und unwiderruflich nach Hamburg zu ziehen, und doch bin ich jedes Mal weitergereist nach London, in Hamburg gerettet und weitergereist nach London, immer reise ich weiter und weiß nicht warum, Berlin ist mir gleichgültig, seit dem sogenannten Erbfall spätestens ist mir Berlin gleichgültig, der Branitzer Platz gleichgültig, das Haus gleichgültig, in Hamburg fühle ich mich gelöst und entspannt, oft durchdenke ich gerade in Hamburg neben anderem meine beiden Werke und komme zu dem Schluss, dass sie mein Denken in bester Weise wiederspiegeln, der Ritualmord ebenso wie die Erwartung der Nation, während ich in meinem Frankfurter Jahr, wie ich es nennen möchte, in meinem ungeplanten, überraschenden Frankfurter Jahr, mindestens einmal am Tag berechtigte Fragen gestellt habe, mit Ute oder allein, also gut dreihundertsechzig Mal und immer mit dem Satz geantwortet habe, diese Stadt ist ein Wartesaal oder ich weiß es nicht. Bis auf vielleicht fünf Tage, an denen ich gar nichts aber auch gar nichts gedacht habe, dachte ich in Frankfurt an Frankfurt als einen Wartesaal, selbst als ich im Städelmuseum umherschlenderte, dachte ich an den Wartesaal, einmal beim Eintreten ins Städel und dann noch einmal beim Verlassen des Hauses.

Jetzt klopft Grenner und erscheint mit einer Kanne Tee im ehemaligen Arbeitszimmer und stellt Kanne und Tasse auf den noch vollgestaubten Schreibtisch inmitten frischer Luft, die vom Branitzer Platz unaufhörlich durch die geöffneten Fenster hereinweht. Am Schreibtisch stehend warte ich und nicke dem Diener zu, der heute bestimmt noch mit Gerken telefonieren wird und sagen wird Breitner spinnt, und der sich jetzt schweigend entfernt und die Tür schließt, mit einem deutlichen Schnappen, deutlich und dumpf, wie ich es ihm am Tage meiner Ankunft in Berlin erklärt und gezeigt habe und Grenner es zu meiner Zufriedenheit, meine Fingerspreizschließtechnik nachahmend, sofort begriffen hat. Wenn ich heute Abend vom Branitzer Platz über die Kastanienallee zur Reichsstraße gehen werde und weiter zur Heerstraße, wird der Diener wieder mit Gerken telefonieren, wie er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die letzten beiden Tage am Abend mit Gerken telefoniert haben wird, ich hingegen werde am Abend wie an jedem Abend an Frankfurt denken und an Ute und daran, dass ich mit Ute nicht nach Berlin gefahren bin, sechs Monate hatten wir Zeit und sind doch in diesen sechs Monaten nie nach Berlin gefahren und noch nicht einmal nach Hamburg, wie ich mit einer gut eingeschenkten Tasse Tee am offenen Fenster stehend denke. Ein drittes Buch, denke ich, wenn ich ein drittes Buch schriebe, wäre es ein Frankfurt-Roman mit dem Titel Der Wartesaal, meinetwegen auch Gassi, wenn ein Hund eine Rolle spielt, es ist unmöglich, einen guten Roman zu schreiben, der in Hamburg spielt, Hamburg würde sozusagen den Roman überlagern, Frankfurt hingegen verschmölze problemlos mit einem Roman über eine Stadt, in die ein ahnungsloser Bürger zufällig gerät und in der er wartet, bis ein Jahr vergangen ist und wieder aufbricht, er weiß nicht wohin und ein Buch schreibt über den Wartesaal Frankfurt, den Hirschgraben, das Städel, den Neuen Börneplatz, und den Main, wenn er doch eigentlich über Ute sprechen möchte, aber er kann nicht über Ute sprechen, ohne über den Wartesaal Frankfurt zu sprechen und so weiter und so weiter. Was mache ich nur mit vierhundertsechzehn Quadratmetern Wohnfläche am Branitzer Platz, denke ich, Ute hätte mit Sicherheit eine Idee gehabt, aber Ute habe ich verschwiegen, dass es fünfhundertsechzehn Quadratmeter sind, die genutzt werden können, dreizehn Zimmer, von denen nur drei genutzt werden, wenn der Diener sich nicht eins unter den Nagel reißt, was ich ihm angeboten habe, gleich am ersten Tag habe ich es ihm gesagt, und der Diener hat sich Bedenkzeit erbeten und gesagt, ein Umzug von Charlottenburg-Nord müsse überdacht werden und so weiter, und abends garantiert Gerken angerufen. Ute, da bin ich sicher, hätte innerhalb von Minuten ein sogenanntes Nutzungskonzept entworfen, als ehemalige Bibliothekarin, sagen wir, für ein Institut der guten Worte, aber ich habe ihr gegenüber von einer bescheidenen Unterkunft der Langeweile gesprochen, und als ich vor drei Tagen am Hauptbahnhof in Berlin nach einem Jahr Abwesenheit aus dem Zug stieg, dachte ich die Worte Unterkunft der Langeweile erneut und fuhr mit dem Taxi zum Branitzer Platz und wartete mit zwei Koffern ohne einzutreten fünf Minuten vor der Tür auf den Diener, der sehr pünktlich zum Vorstellungsgespräch erschien. Mit Blick auf das Haus habe ich an Annabell gedacht und ihre Bilder, an großformatige, in blauem Grundton gemalte Bilder, die mir Annabell nähergebracht haben, ihre scheinbare Unbekümmertheit in Fragen des Lebens, seiner Bedeutung und seiner Farben, ihre auffällige Beiläufigkeit im Umgang mit Ute, ihrer Mutter. Ich dachte an ihr zwei mal vier Meter großes Wandgemälde in Öl mit Utes verschwommenem aber erkennbarem Gesicht und dem verstörenden Titel Und jetzt wird gestorben, das vom Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erst vor zwei Wochen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in sympathischer Direktheit als schön, kühl und fern bezeichnet worden war und das ich für fünfunddreißigtausend Euro ohne Annabells Wissen gekauft habe, um es aus Frankfurt herauszuschaffen, wie ich dachte, in einigen Tagen wird es am Branitzer Platz eintreffen, solange werde ich unbedingt hierbleiben, um das Bild in Empfang zu nehmen und vielleicht sogar übergangsweise ins ehemalige Arbeitszimmer zu hängen, wo es mir sogar bei der Abfassung meines Wartesaal-Romans über die Schulter blicken könnte, wenn ich ihn schriebe und wenn ich am Branitzer Platz bleiben sollte und wenn ich die Kraft aufbrächte, schreibend Tag für Tag ein Bild im Nacken zu spüren, dass Ute nie zu Gesicht bekommen hat, obwohl es ganz allein von Ute inspiriert ist und Annabell es in einem Format gemalt hat, dass ein Kenner ihres Werkes es einst von weither, sagen wir über den Main hinweg, erkennen würde, wo es, so Gott will, eines Tages wirklich im Städel hängen könnte, wenn ich mit ihm fertig bin, wie ich jetzt, die Fenster schließend, denke, fertig mit Frankfurt und der Niederschrift des Wartesaals, der, anders als der Ritualmord und die Erwartung der Nation in den Schaufenstern der Buchhandlungen ausliegen wird, ganz sicher, gelobt und verrissen und neidisch beäugt, wie alles, was da ist in der Welt und sich stellt. Jeder, der Frankfurt betritt, wie ich vor einem Jahr Frankfurt betreten habe, muss feststellen, dass Frankfurt ohne jeden Charakter ist, Frankfurt gibt nichts, Frankfurt nimmt nichts, war Utes Devise. Kühn behauptet bis heute absurde Dinge wie Frankfurt bildet oder Frankfurt bekennt sich, gemäß der Devise, dass im Absurden immer auch Wahrheit zu finden ist, immer habe ich mir vorgenommen, Kühn zu widersprechen, aber immer ist Kühn, natürlich, eine Nasenlänge voraus, immer überlagern sich Absurdität und mitreißende Tüchtigkeit, meine Untersuchungen über den Ritualmord und die Erwartung der Nation haben ergeben, dass Absurdität und Heiterkeit, Wahn und Bürgerlichkeit in einem Atemzug genannt werden können, genannt werden müssen, Begriffspaare des Untergangs, wie ich sie nenne und wiederholt genannt habe, Utes fragenden Blick freundlich erwidernd und den kopfschüttelnden Kühn in seinem Büro hoch über Frankfurt kaltschnäuzig einen verlotterten Filou nennend, wie nur ich es darf, wie Kühn mir bei unserem Abschied auf dem Bahnhof in Frankfurt vor drei Tagen anvertraute, wie ich jetzt hinter geschlossenen Türen und Fenstern denke, den Branitzer Platz im Blick. Oft habe ich mich schon gefragt, ob es eben jene Begriffspaare sind, die die Welt regieren, und regelmäßig komme ich zu dem Ergebnis, dass wir es im sogenannten Alltag wie in der sogenannten Wissenschaft in der Mehrzahl der Fälle mit Fragen zu tun haben, die wir ebenso gut mit ja wie mit nein beantworten können. Als ich mit Ute gemeinsam das Städelmuseum durchschritt, nannte sie mich einen Begriffspaarneurotiker, und gestern Abend, auf meinem Spaziergang über die Kastanienallee zur Reichsstraße dachte ich über das Begriffspaar Frankfurt/Ute nach, lachte wie vom Irrsinn durchschüttelt einem verängstigten Passanten ins Gesicht und ging über die Heerstraße kilometerweit stadtauswärts bis zum Jüdischen Friedhof am Scholzplatz, bis mir endlich Hamburg in den Sinn kam, die Freie und Hansestadt, wie ich dachte, die Auftaktstadt, und meine stark gereizten Nerven sich augenblicklich beruhigten und ich umkehren konnte zum Branitzer Platz, den ich spät am Abend mit schmerzenden Kniegelenken völlig zerschlagen erreichte. Jedes Jahr rettet Hamburg mich, denke ich, Wandbreite und Deckenhöhe im ehemaligen Arbeitszimmer überschlagend, auch nächstes Jahr wird Hamburg mich retten, vielleicht sogar früher, nehmen wir an, ich zöge in meine Geburtsstadt Stade, wie es mir gelegentlich durch den Kopf geht, dann wäre das rettende Hamburg nur zirka fünfzig Kilometer entfernt, ein guter Grund, um nach Stade zurückzukehren, um nämlich gleich wieder nach Hamburg aufzubrechen, um über London, Paris, Rom und Capri einen ganz neuen Ort ins Visier zu nehmen, Wien etwa oder Basel, ich könnte überraschend in Wien oder Basel absteigen und ein ganzes Jahr in Basel am Rhein wohnen, und dann entgegen aller Wahrscheinlichkeit in einem Akt der Selbstüberlistung wieder nach Frankfurt reisen, um nebenbei bei Kühn, Annabell und sogar Gerken in seinem Kabuff vorzusprechen und gleichzeitig so zu tun, als sei ich noch nie in Frankfurt gewesen und hätte niemals von einer Luxushochhausteuerwohnung im Soundsovielten mit Concierge gehört, der Gerken heißt und vor dem ich stände. Aber besser, ich setze auf Capri. Das Haus am Branitzer Platz hat dreizehn Zimmer, das Institut der Guten Worte lüde zum Tag der offenen Tür und ich steuerte von Capri aus das Weltgeschehen wie Tiberius und verfasste auf Capri wohlklingende Gedichte oder ein besonders schönes Kapitel des Wartesaals über Ute in den Mainauen, ein humorvolles, dann wieder todtrauriges Stück Geschichte über eine Dame von Welt, die bei Hochwasser einen Begriffspaarneurotiker aus dem Wartesaalmilieu trifft, wie er in Frankfurt hinter jedem Busch zu finden ist.

Langsam verdunkelt sich der Himmel am Branitzer Platz, und ich schalte das Licht an im ehemaligen Arbeitszimmer. Der Diener tritt ein und fragt nach meinen letzten Wünschen für heute. Ich habe keine. Lieber Herr Grenner, sage ich, sie schlagen sich tapfer, wir sehen uns morgen, ob ich länger bleibe, weiß ich nicht, und der Diener sagt formvollendet bitte schön und macht schnapp und etwas später kaum noch hörbar wieder schnapp und verlässt das Haus.

Niemals in meinem Leben habe ich den Tod gefürchtet, denke ich, als ich den Diener über den Branitzer Platz gehen sehe, aber ich kenne die Angst und meine Lebensaktivitäten kommen mir wenig durchdacht vor, sogar vor Frankfurt und seinen Abgründen fürchte ich mich jetzt, früher habe ich geschrieben, dann habe ich nur noch gedacht, jetzt warte ich nur noch und warte und denke und warte und höre auf das Schnappen der Tür und falte die Hände über dem verstaubten Ritualmord auf dem Schreibtisch im ehemaligen Arbeitszimmer und sehe mich um und erkenne ein riesiges Zimmer, das ein Jahr nicht betreten wurde außer vom Hausmeister, nur der Hausmeister hat Zutritt zu diesem Haus, jetzt auch der Diener, aber während meines Frankfurtjahres hatte nur der Hausmeister Zutritt, und er war es, der mich einmal im Monat anrief auf meinem zwischenzeitlich neu erworbenen und schließlich dem Main anvertrauten Mobiltelefon in einem langen Jahr, das als Europareise begann und vor drei Tagen nach insgesamt fünfzehn Monaten am Hauptbahnhof in Berlin endete. Ab jetzt, denke ich, wird auch Grenner neben dem Hausmeister weitgehend selbstständig in der von mir kurzfristig wieder in Beschlag genommenen Villa operieren, der Hausmeister außen, Grenner innen, aber ich bleibe ja ganz sicher in Berlin, bis Annabells Monumentalbild eintrifft, und dann schreibe ich unter Umständen den Wartesaal und dann werde ich viele tausend Male an Ute denken und an Frankfurt, das Haus am Branitzer Platz ist und bleibt, wie ich plötzlich denke, der beste Platz um ein Buch zu schreiben, mein drittes Buch, bunter und farbenprächtiger als der Ritualmord, aufrüttelnder als die Erwartung der Nation, die nur mit einem dürftigen und niederschmetternden rite von den bestellten Gutachtern der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Freien Universität beurteilt worden ist und zwar von allen drei Gutachtern, die mich bedauerten und los sein wollten, wie man manchmal jemanden bedauert und loswerden will, und ich höre Ute im Städel sagen, ich kenne keinen Joachim Breitner, nichtmal ein Buch sondern nur ein sogenanntes Microfiche von Joachim Breitner verrottet in den Bibliotheken und sogar mein sogenanntes Belegexemplar aus Papier ist verschollen, und wäre auch ein Buch von diesem Breitner wirklich erschienen, hätte er sich eingekauft bei einem Verlag, der das Geld gebraucht hätte, dann hätte Ute sein Pamphlet nie in der Hand gehabt, es wäre auf dem Stapel unwichtiger Pamphlete vergammelt und auf dem kürzesten Weg ins Magazin gewandert, wie hunderttausende andere unwichtige Pamphlete auch, die die Magazine verstopfen, wie auch der Ritualmord die Magazine verstopft hätte, wenn dieser Breitner ihn veröffentlicht hätte, was du dankenswerter Weise nicht getan hast, mich aber, wie Ute hinzufügte, zwanzig Jahre später dankenswerter Weise zu einem Rundgang durch das Städel eingeladen hast und deine Zeit für mich opferst, wie auch ich meine Zeit opfere, mein liebes Breitnerlein.

Bei meinem gestrigen Spaziergang durch die Heerstraße, habe ich versucht, mich zu erinnern, wann wir vom Sie zum Du übergegangen sind, aber ich musste feststellen, dass ich es vergessen habe, bis gestern Abend war ich mir absolut sicher, dass ich mich jederzeit und immerfort an jedes Detail meines Frankfurter Jahres erinnern könnte, an meine Ankunft, meine ersten Wochen, die Zeit mit Ute, die Zeit danach, die letzten Monate, aber bereits gestern musste ich auf der schrecklichen, stark befahrenen Heerstraße, in der Nähe des Scholzplatzes und einige Denksekunden vor den mich rettenden Hamburggedanken erkennen, dass ich begonnen habe, die ersten Details meines Frankfurter Jahres zu vergessen, nicht die großen Linien, das nicht, aber die kleinen, wichtigen Details, ohne die kein Wartesaal auskommen kann und die ich mir nach und nach jetzt irgendwie ausdenken müsste, je nachdem, wann ich mit der Niederschrift beginne. Vielleicht sollte ich meine Parisabneigung nutzen, um ungestört das erste Kapitel des Wartesaals, das erste Frankfurtkapitel, in Paris zu schreiben, wiederum nur erreichbar für den Hausmeister und Kühn, Kühn ist dazugekommen, Ute wäre dazugekommen, aber Ute ist weggefallen, Annabell will nicht wissen wo ich bin und Gerken bekäme eine Postkarte. Aber da ich Paris verabscheue, wäre ich unglücklich, und somit würde das Unglück Einzug halten in Frankfurt und das Bild verzerren, Frankfurt würde zur Stadt des Unglücks werden, dabei ist Frankfurt ein Wartesaal, eine Stadt ohne Eigenschaften, mit einem berühmten Haus am Großen Hirschgraben, einem Städel und einem Fluss, über den man Bilder, wenn sehr groß sind, unter Umständen erkennen könnte. Berlin ist mir gleichgültig, das Haus am Branitzer Platz ist mir gleichgültig, gestern ist die Heerstraße mein Freund geworden, denke ich, auf der lauten Heerstraße kurz vor dem Jüdischen Friedhof scheinen mir gute Gedanken zu kommen, nach Hamburg brauche ich mit dem Zug eine Stunde und fünfzig Minuten, ich warte auf Annabells Bild für fünfunddreißigtausend, mindestens drei Tage warte ich noch, ich möchte den tiefen Blauton sehen, ich möchte sehen, was Annabell in Utes Gesicht gesehen hat und dann entscheide ich, Rom ist es nicht, schön zwar aber ein lautes, unwirtliches Pflaster, London ist alles und daher nichts, es könnte Hamburg sein, es könnte trotz aller Abneigung vielleicht doch Paris sein, London ruht in sich selbst, am Ende gehe ich aus Versehen nach Frankfurt, aber einen Scheißdreck werde ich tun, ein alter Stader Freund ist mir in Frankfurt geblieben, Kühn, er soll nach Capri kommen und Annabell mitbringen, ich sorge für alle, aber Annabell mag mich nicht und will mich nicht sehen. Den Diener jedenfalls, Kabuff-Gerken in Frankfurt sei Dank, werde ich instruieren für eine sogenannte unbeaufsichtigte Arbeit in der Villa, und der Hausmeister bessert und hegt. Dann gehe ich spazieren, kehre um, nehme die Chaiselongue und lösche das Licht. Lügen, nichts als Lügen, denke ich. Immerhin rite. Mit Ute zwischen auffliegenden Krähen ins Städel. Verstaubt das Papier. Ich sehe mich in der Luxushochhausteuerwohnung sitzen und höre, wie ich Ute frage: Warum sechs Millionen? Ute sagt: Weil es möglich war. Die Kopfschmerzen werden stärker. Ich warte auf Annabells Bild. Am Morgen ein Zettel von Grenner im Briefkasten. Ich sehe ihn nicht wieder.

 

 

Kapitel 2

Ankunft

 

Nach Frankfurt gelangen, in Frankfurt bleiben.

Dasitzen, bewegen, kreisen, Unbewohntes ablaufen, zu zählen die Zimmer und Stunden, der Nichtstuer, das Chaiselongue-Tier reist ab wie jedes Jahr, der Branitzer Platz verschwindet hinter mir wie hinter einem Vorhang, jedes Jahr verschwindet der Branitzer Platz für zwei, manchmal für drei Monate, dass es vierzehn Monate werden, weiß der Aufbrechende nicht, er geht hin und weiß es nicht, wir verlassen uns auf Pläne, doch was sind Pläne, sind Reisen, die von dort nach da führen, denke ich, wir lernen: der Leere schlägt keine Stunde, warum fahren wir, wenn wir doch bleiben könnten, aber wir fahren, ohne Pläne kein Weiter, ohne Schlaf kein Erwachen, aber wovon, alles ist ebenso gut, ebenso sphärisch, ebenso kühl, immer sind es Gedanken wie diese, die ich denke, doch unentwegt schmiedet er und kreist und sitzt da und denkt und wartet und kreist, und nun ordnet er das Unvermeidliche in Koffer und Handgepäck und will abfahren, nur diese Nacht noch, aus einem großen Loch über ihm fliegen die Gespenster, dreizehn Zimmer, alles was geschieht, beginnt mit diesem Tag, ein Zettel für den Hausmeister, und alles, was geschieht, bin ich.

Dem Gewohnten verpflichtet, verlasse ich Berlin, fahre nach Hamburg, gelange nach London, Paris, nach Rom, schwenke nach Capri und finde mich, ein Umsteiger aus Leidenschaft, am Großflughafen Frankfurt wieder, wo ich, in gewohnter Umständlichkeit von Neapel einschwebend, ein Dichterfürstbuch kaufe und ohne zu denken mit der S-Bahn bis zur Station Hauptwache fahre, anstatt wie beabsichtigt vom Hauptbahnhof aus den Intercity-Express nach Berlin zu nehmen, was zur Folge hat, dass ich ziellos durch Frankfurt laufe und erst nach einem Jahr die geplante Fahrt nach Berlin antrete. Niemals zuvor habe ich Frankfurter Boden betreten, naturgemäß sehe ich vom Flughafen ab, von dem ich dutzendfach in alle Himmelsrichtungen aufgebrochen bin, von Berlin kommend, nach Berlin zurückkehrend. Einmal mich schon am Flughafen in Neapel aus einer Laune heraus für den Zug in Frankfurt entscheidend, entscheide ich mich in Frankfurt aus einer Folgelaune heraus gegen den Zug, kaufe noch in einer Buchhandlung am Flughafen ein Dichterfürstbuch, nämlich die Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens von Johann Peter Eckermann und nicht das Frankfurtbuch weil in Frankfurt geschriebene Buch Die Leiden des jungen Werther, ehemals Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe, ehemals Johann Wolfgang Goethe, wie ich eigentlich wollte und wie es mir trotz meines Zuwiderhandelns als eigentlich angemessen erscheint, und fahre zur Hauptwache mit großem Koffer und mittelgroßem Handgepäck, meinem Klumpatsch, wie ich kurz vor Erreichen der S-Bahnstation Hauptwache und dann gleich wieder nach Verlassen der S-Bahn-Station Hauptwache denke, den Eckermann samt Kassenquittung unter dem Arm. Nie und nimmer ist Frankfurt eine schöne Stadt, wer den Boden der Stadt Frankfurt betritt, wähnt sich an einem Ort ohne Eigenschaften, der ebenso Unstadt heißen könnte oder Nicht, Nicht wäre ein idealer Name, schon als der Dichterfürst Frankfurt verließ, verließ er den Ort Nicht, er tauscht die Unstadt Nicht gegen den Musenflecken Weimar und kehrt nicht zurück. Warum bin ich hier, was mache ich hier, gehe ich in die eine Richtung, bedrohen mich Unstadts Kaufhäuser und sonstige Kaufkraftvertilger, wie sie mich an jedem Ort der Welt bedrohen, in der anderen Richtung könnte Kühn wohnen, also folge ich der anderen Richtung, als ich meinen Jugendfreund Kühn vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren in Berlin im Kreuzberger Lokal Rote Harfe getroffen habe, spricht er von der anderen Richtung, schon vor sechsundzwanzig Jahren, wir waren jung, denke ich, hat Kühn auf eine andere Richtung innerhalb Frankfurts oder durch Frankfurt hingewiesen und damit vor allem sich selbst gemeint, möglicherweise sogar uns und unser Verhältnis zueinander, und ich laufe und laufe und setze mich schließlich kurzatmig mit dem großen Koffer, dem mittelgroßen Stück Handgepäck und dem Eckermann unter dem Arm auf eine menschenstromteilende Bank und versuche, meinen Vers aufzusagen, Mist mit Mist auszutreiben wie ich es nenne, meinem Hauptwachenirrsinn auf die Spur zu kommen, wie ich mir einrede, ihn einzukreisen und die Stirn zu bieten, wie ich hoffe. Breitner, denke ich und schließe die Augen, die Bank vergessend, Frankfurt vergessend, den Eckermann nur noch als Druckstelle wahrnehmend, Breitner, Luftverpester, Kind des Glücks, was willst du, Drecksack, deine Klodeckel, deine Hände, gib sie mir, schau, es fehlen die Schwielen, was willst du, Nichtstuer, sei wer immer du bist, verdreh dir die Hüften, traniges Tier, aber begegne dir in deinem Tun, Rotznase, Stader Nervensäge, was willst du, Hampelmann, hinter deinen Ohren juckt es, ich kann dir sagen, was es ist, dein Restbregen tritt aus, hör auf zu sinnieren, es führt zu nichts, sei ein Kerl, erkenne dich, worauf vertraust du, Breitner, du Tier, du witterst, aber was witterst du? Deine Augen, deine Beine, die Augen und Beine eines Tieres, dein fetter Arsch, der Arsch eines alten Tieres, worauf kommt es an, Breitner, denke ich, richtig, auf deinen fetten Papparsch kommt es an, ob er dich warmhält, immer ist die Frage, ob der fette Arsch das Tier Breitner warmhält, das alte dumme Tier Breitner, worauf vertraut das alte dumme Tier Breitner, nicht sinnieren, Breitner, Drecksack, hörst du, worauf, Rotznase, Trampeltier, worauf gründest du, immer ist alles Dreck, Dreck, juckender Restbregen, du bist ein Kind des Glücks, denke ich jetzt, wo ich reise, reist Breitner, Kind des Glücks, des Erbfalls, ohne Grund kauft Luftverpester Breitner den Eckermann, Trampeltier landet in Nicht, Trampeltier geht in die andere Richtung, Fettarsch platziert sich in Unstadt, oh Breitner, denke ich, deine Beine, die Augen, das Marschgepäck, Frankfurt, du nur allein. Dann fällt etwas zu Boden, Staub, dort unten ist Staub, die Druckstelle ist fort. Der Arm liegt an. Ich erinnere mich. Ich heiße Joachim Breitner und sitze auf einer Bank. Vor mir stehen ein großer Koffer und das kleine Handgepäck, oder sagte ich mittelgroß, mir zu Füßen kauert ein brandneuer Eckermann, verdreckt durch jähen Sturz auf Frankfurter Boden, wie ich denke. Ich bin Doktor Joachim Breitner und liebe das Leben und die Furcht. Ich bin ein Unhold des Reisens. Die Wahrheit ist eine Chimäre. Falls eine Sintflut kommt, werde ich oben schwimmen, an eine Planke geklammert werde ich über die Ozeane treiben, ich werde atmen und leben wie ich seit nunmehr zweiundfünfzig Jahren atme und lebe. Ich heiße Joachim Breitner und komme aus Stade und habe in jenen zweiundfünfzig Jahren zwei große Schriften verfasst, nämlich erstens meine Doktorarbeit Die Erwartung des Nation in der Soziologie, und, zweitens, Der Ritualmord. Eine Einführung., zwei Schriften, die entweder völlig und abschließend unbekannt geblieben und nie veröffentlicht worden sind oder im Doktorarbeitsfall, abgesehen von entlegenen Microfiche-Ausgaben in wenigen Großbibliotheken, als verschollen gelten, mich aber zum Privatgelehrten gemacht haben, wie ich mich gelegentlich Fragenden gegenüber gerne nenne, aus dem Stand kann ich ohne Pause mindestens jeweils fünf Stunden über die Erwartung des Nation oder den Ritualmord mehrsprachig referieren, was meines Erachtens die nicht geschützte Bezeichnung Privatgelehrter rechtfertigt und als gelegentlich notwendigen, mundtotmachenden Hieb geradezu erfordert, wie ich denke. Schon habe ich die Bank mit Koffer und Handgepäck und dem verdreckten Eckermann verlassen und umrunde zum dritten Mal die Paulskirche und weiß nicht, warum zum dritten Mal, ich muss Kühn anrufen, denke ich, ich habe die andere Richtung eingeschlagen und habe die Paulskirche wieder und wieder umrundet, ich habe über den Ritualmord und die Erwartung der Nation nachgedacht, ich habe auf einer Bank gesessen, ich habe sogar wie schon seit Jahren nicht mehr über Stade nachgedacht und denke jetzt an Frankfurt und an Kühn und an die andere Richtung, es ist kaum übertrieben zu sagen, ich kenne keinen anderen Menschen auf der Welt außer Kühn, niemand außer Kühn könnte ich als guten Bekannten bezeichnen, einige mir namentlich bekannte Menschen ersetzen keinen guten Bekannten wie Kühn, den ich das letzte Mal vor sechsundzwanzig Jahren in Kreuzberg getroffen habe und der, wenn er noch lebt, immer noch in Frankfurt, also der Unstadt Nicht, leben wird, und zwar, wie ich ihn kenne, als Frankfurter mit Leib und Seele, schon vor sechsundzwanzig Jahren konnte ich nicht umhin, den jungen, soeben in Frankfurt aufstrebenden Ex-Stader Kühn als alten Frankfurter mit Leib und Seele zu betrachten. Obwohl aus Stade wie ich ist er im Gegensatz zu mir ein Angekommener, wie ich denke, Kühn ist nach Frankfurt gegangen, angekommen und geblieben, er hat seinen Weg in Frankfurt gemacht, wie zu vermuten ist, immer war Kühn der schlanke Herwig Kühn, während Breitner immer der fette Joachim Breitner war, schon in Stade war Kühn der Sportversessene, während Breitner, also ich, der Fresssack war, Kühn, also er, die Lichtgestalt, ich der Drecksack, schon vor dem Erbfall das fette Stück Dreck aber beide einem guten Tropfen nicht abgeneigt, denke ich, zum vierten Mal die Paulskirche umrundend. Im Grunde kenne ich niemanden außer Kühn, wenn er lebt, ist er hier, von der Hauptwache bin ich zielstrebig, wie ich ratlos feststelle, in die andere Richtung gegangen, nicht wissend, wo Kühn wohnen könnte, mich plötzlich vor der Paulskirche wiederfindend mit meinem Klumpatsch, meinem Bauchladen, meinem Drecksackgepäck, ziemlich genau jetzt, denke ich, säße ich in einem Taxi in Berlin, spräche die Worte, Branitzer Platz, bitte, und führe zu einem, wie ich denke, handstreichartig erstandenen weißen Haus mit dreizehn Zimmern und begrüßte den Hausmeister, stattdessen habe ich von der Freiheit Gebrauch gemacht, gegen den Plan Frankfurter Boden zu betreten und mit einem Eckermann inklusive Kassenzettel unter dem Arm herumzuirren und zwar von der Hauptwache zur Paulskirche, wo sogenannte Geschichte geschrieben wurde, die uns bis heute sozusagen in den Knochen steckt, jedenfalls haben wir gelernt, dass die Paulskirche uns in den Knochen steckt, so wie der Geheimrat Goethe uns in den Knochen steckt und die sogenannten Orte des Grauens uns in den Knochen stecken, die namentlich zu kennen nach meiner Auffassung ebenfalls den Status des Privatgelehrten begründeten, schon in Stade haben Kühn und ich gelernt, was uns in den Knochen steckt aber Kühn hat schließlich eine andere nämlich denkferne Richtung eingeschlagen und ist nach Frankfurt gegangen und hat sich in Frankfurt denkfern festgesetzt, wie er sich in Berlin oder in Hamburg denkfern festgesetzt hätte, wenn Berlin oder Hamburg die Möglichkeiten geboten hätten, die Frankfurt einem aufstrebenen Menschen wie Kühn zweifellos geboten hat, Frankfurt ist eine schöne Stadt, denke ich unvermittelt, wer noch niemals in Frankfurt war, sollte unbedingt nach Frankfurt fahren, wer schon in Frankfurt war, weiß diese Stadt in ihrer nüchternen Intensität zu schätzen, die fünfte Umrundung der Paulskirche steht an, hier irgendwo wohnt Kühn, muss Kühn wohnen, immer mochte ich Kühn, den sportiven Eleganzling, den freundlichen Kühn, den letzten guten Bekannten, der mir geblieben ist, und doch habe ich ihn seit sechsundzwanzig Jahren nicht gesehen, vielleicht ist er mir deshalb geblieben, und der Moment der Entscheidung naht, noch vor drei Stunden habe ich weder an Kühn, noch an Frankfurt, noch an die Hauptwache, noch an die Paulskirche gedacht, niemals habe ich daran gedacht, sie zu umrunden, meine Klumpatsch-Runden zu drehen, meine Knochenrunden, und doch drehe ich die nunmehr sechste Runde, denke ich, hoffentlich sieht Kühn mich nicht, Kühn, die Lichtgestalt, Makler Kühn von Kühn und Partner, Kühn der Greifvogel, der Macher. Immerzu die Annoncen im Immobilienteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fleißig studierend und zwar, wie ich sagen muss, nur wegen Kühn, habe ich Kühn doch sechsundzwanzig Jahre weder gesehen noch gesprochen, sondern immer nur gewittert, denke ich, den Immobilienteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich nur wegen Kühns Immobilienanzeigen und seiner anderen Richtung studiert, von der ich bis heute nicht sicher weiß, wie sie gemeint war, aber vielleicht klärt Kühn mich auf, wenn er noch lebt, aber warum sollte er tot sein, selbst auf Capri habe ich eine halbseitige Anzeige von Kühn und Partner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung studiert und an Kühn und an Stade gedacht und an jugendlich-streitlustige Elbspaziergänge, wie ich denke, Kühn lebt, denke ich und gehe weiter, immer sehe ich sterbende Menschen, aber Kühn lebt und verkauft, was das Zeug hält, Häuser und Wohnungen und Wohnungen und Häuser zu horrenden Preisen, und jetzt säße ich in Berlin im ehemaligen Arbeitszimmer am Branitzer Platz, und sagen wir, ich starrte auf das Manuskript der Ritualmorde, ich spräche ein paar dürre Worte mit dem Hausmeister, ich entkorkte einen alten Pauillac, ich schlüge den Eckermann auf, ich begänne zu lesen, ich ginge in ein Restaurant in der Nähe, ich schliefe lang, ich träumte von Capri, so aber rolle ich durch Unstadt, den schönen Ort Nicht, wohl über den Main schwebe ich und frage, der Main?, danke, der Eiserne Steg?, auch dafür ein Dankeschön, wenn ich springe, klatsche ich in den Main, Koffer, Handgepäck, dann Goethes Eckermann und ich, im Fallen ein Blick auf die Türme, ich höre Eckermann fragen, und die Türme, Exzellenz?, und Exzellenz antwortet: hoch, vor allem hoch, ein scheußlich eigen Ding und hoch, dann lieber Weimar, in Weimar leben und sterben, und Eckermann schreibt: ein scheußlich eigen Ding und hoch, dann lieber Weimar, und schon fällt alles, von Breitners Klodeckelhänden dem Strome überlassen, in gurgelnde Tiefen, dann er selbst, aber Breitner erwacht, mitten auf dem Eisernen Steg erwacht Breitner und will leben, Eckermann ist gerettet, denke ich, der Koffer, gerettet, irgendwo hier muss Kühn wohnen, bevor ich den Main hinuntertreibe, bevor ich Verzicht übe, bevor ich mir nichts, dir nichts heimkehre nach Drecksberlin, meine stille Heimat Drecksberlin, gehe ich zu Kühn, der noch lebt, gehe ich zu Kühn von Kühn und Partner, zu Kühn aus der Roten Harfe und rede mit ihm über Stade und Capri, dreißig Minuten Kühn, ich kalkuliere dreißig Minuten Kühn, als ich den Eisernen Steg verlasse und nach einem Taxi winke, sollte ich wirklich Kühn treffen, bitte ich um dreißig Minuten und entscheide dann, was zu tun ist. Ich werde ihm sagen, Handwerker sollen mich tragen, Herwig, einen Geistlichen brauche ich nicht, und Herwig, der Gewitzte, wird parieren, er wird sagen, Joachim, du doch nicht, das Leiden steht dir nicht, was um alles in der Welt treibst du, die Ankunft der Nation, war es nicht so, die Erwartung, verzeih mir, natürlich, die Erwartung, aber der Ritualmord, ich bitte dich, dein geplanter Ritualmord, ein Coup, nicht, endlich kommst du nach Frankfurt, Breitner, lass mich raten, du führst etwas im Schilde, du und Frankfurt, eine Auffrischung, eine Wiederbelebung der Soziologie in Frankfurt, lass mich raten, Joachim, Die Soziologie der Unstadt. Das Beispiel Frankfurt. Wie findest du das, wird Kühn sagen, denke ich und halte weiterhin nach einem Taxi Ausschau, aber wahrscheinlich sagt Kühn nur Guten Tag, Joachim, wie geht es dir, und beglückwünscht mich zu meinem Frankfurt-Aufenthalt, zu dem spontanen Entschluss und umarmt mich wie in Kreuzberg, wo ich vor sechsundzwanzig Jahren Kühn das letzte Mal umarmt und von der anderen Richtung und Frankfurt gehört habe und gebauten und geplanten Türmen aus Stahl.

Eine Selbsttötung habe ich immer wieder beiläufig in Erwägung gezogen, denke ich, als ich mit dem Taxi durch Frankfurt fahre, ständig erwäge und verwerfe ich beiläufig eine Selbsttötung, immer lebe ich grundlos in den Tag am Rande der Selbsttötung, am Branitzer Platz im ehemaligen Arbeitszimmer erwäge und verwerfe ich mein Ableben durch Selbsttötung, in Hamburg bei einer kraftraubenden Umrundung der Außenalster in London am Trafalgar Square, in Paris auf der Avenue des Champs-Elyseés, in Rom auf dem Campo dei Fiori, auf Capri in der Villa San Michele, regelmäßig erwäge ich mein Nichtsein bis hin zum Nie-Gewesen-Sein, während der Arbeit an meiner Doktorarbeit über die Erwartung der Nation in der Soziologie, wie auch während der Erstellung meiner unveröffentlichten Studie über den Ritualmord habe ich täglich und zwar meistens am frühen Morgen in meinem jetzt ehemaligen Arbeitszimmer mit Blick auf den Branitzer Platz eine möglichst schonende und sichere Form der Selbsttötung erwogen und verworfen, bis sozusagen der nächste Morgen graute, insgesamt sieben oder vielleicht auch neun Jahre lang, denke ich, und bin später dazu übergegangen, nur noch nachmittags etwa in wöchentlichen Abständen über das Für und Wider einer Selbsttötung nachzudenken, um mich wie zur Selbstvergewisserung von der völligen Sinnlosigkeit, der Peinlichkeit einer Selbstauslöschung aus Überdruss oder Ekel vor der Welt zu überzeugen. Goethes Gesprächspartner, der arme Eckermann, denke ich vor dem Betreten eines vielstöckigen Hauses am sogenannten Rand der Innenstadt, wohin mich das Taxi, meiner vagen Bitte Folge leistend, eine angemessene Unterkunft anzusteuern, gebracht hat, der arme Eckermann wäre mein Freund gewesen, mit Eckermann wäre ein Einvernehmen in jeder Hinsicht jederzeit herzustellen gewesen, mit Eckermann wären die Tage länger und die Erwägungen bekömmlich gewesen, am Hotelempfang stelle ich mir bekömmliche Erwägungen mit dem Goethe-Freund Eckermann über das Gute, Schöne und Wahre vor und nehme ein Zimmer mit Ausblick, wie ich schon hundert- und tausendfach ein Zimmer mit Ausblick genommen habe und fahre mit dem Fahrstuhl in den soundsovielten Stock und beziehe mein Zimmer und stelle Koffer und Handgepäck neben das Bett und lege den verdreckten Eckermann auf den Nachtisch und denke an Kühn und Kühn und Partner und schlafe ein.

Wie ein Hund träume ich und ich träume. Jemand sagt: niemals, Breitner. Niemals bin ich in Stade aufgewachsen, niemals habe ich die Schule in Stade besucht, niemals habe ich den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, niemals kam es zum Erbfall, Lug und Trug dieser Erbfall, niemals habe ich an der Freien Universität Berlin ein Erbfallstudium begonnen, niemals habe ich zwei Arbeiten über die Erwartung des Nationalen und den Ritualmord geschrieben, niemals habe ich ein Haus am Branitzer Platz besessen, das ich verkommen lasse, all die ungenutzten Zimmer lasse ich niemals verkommen, niemals breche ich jedes Jahr zu einer Rundreise auf, die mich keinesfalls von der ersten Station Hamburg zur letzten Station Capri führt und zurück nach Berlin, niemals bin ich verdammte scheißzweiundfünfzig Jahre alt geworden ohne mit der Wimper zu zucken, jemand sagt: niemals, Breitner. Dann gehe ich, wo keiner geht, durchfliege, wo keiner fliegt, Straßen, Himmel, wo weder Straßen noch Himmel sind, niemals komme ich zu einem Schluss, wohin alles führt, träume ich, niemals führt alles irgendwohin, niemals enden die Sätze. Als ich jung bin und Kühn jung ist und die Welt jung ist, will ich Taucher werden, jetzt will ich schlafen, dann erwache ich, träume ich, wenn ich sitzen bleibe und den Hauptbahnhof auslasse, fahre ich zur Hauptwache, träume ich, und fahre mit dem Zug nach Berlin, wo ich essen gehe und gerettet bin, gerettet, träume ich, gerettet, aber es ist Frankfurt, denke ich, keinem gelingt, was mir gelingt, denke ich und starre die Decke im soundsovielten Stock an, wach. Selten sagt jemand am Empfang beiläufig machen Sie zwölf Nächte, aber ich habe aus einer Laune heraus beiläufig machen Sie zwölf Nächte gesagt, und dann habe ich gesagt Sie hören richtig, und dann habe ich gesagt keine Reservierung, und dann habe ich gesagt gibt es ein Problem und mich zu den Worten hinreißen lassen ich habe das Geld, ich bin reich, und um die Wogen zu glätten, habe ich gesagt und immer wieder gesagt ich trage meinen Klumpatsch selbst, bis ich in den soundsovielten Stock gefahren bin, geträumt habe und nach dem Erwachen die Decke anstarre und weiter anstarre, während ich mich frage, ob Kühn noch lebt und in Frankfurt lebt und wenn ja, wo in Frankfurt oder wo in Frankfurt wir uns treffen können und ob Kühn überhaupt leicht erreichbar ist oder nur sehr schwer erreichbar ist und Kühn von der anderen Richtung sprechen wird und ob Frankfurt einen sinnvollen Zusammenhang für zwölf oder dreißig Tage darstellt, immer geht es im Leben um sinnvolle Zusammenhänge, wie auch der Ritualmord in einem sinnvollen, wenn auch erschütternden Zusammenhang mit seiner Umgebung stehen kann, wie ich denke, wie auch das Nationale in bestimmten Zusammenhängen, sogar erst innerhalb bestimmter Zusammenhänge sozusagen einen Sinn erzeugt , wenn auch einen bösen und erschütternden, wie ich denke, wie Frankfurt erst einen sinnvollen Zusammenhang als Unstadt bekommt, als Nicht unter anderen Nichts, wie ich laut lachend denke. Kühn wird auf alles eine Antwort haben, denke ich, nicht umsonst ist Kühn vor neunundzwanzig Jahren nach Frankfurt gegangen und hat sich vor sechsundzwanzig Jahren mit mir in Kreuzberg getroffen und ist mit mir in die Rote Harfe gegangen und hat von der anderen Richtung gesprochen. Nur weil Kühn auf alles eine Antwort hat, ist Frankfurt für ihn von Anfang an eine äußerst attraktive Stadt gewesen, die keine Antworten geben muss, ich behaupte sogar, denke ich und starre weiterhin die Decke im soundsovielten Stock an, dass Kühn nicht nur auf alles eine Antwort hat, sondern auch weiß, welche Fragen gestellt werden müssen, damit Frankfurt in Attraktivität erstarrt, mit diesen Worten werde ich Kühn gegenübertreten und gespannt seine Reaktion erwarten, Frankfurt erstarrt in Attraktivität werde ich sagen und abwarten, denke ich. Dann stehe ich auf, nehme den Eckermann und verlasse das Zimmer. Doktor Breitner von eben, sage ich am Empfang, obwohl bereits ein sogenannter Schichtwechsel stattgefunden haben muss, wie Sie wissen beabsichtige ich, mir einige, genau genommen zwölf schöne Tage in ihrer Stadt zu machen. Alles in allem weiß ich nicht, warum ich in Frankfurt, vom Flughafen kommend, nicht wie geplant am Hauptbahnhof, sondern erst an der Station Hauptwache mit meinem Klumpatsch ausgestiegen bin. Umherirrend, auf Parkbänken rastend, bin ich zufällig zur Paulskirche gelangt und habe sie ungefähr sechsmal umrundet, habe dann ebenso zufällig am Eisernen Steg den Main überquert und eine Selbsttötung erwogen und verworfen, wie ich es häufig tue und bin mit dem Taxi, wiederum den Main überquerend, ebenfalls zufällig hier gelandet und habe geruht, geträumt und die Decke angestarrt und stehe nun vor Ihnen, zwölf Tage Frankfurt, warum, ist mir schleierhaft, ich bin ausgestiegen und herumgeirrt, immer dieses Herumirren, ausgerechnet in Frankfurt, sage ich am Empfang und bringe damit niemanden in Verlegenheit, sondern ernte ein Lächeln, denn dies ist ein Fünfsternehaus, das sozusagen ohne Verlegenheit und nur mit einem Dauerlächeln auch Verrückten und Drecksäcken gegenüber operiert, ausgerechnet Frankfurt, wiederhole ich, wo es nicht hinpasst, wo der Irrende auffällt. Berlin beispielsweise, wenn ich das anfügen darf, ist eine Ansammlung von herumirrenden Menschen, schauen Sie mich an, ohne herumirrende Menschen wäre Berlin längst in sich zusammengebrochen, längst wäre die Stadt nur noch ein wüstes Etwas, eine Scheune voll Stroh, wenn Sie so wollen, aber dreieinhalb Millionen Herumirrende verhelfen Berlin überhaupt erst zu seinem Sosein und geben ihm eine merkwürdige, ich würde sagen: rohe Festigkeit, obwohl ich, wie ich sagen muss, und wie Sie vielleicht bereits erraten haben, Berlin durchaus gleichgültig gegenüber stehe. Ganz anders Frankfurt, sage ich und erinnere mich plötzlich an den Eisernen Steg, bislang versetzt Frankfurt mich durchaus in einen Zustand gespannter Erwartung und feinster Exklusivität, mit anderen Worten, in einer Stadt zielstrebiger Menschen bin ich der einzig Irrende, ja, Sie lachen, sage ich, obwohl niemand lacht, der Frankfurter ist zielstrebig, ebenso gelassen wie zielstrebig, sodass ich sagen muss, zwölf Tage sind vielleicht sogar – aber ich habe den Faden verloren, stürze aus dem Hotel, laufe und laufe, überlege, warum ich laufe und laufe weiter, der Main ist, denke ich, die Türme sind, denke ich, Frankfurt ist, denke ich, Kühn ist, denke ich, aber keinen Satz denke ich zu Ende, ich sollte anfangen, denke ich, Sätze zu Ende zu denken, nie im Leben habe ich einen Satz zu Ende gedacht, ich habe gedacht Stade ist, Berlin ist, der Erbfall ist, die Nation ist, der Ritualmord ist, der Branitzer Platz habe ich gedacht, das Reisen, habe ich gedacht, Paris, London, Rom, habe ich gedacht, Capri, ich habe nur Capri gedacht, das Nationale ist zum Kotzen, habe ich gedacht, denke ich, wir alle sind Ritualmörder, habe ich gedacht, denke ich, Paris ist lächerlich, habe ich gedacht, denke ich, das sind Sätze, nun sind es Sätze, aber ein Satz soll wirken, ein Satz soll Wirkung entfalten, ich sollte Sätze zu Ende denken, die Wirkung entfalten, aber ich laufe und laufe und laufe nur, das ist Frankfurt, jemand sagt das ist Frankfurt, aber warum Frankfurt, ich bin der Hauptwachen-Breitner, denke ich, aber ich weiß nicht warum, wenn ich es wüsste, glaube ich, ich bliebe stehen und liefe zurück und führe in den soundsovielten Stock und schnappte mir meinen Klumpatsch und führe schnurstracks, ohne mit der Wimper zu zucken nach Berlin, weil ich aber nicht weiß warum, laufe ich weiter und weiter, erreiche erneut den Eisernen Steg, bleibe stehen, blättere im Eckermann und laufe, bis ich müde werde und sich mir nur zu gut bekannte Kopfschmerzen einstellen, das macht, denke ich, alle Orte der Welt vergleichbar, überall diese Kopfschmerzen, in der sogenannten Mainmetropole ebenso wie auf dem Monte Solaro, vor dem Buckinghampalast oder in den Vatikanischen Museen, im Louvre oder sogar bei einem Alsterspaziergang im sonst über die Maßen herrlichen Hamburg, jetzt also auch auf dem Eisernen Steg, du musst, denke ich, den Scheißkopfschmerzen auf den Grund gehen, Frankfurt ist der Ort, um den Scheißkopfschmerzen ihr Geheimnis zu entlocken, Frankfurt ist der ideale Geheimnisentlockungsort, ist Unstadt, ist Nicht, ist Diagnose, denke ich, stehe kurzatmig am Mainufer, sehe die Türme und blättere wieder im Eckermann. Es ist eigenartig, denke ich, ich ertrage den reinen Goethe kaum, weder im Werther, noch in Dichtung und Wahrheit, noch in den Wahlverwandtschaften, selbst in der Italienischen Reise, ganz zu schweigen vom Faust, lediglich den gefilterten Goethe ertrage ich, den Goethe Eckermanns, den in zahlreichen filtrierenden Gesprächen sozusagen Gereinigten und Geglätteten ertrage ich, den reinen und unverfälschten Goethe kaum, das Frankfurter Wunderkind kaum, den wahren Weimarer Giganten kaum, nur den verklärten, sortierten und verklärten Goethe, den Goethe eines Dritten, nämlich den Goethe des armen Hundes Eckermanns ertrage ich, ich gehe sogar so weit, denke ich und vergesse die Kopfschmerzen, hätte Goethe nicht Frankfurt verlassen, hätte der noch jung-elastische Dichter keine dauerhafte Ortsveränderung vorgenommen, sich nicht nach Weimar verpisst, wie Kühn und ich es in Stade in respektlosem sogenanntem Pennälerjargon gesagt hätten, denke ich, ich wäre am Hauptbahnhof ausgestiegen und hätte Frankfurt auf dem schnellsten Wege wieder verlassen Richtung Berlin, weil aber Goethe gegangen ist, ab durch die Mitte Frankfurt hinter sich lassend, konnte ich bleiben und den Hauptwachen-Tango tanzen, denke ich amüsiert und komme zur Ruhe und blättere im Eckermann. Achim der Privatgelehrte, denke ich ohne aufzublicken und lache. Dann denke ich: Ich werde die andere Richtung finden und Kühn aufsuchen. Ich werde zwölf Tage im soundsovielten Stockwerk wohnen. Achim Findelkind, denke ich und schreie vor Lachen. Capri ist eine schöne Insel, aber es existiert nichts so sehr wie Frankfurt. Mein Name ist Joachim Breitner. Mit all meinem Klumpatsch bin ich ein Kind des Glücks, ein Luftverpester. Die Sätze müssen enden und wirken.

Dann wird es kühl am Main und ich kehre zurück in den Soundsovielten und bleibe.

 

 

Kapitel 3

Kühn

 

Ein erster, ein zweiter Tag, ein dritter. Unstadt, denke ich und laufe und laufe und wühle im Hotelzimmer in meinem Klumpatsch zwischen alten Zetteln und Gedächtnisstützen, suche und finde und wähle die Nummer von Kühn und Partner und sage Doktor Breitner und werde durchgestellt und sage Breitner, ein Freund, und korrigiere mich und sage ein guter Bekannter und präzisiere Breitner, Berlin, sagen Sie Breitner, Berlin, und warte und werde durchgestellt, und Kühn lebt und fragt wo bist du, und ich sage Frankfurt, wo soll ich sein, und Kühn sagt du machst Witze, Frankfurt, und irgendwann sagt er beim Griechen um sieben, und ich wiederhole beim Griechen, und Kühn sagt Breitner, und ich sage ja, Kühn, Breitner, und Kühn sagt das gibt’s nicht, das gibt’s gar nicht, na sage mal, und ich sage: doch, Frankfurt, hier, also um sieben beim Griechen, deine Wahl erstaunt, nach sechsundzwanzig Jahren um sieben beim Griechen, und wir lachen, und um sieben reichen wir uns grinsend die Hand und packen zu und drücken und halten still und grinsen, und schon sitzen wir beim Griechen in der sogenannten Heiligkreuzgasse, und Kühn sagt, warum Frankfurt, und ich sage ich weiß nicht, warum ein Grieche, und dann sage ich: bestimmt deinetwegen, und dann lachen wir wieder, und Kühn sagt, Breitner du spinnst, was treibt dich hierher, ausgerechnet Frankfurt, und ich sage du hast recht, Kühn, wie immer, ich bin gar nicht da, nicht hier, es sind die frühen Achtziger, und wir sitzen beim Griechen in Stade, meinet- und deinetwegen beim Griechen in Stade, und wir feiern unseren Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied vom Deutschen Roten Kreuz Stade, Abteilung Krankentransport, und du sagst etwas unsäglich Beklopptes, wie ich finde, sage ich, wie zum Beispiel jetzt sind wir frei oder, etwas besser, das war das, aber du bist der große, schlanke, der strahlende Kühn, und ich bin der kleine, dicke, der nervige Breitner, und darum darfst du sagen jetzt sind wir frei und das war das, und hier ist nicht Frankfurt, sondern ein Nest in Elbnähe, und wir schaffen es gerade noch zum Griechenklo mit überschüssigen Anisbranntweinmassen im Magen und kotzen und kotzen ins Griechenklo, und Kühn lacht und sagt, bitte nicht, Breitner, von wegen Stade, hier ist Frankfurt, und ich sage ich bin gar nicht da, Kühn, im Grunde bin ich nicht da, und Kühn sagt, hör auf, Breitner, das hier ist ein sehr guter Grieche, der beste in Frankfurt, du musst lange suchen, um einen Griechen dieser Qualität zu finden, ich nehme an, du wirst bis Griechenland fahren müssen, und selbst dann ist es nicht sicher, nichts und gar nichts ist sicher, sagt Kühn, ich freue mich sehr, und ich sage etwas Floskelhaftes wie die Freude ist ganz auf meiner Seite, und Kühn sagt, du spinnst schon wieder, und ich sage ich hoffe, und Kühn sagt na bitte, jetzt sagst du es selbst, und ich schaue Kühn fragend an, und sage Kühn, du ewiger Wortverdreher, was empfiehlst du und Kühn sagt natürlich Fisch, und ich sage ich gehorche, wie immer gehorche ich und Kühn sagt seit wann denn das, Breitner.

Stade und Kühn, denke ich und bestelle einen besonders großen Wolfsbarsch, im Ganzen gegrillt, mit Thymiankartoffeln und einen namenlosen Kykladen-Landwein, Stade und Kühn bilden eine Einheit, wenn Stade, dann Kühn, denke ich, immer ist Kühn Stade gewesen, so wie Kühn heute Frankfurt ist, wie Kühn heute der trübe Main ist und die geleckte Paulskirche und der dumpfe, rote Dom und der Eiserne Steg und die trostlosen Türme und mein letzter guter Bekannter, so ist Kühn immer Stade gewesen, denke ich, der Stader Jahrgangsbeste Kühn, der mädchenumschwärmte Adonis und Stader Hoffnungsträger Kühn, der glänzende Kleinhanseat Herwig Kühn, der Elbfetischist Kühn, einer meiner vielen guten Stader Freunde, bevor ich wurde, was ich bin, denke ich. Einst der Stader an-Elbe-und Schwinge-mit-Breitner-Herumspazierer-und-darin-herausragende-aber-nicht-einzig-und-allein-seiender-Freund Kühn, denke ich, ist Kühn mittlerweile und ohne jede Übertreibung mein allerletzter guter Bekannter, im Grunde der allerletzte Bekannte überhaupt, der diesen Namen verdient und der mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren in Berlin-Kreuzberg das letzte Mal lebend gesehen und sich jetzt ohne zu zögern zu einem Treffen beim Griechen in Frankfurt bereitgefunden hat, möglicherweise in alter kleinhanseatischer Verbundenheit, trotz seiner möglicherweise nihilistischen, alles zermalmenden Frankfurter Maklertätigkeit der anderen Richtung, wie ich plötzlich denke. Der wahrscheinlich lediglich kriegsdienstverweigerungsantäuschende ex-krankenwagenfahrende ex-Stader ex-Freund und jetzige Restbekannte und Frankfurter Großmakler Kühn, denke ich und lache über eine von Kühn in selbstironischer Verzückung eingestreute sogenannte Zote mit großen Brüsten und schlaffem Schwänzchen und Stader Hintergrund, die gegenwärtig in Dortmund-Aplerbeck oder Köln-Deutz spielt, eine Test-Zote, wie ich vermute, die Welt, denke ich, ist eine Ansammlung sogenannter Zoten und Test-Zoten mit großen Brüsten und schlaffem Schwänzchen, selbst der Ritualmord ist bei näherer Betrachtung eine Art Test-Zote zur Bilanzierung des Menschlichen und Bedrohlichen schlechthin und der Begründung und Festigung von Heiterkeit in bewegter Zeit, die Erwartung der Nation gewissermaßen die Sehnsucht nach dem Aufgehen in der Zote selbst, das Einigende im Anzüglichen, der Ausschluss des Humanen aus dem Menschlichen, denke ich, und Kühn fragt, warum ein besonders großer Wolfsbarsch, und ich lache immer noch und sage er sättigt ungemein, Kühn, und dann lachen wir beide, das schlanke, große Mannsbild Kühn und der kleine dicke Breitner mit den Klodeckelpranken, Stade war ein guter Auftakt, sagt Kühn, warum nicht Stade, eine runde Sache dieses Stade, Stade hat alles vorbereitet, ohne Stade wären wir nichts, Breitner, ich habe früher oft an Stade gedacht, aber seit einigen Jahren denke ich vorwiegend an Frankfurt und halte mich für einen Frankfurter, der nur noch gelegentlich an Stade denkt, wäre aber doch nicht der Frankfurter, der ich bin, wenn Stade nicht Hort meiner Jugend gewesen wäre, sagt Kühn und wiederholt laut und überschwänglich Hort meiner Jugend und sagt trotzdem möchte ich nicht in Stade begraben sein, eine Urne mit meiner Asche soll nicht in Stader Erde versenkt werden, wenn ich sterbe, sagt Kühn, bevorzuge ich ein Grab in Frankfurt, allein schon aus praktischen Erwägungen sollte es Frankfurt sein, mein verlorener und wiedergefundener Breitner, der Frankfurter, sagt der verschmitzte Kühn, ist ein Praktiker, in Frankfurt regiert die Praxis, wohin du dich wendest, klare Linien und praktisches Herangehen, somit bin auch ich über die Jahre ein Praktiker geworden, der Stader ist ein Melancholiker, ein Bürger wider Willen, jemand wie du, Breitner, Berlin lässt die Menschen, wie sie sind, Frankfurt macht sie zu Praktikern, sagt Kühn, und wir lachen erneut, und Kühn sagt plötzlich Breitner, wie geht es dir, weißt du noch, wir sind in Kreuzberg in deinem Drecksloch und trinken und streiten über Dreck, und jemand mit Anzug und Aktenkoffer klingelt und sucht Herrn Breitner, Joachim, und ich brülle besoffen nehmen sie den da, ich bin unschuldig, sagt Kühn, es handelt sich, sagt da der Anzug unbeeindruckt, um einen Erbfall und nennt einen Namen und nimmt dich beiseite und tuschelt, und dann wirst du kreidebleich oder tust, als ob du kreidebleich wirst, wir trinken nicht weiter, sondern starren uns lange an, und ich frage was ist los, Breitner, und du sagst ich bin reich, Kühn, leck‘ mich am Arsch, richtig reich, und ich frage dich: und nun, Breitner, und du sagst, ich kaufe mir eine Villa und schreibe und reise bis die Schwarte kracht, das waren deine Worte, Breitner, sagt Kühn, der frisch gebackene Doktor, der rite-Doktor, irgendwas mit Soziologie und Nation, irgend so ein kapitaler Irrsinn, hilf mir, Breitner, sagt Kühn, und plötzlich der Anzug mit Aktenkoffer an der Drecklochtür, wieviel, frage ich, als der Anzug fort ist, Breitner, wieviel, und du sagst, ich habe es behalten, du sagst, was heißt wieviel, Kühn, mehr als ich in einem Scheißleben ausgeben kann, niemals, Kühn, sagst du, sagt Kühn, selbst der Kauf einer schwindelerregend teuren und lächerlich herrschaftlichen Villa wird nichts an der Tatsache ändern, sagst du, dass zehn Scheißleben nicht ausreichen, um die Asche durchzubringen, ich werde, sagst du, in einer Villa mit herrschaftlichem Arbeitszimmer vegetieren und erstaunliche Schriften verfassen, und du besuchst mich, Kühn, und wir trinken, sagst du, sagt Kühn, und besprechen das Weitere, wie wir schon bei unseren berüchtigten Elbspaziergängen immerzu das Weitere besprochen haben, erdacht und besprochen haben. Der frisch gebackene Makler, sagt Kühn, fährt nach Frankfurt zurück und der frisch gebackene Doktor zieht um in ein herrschaftliches Anwesen, acht Wochen später erreicht mich eine Postkarte, die Schlusspostkarte, wie ich heute rückblickend sagen muss, sagt Kühn. Hiermit möchte ich einen Wohnungswechsel anzeigen, lese ich und lache laut auf, meine neue Adresse lautet Branitzer Platz soundso, soundso Berlin, mit freundlichen Grüßen Dr. Joachim Breitner, Soziologe, handschriftlicher Zusatz: ich melde mich, immer noch hüte ich diese Postkarte wie meinen Augapfel, sagt Kühn, beruflich, als Makler, wenn du so willst, liebe ich den Postkarten-Breitner, zielstrebig, entschlossen, vermögend, sonst gefällst du mir besser als streunender Hund, schon in Stade mochte ich das Tier Breitner, sechsundzwanzig Jahre Schweigen, sagt Kühn, du warst dran, und du hast dir Zeit gelassen, und plötzlich bist du in Frankfurt, und die Drecksau in dir sagt deinetwegen, und jetzt sitzen wir beim Griechen, den ich dir immerhin unterjubeln konnte, und der Wolfsbarsch muss besonders groß sein, sag schon, sagt Kühn, warum bist du in Frankfurt, niemand verirrt sich absichtslos nach Frankfurt, und der Wolfsbarsch mit Thymiankartoffeln kommt, unser größter, sagt der Kellner schmunzelnd, und ich sage: aus purem Zufall, und Kühn sagt, du spinnst, Breitner, und Kühn hat recht, und ich sage Kühn, was soll ich sagen, natürlich hast du recht, ich bleibe bis ich es weiß im schönen Ort Nicht, dem Bekloppten schlägt keine Stunde, der Wolfsbarsch ist übrigens klein, und ich starre auf Kühns Bifteki, und Kühn sagt, keinen Ouzo dazu, wir sind nicht in Stade, wenn du durchaus das Essen zerstören möchtest, auf Stader Art, kommen wir allerdings an keinem Ouzo vorbei, ich bitte dich allerdings inständig, in dieser Beziehung Stade restlos hinter dir zu lassen, in dieser Gaststätte, wenn ich so sagen darf, habe ich einen Ruf zu verlieren, sagt Kühn fröhlich, ich habe es, rufe ich plötzlich aus, Frankfurt ist, Frankfurt ist, stottere ich, die Stadt vor dem Knall, und Kühn wiederholt spöttisch vor dem Knall und fragt und nach dem Knall? und sagt nun hör schon auf und schenkt Kykladen-Wein nach.

Keinesfalls eint Stade Kühn und mich, denke ich und esse schweigend, während Kühn über Frankfurt schwadroniert, die Stadt mit dem Eisernen Steg, wie Kühn lächerlich-verschwörerisch sagt, Kühn das Maklerungeheuer, wie ich denke, kennst du den Eisernen Steg, fragt Kühn, und ich nicke beiläufig, ein Produkt bürgerschaftlichen Engagements, sagt Kühn mit belehrendem Ton, Frankfurt, so Kühn über seinen Bifteki-Teller gebeugt, Frankfurt ist ein Symbol um ein Symbol, nämlich den Eisernen Steg, dreiundneunzig Jahre nach Goethes überstürzter Abreise aus Frankfurt und sechsunddreißig Jahre nach seinem kaum überstürzt zu nennenden Tod im Residenzdorf Weimar, sagt Kühn, der rechnende Bildungsbürger, wie ich denke, führt bürgerschaftliches Engagement zum Bau des Eisernen Stegs, der den Römerberg mit Sachsenhausen verbindet und die Alte Brücke entlastet, Ausgangspunkt und Ende einer touristischen Frankfurtbegehung ist seit seiner Erbauung der Eiserne Steg. Entgegen vorherrschender Meinungen über die Tätigkeit eines erfolgreichen Maklers, sagt Kühn, zeichnet den erfolgreichen Makler seine Weit- und Übersicht aus und sein Denken in langen Zeiträumen, daher begegne ich dem unverkäuflichen, knapp einhundertfünfzig Jahre alten Eisernen Steg, diesem Handstreich über den Main mit einer gewissen Ehrfurcht, sagt Kühn augenzwinkernd und beobachtet mein Esstempo. Vom Eisernen Steg ist immer und unter allen Umständen auszugehen, sagt Kühn, Bifteki-Kühn, Quatschkopp Kühn, wie ich denke, und lächelt, Stade, sagt Kühn und stutzt und beendet die Bifteki-Sitzung vor der Zeit, wie ich denke, während ich die Wolfsbarsch-Sitzung längst erfolgreich beendet habe, irgendetwas wollte ich über Stade sagen, aber ich habe den Faden verloren, jedenfalls hast du sechsundzwanzig Jahre gebraucht, um meinetwegen nach Frankfurt zu kommen, möge Stade wachsen, blühen und gedeihen, jetzt hab ich’s wieder, sagt Kühn, was uns verbindet ist das Denken in langen Zeiträumen, sechsundzwanzig Jahre, Breitner, sagt Kühn, du hättest Makler werden sollen, Kühn und Breitner, Breitner und Kühn, sagt Kühn, aber die blöde Soziologie hat dich abgehalten und der Erbfall und trübe Gedanken, du musstest eine Villa kaufen, die du nicht brauchst und reisen, wohin du nicht willst und unaufhörlich denken was dich nicht erbaut, du bist auf einer unaufhörlichen Reise des Denkens, wenn ich es recht bedenke, kann nur eine Krise des Denkens dich nach Frankfurt geführt haben, ich mache Spaß, sagt Kühn, aber eine Krise des Denkens ist gut, wer, frage ich dich, sagt Kühn und verlangt die Dessertkarte, kann sich schon eine Krise des Denkens leisten. - Wer, entgegne ich plötzlich verärgert, kann soviel Unsinn verzapfen wie Herwig Kühn und doch Glück und Wohlstand anhäufen, dass es einen bis nach Capri verfolgt, sage ich. Diesen Wolfsbarsch groß zu nennen, fahre ich fort, ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit, ein großer Wolfsbarsch ist ein großer Wolfsbarsch, er mag Lavráki heißen oder sonstwie, ohne die ebenso bescheidene Portion Thymiankartoffeln und ohne das sogenannte Gemüsebett wäre das Ganze geradezu eine, wenn auch wohlschmeckende, Zumutung, wie auch du und Frankfurt hochaufschießende, gelegentlich wohlschmeckende, gelegentlich aber geradezu übergriffige Zumutungen seid, besonders der Eiserne Steg, sage ich, einen absurden Schub guter Laune nur noch mühsam verbergend, ist das Paradebeispiel einer übergriffigen und angeberischen Zumutung und neuzeitlichen Anbiederung, der trübe dahinplätschernde Main, ereifere ich mich, nichts Halbes und nichts Ganzes, ein plumpes Gedöns und bloße Gehhilfe, das Goethehaus am Großen Hirschgraben, eine Verwünschung, eine pseudomuseale Zumutung im Schatten der Türme, der Kaiserdom, ein bloßer Krönungsbunker und eine schlichte Zumutung, sage ich, und du mitten drin, Kühn, einzig dem Städelmuseum gilt meine Hoffnung, bislang, sage ich, habe ich mir den Besuch des Städelmuseums, des hochgelobten und hochverehrten, regelrecht verkniffen, ich liege in meinem Hotelbett, starre die Decke an und verkneife mir Haare raufend nach dem, sagen wir, enttäuschenden Besuch der aseptischen Alten Oper, den Besuch des Städelmuseums, schließlich habe ich mein Hotelzimmer im soundsovielten Stock für zwölf Tage gebucht, wenn sich, sage ich, nun auch noch das hochgelobte und hochverehrte Städelmuseum als Zumutung entpuppen sollte, müsste ich meinen Besuch vorzeitig abbrechen, mir bliebe, sage ich rachelüstern, nur noch die Möglichkeit, auf dem schnellsten Wege die Krönungsbunkermetropole und Paulskirchenversammlungsstadt Frankfurt zu verlassen, um mich erneut für möglicherweise neun Monate ins Reichshauptstadtgetöse zu stürzen und dreizehn Zimmer am Branitzer Platz zu bewohnen, von denen nur zwei, sage ich, wirklich von mir benutzt werden, nämlich das ehemalige Arbeitszimmer und das halbvergammelte, Schrecken verbreitende, morbide Schlafzimmer, du hörst richtig, halbvergammelt und von einer inneren Morbidität, in der Erbfallvilla, die nunmehr seit sechsundzwanzig Jahren mir gehört und doch nichts Anderes ist als ein Kreuzberger Drecksloch, mein lieber Kühn, sage ich und schaue den fröhlich dreinblickenden und dessertkartenhaltenden Kühn erwartungsvoll an, der dem Kellner ein dezentes Kataifi Ekmek, zweimal, zuraunt. Zwei Menschen verbringen zwanzig Jahre ihres Lebens in Stade und kotzen gemeinsam ins Griechenklo, denke ich, während Kühn aber zweiunddreißig Jahre später dem dezenten Kellner ein dezentes Kataifi Ekmek, zweimal, zuraunt, erwägt Breitner einen vorzeitigen Abbruch des ungeplanten Krönungsbunkermetropolenbesuchs, die Unstadt Nicht und Kühn sind Zwillinge, denke ich, aber ich bin mehr oder weniger ein Findelkind, in Stade mehr oder weniger ein Findelkind, in Berlin ein an die Ufer der Spree sozusagen getriebenes Findelkind, auf meinen Reisen immer nur ein Findelkind, in Frankfurt ohne Abstriche ein alterndes, ein grotesk umherstreifendes Findelkind und nach Kykladenwein stinkendes Findelkind. Immerhin ist es Frankfurt, sage ich dem vor lauter Heiterkeit grässlich wiehernden Kühn und steigere seine Heiterkeit ins Unermessliche, indem ich sage: In Frankfurt hat alles eine Bedeutung. Vergleiche das spannkraftverheißende Bellen eines, sagen wir, schwarzen Königspudels mit dem typisch Frankfurter Namen, sagen wir, Bolle, auf dem ehrwürdigen Eisernen Steg mit dem speichellastigen Hecheln einer, nehmen wir an, namenlosen kurzatmigen Bulldogge auf dem Branitzer Platz, und du spürst den Unterschied, Kühn, sage ich, du spürst sofort das Spezifische Frankfurts, ich bin am Hauptbahnhof mit meinem ganzen Klumpatsch in der Hand vorbeigerattert, ich bin an der Hauptwache ausgestiegen, einen Eckermann unter dem Arm, ich bin herumgeirrt, ich habe den anderen Weg gesucht und überall und nirgends gefunden, sage ich, ich bin sechsmal um die Paulskirche geschlichen und habe den trüben Main das erste Mal auf dem stählernen Eisernen Steg überquert und habe ein Hotel am Rande der Innenstadt im Soundsovielten bezogen und habe Dummoper und Dummdom besucht und Dummtürme beglotzt und das Städel gemieden, um heute, sage ich, auf dem Weg zum Griechen bei der zirka elften Trübmainüberquerung das spannkraftverheißende lieblich hallende Bellen eines schwarzen Königspudels genau auf der Mitte des Eisernen Steges als beweislastiges Gegenstück zum Berliner Bulldoggenhecheln wahrzunehmen und als spezifisch zu erkennen, ohne den Wunsch aufzugeben, Frankfurt umgehend oder doch zumindest spätestens nach einem enttäuschenden Besuch des Städelmuseums zu verlassen und bin ratlos, und Kühn sagt: Bleib doch.

Ich mag Kühn, denke ich. Das Kühn-Geschwafel. Kaufen, verkaufen, vermitteln, anbieten, einstreichen, Kühn und Partner. Das nüchterne Frankfurt. Vom Eisernen Steg geht alles aus. Dessert hin oder her, das zu kleine Kataifi Ekmek kommt, denke ich, immer ist es ein kleiner Wolfsbarsch oder ein viel zu kleines Kataifi Ekmek, aus reiner Bosheit quält Kühn mich ungefragt in lächerlichen griechischen Gaststätten mit lächerlichen Portionen, ich leide unter lächerlichem Kykladen-Landwein, denke ich, ein vollgekotztes Griechenklo in Stade, ein zünftiger, geradezu militärischer Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied, damals waren die Portionen riesig, denke ich wehmütig, während Berlins Schlechtessen und Frankfurts Kleinstportionen in meinem Kopf einen, wie ich denke, sogenannten edlen Wettstreit austragen, konnte Stade mit der Massenhaftigkeit der angebotenen griechischen Hauptgerichte punkten, ich sehe Kühn und mich beim legendären Kriegsdienstverweigerungsdienstabschied große Portionen verschlingen, ich höre Kühn während des Essvorgangs sagen heute steigt das große Stader Abschiedsfressen, Breitner, sei bereit, und zwei Stunden und dreißig Minuten später kotzen zwei Stader Friedensbewegte ins Stader Griechenklo, sodass, wie ich denke, es nicht mehr zum geplanten Abschiedsgang an Schwinge und Elbe kommt, immer sind unsere Pläne hinfällig, nie kommen wir ohne Pläne aus, und immer sind sie hinfällig, wir mögen wie jedes Jahr die in sehr unterschiedlichem Maße ansprechenden Städte Hamburg, London, Paris und Rom bereisen und uns wie jedes Jahr auf Capri die Wunden lecken, immer sind unsere Pläne am Ende hinfällig und grinsen uns sozusagen unverschämt an, denke ich, Frankfurt ist der Beweis für die Hinfälligkeit von Plänen, das Verharren auf dem Eisernen Steg geradezu ein Verharren in Hinfälligkeit, um Hinfälligkeit zu vermeiden hat der Dichterfürst seinerzeit, wie ich denke, Frankfurt verlassen, verlassen müssen, wie Kühn und ich Stade verlassen mussten, um etwas Luft zu schnappen, und nie wieder nach Kotz-Stade zurückgekehrt sind, dafür aber die Stinkkäffer Berlin und Frankfurt unsicher gemacht haben, in meinem Fall, denke ich, und bestelle ausdrücklich einen italienischen Espresso, in meinem besonderen Fall habe ich sogar Berlin sozusagen durch rein gedankliche Übungen unsicher gemacht und zwar durch die Erwartung der Nation und den Ritualmord, mein ehemaliges Arbeitszimmer ist von Anfang an ein Ort der Verunsicherung und der Unsicherheit gewesen, die ich auf die ehemalige Reichshauptstadt Berlin übertragen habe und sie auf mich übertragen hat, bis sie mir vor lauter abwägender Verunsicherung gewissermaßen gleichgültig geworden war, denke ich und übernehme die von mir sogleich so genannte Frankfurter Griechenrechnung. Wenn ich fragen darf, sagt der deutlich angetrunkene Kühn und bereitet so seine offensichtlich heikle Frage vor, du wirst sagen, so kann nur ein engstirniger Makler fragen, ein Frankfurter Bifteki-Makler aus Stade, und ich sage frag, und Kühn fragt Breitner, bitte, was tust du den ganzen Tag, und ich sehe Kühn und überlege und überlege nicht mehr und weiß und falte die Hände und winke dem Kellner und bestelle bitte doch noch zwei gute Ouzo für die Verdauung und sehe Kühn an und sehe ihn nicht mehr an und schaue mich um und erwäge und erwäge nicht und denke an Stade, den Erbfall und den Anzug mit Koffer und bemerke erst jetzt Kühns dunklen Anzug und die gelbe Krawatte und atme tief ein und aus und denke an Frankfurt und sage ich denke und höre meinen Herzschlag.

Herwig Kühn, altes Haus, sage ich, alte Maklersau, wolltest du sagen, sagt Kühn, als wir unschlüssig die Klingerstraße entlanglaufen. Seit Tagen schon Frankfurt, sage ich, und kein bisschen weise, sagt Kühn, wohin führt die Klingerstraße, frage ich, wohin alle Straßen führen, sagt Kühn, zu anderen Straßen, zu anderen Orten, sage ich ausdruckslos, am besten, du reißt alles ab, sagt Kühn und beobachtet mich, du Drecksau, sage ich, du Erbheini, sagt Kühn, halt die Fresse, sage ich leise, du magst die Menschen nicht, sagt Kühn, warum auch, sage ich, es gibt keinen triftigen Grund, immerhin, wir sterben gleichermaßen weg, sage ich, wir sterben weg und lösen uns auf, es ist alles ein gepflegtes Rätsel, sage ich, in Gedanken gehe ich in Berlin vom Branitzer Platz in die Kastanienallee zur sogenannten Reichsstraße, überquere den sogenannten Theodor-Heuss-Platz und gehe die fürchterliche Heerstraße Richtung Spandau bis ich müde werde und am Scholzplatz vor dem Jüdischen Friedhof einen Happen zu mir nehme, in Hamburg halte ich inne, in London, Paris und Rom lasse ich mich treiben, auf Capri lese ich und blicke über den Golf, in Frankfurt gehe ich zum Eisernen Steg und erwäge die Möglichkeiten, seit ich in Frankfurt bin, nutze ich den berühmten und, wie man sagt, von Malern aller Couleur gemalten Eisernen Steg über die träge Brühe Main, um die Möglichkeiten zu erwägen, und immer sterben wir gleichermaßen, denke ich. Von hier, von diesem Steg, sage ich und ernte ein Kopfnicken vom Frankfurter Immobilienhai Kühn, von hier ergibt sich sozusagen das sterbliche Frankfurt, sage ich, ich habe es gewusst, gleich nach meiner Ankunft, vor aller Augen, betrete ich intuitiv den Eisernen Steg, erwäge die Möglichkeiten und vergehe, berühre den Stahl und vergehe, sehe die Türme und vergehe und weiß doch nicht, was Frankfurt ist, nur dass Frankfurt sich sozusagen von hier ergibt, weiß ich, ohne zu denken, mein lieber Kühn, sage ich, ich sage Frankfurt und empfinde nichts, ich betrete den Dom und empfinde nichts, ich stehe auf einem der Türme und empfinde nichts, ich starre auf die sogenannte Paulskirche und empfinde ganz und gar nichts, ich betrete den sogenannten Römerberg und bin leer wie ein leeres vergilbtes Blatt Papier im ehemaligen Arbeitszimmer, ich wandere am Ufer der trägen Brühe Main entlang und bekomme Kopfschmerzen, ich kehre in mein stilles Kämmerlein im Soundsovielten zurück und starre über die Stadt bis zum Flughafen und empfinde nichts als den Gedanken wir sterben weg, allesamt sterben wir weg, mit oder ohne Klumpatsch, immerhin, sage ich, ich bestelle ein umfangreiches Menü aufs Zimmer und verschlinge alles in Rekordzeit, sage ich, ich bin ein schneller Esser, sage ich zu Kühn, aber in Frankfurt werde ich zum Rekordesser, den Wolfsbarsch habe ich in Sekunden eingeatmet, das Kataifi Ekmek habe ich, wie man sagt, weggelöffelt wie nichts Gutes, sage ich, im Soundsovielten nehme ich mir zwanzig Minuten für drei Gänge im Kämmerlein, nach zwanzig Minuten rufe ich an und sage Breitner hier, bitte abräumen und denke ans Wegsterben. Für Geld, sage ich, als Kühn und ich den Neuen Börneplatz passieren, wird in einem guten Hause jederzeit auf- und abgetragen, seit dem Erbfall bevorzuge ich Orte, sage ich, wo Geld die persönliche Beziehung zu einem Menschen vollkommen ersetzt, wobei ich jedesmal erleichtert zur Kenntnis nehme, wenn mein Geld zum Geld der anderen wird und mir dafür, beispielsweise, ein Stück Wirsingkohl den Schlund hinunterpurzelt und in meinen Innereien sein Unwesen treibt oder mich wohltuend labt. Ein Sonderfall ist Frankfurt, sage ich, als wir den Main erreichen, hier bin ich unfähig, mehr noch, Frankfurt gestattet es mir nicht, Erleichterung zu empfinden, obwohl ich Berlin ganz gleichgültig gegenüber stehe, empfinde ich doch am Branitzer Platz ebenso wie am Pariser Platz sozusagen eine gleichgültige Erleichterung den Dingen gegenüber, in Berlin, wie auch in Paris oder Rom ist durchaus ein langjähriges Vegetieren möglich, auch der Nichtsnutz, sage ich, wird verstanden, in Frankfurt tritt man dem Nichtsnutz wenn nicht gerade ablehnend dann doch mit Unverständnis gegenüber, dein Metier, sage ich zu Kühn, ohne eine Ahnung von Kühns Metier zu haben, ist trotz aller bedenklichen Eigenarten das Antinichtsnutzmetier, dein Anzug der Antinichtsnutzanzug, sogar das Schillerdenkmal, sage ich lachend, Kykladenweindünste abatmend, ist in Frankfurt ein Antinichtsnutzdenkmal, gehe ich über den Eisernen Steg, gehe ich sozusagen über den weit über die Grenzen der Stadt bekannten Nützlichkeitssteg, Frankfurt, sage ich, versucht, mich auszuspucken, aber ich klebe fest, Frankfurt kennt mich nicht, mit jedem Tag in Frankfurt kommen zwei Tage hinzu, die ich bleiben werde, Nichtsnutz Breitner zieht es nach Unstadt, nach Nicht, sage ich, in Frankfurt bin ich auf dem Wege neutraler Läuterung, sage ich, aber die Erleichterung fehlt, einerseits, es fehlt die Erleichterung, sage ich, einzig und allein das Städel könnte eine Art Erleichterung bewirken, aber jede Erleichterung gefährdet andererseits meinen meinen Aufenthalt, ich will mir den Besuch des Städelmuseums vorbehalten, sage ich, für einen besonders guten oder einen besonders schlechten Tag und mich mit sogenannten Kunstgenussmassen überhäufen.

Die Ahnung des Mains in der Dunkelheit, sagt Kühn, plötzlich nachdenklich, bewegt mich mehr als das Wissen um seine Wirklichkeit, Erbheini Breitner zu sehen, wiederzusehen, auf neutralem Boden in Frankfurt, ich hätte es nicht für möglich gehalten, ein guter Makler kennt die Möglichkeiten, sagt Kühn, auch die, die er schafft, aber deinen Frankfurt-Besuch habe ich als Möglichkeit ausgeschlossen, du bist verrückt, Breitner, sagt Kühn, jetzt wo du da bist, erscheinst du mir noch verrückter, sechsundzwanzig Jahre, sagt Kühn und lächelt, ich verzeihe dir, ich habe dir verziehen, ich sehe dich an, Breitner, und denke nicht wegsterben, sagt Kühn, selten denke ich in Frankfurt die Worte nicht wegsterben, wenn du es richtig anstellst, hörst du den Main um die Ecke schleichen, aber du musst hinhören, sagt Kühn, ich versuche es einzurichten, antworte ich, aber ich habe zu tun, die Erwartung der Nation und der Ritualmord, sind Kinder Berlins, hier in Frankfurt werde ich über die Liebe nachdenken, du hörst richtig, Kühn, Frankfurt ist der ideale Ort, dem Liebesgedanken nachzuhängen, ich fahre in den Soundsovielten und starre die Decke an und frage mich, was die Liebe ist, und wenn ich aufstoße, ist es der Wolfsbarsch, sage ich. Breitner, du Drecksack, sagt Kühn, du spinnst, du hast sie wirklich nicht alle, wenn du fertig bist, sag mir wie es war, die Liebe, Breitner, du bist verrückt, da, schau mal, der Steg.

 

 

Kapitel 4

Ute

 

Ich bin Ute begegnet, denke ich, ausgerechnet auf dem Eisernen Steg am elften Unstadttag begegne ich Ute, mitten auf dem Steg liest sie und blickt auf und liest, das Geländer im Rücken, und sieht mich wie ich sie sehe und liest und blickt auf und sieht mich mit einem schmutzigen Etwas unter dem Arm, dem schmutzigen Eckermann, dem eingesauten Eckermann, wie ich denke, und schaut und dreht sich zur Seite und wirft einen Blick auf den trüben Main und dreht sich zu mir, als ich dicht neben ihr stehenbleibe und zeigt mir ihre dunklen Augen, ihre kurzen, roten Haare, die schöne Bürste, wie ich sie augenblicklich nenne und spöttische, feine, tiefrote Lippen. Ich denke an Stade und Ausflüge nach Krautsand, ich sehe gewaltige sogenannte Ozeanriesen die Elbe bevölkern, ich sehe Frankfurts Türme in den Himmel wachsen, ich spüre den Eckermann unter dem Arm und sehe ein Buch in schmalen, wohlgeformten Händen, ein Svevo, tatsächlich ein Svevo, wie ich denke, tatsächlich das herrliche Werk Zenos Gewissen und sage Gnädigste strahlen so, was darf ich melden und höre wie sie antwortet: Melden Sie, Gnädigste geruhen Seine Durchlaucht zu erblicken.

In Gedanken beginne ich erneut in Berlin meine Reise, die mich wie jedes Jahr über Hamburg, London und Paris nach Rom führt und auf Capri endet, von Neapel nehme ich ein Flugzeug nach Frankfurt, weil ich niemals, wie ich denke, auf direktem Wege, sondern nur auf sehr umständlichen und geradezu verschlungenen Pfaden nach Berlin zurückzukehren pflege, mehr noch, statt unverzüglich, wie geplant, in Frankfurt den nächsten Zug ins sogenannte brodelnde Berlin zu nehmen, steige ich an der Hauptwache aus, beziehe ein Hotelzimmer im Soundsovielten mit Ausblick, irre tagelang durch die Stadt, treffe sogar Makler Kühn, den allseits mit Hingabe Angekommenen, wie ich hämisch mit schlechtem Gewissen denke, und stehle mich mindestens zweimal täglich über den Eisernen Steg, einzig und allein zu dem Zweck oder jedenfalls mit dem Ergebnis, am elften Tag Ute ebendort zu treffen und die Worte Gnädigste geruhen Seine Durchlaucht zu erblicken zu hören und in Gedanken meine Reise erneut und diesmal ahnungsvoll zu beginnen, bis ich auf dem Eisernen Steg über dem trüben Main durch eine sogenannte unerwartete Begegnung in meinen, wie man sagt, Grundfesten erschüttert werde und so weiter und so fort und schließlich anlange, wo ich anlange und stehe, wo ich stehe. Mein Name ist Joachim Breitner, denke ich, soll ich, denke ich, lachen, Frankfurt das Lachopfer bringen, Steg und Fluss fordern ein Lachopfer, denke ich, mein Name ist Joachim Breitner mit den großen Pranken, während beispielsweise Kühn, der hochgeschossene Herwig Kühn, der zupackende Frankfurter Makler und Ex-Stader Herwig Kühn mit geradezu winzigen, ja in gewisser Weise sogar, wie ich mit gebieterischer Niedrigkeit zu denken bereit bin, mit nichtigen Händen daherkommt, bin ich mit großem Aplomb und aasiger Fresse der lachende Pranken-Breitner, klein aber oho, der lachende Pranken-Breitner vom Eisernen Steg, denke ich, ist sich nicht zu schade, die Worte klein aber oho zu denken, es muss Frankfurt sein, nur in Frankfurt lassen sich die Worte klein aber oho denken, denke ich, es muss das vorwitzige und auftrumpfende Frankfurt sein, plötzlich ist es das vorwitzige und auftrumpfende Frankfurt, mein Name ist Joachim Breitner, durch einen Erbfall begünstigt wohne ich am Branitzer Platz in Berlin, ich bin direkt aus dem völlig zutreffend und durch mein Verschulden so genannten Kreuzberger Drecksloch direkt an den überaus herrschaftlich daherkommenden und doch wiederum in seiner Gewöhnlichkeit ekelerregenden Branitzer Platz gezogen, wo ich seit nunmehr sechsundzwanzig Jahren hauptsächlich im ehemaligen Arbeitszimmer ein, wie man sagt, karges Dasein friste und fast täglich die laute, stinkende Heerstraße entlang bis zum Scholzplatz und dem Jüdischen Friedhof einen sogenannten Sinnzusammenhang weit spazieren gehe, bis ich umkehre und meinen geordneten Rückzug in die heimischen Katakomben antrete, wo ich, völlig erschöpft, einen oberflächlichen Schlaf schlafe und quälende Träume träume und auf den Morgen warte. Wäre die Hoffnung auf den Morgen nicht, ich stürbe, denke ich. Rote Bürste mit dunklen Augen, rote, feine Lippen, das Strahlen, dieses gleißende Strahlen, alles gelingt der strahlenden Kraft, denke ich, immer noch lachend, den Eckermann jetzt in der linken Pranke, die rechte in Warteposition, das minimale wirkliche oder nur vorgestellte Vibrieren der Brücke mit den Beinen minimal federnd parierend, und sie sagt Hallo, ich bin Ute und ich antworte mit einem unsäglichen Breitner, angenehm und ergreife mit der freien Pranke so gut ich kann ein Paar schmale, wohlgeformte Hände und ein Buch, das Gegenbuch, wie ich denke und schüttele alles mit blöder Tollpatschigkeit und sie fragt Komma und wie weiter, und ich sage aufgeregt, wir werden Frankfurt erobern und leben und sie sagt ruhig, ganz ruhig und freundlich: Ich meine den Vornamen und fügt hinzu: Herr Breitner, Sie haben große Hände.

Berlin, denke ich und verzeihe Ute umgehend, weiterhin lachend, der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin stehe ich durchaus gleichgültig gegenüber, aber Frankfurt muss man gesehen und erlebt haben, man mag über Frankfurt geteilter Meinung sein, und doch versäumt derjenige Wichtiges, der Frankfurt sozusagen links liegen lässt und sich somit eines Eindruckes beraubt, den zu haben und gehabt zu haben die Weltkenntnisetikette geradezu erfordert, während die Weltkenntnisetikette die Kenntnis der ehemaligen Reichshauptstadt aus gutem Grund zu vernachlässigen erlaubt, wie ich hingerissen denke. Frankfurt, denke ich und erkunde Utes große, dunkle Augen, die ehemalige Freie Reichsstadt Frankfurt bietet dem umherziehenden, umhertollenden Bürger und Freien Denkanstöße in Hülle und Fülle in, wie man sagen muss, verwertbarer Portionierung und unaufdringlicher Fülle, einzigartig in dem manchmal verklausulierten Wunsch der Metropole nach Weltgeltung und lässig in ihrer Haltung allem Irdischen und somit Vergänglichen gegenüber. Zufrieden und voller Tatendrang gebe ich Utes Hände und das von mir so genannte Gegenbuch frei und warte. Wen die Weltstadt ins Herz schließt, denke ich, mag nicht von ihr lassen, Frankfurt gewährt dem Strauchelnden Zuflucht, Frankfurt spendet Zuversicht, Frankfurt führt Buch, denke ich und stutze, Frankfurt warnt, Frankfurt krächzt, Frankfurt kennt seine Pappenheimer, warum denke ich Frankfurt kennt seine Pappenheimer, denke ich, Frankfurt ist ahnungslos, ich heiße Joachim Breitner und bin in einen Erbfall verstrickt, der mich auf Umwegen nach Unstadt geführt hat, der mich sozusagen mittels eines langen Anlaufs, mittels eines außerordentlich langen Anlaufs nach Unstadt, in die schöne Stadt Nicht geführt hat, wo mir mittels einiger geschickter Handgriffe des Schicksals, wie ich denke, die rotbürstige Ute in die Arme getrieben wird, von wo ich sie, wie ich von einem Moment auf den anderen denke, nicht entkommen lassen werde, unter keinen Umständen, wie ich trotzköpfig denke, ich werde sie keinesfalls aus den Augen verlieren, ich werde sie zu gemeinsamen Plänen bewegen, ihr ein Denken abringen und nahelegen, das weit in die Zukunft ragen und Hamburg, London, Paris und Rom sowie Capri einbeziehen wird, aber jetzt will ich sagen, was zu sagen ist, ich ringe mit Worten, wie ich immer mit Worten gerungen habe, schaue Ute an und ringe und platze unvermittelt, der dicke, kleine Breitner platzt mit Worten heraus, als er fragt: Gewähren Gnädigste einen Tanz ins Ungewisse, und Ute fragt kokett, ist siebzig gewiss oder ungewiss, und ich sage erstaunt Breitner, Joachim, dreiundfünfzig, und sie sagt hinreißend unverschämt Breitner, sehr gerne Breitner und was willst du einmal werden, Breitner? und ich weiche aus und sage Cohn, ein Name mit Geschichte und Ute sagt: wessen.

Würde, denke ich, was ist das, das sogenannte Leben in Würde und starre an Ute vorbei in den trüben Main und spüre meinen Herzschlag, mitten auf dem Eisernen Steg spüre ich meinen Herzschlag und höre mich atmen und denke und mache Vorschläge und stelle Fragen und schlage einen Griechen in der Heiligkreuzgasse vor und Ute bejaht, zum ersten Mal lausche ich Utes Bejahen und wir verlassen den Eisernen Steg und gehen und gehen und ich sage Berlin um nicht Stade zu sagen und sie sagt Frankfurt und ich lobe die Stadt und Ute sagt meine, und ich sage right or wrong, und Ute denkt nach und sagt nein, niemals, und es gibt Kataifi Ekmek und zwei große Wolfsbarsche im Ganzen gegrillt und Kykladen-Landwein, und Ute sagt Dinge wie Svevo wird unterschätzt, und ich sage Svevo, der Lorbass oder wie wir alle.

Ich mag Frankfurt, denke ich.Wir treiben durch das All auf der Suche nach Schnörkellosem, denke ich, und finden die Leere, wir begegnen uns im wortreichen Strom der Zeit und scheitern an den Begriffen, wir begegnen uns selbst, und schrecken zurück, endlich sehen wir wohlgeformte Hände, ein tiefenschönes Gesicht, und staunen. Wir leben und müssen es hinnehmen, zu keiner Einsicht gelangen wir ohne Abschied, wir drohen über den Tellerrand ins Bodenlose zu stürzen, nahezu täglich gehe ich in Berlin vom Branitzer Platz über die Kastanienallee Richtung Theodor-Heuss-Platz und quere dabei die sogenannte Reichsstraße, bis ich, von unablässiger Denktätigkeit längst niedergewalzt, die fürchterliche Heerstraße erreiche, der ich bis zum Scholzplatz folge, ohne einen sogenannten Blick über den Tellerrand getan zu haben, nahezu täglich kopfschmerze ich durch die fürchterliche Heerstraße, kopfschmerzend erreiche ich den Scholzplatz und nehme einen Happen in einem Wirtshaus am Jüdischen Friedhof und erkenne nichts, gar nichts, Nulllinie Breitner, denke ich, zurück am Branitzer Platz kauere ich im ehemaligen Arbeitszimmer und warte auf sogenannte bessere Zeiten oder das Sturmklingeln des Hausmeisters am Morgen, des verlässlichen, des zupackenden Hausmeisters, der Treppenstufen auszubessern hat, ein Fenster neu verkittet, die knarrende Eingangstür ölt oder den Gartenzaun streicht, damit ich sorgenfrei bin, und in der Lage, wie ich jetzt denke, in der sogenannten Goethestadt ein tiefenschönes Gesicht zu erblicken und formvollendeten Händen meine Aufwartung zu machen und zu sagen Svevo der Lorbass oder Gewähren Gnädigste einen Tanz ins Ungewisse. Reich zu sein bedarf es wenig, denke ich, als wir beschwingt den Griechen Richtung Römer verlassen, die Hüterin der Bücher im Ruhestand Ute, wie ich jetzt weiß und der ewige Ruheständler Breitner, wie sie jetzt weiß, denke ich, Goldjunge Breitner vom Fischmarkt Stade. Man höre im Kreuzberger Drecksloch ein Klingeln und empfange einen Anzug mit Koffer und unterschreibe Papiere über Papiere und lasse den Dingen ihren Lauf, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, wie ich plötzlich zusammenhangslos denke und füge, völlig aus der Bahn geworfen, hinzu: Der ewige Ruheständler Breitner und die strahlende rote Bürste im Ruhestand mit den formschönen Händen Ute vergeben ihren Schuldigern und wiederhole es laut und stehe mit Ute mitten auf dem Römer im schönsten Sonnenlicht und scherze, und Ute sagt, als wären wir uralte Freunde aus uralten Zeiten du spinnst Breitner und ich sage ich wanke.

Erst jetzt sehe ich ihr buntes Sommerkleid, mitten auf dem Römer lacht mich ihr buntes Sommerkleid an, Svevo sage ich betont abfällig, Eckermann, antwortet sie gespielt angewidert, sechsmal, sage ich und sage los, und wir umrunden die Paulskirche, die dumme, dumme Paulskirche, wie ich denke, die hochverehrte Halt-die-Fresse-Paulskirche, den Paulskirchenverschlag, und rasen hinunter zum trüben Main, mit einem sogenannten Affenzahn, Affenzahn-Ute geruht zu pesen, denke ich, Ute, der geölte Blitz, gefolgt von Drecksack Breitner von der traurigen Gestalt. Mir bleibt die Luft weg, immer bleibt mir die Luft weg, ich kann nicht mehr, rufe ich, von wegen klein aber oho, denke ich, ich verzeihe dir, ruft Ute und küsst mich und flüstert du bist ein Wrack, Breitner, was mache ich nur mit dir. Und Breitner, höre ich, als ich beschließe, meine Zelte im gemochten Frankfurt, im verehrten und geliebten Frankfurt, wie ich denke, aufzuschlagen, mein Übergangsheim, mein Zwölftagekämmerlein zu verlassen und ein seit Tagen ins Auge gefasstes Luxushochhausteuerapartment mit Concierge-Service und Hotelanbindung am südlichen Mainufer mit Türmeblick auf auf unbestimmte Zeit anzumieten und die Worte dort will ich wohnen denke: Und Breitner, du hast wirklich sehr große Hände.

 

Ich bin, denke ich und starre im Soundsovielten zum soundsovielten Mal die Decke an, ich bin Breitner, das Tier, Breitner, das wilde, wilde Tier, mit allem und immerzu meine ich mich, wie es einem Tier zusteht, wie es der Drecksau Breitner zusteht, wenn ich Stade sage, meine ich mich, wenn ich Kühn sage, meine ich mich, wenn ich Frankfurt sage, meine ich mich, wenn ich südliches Mainufer und Luxushochhausteuerapartment sage, meine ich zuallererst und vor allem mich. Sogar wenn ich über den Eisernen Steg schleiche mit dem verschmutzten Eckermann unter dem Arm und die Worte das freche Luder mit dem Buch deckenstarrend im Zimmer denke, meine ich höchstselbst mich, während die tiefenschöne Svevo-Tante Ute, wie ich sie nenne, der Mensch Ute, durchtrieben und mit allen Wassern gewaschen den Steg Steg, den Main Main und das Goethehaus Goethehaus nennt, mich allerdings mit den Worten Breitner mit den großen Händen wiederholt durch den sogenannten Kakao zieht, aber damit, wie ich zugeben muss, virtuos den Punkt trifft, den Breitnerpunkt, wie ich denke. Ute und ich werden ein Paar, denke ich. Vielleicht werden Ute und ich ein Paar. Alles läuft darauf hinaus, dass wir uns in rasender Geschwindigkeit zu einem sogenannten Paar entwickeln, im Grunde sind die beiden Teilnehmer der Veranstaltung, wie ich denke, schon auf dem Eisernen Steg augenblicklich zu einem Paar geworden, spätestens die von Ute im Anschluss so bezeichnete herrliche Schüttelaktion, hat uns zu einem sogenannten Paar gemacht und wird von nun an, wie ich deckenstarrend im Zimmer denke, Unzertrennlichkeit walten lassen, zuhauf werden sich in Zukunft Gründe ergeben, Unzertrennlichkeit walten zu lassen, mit allen uns zu Verfügung stehenden Mitteln werden wir Unzertrennlichkeit walten lassen, Gnädigste erregen Durchlaucht außerordentlich, habe ich essbegleitend beim Griechen zu sagen gewagt, denke ich, essbegleitend zu Kataifi Ekmek habe ich gewagt, meinem außerordentlichen Erregungszustand Ausdruck zu verleihen, der Sinn Frankfurts besteht möglicherweise, wie ich deckenstarrend im Soundsovielten staunend zusammenfasse, in der Wahrnehmung eines in dieser Intensität unbekannten Erregungszustandes und dem furchtlosen Hinausposaunen desselben beim jetzt so zu bezeichnenden Stammgriechen in der sogenannten Heiliggeistgasse. Ute und ich werden, Ute und ich sind ein Paar, die rote Bürste mit dunklen Augen und die großen Pranken werden ein Paar wenn sie es will, wenn sie es will, werden wir zu einer sogenannten Liaison voranschreiten, was geschieht, geschieht, in einem bunten Sommerkleid auf dem Eisernen Steg und in einer jahrzehntealten beigen Cordhose aus Kreuzberger Dreckslochtagen werden wir den Paarschwur leisten, denke ich. Wenn sie es will, verleben wir herrliche Zeiten im Schatten der Türme, die erregende Ute mit dem tiefenschönen Gesicht und Kotzbrocken Breitner, denke ich amüsiert, die Lady und das Tier. Seite für Seite verbrenne ich in Gedanken meine verschollene Rite-Rotz-Drecksdissertation Die Erwartung der Nation in der Soziologie und denke im Soundsovielten erleichtert die Worte Joachim Breitner scheißt auf die Drecks-Erwartung des Dachschaden-Nationalen in der Schreckens-Soziologie. Die Dinge, denke ich, entfalten ihre Wahrheit, werden wahr, wenn es auf sie ankommt, kommt es auf die Erwartung an, denke ich, wird die Erwartung zur Drecks-Erwartung, wie festzustellen ist. Kommt es darauf an, wird alles Nationale zum abgefeimten Dachschaden, wird die Soziologie auf die Probe gestellt und soll ihren sogenannten Mann stehen, wie ich unzweifelhaft mit Blick auf die sogenannten dunklen Jahre festgestellt habe, wird sie zur Schreckens-Soziologie, denke ich deckenstarrend, wer die Nation erwartet, erwartet den Schwachsinn, wer auf das Nationale setzt, befördert den Schwachsinn, wer den Dreck will, will ihn ganz. Goethe sagt, denke ich, keinesfalls am Arsch sondern nachweislich im Arsch, trotzdem ist das Am in aller Munde, denke ich und lache die Decke an, während das Im nicht die Wertschätzung erfährt, die ihm gebührt, am Arsch ist etwas deutlich Anderes als im Arsch, am Main mit Ute geradezu das Gegenteil von im Main mit Klumpatsch und Eckermann, wie ich seelenruhig denke. Mit meinem gesamten Klumpatsch werde ich morgen nach Durchführung einiger lästiger Telefonate von der Zelle aus handstreichartig den Eisernen Steg Richtung Sachsenhausen überqueren, um ein Luxushochhausteuerapartment mit Concierge-Service und Hotelanbindung am südlichen Mainufer auf unbestimmte Zeit glücklich zu beziehen und anschließend die erregende siebzigjährige ehemalige Hüterin der Bücher Ute mit der roten Bürste vor dem sogenannten und weltweit bekannten Städelmuseum in die Arme zu schließen, wenn sie es will und es sich nicht anders überlegt, nachdem sie Svevo zu Ende gelesen hat, wie ich denke, ich wünsche mir, denke ich, wiederum ein tiefenschönes Gesicht, schmale, wohlgeformte Hände und spöttische, feine, tiefrote Lippen und werde Dinge sagen wie ich bin umgezogen oder jetzt lebe ich in Frankfurt oder wenn du willst, besuch mich in meinem neuen Luxushochhausteuerapartment oder du erregst mich, Ute, wohin gehen wir. Deckenstarrend erwarte ich das gleißende Licht in stockfinsterer Nacht, denke ich, erregt genieße ich die Stadt und denke peinlich berührt die Worte: Frankfurt ist mein, mir wird nichts mangeln. Ich habe Stade geliebt und bin gegangen, denke ich, in Berlin gehe ich bis zum Scholzplatz und kehre um. Wie weiter, sage ich, wenn Durchlaucht es wünschen, sagt Ute zum Abschied, sehen wir uns wieder.

Ich schließe die Augen. Ein sogenanntes Leben, denke ich, geht dem Erbfall voraus, aber der Erbfall ändert es. Ein sogenanntes Leben findet statt und vergeht, wie der Erbfall ebenfalls beweist, und führt, wie im Fall Joachim Breitner zur Aufgabe des Kreuzberger Dreckslochs und dem Kauf einer vermaledeiten Villa am Branitzer Platz ohne Sinn und Verstand, das sogenannte Leben beginnt und endet, wie ich denke, ohne jeglichen Sinn und Verstand, wir machen den Fehler, den Würgemalen unserer Existenz einen sogenannten Sinn unterzuschieben, wie auch der Ritualmord einen Sinn beansprucht, der indes nur als untergeschobener Sinn Geltung beanspruchen kann wie die Reinhaltung des Drecks oder die Reinhaltung des vermaledeiten Lebens. Ich stehe an der Elbe und warte, ich stehe am Themseufer und warte, ich schaue auf Seine und Tiber und warte, ich stehe auf Capris Klippen, erwäge und verwerfe eine Selbsttötung und warte und verfluche das vermaledeite Leben ohne Sinn und Verstand. Der Ritualmord, denke ich, ist der Kindergarten des Lebens, mordend begegnen wir Langeweile, mordend stellen wir Einvernehmen her, wir beschwören mordend die sogenannte Reinhaltung des Drecks, die Liebe erschwindelt die Liebe, denke ich, seit ich in Frankfurt meiner Wege gehe, wie man sagt, versuche ich der wahnwitzige Liebe erschwindelnden Liebe auf den Grund zu gehen, ich steige an der Hauptwache aus und denke über die Liebe erschwindelnde Liebe in ihrer ganzen Wahnwitzigkeit nach, ich erwache nach schweren Träumen im Soundsovielten und sinniere sogleich über die Liebe erschwindelnde Liebe, ich steuere den Eisernen Steg an und erwäge den wahnwitzigen Schwindel der sogenannten Liebe, sogar in der Sicherheitsschleuse des von mir wieder und wieder besuchten Museums Judengasse muss ich vor konservierten Mauerresten an die Liebe erschwindelnde Liebe im Zeichen der Wahnwitzigkeit denken, denke ich mit geschlossenen Augen in meinem nunmehr nachtdunklen Übergangsheim im Soundsovielten, ich gehe in Gedanken mit meinem alten Bekannten Kühn nach sechsundzwanzig Jahren zum Griechen und überdenke anschließend die Eigenheiten vermaledeite Liebe erschwindelnder Liebe, bevor, wie man sagt, ein unruhiger Schlaf mich übermannt und ich immer noch volle acht Tage davon entfernt bin, Gnädigste kennenzulernen, noch volle acht Tage dauert es, vom Zeitpunkt des Verzehrs eines vermeintlich großen Wolfsbarsches gerechnet bis zur Wiederholung der Tat in veränderter Besetzung und dem Beginn des Utismus, volle acht Tage der Betrachtung des von mir so genannten Liebesschwindels im Wandel der Zeit, flaumweiche, dahinziehende acht Tage, bis Gnädigste auf dem Eisernen Steg dunkeläugig den niemals vorher so genannten Pranken-Durchlauchtismus auszurufen sich bereit erklären und der Liebe erschwindelnden Liebe ein Lager bereitet, wie ich weit nach Mitternacht mit geschlossenen Augen wachend denke, Breitner unterliegt Liebesschwindel, glaube ich in leuchtenden Neonlettern am Frankfurter Nachthimmel zu lesen. Für Breitner kommt jede Rettung zu spät, steht da, Frankfurt leuchtet, kein Geistlicher hat ihn begleitet, wir fahren, wohin wir fahren, ein strenges Glück. Aber da schlafe ich schon.

 

Früh am Morgen erwache ich und ängstige mich. Im Soundsovielten verstaue ich meinen Klumpatsch und nehme den Fahrstuhl. Ich stehe am Empfang wie vor zwölf Tagen. Ich sage: ich ziehe um. Ich reiße mich zu den Worten hin: Sie sehen, ich habe das Geld. Ich nehme ein Taxi zum Eisernen Steg. Ich überquere den Main mit Klumpatsch und Eckermann. Ich erwäge in aller Eile eine Selbsttötung und verwerfe sie flüchtig. Ich gehe am südlichen Mainufer entlang. Ich begrüße den Concierge Gerken, und nehme den Fahrstuhl. Ich beziehe das Luxushochhausteuerapartment und betrachte die Türme. Ich bekomme Kopfschmerzen und warte, bis sie vergehen. Ich summe ein Lied und verstumme. Ich denke den Namen Ute. Ich bestelle ein Frühstück und nehme ein Bad. Ich beschließe, nie wieder Frankfurt zu verlassen und denke die Worte: Es ist absurd. Ich schaue auf meine Pranken. Ich schreibe einen Brief und schicke ihn per Boten an eine Adresse, die mir nichts sagt, nichts sagen soll: Falls etwas ist.

 

Frankfurt, jetzt

Liebe Ute,

was du mir bist -

 

Die Fürstin

Fernab über Gipfeln ist Ruh'
kein Wipfelhauch

und noch dazu
ein Schweigen im Wald.
Ach fühl ich mich alt
vom Warten.

Und endlich kommst du.


 

Bis gleich,

Breitner.

 

Ich nehme den Fahrstuhl. Ich nicke Gerken zu. Ich gehe zum Main und denke.

 

 

Kapitel 5

Der Main

 

Einmal Frankfurter, beginnen die Lügen, denke ich. Wir wünschen uns Glück und lügen, denke ich, wir behaupten wieder und wieder Unwahres über uns und andere und brüsten uns sogar damit, wir drehen uns ziellos im Kreis und betrügen uns selbst, wir sagen: der trübe Main und sind doch selbst trübe Gestalten bis zur Unkenntlichkeit, wir reden falsch Zeugnis wider unseren Nächsten und wider uns selbst und verbergen unsere Abgründe hinter galanten Phrasen der Niedertracht, und über allem thronen die Türme. Der lügt, der behauptet, er lüge nicht, denke ich, die lügt, die uns weismachen will, sie rede der Liebe das Wort und müsse daher obsiegen im Angesicht der Liebe. Wozu eine Regung, ein Wort, ein Lächeln, denke ich und bemerke einen Anflug von Kopfschmerzen, die Lüge weiß es, niemandes Regung, niemandes Wort, niemandes Lächeln, ohne das sogenannte Wissen und Zutun der immerwährenden Lüge, jeder barmherzige Kuss ein Aufsagen des Lügeneinmaleins, jeder Schwur ein Potpourri der Lügen, der trübe Main ein Lügenbaron, ein Hort der Unwahrheit, wie ich denke, eine Irreführung, ein schauriges Tier, wie Breitner, wie ich. Wie der Main, so die Lüge, denke ich, den Main betrachtend. Lügt der Frankfurter und behauptet die Unwahrheit, folgt er unwillkürlich dem Main auf seinem von mir so genannten Lügenweg durch Dreck und Dumpfheit auf Schritt und Tritt. Wir treiben Schabernack und überqueren den Main in diese und jene Richtung, die Lüge im Hinterkopf, die pochende Lüge im Hinterkopf, denke ich, überall brodelt die Lüge, im sogenannten trüben Main ebenso wie auf dem Eisernen Steg. Fragen wir einen Frankfurter nach diesem und jenem, hören wir Lügengeschichten am laufenden Band, hören den typischen Frankfurter Sing-Sang, das typische Frankfurter Gerede und Gestammel, lauschen wir dem trüben Flussspektakel, hören wir zuallererst das verlogene Stammeln des Flusses. Befragt nach unseren Eindrücken als sogenannter Neufrankfurter lügen wir und sprechen vom lieblichen Main und vom romantischen Eisernen Steg und empfinden bestenfalls Gleichgültigkeit und das Rinnen einer zähen Molke zwischen sogenanntem Römer und dem von mir so genannten Sachsenhausen-Desaster. Sonne, Mond und Sterne lügen, denke ich grübelnd am Mainufer, wenn sie zwischen sogenanntem Römer und innerlich und äußerlich entkerntem Sachsenhausen Frankfurt zu unverdienter Geltung verhelfen und dem Main Schönheit einhauchen, wo keine Schönheit ist, Geheimnisse vortäuschen, wo kein Geheimnis je seinen Ort hatte, oder ein Funkeln herreichen, wo, wie ich plötzlich denke, nüchtern betrachtet, zähe Molke sich in sogenanntem weiten Bogen durch vergiftetes Erdreich fräst. Der Dichterfürst, denke ich respektlos, hat den richtigen Riecher, als er dem Lügenkaff Frankfurt entsagt und in einem anderen, dem Residenzlügenkaff Weimar sozusagen dicke Backen macht, ohne auf die Lüge als solche zu verzichten. Vielmehr gelingt es dem verehrten Schlitzohr, die Lüge in für ihn angenehmer Weise zu verdoppeln und der Lüge der sogenannten Messestadt nun zur Erweiterung seines und unseres Horizonts die Residenzkafflüge hinzuzufügen und zunächst in seinem Lustschuppen an der Ilm und sodann in seinem Frauenplanverschlag beide Lügen, wie ich denken muss, majestätisch zusammenzufügen und wechselseitig clownesk übereinanderzuschichten und überdies weitere Formen der Lüge in sein hochfliegendes Werk und Leben einzuarbeiten wie die Geheimratslüge, die Ministerlüge, die Mineral- und Farbenlüge, nicht zu vergessen die größte aller Lügen, die Repräsentationslüge. Um nicht Lüge zu sein, um nicht, wie ich schwermütig am Südufer stehend denke, in der Lüge zu schwimmen, müsste der Main sich selbst überqueren, er müsste, stelle ich erschrocken fest, Fluss und Brücke zugleich sein, also nicht nur er selbst, sondern etwas außer ihm und somit außerhalb seiner Möglichkeiten. Die trübe Brühe lügt, aber sie schützt, die zähe Molke unter dem Eisernen Steg schützt den Main in seinem Sosein und, wie ich verwirrt denke, vor seinem Sosein, wie auch Alt- und Neufrankfurter von der Lüge in ihrem Sosein und vor ihrem Sosein und ihrer dumpfen Wahrheit als Unstädter geschützt werden, wie auch der Dichterfürst ohne die Lüge und sein doppelt geschütztes Sosein kaum sein dreiundachzigstes Jahr erreicht hätte, denke ich erleichtert, wie auch das schaurige Tier Breitner ohne die Lüge und sein auf diese Weisen geschütztes Sosein nie und nimmer sein dreiundfüngzigstes Jahr erreicht hätte, vielleicht gerade sein sechsundzwanzigstes oder gerade einmal siebenundzwanzigstes und dann, wie man sagt, von der Bildfläche verschwunden wäre und zwar ganz und gar in breitnerscher fülliger Vollständigkeit, wie man sagen muss, wie in Ermangelung gegenteiliger denkbarer Annahmen gesagt werden muss, wie ich denke. Das schaurige Tier Breitner und die trübe Brühe Main sind eins, Breitner zum Fluss, der Main zum Tier geworden, ergäben sie einander deckungsgleich und befreit von Überresten der Ungleichheit vollständig in der Lüge. Dem Main zwischen sogenanntem Römer und Äppelwoi-Sachsenhausen-Desaster gelingt beispielhaft die makellose Lüge. Mitten im scheinheiligen Kaiserkrönungskaff Frankfurt, frisst der sogenannte große Nebenfluss eines ungleich Größeren sich fett im Schatten der Türme und lügt hemmungslos und ergötzt sich an seiner trüben Taten- und Talentlosigkeit auf dem Weg zur rheinischen Taten- und Talentlosigkeit auf dem Weg zum Delta der Lüge auf dem Weg zu mir, denke ich, aber dem schaurigen Breitner, dem geborenen Lügner Breitner wird Unstadt reichen, denke ich, eine Selbsttötung erwägend und verwerfend, der Main und Frankfurt reichen dem, der es will, einmal Frankfurter, immer Frankfurter, spreche ich in den trüben Main, einmal den Main im Nacken, immer den Main im Nacken, einmal der Cohn verfallen, für immer der Gnädigsten verfallen, in Gedanken laufe ich nachts mit Kühn über den Fischmarkt in Stade und singe und Kühn sagt gegen seine sonstige Gewohnheit Undurchdachtes, nämlich: wenn die ganze Welt kiffen würde, und ich sage was dann, und Kühn sagt, Pottsau Kühn von Kühn und Partner, denke ich, sagt, dann wäre sie besser, und ich sage einen Scheißdreck wäre sie und dann kiffen wir hinter einem zugigen Mauervorsprung und Kühn sagt Dinge wie die Chimäre Stade oder die Rettung Hamburg, und am nächsten Tag beginnen die Qualen der Reifeprüfung, morgen, sage ich, beugen wir uns der Reifeprüfung, und Kühn sagt Arschlecken Rasieren, Breitner und ich antworte, wie es sich gehört, drei Mark fuffzig, Breitner und dann sitzen wir auf dem Mauervorsprung und rufen nie wieder und wissen nicht, was wir meinen, einfach nur nie wieder und gehen nach Haus, Kühn müde und zuversichtlich, ich unentschlossen und bedrückt, er erhaben grinsend, ich angeekelt, er versöhnlich, ich unversöhnlich, er ins elterliche Refugium, wie ich denke, ich ins riesige Breitnersche Anwesen vor den Toren der Stadt. Das Nachdenken über den Main, denke ich erstaunt und schulterzuckend, führt mich ins riesige Breitnersche Anwesen vor den Toren der Stadt, Arschlecken Rasieren denke ich wieder und wieder und betrete den Eisernen Steg und vergieße einige fahrige Tränen, wie ich sie sogleich zu nennen bereit bin, drei Mark fuffzig, der falsche Fuffziger zahlt drei Mark fuffzig für Arschlecken Rasieren, im Arsch oder am, Hauptsache Arschlecken Rasieren, Hauptsache drei Mark fuffzig, denke ich und lache laut. Das schaurige Tier Breitner schwört Bruder Main ewige Lügentreue auf dem romantischen Eisernen Steg, denke ich, innehaltend. Alles vermag die Lüge. Ich spüre das schwere Fließen der Plörre unter mir, Schulklassen hasten an mir vorbei, ich schließe die Augen und male ein Bild und nenne es Hastende Schulklassen auf Steg über Plörre, der Privatgelehrte und Kunstinteressierte Doktor Joachim Breitner, denke ich, erweitert entschlossen auf Hastende Schulklassen auf Steg über Plörre an Bratze Breitner vorbei, wir begrüßen Bratze Breitner vom Branitzer Platz, denke ich, vor nunmehr zwölf Tagen ist der Privatgelehrte und Ritualmordspezialist Achim das Tier in der Turmmetropole Unstadt eingetroffen und soeben mit dem Bezug eines alles in allem recht ordentlichen Luxushochhausteuerapartments ein rechtschaffener Unstadter Bürger geworden. Wir begrüßen Herrn Tier, denke ich, wir begrüßen das weit über die Reichsgrenzen bekannte privatgelehrte Dreckschwein in unserem schönen Örtchen, das mit Tier nach dem Weggang des Dichterfürsten endlich wieder einen nennenswerten Neuzugang vorweisen kann. In seiner Geburtsstadt Stade als Bratzenkönig bekannt, kämpfte er sich durch einen errungenen und ersessenen Erbfall in die erste Reihe Berliner Villenbesitzer vor und regierte bis vor Kurzem mit seinem Wissen über die Erwartung der Nation und den Ritualmord von seinem ehemaligen Arbeitszimmer aus faktisch die Welt. Mit Dreckschwein Achim ist uns in Unstadt ein besonders kapitaler Rotzlöffel ins Netz gegangen, der, es sei gepriesen, mit übergroßen im Ganzen gegrillten Wolfsbarschen leidlich bei Laune gehalten werden kann, wenn sie denn wirklich übergroß und keine angeberischen Winzlinge sind, die sich für gottverdammte Pottwale ausgeben, wie Achim das Tier sagt. Meine Damen und Herren, denke ich hingebungsvoll, Unstadt leuchtet aus sich heraus, aber seine Strahlkraft wird noch gesteigert durch den tierischen Zuzug der Lüge ins Lügenmekka. Täglich eine Selbsttötung erwägend und verwerfend, bleibt unser dreckiger Held frisch, denke ich, frisch wie die sagenhafte Plörre, die unser schönes Fleckchen Erde durchströmt und mit Lügen über Wasser hält und sozusagen, wie alles auf der Welt, wie unser Scheißheld meint, denke ich, einem ewigen Sozusagen unterworfen ist, einem streifenfreien und glattbügelnden Sozusagen, neben dem unwiderlegbaren, wasserdichten Sozusagen, denke ich schulklassendurchschüttelt, auf dem Eisernen Steg hilft unserem Privatgelackmeierten sein Eckermann und eine Ladung Kataifi Ekmek zum Überleben, denke ich, wir begrüßen Achim das Tier, töte dich, Achim, lebe, rufen wir ihm zu, aber bekenne dich, Dreckschwein, herzlich willkommen.

 

Wieder und wieder, vom Main kommend, vom verschwatzten Schulklassensteg kommend, von den Türmen kommend, wie ich denke, erreiche ich zum wiederholten Male das Museum Judengasse, erreiche und betrete es, wieder und wieder treibt es mich zum sogenannten Museum Judengasse, ich erreiche und umrunde den Paulskirchenverschlag, ich erreiche und umrunde ich das Dom-Agglomerat, ich jage den sogenannten Maintower bis aufs jubelnde Dach hinauf, ich drücke mich mit verstohlenem Blick am weltberühmten Städelmuseum vorbei, und schon, wie ich denke, treibt es mich, wieder in das von mir jederzeit favorisierte Museum Judengasse, der unverbesserliche Judenfreund Breitner betritt wieder und wieder das Museum Judengasse, denke ich, die Lügenplörre treibt den verlogenen Lebensmathematiker und Kopfschmerzbaron Breitner in die weit ausgebreiteten Arme des Museums Judengasse, die trübe Mainbrühe steht, wie ich denke, in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu den ausgebreiteten Armen des Museums Judengasse, je trüber und undurchsichtiger die Drecksbrühe im Lügenmekka, schießt es mir durch den Kopf, desto einladender die sogenannten musealen Räumlichkeiten des Museums Judengasse, je höher und unzugänglicher die Lügentürme Frankfurts, desto zarter das schlechthin Verschüttete, das Namenlose, wie ich nachmuseal gottergeben denke, während ich an der Friedhofsmauer des sogenannten Neuen Börneplatzes Namen um Namen der Namenlosen entziffere, Namen der namentlich und schlechthin Umgekommenen, Namen der namentlich und schlechthin Gemordeten, Namen der namentlich und schlechthin Beraubten und Verlorenen, bis ich erschöpft, auf einer Besuchererschöpfungsbank niedersinke und einige Zeit an Capri, die Piazzetta, den sonnenbeschienenen Golf von Neapel und den Monte Solaro denke, eine Selbsttötung erwäge und verwerfe und das schlechthin Verlorene in sogenannte ferne Nebel entlasse.

Wie durch ein Wunder, denke ich und schaue auf die Uhr, wie durch ein Wunder hat es mich in die plötzlich von mir so genannte schöne Stadt Frankfurt verschlagen, der schöne Main lässt die Gemüter durch und durch, wie ich denke, erstrahlen, glücklich der Mensch, der die alte verzweigte Hansestadt Stade und die alte verzweigte ehemalige Reichshauptstadt und jetzige Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin verlässt und sich in der ehemaligen Freien und herrlichen Kaiserkrönungsortschaft und jetzigen überaus herrlichen und hochschießenden Großsiedlung Frankfurt niederlässt, sei es durch einen einmaligen, nicht wiederholbaren Zufall oder durch einen Anfall von akuter Liebhaberei, wie ich denke, es ist, denke ich, alles in allem akute Liebhaberei, die Frankfurts Herrlichkeit, wie man sagt, zu seinem Recht verhilft, dem begeisterten Gedanken verschwenderisch freien Lauf lässt und der Tatkraft zur Liebeskraft verhilft. Frankfurt stürbe ohne das Geschenk der akuten Liebhaberei, aber, denke ich, sie ist ja da und wandelt zwischen den Menschen, die sich der Stadt öffnen und ergeben. Selbst der Zufall, Genosse Zufall, wie ich hochtrabend und die Uhrzeit erwägend denke, ist alles in allem ein, wenn auch illegitimes Kind der akuten Liebhaberei, Hamburg, London, Paris und Rom, denke ich belustigt, haben beispielhaft die akute Liebhaberei durch besondere Raffinesse gepachtet, Frankfurt gelingt mehrheitlich mittels eines von mir so genannten illegitimen Kniffs, namentlich der sogenannten inneren Überredung, der Weg vom Zufall zur Liebhaberei, aber, denke ich großzügig und voller Tatendrang, das macht nichts. Dem Dichterfürsten, denke ich vergleichend und laufe los, bietet sich die Gelegenheit Weimar, dem Bratzenkönig bieten sich Wolfsbarsche in Hülle und Fülle, wenn ich es schaffe, das Städelmuseum in zwei Minuten zu erreichen, treffe ich Ute, der ich ein Gedicht geschrieben habe über das Schweigen im Wald. Nie und nimmer schaffe ich den Weg zum Städelmuseum in zwei Minuten, aber die große Linie stimmt, denke ich. In zwei Minuten erreiche ich nie und nimmer das Städel, überlege ich und halte an und schnaufe und schließe die Augen. Anstatt Ute atemlos und verschwitzt vor dem noch zu besuchenden, berühmten und sehr wichtigen Städel gegenüberzutreten, mache ich, wie ich denke, weil es nichts macht und die große Linie stimmt, von meinem außerordentlichen und für Notfälle dieser Art reservierten Rücktrittsrecht Gebrauch und erscheine nicht vor dem Städel und verhalte mich ruhig und schöpfe Kraft. Und ewig lockt der Main, denke ich, das holprige Straßenpflaster durch die klobigen Wanderschuhe spürend, deine klobigen Wanderschuhe, sagte Ute beim Griechen in der Heiligkreuzgasse, stehen dir außerordentlich, sie unterstreichen deine Persönlichkeit, als du über den Eisernen Steg gewatschelt bist, sagte sie, denke ich, fielen mir zuerst dein Gang und deine klobigen Wanderschuhe auf, ohne deine klobigen Wanderschuhe und deine großen Hände wären wir keinesfalls ins Gespräch gekommen, sagte sie, denke ich, erst deine klobigen Wanderschuhe und deine großen Hände geben dir den speziellen Durchlauchtcharakter, sagte die Cohn lachend, denke ich, Gnädigste erkennen sofort Durchlauchtiges, sagte sie, das Kataifi Ekmek in Angriff nehmend, wenn wir das Städel besuchen, wünsche ich mir deine klobigen Wanderschuhe, Breitner, sagte Ute, denke ich, und denke daran, wie Ute sagt: Du bist ein Schrat, deine Schuhe sind die Schuhe eines Schrats, dein Gang ist der Gang eines Schrats, dein Hunger ein Schrathunger, nur in deinen Augen schimmert die Lüge.

In den Augen des Rücktrittsrechtgebrauchenden schimmert die Lüge, denke ich entrüstet und drehe, immer noch kurzatmig, um, und nehme meinen alten verwaisten Sitzplatz auf dem sogenannten Neuen Börneplatz hinter dem Museum Judengasse ein, Joachim Breitner sitzt am Platz der namentlich und schlechthin Ermordeten und lässt einen Termin verstreichen, denke ich, und füge denkend die Worte: der Judenfreund und Ritualmordsachverständige Doktor Joachim Breitner nimmt Platz und liest im auf Schritt und Tritt mitgeführten Eckermann Erbauliches über den Dichterfürsten und Frankfurtexilanten Johann Wolfgang von Goethe, ehemals Johann Wolfgang Goethe, dem der adelige Name nie etwas bedeutet hat, der ihn aber trotzdem angenommen hat, hinzu, und füge denkend die Worte: der Todessehnsüchtige und bis in die klobigen Wanderschuhe verlogene Lügenbaron und Privatgelehrte Achi Breitner blinzelt am sogenannten Neuen Börneplatz in die Sonne und spielt mit dem Gedanken, erneut das Museum Judengasse zu betreten, was er aber nach reiflicher Überlegung unterlässt, um das dortige Wach- und Sicherheitspersonal nicht zu verschrecken, hinzu, und füge abschließend denkend die Worte: der ohne Sinn und Verstand nach einer regelmäßig stattfindenden Sommerreise am Mainufer angespülte Dreckskerl und Kühnfreund Breitner denkt an die zahllosen namentlich und grundsätzlich Ermordeten und denkt an die ehemaligen lieben Eltern im Riesenanwesen vor den Toren der Hansestadt Stade nachdem er rammdösig einen überaus wichtigen Termin verstreichen ließ und nun die Folgen zu tragen hat, die allerdings milde ausfallen dürften, weil die große Linie stimmt, hinzu, und denke an Ute, die mir einen zarten Wangenkuss verabreichte und mich wegen meiner mangelnden Kondition bedauerte und die sagte, Breitner, du spinnst, aber morgen im Städel trägst du die klobigen Wanderschuhe, und ich sagte ich habe keine anderen, nur die klobigen Wanderschuhe, ich kann dich, sagte ich beim von mir jetzt so genannten Griechenschmaus in schmatzendem Tonfall, hierhin und dorthin küssen, wenn du es willst, aber ich werde so oder so morgen, also heute, also eigentlich jetzt, wie ich denke, auch wenn du es nicht wolltest, die klobigen Wanderschuhe tragen müssen, weil mir keine anderen zur Verfügung stehen und sie mich gedanklich von Stade ablenken, wo ich auf Geheiß meiner ehemals lieben Eltern immer und ohne Ausnahme sogenannte schwarze Ausgehschuhe tragen musste, bis, wie sie, die lieben Eltern, sich ausdrückten, ich auf eigenen Füßen stehen könne, was ich spätestens seit dem Erbfall kann und tue und seitdem nur klobige Wanderschuhe trage, die du passend findest, auch wenn in meinen Augen die Lüge schimmert, wie ich sagte, denke ich. Endlich ist Ute in mein Leben getreten, denke ich und strecke auf dem sogenannten Neuen Börneplatz die Beine aus, ich werde sie hierhin und dorthin küssen, auch unter ihrem Sommerkleid werde ich Küsse platzieren, wenn sie es will, weil die große Linie unverrückbar stimmt, auch wenn ich heute schuldhaft unsere Verabredung, ganz knapp verpasse, was ich bedaure aber nicht ändern kann, wie ich denke, der Main ist mein Zeuge, dass ich das Städel in zwei Minuten vom sogenannten Neuen Börneplatz nicht und auch in neun Minuten nur halbtot und entstellt und somit in unwürdiger Verfassung erreicht hätte, was ich nach bereits erfolgtem Aufbruch und gleich darauf einsetzendem Nachdenken vermeiden wollte, weshalb ich auf dem Absatz kehrtgemacht habe und zum sogenannten Neuen Börneplatz zurückgekehrt bin und mir Gedanken über den Ankauf von Blumen mache, die ich der Tiefenschönheit Ute vermachen werde, um sie in meinem Sinne milde zu stimmen, wie ich denke, wenn ich vielleicht schon morgen in aller Frühe am Main entlanghusche, um mindestens drei Stunden vor dem dann vielleicht neuerlich verabredeten Termin vor dem Städel oder an anderem Orte vollzählig zu erscheinen, wie ich ohne eine Spur von Ironie aber mit schlechtem Gewissen denke. Der Platzmeister vom Branitzer Platz, denke ich, liebt Ute Cohn, die er kaum kennt, allein schon weil sie sich seiner erbarmt, lediglich so genannte mangelnde Kondition verhinderte soeben ein Treffen vor dem weltberühmten Städelmuseum zu Frankfurt. In Ermangelung eines Telefons, dass sich Held Breitner, wie ich denke, aus sogenannten grundsätzlichen Erwägungen nicht zugelegt hat und niemals zulegen wird, weil er für niemanden erreichbar sein will, muss zur erneuten Kontaktaufnahme und Blumenübergabe mit Gerkens bewährter Hilfe ein Bote bemüht werden, den Gerken, wie ich denke, erneut auf die Reise schicken muss, zu einer Adresse, die ich nicht kenne und nicht kennen will. Ich liebe Ute, denke ich plötzlich und erschrecke, aber es war mir nicht möglich, sie zu treffen. Frau Cohn ist ein Teil von mir, denke ich und zweifle an meinem Verstand, sie darf mir niemals verloren gehen, aber es ist ein sogenanntes Ding der Unmöglichkeit, die Cohn vor dem Städel zu treffen, zwei Minuten hätten nie und nimmer gereicht, niemals reichen zwei Minuten vom sogenannten Neuen Börneplatz bis zum Städel, sogar vom Eisernen Steg ist es unmöglich, das Städel in zwei Minuten zu erreichen, der Unaussprechliche, denke ich feierlich, hat mir die Cohn geschickt, warum ich in Frankfurt bin, weiß ich nicht, aber ich bin an der Hauptwache statt am Hauptbahnhof ausgestiegen und habe auf dem Eisernen Steg elf Tage später Ute Cohn getroffen, die sich meiner tief blickend mit einer mir bis dahin unbekannten Herzenswärme angenommen hat und die ich um keinen sogenannten Preis der Welt aus meinen großen Händen in die Freiheit rückentlassen werde. Niemals, sagte Ute, bevor wir gestern zum Sprint an den Main ansetzten und uns das erste Mal, wie ich denke, aus den Augen verloren, sind Freiheit und Wahrheit deckungsgleiche Größen, deine klobigen Wanderschuhe sind wahr, weil sie dich ausmachen, aber sie sind ein Zeichen der Unfreiheit, weil du unfrei bist, Breitner, sagte Ute gestern und sprintete leichtfüßig Richtung Main, vorbei an dumpfen Frankfurtern, stolzen, unfreien Bürgern, wie ich denke, vorbei an blöde dreinschauenden Tagesbesuchern, vorbei an makellos hergerichteten Bauten der Unfreiheit, vorbei an allem, vorbei an mir, schließlich fort von mir, wie ich dachte und mit ausgestreckten Beinen auf der Börneplatzsitzgelegenheit denke. Der Neufrankfurter Breitner wird sich Ute gegenüber erklären, wenn es soweit ist und wird mit der von ihm grenzenlos verehrten Ute Cohn ein sogenanntes Probesemester einlegen, wenn er sie nach der heutigen Schmach zurückgewinnen kann, denke ich, und mit Gerkens Hilfe erneut einen Boten zu einer mir unbekannten Adresse jagt, vielleicht nicht nur mit Blumen, sondern unter Umständen einem neuen Gedicht. Das sogenannte Gedicht und die Frau, denke ich, Herr Doktor Breitner hofft auf den beschwichtigenden Einfluss des tiefempfundenen Gedichts auf die tiefenschöne Frau von heute, schon der Frühfrankfurter und Spätweimarer Goethe wusste um den Einfluss des tiefempfundenen Gedichts auf die tiefenschöne Frau, mutmaße ich, ich will es ihm nachtun und den Ausschlag geben, Joachim Breitner dichtet und gibt den Ausschlag, denke ich, Joachim Breitner reißt das Ruder herum.

Mit für meine Verhältnisse rasanter Geschwindigkeit eile ich heimwärts zu meinem Luxushochhausteuerapartment, bestelle bei Gerken einen Boten, der sich bereithalten soll, wühle im Klumpatsch und entdecke nach geraumer Zeit auf einem vergilbten Zettel mein Lieblingsgedicht.

 

Ute, Liebe,

schreibe ich, Atemlosigkeit simulierend,

ich habe es versucht, aber in zwei Minuten erreiche ich unmöglich das Städelmuseum. Ich habe die Zeit vergessen und alles verdorben. Lass uns einen neuen Versuch unternehmen, morgen, übermorgen, wann du willst. Vielleicht nicht vor dem Städel, noch schrecke ich vor dem Städel zurück. Concierge Gerken nimmt deine Antwort in meiner neuen Heimstatt morgens ab neun und bis sechzehn Uhr dreißig entgegen. Zum Zeitvertreib und als Zeichen meiner unendlichen Wertschätzung dir gegenüber schicke ich dir mein Lieblingsgedicht. Ich habe es selbst vor sechsundzwanzig Jahren geschrieben, kurz bevor ich in Berlin aus dem Dreckloch in die Villa zog. Ich sprach beim kleinen Wolfsbarsch davon. Weißt du noch, Liebes? Verzeih mir.

Breitner

 

 

Gebeine



Gebeine.
Wieder und wieder
Gebeine.

Wie sie dort liegen.
Weiße Gebeine
werden langsam
zu Knochenmehl.

Wie meine Mühlen
mahlen.
Mahlen
Gebeine.
Wieder und wieder
zu Knochenmehl.

Meine Mühlen
mögen Mehl.
Mehr und mehr
Mehl.
Wieder und wieder.

Gebeine.


 

Gerken besorgt alles Weitere, denke ich, mit Blick aus dem Fenster. Warum nur diese Kopfschmerzen jetzt. Der Main, wohin man schaut, denke ich übertreibend. Von weit oben betrachtet spricht er die Wahrheit.


 


 

Kapitel 6

Sehnen

 

Gerken, denke ich, Trinker Gerken, Gerken mit Dienst-Schlips und Dienst-Montur und Gummel rot, Concierge Gerken mit der schmalen Rente, bis-siebzehn-Uhr-Gerken. Cohn, denkt Gerken, denke ich, bitteschön, nochmal Cohn, dieser Breitner, denkt er, denke ich, kein Telefon aus grundsätzlichen Erwägungen, nicht ganz dicht, Breitner, kaum hier, zweimal Cohn mit Boten, wenn er denn meint, denkt Gerken, denke ich, also wieder Cohn, Ute, wenn es hilft, muss Gerken denken, was auch sonst, denke ich, vielleicht noch, wenn es der Wahrheitsfindung dient, aber so denkt Gerken nicht. Dann: den Erbfall verwalten, dem Geld, nach Berlin schreiben. Zur Kenntnis: wohnhaft Frankfurt, jetzt wohnhaft Frankfurt.

Ich habe die sogenannte Liebe gesehen und für gut befunden, denke ich verwegen, das Luxushochhausteuerapartment lässig durchschreitend, Tiefenschönheit mit Sommerkleid, feine Lippen an dunklen Augen, rotbürstig, Ute. Auf Stade, denke ich unvermittelt, kommt es nicht an, auf Berlin kommt es nicht an, keinesfalls kommt es auf Frankfurt an, wir erkennen die sozusagen allerorts auffindbare Liebe und sehnen uns, plötzlich sehnen wir uns, wir lügen und sehnen uns, wir sprechen die Wahrheit und sehnen uns, wir lassen uns treiben und sehnen uns, wir töten, denke ich, und töten mit einem Anflug von Sehnsucht, die Umwandlung des einen Zustands in den anderen geschieht sehnsuchtsvoll. Breitner durchschwimmt den Ärmelkanal und erreicht Calais, Privatdozent Breitner eröffnet ein Waisenhaus auf Capri und nimmt Huldigungen entgegen, Fresssack Breitner verputzt einen Wolfsbarschriesen und starrt gegen die Decke und erwägt ein Mittagsschläfchen, Dreckschwein Breitner rudert ins Hessische und macht in Frankfurt fest, Doktor Breitner erkennt die Zeichen der Zeit und umgibt sich mit ungelösten Fragen, Achi das Tier verliert die Kontrolle auf dem sogenannten Eisernen Steg und verliebt sich in ein tiefenschönes Strahlen und ein buntes Sommerkleid, Joachim Breitner, erst Stade, dann Berlin, dann Frankfurt, erwägt die Hinrichtung seines Soseins, schafft aber nur die Verirrung ins Tragische, große Hände Breitners streichen zart über rote Bürste Cohns nach verunglücktem Rennen mainwärts, Durchlaucht Breitner erkennt die Zeichen der Zeit und zieht um, denke ich, wir töten uns das Leben zurecht, passgenau, immer drehen wir den Dingen den Hals um in der Hoffnung auf innere Läuterung, wir begehen den Ritualmord aus sogenannten edlen Beweggründen des inneren Ausgleichs, der äußeren Geschlossenheit, als Neujustierte vorläufig endend, wie ich denke, kehren wir zurück ins Glied, das Zucken der Hingerafften, ihre allseitige Versenkung und Auslöschung vor Augen, denke ich fantasierend und verspüre einen Hustenreiz, das Ritual lebt, das Mordritual, das Liebesritual, das Denkritual, das Lügenritual, das von mir so genannte Erbfallritual lebt und lebt fort, das Luxushochhausteuerapartment als Frankfurter Ritualbude lebt, denke ich, der Frankfurt-Flüchtling und vielversprechende Dichter und spätere Dichterfürst und vatergebeutelte Goethe sagt seelenruhig, sagt Eckermann, sage ich auswendig, kopfschmerzbewehrt, wie ich denke: Denn nicht genug, dass wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese geerbten Gebrechen, mit unseren eigenen vermehrt, unsern Nachkommen, und höre ein leises Klopfen und gehe zur Tür und warte und höre Schritte, die sich entfernen und schaue durch den sogenannten Spion und öffne schnell und sehe Ute, die sich umschaut und stehenbleibt und sagt Breitner, also doch und sage Frau Cohn, darf ich bitten und Ute antwortet unschlagbar wenn sie es durchaus wünschen, Durchlaucht und durchmisst den Raum zwischen uns und schreitet voran und begeht arglos das gesichterte Gelände, wie ich denke.

Wir stehen am Luxushochhausteuerapartmentfenster und schweigen. Über Frankfurt hinweg schweigen, denke ich, denken und schweigen, wir sehnen uns und schweigen, wir halten uns an den Händen und schweigen, wir stellen Forderungen und schweigen, wir schauen uns an und schweigen, wir umarmen den jeweils Anderen, wie ich denke und beschweigen einander inniglich. Jetzt das Schweigen brechen, der allerliebsten Ute Schweigen brechen, denke ich und sage: du bist unverändert bis auf das Kleid und Ute sagt mein Zweitkleid und lacht und fragt gefällt es dir und ich schaue in dunkle Augen und sage nicht so wie die, die es trägt, und wir stehen am Fenster und Ute fragt, ist es schön mit Geld, und ich sage nichts, und Ute fragt, warum bist du nicht zum Städel gekommen, und ich sage nichts, und Ute fragt, warum hast du kein Telefon, und ich sage nichts, und sie sagt, du schreibst komische Gedichte, und ich sage nichts und verlasse den Ort der Befragung, wie ich sogleich denke und lasse mich mit voller Wucht auf das sogenannte und in der diesbezüglichen Fachwelt bekannte und überwiegend gepriesene Design-Apartment-Sofa fallen und strahle Ute von Weitem an, wie sonst Ute mich gelegentlich grundlos von Weitem anstrahlt, wie ich denke, und erhebe mich und gehe zurück ans Fenster und zu ihr und sage wenn du es willst und küsse sie und küsse erregt rote, schmale Lippen und berühre sanft die rote Bürste und höre betört ihre sogenannt hingehauchten Worte: Nur zu, Herr Breitner. Die unter den stolzen Hansestädten ein sogenanntes kümmerliches Dasein fristende Hansestadt Stade, denke ich, ist durch seinen Honorarkonsul Doktor Joachim Breitner endlich im Kaiserkrönungskaff Frankfurt vertreten, wo ab heute im sogenannten Luxushochhausteuerapartment sogenannte Sichtvermerke in die Pässe unbescholtener und friedliebender Bürger gestempelt werden und zwar durch Achi-Konsul höchstselbst, Achi-Konsul mit den ehemals schwarzen Hanse-Ausgehschuhen und jetzigen klobigen Wanderschuhen, wie ich würdevoll, kraft meines neuen Amtes, Ute erregt küssend, denke. Antworten, sage ich, die Gunst des Augenblicks entschlossen nutzend, sind Schall und Rauch, auf die Eiserne Brücke getrieben stürzen sie sich ins Bodenlose und verfliegen, das trübe Mainwasser meidend, auf Nimmerwiedersehen, wir mögen, sage ich, durch Utes lautes Lachen und das wilde Fuchteln ihrer formschönen Hände irritiert, uns herumtreiben auf der Suche nach Antworten und finden Frankfurt und es reicht uns, es reicht, wie wir uns bereits zu denken angewöhnt haben, voll und ganz. Ich weiß nichts von dir, sage ich zur staunenden Ute, aber du trägst einen Namen, der mich beruhigt. Sage mir, was du sagen willst, sage ich, aber mir reicht dein Name, seit ich dich und deinen Namen kenne, traue ich dir, warum ich nach Frankfurt gekommen bin, weiß ich nicht, über dem trüben Main auf dem Eisernen Steg treffe ich dich und traue dir, irgendwann erzähle ich alles, sage ich zur stummen Ute, in Frankfurt lege ich Zeugnis ab, gleich beim Griechen erkennst du den Lügner, Saubeutel Breitner lügt, sage ich, und will doch Zeugnis ablegen, Judenfreund Breitner betrachtet Sonnenuntergang über Frankfurt und küsst Frau Cohn und traut ihr völlig aufgrund ihres Namens, sage ich, gerade breche ich in Gedanken am Branitzer Platz zu einem meiner langen Spaziergänge auf, sage ich traumverloren am Fenster stehend, nie habe ich sie gezählt, aber jetzt zähle ich sie und komme auf siebentausend lange Spaziergänge und denke und unterwerfe mich siebentausendmal dem Denkritual und scheitere zum siebentausendsten Mal und kehre am Scholzplatz um und erreiche erst zu weit fortgeschrittener Stunde das rettende ehemalige Arbeitszimmer, wo ich noch eine Weile den düsteren Branitzer Platz beobachte, und nichts erkenne und nichts wünsche als ein ruhig schlagendes Herz in kühler Nacht. Kann ich nicht schlafen, sage ich, reise ich mit einem Klumpatsch-Koffer in Gedanken zur Startrampe Hamburg, in völliger Dunkelheit rette ich mich in die Hafen- und Startrampenstadt Hamburg und hole in Gedanken zum Jahr für Jahr stattfindenden und von mir so genannten Reiserundschlag aus, ohne zu reisen, und schlafe ein und schlafe den Villenschlaf und schlafe gut und erwache durch das sogenannte Sturmklingeln des Hausmeisters, der die Butze in Schuss hält und der sie auch jetzt in Schuss hält nach meinem Wegzug, wie ich der mich eindringlich musternden Ute sage, meinem Wegzug, der, wie ich hinzufüge, endgültig ist und keinen Aufschub mehr duldete. Wohin ich gegangen bin, gehe ich, sage ich, in die Lügenhauptstadt Frankfurt, nach Unstadt, nach Nicht und werde dir alles sagen, wenn die Zeit reif ist, wie auch du mir alles sagst, wenn du es willst und die Zeit reif ist, sage ich, und Ute sagt: Knallkopf Breitner mit den großen Händen und schüttelt sich. Frankfurt, denke ich, übernimmt das sinkende Schiff, Ute sagt: Du redest wirr, aber du musst weiterlügen, sonst nimmt es ein böses Ende.

Eine Selbsttötung durch einen beherzten Sprung aus dem Fenster des Luxushochhausteuerapartments erwägend und verwerfend denke ich an die Sehnsucht und sehne mich. Ich lebe, denke ich, und die lieben Eltern sind längst hinüber, überraschend verstorben am selben Tag zur selben Stunde vor den Toren des kleinen Hansestädtchens Stade in ihrem überaus großen Anwesen, ausgeklungen und versenkt, den Würmern ein schauriger Genuss, wie ich denke. Utes formschöne Hand ergreifend, erkennt Breitner die Sehnsucht, und sehnt sich denke ich. Nie ist es die Liebe, sondern die Sehnsucht danach, nie der Tod, sondern die Todessehnsucht, vermute ich grübelnd, in Frankfurt lebe ich und lebe nicht, auf der Eisernen Brücke sehe ich Ute und sehe sie nicht und sehne mich, ich spreche mit Kühn über alte Zeiten und sehne mich und schweige, ich begrüße Gerken in seiner Loge und nehme ihn nicht wahr, ich stehe am Ufer der Themse und träume vom Tiber und sehne mich. Im strömenden Stader Regen laufe ich in Gedanken in schwarzen Ausgehschuhen die sogenannte Schwinge entlang bis zur Elbe und erwäge und verwerfe einen Tod durch Ertrinken und sehe einen sogenannten Ozeanriesen aus dem von allen so genannten herrlichen Hamburg kommen und winke, obwohl es unsinnig ist, winke ich, und Kühn steht plötzlich neben mir und winkt nicht und sagt lachend: Wäre ich du, auch ich würde winken. Kühn, sage ich beleidigt, denke ich, aber du bist nicht ich, und darum winkst du nicht und wirst niemals winken, und dann gehen wir schweigend zurück Richtung Stade und verabschieden uns vor den Toren der Stadt, und ich denke Kühn muss durchhalten mit mir, sonst halte ich nicht durch, und ich glaube Kühn ahnt etwas, denke ich, Ute wieder und wieder küssend, denn er sagt: Nicht mehr lang, Breitner, und Stade ist Geschichte. Die Erwartung der Nation in der Soziologie, denke ich, ist der endgültige Abschied von Stade nach einer Phase des Übergangs, aber die sogenannte Freie Universität Berlin und ihre mir feindselig gesonnenen lebenslänglich angestellten Mitarbeiter haben diesem Umstand in keinster Weise Rechnung getragen, wie ich denke, in keinster Weise handelt es sich bei den sogenannten wissenschaftlichen Gutachten bezüglich meiner Doktorarbeit um die Würdigung der Umstände ihrer Fertigstellung zwischen allen Stühlen, denke ich, Utes hell leuchtendes Zweitkleid bestaunend und liebgewinnend, die mit meiner verschollenen Doktorarbeit erbrachte Leistung als Teil meiner Lebensleistung im Kampf gegen den Irrtum konnte keinesfalls in einem sogenannten Gutachten gewürdigt werden und daher dem Verfasser richtlinienkonform nicht gutgeschrieben werden, wie ich, innerlich auflachend, denke. Die Note rite, denke ich, besagt somit nichts, jedenfalls nichts von Belang. Das Scheiß-Nationale, die dumpfbackige Dreckswärme der vermeintlich gleichen Art und die Unmöglichkeit der Zerstörung ihrer zum Himmel stinkenden Gedankenwelt selbst im wissenschaftlichen Bereich, selbst im Bereich der bloßen Erwartung sogenannter reiner Wissenschaftlichkeit, haben mich zum unverbesserlichen Skeptiker des Denkens und Fühlens und in der Folge zum sogenannten und absolut in jeder Hinsicht so gemeinten Judenfreund und Freund der immer potenziell verfolgbaren und verfolgten Kreatur schlechthin, des Menschen schlechthin, werden lassen, sage ich der jetzt besonders tiefenschön blickenden Bibliothekarin im Ruhestand Ute Cohn mit großem Ernst, immer noch Hand in Hand mit ihr am Fenster des Luxushochhausteuerapartments stehend. Dem Menschen schlechthin vertraue ich, sage ich überschwenglich, plötzliche Kopfschmerzen verspürend, spricht er sein Urteil über mich, ist es gerecht. Betrete ich den sogenannten Neuen Börneplatz und das Museum Judengasse nach dem Genuss eines besonders großen Wolfsbarsches begleitet von kühlem Kykladen-Landwein, begegne ich mit großer Dankbarkeit der von mir so genannten stillen Würde des Tages und gebe mich ungezügelt dem skeptischen Denken hin und bin traurig und glücklich zugleich, wie ich es nur hier sein kann. Nicht auf dem Eisernen Steg, nicht im Goethehaus, schon gar nicht auf dem quirlig-sinnentleerten Römer bin ich traurig und glücklich zugleich. Der Tod Roms führt geradewegs zur Geburt des Römers, sage ich lachend und umarme sanft die nach Lavendel duftende Ute. Durchlaucht treffen sich selbst in dunklem Raume, sagt sie spottend und fügt hinzu: Wenn ich will, komme ich wieder, im Drittkleid. - Wenn du willst, bitte ich dich, sage ich durchtrieben und löse die Umarmung. Deine Tricks, sagt Ute und geht. Sekunden später das leise, satte Klicken der Tür. Gerken wird noch da sein, denke ich, sie muss Gerken passieren. Er wird denken, was zu denken ist und sich irren.

 

Die Stille von allem. Frankfurt ist still hier oben, denke ich, aber was heißt das schon. Schlösse ich mit dem Leben ab, Frankfurt lebte weiter. Träte der Tod ein, die Welt bestünde fort, Hamburg bestünde fort, London bestünde fort, Rom und sogar Paris bestünden fort, Capri bestünde fort, wie auch Berlin und Stade einfach fortbestünden, als sei nichts geschehen. Ergäbe der Tod das Leben, ich schulterte ihn, denke ich. So aber hocke ich sechsundzwanzig Jahre in der Villa und brüte, brütend reise ich von Dreckskaff zu Dreckskaff, wanderbeschuht, klumpatschend, abgestorben, wie ich denke. Der Tod trifft immer den Richtigen, nämlich den Lebenden, denke ich scherzhaft und schäme mich augenblicklich dieses Gedankens. In keinster Weise bringt der Privatgelehrte Doktor Joachim Breitner sich um und mordet sich, allenfalls kommt eine sogenannte Abtötung in Frage, dem Abgestorbensein folgt die finale Abtötung, wir mögen das Dasein als besonders ausbaldowert empfinden und schaffen in unserer Lächerlichkeit nicht einmal den von mir so genannten Vernunftmord an uns selbst, sondern allenfalls eine Abtötung des ohnehin Abgestorbenen oder nur noch der Möglichkeit nach Existierenden, wie ich völlig niedergeschlagen denke, allenfalls der Abtötungstod kann folgerichtig als ebenso von mir so genannter machbarer Tod bezeichnet werden, die Todesart entscheidet dabei über die Folgerichtigkeit des sogenannten Lebens, haben wir es mit einem längst erfolgten Abgestorbensein des Lebens zu tun, kann sich die Abtötung glücklich auf das Institut der Folgerichtigkeit berufen, oder auf den so genannten ausgemerzten Lebensirrtum. Das so verstandene Leben ist das folgerichtige Leben der Verneinung, denke ich und bekomme überraschend Hunger auf einen Schwarm großer Wolfsbarsche und beschließe standhaft, dem Hunger Widerstand zu leisten und weiterzudenken. Du musst, denke ich, Widerstand leisten und weiterdenken bis zum bitteren Ende.

Folgerichtig, denke ich angestrengt weiter, wie die Abtötung des Abgestorbenen der Möglichkeit und Wirklichkeit nach ist mein Umzug nach Frankfurt, wie auch das Kennenlernen Utes auf dem Eisernen Steg folgerichtig zufällig und notwendig war, wie auch das Wiedersehen mit Kühn vor allem als sogenanntes ungeplantes Lebensabrundungswiedersehen folgerichtig war, wie auch der Bezug des Luxushochhausteuerapartments vor allem durch seine Folgerichtigkeit besticht, wie auch Schuld und Unschuld folgerichtige Seiten ein und derselben sogenannten Medaille sind, wie ich beruhigt denke. Der Blick auf die Türme ist Balsam für mein angespanntes Nervenkostüm und daher sozusagen als Maßnahme richtig und angemessen, denke ich weiter, der Erbfall als reiner Erbfall und Erlös seiner selbst ist der Prototyp der Folgerichtigkeit, vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren schmiedeten Folgerichtigkeit und existenzielle Verneinung gewissermaßen einen Pakt im besten Ex-Frankfurter Fürstensinne, wie ich beruhigend-dozierend denke. Die Abtötung der verneinenden wie auch der unsäglichen Existenz begründete den Erbfall der nach außen gewandten Verneinung, der bis heute nachwirkt, denke ich unvorsichtig, mit Kühn kotze ich in einem Akt der gastrischen Verneinung das Stader Griechenklo voll und hole sozusagen zum rettenden Weiterexistenzschlag aus und studiere ohne Sinn und Verstand Soziologie an der Freien Universität Berlin gegen den ausdrücklichen Willen der lieben Eltern und nehme einen Zug von Stade nach Hamburg und nehme einen Zug von Hamburg in die immerhin ehemalige Reichshauptstadt, wie Vater Breitner sagt und Mutter Breitner abnickt und komme nur noch einmal wieder, wie ich unbefangen denke, um eine letzte Erledigung vorzunehmen und ansonsten dem schönen Städtchen Stade Lebewohl zu sagen, ins Dreckloch nach Kreuzberg zu fahren und zu warten. Ein frohes Lied auf den Lippen tanze ich mit weit geöffneten Armen und kurzen, schnellen Schritten durch das von mir jetzt schon, wie es heißt, heiß und innig geliebte und bis auf Weiteres angemietete Luxushochhausteuerapartment mit Gehrken-Kabuff-Service und Hotelanschluss und bestelle aus der angeschlossenen, über die Grenzen der bekannten Stadt Frankfurt bekannten Hotelküche eine, wie ich denke, überteuerte Kleinigkeit zum schnellen Verzehr. Dem sogenannten freien Spiel der inneren Kräfte ausgeliefert stelle ich mir Frankfurt vor als farbenfrohes Tier, als Ute mit dem Sommerkleid, als Eisernen Steg der Liebe, als Wartehalle der großen Hände, bis ich mit der in angemessener Zeit gelieferten Kleinigkeit zu einer Einheit verschmelze, wie ich in einem glücklichen Moment denke und in Ermangelung eines schon zur Gewohnheit gewordenen Kykladen-Verschnitts dem mitgelieferten Grauburger zielstrebig zu Leibe rücke und ihn mit kräftigen Schlucken aus der Flasche in, wie man sagt, kürzester Zeit vernichte und mit ihm die sogenannte Kleinigkeit lustig versenke, Frankfurt, denke ich, ist die Stadt der lustig versenkten Kleinigkeiten, wie ebenso Stade als Stadt der lustig versenkten Kleinigkeiten Geltung beanspruchen darf, wie ich denke, Tag für Tag erweise ich mich als erprobter Spezialist für Kleinigkeitenversenkung in der Wartehalle der großen Hände, betrunken liege ich zwischen Essensresten auf dem Boden des Luxushochhausteuerapartments und beschließe, Ute aus allem herauszuhalten, solange es geht, in sogenannten schwarzen Ausgehschuhen geht der Mensch, solange es geht, denke ich, schließlich wird er an schwarzen Ausgehschuhen zugrunde gehen, oder er wird die Schuhe ausziehen und durch klobige Wanderschuhe ersetzen müssen, die ihren Zweck erfüllen, weil sie klobig sind und zum Wandern geeignet, während schwarze Ausgehschuhe sich nur zum Ausgehen eignen und manchmal nicht mal das. Ich sollte die Villa am Branitzer Platz verkaufen, ich sollte Berlin hinter mir lassen, wie ich Stade hinter mir gelassen haben, ich sollte sogar, wie ich, Rausch und Irrsinn gleichermaßen genießend, denke, den gebunkerten Millionen symbolisch abschwören und in andere gebunkerte Millionen umschichten, um eine sogenannte symbolische innere Reinigung zu vollziehen und den sogenannten Erbfall ein für alle Mal abzuschließen. Frankfurt eröffnet mir die Möglichkeit, mit dem Erbfall elegant in einem Luxushochhausteuerapartment abzuschließen und die Paarbildung voranzutreiben, sehe ich Ute Cohn in ihrem Drittkleid, werde ich ihr einen Vorschlag zur offiziellen Paarbildung unterbreiten und erregt ihre Antwort erwarten, ich werde auf Teufel komm heraus mehr wollen, wenn sie es will, ich werde sagen: Ich mag dein Fleisch, weil es welk ist, ich werde mit Ute rückwärts reisen von Capri bis nach Hamburg und von Hamburg überraschend, aber ohne zu zögern, in die sonnige Mittelmeermetropole Tel Aviv aufbrechen, um im Sand zu liegen und auszuschlafen. Oder wir bleiben in Frankfurt, Ute und ich, denke ich, und reden über alles. Wie es Brauch ist unter Liebenden, denke ich, reden wir über beinahe alles und krümmen uns vor Lachen in klobigen Wanderschuhen und bunten Drittkleidern, wie ich betrunken zwischen nunmehr erkalteten Essensresten auf dem Boden des Luxushochhausteuerapartments liegend denke. Herr Goethe reist nach Italien und kehrt ungern zurück, sage ich laut und denke an Gerken, der jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach sein Kabuff verlässt und in den sogenannten wohlverdienten Feierabend aufbricht, ich kenne Gerken nicht, denke ich, aber er bewacht mich und schickt Boten und sagt Herr Doktor und denkt, was zu denken ist und irrt sich und irrt sich nicht und schweigt.

Meine Tochter Annabell, sagte Ute gestern, über das Kataifi Ekmek oder noch über den Wolfsbarsch gebeugt, wie ich plötzlich denke, das erste Mal im Leben den Kauf eines Mobiltelefons zur Ermittlung von Sachverhalten erwägend, meine Tochter Annabell malt, und ich will, dass sie dich malt, Breitner. Die Cohns, sagte Ute, sind gnädige Zergliederer des Scheins, Annabell wird dich malen, und du wirst stillhalten, sagte sie, das tiefenschöne Gesicht vor Spott triefend, wie ich dachte, denke ich, du bist ein Untier unter den Tieren, sagte Ute mit sogenanntem lächelndem Kennerblick, wie ich dachte, ich spüre das. Durchlaucht ziehen in die Schlacht um Frankfurt mit ungewissem Ende und zerren am Sommerkleid der Fallenden. Stade, denke ich und erhebe mich schwerfällig von meinem ebenerdigen von mir so genannten Luxushochhausteuerapartmentlager und schwanke, wie ich denke, durch die möblierten Katakomben, Stade ist tot, wie die lieben Eltern, mausetot wie sie, irgendwann gab es Stade, aber hätte es Stade nicht gegeben, niemals wäre ich sitzengeblieben und an der Hauptwache ausgestiegen, ich wäre umgestiegen und hätte auf das schöne Berlin zugehalten, wie es geplant war, unter keinen Umständen wäre Doktor Joachim Breitner, wohnhaft bis dato Branitzer Platz, Charlottenburg, Berlin, im Konglomerat Nicht an Land gegangen, wenn es das mausetote Stade nicht gegeben hätte, mit den lieben Eltern vor den Toren der Stadt. Käme ich heute nach Stade, denke ich, den Klumpatsch verteilend im neuen Heim, ich stürbe auf der Stelle und gesellte mich zu Mum and Dad, wie ich widerwärtigerweise denke und vererbte, sagen wir, denke ich, alles dem Museum Judengasse, mein sogenanntes Spaziergängerleben bekäme einen von mir so genannten späten Sinn, aber ich werde scheitern und Stade nie mehr besuchen und nicht auf der Stelle sterben, sondern einen sogenannten qualvollen Tod erleiden, und, wie ich denke, nichts hinterlassen außer Dreck und Schande und noch mehr Dreck und noch mehr Schande und ein Paar Wanderschuhe. Bald, denke ich, wird Annabell Cohn mich malen, weil Ute sie bittet, und alles wird ans Tageslicht kommen, ich bin nach Frankfurt gekommen, um gemalt zu werden und alles auszuschwitzen, was in mir steckt. Ich sehne mich nach allem, was nicht in mir steckt, denke ich und erreiche den von mir so genannten lupenreinen Sanitärbereich und übergebe mich demütig und sehne mich nach einem Elbspaziergang mit Kühn und sehne mich nach Utes formschönen Händen und den dunklen Augen unter roter Bürste und Lippen wie Seide und reinem, welkem Fleisch, und nach der Zeit die allem folgt, wie ich denke. Der Ritualmord ist ein Sehnsuchtserfüller, wie auch der Ritualmordmord ein Sehnsuchtserfüller ist, wie die sogenannte Denunziation und die sogenannte Selbstdenunziation ein Sehnsuchtserfüller ersten Ranges ist, wie auch der Denunziationsmord, ganz zu schweigen vom Selbstdenunziationsmord, Sehnsüchte erfüllt, wie ich mit geschlossenen Augen vor der Toilette knieend denke. Der Dichterfürst, denke ich unvermittelt, tritt auf der Stelle, sehnt sich und verlässt Frankfurt und kehrt nicht zurück. Ich spüle das Erbrochene hinunter, verlasse den von mir so genannten Edelverschlag und öffne die Tür ins Nichts, wie ich wichtigtuerisch und selbstmitleidig denke. Ich gehe an Gerkens leerer Loge vorbei zum Mainufer und streife, wie man sagt, ziellos umher. Ich denke nach und mein Herz schlägt. Ich bin Joachim Breitner, das Untier unter den Tieren. Vor dem Städel bleibe ich stehen. Dann gehe ich weiter. Stürbe ich, denke ich, aber ich sterbe nicht.

 

 

Kapitel 7

Frankfurt

 

Fünf Monate Frankfurt und Annabell sagt: Wartet. Nur eine Sekunde.

In all unserer Flüchtigkeit und Schwere sind wir da und warten, unsere Herzen schlagen, und das Denken endet nicht. Wir fallen uns in die Arme und winden uns aus ihnen, wir sind unzertrennlich und fortwährend auf der Hut, denke ich, um uns die Stadt, zwischen uns der Fluss. Ute, sage ich eines Tages bittend im Luxushochhausteuerapartment, bleib mir ein Rätsel, du und dein Leben, und Ute sagt lächelnd wenn du es willst, und ich sage, ihren Blick suchend, die Frankfurter sind ehrbare Leute, aber was bin ich, Breitner, das Tier, Stade, Berlin, Frankfurt. Joachim, dunkelblau, hat die kühl-unnahbare, von mir so genannte Annabell die Reine das großformatige Bild genannt, von Ute, wie ich denke und von Anfang an gedacht habe, in unangenehmer, mütterlich-fordernder Weise angetrieben, Ute, denke ich, hat ihre berühmte Tochter für dieses Bild in Öl geradezu eingespannt, um mit Hilfe ihrer berühmten Tochter einen sogenannten Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu erfahren, was es mit Breitner, dem Geheimnisumwitterten, auf sich hat, während ich das überaus eigenwillige Bild vor drei Monaten im grauen Frankfurter Spätherbst kurzerhand für einen überaus angemessenen Preis erworben und goldgerahmt im Luxushochhausteuerapartment, wie mir durch den Kopf ging und immer noch durch den Kopf geht, von Breitnerangesicht zu Breitnerangesicht an einer kahlen, weißen Wand in einem toten Winkel mit Gerkens Hilfe aufgehängt habe, wo es, wie ich mit Ute schweigend in Annabells Atelier verharrend denke, seinen Platz gefunden hat, wie jeder seinen Platz findet, seinen Ort, jeder auf seine Art, Kühn als sogenannter Immobilien-Mogul bei Kühn und Partner, Gerken gefangen lauernd in seinem Schnapsflaschenversteckkabuff, Ute lächelnd mit dem Svevo auf dem Eisernen Steg, Annabell schwebend in immerwährendem Blau, ihrer blauen Phase,wie ich denke, ich wartend in Unstadt mit den Türmen nach der Erbfall-Enklave und Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin, nach Stade, die lieben Eltern, wie ich unvermittelt denke, auf dem idyllisch gelegenen Friedhof Geestberg der lieblich-schönen Hansestadt Stade, aus dem Leben gerissen durch feige Menschenhand und nach eingehender polizeilicher Untersuchung verscharrt im Familiengrab nach Anweisung des Sohnes und Einzelkindes Doktor Joachim Breitner, seinerzeit noch Joachim Breitner, wohnhaft im Kreuzberger Dreckloch, späterer Verfasser der Schriften Die Erwartung der Nation in der Soziologie sowie Der Ritualmord. Eine Einführung, wie ich, nunmehr seit einer sogenannten gefühlten Ewigkeit neben Ute wie angewurzelt stehend und Annabell bei der Erstellung von Kunst auf Frankfurter Boden beobachtend, denke. Ich mag die kühle Annabell, die junge, strenge, schwarzgelockte Annabell mit dem stechenden Blick, weil ich Luft für sie bin und Joachim, dunkelblau wie geronnene Luft erscheint, ich umrunde in Gedanken den Branitzer Platz, betrete das Haus mit seinen dreizehn Zimmern, bleibe unschlüssig im ehemaligen Arbeitszimmer stehen, erwäge eine Selbsttötung und verwerfe sie routiniert, verlasse das Haus und begebe mich mit einem Klumpatschkoffer nach Hamburg, um nachzudenken, wie ich tagträumend denke und die Elbe zu sehen und als Matrose Breitner anzuheuern und elbabwärts treibend dem Meer die Ehre zu erweisen. Wir erleben Frankfurt, denke ich, während ich die malende Annabell, die Tochter ihrer Mutter, wie ich denke, betrachte, wir erleben Frankfurt als Schneegestöber inmitten bläulicher Landschaften und fassen den Entschluss zur Flucht aus dem Wartesaalnest. Wollen wir aber dem Drecksgestöber entkommen, sehen wir uns plötzlichem Sonnenschein ausgesetzt und zögern. Erkennen wir bei näherem Hinsehen ein Wiedereinsetzen des Widrigen , das einen neuerlichen Fluchtversuch nahelegt, betrachten wir, schon geschwächt, das schneeschauernde Frankfurt als Naturgewalt, erkennen wir dann die einfache Wahrheit hinter der täuschenden Schneefassade und setzen zum Sprung ins bläuliche Nichts an, so finden wir uns, reinlich aufgelöst, in den Bildern Annabells, denke ich träumend. Dem Fluchttier Goethe gelingt die augenblicklich von mir so bezeichnete Fassaden-, Gestöber- und Sonnenflucht aus Frankfurt, um auf sogenannte neue Gedanken zu kommen und die lieben Eltern hinter sich zu lassen, während ich die lieben Eltern längst hinter mir gelassen habe und mich, den umgekehrten Weg wagend, nach Frankfurt katapultiert habe, um in der international bekannten Fassaden- und Schneegestöberstadt Frankfurt mein Heil zu finden, wie ich plötzlich laut lachend in Annabells Atelier denke. Seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten versuche ich in der sogenannten Freien und Hansestadt Hamburg zu Beginn meiner jährlichen Sommerfrische mein Heil zu finden, verfüge mich auf den Trafalgar Square in die herrlich auf Abstand bedachte und in sich selbst ruhende Metropole London, um mein Heil zu finden, winde mich angeekelt durch die Pariser Boulevards, nur um irgendwo zwischen dümmlich-dreisten Passanten und Aufschneidern mein Heil zu finden, schlendere über die römische Piazza del Popolo, um in einem Moment der Glückseligkeit mein Heil zu finden und lasse mich in luftiger Höhe auf Capri zwischen malerischen Felsvorsprüngen nieder, einzig und allein um den Sonnenuntergang zu betrachten und auf diese Weise mein Heil zu finden und geläutert den sogenannten geordneten Rückzug zum Branitzer Platz anzutreten und im ehemaligen Arbeitszimmer dem Hausmeister neue Weisungen zur Aufrechterhaltung der Bewohnbarkeit des Hauses zu erteilen und über den Schreibtisch ins sogenannte Freie zu starren und zu warten. Ute mit dem Sommerkleid, denke ich erregt, die tiefenschöne Ute mit dem roten Wintermantel an dunklen Augen, Ute mit dem welken, schönen Fleisch in Breitners Händen, Ute, die mich sofort erkannt hat auf dem berühmten Eisernen Steg bürgerschaftlichen Engagements, wie ich, Kühn ungenau zitierend, denke, Ute Cohn küsst ihre kühle, leuchtend-schöne Tochter Annabell und verlässt mit mir, wie sie es nennt, das Atelier der Blaumeise, und sagt: Durchlaucht zittern ja und ich lüge und sage mir ist kalt, und sie sagt von wegen und ich sage immer dieses Schneegestöber, und Ute sagt weil du im Blau verschwindest, aber du wirst leben mit deinen großen Händen und ich werde untergehen, und dann lachen wir beide. Am Untermainkai küsse ich Utes dunkle Augen und umarme den roten Wintermantel, blau, sage ich starr, ich bin nichts und weiß nichts von dir und Ute sagt du kennst meinen Namen, aber kennen willst du mich nicht, und ich sage ja, es ist sonderbar, alles und Ute sagt ich verzeihe dir. Dann küsse ich ihre Lippen, drehe mich um und gehe, gehe am trüben Main entlang, passiere grüßend Gerken, durchwühle den Klumpatsch und finde die Geschichte Laberkopp von Peter Kröger und freue mich, betrachte das nur aus Blautönen bestehende Joachim, dunkelblau im weißwandigen Krähwinkel des von mir, wie ich denke, eingewohnten Luxushochhausteuerapartments, sitze am Fenster und denke nach, denke an die kühle Annabell die Reine und ihr langes rabenschwarzes Haar, denke an Utes formschöne Hände in meinem schrägen Breitnergesicht, verliebe mich in die Farbe Blau und stelle mir Stade als blaue Stadt vor, als Stadt vor dem Anwesen vor den Toren der Stadt vor dem Untergang, wie ich, das Wesentliche überschlagend, zusammenfasse.

Seit wann nur diese Kopfschmerzen, denke ich, um mich abzulenken, immer diese Kopfschmerzen, gehe ich am Main entlang, habe ich Kopfschmerzen, schleiche ich über den Römerberg, habe ich Kopfschmerzen, betrete ich das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete und geschätzte Museum Judengasse, habe ich Kopfschmerzen, wandere ich in stundenlangen Märschen vom Main die sogenannte Nidda hinauf, setzen augenblicklich unangenehme Kopfschmerzen ein, die mir den Tag verderben, berührt mich Ute in bester Absicht auf meinen Verlangen hin unter der wattierten Winterjacke, muss ich sie, kopfschmerzbedingt, sogleich um den Abbruch jedweder Liebkosung bitten, trinke ich mit Kühn in heruntergekommenen Kaschemmen fragwürdigen sogenannten Äppelwoi in sogenannten Anstaltsmengen, setzt der undefinierbare Kopfschmerz noch vor dem definierbaren ein, nehme ich mir vor, Annabell nach dem Grund ihrer auffälligen Kühle mir gegenüber zu befragen, wird dieses Vorhaben sozusagen schon im Keim durch einsetzende Kopfschmerzen erstickt. Einzig und allein in Gerkens Gegenwart, denke ich, kommt es unter keinen Umständen zu Kopfschmerzen, weshalb ich, wie ich denke, häufig deutlich länger als notwendig eine Unterhaltung mit Gerken vor dem oder sogar im von mir geliebten Schnapsflaschenversteckkabuff führe, um den Zustand der Unmöglichkeit einsetzender Kopfschmerzen auszukosten und dafür Gerkens permanente sogenannte Alkoholausdünstungen, wie man sagt, ergeben in Kauf nehme und ihn sogar unaufgefordert mit sogenanntem Nachschub versorge. Seit Berlin, denke ich, verfolgen mich in unregelmäßigen Abständen sogenannte spontan auftretende Kopfschmerzattacken, während Frankfurt zur Stadt der regelmäßigen und gleichmäßig anschwellenden und abklingenden Kopfschmerzen geworden ist. Das Verfüllen der Lücken zwischen den Kopfschmerzattacken ist die mir verbleibende Lebensaufgabe, denke ich, aufgrund der von mir so genannten Frankfurter Kopfschmerzregelmäßigkeit wächst mir Frankfurt ans Herz. So, wie ich Ute liebe als regelmäßige Verfüllerin der Kopfschmerzlücken, liebe ich Frankfurt als Lückentaktgeber. Die gnädigen Cohns dieser Welt verfüllen die Kopfschmerzlücken der durchlauchtigen Breitners dieser Welt, verallgemeinere ich unzulässig, die Rettung der durchlauchtigen Breitners erfolgt durch die Inanspruchnahme der tiefenschönen Cohns, die Ausbeutung der tiefenschönen Cohns beginnt mit ihrer Inanspruchnahme als Verfüllern breitnerscher Kopfschmerzlücken, die aufgrund ihrer von mir so genannten schönen Regelmäßigkeit in Frankfurt ein geordnetes Zusammenleben erst ermöglichen, wie ich seltsam konzentriert denke, eine sofortige Selbsttötung außer der Reihe erwägend und verwerfend. Die gnädigen Cohns dieser Welt, denke ich und sehe Ute vor meinem sogenannten geistigen Auge auf dem Eisernen Steg von weitem im Svevo lesen und sehe mich mit dem, wie ich denke, armen Schwein Eckermann unter dem Arm heranwanken, die gnädigen Cohns und die durchlauchtigen Breitners mit den großen Händen und den klobigen Wanderschuhen beäugen einander erregt, besprechen das Wesentliche und lassen es sich nicht nehmen, zwei Wolfsbarsche zu verzehren und in einen Kykladenrausch zu verfallen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich sehe wieder Utes rote Bürste über den wunderbaren dunklen Augen, ich sehe die feinen Lippen und formschönen Hände und wittere ein schönes Leben und Ute sagt, vor nunmehr fünf Monaten sagt Ute: Du lügst, Breitner. Haltlos treiben wir durch das All, denke ich geborgen im Luxushochhausteuerapartment und sehe erneut zum Krähwinkel hinüber. Wir fügen uns ins sogenannte Unabänderliche und begehren auf und fügen uns unaufhörlich und treiben haltlos und treiben auf vorgegebenen Bahnen und sagen die Wahrheit und lügen und treiben weiter. Dem Erbfall entgeht nichts, denke ich, plötzlich einen Themenwechsel vollziehend, Frankfurt entgeht nichts, unserem fresssüchtigen Helden Achi-Tier Breitner entgeht nichts, Annabell entgeht nichts, die Mutter erkennt die Lüge, aber der Tochter entgeht nichts, wer den Drecksack malt, bemächtigt sich seiner, Annabell mag mich nicht, aber sie versteht mich, denke ich, wieder Joachim, dunkelblau betrachtend, eine sogenannte Welt dunkler Blautöne, denke ich, aber nirgendwo ist Joachim zu sehen, Erbfalldirektor Tunichtgut Breitner erscheint nicht, ein bloßer Namensgeber, es sei denn, er ist das goldgerahmte Bild selbst, wie ich denke, wie auch Frankfurt, das goldgerahmte Bild selbst ist und sich aus purer Eitelkeit ein paar Türme leistet um von seinem goldgerahmten Nichts abzulenken, während ich in einer sogenannten Welt dunkler Blautöne restlos aufgehe und meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtsein hergestellt sehe. Die berühmte Malerin und Tochter mit den schönen schwarzen Haaren Annabell Cohn, denke ich, hat meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtvorhandensein auf dem von mir direkt im Atelier erworbenen Bild Joachim, dunkelblau eindrucksvoll in Szene gesetzt, mein angebliches und gewissermaßen durch und durch wahres, allenfalls in dunklen Blautönen wahrnehmbares Nichtvorhandensein ist allerdings die Zurschaustellung der allergrößten vorstellbaren Lüge, denke ich kopfschmerzend, die sich beschönigend den Namen Wahrheit gegeben hat oder in diesem Fall Joachim, dunkelblau, was zur Minderung meines unendlichen Kontostandes um einen sogenannten gerechten fünfstelligen Betrag geführt hat, wie ich, den sogenannten Kopfschmerzhöhepunkt erreichend, denke. Ute hat mich durchschaut, während Annabell mich verstanden hat, überlege ich erschöpft. Die brave Hansestadt Stade hat mich in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin entlassen, von wo ich noch einmal zurückgekehrt bin, bevor ich, Unpässlichkeit vortäuschend, nicht mehr zurückgekehrt bin, nicht einmal zu den sogenannten Trauerfeierlichkeiten und von Berlin aus nach dem Ausscheiden der lieben Eltern aus dem weltlichen Geschehen das Nötige veranlasst und durchgesetzt habe. Das von mir so genannte klitzekleine Stade ist von mir fortan übersehen und erst durch den neuerlichen Frankfurter Kontakt mit meinem allerletzten guten Bekannten Herwig Kühn in meine Erinnerung zurückgekehrt und nicht wieder in der Versenkung verschwunden, wie Kühn, denke ich, nicht zu Unrecht bei unseren jetzt regelmäßig stattfindenden und von uns so genannten griechisch-orthodoxen Stammtischtreffen mit der ihm eigenen nüchternen Beschaulichkeit festzustellen pflegt. Alle Wege führen aus Stade, denke ich kichernd, das von mir mittlerweile geliebte Luxushochhausteuerapartment mit langen Schritten durchmessend, wer anderen eine Grube gräbt, füge ich hinzu, lasse mich auf dem sogenannten Designsofa nieder und lese im eingesauten Eckermann und denke an Ute und bin erregt und verlasse das sinkende Schiff und stürme lässig grüßend an Gerken vorbei und gerate in Schneegestöber und nehme ein Taxi und fahre zum Hotel mit dem Zimmer im Soundsovielten und nehme es für eine Nacht, weil ich das Geld habe und starre gegen die Decke und erwäge eine Beendigung der Beziehung mit Ute aus humanitären Gründen und verwerfe diesen Gedanken kopfschmerzgeplagt und falle, wie ich verzweifelt denke, in Ungnade mit mir selbst und fürchte die Einsamkeit und wünsche die Einsamkeit und verlasse am Morgen das Zimmer im Soundsovielten und betrete, wie ich gefasst denke, alte, eingelaufene Wege in meiner dritten Heimatstadt Frankfurt und schwanke glücklich und unglücklich durch das Museum Judengasse und kaufe ein Mobiltelefon zum Spottpreis, um das erste Mal seit Stade erreichbar zu sein und teile mit sogenannten Kurzmitteilungen Gerken die Nummer mit und teile Ute die Nummer mit und teile Kühn die Nummer mit und teile sogar Annabell und sogar dem Hausmeister am Branitzer Platz meine von jetzt an immer gültige und durchgehend erreichbare Telefonnummer mit und betrete ein Bordell und versuche erfolglos, dem Geschlechtsakt, wie ich denke, Würde zu verleihen und versage auf sogenannter ganzer Linie und lasse, die Bühne des Theaters Frankfurt, wie ich denke, erneut ziellos durchmessend, die Idole und Ereignisse meiner Jugend an meinem dritten, dem inneren Auge, vorüberziehen, als da waren: der Fluss Elbe als Idol; der Fluss Schwinge als Idol; die Insel Helgoland als Idol; die Tochter der Nachbarin Ilse Grapentin, Johanna Grapentin als Idol; die Ortschaft Cuxhaven als Idol und Hotelstandort für die verdeckten Unternehmungen des von mir später so genannten Obstindustriellen Wendell Breitner, Vater genannt; der mit Billigung seiner Gattin Silke, geborene Grapentin, Mutter genannt und ihrer Schwester Ilse mit der unehelich geborenen Nichte beziehungsweise Tochter , Johanna Grapentin, Cousine genannt, fuhrwerkende Obstindustrielle Wendell Breitner höchstselbst als Idol; ein Gedicht der bekannten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, namentlich Die Vergeltung als Ereignis; einige Texte des bekannten päderastischen Welt-Schriftstellers Thomas Mann, namentlich Der kleine Herr Friedemann und Tonio Kröger als Ereignis; einige Kompositionen der Komponisten Johann Sebastian Bach, namentlich die Goldbergvariationen, sowie Robert Schumann, namentlich die Kinderszenen, sowie Arnold Schoenberg, ehemals Arnold Schönberg, namentlich die Suite Opus 25, sowie Wendell Breitner, letzterer nach dem Fuhrwerken in Cuxhaven daheim zum Komponieren aufgelegt und obstindustriell komponierend als Ereignis; meine großen Hände bei Kerzenlicht im Jugendzimmer im Anwesen vor den Toren der Stadt als Ereignis; meine liebe Mutter Silke Breitner, geborene Grapentin, in der Moral von der Geschicht' lesend als Idol; große Portionen Essbares, um nicht vom Fleisch zu fallen als Ereignis; die sogenannte Liebe zwischen den Menschen sowie ihrer Dankbarkeit in allen Dingen als Ereignis; ferner das Ereignis der geplanten und erfolgten Selbsttötung der nur wenig älteren Johanna Grapentin im siebzehnten Jahr, weil es an der Zeit war und sie es wollte; das Ereignis einer Klassenfahrt nach Helgoland kurz vor Johannas Selbsttötung, als Johanna mir alles sagt und ich sie und ihr sogenanntes junges Leben soldatisch zum Durchhalten auffordere; wieder Bach, den ich direkt nach Erhalt der sogenannten Todesnachricht höre als Idol; wieder Schumann, den ich als Vertreter der obstindustriellen Familie direkt nach der Beerdigung im Jugendzimmer höre, als Idol; wieder Schoenberg, den ich fortan höre, damit keine Woge sich glättet, als Idol; schwarze Ausgehschuhe; eine originalgetreue Kopie von Goethe in der Campagna des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Wohnzimmer des riesigen Anwesens vor den Toren der Stadt Stade; die Mär vom Hebräer und dem Unglück der Unsrigen, regelmäßig dargebracht durch den zu spät geborenen Wendell Breitner als Ereignis; mein Freund Kühn als Idol; die Hochzeitsreise meiner lieben Eltern vor nunmehr fünfundfünfzig Jahren nebst Reisebericht und markierter Wegstrecke als nachgereichtes Ereignis; Stade als Anfang und Ende als Ereignis; mein Freund Kühn als Ereignis; Stade als Ende als Ereignis; mein sozusagen nachgereichtes Gedicht Gebeine als Ereignis und Abschluss zugleich.

Ich will es so denken, denke ich, meine dritte Heimatstadt Frankfurt ist mein letzter Glücksfall, nach dem ersten überwältigenden Glücksfall Stade folgt der zweite sozusagen erbfällige Glücksfall Branitzer Platz, gefolgt vom nunmehr fünf Monate währenden strengen Glück Frankfurts mit der tiefenschönen, welkfleischigen Ute als Krönung des letzten Glücksfalls, sozusagen als Krönung des Wesfalls, wie ich übermütig feststelle, Breitner, sagt Ute irgendwann in irgendeinem Spätsommermoment zwischen Tür und Angel, du hast keine Wahl, du musst fortfahren mit deinem Leben, du musst fortfahren auch wenn du nicht weißt warum, und dann gehen wir zur berühmten Annabell, und Annabell beginnt umgehend mit Joachim, dunkelblau, und ich kaufe es umgehend für einen in jedem Fall angemessenen Preis und hänge es in den Krähwinkel und betrachte es eingehend und sehe nichts, nur die Farbe blau und erkenne mich und warte auf den Winter bis er kommt und kleine Eisplättchen den trüben Main hinuntertreiben unter dem Eisernen Steg hindurch, auf dem Ute und ich stehen mit klobigen Wanderschuhen und einem Mantel in rot, ihre formschönen Hände in seinen, wie ich umherstreifend denke, als Gerken anruft und zur neuen Erreichbarkeit gratuliert und ich seinen Anruf mit den Worten pariere: Gibt es sonst noch etwas, Herr Gerken, ich habe soeben versagt und gehe spazieren und denke nach und höre meinen Herzschlag.

Dass meine Zeit kommen möge, denke ich und spüre eine Erregung zur sogenannten Unzeit und denke an Berlin und die Verkündung des Erbfalls und denke an die erste sogenannte große Sommerreise, die mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren nach einem genau festgelegten Plan von Hamburg nach Capri führt, der unvermeidlichen Sonne entgegen, wie ich, den Eisernen Steg zwischen frierenden Schulklassen überquerend, denke. Dass die Zeit des gährenden Drecks enden möge, denke ich plötzlich, der Stationen Stade, Berlin und Frankfurt gedenkend, dass Johanna leben möge, dass das Glück, wie ich verzweifelt auflachend denke, zu dem kommen möge, der warten kann, dass Ute mit der Bürste die mir Gemäße sei und Kühn mein Freund, wenn ich es will, dass der Tat die Tat entspringe, dass die lieben Eltern noch leben könnten, es aber nicht tun, dass sich Sinn leichter denken ließe, wenn er in Frankfurt wohnt und Stade ein Griechenklo ist. Rot vor Vergnügen und schwitzend vor Angst stehe ich in der Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Frankfurt und denke mit pochendem Herzen und erwäge eine Flucht ins Nichts und bleibe und kehre zurück nach Frankfurt.

 

 

Kapitel 8

Lachen

 

Fünf Monate Frankfurt und Annabell sagt: Wartet. Nur eine Sekunde.

In all unserer Flüchtigkeit und Schwere sind wir da und warten, unsere Herzen schlagen, und das Denken endet nicht. Wir fallen uns in die Arme und winden uns aus ihnen, wir sind unzertrennlich und fortwährend auf der Hut, denke ich, um uns die Stadt, zwischen uns der Fluss. Ute, sage ich eines Tages bittend im Luxushochhausteuerapartment, bleib mir ein Rätsel, du und dein Leben, und Ute sagt lächelnd wenn du es willst, und ich sage, ihren Blick suchend, die Frankfurter sind ehrbare Leute, aber was bin ich, Breitner, das Tier, Stade, Berlin, Frankfurt. Joachim, dunkelblau, hat die kühl-unnahbare, von mir so genannte Annabell die Reine das großformatige Bild genannt, von Ute, wie ich denke und von Anfang an gedacht habe, in unangenehmer, mütterlich-fordernder Weise angetrieben, Ute, denke ich, hat ihre berühmte Tochter für dieses Bild in Öl geradezu eingespannt, um mit Hilfe ihrer berühmten Tochter einen sogenannten Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu erfahren, was es mit Breitner, dem Geheimnisumwitterten, auf sich hat, während ich das überaus eigenwillige Bild vor drei Monaten im grauen Frankfurter Spätherbst kurzerhand für einen überaus angemessenen Preis erworben und goldgerahmt im Luxushochhausteuerapartment, wie mir durch den Kopf ging und immer noch durch den Kopf geht, von Breitnerangesicht zu Breitnerangesicht an einer kahlen, weißen Wand in einem toten Winkel mit Gerkens Hilfe aufgehängt habe, wo es, wie ich mit Ute schweigend in Annabells Atelier verharrend denke, seinen Platz gefunden hat, wie jeder seinen Platz findet, seinen Ort, jeder auf seine Art, Kühn als sogenannter Immobilien-Mogul bei Kühn und Partner, Gerken gefangen lauernd in seinem Schnapsflaschenversteckkabuff, Ute lächelnd mit dem Svevo auf dem Eisernen Steg, Annabell schwebend in immerwährendem Blau, ihrer blauen Phase,wie ich denke, ich wartend in Unstadt mit den Türmen nach der Erbfall-Enklave und Gleichgültigkeitshauptstadt Berlin, nach Stade, die lieben Eltern, wie ich unvermittelt denke, auf dem idyllisch gelegenen Friedhof Geestberg der lieblich-schönen Hansestadt Stade, aus dem Leben gerissen durch feige Menschenhand und nach eingehender polizeilicher Untersuchung verscharrt im Familiengrab nach Anweisung des Sohnes und Einzelkindes Doktor Joachim Breitner, seinerzeit noch Joachim Breitner, wohnhaft im Kreuzberger Dreckloch, späterer Verfasser der Schriften Die Erwartung der Nation in der Soziologie sowie Der Ritualmord. Eine Einführung, wie ich, nunmehr seit einer sogenannten gefühlten Ewigkeit neben Ute wie angewurzelt stehend und Annabell bei der Erstellung von Kunst auf Frankfurter Boden beobachtend, denke. Ich mag die kühle Annabell, die junge, strenge, schwarzgelockte Annabell mit dem stechenden Blick, weil ich Luft für sie bin und Joachim, dunkelblau wie geronnene Luft erscheint, ich umrunde in Gedanken den Branitzer Platz, betrete das Haus mit seinen dreizehn Zimmern, bleibe unschlüssig im ehemaligen Arbeitszimmer stehen, erwäge eine Selbsttötung und verwerfe sie routiniert, verlasse das Haus und begebe mich mit einem Klumpatschkoffer nach Hamburg, um nachzudenken, wie ich tagträumend denke und die Elbe zu sehen und als Matrose Breitner anzuheuern und elbabwärts treibend dem Meer die Ehre zu erweisen. Wir erleben Frankfurt, denke ich, während ich die malende Annabell, die Tochter ihrer Mutter, wie ich denke, betrachte, wir erleben Frankfurt als Schneegestöber inmitten bläulicher Landschaften und fassen den Entschluss zur Flucht aus dem Wartesaalnest. Wollen wir aber dem Drecksgestöber entkommen, sehen wir uns plötzlichem Sonnenschein ausgesetzt und zögern. Erkennen wir bei näherem Hinsehen ein Wiedereinsetzen des Widrigen , das einen neuerlichen Fluchtversuch nahelegt, betrachten wir, schon geschwächt, das schneeschauernde Frankfurt als Naturgewalt, erkennen wir dann die einfache Wahrheit hinter der täuschenden Schneefassade und setzen zum Sprung ins bläuliche Nichts an, so finden wir uns, reinlich aufgelöst, in den Bildern Annabells, denke ich träumend. Dem Fluchttier Goethe gelingt die augenblicklich von mir so bezeichnete Fassaden-, Gestöber- und Sonnenflucht aus Frankfurt, um auf sogenannte neue Gedanken zu kommen und die lieben Eltern hinter sich zu lassen, während ich die lieben Eltern längst hinter mir gelassen habe und mich, den umgekehrten Weg wagend, nach Frankfurt katapultiert habe, um in der international bekannten Fassaden- und Schneegestöberstadt Frankfurt mein Heil zu finden, wie ich plötzlich laut lachend in Annabells Atelier denke. Seit nunmehr zweieinhalb Jahrzehnten versuche ich in der sogenannten Freien und Hansestadt Hamburg zu Beginn meiner jährlichen Sommerfrische mein Heil zu finden, verfüge mich auf den Trafalgar Square in die herrlich auf Abstand bedachte und in sich selbst ruhende Metropole London, um mein Heil zu finden, winde mich angeekelt durch die Pariser Boulevards, nur um irgendwo zwischen dümmlich-dreisten Passanten und Aufschneidern mein Heil zu finden, schlendere über die römische Piazza del Popolo, um in einem Moment der Glückseligkeit mein Heil zu finden und lasse mich in luftiger Höhe auf Capri zwischen malerischen Felsvorsprüngen nieder, einzig und allein um den Sonnenuntergang zu betrachten und auf diese Weise mein Heil zu finden und geläutert den sogenannten geordneten Rückzug zum Branitzer Platz anzutreten und im ehemaligen Arbeitszimmer dem Hausmeister neue Weisungen zur Aufrechterhaltung der Bewohnbarkeit des Hauses zu erteilen und über den Schreibtisch ins sogenannte Freie zu starren und zu warten. Ute mit dem Sommerkleid, denke ich erregt, die tiefenschöne Ute mit dem roten Wintermantel an dunklen Augen, Ute mit dem welken, schönen Fleisch in Breitners Händen, Ute, die mich sofort erkannt hat auf dem berühmten Eisernen Steg bürgerschaftlichen Engagements, wie ich, Kühn ungenau zitierend, denke, Ute Cohn küsst ihre kühle, leuchtend-schöne Tochter Annabell und verlässt mit mir, wie sie es nennt, das Atelier der Blaumeise, und sagt: Durchlaucht zittern ja und ich lüge und sage mir ist kalt, und sie sagt von wegen und ich sage immer dieses Schneegestöber, und Ute sagt weil du im Blau verschwindest, aber du wirst leben mit deinen großen Händen und ich werde untergehen, und dann lachen wir beide. Am Untermainkai küsse ich Utes dunkle Augen und umarme den roten Wintermantel, blau, sage ich starr, ich bin nichts und weiß nichts von dir und Ute sagt du kennst meinen Namen, aber kennen willst du mich nicht, und ich sage ja, es ist sonderbar, alles und Ute sagt ich verzeihe dir. Dann küsse ich ihre Lippen, drehe mich um und gehe, gehe am trüben Main entlang, passiere grüßend Gerken, durchwühle den Klumpatsch und finde die Geschichte Laberkopp von Peter Kröger und freue mich, betrachte das nur aus Blautönen bestehende Joachim, dunkelblau im weißwandigen Krähwinkel des von mir, wie ich denke, eingewohnten Luxushochhausteuerapartments, sitze am Fenster und denke nach, denke an die kühle Annabell die Reine und ihr langes rabenschwarzes Haar, denke an Utes formschöne Hände in meinem schrägen Breitnergesicht, verliebe mich in die Farbe Blau und stelle mir Stade als blaue Stadt vor, als Stadt vor dem Anwesen vor den Toren der Stadt vor dem Untergang, wie ich, das Wesentliche überschlagend, zusammenfasse.

Seit wann nur diese Kopfschmerzen, denke ich, um mich abzulenken, immer diese Kopfschmerzen, gehe ich am Main entlang, habe ich Kopfschmerzen, schleiche ich über den Römerberg, habe ich Kopfschmerzen, betrete ich das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete und geschätzte Museum Judengasse, habe ich Kopfschmerzen, wandere ich in stundenlangen Märschen vom Main die sogenannte Nidda hinauf, setzen augenblicklich unangenehme Kopfschmerzen ein, die mir den Tag verderben, berührt mich Ute in bester Absicht auf meinen Verlangen hin unter der wattierten Winterjacke, muss ich sie, kopfschmerzbedingt, sogleich um den Abbruch jedweder Liebkosung bitten, trinke ich mit Kühn in heruntergekommenen Kaschemmen fragwürdigen sogenannten Äppelwoi in sogenannten Anstaltsmengen, setzt der undefinierbare Kopfschmerz noch vor dem definierbaren ein, nehme ich mir vor, Annabell nach dem Grund ihrer auffälligen Kühle mir gegenüber zu befragen, wird dieses Vorhaben sozusagen schon im Keim durch einsetzende Kopfschmerzen erstickt. Einzig und allein in Gerkens Gegenwart, denke ich, kommt es unter keinen Umständen zu Kopfschmerzen, weshalb ich, wie ich denke, häufig deutlich länger als notwendig eine Unterhaltung mit Gerken vor dem oder sogar im von mir geliebten Schnapsflaschenversteckkabuff führe, um den Zustand der Unmöglichkeit einsetzender Kopfschmerzen auszukosten und dafür Gerkens permanente sogenannte Alkoholausdünstungen, wie man sagt, ergeben in Kauf nehme und ihn sogar unaufgefordert mit sogenanntem Nachschub versorge. Seit Berlin, denke ich, verfolgen mich in unregelmäßigen Abständen sogenannte spontan auftretende Kopfschmerzattacken, während Frankfurt zur Stadt der regelmäßigen und gleichmäßig anschwellenden und abklingenden Kopfschmerzen geworden ist. Das Verfüllen der Lücken zwischen den Kopfschmerzattacken ist die mir verbleibende Lebensaufgabe, denke ich, aufgrund der von mir so genannten Frankfurter Kopfschmerzregelmäßigkeit wächst mir Frankfurt ans Herz. So, wie ich Ute liebe als regelmäßige Verfüllerin der Kopfschmerzlücken, liebe ich Frankfurt als Lückentaktgeber. Die gnädigen Cohns dieser Welt verfüllen die Kopfschmerzlücken der durchlauchtigen Breitners dieser Welt, verallgemeinere ich unzulässig, die Rettung der durchlauchtigen Breitners erfolgt durch die Inanspruchnahme der tiefenschönen Cohns, die Ausbeutung der tiefenschönen Cohns beginnt mit ihrer Inanspruchnahme als Verfüllern breitnerscher Kopfschmerzlücken, die aufgrund ihrer von mir so genannten schönen Regelmäßigkeit in Frankfurt ein geordnetes Zusammenleben erst ermöglichen, wie ich seltsam konzentriert denke, eine sofortige Selbsttötung außer der Reihe erwägend und verwerfend. Die gnädigen Cohns dieser Welt, denke ich und sehe Ute vor meinem sogenannten geistigen Auge auf dem Eisernen Steg von weitem im Svevo lesen und sehe mich mit dem, wie ich denke, armen Schwein Eckermann unter dem Arm heranwanken, die gnädigen Cohns und die durchlauchtigen Breitners mit den großen Händen und den klobigen Wanderschuhen beäugen einander erregt, besprechen das Wesentliche und lassen es sich nicht nehmen, zwei Wolfsbarsche zu verzehren und in einen Kykladenrausch zu verfallen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich sehe wieder Utes rote Bürste über den wunderbaren dunklen Augen, ich sehe die feinen Lippen und formschönen Hände und wittere ein schönes Leben und Ute sagt, vor nunmehr fünf Monaten sagt Ute: Du lügst, Breitner. Haltlos treiben wir durch das All, denke ich geborgen im Luxushochhausteuerapartment und sehe erneut zum Krähwinkel hinüber. Wir fügen uns ins sogenannte Unabänderliche und begehren auf und fügen uns unaufhörlich und treiben haltlos und treiben auf vorgegebenen Bahnen und sagen die Wahrheit und lügen und treiben weiter. Dem Erbfall entgeht nichts, denke ich, plötzlich einen Themenwechsel vollziehend, Frankfurt entgeht nichts, unserem fresssüchtigen Helden Achi-Tier Breitner entgeht nichts, Annabell entgeht nichts, die Mutter erkennt die Lüge, aber der Tochter entgeht nichts, wer den Drecksack malt, bemächtigt sich seiner, Annabell mag mich nicht, aber sie versteht mich, denke ich, wieder Joachim, dunkelblau betrachtend, eine sogenannte Welt dunkler Blautöne, denke ich, aber nirgendwo ist Joachim zu sehen, Erbfalldirektor Tunichtgut Breitner erscheint nicht, ein bloßer Namensgeber, es sei denn, er ist das goldgerahmte Bild selbst, wie ich denke, wie auch Frankfurt, das goldgerahmte Bild selbst ist und sich aus purer Eitelkeit ein paar Türme leistet um von seinem goldgerahmten Nichts abzulenken, während ich in einer sogenannten Welt dunkler Blautöne restlos aufgehe und meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtsein hergestellt sehe. Die berühmte Malerin und Tochter mit den schönen schwarzen Haaren Annabell Cohn, denke ich, hat meine sogenannte Unverwechselbarkeit durch mein Nichtvorhandensein auf dem von mir direkt im Atelier erworbenen Bild Joachim, dunkelblau eindrucksvoll in Szene gesetzt, mein angebliches und gewissermaßen durch und durch wahres, allenfalls in dunklen Blautönen wahrnehmbares Nichtvorhandensein ist allerdings die Zurschaustellung der allergrößten vorstellbaren Lüge, denke ich kopfschmerzend, die sich beschönigend den Namen Wahrheit gegeben hat oder in diesem Fall Joachim, dunkelblau, was zur Minderung meines unendlichen Kontostandes um einen sogenannten gerechten fünfstelligen Betrag geführt hat, wie ich, den sogenannten Kopfschmerzhöhepunkt erreichend, denke. Ute hat mich durchschaut, während Annabell mich verstanden hat, überlege ich erschöpft. Die brave Hansestadt Stade hat mich in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin entlassen, von wo ich noch einmal zurückgekehrt bin, bevor ich, Unpässlichkeit vortäuschend, nicht mehr zurückgekehrt bin, nicht einmal zu den sogenannten Trauerfeierlichkeiten und von Berlin aus nach dem Ausscheiden der lieben Eltern aus dem weltlichen Geschehen das Nötige veranlasst und durchgesetzt habe. Das von mir so genannte klitzekleine Stade ist von mir fortan übersehen und erst durch den neuerlichen Frankfurter Kontakt mit meinem allerletzten guten Bekannten Herwig Kühn in meine Erinnerung zurückgekehrt und nicht wieder in der Versenkung verschwunden, wie Kühn, denke ich, nicht zu Unrecht bei unseren jetzt regelmäßig stattfindenden und von uns so genannten griechisch-orthodoxen Stammtischtreffen mit der ihm eigenen nüchternen Beschaulichkeit festzustellen pflegt. Alle Wege führen aus Stade, denke ich kichernd, das von mir mittlerweile geliebte Luxushochhausteuerapartment mit langen Schritten durchmessend, wer anderen eine Grube gräbt, füge ich hinzu, lasse mich auf dem sogenannten Designsofa nieder und lese im eingesauten Eckermann und denke an Ute und bin erregt und verlasse das sinkende Schiff und stürme lässig grüßend an Gerken vorbei und gerate in Schneegestöber und nehme ein Taxi und fahre zum Hotel mit dem Zimmer im Soundsovielten und nehme es für eine Nacht, weil ich das Geld habe und starre gegen die Decke und erwäge eine Beendigung der Beziehung mit Ute aus humanitären Gründen und verwerfe diesen Gedanken kopfschmerzgeplagt und falle, wie ich verzweifelt denke, in Ungnade mit mir selbst und fürchte die Einsamkeit und wünsche die Einsamkeit und verlasse am Morgen das Zimmer im Soundsovielten und betrete, wie ich gefasst denke, alte, eingelaufene Wege in meiner dritten Heimatstadt Frankfurt und schwanke glücklich und unglücklich durch das Museum Judengasse und kaufe ein Mobiltelefon zum Spottpreis, um das erste Mal seit Stade erreichbar zu sein und teile mit sogenannten Kurzmitteilungen Gerken die Nummer mit und teile Ute die Nummer mit und teile Kühn die Nummer mit und teile sogar Annabell und sogar dem Hausmeister am Branitzer Platz meine von jetzt an immer gültige und durchgehend erreichbare Telefonnummer mit und betrete ein Bordell und versuche erfolglos, dem Geschlechtsakt, wie ich denke, Würde zu verleihen und versage auf sogenannter ganzer Linie und lasse, die Bühne des Theaters Frankfurt, wie ich denke, erneut ziellos durchmessend, die Idole und Ereignisse meiner Jugend an meinem dritten, dem inneren Auge, vorüberziehen, als da waren: der Fluss Elbe als Idol; der Fluss Schwinge als Idol; die Insel Helgoland als Idol; die Tochter der Nachbarin Ilse Grapentin, Johanna Grapentin als Idol; die Ortschaft Cuxhaven als Idol und Hotelstandort für die verdeckten Unternehmungen des von mir später so genannten Obstindustriellen Wendell Breitner, Vater genannt; der mit Billigung seiner Gattin Silke, geborene Grapentin, Mutter genannt und ihrer Schwester Ilse mit der unehelich geborenen Nichte beziehungsweise Tochter , Johanna Grapentin, Cousine genannt, fuhrwerkende Obstindustrielle Wendell Breitner höchstselbst als Idol; ein Gedicht der bekannten Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, namentlich Die Vergeltung als Ereignis; einige Texte des bekannten päderastischen Welt-Schriftstellers Thomas Mann, namentlich Der kleine Herr Friedemann und Tonio Kröger als Ereignis; einige Kompositionen der Komponisten Johann Sebastian Bach, namentlich die Goldbergvariationen, sowie Robert Schumann, namentlich die Kinderszenen, sowie Arnold Schoenberg, ehemals Arnold Schönberg, namentlich die Suite Opus 25, sowie Wendell Breitner, letzterer nach dem Fuhrwerken in Cuxhaven daheim zum Komponieren aufgelegt und obstindustriell komponierend als Ereignis; meine großen Hände bei Kerzenlicht im Jugendzimmer im Anwesen vor den Toren der Stadt als Ereignis; meine liebe Mutter Silke Breitner, geborene Grapentin, in der Moral von der Geschicht' lesend als Idol; große Portionen Essbares, um nicht vom Fleisch zu fallen als Ereignis; die sogenannte Liebe zwischen den Menschen sowie ihrer Dankbarkeit in allen Dingen als Ereignis; ferner das Ereignis der geplanten und erfolgten Selbsttötung der nur wenig älteren Johanna Grapentin im siebzehnten Jahr, weil es an der Zeit war und sie es wollte; das Ereignis einer Klassenfahrt nach Helgoland kurz vor Johannas Selbsttötung, als Johanna mir alles sagt und ich sie und ihr sogenanntes junges Leben soldatisch zum Durchhalten auffordere; wieder Bach, den ich direkt nach Erhalt der sogenannten Todesnachricht höre als Idol; wieder Schumann, den ich als Vertreter der obstindustriellen Familie direkt nach der Beerdigung im Jugendzimmer höre, als Idol; wieder Schoenberg, den ich fortan höre, damit keine Woge sich glättet, als Idol; schwarze Ausgehschuhe; eine originalgetreue Kopie von Goethe in der Campagna des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Wohnzimmer des riesigen Anwesens vor den Toren der Stadt Stade; die Mär vom Hebräer und dem Unglück der Unsrigen, regelmäßig dargebracht durch den zu spät geborenen Wendell Breitner als Ereignis; mein Freund Kühn als Idol; die Hochzeitsreise meiner lieben Eltern vor nunmehr fünfundfünfzig Jahren nebst Reisebericht und markierter Wegstrecke als nachgereichtes Ereignis; Stade als Anfang und Ende als Ereignis; mein Freund Kühn als Ereignis; Stade als Ende als Ereignis; mein sozusagen nachgereichtes Gedicht Gebeine als Ereignis und Abschluss zugleich.

Ich will es so denken, denke ich, meine dritte Heimatstadt Frankfurt ist mein letzter Glücksfall, nach dem ersten überwältigenden Glücksfall Stade folgt der zweite sozusagen erbfällige Glücksfall Branitzer Platz, gefolgt vom nunmehr fünf Monate währenden strengen Glück Frankfurts mit der tiefenschönen, welkfleischigen Ute als Krönung des letzten Glücksfalls, sozusagen als Krönung des Wesfalls, wie ich übermütig feststelle, Breitner, sagt Ute irgendwann in irgendeinem Spätsommermoment zwischen Tür und Angel, du hast keine Wahl, du musst fortfahren mit deinem Leben, du musst fortfahren auch wenn du nicht weißt warum, und dann gehen wir zur berühmten Annabell, und Annabell beginnt umgehend mit Joachim, dunkelblau, und ich kaufe es umgehend für einen in jedem Fall angemessenen Preis und hänge es in den Krähwinkel und betrachte es eingehend und sehe nichts, nur die Farbe blau und erkenne mich und warte auf den Winter bis er kommt und kleine Eisplättchen den trüben Main hinuntertreiben unter dem Eisernen Steg hindurch, auf dem Ute und ich stehen mit klobigen Wanderschuhen und einem Mantel in rot, ihre formschönen Hände in seinen, wie ich umherstreifend denke, als Gerken anruft und zur neuen Erreichbarkeit gratuliert und ich seinen Anruf mit den Worten pariere: Gibt es sonst noch etwas, Herr Gerken, ich habe soeben versagt und gehe spazieren und denke nach und höre meinen Herzschlag.

Dass meine Zeit kommen möge, denke ich und spüre eine Erregung zur sogenannten Unzeit und denke an Berlin und die Verkündung des Erbfalls und denke an die erste sogenannte große Sommerreise, die mich vor nunmehr sechsundzwanzig Jahren nach einem genau festgelegten Plan von Hamburg nach Capri führt, der unvermeidlichen Sonne entgegen, wie ich, den Eisernen Steg zwischen frierenden Schulklassen überquerend, denke. Dass die Zeit des gährenden Drecks enden möge, denke ich plötzlich, der Stationen Stade, Berlin und Frankfurt gedenkend, dass Johanna leben möge, dass das Glück, wie ich verzweifelt auflachend denke, zu dem kommen möge, der warten kann, dass Ute mit der Bürste die mir Gemäße sei und Kühn mein Freund, wenn ich es will, dass der Tat die Tat entspringe, dass die lieben Eltern noch leben könnten, es aber nicht tun, dass sich Sinn leichter denken ließe, wenn er in Frankfurt wohnt und Stade ein Griechenklo ist. Rot vor Vergnügen und schwitzend vor Angst stehe ich in der Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs Frankfurt und denke mit pochendem Herzen und erwäge eine Flucht ins Nichts und bleibe und kehre zurück nach Frankfurt.

 

 

Kapitel 9

Städel

 

In Frankfurt erfahre ich wer ich bin, denke ich mit schwerem Kopf und warte. Dem Tod verdanke ich das Leben, Ute die Liebe. Auf den Stufen des Städels hocken schwarze Vögel und starren auf Fluss und Stadt. Ich sehe Ute von weitem im roten Mantel nahen und freue mich und fürchte mich vor dem Rätsel und warte. Dem Dreck der Dreck und der Schönheit das Wahre. Die Pforten öffnen sich.

Wieder und wieder, denke ich, umrunde ich denkend den Branitzer Platz im fernen, im vergangenen Berlin, um schließlich meinen langen, beschwerlichen Weg zum Scholzplatz anzutreten und bei einsetzender oder völliger Dunkelheit erschöpft zurückzukehren, mit den klobigen Wanderschuhen biege ich in die Kastanienallee ein, die Blicke des Hausmeisters verfolgen mich, die Heerstraße lockt, denke ich amüsiert, auf den Stufen des Städels wartend, einmal, denke ich, werde ich das gleichgültige, das rohe Berlin wiedersehen, ich werde das ehemalige Arbeitszimmer in der Villa am Branitzer Platz betreten, dem Hausmeister neue Anweisungen erteilen und sagen: Es hat keine Eile. Ich werde Ute durch leere Zimmer führen und erregt ihre Hände halten, ich werde sie zitternd um ein sogenanntes Kaddisch bitten und Ute wird sagen: Du spinnst, Breitner. Warum, denke ich, betrete ich Räume ohne Licht und laufe doch durch Stades Gassen, durch die geraden, breiten Straßen Berlins, durch Frankfurts schiefe Wartehallenwege und sehe Ute kommen in ihrem roten Wintermantel, Ute, wie ich sie kenne, mit roter Bürste, mit feinen Lippen, braunen Augen und formschönen Händen? Warum, wird Ute sagen, ich weiß es, stehst du hier und frierst, und ich werde sagen, weil ich auf dich warte neben schwarzen Vögeln in einem Raum ohne Licht bis du da bist , und Ute wird sagen, ich halte das für übertrieben, Breitner, und ich werde sagen Du weißt nichts, Madame Cohn, und Ute wird sagen, lass uns hineingehen, Breitner, dann weiß ich mehr, und ich werde zittern vor Kälte und sagen guter Gedanke, Ute, und schließlich werden wir das Städel betreten und sofort das weltberühmte und mir von sogenannten Kinderbeinen an vertraute Gemälde Goethe in der Campagna sehen, wie ich inmitten von schwarzen, hungrigen Vögeln vor dem Städel denke. Goethe in der Campagna, denke ich, begleitet meine Jugend in Stade, Wendell Breitner, der sehr liebe Wendell, veranlasst als Anbeter des hochverehrten italienvernarrten Geheimrats den von mir später so genannten obstindustriell-idiotischen Abklatsch des Campagna-Bildes, während das Original sich im fernen Frankfurt befindet, und, wie ich, Ute erwartend, denke, seiner sozusagen persönlichen Wieder- beziehungsweise Neuentdeckung durch den Neufrankfurter Doktor Joachim Breitner harrt. Die allergrößte und mir Goethe in nicht geringem Maße verleidende und gleichzeitig näherbringende Lächerlichkeit besteht, wie ich, mit Ute die von mir so genannten heiligen Hallen des Städels betretend, denke, in der wenn auch kunstgeschichtlich weithin erklärbaren, nichtsdestotrotz aber kreuzdämlich wirkenden Angeberpose und Kackstenzhaftigkeit des Campagna-Bildes, in der gockelhaften Zurschaustellung des in einen lupenrein-dämlichen Reisemantel gehüllten Ichs mit dem zur Schau gestellten lächerlichen Makel der zwei linken Füße als Witz, als Rettung vor dem Unerträglichen, wie ich denke. Den schon früh zum Denkmal seiner selbst erstarrten ehemaligen Frankfurtflüchtling und zwischenzeitlichen Weimarflüchtling Goethe, sage ich zur auflachenden Ute während der sogenannten Bildbetrachtung, rettet der linke Fuß am rechten Bein. Tischbein, sage ich, rettet den gockelhaften Goethe durch einen linken Fuß am rechten Bein und rettet ihm damit das Leben, die Lächerlichkeit rettet den Menschen aus dem selbstverschuldeten Schlamassel, der selbstverschuldete Schlamassel wird gewissermaßen entschuldet durch Lächerlichkeit, zwei linke Füße, sage ich der fröhlichen Ute, können beispielsweise einer sogenannten schweren aber auch unbeschwerten Kindheit und Jugend, gefolgt von einem schweren aber auch unbeschwerten berühmten Dasein, die unvermeidliche Schlamasselhaftigkeit nehmen und durch Lächerlichkeit Erlösung herbeiführen. Liebe Ute, sage ich und küsse Ute vor den Augen der Überwachungskameras auf beide Wangen, selbst ein im Zustand großer persönlicher Zerrüttung begangener Mord aus Langeweile wird durch Lächerlichkeit sozusagen der Zahn gezogen, und Ute sagt du hast sie nicht alle, Breitner, als wir uns auf dem Eisernen Steg begegnet sind, habe ich dir die Lüge angesehen, aber die Lächerlichkeit, sagt Ute zögernd und ergänzt: aber nicht die Lächerlichkeit, und dann schweigt sie, und schweigend durchstreifen wir die Säle des Städel und halten uns an den Händen und schweigen und erreichen die, wie ich sie augenblicklich nenne, Katakomben der Moderne, die Räume des kurzen Gedächtnisses, wie Ute melancholisch sagt. Breitner, höre ich sie plötzlich flüstern, du weißt nichts von mir, ich soll dir ein Rätsel bleiben, selbst dein Freund Kühn soll dir ein Rätsel bleiben, wie im Grunde auch Frankfurt dir ein Rätsel bleiben soll, aber was bist du dir, und ich fühle den Drang, in Gerkens Kabuff zu kriechen und saufend zu versinken, ich trinke in Gedanken mit Gerken Flasche um Flasche in gemeinsamer Lächerlichkeit und Erlösung und empfange und begrüße die Bewohner des Luxushochhausteuerapartments mit einem Kopfnicken und schlage in Gedanken mit den klobigen Wanderschuhen vergnügt gegen die Kabuffwand und lobe den Tag und vergebe meinem Schuldiger, wie auch mein Schuldiger mir vergibt und mache Feierabend, wie jeder Feierabend macht und schlafe den sogenannten Schlaf der Gerechten und erwache und gehe erneut ins Kabuff und empfange mich kopfnickend selbst und sage Guten Tag Herr Doktor Breitner und denke mir meinen sogenannten Teil und denke nicht und höre nicht meinen Herzschlag und bin ein sogenannter Rentenaufbesserer in einem Luxushochhausteuerapartment und kenne Leute wie diesen Breitner und kenne sie nicht und trinke und schaue auf meine klobigen Wanderschuhe und wundere mich und küsse Ute, die mir ein Rätsel bleiben soll wie alles. Annabell sagt, sagt Ute, du könntest ein Totschläger sein und deutet auf irgendein Bild, dann auf ein anderes in schneller, irritierender Folge, dann sagt sie mit angelegten Armen und spitzem Zeigefinger: Ich bewundere Ad Reinhardt und die Farbe Schwarz und ich sage etwas Melancholisches wie das Abstrakte ist das Konkrete, und Ute sagt: und Adolf Luther, und ich sage etwas Doppeldeutiges wie das Unsichtbare sichtbar machen, und im selben Moment rufe ich irre lachend in die heiligen Katakomben des Städels: die Adolfs dieser Welt, und Ute sagt Breitner, du bist verrückt und fügt hinzu Annabell irrt sich nie und sogenannte Saalwächter eilen herbei und bitten um Ruhe, und ich sehe Ute an und sage: was soll das sein, ein Totschläger, und Ute sagt ein Idiot, der nach Frankfurt gekommen ist, um dort die Zeit totzuschlagen, und ich frage, Schrecken verbreitend, sind wir im Städel, um deinen Worten zu lauschen und uns zu laben an deinem Humor, und Ute sagt betroffen ich will gehen, und ich sage auftrumpfend das könnte dir so passen, und Ute sagt so reden arme Tröpfe, und dann sagt sie du bist Ödland, Breitner, und ich sage nimm mich mit, sonst verlaufe ich mich, und dann stürzen wir ins Freie, und ich verliere auch diesen Lauf den Main entlang vom sogenannten Holbeinsteg zum sogenannten Eisernen Steg, mein Leben, Scheiß-Breitners Leben, denke ich kurzatmig und niedergeschlagen neben der leichtfüßig hüpfenden und schließlich barmherzig wartenden sehnig-welken Ute, verdichtet sich in Frankfurt zu einem niederschmetternden, von mir so genannten Elendslauf zwischen sogenannten Stegen über trübes Gewässer, eine unglaubliche und kaum zu unterschätzende Verdichtung seines Dreckslebens wird von Scheiß-Breitner in der Stadt seiner Träume durch niederschmetternde Wettläufe mit der Frau seiner Träume erzielt, die Goldbergvariationen, beginne ich meinen mühsam zurechtgelegten Satz und sehe Ute an, die Kinderszenen, vor allem die Kinderszenen, nicht zu vergessen die Suite Opus fünfundzwanzig, was ich sagen will, Stade, sage ich und verstumme und werde wütend, und Ute sagt: nur der kennt dich, der dich stammeln sah, und ich weiß nicht, was ich sage und sage: Sei froh, zu sein was du bist und Ute zögert keine Sekunde und sagt ich bin es, und ich denke an nichts und sage aber ich habe Frankfurt ins Herz geschlossen und Ute sagt, warum gehen wir erst jetzt ins Städel und ich sage ich weiß es nicht und füge hinzu weil ich unter allem leide was mich anstarrt und was ich anstarre, weil ich in allem untergehe, das mich berührt und Ute sagt du bist krank Breitner und ich sage ja, krank am Herzen, wir gehen wankend und immerwährend am Flutsaum des Todes entlang, der ein Flutsaum des Irrsinns ist, denke ich, die Gedrahteten aus Stade erleben vor den Toren der Stadt unter dem anweseneigenen abgeklatschten Tischbein-Bild ihr persönliches und unerwartetes Flutsaum-Inferno durch den von ihnen so genannten verlorenen Sohn und eitlen Dreckslochbewohner Joachim, noch leben sie, aber schon leben sie nicht mehr, noch wird Stade vom Goethe-Anbeter und Linksfußignoranten Wendell und dem ehemaligen musikalischen Weltgewissen, der gewesenden Fachbereichsleiterin und jetzigen obstindustriellen Zuarbeiterin Silke achtbar bewohnt und belagert, wie ich denke, schon trifft geölter Blitz sie aus heiterem Himmel und beendet ihr Sein, noch gedenken die Eheleute guter und schlechter Zeiten, noch scheffeln und hassen und fuhrwerken sie, da sind sie auch schon flutsäumig dem Tode nah, wie ich denke, und geben im nächsten Moment zuckend den obstindustriellen Staffel-Löffel ab und weiter an Achi das Monster, das Tier, den Sohn, der eben noch mordend sozusagen Gewehr bei Fuß steht und schon den Festtag in der urgemütlichen Unterkunft Zur Kogge feiernd begeht. Eben noch lernen wir uns kennen auf dem Eisernen Steg, schon sind wir Ödland und krank am Herzen, sage ich zu Ute, und, sagt Ute gütig, gefangen im Wahnwitz gnädiger Neigung, und dann höre ich Kühns Stimme sagen, Breitner folgt der Schwinge bis zur Elbe und säuft ab, und ich höre Gerken sagen wünsche wohl geruht zu haben, und ich höre Annabell sagen die Farbe blau kennt ihre Pappenheimer, und dann sagt Ute was ist, Breitner, gehen wir zurück ins Städel und ich sage nein, niemals und stampfe mit den klobigen Wanderschuhen auf kalte Frankfurter Erde, das Abstrakte ist das Konkrete, schreie ich, das Unsichtbare wird sichtbar, Tischbein, fahre ich wie von Sinnen fort, ein Lebensretter und Linksfußfetischist und mein Freund, Tischbein ist mein Freund, sage ich, gefasster, aber ich werde nie wieder das Städel betreten, weil ich das Städel nicht ertrage, weil ich den Blick des Städels nicht ertrage, weil ich nichts ertrage, was mich anstarrt und was ich anstarren muss, weil ich in Frankfurt überleben will, weil Frankfurt meine Zuflucht ist und bleiben soll, weil ich -, und die tiefenschöne Ute mit den formschönen Händen unterbricht mich unschön und sagt schon gut, Breitner. Ich glaube den Menschen, wenn sie sagen, dass sie es satt haben, dass sie mich satt haben, denke ich, ich versuche Ute zu küssen, und Ute dreht sich weg und sagt du hast getrunken, Joachim Breitner, und ich küsse ins Leere, Ute Cohn, sage ich, seit wann stört es dich, wenn ich trinke, plötzlich stört dich meine Trunkenheit, trinkend erfreue ich mich seit Monaten deiner, sage ich, den Eckermann in der Hand trinke ich und erfreue mich deiner, sage ich, dich und den Svevo in deinen Händen schon von Weitem erspähend erfreue ich mich trinkend deiner, aber plötzlich erkennst du rügend meine Trunkenheit, sage ich bitter, vor mehr als sechsundzwanzig Jahren, sage ich, trinke ich einige Gläschen in der Hamburger Unterkunft Zur Kogge und besteige einen Zug nach Stade an der Schwinge, betrete unangemeldet ein großes Anwesen vor den Toren der Stadt

und mache das dort ansässige Ehepaar drahtschlingend sozusagen dem Erdboden gleich und führe die zu spät Geborenen, wenn auch frühzeitig, ihrer sogenannten natürlichen Bestimmung zu und schleife sie, sage ich, unter das Tischbein-Bild und dekoriere den ehemals schwippnichtenfickenden Mann mit dem West-Östlichen Divan und dem Eckermann und die musikliebhabende Frau mit einer Auswahl herrlicher Schallplatten mit eingeritzten herrlichen Kompositionen der Herren Schumann und Bach sowie etwas herrlich Atonalem aus hebräischem Hause schlechthin und spreche die Worte: Na, also, es geht doch und verlasse das Obstindustriellenparadies und nehme in der Kogge einige weitere Gläschen und besuche in Feierlaune die sogenannte Herbertstraße und versage kläglich und fahre heim in die ehemalige Reichshauptstadt Berlin und warte und empfange die schmerzliche Nachricht im Kreuzberger Drecksloch. Es ist die Wahrheit, sage ich der ungläubig dreinschauenden Ute, während ich noch dem lieben Eltern- und Ehepaar Breitner die obstindustriellen Hälse malträtiere, auf das Stade sich vom weitverzweigten Breitnerschen Tun verabschiede und genesen möge, sehe ich mit großer Freude schon der sogenannten Zeit danach entgegen und übergebe mich vor den Augen der Mitteilung machenden Polizeibeamten auf der Dreckslochtoilette, um auf diese Weise meinen Schmerz unter Beweis zu stellen, was, wie ich sagen muss, sage ich zu Ute, voll und ganz gelingt und fortfolgend einerseits bis heute gelingt und mich andererseits bis nach Frankfurt ins Luxushochhausteuerapartment und in deine Arme treibt ohne, wie gesagt wird, Aussicht auf Heilung und ohne Aussöhnung mit dem zielstrebig Vollzogenen und Erreichten und Ute sagt du spinnst, Breitner, und ich sage natürlich, aber ohne Abstriche entspricht das Gesagte der Wahrheit, das elterliche Gewürm, sage ich, das liebe schwippnichten- also cousinenfickende, hebräerhassende, geheimratverehrende musikalische Gewürm und seine als sogenannte Gewürmrepräsentanten zu bezeichnenden Wendell Breitner und seine ergebene Ehefrau Silke, geborene Grapentin, Zuarbeiterin ohne eigenen Geschäftsbereich und Lebenswillen, ist durch kurzes aber nachhaltiges Wirken der Brut vor nunmehr gut sechsundzwanzig, bald siebenundzwanzig Jahren von der Erde verscheucht und somit erdbestattet seinerseits Opfer von Gewürm geworden, dem ewigen natürlichen Kreislauf entsprechend, sage ich der entsetzten Ute und verzettele mich heillos und mache sozusagen alles schlimmer, indem ich sage: Immerzu wähle ich und erwäge und verwerfe und probe die großen Dinge, bis Ute sagt es ist genug, ich gehe, Breitner, und ich hinterherschaue, nämlich einem roten Mantel, einer roten Bürste, braunen Augen und formschönen Händen und rufe: Tiefenschöne Ute der Cohns dieser Welt verlässt geständigen Drecksack der Breitners dieser hingehauchten Welt und löst sich in Luft auf, und Ute fort ist, und ich sie überall suche und durchs Gutleutviertel streife und am Bahnhof suche und am Mainufer suche und suche zwischen den Türmen und suche auf der nervigen, dummen Zeil und laufe und sie nicht finde und sie anzurufen versuche und sie nicht erreiche und Kühn anrufe und ihn nicht erreiche und Annabell zu erreichen versuche und sie nicht erreiche und Gerken anrufen will in seinem Kabuff und niemanden erreiche und das sogenannte Mobiltelefon wütend vom Eisernen Steg in den trüben Main werfe und das Städel mit dem bösen Blick verfluche und die Wartehalle und Zufluchtsstätte und von mir so genannte Wahrheitsmetropole Frankfurt verfluche und eine Übersiedlung nach Capri erwäge und verwerfe und unter fürchterlichen Kopfschmerzattacken eine sogenannte Umkehrung meines Daseins von Frankfurt über Berlin nach Stade erwäge und verwerfe und die Schwinge rückwärts gehe und als eingenistetes Zellenmonster auf einer lächerlichen Bildungshochzeitsreise, die von Scheiß-Capri-Rom-Paris-London bis nach Stade führt, ende. Alle Wege führen nach Stade, denke ich, alle Wege führen aus Stade hinaus, alle Wege führen zur Erwartung der Nation in der von allen hochgelobten und als notwendig erachteten Soziologie und aus ihr heraus, denke ich kopfschüttelnd, alle Wege führen zum nervenaufpeitschenden und nervenberuhigenden Ritualmord und durch ihn hindurch und aus ihm heraus in ein dann sogenanntes Leben ohne Sünde im Schweiße des Angesichtes, denke ich, alle Wege führen zur Abtötung der lieben, geehrten Damen und Herren Eltern und ihrer Zerwurmung und Verrottung auf dem schön gelegenen Friedhof Geestberg und nicht etwa auf dem ebenso schönen Schwippnichten- und somit Cousinen-Friedhof Campe. Durch den von langer Hand verbauten und weithin überbewerteten Stadtteil Sachsenhausen streifend, stelle ich mir die wunderbare und berühmte Annabell die Reine mit den tiefschwarzen Haaren und dem klaren Blick vor und kaure in Gedanken zu ihren Füssen und atme schwer und sehe Joachim, dunkelblau entstehen und vereinige mich mit Annabell der Reinen und versage nicht, das erste Mal im Leben versage ich nicht und sage es in Gedanken Kühn und sage es Gerken und sage es Ute, wenn ich sie finde, und sage es dem Hausmeister vom Branitzer Platz und bestelle ein neues Eingangsportal mit, sagen wir, einem Satz dorischer Säulen für Berlin, wie ich denke, und schimmelfreie, reißfeste Tapeten für dreizehn Villenzimmer und sehe mich am Fenster des Luxushochhausteuerapartments stehen und sehe mich auf Frankfurt schauen und höre mich Dinge sagen wie mein ist die Stadt und wem Gott will rechte Gunst erweisen. Ich, denke ich plötzlich zuversichtlich, Freund der schlechthin Verfolgten und Gemordeten und ihrer Nachfahren, weiß, wo ich Ute zu finden habe und überquere den Römerberg und erreiche den sogenannten Neuen Börneplatz und versuche wie jedes Mal alle Namen der Frankfurter Deportierten und Gemordeten zu lesen, und scheitere kläglich wie jedes Mal und warte auf Ute die Barmherzige, die fertig ist mit Breitner aus der Sippe der Breitners dieser Welt, Ute, von der ich nichts weiß, die nicht kommt, solange ich auch warte, bis ich schließlich vergehen will und nicht vergehe und weiterlebe weil ich weiterlebe und einen Riesen-Wolfsbarsch mit Kykladenwein hinunterspüle und ein Kataifi Ekmek verspeise und nachdenke und sekundenlang glücklich bin. Den lieben von mir vor nunmehr gut sechsundzwanzig Jahren nach reiflicher Überlegung gedrahteten lieben Eltern, denke ich plötzlich, begeistert einen weiteren Kykladenwein bestellend, verdanke ich die intim zu nennende und bis in abgrundtiefe Details hinabreichende Kenntnis großer sogenannter Weltstädte und der mondänen süditalienischen von mir so genannten Weltfelseninsel Capri und ein Leben in Demut und Dankbarkeit. Während ich Hamburg und London achte und Paris verabscheue, gilt meine sogenannte große Liebe, wie ich reiselustig und reisefertig bekenne, der sogenannten Ewigen Stadt und ihrem in Freude und Leid ertragenen ewigen Leben. Dem Verlust der Gefährtin muss mit der Flucht aus der Übergangslösung Frankfurt in die zu Recht so genannte Ewige Stadt entschlossen entgegengetreten werden, denke ich kämpferisch und spüre meinen Herzschlag, die Wartehalle Frankfurt ist mein Untergang, die Ex-Bibliothekarin und tiefenschöne Svevo-Leserin Cohn ist mein Untergang, selbst Altfreund Kühn von Kühn und Partner ist mein Untergang, der trübe und spinnerte Rinnsaal Main ist mein Untergang, die Fortexistenz des Verdrahters und ehemaligen Ausgehschuhaspiranten Breitner ist mein Untergang, aber Rom könnte meine Rettung sein, in Rom sterben heißt ewig leben, denke ich und will sofort aufbrechen, und stehe auf und singe ohne zu stocken zum Abschied von Frankfurt die schönste Romgeschichte des verwegenen Stader Schriftstellers und Jugendsünders und bekennenden Thomas-Bernhard-Bewunderers und Goethe-Respektierers und wahrhaftigen Italienkenners und Ritualsoziologen Ror Honka alias Joachim Breitner, später Doktor Joachim Breitner fehlerfrei-atonal über die zitternden Edelgriechentische:

 

Wir sitzen auf einem Balkon


Wir sitzen auf einem Balkon in Rom in der Via dei Cavalleggeri und Kühn sagt, es ist sinnlos zu bleiben und zwar aus ganz verschiedenen Gründen, als da wären erstens unsere mangelnden Italienischkenntnisse, zweitens die große Hitze und drittens unsere Streitereien über Haffner. Früher haben wir mit Haffner gestritten, aber Haffner ist nicht mehr dabei, und darum haben Kühn und ich uns auf Rom geeinigt, weil Haffner Rom gehasst hat und wir mit Rücksicht auf ihn im letzten Jahr nach Regensburg und im vorletzten nach Bonn gefahren sind und jetzt erst nach Rom, obwohl Kühn und ich nicht gläubig sind, schon gar nicht katholisch, aber Haffner war gläubig, trotzdem hat er Rom gehasst.
Kühn sagt, es steht und fällt alles mit der Beherrschung der Landessprache, im Grunde ist es ihre Nichtbeherrschung, die uns Rom verdorben hat, neben der sengenden Hitze natürlich, der wir nördlich der Alpen glücklicherweise nicht ausgesetzt sind, oder nur gelegentlich für einige Tage, aber doch nicht über den ganzen Sommer hinweg. Aber die Sprache, sagt Kühn und wiederholt sich, ist das A und O, und sei es nur, um einem flüchtenden Taschendieb eine angemessene Verwünschung hinterherzuschreien. Ach du mit deinen Verwünschungen, sage ich und sehe, wie Kühn in seinem Sprachführer blättert, vielleicht auf der Suche nach Geeignetem, um Taschendiebe zu verwünschen oder einfach nur zu beeindrucken, er will sie beeindrucken, denke ich, Kühn ist verrückt, dabei sollte er froh sein, dass seine gestohlene Brieftasche nur wenig Geld enthielt, keinen Ausweis und keine Karten. Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage, dass selbst einem gestandenen Italiener oder einer gescheiten Italienerin unter Umständen keine Verwünschung einfällt gegenüber einem flüchtenden Taschendieb und dass wir wissen, wie wir im Restaurant ein Essen bestellen und nach dem Weg fragen können, soweit reicht unser Italienisch. Nur Haffner, sage ich zu Kühn, hätte ohne mit der Wimper zu zucken eine Bemerkung gemacht, die vielleicht nicht den Dieb erreicht aber auf jeden Fall den Umstehenden am Campo dei Fiori gefallen hätte, denn Haffner hat, wie wir beide wissen, mehrere Sprachen gesprochen und die italienische gehörte dazu.
Trotzdem, sagt Kühn, war Haffner ein unverbesserlicher Arroganzling, obwohl er es nicht nötig gehabt hätte, aber wer weiß, was Haffner nötig hatte. Seine Neigung, dem Anderen über den Mund zu fahren, störte gewaltig, mir ist sie jedenfalls gehörig auf den Wecker gegangen, das Gerede vom anständigen Gebrauch der Muttersprache als Grundlage für das Erlernen von Fremdsprachen war immer eine große Irreführung gewesen, natürlich als Einschüchterung gemeint, die Andere davon abhalten sollte, in seinen Jagdgründen zu wildern. Du weißt, sagt Kühn und schaut mich prüfend an, ich habe Haffner für einen Idioten gehalten, einen Aufschneider, allerdings auch für einen Scharlatan mit großen Talenten. Er kann mich mal, sage ich heute rückblickend, aber ich sage auch, die Trostlosigkeit seines Abgangs war enorm, ein Abgang, der mich stärker erschüttert hat, als der Tod meiner Frau.
Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage Kühn, bitte, und dann schenke ich viel zu warmen Rotwein nach, während die Hitze noch unerträglicher zu werden scheint, obwohl sie den ganzen Tag schon unerträglich ist, und unten auf der Straße schlagen zwei Jugendliche aufeinander ein, zunächst sieht es wie ein harmloses Gerangel aus, aber dann fliegen die Fäuste, und ich frage Kühn, ob man eingreifen soll, und Kühn sagt, du bist verrückt, lass sie sich prügeln, oder willst du auch noch Dresche beziehen. Beide schauen wir auf die gegenüberliegende Hausfassade, wo alle Fensterläden geschlossen und die Balkone verwaist sind, immer diese verwaisten Balkone, sage ich, niemand sitzt auf ihnen, weil es zu heiß ist, eigentlich sind Balkone überflüssiger Schnickschnack, nie kann man auf ihnen sitzen, nur wir betreiben solch einen Unsinn, daran erkennt man sofort den Touristen, dass er keinen Unsinn unterlässt, sondern im Gegenteil exzessiv Unsinniges tut, und dazu gehört das Hocken auf Balkonen zur Unzeit, denn um eine sogenannte Unzeit handelt es sich allemal, einem Römer käme es nicht in den Sinn, sich in der Nachmittagssonne auf dem Balkon rösten zu lassen. Unsere lieben Jugendlichen sind übrigens fort. Siehst du, sagt Kühn.
Ich will Wasser holen und sage Kühn, ich glaube, etwas Wasser würde uns guttun, klares, kaltes Wasser, aber Kühn sagt, was willst du mit Wasser, das wirft uns zurück, viel wichtiger ist es, die Abreise zu regeln und alles zu besprechen, und du denkst an Wasser, aus der Leitung ist es ohnehin von minderer Qualität, der Wein wird ohnehin nicht reichen, zumindest leidet er, wenn wir ihn verwässern, was glaubst du, was dein lieber Haffner zu diesem Frevel gesagt hätte, trinkt Wasser oder Wein, hätte er gesagt, aber vermengt um Gottes Willen nicht alles wahllos miteinander, zum Schluss habt ihr gar nichts, keinen richtigen Rausch, aber nüchtern wäret ihr auch nicht, nur von einer niederschmetternden Labbrigkeit erfüllt, bestimmt hätte Haffner Labbrigkeit gesagt, so Kühn, trotz seiner angeblichen Sprachverliebtheit wäre ihm nichts Besseres eingefallen.
Ich bin also sitzen geblieben und habe kein Wasser aus der Küche unserer Wohnung geholt, um Kühn nicht zu erzürnen. Meinen Gemütszustand erkennt Kühn sofort, als ich, nur um etwas zu sagen, auf Rom zu sprechen komme und seine stillen Orte, und ich schwärme von den ruhigen Plätzen Trasteveres, vom Blick über die Stadt auf der Piazza Garibaldi , den Verkehrslärm übergehe ich, das Gedränge übergehe ich, den Nepp übergehe ich, die Hitze übergehe ich, soweit sie auf unserem Balkon übergangen werden kann, aber Kühn schlägt mit seiner Rechten auf die steinerne Brüstung, die ganze Konstruktion zittert, und ich beende vorzeitig meinen Vortrag über die schönen Seiten Roms.


Gleich wird Kühn wieder mit dem Thema Abreise anfangen, denke ich, Rom und Abreise, das scheinen für ihn mittlerweile Synonyme zu sein, es scheint kein Halten zu geben, obwohl die Wohnung für insgesamt zehn Tage, also noch für weitere sechs Tage, bezahlt ist und wir bislang weder die Vatikanischen Museen, den Palatin oder die Via Appia gesehen, geschweige denn einen Ausflug nach Ostia oder Frascati unternommen haben, also uns weder ein abschließendes noch ein vorläufiges Urteil über Rom bilden können, aber das interessiert Kühn gar nicht, er will weg, ohne Rücksicht auf den finanziellen Verlust möchte er die Stadt verlassen, sicher könnte ich allein hierbleiben, aber diese Reise, dieser Aufenthalt ist unser gemeinsames Projekt gewesen, das Produkt einer langen Vorbereitung und das erste Projekt ohne Haffner, der von Rom immer nur in abschätziger Weise gesprochen hat, gegen Ende mit Kraftausdrücken der unfeinsten Art, wie wir sie von Haffner noch nie gehört hatten und zwar zu dem Zeitpunkt, als Haffner befürchten musste, dass wir uns per Mehrheitsbeschluss für eine gemeinsame Romreise aussprechen würden. Haffner sagte noch kurz bevor wir nach Regensburg fuhren, Rom sei eine einzige Jauchegrube und der Petersplatz zum bewachten Freilufttheater für Eventgläubige verkommen, die in fein herausgeputzten Kolonnaden und in einer hässlichen Trutzburg namens Petersdom Antworten zu finden glaubten, für die sie nicht mal die Fragen wüssten. Erst im Verlauf unserer Regensburg-Freizeit, wie er es nannte, so wie er unseren Ausflug nach Bonn im Jahr zuvor Bonn-Freuden genannt hatte, erst in Regensburg also, war es Haffner möglich gewesen, sich wieder zu beruhigen und keine weiteren Romschmähungen auszusprechen. Sogar Kühns Auslassungen, Haffner sei ein Möchtegernpurist, ein Spielverderber und intellektueller Halsabschneider, nahm der Gescholtene amüsiert und, wie mir schien, auch mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis, was Kühn wiederum zu der Bemerkung veranlasste, bei Haffner sei eben Hopfen und Malz verloren und Besserung nicht zu erwarten, man müsse wohl, bis ans Ende seiner Tage, Haffner gewähren lassen, und nein, man werde nie nach Rom fahren, nicht mit Haffner jedenfalls, obwohl er es sei, der durch seine Kenntnis des Italienischen die Stadt und das Land und mit seinem Katholizismus sogar den Erdkreis, so Kühn in Regensburg, für alle Teilnehmer einer solchen Expedition zugänglich machen könne.
Wir sitzen auf dem Balkon, und Kühn sagt, morgen reisen wir ab, meinetwegen können wir nach Florenz oder Neapel fahren, ich hätte auch nichts gegen Siena oder Verona einzuwenden, überall ist es heiß, schließlich sind wir in Italien, sagt Kühn, alles ähnelt sich, wirst du sagen, wir verstehen auch in Siena kein Wort, es liegt an Haffner, er ist schuld, wirst du sagen, ich ahne es, sag was du willst, aber in Rom bleiben wir nicht.
Ich sehe Kühns hochroten Kopf und bemerke wieder die prügelnden Jugendlichen, einander belauernd, blutend und erschöpft, Grimassen schneidend, die Hemden zerrissen, ratlos. Warum, sagt Kühn, der zu lallen begonnen hat, dreht sich alles um Dinge, die einem zum Hals heraushängen, warum immer wieder Haffner, Haffner ist die negative Bezugsgröße, habe ich das schön gesagt, ich habe einen Sonnenbrand, der sich sehen lassen kann, wenn es so weitergeht, wird es ein Sonnenstich, dann wird es eben ein Sonnenstich, aber das beantwortet natürlich die Frage nicht, warum Haffner, ich mache mich lächerlich, und du denkst dir, sagt Kühn mit blutunterlaufenen Augen und schaut auf einen Punkt irgendwo zwischen mir und der Weinflasche, du denkst dir, er dreht durch, er hat diesen Haffner-Tick, Kühn ist am Ende, genau das ist es, was du denkst, dabei bist du selbst ein wenig wie Haffner, nämlich den einen Schritt voraus, aber du bist kein Purist, kein hochherziger Mensch, gut, der Wein tut seine Wirkung, ich weiß, sagt Kühn, aber warum dieses dauernde Haffner hier, Haffner dort, warum zum Beispiel nicht Irene hier, Irene dort, es ekelt mich an, Irene und Haffner sind tot, morgen ist es ein Jahr, ein volles Jahr, und alles dreht sich um Haffner, um Irene dreht sich nichts, davor erschrecke ich zutiefst, du magst es glauben oder nicht, aber ich erschrecke, warum sind wir am Ende hier, du siehst aus, als wüsstest du es, Haffner hätte geschwiegen, in einem solchen Moment hätte er geschwiegen, aber du wirst es sagen, sagt Kühn.
Sie sind direkt unter uns, sage ich, deshalb sieht man sie nicht. Man denkt, sie sind weg, aber sie sind direkt unter uns und vermutlich schlagen sie sich, aber vielleicht sind ihre Energien auch endgültig erschöpft, eben sah es so aus, als könnte ebenso gut alles im Sande verlaufen. Manchmal lösen sich Probleme einfach von selbst, sie lösen sich auf, keiner weiß warum, das ist Italien, in unseren nördlichen Breiten sind derlei Erscheinungen unbekannt, alles müssen wir aktiv angehen, schau uns beide an, auch was wir nicht wissen beantworten wir.
Du wirst es sagen, wiederholt Kühn und fixiert mich. Ich werde es dir sagen, antworte ich, aber du wirst es nicht hören wollen, wie du alles verwirfst, was andere über Haffner, und, man muss hinzufügen, was andere über dich und Haffner, und dich und Haffner und Irene sagen, es beginnt schon damit, dass du nicht hören willst, warum wir am Ende hier sind, sage ich, aber ich werde es dir sagen, auch wenn mir jetzt nach einem Schluck Wasser wäre, es ist nur ein kurzer Sprung in die Küche, eine Karaffe Wasser täte uns beiden gut, du und dein Zurückwerfen, es ist Haffner, der uns zurückwirft.
Wasser, brüllt Kühn plötzlich, und ein Speicheltropfen trifft meinen Handrücken auf dem Balkontisch, zum Teufel mit klarem, kaltem Wasser, wen interessiert das blöde Wasser, morgen reisen wir ab, Rom, eine Zumutung, eine Fehlentscheidung, so muss man es nennen, Kriminalität, Hitze, Raufereien auf der Straße, aber entschuldige, du wolltest etwas sagen, grad wolltest du ansetzen, schon falle ich dir ins Wort, ich beruhige mich, ich kann mich beruhigen, du wolltest etwas sagen, sag es, sagt Kühn.


Es ist ein Desaster, wir auf diesem Balkon, wir Übriggebliebenen, denke ich, wir sind das, was von Haffner übrig geblieben ist. Benebelt vom Wein und ohne eine Vorstellung, was zu tun ist, betrachte ich erst meine flache rechte Hand auf dem Tisch und dann den mutlosen Kühn und sein hochrotes Gesicht mit der salzverkrusteten Stirn, die zu kleinen Schlitzen verengten Augen, die herabhängenden Arme und höre seinen keuchenden Atem, der nicht langsamer wird, nicht schneller. Also, sage ich, warum wir hier sind.
Haffner hat Rom geliebt, und du weißt es, sage ich. Mir hat er es anvertraut und es kann auch dir nicht verborgen geblieben sein, aber Rom wollte er für sich allein, es ist ihm gelungen, Bonn und Regensburg seien römisch genug, das waren seine Worte vor ziemlich genau einem Jahr, natürlich meinte er, römisch genug für uns, Kühn, so hart das klingt, aber man muss Haffner recht geben, Haffner war ein harter Knochen, zu hart für uns beide, außerdem war er mein Freund, deiner war er auch, vielleicht möchtest du es jetzt leugnen, vielleicht weißt du es wirklich nicht mehr, was schwerer wiegt, magst du entscheiden, du entscheidest, sage ich. Trotzdem möchte ich vom Freund Haffner sprechen, ein schwieriger Freund, aber das bist du auch, Kühn, das bin ich auch. Und Rom, Rom wollte er für sich, ganz für sich, meines Wissens hat er es mit niemandem geteilt, und wenn er von der Jauchegrube gesprochen hat, von Eventgläubigen und all diesem Unsinn, dann wollte er uns fernhalten, einmal sagte er zu mir, es gäbe keinen besseren Ort auf der Welt als das Pantheon, im Pantheon fühle er sich in der Mitte der Welt und im weitesten Sinne aufgehoben. So spricht kein Romhasser, aber uns wollte er nicht dabeihaben, wir aber wollten bei Haffner sein, hier in Rom, aber erst in der Nachhaffnerzeit ist es möglich, die Eventgläubigen sind wir, Kühn, sage ich, wir sind zu Haffner gepilgert, und jetzt willst du fort und weißt nicht wohin. Irene hat es auch nicht gewusst, deine Frau war Haffner verfallen,